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Full text of "Geschichte der Physik, Vorlesungen"

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i 



GESCHICHTE 



DER 



PHYSIK 



VON 



J. C. POeCtENDORFF. 






GESCHICHTE 



PHYSIK. 



VORLESUNGEN 

GKHALTEN AN DBR UNIVERSITÄT ZU BERLIN 



J. C. POGGENDOEPP. 




LEIPZIG, 1879. 

TXBLAO TON JOHANN AHBROBIUB BARTH. 



;<^P. 



ISO. 



Vorwort- 



Der Terewigie Poggendorff hat viele Jahre hindurch 
an der fierliner Universität Vorlesungen Aber die Geschichte 
der Physik gehalten, deren Ver5£fentlichuDg oft gewünscht 
und aadli bei ihm beantragt wurde. Er pflegte jedoch 
dinuif zu erwiedem, dass es ihm an Zeit fehle seine Auf- 
zeidinongen so zu vervollständigen und kritisch zu sichten, 
wie es seiner Meinung nach für den Druck erforderlich 
seL Andererseits aber war er unablässig bemüht, seine 
Ausarbeitung zu den Vorträgen aus allen ihm zugehenden 
Quellen zu ergänzen, und jeden Fortschritt sowie jedes 
Verdienst zur gebührenden Anerkennung zu bringen. 

Das von ihm Unterlassene Manuslbript enthält die 
Geschichte der Physik von ihren ersten Anf&ngen bis zum 
Begmn des gegenwärtigen Jahrhunderts, und behandelt 
Wunders eingehend die wichtige Periode seit Eopemikus, 
i& welcher der feste Grund gelegt wurde, auf welchem 
unsere heutige Naturlehre erbaut ist. Das reiche Material, 
welches mit grolser Sachkenntnils in dieser Schrift ver- 
wertfaet ist, lä&t annehmen, dafis dieselbe bei allen Freunden 
und Förderern der in Rede stehenden Wissenschaft eine 
wohlwollende Aufnahme finden, und sich dadurch ihre 



Herausgabe auch in dem vorliegenden Umfang rechtfertigen 
werde. Es sind bei derselben sowohl Inhalt wie Anordnung^ 
des Manuskripts im Wesentlichen unverändert gelassen, auch 
der Wortlaut ist soweit beibehalten, als es die Einfügung 
der Zusätze nur irgend ziiliefs, welche der Verfasser im 
Lauf der Jahre nachzutragen fbr zweckmäfsig befunden 
hatte. Es kam hauptsächlich darauf an nur Poggen- 
dorffs Arbeit zu geben, und den Geist seiner Geschichts- 
schreibung, sowie die Form seines klaren und ansprechen- 
den Vortrags, dem Werke treu zu bewahren. 

Das ausfilhrliche Register am Schluls wird die schnelle 
Auffindung der besprochenen Namen und Thatsachen er- 
leichtem. 

im Nov. 1878. 

W. Barentin. 



Inhalts - üebersicht. 



<>W^' W~Si'^ • '^ 



8«tt« 

Einleitiuig 1 

Erster Zeitranm. 
Leiitiiiigen der Alten 8 

Zweiter Zeitranm. 

L AnMscke Periode 56 

n. Snrop&ifiche Periode 80 

UniTergit&ten 81. Schiefspolyer 86. 

Vienehntes Jahrhundert 96 

Kompab 98. 

Funfzehntee Jahrhundert 112 

Leonardo da Vinci 113. Nikolaus de Cnsa 114. 

Sechszehntes Jahrhundert 119 

Kopemikns 137. Tjcho 148. Eeppler 153. 

Dritter Zeitraum. 

L Itshemsche Periode 204 

Galilei 204. Accademia del Cimento 350. 

D. Newton'sche Periode 417 

Boyal Society 457. Pariser Akademie 460. 
Sternwarten 464. Dampfmaschinen 525. 
Hooke 558. Hnjghens 589. Newton 657. 

Gestalt der Erde 623. 754 

Akustik 792 

Kektridttt ... 828 



' •<. 



♦/ 



»■« 



GESCHICHTE 



DER 



PHYSIK 



VON 



J. C. PO€l«ENDOBFF. 



\ : 



6 EinleituDg. 

Mit ihm und wesentlich durch ihn beginnt die ächte 
Naturforschung, die Forschung an der Hand des Experi- 
mentes und der mathematischen Analyse, welche, zunächst 
auf die mechanischen und optischen Zweige der Wissen- 
schaft angewandt, diese in relativ kurzer Zeit zu einer 
Höhe bringt, welche in Hayghens und Newton ihren Gipfel- 
punkt erreicht. 

Auch in diesem Zeitraum lassen sich zwei bestimmt 
markirte Perioden unterscheiden. 

Die erste beginnt gegen Ende des XVI. und geht bis 
an^s zweite Drittel des XVII. Jahrhunderts, der Zeit des 
sichtlichen Verfalls der Wissenschaft in Italien. Man kann 
diese Periode nicht mit Unrecht die italiänische nennen, 
da sie in überwiegendem Maise, wiewohl nicht ausschliels- 
lieh, durch die Leistungen Galilefs und seiner Schüler 
ausgefüllt wird. 

An sie schlieist sich unmittelbar die zweite, worin die 
übrigen Nationen Europa^s anfangen regeren Antheil aa 
der Fortbildung der Physik zu nehmen, namentlich die 
Engländer und Franzosen, die von nun an den Italiänem 
das Scepter der Wissenschaft entreifsen, und lange Zeit 
fast unumschränkt in Händen tragen. 

Die Stiftung der Königlichen Gesellschaft zu London 
1662, und die der Akademie der Wissenschaften zu Paris 
1666 können als bestimmte Momente des Anfangs dieser 
Periode angesehen werden. 

Der ganze Zeitraum umfaist etwa 150 Jahre, reicht 
bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts, wo nach und 
nach der dominirende Einfluss der Newton'schen Schule zu 
sinken beginnt. 

Der vierte und letzte Zeitraum, der bis auf unsere 
Tage hinabreicht, nimmt seinen unscheinbaren Anfang kurz 
nach dem Schlufs des dritten, ohne zunächst durch einen 
grofsen Namen oder durch eine bedeutende Entdeckung 
bezeichnet zu sein. 

Allein im Laufe weniger Decennien tritt seine Rich- 
tung und sein Charakter sehr deutlich hervor. Wenn bis 



EinleitaDg. 7 

dahin im Ganzen nur die von den Alten gegründeten 
Lehren (Mechanik und Optik) weiter ausgebildet und ihrer 
Vollkommenheit entgegen geführt wurden, — so dass man 
in gewisser Beziehung nicht Unrecht hätte, Newton als den 
Schlulsstein der alten Physik anzusehen — so werden nun. 
allmählich ganz neue Gebiete aufgeschlossen, die Gebiete der 
Elektricität, des Magnetismus und der Chemie, und es wird 
dadurch der Wissenschaft ein Reichthmn von Thatsachen 
und Erscheinungen zugeführt, welche ihr, nach den ver- 
schiedensten Richtungen hin verfolgt, einen früher gar 
nicht geahnten Umfang und eine völlig neue Gestalt 
verl^en. 



Erster Zeitraum. 



Leistungen der Alten. 

1. Wenn yon den Leistungen der Alten im Gebiet 
der physikalischen Wissenschaften gesprochen werden soll, 
so kommen vorzugsweise und fast ausschlieislich die 
Griechen in Betracht Die Kömer traten nur sehr ver- 
einzelt und mit geringem Erfolg in ihre Fuistapfen, und 
was die älteren Völkerschaften betriffi, die Aegypter, 
Chaldfter und Inder, von denen die Griechen ohne Zweifel 
die ersten Rudimente ihrer astronomischen Kenntnisse 
empfingen, so ist uns mit Ausnahme dieser Kenntnisse 
von ihrem Übrigen physikalischen Wissen nichts bekannt. 
Beobachtungen und Erfahrungen, die wir heutigen Tags 
dem Gebiet der Physik und Chemie einreihen, haben sie 
ohne Zweifel gemacht und zu den Zwecken des Lebens 
verwandt, — wie es noch gegenwärtig bei weit roheren 
Völkern der FaU ist — aber von einem Erkennen der 
Thatsachen, von einem Nachdenken über die Ursachen der 
Erscheinungen zum Behuf der Erklärung derselben, einem 
Streben, worin grade der Geist des physikalischen Forschens 
besteht, davon ist uns nichts von ihnen überliefert 

Es ist bemerkenswerth, dafs uns von diesen Völkern 
auch nicht eine einzige Beobachtung, Entdeckung oder 
ein sonstiger Fortschritt in der physikalischen Natur- 
forschung bekannt ist^ der mit historischer Gewifsheit an 
ein bestimmtes Individuum geknüpft wäre; alles verliert 
sich bei ihnen in dem Dunkel der Vorzeit und höchstens 
sind es mjrthische Personen, Götter oder Heroen, die darin 



Leistnogen der Alten. 9 

als Urheber wichtiger Entdeckungen oder Erfindungen 
bezeichnet werden. Bestimmte Namen, historische Per- 
sonen treten in der Geschichte der physikalischen Wissen- 
sdiaften erst bei den Griechen auf, und merkwürdig genug 
smd es bis zum Anfang unserer Zeitrechnung nur Griechen, 
die darin mit Auszeichnung genannt werden können, — 
im Laufe Ton 600 Jahren etwa 30 an der Zahl, was aller- 
dings nach heutigem Maisstabe nicht viel ist. 

Auiserdem finden wir noch im fernen Osten ein Volk, 
die Chinesen, das sich mannichfacher physikalischer Kennt- 
nisse r&hmen darf, und zwar rfthmen darf dieselben zum 
Theil früher besessen zu haben als die Völker des Occi- 
ieata. Indeis bildeten die Chinesen durch ihre Abge- 
sdiiedenheit auf viele Jahrhunderte eine Welt f&r sich; 
erst lange nach dem Untergange der klassischen Civilisation 
im Mittelalter sind ihre Kenntnisse zu den abendländischen 
Völkern vorgedrungen, zum Theil als diese schon ange- 
fangen hatten, sie in einzelnen Dingen zu überholen. Die 
Chinesen können demnach in diesem Zeitraum mit vollem 
Recht übergangen werden. 

Was nun die Grriechen betrifft, so können wir nicht 
dankbar genug die Leistungen derselben anerkennen. Sie 
haben die Bahn gebrochen, ein Feuer angezündet, das 
zwar allmählich erlosch und Jahrhunderte lang nur unter 
der Asche fortglimmte, das aber dennoch dazu diente im 
Mittelalter die Geister wieder zu beleben und zu erwärmen. 
Es ist aufser Frage, dais das Studium der Schriften der 
Alten den ersten Impuls zur neueren Naturforschung ge- 
geben hat. 

Dies BekenntnÜs darf uns aber nicht verleiten ihre 
gro&en Fehler und Irrthümer zu übersehen und zu be- 
schönigen. Wir haben das Wort Physik von den Griechen 
äbernommen, aber ihre Physik war doch wesentlich eine 
sndere als die unsrige. Die Physik der alten Griechen, — 
abgesehen davon, dais sie andere Gränzen und einen ge- 
ringeren Inhalt als die heutige besals — unterscheidet sich 
besonders durch die Methode des Forschens von dieser. 



10 Leistangen der Alten. 

Sie beruhte zum Tbeil, und zwar zum kleinereu Tbeil auf 
Beobacbtungen, zum gröfseren auf Spekulationen. 

Im Beobacbten, besonders der Erscheinungen in freier 
Natur, waren sie Meister. Hifctten de bei diesem scharfen 
Beobachtungsgeist die Mittel gekannt den Sinnen zu Hülfe 
zu kommen, wftren ihnen Femrohr, Mikroskop, Kompaä, 
Chronometer, Thermo*- und Barometer, kurz die feineren 
Mefs Werkzeuge bekannt gewesen, so wQrden sie ohne 
Zweifel bedeutendes geleistet haben. Besonders aber litt 
ihre Physik an dem grolsen Mangel, dafs ihr das £xp^- 
ment, dieser tausendftltige Hebel der neueren Naturfor* 
schung, so gut wie gänzlich unbekannt war. Mit dem 
Experimentiren hebt eigentlich die aktive selbstständige 
Naturforschung erst an; beim blolsen Beobachten sind wir 
wie passiv auf das beschränkt, was uns die Natur gleich* 
sam zufällig darbietet, wir nehmen nur hin, was sie uns 
unaufgefordert mittheilt. Beim Experimentiren dag^en 
stellen wir selbst die Fragen, und wiederholen, verändern^ 
steigern dieselben solange, bis wir endUoh eine befrie- 
digende Antwort erhalten haben. 

Die Unbekanntschaft der Alten mit der Kunst des 
Experimentirens, oder die geringe Ausbildung, welche sie 
bei ihnen erfuhr, ist einer der Gründe, weshalb ihre Physik 
so sehr zurftckblieb. Ein anderer ebenso einfluisreicher 
Grund Isg in dem vorwaltenden Hange zur spekulativen 
Bichtung. Befangen in dem radikalen Irrthum, dafs einige 
wenige Beobachtungen, nodi dazu blols mit den Sinnen 
angestellt, hinreichend seien Alles erklärende Theorien 
darauf zu erbauen, überlielsen sie sich den ausgelassensten 
Spekulationen, und vernachlässigten den Weg der Er- 
fahrung oft absichtlich. Es ist nicht zu läugnen, dais sie 
dabei gar oft Proben ihres groüsen Scharfsinns abgelegt 
haben, auch in Gebieten, die auiserhaib der Erfahrung 
liegen, wie das der Mathematik, bedeutendes zu Tage 
förderten; aber was die Naturforschung betrifil, so haben 
sie uns den vollgültigen Beweis geliefert, daüs eine Speku- 
lation, die nicht durch die Erfahrung gestützt, geregelt 



Leistasgen der Alten. 11 

und gezügelt wird, die unfruchtbarste aller Beschäfti- 
gungen ist. 

Man hat zwar oft gesagt, dafs in den Natur -Philo- 
sopbemen der alten Griechen viel Wahrheit enthalten sei; 
allein man Yergilst dabei, dafs die Alten innerhalb eines 
gewissen Kreises alles mögliche behauptet haben, und dafs 
die Richtigkeit der einen oder andern Behauptung nicht 
aus der Behauptung selbst hervorgegangen, sondern später 
durch Beobachtungen und Versuche anderer bewiesen 
worden ist. Es gilt dies namentlich von vielen ihrer 
Philosophemen über das Weltgebäude. 

Wenn man davon absieht, so kann man freilich den 
Aken manches vindiciren; und wirklich hat es Männer 
gegeben, die solches in allem Ernst beabsichtigten. So hat 
der Franzose Datens in seinem Werke Recherches sur Fori- 
gine des dicouvertea attribii4es aua modernes^ Paria 1766 
darzuthun gesudit, dais alle bis dahin von den Neueren 
gemachten Entdeckungen schon bei den Alten vorzufinden 
seien. Wohl zu merken ist indefs, dals während Dntens 
m dem Nachweise bekannter Thatsachen bei den Alten so 
überaus glücklich erscheint, er doch nicht eine einzige 
neue zu seiner Zeit noch unbekannte bei ihnen aufzufinden 
weils, wie wenn die Alten genau soviel gewulst hätten und 
nicht mehr als die neueren Physiker im J. 1766. Es ist 
Dntens ergangen wie dem bekannten Theosophen Sweden- 
borg, der bei seinem angeblichen Verkehr mit den Geistern 
jener Welt sich von diesen höheren Wesen grade nur 
soviel an Naturgeheimnissen offenbaren läist, als zu der 
Zeit jeder andere Erdensohn ebenfalls wissen konnte. 

Nach diesen Betrachtimgen wollen wir uns nun zu 
demjenigen wenden, was den Alten wirklich als ein Ver- 
dienst um die Begründung der Physik angerechnet werden 
mnis. Ich will dabei absehen von ihren Hypothesen über 
die innere Beschaffenheit der Körper, von der Atomlehre, 
die, wie es scheint, von Anaxagoras begründet, dann von 
DMiokrit und Leneipp unterhalten und endlich von Epikur 
weiter ausgebildet ward. Hypothesen dieser Art stellen 



1 2 Mechanik. 

sich beim Forschen über die Natur der Dinge mit einer 
gewissen Nothwendigkeit dar, nnd sie haben zu allen 
Zeiten bis auf den heutigen Tag Vertheidiger und An- 
hänger gefunden. Es würde mich indels zu weit fbhren, 
wollte ich erörtern, in wiefern sie unumgänglich seien und 
was durch sie gewonnen werde. Ich will sie daher jetzt 
nur im Vorbeigehen anf&hren, und mich ftr's Erste zur 
Experimentalphysik wenden. 

In der eigentlichen Physik sind es nur die Mechanik 
und die Optik, welche die Alten mit Erfolg kultivirt haben; 
über Wärme, Elektricität und Magnetismus, über akustische 
Gegenstände haben wir nur ein Paar vereinzelte Beob- 
achtungen von ihnen. Ausgebildeter bei ihnen war die 
Kenntnifs meteorologischer und physikalisch-geographischer 
Erscheinungen, wenngleich sie häufig den Zusammenhang 
derselben nicht erkannten. Am meisten Verdienst erwarben 
sie sich aber unstreitig um die Astronomie, die sie durch 
sorgfidtige und vieljährige Beobachtungen wahrhaft be- 
reicherten. 

Mechanik. 

2. Die mechanischen Kenntnisse der Alten sind nur 
geringfügig imd offenbar von Maschinen entlehnt, die sie, 
wenn auch nur unvollkommen, sehr frühzeitig besalsen, 
und zum Theil von den Aegyptern entlehnten. 

Von Archytas aus Tarent, einem Pythagoräer und 
Zeitgenossen von Plato, 400 v. Chr., wird angegeben, er 
habe die Rolle und die Schraube erfunden ^). Auch soll 
derselbe den ersten Automaten, eine fliegende Taube, ver- 
fertigt haben, womit es sich indefs verhalten mag, wie 
mit dem Adler, der angeblich dem Kaiser Maximilian I. 
bei seinem Einzug in Nürnberg 1489 entgegenflog und 
vom Astronomen Regiomontan angefertigt wurde. Es war 
dies weiter nichts als die Figur eines Adlers, der die aus- 
gebreiteten Flügel bewegen konnte. 



^) YoQDg, A oourse of lectures on nat. phiiosophy and the me- 
chaDical arts I, 239. 



Mechanik. 13 

Das Wichtigste in der Mechanik hat unstreitig der 
auch um die Geometrie so hoch yerdiente AreUmedes ge- 
leistet, geb. 287 y. Chr. zu Syrakus, gest. 212 daselbst 
bei Eroberung der Stadt durch den römischen Feldherm 
Uaroellus. AreUmedes kann unbedenklich als der Gründer 
der Statik und Hydrostatik angesehen werden, denn ihm 
verdanken wir zwei Fundamentalsätze dieser Wissenschaft: 

1) Dals an einem ungleicharmigen Hebel, wenn Gleich- 
gewicht vorhanden sein soll, die Gewichte sich umgekehrt 
verhalten mOssen wie die Länge der Arme, an denen sie 

hängen. 

Er sah ein, dafs sich auf diese Weise die gröfsten 
Lasten mfissen bewegen lassen, was ihn zu dem bekannten 
Ausspruch veranlafste: Gebt mir wo ich stehen kann, und 
ich will die Erde aus ihren Angeln heben. — Dieser Satz 
fahrte ihn übrigens auch auf die wichtige Lehre vom 
Schwerpunkt, dessen Auffindung er auch f&r einige ein- 
zelne Fälle kennen lehrte. 

2) Dafs ein Körper bei Eintauchung in Wasser soviel 
an Gewicht verliert, als das Gewicht des von ihm ver- 
drängten Wassers beträgt. « 

Arebimedes soll diesen Satz beim Baden aufgefunden 
haben, als er darüber nachdachte, wie der in der goldenen 
Krone des Königs Hiero vermuthete Silbergehalt ohne Be- 
schädigung derselben zu entdecken sei. Es hatte nämlich 
luurh VitrUY^s Erzählung der König Hiero von Syrakus 
sich eine goldene Krone anfertigen lassen, die ihm von 
geringerem Golde zu sein schien, als bestellt war, und in 
Folge dessen AreUmedes den Auftrag ertheilt zu unter- 
suchen, ob der Verdacht gegründet sei. Wie es sich hier- 
mit auch verhalten haben mag, Archimedes machte diesen 
Satz zur Grundlage der Lehre vom specifischen Gewicht 
und vom Schwimmen. 

Aufserdem verdankt man Archimedes noch die Erfin- 
dung mancher mechanischen und hydraulischen Maschine, 
nach dem Zeugniis der Alten sogar 40. Die bekanntesten 



14 Mechanik. 

darunter sind der Flaschenzug, die Schraube ohne Ende, 
die Wasserschnecke oder Archimedische Schraube. 

Unstreitig ist Archimedds auch Erfinder des Ar&ometers, 
oder der Senkwage. Man hat zwar diese Erfindung wohl 
auch der Hypatia zugeschrieben, der gelehrten und be- 
rühmten Tochter des Philosophen Theon, die in Alexan- 
drien Philosophie und Mathematik lehrte, und im J. 415 
in einem Auflauf des christlichen Pöbels zu Alexandrien 
umkam. Es ist dies auf das Zeugnil's des Synesios, eines 
Schülers der Hypatia geschehen, der 410 als Bischof von 
Ptolemais in Libyen starb. Auf seine Meldung, dals er so 
unglücklich sei ein Hydroskopium brauchen zu müssen, 
vermuthlich um die Reinheit des Wassers zu prüfen, 
empfahl ihm Hypatia das Baryllium, ein Aräometer mit 
willkührlicher Skala ^). Allein erstlich ist erwiesen, dafs 
schon der Grammatiker Rhemnins Fannins Palaemon, der 
zu den Zeiten der Kaiser Tiber, Caligula und ClaudillS, also 
300 Jahre früher lebte, in seinem Gedicht De ponderibu^ 
et mensurü des Aräometers gedenkt, und dann wird in 
demselben Gedicht auch die Geschichte der Krone des 
Königs Hiero erwähnt, so dafs er damit förmlich auf den 
Ursprung der Erfindung hinweist, die Archimedes nach 
Entdeckung des genannten Theorems auch wohl nicht 
schwer fallen konnte. 

Uebrigens hatten die Alten nicht blofs Kenntnifs von 
der Verschiedenheit des specifischen Gewichts bei festen 
Körpern, sondern auch bei flüssigen; sie wufsten z. B., 
dafs Wein specifisch leichter als Wasser sei, und Regen- 
wasser leichter als Flufswasser. Dafs das Regenwasser 
das leichteste Wasser sei, kommt sogar schon in den 
Schriften des Hippokrates vor (456 — 3G6), und des Regen- 
wassers bedienten sich die Alten in späteren Zeiten zur 
Regulirung der Gefäfse nach dem Gewicht^), doch von 
.einer wissenschaftlichen Ausbildung dieser Kenntnisse findet 
sich bei ihnen keine Spur. 



>) Busch, Handbach d. Erfindungen I, 187. 

') Monatsberichte d. k. preufs. Akademie 1839, S. 173. 



Mecliftsik. 15 

3. Nächst Archimedes kommen besonders in Betracht 
Ktasibius nnd Hero, zwei Männer, die ums J. 150 oder 
120 V. Chr. zu Alexandrien lebten. 

Etesibins, der Sohn eines Barbiers, soll die Druck- 
pumpe erfunden haben. Er verfertigte ein Di*uckwerk von 
ziemlich zusammengesetzter Natur, bestehend aus zwei 
metallenen Stiefeln, die am Boden Ventile hatten, und mit 
einer Rdhre gemeiuschafteten, die zur Aufnahme des Was- 
sers diente, und auch ein Ventil besafs. Solcher Druck- 
werke bedienten sich später zur Kaiserzeit die Römer als 
Feuerspritzen, nnd sie führten den Namen Sipho, ein 
Name, den man später auf den Heber übertrug. 

Jedes Druckwerk setzt nothwendig ein Saugevverk vor- 
aus; wenn also auch die Schriftsteller der Alten nicht mit 
Bestimmtheit von Saugepumpen sprechen, so ist doch klar, 
da& dieselben zu Ktesibins Zeiten bekannt sein muisten. Es 
ist sogar gewifs, dafs kleine Saugepumpen, Handspritzen 
zu Aristoteles Zeiten (384 — 322) bekannt waren, und zu 
der berüchtigten Lehre vom Horror vacui Veranlassung 
gaben, die sich bis zu den Zeiten Oalilefs in Ansehn 
erhielt, und den Beweis lieferte, dafs die Alten keine Kennt- 
Di& vom Luftdruck besaisen. 

Bemerken will ich hier noch, dafs das, was die älteren 
griechischen Schriftsteller ivzkia nannten, keine Aehnlich- 
keit mit unserer Pumpe hatte, sondern ein Schöpfwerk 
▼ftr, ein Kad, von einem Strick umschlungen, an welchem 
Eimer (dvtXtbv) befestigt waren. Es ist das ägyptische 
(persische?) Wasserrad, von den Alten auch Moria genannt, 
vas in alten Zeiten über ganz Asien verbreitet war, und 
von den Saracenen nach Spanien gebracht wurde. Eigent- 
liche Pumpen haben die Europäer bei keinem Volke der 
Welt angetroffen, selbst den Chinesen waren sie unbekannt. 

Ktesibins verfertigte übrigens Wasseruhren, Klepsy- 
dren, mit gezähnten Rädern, welche vielleicht die ersten 
Maschinen mit gezähnten Rädern waren, wenn nicht ein 
Tou Althimedes angefertigtes Planetarium solche Räder 
besafs; es könnte ja nämUch auch Rollen mit Schnüren 
gehabt haben. Endlich soll auch Ktesibius die Windbüchse 



1 6 Mechanik. 

erfunden haben, was, wenn es gegründet ist, beweisen wQrde, 
dais die Alten mit der Zusammendrückbarkeit der Luft 
bekannt waren. 

Bekannter als RtusiMlU ist Hero sein Schüler, Ver- 
fasser vieler Werke über mathematische und mechanische 
Gegenstände, yon denen indess nur wenige auf uns ge- 
kommen sind. Der Heronsball und der Heronsbrunnen, 
die Aeolipile, Instrumente, die man noch jetzt in allen 
physikalischen ELabineten antrifil, haben seinen Namen bis 
auf den heutigen Ti^ erhalten. Weniger bekannt ist, dafs 
ihm auch die erste Anwendung des Dampfes als bewegende 
Kraft gebührt, freilich noch in einer sehr unvortheilhaften 
Gestalt; er ist nämlich Erfinder der Reaktionsmaschine, 
mitunter auch Dampf kreisel genannt, deren horizontalen 
Fig. 1. Querschnitt Fig. 1 darstellt Eine hohle 

MetaUkugel o, die mittelst zweier Zapfen 
in der Verlängerung ihrer vertikalen Aze e 
sich in einem passenden Lager stützen 
und drehen kann, trägt an ihrem Umfang 
mehrere Röhren 6, i, die sämmtlich nach 
derselben Richtung umgebogen sind. 
Wird nun eine Flüssigkeit in der Kugel 
zum Sieden gebracht, so werden die nach 
allen Seiten drückenden Dämpfe in den 
Röhren nur nach der offenen Seite hin entweichen, und 
den Apparat in entgegengesetzter Richtung drehen. Hero 
beschreibt zwei solcher Reaktionsmaschinen, eine mit Dampf, 
die andere mit erhitzter Luft; aus letzterer erhellt, da(s er 
die Ausdehnung der Luft durch die Wärme kannte.^) 

Alle diese Apparate sind in seinem Werke Spiritualia 
seu Pneumatica beschrieben, in denen auch der Heber vor- 
kommt, der also zu Hero^s Zeiten und vielleicht noch früher 
bekannt war. 

Ein anderes in theoretischer und praktischer Bezie- 
hung merkwürdiges Werk hat uns Pappns hinterlassen, ein 




') ÄDDuaire da Bureaa des Longitades 1829. 



Mechanik. 17 

Mathematiker aus der alexandrinischen Schule des IV. Jahr- 
hunderts unserer Zeitrechnung. Es kommt darin u. A, 
der berühmte Satz vom Schwerpunkt vor, den später im 
XYIL Jahrhundert der Jesuit Paul Guldinus in seinem 
Werke De centtv ffravitatisy Viennae 1635 bis 41 als eine 
ueue Entdeckung beschrieb, und der noch jetzt gewöhnlich 
in den Lehrbüchern der Mechanik unter dem Namen der 
Güldui'schen Regel aufgeführt wird (s. § 1 52). Bei Pappas 
werden auch zuerst die sogenannten 5 mechanischen Po- 
tenzen unterschieden: Hebel, Keil, Schraube, Rolle, Rad 
an der Welle. 

In späteren Zeiten finden sich auch Spuren von de- 
taillirteren Kenntnissen in der Hydraulik. So besitzen wir 
ein Werk De aquaeductibuB von dem Römer Jnlins Fron» 
tianSy 110 n. Chr., in welchem die Bemerkung vorkommt, 
daCs die Menge des aus einem GeÜdse ausfliefsenden Was- 
sers nicht blofs von der Gröfse der Oefläiung abhänge, 
sondern auch von der Höhe des Wasserspiegels im Gefafse. 

4. Im Allgemeinen beschäftigten sich die alten Grie- 
chen nur mit der praktischen Mechanik, und sie entwickel- 
ten in der Konstruktion von Maschinen vielen Scharfsinn, 
wovon die angeföhrten Beispiele schon einige Belege liefern. 

Das einzige Werk des Alterthums, welches sich mit 
den Principien der Mechanik befafst, ist das von Aristoteles 
unter dem Titel QuaestioTies mechanicae. Es ist das älteste 
von allen, denn Aristoteles, geb. zu Stagira in Macedonien, 
lebte von 384 — 322, also himdert Jahre vor Archimedes; 
allein es ist auch das verfehlteste Erzeugnifs seines be- 
rühmten Urhebers. Es hat jedoch eine historische Merk- 
würdigkeit erlangt durch das grofse Ansehn, welches das- 
selbe im Mittelalter genofs. Galflei begann seine glänzende 
Laufbahn damit, dafs er die Unhaltbarkeit der aristoteli- 
schen Sätze erwies, die bis dahin oder wenigstens zu seiner 
Zeit Niemand anzutasten wagte. Ich sage zu seiner Zeit^ 
denn wimderlich genug, wurden früher bis zum XII. Jahr- 
hundert die aristotelischen Schriften &lt ketzerisch erklärt, 
sogar verbrannt und ihre Anhänger exkommunicirt. 

Pogq:endorff, Gesch. d. Physik. 2 



18 Optik. 

In dem genannten Werk findet sich zuerst der Satz 
von der Zusammensetzung der Kräfte, freilich nur f&r den 
eingeschränkten Fall, dals diese Eüräfte gegeneinander recht- 
winklig seien. Das Werk enthält auch noch sonst ver- 
schiedene zwar einfache und richtige Betrachtungen, aber 
sie liefern uns auch einen Beweis^ mit welchen Schwierig- 
keiten damals selbst sehr hoch begabte Geister in der Er- 
klärung von Erscheinungen zu kämpfen hatten, die uns 
jetzt kinderleicht erscheinen. Aristoteles bildete sich näm- 
lich ein die Luft gewogen zu haben, weil er durch seine 
Spekulationen zu dem Resultat gekommen war, dafs sie 
schwer sein müsse. Er wog einen Schlauch einmal aus- 
gedrückt und dann aufgeblasen, und fand ihn im letzten 
Falle schwerer. Wie kommt es nun aber, fragt er, dafs 
ein ausgedrückter Schlauch in Wasser zu Grunde geht^ 
ein aufgeblasener, der doch schwerer ist, aber schwimmen 
bleibt? 

Aus diesem Allen erhellt, dafs die mechanischen Kennt- 
nisse der Alten sehr beschränkt waren, was denn auch 
durch ihre Ansichten vom Weltgebände fernerweitig be- 
stätigt wird. 

Optik. 

5. Etwas ausgebreiteter waren die Kenntnisse der 
Alten im Gebiet der Optik , und ofienbar war dies der 
Zweig der Physik, den sie am meisten kultivirten; theils 
wohl deshalb, weil die Erscheinungen des Lichts an sich 
auffallender sind, als die der Mechanik, theils auch weil 
die Gesetzmäfsigkeit der Erscheinungen hier in vielen Fäl- 
len sehr hervorstechend ist^ und sehr zu mathematischen 
Betrachtungen auffordert, zu welchen die Alten bekannt- 
lich eine grofse Vorliebe besafsen. 

Wie unvollkommen jedoch auch bei den Licht -Er- 
scheinungen ihre Kenntnisse waren, geht zuvörderst schon 
aus ihrer Theorie vom Sehen hervor. Während wir mit 
gutem Grund annehmen, dals das Sehen durch etwas ge- 
schieht, was von dem gesehenen Körper ins Auge gelangt, 
setzten sie umgekehrt voraus, dafs dabei etwas von dem 



Optik. 19 

Auge aasflielBe und zu dem Körper übergehe. Sie nah- 
men sogenannte Angenstrahlen an, die den gesehenen 
Körper gleich Fühlfäden betasteten; nach den Alten war 
also das Sehen eine Art von Fühlen. 

Diese Theorie findet sich fast ohne Ausnahme bei den 
vorzüglichsten ihrer Philosophen und Physiker, z. B. bei 
Pjtbigoras, Demokrit^ Plato, Empedokles, Epiknr, Hipparcb, 
Euklid, Luerez, Hero, Seneea, Kleomedes. Hin und wie- 
der ist sie nur etwas modificirt, wie z. B. Empedokles 
Bilder von den Gegenständen ausgehen läfst, die sich mit 
den Augenstrahlen vermischen, und so die Empfindung des 
Sehens bewerkstelligen. Aehnlich war die Meinung des 
grolsen Astronomen Hipparch; er läfst Gesichtsstrahlen 
von beiden Theilen ausgehen, und so ungefähr denkt sich 
auch Plato die Sache. 

Die Theorie von den Augenstrahlen ist bemerkens- 
werth, weil sie sich bis in das Mittelalter erhalten hat, 
and ihr Umsturz auch einen der Wendepunkte der neueren 
Physik bezeichnet Der Einzige, der sich sonst noch ver- 
nünftig über die allgemeine Theorie des Lichts äufsert, ist 
Aristoteles. Er meint, es müsse zwischen den Gegen- 
ständen und dem Auge ein Medium vorhanden sein, wel- 
ches das Sehen vermittelt, auf ähnliche Art, wie der Schall 
durch die Luft vermittelt zum Ohr gelangt. Wäre ein 
leerer Kaum da, so, meint er, würden wir nichts sehen. 
Auch heutigen Tages nimmt man bekanntlich an, dafs das 
Sehen durch ein höchst subtiles Fluidum zwischen Auge 
nnd Gegenständen vermittelt werde. Man könnte hiemach 
Tcrsacht sein Aristoteles die Priorität dieser Theorie zu- 
zuschreiben; allein man braucht sich nur etwas specieller 
mit seinen Ansichten bekannt zu machen, um von dieser 
Meinung abzukommen. Ich bin überzeugt, dafs wer die 
heutige Lichttheorie noch nicht kennt, aus Aristoteles 
Schriften schwerlich eine Vorstellung von derselben be- 
kommt. 

Man mufs es indefs dem Aristoteles als ein Verdienst 
anrechnen, dafs er sich gegen das Sehen mittelst Augen- 



o* 



20 Optik. 

strahlen aussprach. Wäre das Auge Feuer, sagte er, wie 
Empedokles behauptet und im Timaens geschrieben steht, 
und geschähe das Sehen, indem das Licht wie aus einer 
Laterne aus den Augen herausgehe, warum sieht denn 
in der Finsternifs das Auge nicht? — Gewifs eine sehr 
richtige Bemerkung. 

Die Mangelhaftigkeit der Lichttheorie der Alten ist 
eine natürliche Folge ihrer geringen Kenntnisse von den 
Erscheinungen des Lichts. Aufser einigen Thatsachen in 
Betreff des Sehens, aufser einigen meteorischen Phänomenen 
kannten sie nur die Reflexion und die Refraktion, und 
noch dazu beide Erscheinungen sehr unvollkommen. 

6. Was zunächst die Reflexion betrifil, so ist die rohe 
empirische Kenntnifs dieser Erscheinung wohl so alt wie 
das Menschengeschlecht selbst. Den natürlichen Spiegel, 
welchen die Oberfläche ruhiger Gewässer darbietet, haben 
die ersten Menschen gewifs ebenso gekannt und benutzt, 
wie es noch jetzt von Völkern geschieht, die auf der nie- 
drigsten Stufe der Civilisation stehen. Aber auch künst- 
liche Spiegel, besonders Metallspiegel, sind uralt, sie waren 
lange vor Pythagoras (640 — 548) bekannt, werden schon 
im Hiob und im 5. Buch Mosis erwähnt, und sind auch 
vielfach in den ägyptischen Mumiengräbern gefunden. 

In späteren Zeiten, z. B. denen des Plinias, wo die 
Spiegel schon zum Hausgeräth der Römer gehörten und 
grofser Luxus mit ihnen getrieben wurde, machte man 
dieselben zwar immer noch gröfstentheils von Metall, mit- 
unter aber auch von Stein (Obsidian) und Glas. Berühmt 
waren die brundisischen aus Zinn und Erz, noch viel 
früher scheinen jedoch die silbernen gebraucht worden zu 
sein. Das Silber ^ sagt Plimns, ^) hat die wunderbare Eigen- 
schaft die Bilder zu spiegeln, was bekanntlich dadurch ge- 
schieht, da/s die Luft zurückgestoßen und dem Auge wieder 
zugeführt wird. Die Glasspiegel waren unbelegt und nach 

») Eist nat. IIb. XXXIII, cap. 45; Wilde, Gesch. d. Optik I, 66. 



Optik. 21 

in Sidon erfunden; auch Alexander Äphrodisiensis 
im II. Jahrhundert sowie Isidor von Sevilla im VII. Jahr- 
hundert reden vom Glase als einer zu Spiegeln sehr taug- 
lichen Masse. ^) Die belegten Glasspiegel sind von viel 
neuerem Datum. 

Dies alles waren Planspiegel; es wurden aber nicht 
blols solche Spiegel von den Alten benutzt, sondern sie 
verfertigten auch konvexe und konkave. Besonders ist 
der Gebrauch der letzteren als Brennspiegel sehr alt. Be- 
weis daför giebt der Yestadienst, der schon vor Erbauung 
Roms, also vor 753, in Italien üblich war. Der Vesta zu 
Ehren wurde nämlich ein ewiges Feuer unterhalten, und 
wenn es je durch einen Zufall erloschen war, so durfte es 
nur mit dem Feuer der Sonne als dem reinsten Feuer 
wieder angezündet werden. Das aber konnte nur mit 
Hülfe eines Brennspiegels, wenn nicht mittelst eines Brenn- 
glases geschehen. Flutarch erzählt im Numa, dals man 
sich zum Wiederanzünden des etwa erloschenen Vesta- 
feuers eines sogenannten Skaphions bedient habe; Skaphion 
war aber ein kahnförmiges Trinkgefals ähnlich einem 
Schmelztiegel, also ein mangelhafter Hohlspiegel. 

Da ich hier von dem Gebrauch der Hohlspiegel bei 
den Alten rede, so hätte ich die Erzählung, dafs Arehimedes 
die Flotte der Römer, welche Syrakus einschlofs, durch 
Brennspiegel zerstörte, näher zu betrachten, wenn dies 
nicht als eine unfruchtbare Beschäftigung erscheinen müXste, 
da aas der Gesammtheit der über diesen Gegenstand mit 
so vieler Gelehrsamkeit geführten Verhandlungen hervor- 
geht, dals die Angabe entweder eine reine Erdichtung ist, 
oder auf einem Mifsverständnifs beruht. 

Polybins, der fast ein Zeitgenosse von Arehimedes war 
(er lebte 204 bis 121 v. Chr.) und die Belagerung von 
Syrakus ausftlhrlich beschrieben hat, erwähnt nichts von 
der besagten Verbrennung, ebenso wenig Livins und Piu- 
UtcIl Die früheste Nachricht darüber bringen Lncian aus 



•) Wilde, Gesch. d. Optik I, 67. 



22 Optik. 

Samosata in Syrien und Galen aus Pergamus, die beide 
im n. Jahrhundert n. Chr. lebten und berichten, dals Archi- 
medes durch künstliche Mittel, durch ZOndwerk, die Flotte 
vernichtet habe; daTs Brennspiegel dabei angewandt seien, 
sagt mit Bestimmtheit keiner von beiden. Der erste, wel- 
cher erwähnt, dafs Archimedes die Flotte der Römer mit- 
telst der Sonnenstrahlen verbrannt habe, ist AnthemillS, be- 
rühmt durch die Erbauung der Sophienkirche unter Justi- 
nian I. im VI. Jahrhundert; er bezweifelt aber, dafs es auf 
Schulsweite eines Bogens mit einem Brennspiegel geschehen 
könne, und schlägt daher vor, mehrere ebene Spiegel so 
zu kombiniren, dafs sie die auffallenden Sonnenstrahlen 
nach einem Punkte hin reflektiren. Eigentlich sind es erst 
Zonaras, Tzetzes und EustatUiis, byzantinische Schriftsteller 
des Xn. Jahrhunderts, durch welche die Sage, dals Archi- 
medes mit Brennspiegeln die römische Flotte verbrannt 
habe, in Umlauf gebracht ist. Seitdem hat sich der Glaube 
au die Richtigkeit der Sache erhalten und die optischen 
Schriftsteller des Mittelalters vielfach beschäftigt, obwohl 
der Thatbestand aller sicheren historischen Begründung 
entbehrt. 

Ebenso unwahr ist die Erzählung von Zonaras, dafs 
Proklns die Flotte des Vitalianus, der unter dem Kaiser 
Anastasius (reg. 491 bis 518) Konstantinopel belagerte, 
durch Spiegel verbrannt habe. Es ist diese Geschichte 
schon deshalb nicht glaublich, weil Anthemius nichts davon 
erwähnt, und doch gerade er die Erzählung über Archimedes 
wahrscheinlich zu machen gesucht hat. — Was übrigens 
beide Begebenheiten von vom herein sehr unwahrschein- 
lich macht, ist die grofise Schwierigkeit der Anfertigung 
von Hohlspiegeln, die in bedeutender Entfernung zünden, 
und der Umstand, dafs es bei gröfserer Nähe wirksamere 
Mittel giebt eine Flotte in Brand zu stecken^). 

7. Es ist indefs nicht blofs die praktische Seite der 
Reflexion des Lichts, mit welcher die Alten sich befafsten. 



>) Wilde, ibid. I, 34. 49. 



Optik. 23 

sie haben vielmehr auch sehr früh die wissenschaftliche 
Seite kaltivirt. Schon bei den Platonikem treffen wir die 
Kesntnüs zweier Sätze an, welche noch jetzt als ftinda- 
mental in der Katoptrik gelten: 

1) daTs sich das Licht in einem und demselben Me- 
dium stets gradlinig fortpflanze; 

2) dafs bei der Reflexion die Winkel des Einfalls 
und des Rückwurfs gleich sind, und beide Strahlen, der 
einfaUende und der zurückgeworfene, in einer auf der spie- 
gelnden Fläche senkrechten Ebene liegen. 

Wer diese beiden Sätze aufgefunden hat, weifs man 
nicht, ebensowenig wie sie aufgefunden sind. Der erste 
hat vorweg so viel Wahrscheinlichkeit für sich, dals er 
Tielleicht mehr angenommen als bewiesen ist; der andere 
ist nicht ganz so einfach, versteht sich nicht eigentlich von 
selbst, sondern erfordert einen Beweis. Da die Alten 
Winkelmessungen zu machen verstanden, so fanden sie ihn 
möglicherweise dadurch auf, dafs sie die Höhe der Sonne 
einmal über dem Horizont, und dann über ihrem Bilde 
in einem ruhigen Wasserspiegel malsen. Diese beiden Sätze 
finden sich in einem Werke über Optik, das dem be- 
rühmten Geometer Euklid (geb. zu Alexandrien um 300 
V. Chr.) zugeschrieben wird, und auch sonst noch viel Rich- 
tiges über Reflexion und Refraktion enthält, doch vermischt 
mit so mancher Unrichtigkeit, dass es zweifelhaft ist, ob 
es jenen berühmten Geometer zum Verfasser hat. 

Aufser diesen beiden Sätzen kannten die Alten in 
Betreff der Reflexion noch einen dritten, der nicht so oben- 
auf li^, und der weiter ausgeführt, eins der merkwür- 
digsten Gesetze des Lichts einschliefst. Es ist der Satz: 

3) dafs das Licht bei der Reflexion immer den kürze- 
sten Weg einschlägt. 

In der That, wenn von A ein Strahl nach einem Punkt 
B auf dem Spiegel geht, und von hier nach C reflektirt 
wird, so ist AB -\- B C kürzer als irgend ein anderes 
Linienpaar AD-hDC\ wenn D einen beliebigen Punkt 
des Spi^els bezeichnet. Später hat Format diesem Satz 



24 Optik. 

einen allgemeineren Ausdruck gegeben. Es wird ange- 
geben, dals der Satz uns von Heliodonis von Larissa auf- 
bewahrt ist, einem sonst unbedeutenden Schriftsteller, wel- 
cher vermuthlich zu Tiber's Zeiten, also^ im ersten Jahr- 
hundert lebte; es scheint indefs, dafs eigentlich sein Sohn 
Damianns das betreffende Werk geschrieben hat, welches 
jedenfalls später als die Optik von Ptolemaens verfafst ist^^* 
Das Theorem selbst stammt aber von dem berühmten Hero 
von Alexandrien her, der auch ein Buch über Winkel- 
und Höhenmessen geschrieben hat, worin schon ein Hodo- 
meter vorkommt^). 

8. So viel von den Kenntnissen der Alten über Reflexion. 
Was die Refraction betri£^ so ist auch sie eine so ge- 
wöhnliche Erscheinung, dals sie unmöglich lange der Beach- 
tung entgehen konnte. DaTs z. B. ein schief in das Wasser 
gestecktes Ruder wie gebrochen aussieht, ist ohne Zweifel 
eine sehr alte Wahrnehmung. 

Es ist manchmal bezweifelt worden, ob die Alten 
Brenngläser gekannt haben, allein ohne Grund; es finden 
sich mehrere Andeutungen, welche dies auTser Zweifel 
setzen. Allein es mufs unentschieden bleiben, von welcher 
Form diese Brenngläser waren, ob nämlich Kugeln von 
Glas, Kugelsegmente oder eigentliche Linsen. Dals Brenn- 
gläser sehr alt seien, geht schon aus Aristophanes hervor. 
Dieser Dichter (424 v. Chr.) lälst nämlich im zweiten 
Theile seines Lustspiels Die Wolken den Strepsiades zum 
Sokrates sagen, er wisse ein Mittel, wie man sich seiner 
Schuldner entledigen könne, und auf die Frage wie? ant- 
wortet er, er würde, wenn der Gläubiger ihm seine Rech- 
nung brächte, dieselbe unvermerkt in die Sonne halten 
und mit dem Glase schmelzen, mit dem man Feuer an- 
mache. 

Nach diesem alten Zeugnifs von der Kenntnifs der 
Brenngläser kann es nicht in Verwunderung setzen, wenn 



») Wilde, ibid. I, 49. 60. 

«) Gilberts Ann. Bd. 52, S. 403. 



Optik. 25 

man ihrer oder ihrer Wirkung bei späteren Schriftstellern 
erwähnt findet. Lucios Annaens Seneea (geb. 12, gest 66 
IL Chr.) kannte die Vergröfserungskraft einer mit Wasser 
geföllten Flasche sehr wohl. Er wuiste auch, dafs ein 
eckiges StQck Glas alle Farben des Regenbogens erzeuge ; 
aUein er hielt diese Farben nicht fbr ächte, sondern für 
tische, ähnlich den Farben eines Taubenhalses und denen, 
die ein Spiegel reflektire. Ebenso wuTste PUnins der Ael- 
tere (geb. 23 n. Chr. zu Verona, gest. 79 beim Ausbruch des 
VesQvs), dals eine Glaskugel in den Sonnenschein gehalten 
Gegenstande entzünden könne, und er erwähnt diese Be- 
Qntzang der Glaskugeln als ein Aetzmittel bei Wunden. 
Auch der Redner Lactantius (gest. 325 n. Chr.)^ Erzieher 
des ältesten Sohnes von Konstantin dem Grofsen, sagt, 
dafs eine mit Wasser gefiülte Kugel zünde, selbst, wie er 
hinzofiigt, wenn das Wasser ganz kalt sei. 

Ungeaclitet dieser Kenntnisse von den Wirkungen der 
Lichtbrechung waren doch die Alten mit den Ursachen die- 
ser Erscheinung ganz unbekannt, wie sie denn auch, we- 
nigstens in den Zeiten vor Chr. von den Gesetzen derselben 
nichts wuisten. Dies geht u. A. bei Aristoteles aus der 
Frage hervor, warum ein schief in das Wasser gesteckter 
Stab gebrochen erscheine. 

Spätere Schriftsteller verrathen schon etwas mehr Sach- 
kenntniis, so z. B. Kleomedes (lebte 50 n. Chr.), welcher 
an Bach unter dem Titel Cyklüche Theorie von den Me- 
teoren schrieb, und darin eine Theorie vom Sehen, von 
der Reflexion und Refraktion lieferte. Dieser wufste, dafs 
ein Lichtstrahl, wenn er schief aus einem Mittel in ein 
dichteres übergeht, dem Perpendikel zugelenkt wird, wenn 
er dagegen in ein lockreres Mittel tritt, von ihm abbiegt. 
Kleomedes kannte auch schon den Versuch, bei welchem 
inan eine Münze auf den Boden eines Bechers legt, sich 
^^uiQ 80 stellt, dafs man sie nicht mehr sehen kann, und nun, 
ohne das Auge zu verrücken, den Becher mit Wasser füllt, 
wo dann die Münze wieder zum Vorschein kommt. Er 
setzt noch hinzu, auf gleiche Weise könne man die noch unter 



26 Optik. 

dem Horizont verborgene Sonne durch Strahlenbrechung 
sehen *). 

9. Die ausgebreitetsten und gründlichsten optischen 
Kenntnisse im ganzen Alterthum besals aber Claudias 
Ptolemaeos, derselbe Mann, der auch als Astronom und 
Geograph Epoche in der Wissenschaft gemacht hat. 

PtolemaeUB war geb. im J. 70 oder 77 zu Ptolemais in 
Aegypten, nicht zu Pelusium, wie Einige angeben, und er 
starb 147 zu Alexandrien, wo er den grölsten Theil seines 
Lebens mit Beobachtungen und mit Abfassung zahlreicher 
Werke zubrachte. Von seinen astronomischen und geogra- 
phischen Werken ausftihrlich zu reden kann hier nicht der 
Ort sein; ich will hier nur bemerken, daTs Ptolemaeos der 
Urheber oder Ausbilder des nach ihm benannten Welt- 
systems ist, welches die Erde in den Mittelpunkt des Pla- 
netensystems setzt, einer Lehre, die sich fast anderthalb- 
tausend Jahre in ungeschwächtem Ansehen erhalten hat, 
und selbst dann, als sie durch Kopemikos gründlich wider- 
legt worden war, ihre Anhänger und Yertheidiger fand. 
Es ist femer Ptolemaeus, dem man die allein richtige Me- 
thode verdankt, die geographische Lage von Orten fest- 
zusetzen, nämlich durch Beobachtung ihrer Breite oder 
Polhöhe und ihrer Länge, eine Methode, von welcher er 
indefs zuweilen w^en Unrichtigkeit der Messungen fehler- 
hafte Anwendungen machte. 

Dieser Ptolemaens hat auch ein Werk über Optik hinter- 
lassen, das in einer Hinsicht das merkwürdigste aus dem 
ganzen Alterthum ist, sowohl in physikalischer Hinsicht 
überhaupt als in Betreff der Optik ins Besondere. Man 
hat es lange nur aus den Citaten mittelalterlicher Schrift- 
steller gekannt und es ftir verloren gehalten, bis man es 
in neuerer Zeit sowohl in Oxford als in Paris in lateini- 
scher Handschrift au%efunden hat, als Uebersetzung aus 
dem Arabischen. Es fTihrt den Titel: Ptolemaei opticomm 
aermones quinque. Die nähere Kenntnifs seines Inhalts ver- 



») Wilde, ibid. I, 59. 



Optik. 27 

danken wir dem französischen Astronomen Delambre, der 
daron in der Cannaisaance des temps f&r 1816 einen aus- 
fllhriichen Auszug gegeben hat. 

Ans diesem Auszug ersehen wir, dafs das ptolemaei- 
sche Werk alle damals bekannten Zweige der Optik um- 
iiist: die Theorie des Sehens, die Reflexion, die Theorie 
der ebenen und konkaven Spiegel und endlich die Re- 
fraktion. 

Von dieser Refraktion handelt das 5. Buch, welches 
unter allen Dokumenten Aber die Physik der Alten des- 
halb eins der merkwürdigsten ist, weil darin Versuche 
beschrieben werden, welche sonst, wie schon erwähnt, bei 
den Aken gar nicht oder höchst sparsam und in sehr un- 
Tollkommener Weise vorkommen. Bekannt mit dem von 
Deenedes beschriebenen Versuche, und wissend, daTs ein 
Lichtstrahl bei schiefem Einfall auf einen durchsichtigen 
Korper von seiner Richtung abgelenkt werde, suchte er 
diese Ablenkung zu messen, und zwar f&r den Uebergang 
des Lichts aus Luft in Wasser und Glas, und aus Glas 
in Wasser. Ptolemaens hatte indefs keine Kenntnils von 
dem Gesetz der Refraktion. Er mals und gab daher nur 
die Winkel des Lichtstrahls in den beiden Medien mit 
dem Perpendikel auf der Gränzflftche, ohne eine Folgerung 
daraus abzulöten. Aus den von ihm angegebenen Winkeln 
hat man indefs die Brechverhältnisse berechnet und so ge- 
funden, dafs seine Versuche im Mittel ganz leidliche Werthe 
ergaben. 

Refraktion aus: 
Luft in Wasser = 1 : 0,76 (nach Newton = 1 : 0,74) 
Luft in Glas = 1 : 0,67 (nach Newton = 1 : 0,65) 
Glas in Wasser = 1 : 0,88 
Ebenso wenig wie Ptolemaens das Refraktionsgesetz 
bnnte, war ihm die Dispersion oder Farbenzerstreuung 
bekannt. 

10. Schreiten wir jetzt zu den atmosphärischen 
Lichterscheinungen; auch in der Kenntnifs von diesen 
finden wir bei den Alten nur die ersten Andeutungen. 



28 Optik. 

Ptolemaeus kannte die astronomische Strahlenbrechung. 
Er wuTste, daTs im Zenith keine Strahlenbrechung statt- 
findet, dafs diese Brechung aber an allen übrigen Punkten 
des Himmels die Höhe der Sonne, des Mondes und der 
Sterne vergrölsere, und zwar desto mehr, je näher dem 
Horizont, und dals demgemais die Cirkumpolarsteme keine 
Kreise beschreiben. Kurz er wuTste, daXs die Lichtstrahlen, 
welche schief in die Atmosphäre eintreten, yon der graden 
Linie abgelenkt werden, nämlich nach dem Perpendikel hin. 

Nach einer grofsen Zahl von ihm angestellter Mes- 
sungen berechnete er sogar Refraktionstafeln. Er hielt die 
Höhe der Atmosphäre ffir unbekannt, meint aber doch^ 
dafs sie sich bis zum Mond erstrecke. 

Die Kenntnils der astronomischen Strahlenbrechung 
ist für den Astronomen Bedürfnifs, da er ohne sie die 
Höhe der Gestirne nicht richtig zu bestimmen vermag, und 
eben dies Bedürfnils hat veranlafst, dafs man etwa 100 n. Chr. 
die Wirkung der regelmäfsigen Strahlenbrechung etwas 
näher studirte. Dagegen blieben andere Erscheinungen, 
an die sich kein solches Interesse knüpfte, sehr Ternach- 
lässigt, so z. B. die prachtvollste und so häufige des Regen- 
bogens. 

Aristoteles kannte den Regenbogen so gut wie die 
Höfe und Ringe um Sonne und Mond nebst den Neben- 
sonnen und Nebenmonden, die in den Durchschnittspunk- 
ten dieser Höfe und Ringe zum Vorschein kommen. Et 
kannte auch den Nebenregenbogen, ja sogar den Mond- 
regenbogen; er wufste auch anzugeben, warum derselbe 
so selten sei und nur bei Vollmond erscheine. Er wuIste 
ferner, dais die Höhe des Regenbogens sich nach dem 
Stande der Sonne richte^ dals er desto niedriger sei, je 
höher die Sonne stehe, und dais deshalb im Sommer und 
zur Mittagszeit kein Regenbogen in Griechenland möglich 
sei. Endlich wufste er auch, dafs ein künstlicher Regen- 
bogen erscheine, wenn man mit einem Ruder ins Wasser 
schlage oder sonst Wasser umherspritze, und dabei der 
Sonne den Rücken zukehre. 



Optik. 29 

AUeiii trotz aller dieser Bekanntschaft mit den Um- 
standen, unter welchen der Regenbogen zu Stande kommt, 
hatte er doch keine richtige Vorstellung über die Entste- 
hung desselben. Er erklärte nämlich den Bogen ftr eine 
Menge unTollkommener Sonnenbilder an der Wolke, und 
lä&t die Farben durch Reflexion entstehen. Die schräg- 
sten Strahlen können am wenigsten in die Wolke eindrin- 
gen, werden am stärksten refiektirt und erzeugen die leb- 
hafteste Farbe, das Roth. Er leitet also die Farben, von 
denen er nur drei unterscheidet, von einer unvollkommenen 
Reflexion ab. 

Nicht besser waren Seneca^s Kenntnisse. Er hielt den 
Regenbogen für ein einziges verzogenes Sonnenbild, welches 
an einer hohlen und feuchten Wolke refiektirt werde, und 
welches grö&er erscheine als die wirkliche Sonne^ weil im 
Wasser alles vergröfsert werde. Er parallelisirt die Farben 
desselben mit den Farben, welche eckige Glasstücke dar- 
bieten, meint aber doch, sie entständen dadurch, dais Son- 
nenstrahlen von verschiedener Stärke sich mit der Farbe 
d» Wolke vermischten. 

Auch seltenere Phänomene blieben den Alten nicht 
ganz unbekannt, so z. B. die irdische Strahlenbrechung, 
die Kimmung, Mirage, ein Phänomen, welches freilich in 
heilseren Himmelsstrichen als Griechenland und Italien, in 
Asien und Afrika, häufiger ist, und daher bei arabischen, 
persischen und indischen Dichtem oft bildlich angefiüirt 
wird, in Sanskrit den Namen Durst (Wunsch) der Antilope 
heilst *> 

Pomponins Mela erzählt, in Mauritanien am Atlas gebe 
es Länder, wo Gespenster zwischen den Bergen die Bewe- 
gungen der Menschen nachahmten. Plinins gedenkt einer 
Landschaft in Scythien, wo sich grofse Herden von Men- 
schen und Schafen in der Luft sehen liefsen. Sonderbar, 
dais die Alten diese Beispiele so weit herholten, da sie 
dieselben viel näher haben konnten. Facellns erwähnt in- 
dessen eins, das wohl von Italien oder Sicilien gilt^). 

') Humboldt, VI, 83. Gilb. Ann. XVÜ, 184. 



30 Akustik. 

Dies wären nun die hauptsftchlicheten Kenntnisse der 
Alten im Gebiet der Optik; sie können zwar noch nicht 
auf den Namen einer Wissenschaft Anspruch machen, 
enthalten indeis doch die ersten Keime dazu und über- 
ragen jedenfalls bei Weitem das, was sie in anderen Zwei- 
gen der Physik wu&ten, wo die Kenntnisse noch mangel- 
hafter und fragmentarisch waren. 

Akustik. 

11. Obwohl sehr eingeschränkt, waren die Kenntnisse 
der Alten in der Akustik doch nicht ganz ohne allen Zug 
von Wissenschaftlichkeit; sie gingen hervor aus der Musik^ 
welche schon sehr frühzeitig betrieben wurde, und später 
einen nicht ganz unbedeutenden Orad von Ausbildung 
eriiielt. Besonders verdient hier Pjrthagoras genannt zu 
werden, der Stifter jener merkwürdigen Schule zu Kreton 
in Unter -Italien, aus der so manche helle Einsicht her- 
vorging. 

Pythagoras war zu Samos etwa 580 v. Chr. geboren, 
und starb 500 zu Megapontum den Hungertod im Tempel 
der Musen. Man erzählt von ihm, daXs er einst vor einer 
Schmiede vorüberging und überrascht ward zu hören, dals 
die Hämmer der Arbeiter die Quarte, Quinte und Oktave 
angaben. Er vermuthete, dafs die verschiedenen Gewichte 
der Hämmer die Ursache der harmonischen Töne seien; 
er ging hinein, untersuchte die Hämmer und fand wirk- 
lich, dafs der Hammer, welcher die höhere Oktave gab, 
das halbe Gewicht des schwersten hatte; der, welcher die 
Quinte gab, § und der, welcher die Quarte gab, |. Als 
er nach Hause kam, so sagt man, hing er eine Saite senk- 
recht auf und beschwerte sie am anderen Ende mit ver- 
schiedenen Gewichten. Da soll er denn gefunden haben, 
dais, um von dieser Saite die Oktave, Quinte und Quarte 
zu erhalten, die spannenden Gewichte in denselben Ver- 
hältnissen stehen müTsten wie die der Hämmer. 

Diese Erzählung klingt ganz annehmlich; allein ent- 
weder ist sie ganz erfunden oder doch ganz entstellt. Für 



Wime. 31 

die Töne Quarte, Quinte, Oktave mflssen entweder bei 
gleicher Spannung die Längen der Saite sich verhalten 
^^ h h S9 ^^^ b^^ gleicher Länge die Gewichte wie ^/, 
I, I, denn es verhalten sich die Schwingungsmengen wie 
die Quadratwurzeln aus den spannenden Gewichten und 
umgekehrt wie die Saitenlängen. 

Indels ist soviel gewifs, dals Pythagoras und seine 
Schüler sich sehr viel mit der Tonleiter und deren Ein- 
theilung beschäftigten, und er selbst soll der Lyra, die bis 
dahin nur 7 Saiten oder Töne hatte, den achten oder die 
Oktave hinzugefügt haben. 

Aach Aristoteles besais einige akustische Kenntnisse. 
Unter Anderem wuiste er^ dafs die Luft den Schall ver- 
mittelnd in das Ohr leite; so auch, dafs eine Pfeife oder 
Saite, um eine höhere Oktave zu geben, die halbe Länge 
Ton der haben müsse, die den Grundton angiebt. Letz- 
teres hat er indels von Pythagoras oder dessen Schülern ^). 
Bei Aristoteles finden wir auch schon die interessante Be- 
merkung, dafs der Schall bei Nacht besser und in größe- 
rer fkitfemung gehört werde als bei Tage, und im Winter 
besser als im Sommer. Er erklärt die Erscheinung damit, 
^ er sagt: das kommt daher, weil es dann mehr Ruhe 
giebt wegen der Abwesenheit des Heüsesten, welche Ab- 
wesenheit alles ruhiger und leidender macht, indem die 
Sonne das Princip aller Bewegung ist ^). 

Wärme. 

12. Im Gebiet der Wärmelehre finden wir bei den 
Alten noch gar keine Schritte zur Wissenschaftlichkeit ge- 
Q^bt Ihre Kenntnisse beschränkten sich hier auf blolse 
empirische Bekanntschaft mit den, man kann wohl sagen, 
^täglichen Erscheinungen des Gefrierens, Schmelzens, 
Glühens, Verdampfens, Siedens; auf die Wärmeentwickelung 
durch Verbrennen, Reiben, Koncentriren der Sonnenstrahlen; 



^) Toang, A coarse of lect. I, 404. 

') Hamboldt, Gilb. Ann., Bd. 65, S.41. 



32 Elektricität. 

auf Kälteerregung durch Verdunsten^ Ausdehnung der Luft 
und des Dampfes durch Wärme. 

Trotz dieser unvollkommenen Kenntnils des Thatsäch- 
liehen lielsen sie es nicht an Hypothesen fehlen; wir finden 
sie namentlich bei Aristoteles und Epiknr. Ersterer nahm 
für Wärme und Feuer ein eigenes Element an, welches 
das unkörperlichste von allen sei, und aus aulserordent- 
lich kleinen und beweglichen Theilen bestehe. Letzterer 
lehrte, die Wärme bestehe aus feurigen Ausflüssen. 

Aus diesen Angaben wird erhellen, dafs von einer 
wissenschaftlichen Erforschung der Wärmeerscheinungen 
noch keine Spur anzutreffen ist, wie denn diese auch erst 
mit Erfindung des Thermometers anhebt und anheben 
konnte. 

Elektricität. 

13. Dasselbe gilt und in noch höherem MaTse von 
der Elektricitätslehre, wiewohl die Alten auch hier einige 
Erscheinungen sehr frühzeitig kennen lernten. Nach allge- 
meiner Angabe ist Thaies, einer der sieben Weisen Grrie- 
chenlands, welcher 640 zu Milet geboren wurde und 648 
als Zuschauer der olympischen Spiele vor Alterschwäche 
starb, derjenige, von dem die älteste Beobachtung über 
Elektricität herstammt, indem er die Anziehung, welche 
geriebener Bernstein auf leichte Körper ausübt, zuerst 
wahrnahm. Wenn dies auch nicht weiter verbürgt werden 
könnte, so hat doch die Beobachtung insofern ein Inter- 
esse, als sie später, weil der Bernstein auf griechisch Elektron 
heil'st, zu dem Namen Elektricität, Bernsteinhaftigkeit, Ver- 
anlassung gegeben hat. 

Nach Kratzenstein kommt der Name von dem arabi- 
schen elek (adhaeret), nach Buttmann dagegen von SXxeiv 
ziehen, daher der Bernstein SX^xTpov, Zugstein, woraus 
später iA.exTpov. Der Anziehung wegen, die der geriebene 
Bernstein auf Stroh, Fäden, Blätter und andere leichte 
Körper ausübt, nannten ihn die Syrer Räuber, die Perser 
Strohräuber, Karuba, woher das auch noch jetzt den Bern- 



Elektridtät. 83 

Btein bezeichnende Wort Carabe stammt. Im Französischen 

ist ein Trivialname desselben Tire-paille. Das deutsche 

Wort Bernstein ist nicht von der elektrischen Eigenschaft 

des Fossils abgeleitet, sondern von seiner Brennbarkeit; es 

kommt von dem yeralteten niederdeutschen bemen d. h. 

brennen, leuchten. Eine gleiche Bedeutung hat der mit 

Bernstein synonyme Name Agtstein, vom yeralteten aitenj 

bremien (Ueyse), welchen einst einige Puristen gebrauchen 

wollten, um die aus dem griechischen Elektron abgeleiteten 

Namen durch solche aus dem Deutschen entnommene zu 

rerdringen, also elektrisiren durch beagtsteinkrdftigen, und 

Elektrisirmaschine durch BeagUteinkräftigunga - liistzeug. 

Diese Vorschläge wurden in vollem Ernst von einem sonst 

Terdienten Elektriker, dem im J. 1790 als Konservator des 

karpftlz. physikal. Kabinets zu Manheim verstorbenen Abt 

Hemmer gemacht — natürlich aber nur Vorschläge blieben. 

Lange Zeit war der Bernstein der einzige Körper, an 

dem man die Eigenthümlichkeit kannte, nach dem Reiben 

leidite Körper anzuziehen. Erst einige hundert Jahre 

später entdeckte TheophrastOB von Eresus auf Lesbos, der 

berühmteste Mineralog des Alterthums, welcher von 371 

bis 286 lebte, dals das Lynkurion dieselbe Eigenschaft 

besitze. Welches Mineral das Lynkurion gewesen sei, 

weifs man nicht; die Alten fabelten von ihm, dafs es aus 

dem Harne des Luchses anschiefse, und daher auch sein 

Name Luchsstein. 

In späterer Zeit sind mehrfach gelehrte Untersuchungen 
ober das Lynkurion angestellt, und ein englischer Elek- 
triker Dr. Watson hat namentlich geltend gemacht, daft 
^ miser Turmalin sei. Allein die Eigenschaften, welche 
'^ptarast vom Lynkurion angiebt, Farbe, Härte, Politur- 
{^lugkeit, passen wie auf den Turmalin ebenso auf gar 
nele Edelsteine, und dann wäre Tbeoplirast ein sehr schlechter 
Beobachter gewesen, wenn er am Turmalin, der durch 
Reiben nur schwach oder gar nicht elektrisch wird, die 
ugenschaft nicht bemerkt haben sollte, weshalb er in der 
^schichte der Elektricität eine gewisse Epoche begrfin- 

Poggendorff, Oe«cb. «L Physik. 3 



34 Elektridt&t 

dete, die Eigenschaft n&mlich, durch Erwärmung elektrisch 
zu werden. Viel eher könnte man berechtigt sein den 
Carbunculus des Plinius f&r einen Turmalin zu halten, 
denn der berühmte Verfasser der Historia naturalis giebt 
von diesem übrigens auch nicht bekannten Stein an, dafs 
er sowohl gerieben als von der Sonne erwärmt die Eigen- 
schaft erlange, leichte Körper anzuziehen. 

Unser Turmalin ist mit Gewifsheit den Alten nicht 
bekannt gewesen, und wir haben ihn erst aus Indien, aus 
Ceylon, kennen gelernt, woher ihn 1703 die Holländer 
unter dem Namen Turmalin^ Tumamal oder Trip brachten. 
Sie selbst belegten ihn mit dem Namen Aschentrecker, 
weil sie bemerkten, dafs der Stein die leichte Asche auf 
glimmenden Torfkohlen anziehe, und nach einiger Zeit 
wieder abstofse. Die erste Nachricht darüber brachte die 
Schrift: Curiose Speculationea bei schlaflosen Nächten von 
einem Liebhaber y der immer get^ speculirt^ Leipzig 1707, 
worin der anonyme Verfasser die ganz richtige Bemer- 
kung macht, er zweifle gar nicht, dals der Stein, wenn 
er erhitzt sei, wohl mehr Dinge als Asche an sich ziehen 
möge*). 

Nach Allen diesem ist es also nicht erwiesen, daSs das 
Lynkurion unser Turmalin gewesen sei, vielmehr ist es 
wahrscheinlicher, dafs man darunter unsem Hyacinth zu 
verstehen habe, eine Meinung, der in späteren Zeiten 
mehrere Naturforscher beigetreten sind, und die zuerst 
von dem Bischof Epiphanios in seinem Buche über die 
12 Edelsteine auf dem Kleide Arons ausgesprochen wor- 
den ist, freilich aus dem eben nicht gewichtigen Grunde, 
weil er das Wort Lynkurion nicht habe in der Bibel finden 
können, die er fUr eine Mineralogie zu halten scheint. 

14. Dafs die Alten überdies Kenntnifs von den elek- 
trischen Erscheinungen der Atmosphäre haben mufsten, 
bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung. Blitz und 
Donner sind ja besonders in südlichen Gegenden so häu- 



^) Beckmann, Beiträge I, 241. 



£lektriciUt. 35 

fige und 6o aufPaUende Phänomene, da/s sie Keinem un- 
bebuint bleiben konnten. Allein aufser dem Gewitter kann- 
ten die Griechen und Römer noch eine viel seltenere elek- 
tridche Erscheinung, diejenige nämlich, welche wir jetzt 
das Elmsfeuer nennen, und die aus leuchtenden, elek* 
trifichen Ausströmungen aus Spitzen von Masten, Thürmen, 
Zweigen der Bäume und Sträucher, selbst von Haaren an 
Menschen und Thieren, besteht. Ueber dieses Phänomen 
finden sich nun bei den Alten mehrfache Nachrichten, die 
zum Theil recht charakteristisch sind. 

In Caesar's Geschichte seines afrikanischen Krieges 
cap. 47 heilst es: Plötzlich entstand ein ungeheurer Sturm 
fMt Steinregen (Hagelf )y und in derselben Nacht glühten von 
ii&H die Spitzen an den Speeren der fünften Legion. Aehn- 
liebes berichtet Livius. Er sagt Lib. XXU, cap. 1: In 
Sieilien wurden den Soldaten die Speere leuchtend, und 
äa» Gestade glänzte von zahlreichen Funken. Ferner in 
Lib. XXXIV, cap. 45: Auf deni Forum, dem Comitium 
^ni Capitolüivi sah man Blutstropfen; es regnete einige Male 
Erde und d<is Haupt des Vulkans ward leuchtend. 

Plimiis rechnet das Elmsfeuer zu den Sternen. Er 
sagt Lib. II. cap. 37 : Es giebt Sterne auf dem Meere und 
auf dem Lande. Ich selbst, setzt er hinzu, scA den Spee^ 
nn der Soldaten, die Nachts Wache hielten, ein sternähn-- 
liehes Licht sich anhangen. Auch auf die Segelstangen und 
andere Theile der Schiffe setzten sie sich mit eigenihümlichem 
Geräusch, wie Vogel hüpfend von einem Orte zum andern, 
^enn sie einzeln kommen, sind sie vei*dei*blich, die Schiffe 
lA den Grund bohrend, und wenn sie auf den Boden gesun* 
ien sind, die Kiele entzündend. Als Doppelsteme aber sind 
*w heiUamy Vorboten einer glücklichen Fahrt, und durch ihre 
Ankunft wird jene schreckliche Helena verscheucht. Deshalb 
*(^reibt man dem Poüua und Kastor diese Erscheinung zu, 
^nd ruft sie an als Götter auf dem Meere. Auch die Häup^ 
^r der Menschen umleuchten sie in den Abendstunden zu 
grof%er Vorbedeutung, Die Ursache aber von allem ist un- 
^^iannt^ verborgen in der Majestät der Natur. 

3* 



36 Eiektridt&t 

Dies letzte Geständniis, das Geständniis der Unbe- 
kanntschaft mit der Ursache dieser leuchtenden Phänomene, 
ist f&r die Geschichte der Physik von Wichtigkeit, indem 
daraus hervorgeht, dafs die Alten noch keine Vorstellung 
von der Elektricit&t besalBcn. 

Dennoch hat es in neuerer Zeit einen Physiker ge- 
geben, welcher den Alten eine unglaublich vollkommene 
Kenntniüs der Elektricität zuschreibt, welcher da meint, 
diese Kenntnüs sei ein Eigenthum der grauesten Vorzeit 
gewesen, und nur späterhin zu Plinins Zeiten wieder ver- 
loren gegangen^); ja das ganze Heidenthum sei aus der 
milsverstandenen Naturweisheit jener Urzeit hervorg^an- 
gen. Dieser Physiker giebt nun der Stelle, worin von 
Doppelstemen die Rede ist und gesagt wird, man schreibe 
sie dem Kastor und PoUux zu, die Auslegung, dafs die 
Alten damit die beiden Elektricitäten hätten bezeichnen 
wollen, und zur ferneren Stütze dieser Behauptung beruft 
er sich auf verschiedene mythologische Figuren, in deren 
Stellung er gleichfalls eine Andeutung von Kenntnüs des 
polaren Gegensatzes in der Elektricität zu erblicken glaubte. 

Es würde zu weit führen und auch nutzlos sein, wenn 
ich versuchen wollte, die Theorie jenes Physikers ausführ- 
lich zu entwickeln und zu widerlegen. Unterlassen aber 
kann ich hier die Bemerkung nicht, dafs die von Plinios 
erwähnten und dem Bruderpaare Kastor und Pollux zuge- 
schriebenen Doppelsteme, welche nach jener mythologi- 
schen Deutung die beiden entgegengesetzten Elektricitäten 
vorstellen sollen, in neuerer Zeit gar nicht beim Elmsfeuer 
wahrgenommen worden sind, und dais es auch weder nach 
unserer jetzigen Theorie, noch nach jener mythologischen 
Deutung einzusehen ist, wie bei diesem Phänomen beide 
Elektricitäten sich leuchtend nebeneinander entladen sollten. 

Wie es gekommen, dals Kastor und Pollux als Schutz- 
götter der Seefahrer betrachtet wurden, darüber hat die 

') Schweigger, Ueb. d. Älteste Physik a. den ürspniDg d. Heides- 
thaxns etc. Schweigg. Journ. XXXII I. — Ueber d. elektrische Erschei- 
oaDg, welche d. Alten mit dem Namen Kastor a. Polkz bezeichneten, 
das. XXXVn, 1823. 



Elektricitftt. 37 

Geschichte eine Sage aufbewahrt, und möglich ist, dals 
diese Sage auf die Vorstellung von dem Phänomen zurück- 
gewirkt hat Kastor und Pollux, so sagt die Geschichte, 
machten den Argonautenzug mit, und wurden einst auf 
dieser Fahrt von einem erschrecklichen Sturm überfallen. 
Als Alle laut zu den Göttern flehten, erschienen plötzlich 
auf den Häuptern von Kastor und Pollux zwei stemähn- 
liehe Flämmchen, und darauf legte sich das Ungewitter. 
Seitdem wurden Kastor und Pollux die Schutzgötter der 
Schiffer und empfingen den Namen der Dioskuren; des- 
halb werden beide auch immer mit einem Stern über dem 
Haupte vorgestellt. 

Möglich ist, dais diese Begebenheit zu der Sage von 
den Doppelstemen Anlais gegeben hat Ich nenne dies 
absichtlich eine Sage, weil, wohl bemerkt, Plinins selbst 
diese Doppelsteme nicht gesehen hat, sowenig wie irgend 
ein Physiker nach ihm. — Was es mit dem Unglücks- 
stern, den Plinins Helena nennt, eigentlich ftlr eine Be- 
wandtnüs habe, ist schwer zu sagen, vielleicht ist damit 
eine Feuerkugel gemeint. Sollte damit ein einzeln erschei- 
nendes Elmsfeuer gemeint gewesen sein, so hat sich wenig- 
stens seit Plinius Zeiten der Begriff von der Bösartigkeit 
eines solchen elektrischen Lichts sehr geändert. 

Noch heut zu Tage betrachten die Schiffer des Mittel- 
meers, wo sich dies Phänomen häufiger als bei uns zeigt, 
das Elmsfeuer als ein Zeichen des Nachlassens der Ge- 
witterstürme, gleichviel ob es sich blols auf einem Mäste 
oder auf mehreren Masten oder Segelstangen zeigt, und 
nicht selten pflegen sie bei solcher Gelegenheit Dankgebete 
an St Elmo oder Santa Anna zu richten. Die Namen 
St Elmo, Telmo, Hermo, welche dies Phänomen noch jetzt 
bei den Schiffern des Mittelmeers führt, sind offenbar aus 
Helena, der Schwester von Kastor und PoUuz, entstan- 
den^), — Die Portugiesen nennen es Corpo santo, woraus 
vielleicht der Name Comasant bei den englischen Schiffern 



') Piper, Poggendorrs Add. Bd. 82, S. 324. 



38 Elektricität. 

entstanden ist Die Namen Kastor und PoUuz haben sich 
nicht einmal in einer Korruption erhalten. 

15, Verschiedene Schriftsteller haben beweisen wollen, 
die Alten wären mit den Blitzableitern bekannt gewesen, 
besonders die Hetrurier, von denen sie die Römer kennen 
gelernt hätten ^). Indefs sind dies doch nur unhaltbare 
Vermuthungen. Zwar kannten die Alten einige Wirkun- 
gen des Blitzes, durch welche sie wohl auf die Abieiter 
hätten geftihrt werden können; sie wußten z. B., wie Pli- 
nios erwähnt, dafs der Blitz zuweilen eine Degenklinge 
schmelze ohne die geringste Wirkung auf die Scheide zu 
äuisem, das Geld im Beutel schmelze ohne diesen zu ver- 
brennen, das Eisen eines Wurfspiefses verbrenne ohne das 
Holz zu verletzen. Allein man kann nicht mit Bestimmt- 
heit nachweisen, dafs sie eine bewufste Anwendung davon 
gemacht hätten. Im Gegentheil findet man bei ihnen 
mehrfache Spuren eines ähnlichen Aberglaubens, wie wir 
ihn noch heut unter dem Volke antrefien. So glaubten sie, 
Zeus, der Donnerer, schone den Lorbeerbaum, und daher 
legten sie Lorbeerzweige auf die Weinfässer und HCihner- 
nester, damit ihnen das Gewitter nicht schade. Der furcht- 
same Tiberius soll sogar bei Gewittern einen Lorbeerkranz 
auf den Kopf gesetzt haben.*) 

Bei den Griechen und Römern ist demnach das Da- 
sein einer selbst empirischen Kenntnifs der Schutzkraft, 
welche metallene Leiter gegen Blitzschläge gewähren, höchst 
zweifelhaft;, dagegen scheint im Orient allerdings eine solche 
empirische Kenntnüs vorhanden gewesen zu sein. 

In dem Werke des Ktesias, Leibarztes des persischen 
Königs Artaxerxes Mnemon, etwa 400 v. Chr., kommt eine 
Stelle vor, worin gesagt wird, dafs die Inder Eisenstangen 
in den Boden steckten, um Wolken, Hagel und Blitzstrah- 
len abzuleiten. Ktesias selbst will es zweimal gesehen 
haben, indeis muTs bemerkt werden, dafs er diese Eigen- 



^) Ukert, Geogr. d. Griechen u. Römer IIa. 140. 
') Busch, Handb. d. Erfindungen II, 71. 



Eiektricität 39 

Bcbaft nicht jedem Eisen zuschreibt, sondern einem gewis- 
sen, das sich in Indien am Boden einer Quelle finde, die 
zugleich flüssiges Gold ausströme^). Ueberdies glaubten 
die Alten, dais das Eisen gar viele Uebel abwende^ gegen 
Vergiftmigen schütze u. s. w. 

In neuerer Zeit hat auch der Franzose Paravay nach- 
zuweisen gesucht, dals die Chinesen schon von Alters her 
zugespitzte Bambusrohre in den Boden gesteckt hätten 
um Gewitter abzuwehren , und er setzt diese Angabe in 
Verbindung mit den Spitzen, mit welchen das Dach des 
Salomonischen Tempels besetzt gewesen sein soll, in denen 
er gleichfalls Blitzableiter zu erkennen glaubte. Indels ist 
diese Ansicht wohl ebenso schwach begründet als die, dafs 
die Ketten, mit denen die Thürme der russischen Kirchen 
geschmückt sind, ursprünglich mit der Absicht, den Blitz 
abzuwehren, angebracht seien. Es wären dies wenigstens 
sehr unzweckmälsige Blitzableiter, da sie nicht bis in den 
Boden reichen. 

Alles zusammengefafst sieht man, dais die Nachrichten 
über Blitzableiter bei den Alten sehr apokryph sind, und 
am allerwenigsten eine rationelle Kenntnifs von den Ur- 
sachen der Wirkungen dieser Instrumente voraussetzen 
lassen. Nirgend finden wir eine entschiedene Angabe, 
dab die Alten das Wesen der Eiektricität nur einiger- 
mafsen klar eingesehen hätten. Nicht einmal der Zu- 
sammenhang des Gewitters und des Elmsfeuers mit der 
Anziehung, welche geriebenes Elektron und Lynkurion 
auf leichte Körper ausüben, ist irgendwo bei ihnen ausge- 
sprochen, und ebenso wenig kannten sie die abstolsende 
Wirkung dieser Minerale. Es ist also sicher ganz unbe- 
gründet, ihnen jene tiefe Einsicht in das Wesen der elek- 
trischen Polarität zuzuschreiben, welche einzelne neuere 
Schriftsteller in mythologischen Andeutungen zu erblicken 
glaubten. 



') Ukert, Geogr. d. Griechen u. Römer IIa. 140. 



40 Magnetümns. 

Magnetismus. 

16. • Auch die Lehre vom Magnetismus blieb bei den 
Alten in der ersten Kindheit; ihre Kenntnisse beschränkten 
sich hauptsächlich auf den natürlichen Magnet. Von der 
magnetischen Polarität besafsen sie nur empirisch einige 
sehr schwankende Vorstellungen, und die Magnetnadel blieb 
ihnen ganz unbekannt. 

Zwar hat man dies bestreiten wollen und sich zu dem 
Ende auf mittelalterliche Schriftsteller berufen, auf Vineent 
de Beaayais, welcher gegen 1250 schrieb, und Albreeht v. 
Bollstaedt d. i. Albertos Magnus, die das Gegentheil be- 
zeugen. Sie citiren Stellen aus einem arabischen dem 
Aristoteles zugeschriebenen Werk: Das Buch der Steine^ 
worin deutlich von der Polarität des Magneten und dessen 
Gebrauch in der Schi£3ahrtskunst die Rede ist. Allein der 
gelehrte Sinolog Julias Klaproth hat gezeigt, dals jene 
von Vincent de Beauyais und Albreeht y. Bollstaedt citirten 
Stellen des arabischen Werks untergeschoben sind, indem 
sie nicht in der auf der pariser Bibliothek aufbewahrten 
Handschrift vorkommen, und dals das in arabischer Sprache 
auf uns gekommene Werk gar nicht von dem berühmten 
Aristoteles von Stagira herstammt, sondern von einem 
neueren Griechen gleichen Namens. 

Freilich berichtet Diogenes Laertins, aber nur dieser 
allein, dals auch der berühmte Aristoteles ein ähnliches 
Werk geschrieben habe, jedoch soll dies den Titel: lieber 
den Stein geführt haben, während der Titel des arabisch 
auf uns gekommenen Das Buch der Steine lautet, und über- 
dies so voller Lächerlichkeiten ist, daTs nicht zu glauben 
steht, es stamme von jenem erleuchteten Manne ab. Es 
wird z. B. darin gesagt, der Magnet ziehe Gold und Fleisch 
an. Aufserdem geht aus unzähligen Stellen der Schrift- 
steller des klassischen Alterthums hervor, dals die Schiffer 
der Römer und Griechen durchaus ganz unbekannt waren 
mit dem Eompafs^ und dals, wenn sie auf ihren Reisen 
sich von den Küsten entfernen mufsten, sie bei Tage sich 
nach der Sonne und bei Nacht nach den Sternen richteten. 



Magnetismus. 4 1 

Dafi Einzige, was den Alten bekannt war, war die 
magnetisclie Eigenschaft des natürlichen Magneten, des 
Magneteisensteins. Ueber die Art, wie die Alten mit ihr 
bekannt wurden, hat uns PliniUS ^) eine Fabel aufbewahrt, 
die er dem NÜLandery einem griechischen Arzt zu Per- 
gamom ums J. 160 v. Chr. nacherzählt. Danach soll der 
Hirte Maglies der Entdecker des Magnetsteins gewesen 
sein, indem er beim Hüten seiner Herde zufällig an einen 
Ort gerieth, wo die N&gel seiner Sandalen und die Eisen- 
spitze seines Stabes so fest gehalten wurden, dais er Mühe 
hatte sich loszurei&en. Er grub nach und fand so den 
Stein, der nun nach ihm Magnete^ genannt wurde. 

Andere verlegen diese Fabel nach Indien. Sie ist 
schon dadurch verdächtig, dais der Magnetstein in der 
ältesten Zeit den Namen Litho8 herakleia führte, d. h. ent- 
weder Herkulesstein oder Stein von Heraklea, einer Stadt 
am Berge Sipylus in Lydien. Diese Stadt scheint später 
den Namen Magnesia bekommen zu haben, und daher 
wnrde der Stein auch Magneeia liihoa^ Stein von Magnesia, 
Magnes oder Magnetes genannt. Auch heifst er Lydia 
lithcs^ Lydike lithos^ lydischer Stein, später auch Biderites 
lithos wegen seiner eisenartigen Natur oder Sideragogoa^ 
weil er anzieht. Aristoteles nennt ihn schlechtweg {] X(do< 
den Stein. 

Der Name Magnes, Magnetes behielt aber später die 
Oberhand, und dadurch ist bekanntlich der ganze Inbegriff 
von EIrscheinungen , von denen dieser Stein einige zeigt, 
mit dem Namen des Magnetismus belegt. 

Im Allgemeinen wulsten die Alten nur, dais der natür- 
liche Magnet das Eisen anziehe; von der magnetischen 
Absto&ung scheinen sie in früherer Zeit keine Kenntnifs 
gehabt za haben. Indels erwähnt doch Luerec (geb. 95 
V. Chr.), dais der Magnet das Eisen nicht nur anziehe, 
sondern auch abstoise, dais er auch durch andere Körper 
Hin auf das Eisen wirke, z. B. auf Eisenfeile, die in einem 
knpfemen Kessel befindlich sei. 



*) Historia nat Üb. XXXYI, cap. 25. 



42 Meteorologie. 

Selbst die alten Aegypter scheinen einige Kenntnils 
von der doppelten Wirkung des Magnetsteins gehabt zu 
haben, denn Plntareh (geb. 50 n. Chr. zu Chaeronea, 
gest. 120 oder 130) erz&hlt in D€ üids et onride, sie 
hätten den Magnet mit dem Namen Sprache des Honis 
und Sprache des Typhon belegt, es sind aber Honis und 
Typhon bei ihnen die Symbole der Vereinigung und 
Trennung in der Natur. 

Indefe Traren die Alten doch weh entfernt eine gründ- 
liehe Kenntniis von der Polarität zu besitzen. Ihr Wissen 
war ein rein empirisches, von dessen Unvollkommenheit 
uns die Aeuiserung des. Plimufi ein redendes Zeugnifs ab- 
legt, dais der Diamant dem Magnet seine Kraft gänz- 
lich raube. 

Meteorologie. 

17. Das bisher Betrachtete gab eine Uebersicht von 
dem, was die Alten im Bereich der eigentlichen Physik 
wuTsten; wir wollen jetzt einen Blick in ihre meteorolo- 
gischen Kenntnisse werfen. Bei dem glücklichen Klima, 
in welchem die Alten lebten, bei ihrem vielfachen Aufent- 
halt in freier Luft und ihrem au%eweckten Geiste, kann es 
nicht in Verwunderung setzen, wenn man sie fast mit allen 
Erscheinungen bekannt findet, die sich in der Atmosphäre 
zutragen, und in der That giebt es wenige, die nicht von 
den Alten beobachtet und beschrieben wären, zum Theil 
mit solcher Treue, dafs man darüber erstaunen mufs. Sie 
geben zuweilen Umstände an, die man lange f&r gleich- 
gültig oder unbedeutend hielt, bis eine tiefere Einsicht 
lehrte, daüs sie wesentlich ftir die Entstehung der Phäno- 
mene sind. So giebt z. B. Aristoteles an, dais der Thau 
sich nur in heiteren und windstillen Nächten zeige. Man 
hat diese Bemerkung lange unbeachtet gelassen, bis man 
endlich die Ursache der Thaubildung in der Wärmestrah- 
lung gegen den wolkenfreien Himmel fand, und damit ein- 
sah, dafs Heiterkeit des Himmels und Ruhe der Luft zwei 
unumgängliche Bedingungen zum Auftreten dieser Erschei- 
nung smd. 



Meteorologie. 43 

Anderereeits würde man aber doch den Alten zu viel 
Ehre erweisen, wenn man ihre Meteorologie eine wissen- 
diaftlicfae nennen wollte. Noch jetzt steht die Wissen- 
sdiaftfichkeit der Meteorologie auf ziemlich schwachen 
Füfsen, und die der Alten mnfste aus zwei nahe liegenden 
Gronden im Znstand der Kindheit verbleiben. Sie kannten 
erstlich nur einen verhältnüsmäfsig sehr kleinen Theil der 
Erdoberfläche, und konnten sich also zu einer Allgemein- 
heit in der Betrachtung der Erscheinungen gar nicht er- 
heben; mit den groisen Luftströmungen z. B. vom Aequator 
zum Pol und zurück blieben sie deshalb ganz unbekannt 
Zweitens entbehrten sie aller meteorologischen Instrumente, 
namentlich der beiden hauptsächlichsten des Barometers 
und Thermometers, mit deren Erfindung die wissenschaft- 
liche Meteorologie erst beginnt. 

Die Meteorologie war eine praktische Witterungskunde, 
wie wir sie noch heut zu Tage beim Landmann, Jäger 
iiod Schiffer antreffen, und auch ebenso vermischt wie diese 
mit mannichfiichen Lrthümem und Vorurtheilen, wie sie 
denn u. A. glaubten, dals die Gestirne Einflots auf die 
Wittenmg ausübten *). 

Ich will hier nicht alle meteorologischen Phänomene 
aufzählen, welche die Alten kannten und nicht kannten, 
sondern nur ein Paar namhaft machen, von denen man 
lacht glauben würde, dals sie ihnen bekannt gewesen wären, 
nämlich das Nordlicht und die Meteorsteine. 

Das Nordlicht war Aristoteles offenbar bekannt, denn 
seine Beschreibung von am Himmel gesehenen feurigen 
Balken, die eine rothe Farbe h&tten, palst ganz auf dieses 
Meteor. Auch die Angaben von Seneca, Plinins u. A., es 
sei hell am Himmel gewesen, dals die Nacht dem Tage 
änlich war; der Himmel habe gebrannt, sei blutig ge- 
wesen tt« 8. w. lassen sich wohl auf nichts anderes, als auf 
das Kordlicht beziehen, welches auch bekanntlich in unseren 
Zeiten bisweilen, wenn auch nur selten, im südlichen Europa 
g^eben worden ist. 



^) Ukert, Geogr. d. Gr. u. Römer Ha. 158. 



44 Meteorok^ 

Aoffidlend ist es indeft eiliigennaisen, dafe wfihrend 
wir so manche Hindeotong auf das NordKcht bei den 
Alten finden, aioh mit Giewi^riieit keine auf das Zodiakal- 
licht bei ihnen nachweisen UUst, da doch dieses Phänomen 
in sfidlichen G^enden aosg^ildeter und deutlicher ist 
wegen des reinen Himmels als bei uns, und die Gelegen- 
heit zu dessen Beobachtung jedenfiüls sich häufiger dar- 
bietet als die vom Nordlicht^). 

18* Was die Niederfllle von Meteorsteinen, Meteo- 
riten oder Aerolithen betrifit, so ist der berühmteste im 
Alterthum der, welcher sich 465 t. Chr. am Aegos Potamos 
oder Ziegenfinfs in Thracien am Hellespont zutrug. Schon 
Aristoteles spricht von ihm und Plutareh hat den Stein, 
der eine sehr bedeutende Gröüae, eine Wagenlast, hatte, 
so gut beschrieben, als man es von der damaligen Zeit nur 
erwarten kann. Plinius berichtet, es habe AsaxA^ras, 
der zur Zeit dieses Meteorfalls lebte, das Ereignifs voraus- 
gesagt; dies ist aber wohl nur so zu verstehen, dafs Ana- 
xagoras gesagt hat, es fielen bisweilen solche Steine vom 
Himmel, denn prophezeien kann bis jetzt noch Niemand 
dergleichen Ereignisse. Merkwürdig ist hierbei noch die 
Behauptung von Auaiagoras, dais dergleichen Steine aus 
der Sonne stammten, eine Behauptung, die, insofern sie 
den Meteorsteinen einen kosmischen Ursprung ertheilt, mit 
der zuerst von unserm Landsmann CUadni begründeten 
Lehre zusammenfällt. 

Bemerkt zu werden verdient auch noch, dais die Steine, 
welche im Orient eine göttliche Verehrung genossen und 
von den Griechen Bäthylien genannt wurden, aller Wahr- 
scheinlichkeit nach nichts anderes waren als Meteorsteine. 
Dahin gehört u. A. der von den Muhamedanem f&r heilig 
gehaltene Stein in der Kaaba zu Mecca, von dem Zam- 
haseher, einer der Kommentatoren des Korans sagt, der 
Engel Gabriel habe ihn vom Himmel gebracht^). Uebri- 



») Ukert, ibid. Ha. U7. 

') Chladni, Ueb. Feaermeteore etc. S. 184. 



Phjsikaliflclie Geographie. 45 

gens kann nicht jede Nachriebt von Steinregen, die bei 
deo Aken vorkommt, anf Meteorsteine bezogen werden, zu- 
weilen sind damit auch nur Hagelfälle bezeichnet. 

Dagegen leidet es keinen Zweifel, dafs den Alten auch 
die Feaerkngeln bekannt gewesen seien, die wenigstens in 
dtf Kegel nichts anderes sind, als die noch über der Erde 
schwebenden glühenden Meteorsteine. Aristoteles wu&te 
sogar^ dafs die Feuerkugeln zuweilen rikochettiren oder 
Sprünge in ihrem Laufe machen, eine Erscheinung, die aus 
dem Widerstand der Luft abzuleiten ist, und von den Alten 
Capra saltans genannt wird. Auch die Chinesen kennen 
sie und geben ihr den Namen Himmlischer Hund. 

üeberhaupt haben die Alten, wie schon gesagt, die in 
die Sinne fallenden meteorischen Erscheinungen fast sämmt- 
lieb und zwar sehr frühzeitig gekannt, wie man denn 
namentlich bei den ionischen Philosophen: Anaximander 
(geb. 610 zu Milet, gest. 546, Schüler des Tbales), Anaxi- 
neies (aus }f ilet, um 550 lebend) und Anaxagoras (500 zu 
Klazomenae geb. und 428 gest. zu Lampsacus) zum Theil 
i&r ihre Zeit ganz vernünftige Ansichten findet, z. B. über 
die Winde, die nach ihnen entstehen, wenn die Sonne die 
feinsten oder feuchtesten Theile der Luft auflöst und in 
Bewegung setzt, oder die verdichtete Luft verdünnt, wie 
imimeiies und Anaxagoras glaubten. Der Koryphäe unter 
den Meteorologen des Alterthums ist aber Aristoteles, der, 
wemi er auch die Meteorologie nicht zur Wissenschaft 
erbeben konnte, sie doch durch viele und zum Theil sehr 
feine Beobachtungen bereicherte. 

Physikalische Geog^raphie. 

19. Um das Bild von den physikalischen Kenntnissen 
der Alten zu vollenden, müssen wir noch einen Blick auf 
den Zustand ihrer physikalischen Geographie werfen. Be- 
greiflich war auch diese, nach heutigem Mafsstab gemessen 
sehr unvollkommen, besonders in den ersten Jahrhunder- 
ten. Dies zeigt sich zunächst in den Vorstellungen der 
Alten von der Gestalt und Gröfse der Erde, die in den 



46 PhywkaliiMAe G«ogimpliie. 

ältesten Zeiten zum Theil so kindisch waren, dals sie in 
späteren Zeiten das Gespött ihrer eigenen Philosophen und 
Naturforscher wurden. 

So lange der Ideenkreis der Alten nicht viel über die 
Länder hinaus ging, welche das Mittehneer ums&omen, 
war ihnen dieses Meer mit seinen Küstenländern und seiner 
Inselwelt gleidbsam das Centmm der Sdiöpfiing. Im Osten 
lieisen sie die Erde durch Syrien und den Hellespont be- 
gränzt sein, im Westen zwei Tagereisen hinter Sicilien 
endigen, und ohne die Gränzen nach Süden und Norden 
genau zu bestimmen, gaben sie dem Ganzen die Form 
einer flachen Scheibe, welche entweder unmittelbar auf 
hohen Gebirgen das eherne Himmelsgewölbe trug, oder 
noch erst von einem breiten Strom, dem Okeanos, um- 
flossen ward. 

Dies ist das Bild, welches man etwa 1000 bis 900 
T. Chr. in den homerischen Gesängen von der Erde auf- 
gestellt findet. Es erhielt sich sehr lange unter den Grie- 
chen, nur etwas abgeändert in dem Mause, als sich ihre 
LänderkenntniXs erweiterte. Man verschob die Gränzen 
der Gäa im Westen bis zu den Säulen des Herkules, im 
Osten bis über den Bosporus hinaus nach Kolchis; man 
liefs den Himmel auf dem Rücken des mächtigen Atlas- 
gebirges ruhen und die Unterwelt, Hades, Tartarus, durch 
einen Arm des Okeanos, den Styx, bewässern. 

Bei solchen und ähnlichen Abänderungen der anfäng- 
lichen Vorstellung blieb indefs die Annahme einer flachen 
oder scheibenförmigen Gestalt der Erde beibehalten. Thaies 
dachte sich das Himmelsgewölbe als eine Hohlkugel zur 
Hälfte mit Wasser gefüllt, und darauf schwimmend die 
Erde in Gestalt einer Walze, Säule oder Trommel , oder 
wie Andere blofs in Bezug auf die Breite sagten, wie ein 
Platanenblatt oder Brett. Nach Tkales war also das Weltall 
gleichsam ein Ei und die Erde der Dotter darin. Einige 
spätere Schriftsteller haben dem Thaies zwar gesundere 
Ansichten unterlegen wollen ; allein Aristoleles und Seneca 
widersprechen dem ausdrücklich, und dieser Widerspruch 



PhjsikaHsohe Geographie. 47 

findet in den Lehren der Schüler von Thaies , soweit wir 
sie kennen, eine nähere Bestätigung. 

Von AnaiilMder's Ideen über die Gestalt der Erde 
llist sich zwar nichts Bestimmtes angeben, aber von Anaxi* 
leiM, seinem Freund und Schüler, weifs man, dafs er sich 
die Erde als eine runde Tischplatte dachte. Aehnlich 
waren die Meiiiungen von Pherecides, Lencipp, EmpedoUes 
and yielen Anderen. Noch zu Sokrates Zeiten (470—400) 
▼tf es zweifelhaft, ob die Erde flach oder rund sei, denn 
dieser wandte sich an seinen Lehrer Anaxagoras mit der 
Fnge, welche Ansicht er fbr richtig halte. So viel Schwie- 
rigkeit machte die Auffindung einer Wahrheit, die uns, 
vdl wir sie von Jugend auf vernehmen, ganz offen da- 
zuliegen scheint. 

20. Wer zuerst die Idee von einer Kugelgestalt der Erde 
aufgestellt habe, IfiTst sich nicht mit Bestimmtheit angeben, 
ebensowenig, wann sie angekommen ist. Wahrscheinlich 
ist sie längst von dem einen oder anderen hellen Kopf 
gehegt worden, während die Masse noch den Vorstellungen 
TOQ der flachen oder scheibenförmigen Gestalt anhing. 
Einige nennen Thales als den Urheber der richtigen An- 
sicht, und dies w&re insofern nicht unglaublich, als der- 
selbe durch längeren Aufenthalt in Aegypten astronomische 
Kenntnisse eingesammelt hatte, so dafs er angeblich sogar 
^10 y. Chr. eine Sonnenfinstemifs vorher sagen konnte. 
Allein Aristoteles bestreitet dies und von Thaies selbst 
laben wir keine Schriften, die darüber entscheiden könnten. 

Andere legen Pytbagoras die Ehre bei, zuerst die 
Kugelgestalt der Erde erkannt zu haben, noch Andere 
^ Annagoras. Wie dem auch sei , ums Jahr 450 fin* 
^n «ch schon mehrfache Spuren von dieser Lehre, und 
ZQ Plato's Zeit wurde dieselbe bestimmt von mehreren 
Philosophen vorgetragen, so namentlich von Philolans und 
Etioms von Knidos, wie wohl es von Plato selbst zweifel- 
^ oder unklar ist, was eigentlich seine Meinung war. 
Wato, eigentlich Aristokles, war 429 v. Chr. zu Athen 
geboren und daselbst 348 gestorben. 



48 Physikalische Geographie. 

Zu Aristoteles Zeit war die Lehre von der Kugelgestalt 
schon ganz die herrsdiende, und et selbst fbhrt mehrere 
sehr triftige Gründe an, weshalb die Erde diese Gestalt 
haben müsse, so die Form des Erdschattens bei Mond- 
finsternissen, die Verschiedenheit in der Lage des Hori- 
zonts u. a. m. Auch AreUmedes lehrte, dafs die Erde 
und das sie umgebende Wasser wegen der Gestalt der 
Tropfen die Form einer Kugel habe. 

Der Grund, weshalb die Lehre von der Kugelgestalt 
so spät aufkam und selbst, nachdem sie angestellt irar, 
noch Zweifler und Widersacher fimd, lag darin, dafs man 
sich nicht klar zu machen vermochte, was denn die £rde 
halte, wiewohl diese ¥rsLg^ auch bei der Scheibengestalt 
der Erde nicht erledigt ward. Die älteren Philosophen 
der Griechen benahmen sich bei dieser Frage wie die 
Inder ^ welche die Erde von einem Elephanten tragen 
lassen, ohne sich darum zu kümmern, worauf denn dieser 
seine Füfise setzt. Einige g^echische Philosphen liefsen 
sie auf Wasser schwimmen, andere, wie Aiaiimenes und 
naiagoras auf verdickter Luft. Empedokles lehrte, die 
Erde werde durch den schnellen Kraslauf des Himmels 
gehalten, ebenso wie Wasser, das man in einem Gefäfse 
im Kreise herumschwenkt, und Xencq^hanes, ein Schüler 
des Arehelaos durchschnitt den gordischen Knoten damit, 
da(s er sagte, die Erde falle deshalb nicht, weil ihre 
Wurzeln sich bis ins unendliche erstrecken. 

Eine genügende Antwort auf die Frage, was denn 
die Erde im Himmelsraum halte, sind die Alten schuldig 
geblieben aus dem einfachen Grunde, weil sie der über- 
wiegenden Mehrzahl nach sich zu der Ansicht bekannten, 
dafs die Erde ruhe, im Weltall still stehe. In dieser frei- 
lich sehr irrigen Ansicht haben Einige indels auf jene Frage 
eine Antwort gegeben, die ganz plausibel erscheint, und 
daher auch von ihren grölsten Astronomen und Mathe- 
matikern angenommen wurde. Sie sagten, das Himmels- 
gewölbe ist eine massive Hohlkugel, in deren Mitte sich 
die Erde befindet. Warum sollte die Erde fallen; es ist 



Gröfse der Erde. 49 

ja kein Grund vorhandeii, warum sie eher nach der einen 
Richtung als nach der andern fallen sollte. Sie mufs von 
selbst schweben bleiben, sie braucht nicht gehalten zu 
werden« 

Diese Ansicht findet sieh schon bei Anaximander, und 
bat sich noch erhalten bis herab zum letzten und ausge- 
zeichnetsten Astronomen der Griechen Ptolemaeos. Einzelne 
Männer waren zwar anderer Meinung, wie ich sogleich 
etwas näher auseinander setzen werde, allein sie drangen 
nicht durch. Die Mehrzahl der Alten und darunter grade 
die Männer von Fach, die Mathematiker, Astronomen und 
Geagraphen blieben der Lehre zugethan, dais die Erde 
im Mittelpunkt des Weltalls ruhe, und der Himmel sich 
um sie drehe. 

Gpöfse der Erde. 

21. Nachdem die Alten zu der Einsicht gelangt waren, 
dais die Erde eine Kugelgestalt besitzen müsse, suchten 
sie die Gröfse dieser Kugel zu bestimmen. Schon vor 
Aiistateles scheinen dergleichen Versuche gemacht worden 
20 sein, denn er sagt in seinem Buche De Coelo, es hätten 
alle Mathematiker den Umfang der Erde = 400000 Stadien 
gefunden. Wie man zu diesem Resultat gelangt ist, giebt 
^r nicht an; jedenfalls ist es sehr unrichtig, fast doppelt 
so grob als es sein müXste. Archimedes setzt den Umfang 
der Erde auf 300000 Stadien. Es war dies die gewöhn* 
liehe Annahme zu seiner Zeit, die, wie man meint, von 
^inem seiner Zeitgenossen Aristarch von Samos herrührt, 
einem geistreichen und geschickten Beobachter, der im 
J- 267 V. Chr. auf der Insel Samos geboren wurde. Ob 
^ Angabe mehr als eine Schätzung war, wissen wir 
^t; jedenfalls ist auch sie noch bedeutend zu grofs, 
*fim man in runder Zahl das Stadium = jj geogr. 
Meile setzt. 

Die erste historisch nachgewiesene Messung der Erde 
^lotemahm Eratosthenes (geb. zu Alexandrien 276 v. Chr.), 
^ vielseitig gebildeter Mann, der zugleich Philosoph, 

Poggendorff, Geach. d. Physik. 4 



50 Grofse der Erde. 

Literat, Dichter, Mathematiker und Astronom war, und 
an der grofsen Bibliothek zu Alexandrien das Amt eines 
Bibliothekars verwaltete. Er glaubte beobachtet zu haben, 
dafs die Stadt Syene in Ober-Aegypten genau unter dem 
nördlichen Wendekreis liege, d. h. dais daselbst zur Zeit 
des Sommersolstitiums am Mittage die Sonne genau im 
Zenith stehe, also der Stift des Gnomons keinen Schatten 
werfe. Er glaubte ferner gefunden zu haben, dafs Alexan- 
drien mit Syene genau in einem Meridian liege, und dais 
daselbst zur Zeit des Sommersolstitiums am Mittage die 
Sonne um ^ der Peripherie (7® 12') vom Zenith entfernt 
bleibe. Er setzt die Entfernung beider Städte = 5000 
Stadien. Dies wäre nun auch nach seiner astronomischen 
Beobachtung = ^ des Umfangs der Erde, und der ge- 
sammte Umfang betrüge hiernach also 250000 Stadien. 

In dieser Messung ist mehreres ungewifs und unge- 
nau. Was war ein Stadium? nach Einigen gab es zweierlei 
Stadien, ein ägyptisches = 50 Toisen oder 300 par. Fuls, 
und ein olympisches = 95 Toisen oder 570 par. Fuis d. i. 
etwa ^jf geogr. Meile. Es fragt sich nun, selbst bei der 
Annahme, dafs es nur ein Stadium, das griechische, gab, 
wie mäfs Eratosthenes die Entfernung beider Städte? am 
wahrscheinlichsten durch die Zeit nach Reiseberichten. 
Ferner lag Syene nicht im Meridian von Alexandrien, 
sondern 3^ östlich, und endlich war der Parallelismus der 
Sonnenstrahlen eine Hypothese. Auf jeden Fall ist das 
Resultat etwas zu grofs, der Grad wäre danach 63000 Toisen, 
während er in Wahrheit etwa 57 000 Toisen ist. Dennoch 
erlangte diese Messung im Alterthum eine grofse Berühmt- 
heit und das mit allem Recht, denn jeder Schritt zu einer 
neuen Bahn verdient die höchste Anerkennung. 

Etwa zwei Hundert Jahre nach Eratosthenes stellte 
Posidonias eine ähnliche Messung an. Derselbe war zu 
Apamea in Syrien 103 v. Chr. geboren, lehrte zu Rhodus 
stoische Philosophie und starb in Rom zu Zeiten Cicero's, 
mit dem er befreundet war. Seine Messung beruhte auf 
keinem neuen Princip und besafs auch an Genauigkeit 



Orofse der Erde. 51 

keinen Vorzug. PosidonillS glaubte beobachtetjjzu haben, 
i^ der Stern Kanopus im Schiffe Argo, der [zur Zeit 
seiner Kulmination den Horizont der Stadt Rhodus auf 
der gleichnamigen Insel so eben berührte, zu derselben 
Zeit in Alexandrien um ^ der Ereisperipherie fiber dem 
Horizonte stehe. Die Entfernung zwischen Rhodus und 
iJeiandrien setzte er ebenfalls auf 5000 Stadien, wonach 
ako der gesammte Umfang der Erde 240000 Stadien be* 
tragen würde. 

Nach Strabo hat Posidonios später seine Messung be- 
richtigt, indem er gefunden, dafs die Entfernung zwischen 
Rhodus und Alexandrien nur 3750 Stadien betrug. Da- 
nach wäre der Erdumfang 180000 Stadien, ein offenbar 
richigeres Resultat, das sich auch in der Geographie von 
Ptolenaens findet, ohne dafs man weifs, woher er diese 
Zahl genommen hat 

22. Nachdem sich bei den Alten die Ansichten über 
die Gestalt und Gröfse der Erde geläutert hatten, bildeten 
^h auch ihre Kenntnisse in den übrigen jiZweigen der 
physikalischen Geographie mehr aus, namentlich in den- 
j^en, die man jetzt unter dem Namen der mathematischen 
Geographie zusammenfafst. Wir finden sie namentlich aus- 
gebildet bei Eratosthenes, Posidonius, Oenunns (77 v. Chr.), 
Ptolemaens. Die Unterscheidung zweier Pole, des Aequa- 
tors, der Wendekreise, der arktischen Kreise, der Längen- 
^d Breitengrade, der Zonen u. s. w. schreibt sich aus 
den Werken dieser Alten her, wie sie auch die ersten 
VergQche machten die Oberfläche der Erde auf Globen 
und Planigloben darzustellen. Sie sahen auch ein, dafs 
<ler ihnen bekannte Tbeil der Erde nur ein kleiner Theil 
^er gesammten Erdoberfläche sei, und der Umstand, dai's 
^r Theil mehr lang als breit war, hat eben zu den 
Namen geographische Länge und Breite Anlafs gegeben. 

Von den f&nf Zonen, welche sie annahmen, hielten 
''ie nur die beiden gemäfsigten, welche durbh die heifee 
getrennt waren, flör bewohnt Wiewohl sie also der Be- 
wohnbarkeit der Erde Gränzen steckten, die wir jetzt nach 

4* 



52 Grofte der Erde. 

Norden und Süden weh überschritten finden, so liefsen 
sie doch die Möglichkeit Ton Bewohnern zu, die nur dia- 
metral gegenüber lebten und ihre Füise den unsrigen zu* 
kehrten, sie statuirten also Antipoden. Die Lehre von 
Antipoden findet sich schon bei Plato» und einige schreiben 
sie sogar dem Pythagoris .zu. 

Aber neben diesen ganz richtigen Ansichten finden 
wir auch sehr viele Irrthümer und Yorurtheile. So z. B. 
sind sie offenbar über das wichtigste astronomische Phä- 
nomen Ar die Physik der Erde, über die Jahreszeiten, 
nicht ins ELlare gekommen. Abgesehen nftmlich davon, 
dafs sie das scheinbare Auf- und Absteigen der Sonne für 
eine wahrhafte Bewegung dieses Gestirns in Richtung des 
Meridians ausgaben, und über den Grund dieser Bewe- 
gung keine Auskunft zu geben vermochten, hatten sie auch 
eine falsche Vorstellung über die Ursache der mit diesem 
Auf- und Absteigen verknüpften Temperaturschwankungen. 
Sie schrieben diese einer periodischen Veränderung in dem 
Abstände der Sonne von der Erde zu, während sie in 
Wirklichkeit blois von der verschiedenen Neigung der 
Sonnenstrahlen gegen den Horizont oder die Erdaze her- 
rührt. 

23. Ebenso unvollkommen blieb bei den Alten die 
physikalische Geographie im engeren Sinne des Worts, 
die Lehre von den physikalischen Erscheinungen auf der 
Oberfläche der Erde, soweit sie das Land und das Wasser 
betritt. Sie hatte ungefähr gleichen Charakter mit ihrer 
Meteorologie, d.' h. sie kannten historisch und empirisch 
die meisten der hierher gehörigen Erscheinungen, verstanden 
aber nicht, sie zu verknüpfen und auf ihre Ursachen zurück- 
zufiLhren. 

Eine Geologie, die da Rechenschaft gegeben hätte von 
der Entstehung der Gebirge, der Vulkane, Erdbeben und 
ähnlichen Erscheinungen, existirte noch nicht bei ihnen, 
oder es waren die Bemühungen so unvollkommen und ver- 
kehrt, dafs sie für die Folgezeit von keinem Einfluls auf 
den Gang der Wissenschaft wurden. Allenfalls könnte 



Grolle der Erde. 53 

man hierher die Lehre vom Centnüfeuer rechnen, die in 
Deoerer Zeit, freilich in sehr geläuterter Gestalt, zu grofsem 
Ansehen gelangt ist. Uebrigens mafsen die Alten schon 
Beighdhen mit Winkelinstrumenten, die Dioptern hatten. 
En^kenes, PtolemMiu n. A. geben an, da& kein Berg 
bölier als 10 bis 15 Stadien sei, was wenigstens richtiger 
k ib die Angabe von Plinilis, dafs mehrere Spit^n der 
Alpen eine Höhe von 50 Millien d. i: 10 geogr. Meilen 



24. Sonstige Gegenstände ihres Nachdenkens war^i 
die Flüsse, die Seen, das Meer, besonders die Quellen, 
fkn [deren Entstehung sie mancherlei Hypothesen auf- 
stellten. Auch die Erscheinung der Ebbe und Fluth ent- 
ging ihnen nicht, wiewohl sie erst ziemlich spät mit der- 
selben bekannt wurden, da das mittelländische Meer ihnen 
keine Gelegenheit gab, dieses Phänomen zu beobachten. 

Angeblich ist Pftkeas aus Massilien, dem heutigen 
Marseille, einer griechischen Kolonie, der erste Grieche 
gewesen, der Ebbe und Fluth aus eigener Anschauung 
trennen lernte. Er lebte zur Zeit Alexanders des Grofsen 
^ machte eine Reise hoch nach dem Norden, bis zur 
Insel Thnle, vermuthlich dem heutigen Island, da er an- 
hebt, in einem Lande gewesen zu sein, wo die Sonne zur 
Zeit des Sommersolstitiums nicht untergehe oder den Hori- 
zont in der Nacht eben berühre. Auf dieser Reise beob- 
achtete er das Phänomen der Ebbe und Fluth^ und was 
wichtiger als das ist, er sah auch dessen Znsammenhang 
init dem Grang des Mondes ein. So wie indefs Plntarch 
und PBiias die Sache berichten, hätte Pytheas eine sehr 
tiorichtige Meinung von dem Einfiufs des Mondes gehabt, 
^nn diese lassen ihn die Fluth von dem Vollmond und 
^ Ebbe vom Neumond ableiten. Vermuthlich haben aber 
Phtareh und Plinias den Pjrtheas mifsverstanden , denn 
dais die Fluth nicht einmal monatlich, sondern täglich 
^eimal eintrete, konnte ihm unmöglich entgangen sein. 

üeberhaupt war den Griechen bis zu den Zeiten 
Alexanders des Grofsen das Phänomen der periodischen 



54 Grölse der Erde. 

MeeresoscUlationen wenig bekannt. Man weifs, wie sehr 
die Krieger Alexandero erstaunten, als sie an den Küsten 
Indiens das Meer sich in dem Grade zurückziehen sahen, 
dais die Schiffe au& Trockne gesetzt wurden; und i^enn 
man auch dieses Zeugnifs nicht hoch in Anschlag bringen 
will, da es sehr wohl möglich w&re, dafs den Feldherren 
und Kriegsleuten unbekannt blieb, was die Philosophen 
und Naturforscher schon längst wufsten, so ist es doch 
auffallend, dafs in den auf 14ns gekommenen Schriften des 
Aristoteles nichts tlber Ebbe und Fluth zu finden ist Da- 
gegen waren die späteren Griechen und die Römer mit 
dem Phänomen näher bekannt, wozu wohl die Kriege in 
Iberien, Gallien und Britannien Veranlassung gaben. Caesar 
spricht im vierten Buch seines gallischen Krieges davon. 
Ja^ wenn es gegründet ist, was Strabo (geb. 19 n. Chr. 
zu Amasia in Kappadocien) erzählt, so hätte man lange 
vor Pjrtheas eine vollkommenere Kenntnils von Ebbe und 
Fluth gehabt als diesem scheint zugeschrieben werden zu 
können. Nach Strabo hätten nämlich die Phönicier schon 
gewulst, dafs es in den periodischen Oscillationen drei Pe- 
rioden gebe: 1) tägliche nach dem Durchgang des Mondes 
durch den Meridian unten und oben; 2) monatliche, zu- 
folge denen die stärksten Fluthen zur Zeit des Voll- und 
Neumondes, die schwächsten zur Zeit des ersten und letzten 
Viertels, eigentlich IJ Tage später, eintreten; 3) jährliche, 
zufolge welchen in den Aequinoktien die Fluthen zur Zeit 
der Syzygien stärker als in den Quadraturen seien und 
umgekehrt 

Möglich ist dies wohl, da bekanntlich die Phönicier 
schon sehr frühzeitig durch die Säulen des Herkules zu 
den kassideritischen Inseln d. i. Britannien schifften , um 
Zinn zu holen. Es legt ein gutes Zeugnifs von ihrer Beob- 
achtungsgabe ab, kann uns aber doch nicht veranlassen, 
ihnen eine gründliche Einsicht in die Ursache des Phä- 
nomens zuzuschreiben, denn dazu sind anderweitige Kennt- 
nisse, die Kenntnifs der allgemeinen Gravitätion erforder- 
lich, welche den Alten vollkommen unbekannt blieb. 



Zweiter Zeitraum. 



Von der ZerstSmng Alexandriens bis zur Stiftung 
der Akademien im XVII. Jahrhundert. 

25. Die Eroberung von Alexandrien und die Ver- 
nichtnng der dortigen Bibliothek kann als das Ereignifs 
betrachtet werden, mit welchem die klassische Bildung ihren 
Untergang nahm oder ihren letzten Stützpunkt verlor. Man 
mb indeTs nicht glauben, als sei damit all und jede Spur 
ieaer Bildung ausgerottet worden, denn einerseits über- 
lebten mehrere der alexandrinischen Gelehrten dieses tra- 
gische Ereigniis, andererseits lebten in dem weiten byzan- 
tinischen Reich immer noch einige Männer von wissen- 
schaftlicher Bildung, nur lebten sie vereinzelt und zerstreut. 

Man kann den grofsen nun folgenden mehr als tausend- 
jährigen Zeitraum ganz füglich in zwei kleinere Perioden 
zerfallen, die sowohl ihrem Geiste wie ihrem Gehalte nach 
sehr wesentlich verschieden sind. Die erste umfafst die 
Leistangen der Araber von ihrem ersten Auftreten auf dem 
Felde der Wissenschaft an bis zu ihrem Bücksinken in 
kn Zustand der politischen und geistigen Bedeutungs- 
losigkeit. Die zweite beginnt mit dem Wiederaufleben der 
Wissenschaften in Europa, wie sie namentlich zu Anfang 
des XIIL Jahrhunderts durch die Gründung der Univer- 
ätäten näher bezeichnet wird, und sie reicht in immer 
steigender Entwickelung bis zu Ende des von uns betrach- 
^n Zeitraums. 



56 Erste oder arabische Periode. 

Erste oder arabische Periode. 

26. Der wunderbare Impuls, welchen Mahomet seinen 
Landsleuten einzuprägen gewulst hatte, machte diese in 
den ersten 150 Jahren nach seinem im J. 632 erfolgten 
Tode zu einem rein erobernden Volke. Gleich einem ver- 
heerenden Strome ergols es sich nach allen Seiten über 
die Gränzen seines Heimathlandes, um der neuen Lehre 
mit dem Schwerte Bahn zu brechen. Es entrifs in Asien 
dem byzantinischen Reiche eine Provinz nach der andern, 
eroberte Persien, fiel in Aegypten ein, unterjochte mit 
diesem das ganze nordafrikanische Küstenland, und machte 
sich Spanien bis auf die kleine Provinz Asturien unter- 
würfig; so innerhalb eines einzigen Jahrhunderts ein Reich 
begründend, das an Umfang und Ausdehnung sogar noch 
das alte Römerreich überbot. 

Gegen das Ende des YUL Jahrhunderts, da innere 
Zerwürfnisse schon an der Auflösung des grofsen Reiches 
nagten, und einzelne Provinzen sich bereits als selbst- 
ständige Staaten von dem Ganzen abgetrennt hatten, legte 
oder mäfsigte sich diese wilde Eroberungssucht und es er- 
wachte ein Sinn für Kunst und Wissenschaft bei den 
Arabern, der eine um so merkwürdigere Erscheinung ist, 
als er weder vor noch nach der Zeit bei diesem Volke 
angetroffen wird. Das Vorübergehende dieser Erscheinung 
wird indels erklärlich, wenn man erwägt, dals diese Kultur 
sich nicht von unten herauf in der Masse des Volks aus- 
bildete, sondern nur von oben her geweckt und gepflegt 
wurde. Es waren die Höfe der Kalifen und Fürsten, wo 
die Wissenschaften zuerst eine Freistätte fanden, und auf 
längere Zeit sich erhielten. Von da aus gingen sie später 
allerdings in gröfsere Kreise über, ohne jedoch bei dem 
jeder freien Geistesrichtung so feindseligen Islam in dem 
Volke diejenige breite und feste Basis zu gewinnen, welche 
zu einer dauernden und erfolgreichen Kultur derselben 
schlechterdings nothwendig ist. Die Wissenschaft war und 
blieb bei den Arabern eine Treibhauspflanze, die verdorrte, 
sobald der Gärtner seine Hand von ihr abzog. 



Arabische Methode. 57 

Die Kalifen des ersten Jahrhunderts der Hegira waren 
fli gote Moslemins, als dafe sie von den verfaafsten und 
verachteten Christen hätten etwas annehmen sollen. Be- 
bimt ist die Erzählung, dals der Kalif Onar auf die Frage 
d» Kommandanten von Alexandrien, was mit der grofsen 
ttdiersammlnng daselbst anzufangen sei, ihre Vernichtung 
aobefohlen habe, weil in diesen Schriften entweder stehe, 
was im Koran enthalten ist, und sie dann überflüssig seien, 
oder sie etwas anderes enthielten, und dann gottlos wären. 
Mag diese Greschichte auch zweifelhaft sein, so widerspricht 
sie doch nicht dem Charakter des Kalifen und seiner Zeit. 

Als indels die Familie der Abassiden den Thron be- 
sdeg, änderte sich dies ungünstige Yerhältniis. Durch 
Griechen aus den unteijochten Provinzen, die schon seit 
genamer Zeit in nicht unbeträchtlicher Zahl Dienste bei 
ihnen genommen hatten, waren sie mit der Weisheit der 
Alten bekannt geworden; sie gewannen Geschmack an den 
Wissenschaften in dem Gtrade, dafs sie, nachdem sie zur 
Herrschaft gelangt waren, sich zu Beschützern derselben 
utvarfen. 

27. Der erste auf dieser rühmlichen Bahn war Abu 
Ca&r, gewöhnlich AI Mansor der Sieghafte genannt. Er 
selbst, wohl bewandert in der Philosophie und Astronomie 
der Alten, berief von nah und fern Gelehrte an seinen 
glänzenden Hof und machte dadurch Bagdad, das er 764 
erbaut hatte, zum Mittelpunkt einer Kultur, die von hier 
»ns mehr denn hundert Jahre sich über das ganze Saracenen- 
Reicfa verbreitete. Noch mehr in diesem Sinne wirkte 
Hana al Raschid d. i. Aron der Gerechte, der von 786 
^ 809 regierte. Er ftihr fort Gelehrte nach Bagdad zu 
Wofen, liels von ihnen die vorzügliohsten Werke der 
Aken ins Arabische übersetzen und was nodi mehr sagen 
vill sorgte daftkr, dals diese Uebersetzungen durch zahl- 
reiche Abschriften unter das Volk verbreitet wurden. Er 
^nd auch mit Karl dem Gr. in Verbindung, welchem er 
^ seiner Kaiserkrönung werthvoUe Geschenke sandte, wor- 
unter besonders eine Wasseruhr merkwürdig war, welche 



58 Arabische Periode. 

eisen Zeiger hatte und den Wechsel der Standen durch 
kleine Kugeln angab, welche klingend auf eine Metallplatte 
fielen *). 

Ganz besonders zeichnete sich der Eoüif Abdallah al 
Hamiui aus, der zweite Sohn von Hanin al Basehid, welcher 
813 den Thron bestieg. Er selbst war durch einen christ- 
lichen Arzt Joh. Mesna, einen Griechen, in den Wissen-* 
Schäften unterrichtet, und sowie er zur Regierung gekngte, 
ging sein eifriges Bestreben dahin, dieselben zu beschützen 
und unter seinem Volk zu verbreiten. Er gründete Schulen 
und Bibliotheken zu Bagdad, Bassora, Bochara, Eufa, 
Alexandrien und Eahira. Als ein namhafter Beweis seiner 
Liebe zu den Wissenschaften mag angefiiihrt werden, dafs 
er in einem Frieden, den er als Sieger mit dem byzan- 
tinischen Kaiser Michael III. abschlofs, diesem die Bedin- 
gung machte, ihm Exemplare von allen griechischen Werken 
zu überliefern. Auf seine Veranlassung wurde auch im 
J. 827 eine Gradmessung in der Wüste Singar am Ara- 
bischen Meerbusen ausgef&hrt, deren Resultate weiterhin 
angegeben sind. 

Auch unter den Nachfolgern AI Mamnn's finden sich 
Fürsten von gleichem Geiste, und wohl Ifiist sich glauben, 
dais bei längerem Bestände des Kalifats auch die Früchte 
dieses rühmlichen Strebens nachhaltiger gewesen wären. 
Sowie auf solche Weise die Abassiden im Orient die 
Wissenschaft schützten und pflegten, so errichteten ihr die 
Ommajaden in Spanien eine zweite Freistätte, welche an 
Dauer und besonders an Einflufs auf das christliche Europa 
jene am Euphrat bei Weitem überbot. 

Was Bagdad ftlr den Orient war, das wurde Cordova 
f&r Spanien, nachdem Abdnrrhaman I. es zur Hauptstadt 
eines unabhängigen Kalifats im J. 756 erhoben hatte. Von 
dieser Zeit an bis ins X. Jahrhundert regierten nacheinander 
drei Abdnrrhaman und ein AI Hakem mit solcher Milde 
und Weisheit, dafs wahrscheinlich Spanien niemals so 
glücklich gewesen ist unter einem christlichen Fürsten. 



') Becker, Weltgewh. V, 171j dritte Aufl. v. Ed. Arnd. 



Arabische Periode. 59 

AlEakDBi gründete die hohe Schule zu Cordova, die 
bald eine solche Berühmtheit erlangte, dass nicht nur die 
arabische Jugend von nah und fem zu ihr hinströmte, 
sondern man auch sogar von 900 an aus dem christlichen 
Europa, aus Frankreich, England, Italien und Deutschland 
dabin reiste, nm die von den Arabern konservirte Weisheit 
der Alten zu studiren, namentlich aristotelische Philosophie, 
Mathematik und Medicin. Im X. Jahrhundert enthielt die 
KUiothek zu Gordova 280000 Bände, und der Katalog der* 
selben fUlte nicht weniger als 44 Bände. Als Ferdinand 
der Heilige nach langem Kampf mit den Mauren 1236 
CoidoTa eroberte, wurde diese berühmte Bibliothek, die 
greiseste der damaligen Welt, die einen so überaus reichen 
Sdiatz von Werken des Alterthums in Uebersetzungen 
entUeh, auf Befehl des Kardinals Ximenes den Flammen 
überliefert ^). Sevilla, Toledo, Murcia hatten ebenfalls ihre 
bohen Schulen und Bibliotheken, die unter den Arabern 
zur Berühmtheit gelangten. Im XU. Jahrhundert zählte 
man in dem ihnen untenvürfigen TheU von Spanien 14 hohe 
Sdkiilen und 70 öffentliche Bibliotheken, und hiermit pa- 
tM ging die Zahl der Autoren, an welche freilich wir 
vdil nicht immer den heutigen Maisstab anlegen dürfen. 
Cordova zählte 150 Autoren, Almeria 52, Murcia 62. 

28. Wären die Fortschritte der Wissenschaften unter 
den Arabern proportional gewesen der Zahl derer, welche 
sie knltivirten, so würden wir ihnen unsere Bewunderung 
mcht versagen können. Allein mit Bedauern muls man 
bdcennen, dafs ungeachtet der erleuchteten Absichten meh- 
rerer ihrer Kalifen, imgeachtet der grolsen Z^ahl von hohen 
Schulen und Bibliotheken und der aulserordentlichen Menge 
ton Schriftstellern, die Wi8sensohaft;en dennoch unter der 
Hand dieses Volkes nur wenig gefördert wiurden. 

Das Hanptverdienst der Araber, was ihnen schon allein 
gerechten Anspruch auf den Dank der Nachwelt erwirbt, 
bestand, wie schon erwähnt, darin, da(s sie die Weisheit 



>) Höfer, Histoire de la Chimie I, 205. 



60 Giemieu 

der alten Griechen bewahrten und vor dem Uniei^ang 
retteten. Was sie aus sich selbst hinzuftlgten, war wenig, 
yielleicht weniger, als es uns heut za Tage erscheint, da 
sie hin und wieder aus Quellen geschöpft haben, die uns 
nicht bekannt sind. 

Von verschiedenen Erfindungen wenigstens, die man 
wohl früher den Arabern zuschrieb^ hauptsflehlieh deshalb, 
weil wir sie von ihnen und mit arabisdien Namen belegt 
erhielten, ist es später ermesen, dais sie nicht arabischen 
Ursprungs sind, sondern von östlichen Völkern, Indem 
und Chinesen herstammen. Dies gilt namentlich von un- 
serem gegenwärtigen Zahlensystem, von der Algebra, der 
Bussole, dem Schiefspulver, Lumpenpapier, Alkohol u. s. w.; 
die Zi£Pem empfingen die Araber nach Hiunboldt^) im 
VI. Jahrhundert der Hegira von den Persem. Bei diesen 
und ähnlichen Erfindungen waren die Araber nur die Ver- 
mittler, welche Europa mit den Künsten des fernen Orients 
bekannt machten, und die Wissenschaften, welche sie kol- 
tivirten, waren im Grunde dieselben, denen die Alten ob- 
lagen, nämlich aufser Philosophie, die Mathematik, Astro- 
nomie, Creographie, Physik und Medicin. 

Au&erdem finden wir noch eine Wissenschaft bei ihnen, 
über welche die Alten uns keine Werke hinterlassen haben, 
und welche man daher wohl als ein Erzeugnils der Araber 
angesehen hat, nämlich die Chemie oder Alchemie. 

Chemie. ^ 

29. Die Chemie, die man von allgemeinem Gesichts- 
punkt aufgefafst, offenbar nur f&r einen Zweig der Physik 
gelten lassen kann, ist hinsichtlich ihres Ursprungs sehr 
dunkeL Chemische Künste, die Gewinnung und Bearbei- 
tung der Metalle, die Bereitung von Glas, Seife, Brod, 
Bier, Farben, Medikamenten u. s. w. sind von den fiömem 
und Griechen und lange vor beiden von den Aegyptem 
vielfach betrieben worden. Allein von einer einigermaßen 



») N. Quat. Journ. YII, 310. 



Chemie. 61 

wissenschaftlichen Erkennung der hierbei obwaltenden Ope- 
ratioDen, von einer Systematisirung der hierzu erforder- 
hAm Kenntnisse findet sich bei den Alten keine Spur. 
Selbst das Wort Chemie kommt bis zu Plinius Zeiten und 
spiter nicht vor; wann dasselbe sowie das verwandte Wort 
Akhemie nebst dem damit verknüpften Begriff der Metall- 
Teredlung und Metallverwandlnng eigentlich aufgekommen, 
Mist sich nicht mit Bestimmtheit entscheiden, aber es giebt 
hinreichende Gründe zu der Annahme, dais beides, Wort 
und Sache, lange vor dem Einfall der Araber in Aegypten 
io diesem Liande existirte. 

So hat der Lexikograph Suidas, der im XI. Jahr- 
Imndert zu Byzanz lebte und ein umfangreiches Realwörter- 
6och schrieb, in diesem einen Artikel X'')P^^^ ^^^ darunter 
die Ej^ählung: Kaiser Diokletian habe im J. 296 nach 
Besiegong der empörten Aegypter diesen ihre Bücher, die 
TOD der Zubereitung des Goldes und Silbers handelten, 
Tcpt X^titiow }^)oaou xal dp^upou, verbrennen lassen, damit 
sie nicht zu reich würden und abermals Lust zu Auf- 
taaka bekämen. 

Dasselbe berichtet Johannes von Antiochien, der im 
ni. Jahrhundert lebte. Das Dekret findet sich indefs nicht 
in den durch Justinian veranlaTsten Digesten, wie jenes, 
welches derselbe Kaiser auf die Mathematiker, Astrologen 
ond mystischen Uebelthäter herabschleuderte. Man hat 
diher die Richtigkeit der Angabe und somit das Hinauf- 
reichen der Chemie bis in jene Zeit bezweifeln wollen, 
*Ueio es giebt doch noch anderweitige unverdächtige Zeug- 
nisse, welche dieselbe bestätigen. So kommt das Wort 
Chemie schon bei Zosimos von Panopolis vor, einem Griechen, 
^t m der ersten Hälfte des Y. Jahrhunderts zu Alexan- 
drien lebte, und viele, angebUch 21 oder 28 Schriften che- 
mischen und alchemistischen Inhalts verfalste. Noch firüher 
im n. Jahrhundert spricht Alexander Aphrodisiensis , der 
l>«rühmte Kommentator des Aristoteles, von chyischen oder 
ehymischen Instrumenten, äii xu^x<>^v ipifavcov, bei Gelegen- 
^^ wo von Schmelzen und Ealciniren die Rede ist. Ein 



62 Chemie. 

noch ftlteres Zengnüs liefert JoL HaternilSy ein römischer 
Schriftsteller unter der Regierung Konstantin's des Gr., 
also zu Ende des III. und Anfang des IV. Jahrhunderts; 
derselbe spricht von der scientia chymiae, wie die Hand- 
schriften haben, während in den späteren Druckschriften 
alchemiae st^t» 

30. Offenbar sind die Wörter x^{ifa oder X'il^^^ ^^^ 
als das Wort Alchemia, und wahrscheiiilioh ist letzteres 
nur aus ersteren gebildet durch Versetzung des arabischen 
Artikels al, um dem Worte eine gröisere Wichtigkeit zu 
verleihen, wie das in mehreren Fällen geschehen ist. So 
ist das Wort Alembic, Helm, gebildet aus AI und ambix 
(offißtS Topf, Destillirhelm) oder ambica von d^xß^coe, wel- 
ches schon Dioskorides gebraucht Derselbe, ein griechi- 
scher Arzt aus Anazarbus (Caesarea augusta) in Cilicien 
im I. Jahrb. n. Chr., Verfasser einer Materia medica, be- 
zeichnet damit das Gefäls, in welchem bei der Destillation 
des Quecksilbers aus Zinnober die Dämpfe aufgefangen 
wurden. — Alembroth, Salz, Salz der Weisheit, von AI 

« 

und ambrotos (ap-ßpoxoc göttlich) — Alkahest, ein einge- 
bildetes allgemeines Auflösungsmittel, nach welchem die^ 
früheren Chemiker eifrig suchten, von AI und kaustes (xau* 
(XT7]c der Verbrenner). 

Selbst aulserhalb des Bereichs der Chemie giebt es 
Wörter von arabischem Klange, die nicht ftkr arabische zu 
halten sind. So ist es nach einer sehr zuverlässigen Auto- 
rität, nach dem Urtheile unseres Chronologen Ideler sehr 
zweifelhaft, dals das Wort Almanach arabischen Ursprungs 
sei, denn es findet sich schon in einem auf uns gekom- 
menen Bruchstück des Porphyrios aus dem lU. Jahrhun- 
dert^ und bedeutet darin eine astrologische Ephemeride. 

So verhält es sich nun auch mit dem Worte Alche- 
mie ; es ist sicher nicht arabischer Abkunft, wahrscheinlich 
ist es aus AI und Chemia zusammengesetzt. Es kann aber 
auch eine andere BewandtniTs damit haben. Einige grie- 
chische Schriftsteller haben statt iX^i^p-eta beständig ipx^r 
^eta, und letztere Schreibart hat sich geraume Zeit im 



Chemie. 63 

Mitteialter erlialten, so dafs man auch lange im Französi- 
sehen Arqnemie schrieb. Dies hat denn die Vermuthung 
«regt, Archymia sey ans Ars chymiae entstanden, und 
&9 kabe dann spSter bei der Oberhaupt in Sprachen so 
biofigen Verwechselung von r und i zu dem Worte Al- 
cbjmia Anlais gegeben. 

Was nun den Ursprung des Wortes Chemie betriflft, 
äo sind die Meinungen darüber ebenfalls getheilt. Die 
Wörter '/pixä 6pifocva, die Alexander Aphrodisiensis bei Ge- 
legenheit der Beschreibung des Schmelzprocesses gebraucht, 
bat Einige auf die Ansicht gebracht, es käme von yito^ 
yit», ich schmelze. Andere haben in dem Worte Y}}\t.z(oLj 
velches in einer Stelle bei Suidas vorkommt, eine Anspie- 
JoDg auf den Saft der Pflanzen x^P*^^ finden wollen ; allein 
ohne Grund, denn y(u\i.z{a ist ntlr durch einen Fehler des 
Abschreibers entstanden, an allen übrigen Stellen findet es 
sich nicht, auch hat die Chemie erweislich nicht mit den 
Pflanzensäften begonnen, sondern mit den Metallen und 
deren Oxyden. 

Am wahrscheinlichsten ist die Ansicht von Alexander 
T. bmboldt, dafp das Wort Chemie von dem Namen komme, 
den die Aegypter ihrem Lande gaben. Nach Plutarch *) 
mannten sie es Chemie, x^il^^^f ^^^ zwar wegen seines 
schwarzen Erdreichs ; ebenso nannten sie das Schwarze im 
Auge, und noch gegenwärtig heifst cham im Koptischen 
schwarz. In den Psalmen, namentlich dem 105^®", wird 
Ägypten cham, chami, chemi genannt. Die berühmte In- 
schrift von Rosette nennt es chmi, auch hiefs Aegypten 
Hermochymios. Das schwarze Land Aegypten ist in Cham 
^er Harn personificirt worden, und daher rühren die alten 
fiymologien des Wortes Chemie als einer von Cham er- 
fundenen Wissenschaft. 

Die geheimnifsvolle Wissenschaft;, welche von der Zer- 
setzung und Verwandlung der Körper handelte, sagt Alex. 
^. Hamboldt, erhielt also den Namen des Landes , in wel- 

') De iside et osiride cap. 33. 



64 Geber. 

ehern sie zuerst mit besonderem Eifer betrieben wurde. 
£^ war die Wissenschaft von Chemi oder dem schwarzen 
Lande; es war die Wissenschaft Aegyptens. Wenn es mit 
dieser Deduktion seine Richtigkeit hat, so erklären sich 
auch ungezwungen die lange im Deutschen üblichen Be- 
nennungen Schwarzkunst, Schwarzkünstler. 

Uebrigens ftlhrte die Chemie im Alterthum wie im 
Mittelalter häufig auch andere Namen. Sie hie& die hei- 
lige, göttliche, geheime Wissenschaft, die Wissenschaft des 
That oder des Hermes, letzteren vom Hermes trisme- 
gistos, dem dreimalgröfsten, dem fabelhaften Konig der 
Aegypter, den diese als Erfinder aller Künste und na- 
mentlich der Chemie betrachteten. 

Das, was gegenwärtig unter Alchemie verstanden wird 
und in früheren Zeiten so gut als synonym mit Chemie 
war, nämlich die angebliche Kunst des Goldmachens, kann- 
ten die Alten bis zum UI. Jahrh. n. Chr. noch nicht, bei 
Plinins z. B. kommt nichts dem Aehnliches vor. Name 
und Sache erscheinen erst unter Konstantin dem Grolsen, 
und sind an Alter vielleicht nicht sehr verschieden. Von 
da an läTst sich eine ganz beträchtliche Zahl von Schrift- 
stellern nennen, die von der Kunst der !&letallveredlung 
reden und bezeugen, dals sie lange vor dem Einftdl der 
Araber in Aegypten daselbst fleifsig von den Griechen ge- 
übt wurde. 

Geber. 

31. Haben nun die Araber keinen oder wenigstens 
einen sehr zweifelhaften Anspruch ^ auf die Erfindung der 
Chemie, so mufs man ihnen doch die Ehre lassen, dals 
der erste Chemiker im eigentlichen Sinne des Worts in 
ihrer Sprache lehrte und schrieb. Wir nennen diesen Mann 
gewöhnlich Geber, die Araber dagegen Giafar oder voll- 
ständig Abu Mussah Giafar al Sofi auch Giabr. Er ist 
unter den chemischen Schriftstellern der Araber einer der 
ersten und im Gnmde der einzige; denn wiewohl die An- 
zahl derer, die nach ihm unter diesem Volke über chemi- 



Geber. 65 

6cfae G^enstände schrieben, sehr grofs ist, sogar bis zu 
Ende des XY. Jahrhunderts hinaufreicht, so giebt es doch 
keinen unter denselben, der etwas Bedeutendes zu den 
Fortschritten dieser Wissenschaft beigetragen hätte. Mehr 
oder weniger haben sie alle nur den Geber ab- und um- 
geschrieben, und selbst, wenn man das christliche Europa 
oitzähk, bleibt Geber bis zum XV. Jahrhundert der kennt- 
QÜsreichste Chemiker. 

üeber die Lebensumstände dieses in mancher Hinsicht 
merkwürdigen Mannes wissen wir sehr wenig; wir wissen 
Qor, dafs er in der ersten Hälfte des YUI. Jahrhunderts 
Lebrer an der Hochschule zu Sevilla war. Nach Einigen 
irar Horan oder Hauran in Mesopotamien, nach Andern 
Thas auch Thusso in Korassan sein Geburtsort. Als das 
Jahr seiner Geburt wird 702, als sein Todesjahr 765 an- 
gegeben, doch ist dies nicht verbürgt, ebenso wenig wie 
sein Vaterland; auch wird von manchen behauptet, er sei 
Grieche von Geburt und erst später zum Islam übergetre- 
ten. Letzteres ist die Meinung von Leo AMcanns, einem 
g^hrten Araber, der 1491 aus Granada entfloh, als Fer- 
dinand der Katholische diese Stadt eroberte, und nach 
Afrika ging. Er gerieth später auf der See in die Gefan- 
genschaft der Christen^ wurde aber von Papst Leo X. be- 
freit, mit Auszeichnung behandelt und nahm hierauf das 
Christenthum an. Leo^s Meinung, die nun freilich den 
Arabern einen grolsen Theil der Ehre streitig machen 
würde, hat mancherlei ftir sich. Griechen gingen häufig 
in die Dienste der Araber, besonders Gelehrte, und Geber, 
Giabr hat viel Aehnlichkeit mit Giaur ; doch sind dies nur 
^ermuthungen, und wir wollen darum den Arabern den 
Rahm nicht ernsthaft streitig machen, dafs sie den ersten 
Chemiker aufweisen können, wiewohl wir auch nicht be- 
Wpten, dais dieser alle Kenntnisse aus sich oder aus sei- 
nem Volke schöpfte. 

Was Geber den grofsen Ruf verschafile, bei mittel- 
alterlichen Schriftstellern sogar den Beinamen des Königs 
der Araber erwarb, sind seine Schriften, deren er angeb- 

Poggeodorff, Gescb. d. Physik. 5 



66 Geber. 

lieh 500 yerfaftt hat, von denen jedoch nur 5 auf uns ge- 
kommen sind. Diese sind ursprünglich arabisch geschrie- 
ben, aber mehrmals ins Lateinische übersetzt, ja sogar ins 
Deutsche, und standen bis zum XVI. Jahrhundert in hohem 
Ansehn. Wir kennen sie nur aus den lateinischen lieber- 
Setzungen. 

32. Vergleicht man die Werke fieber's mit der Historia 
naturalis von Plinios oder der Materia medica von Dios- 
korides, so ei^ebt sich ein erheblicher Fortschritt der 
chemischen Kenntnisse im Laufe der sechs Jahrhunderte, 
die seitdem verflossen waren. Der Fortschritt ist ein dop- 
pelter, einmal ein praktischer, eine Erweiterung der that- 
sfichlichen Kenntnisse, und dann ein theoretischer, ein 
Streben zur Einsicht in den Zusammenhang der Erschei- 
nungen. In ersterer Beziehung verdient erwähnt zu wer- 
den, dafs die Alten nur sieben Metalle in regulinischem 
Zustande kannten : 

Gold, Silber, Kupfer, Zinn, Blei, Eisen, Quecksilber. 

Dieselben finden sich auch bei Geber und zwar belegt 
mit den Namen : 
Sol, Luna, Venus, Jupiter, Saturn, Mars, Merkur. 

Ob diese von ihm oder seinen Uebersetzem herrühren 
ist unentschieden, die Alchemisten brauchen niemals andere. 
Aufserdem kannte Geber auch das metallische Arsenik; er 
zählt es indessen nicht zu den Metallen, sondern hält es 
seiner Verbrennlichkeit wegen ftU* eine Art Schwefel, und 
nannte es den Gevatter des Schwefels. 

Aulser jenen sieben Metallen kannten die Alten noch 
drei, vielleicht f&nf, aber nicht im regulinischen sondern 
nur vererzten Zustand, so: 

Zink, als Calamine oder Cadmia d. i. Galmey; femer 
Pompholyx, Hüttenrauch. 

Antimon, ab Stibium oder Stimmi, Grauspielsglanzerz, 
diente bei den Alten wahrscheinlich als Schminke zum 
Färben der Augenbraunen.^) 

') s. I so bei, Buch der Könige U, Kap. 9 v. 30. 



Geber. 67 

Arsenik, als Sandaracha, Realgar; Arrhenicon oder 
Arsenicmn, Auripigment (Plinins). 

Kobalt, bezweifelt, aber mit Unrecht, fl. Dayy hat 
in alten durchsichtigen blauen Gläsern Kobalt gefunden 
und kein Kupfer, womit andrerseits die undurchsichtigen 
Glaquisten der alten Aegypter ge^bt waren.^) 

Mangan, zwei von Dayy untersuchte römische Purpur- 
gbser enthielten Manganoxyd, auch sagt Theophrast, daTs 
in Sksptesyle (Skaptes hylae) ein Stein gefunden werde, 
der wie verfaultes Holz aussehe, und wenn man ihn mit 
Oel übei^eist sich entzünde. Erst in den achtziger Jah- 
Ten des vorigen Jahrhunderts wurde diese Eigenschaft in 
Deityshire an dem schwarzen oder erdigen Wad, einem 
Vaoganerz, entdeckt. 

(ieber kannte femer: Rothes Quecksilberoxyd. — Queck- 
älberchlorid oder Sublimat, welches nach einer der unsri- 
gen ähnlichen Vorschrift dai^estellt wurde. — Auiser dem 
metallischen Quecksilber kannten die Alten auch den Zin- 
nober, dessen Zusammensetzung aus Schwefel und Queck- 
«fter Geber wu&te. — Schwefelleber, Schwefelmilch. — 
^Alaun; die Alten hatten nur natürlichen Alaun, Feder- 
^^ — Salpeter, lai sal petrae. Es ist zweifelhaft ob die 
Alten den Salpeter kannten; was Plmilia Nitrum nennt ist 
Qitter Natroncarbonat, namentlich das natürliche, die Trona, 
zuweilen auch Salmiak. Wann Nitrum seine heutige Be- 
deutung erlangt, ist ungewifs, doch wird es in dieser schon 
von Edger Baeo im XIII. Jahrhundert gebraucht Das Wort 
ist ans Natron entstanden, welches ein hohes Alter besitzt, 
da es schon in der Bibel vorkommt. In den Sprüchen 
Salomons heifst es Kap. 25 v. 20: Wer einem bösen Her- 
zen Lieder singt u. s. w. ist wie Essig auf der Kreide ; so 
in Luthers Uebersetzung, im Hebräischen steht aber Natr. 
— Kohlensaures Natron und kohlensaures Kali durch Ver- 
brennen von Weinstein und Pflanzen. Durch Kalk wuiste 
sie deber von ihrer Kohlensäure zu befreien und ätzend 



') Aon. de Ghim. 96, p. 90. 



68 <>eber. 

zu machen. — Baurach oder Borax. — Salpetersäure, aus 
Vitriol, Salpeter und Alaun, wobei ihm die rothen Dämpfe 
dieser Säure nicht entgingen, und endlich Schwefelsäiure von 
der trocknen Destillation des Alauns. 

Die Eenntnils dieser beiden Säuren ist bemerkens- 
werth, denn sie giebt der Geber'schen Chemie einen be- 
deutenden Vorsprung vor der aus den Zeiten von PUnins 
und Dioskorides, wo man keine andere Säure als den 
Essig kannte. Es fehlte also ganz an einem kräftigen 
Lösemittel, und diese einzige Thatsache reicht hin den 
Zustand der Chemie bei den Alten klar zu bezeichnen. 
Ihre Chemie, die übrigens nur eine rein technische Ten- 
denz hatte, war wesentlich auf die Operationen des trock- 
nen Weges beschränkt, mit Geber beginnt die Chemie des 
nassen Weges, deren Operationen eine ungleich greisere 
Mannichfaltigkeit und Anwendbarkeit besitzen. 

Mittelst der Salpetersäure war er im Stande eine 
Menge Trennungen und Verbindungen zu bewerksteUigen, 
an welche die Alten nicht einmal entfernt denken konnten* 
So stellte er dar: Salpetersaures Silberoxyd, sogar in Kry- 
stallen; ferner Königswasser durch Zusatz von Salmiak 
oder Kochsalz zur Salpetersäure; er löste Gold damit auf, 
und bereitete Schwefelsäure durch Auflösen von Schwefel 
darin. 

Gebep's Werke enthalten femer eine detaillirte Be- 
schreibung von chemischen Operationen und Geräthen, 
die freilich den Alten, namentlich den Griechen der spä- 
teren Jahrhunderte zum Theil nicht unbekannt waren, 
nämlich : die Sublimation, welche schon Dioskorides bat, -- 
die Destillation, von welcher Synesios, Bischof von PtolemaiF 
in seinen Kommentaren zum Demokrit eine Beschreibung 
liefert^ und einen vollständigen Destillationsapparat mit 
Helm und Vorlage angiebt^); auch erwähnt Zosimos von 
Panopolis bereits 50 Jahre früher die niedersteigende Destil- 
lation, — die Filtration kommt vor als Destillation durchs 



») Hof er, Eist, de la Chim. I, 269. 



Geber. 69 

Filtnim, — die Kupellation, das Abtreiben des Goldes 
und Silbers mit Blei wird, wenn auch undeutlich, von 
Pliiiiis, Strabo und Dioskorides bezeichnet. — Endlich 
Glüh-, and Schmekgeräthe, Sand- und Wasserbad. 

33. Mehr als durch alles empirische Wissen unter- 
scbedet sich aber Geber von den Alten dadurch, dals er 
eiDe Theorie der chemischen Erscheinungen vorträgt, frei- 
lich eine sehr eingeschränkte und mangelhafte, ja nach 
ansera jetzigen Ansichten ganz unrichtige, aber doch 
immer eine Theorie, die als erster Versuch die chemischen 
Vorgänge zu erklären bemerkenswerth ist, um so mehr, 
als sie sich mit einigen Abänderungen das ganze Mittel- 
alter hindurch erhalten hat. 

Diese Theorie besteht in der Annahme, dais alle Me- 
talle zusammengesetzte Körper seien, zusammengesetzt aus 
zwei Elementen, durch deren Verhältnifs und verschiedenen 
Grad der Bindung oder Fixirung alle Verschiedenartigkeit 
ier Metalle erzeugt wird. Diese Elemente sind nicht etwa 
den vier .Elementen der altgriechisehen Philosophen ent- 
Qommen, sondern davon ganz verschieden, nämlich Schwefel 
Q&d Quecksilber. Geber setzt ausftlhrlich auseinander, wie 
jedes der ihm bekannten Metalle aus diesen beiden Ele- 
menten zusammengesetzt werde. Aus seinem etwas dunklen 
Vortrag geht indefs zugleich hervor, dafs er unter Schwefel 
nicht den gemeinen Schwefel versteht, sondern einen ein- 
gebildeten Stoff, gewissermafsen das Princip der Verbrenn- 
lichkeit; dasselbe gilt von seinem Quecksilber. 

Man kann sich, wenn man näher in die Ideen Geber^s 
eingeht, des Gedankens nicht enthalten, dafs die später 
im XVIII. Jahrhundert von Stahl aufgestellte Theorie vom 
PMogiston eigentlich nur eine Verfeinerung der Geber'schen 
Ansicht sei. Uebrigens ist Geber nicht der Urheber der- 
selben, denn er selbst giebt an, er habe sie von seinen 
Vorgängern; wer aber diese Vorgänger waren, sagt er 
nicht. Eine dunkle Spur dieser Lehre könnte man, bei- 
läufig bemerkt, in dem erkennen, was Plato vom Rost 
s^gt Der Rost am Eisen bildet sich nicht, weil das Metall 



70 Rhases. Avicenna. Abulkasis. 

etwas absorbirt, sondern weil es etwas verliert. Dieses 
Etwas ist nach Plato Erde, nach Stahl Feuer oder Phlo- 
giston, und wäre nach Cfeber Schwefel.^) 

Aus diesem Abrils der Werke Oeber^s mag erhellen, 
dais dieselben einen Schatz von chemischen Kenntnissen 
enthalten, wie wir sie in den auf uns gekommenen Schriften 
der Alten vergebens suchen. Ob er dennoch nicht aus 
uns unbekannt gebliebenen Quellen des Alterthums ge- 
schöpft habe, soll damit nicht gesagt sein, ist sogar als 
gewils anzunehmen. Er selbst sagt: Totam nostratn seien" 
tiamy quam ex dictü antiquorum abbreviamus compilatione 
diversa in nostria voluminibu8y hie in summa una redifftmus '). 
Man würde indefs andererseits zu weit gehen, wenn man 
Geber bloüs für einen Eompilator halten wollte. Seb 
ganzer Vortrag ist der Art, dals man sieht, er spricht aus 
eigener Erfahrung. Unentschieden muis aber oft bleiben, 
was sein und was der Alten Eigenthum ist. 

RhasesL Avicenna. Abnlkasis. 

34. Aulser Cfeber haben die Araber noch eine grofse 
Masse von Chemikern imd Alchemisten aufzuweisen, die 
aber sehr wenig in die Fulstapfen ihres Meisters traten, 
sondern der symbolischen Mystik der alexandrinischen 
Philosophen bis zum Uebermafs huldigten. Sie nannten 
zwar ihre Wissenschaft die Wissenschaft vom E., dem 
Anfangsbuchstaben von Kimia, oder die Wissenschaft vom 
M., von Misan : Wage, aber trotz dem hatte sie wenig oder 
nichts mit der wahren Chemie gemein. Nur drei der 
Nachfolger Oeber's machen davon eine rühmliche Ausnahme. 

Rhases, eigentlich Muhamed Ibn Sakarjah Abu Bekr 
al Rasi, war gebürtig aus Eorassan, und Direktor eines 
grolsen Krankenhauses zu Bagdad, wo er 932 starb. — 
Er ftihrte durch seine zahlreichen medicinischen Schriften 
den Gebrauch von chemischen Präparaten als Arzneien 
in die Heilkunde des Orients ein. 



1) Höfer, Eist, de la Chim. I, 89. 
«) Höfer, ibid. I, 295. 



Rhases. Avicenna. Abulkasis. 71 

Afieeiuiay eigentlich Abu Ali el Hosein Ben Abdallah 
Ibn Sina, geb. 980 zu Chaimatin in der Bucharei und 
gesi 1037 zu Hamadan in Persien. — Ein Mann von 
groüser Gelehrsamkeit nicht nur in der Medicin seinem 
HauptGush, sondern auch in der Mathematik, Astronomie 
und allen damals von den Arabern betriebenen Wissen- 
scbaften. Er hatte den Euklid, den Ptolemaeus und den 
Aristoteles studirt ^Als Arzt spielte er an den Höfen der 
Kalifen von Bagdad und der Schahs von Persien eine 
grobe Rolle, und führte, da er sich auch in die politischen 
Händel seiner Zeit verwickelte, ein viel bewegtes sehr un- 
miüges Leben. Dennoch fand er MuTse ein Werk von 
aoisarordentlichem Umfang, Canon genannt, zu schreiben, 
eioen Inbegriff alles damaligen Wissens in der Chemie 
ond Medicin, das seinen Namen hauptsächlich auf die 
Nachwelt gebracht hat. 

Abulkasis (Abulchassem) eigentlich: Chalaf Ebn el 
Abbas Abul Casan, geb. zu Zahara bei Corde va, daher 
in lateinischen Schriften auch Alzaharavicus genannt. Er 
^»Lehrer an der Hochschule zu Corde va, wo er 1122 
stak. — Er ist berühmt durch ein Werk, welches in der 
latdmschen Uebersetzung den Namen Servitor fiihrt, und 
als das erste ausführliche pharmaceutische Werk angesehen 
werden kann; man pflegt Abulkasis daher auch wohl als 
d^n Begründer der Pharmacie anzusehen. 

Er beschreibt die Destillation des Weingeistes aus 
Wein, und hat jedenfalls den Weingeist zuerst als Medi- 
bment genannt. Ob er den Weingeist entdeckt, ist wohl 
zu bezweifeln. Zwar scheint Geber den Weingeist noch 
sieht zu kennen, indem das, was bei ihm in der lateinischen 
lebersetzung Spiritus heitst, gewöhnlich Quecksilber oder 
eine andere flüchtige Flüssigkeit ist; aber die Griechen 
des IV. u. V. Jahrhunderts haben wahrscheinlich schon 
^ein destillirt. Aus Reis verstanden die Chinesen be- 
reits viele Jahrhunderte firüher weingeistige Getränke zu 
Qiachen, und selbst ein Araber Abnzeid, der im J. 851 
^ine Reise nach China unternahm, hat das Verfahren der 



72 Optik. 

Chinesen beschrieben. Es ist der Rak oder AI Bak, 
woraus Arrak entstand, und ist vielleicht der indische 
Wein, dessen Strabo gedenkt, da Indien sonst keinen 
Wein hatte. 

Optik. 

35. Gehen wir nun von der Chemie zu der eigent- 
lichen Physik über, so ist der erste and fast einzige Zweig 
derselben, den wir bei den Arabern kultivirt finden, die 
Optik, vermuthlich, weil darin die Alten am meisten vor- 
gearbeitet hatten, und noch am meisten durch mathematische 
Betrachtungen und eine fast ausschlieislich auf Reflexion 
gestützte Forschungsweise geleistet werden konnte, denn 
auch die Araber waren gleich den alten Griechen und 
Römern, wenigstens im Gebiet der eigentlichen Physik, 
keine Experimentatoren. , 

Mit der Optik scheinen sie sich schon sehr frühzeitig 
befafst zu haben, und es ist wohl gewifs, dafs auch hierin 
die Alten ihnen Lehrer und Vorbilder waren. Bereits 
ums J. 900 schrieb ein AI Farabi über die Perspective, 
und ein Ebn Haithem (Alkindi?) aus Syrien^ ums J. 1000 
über das Sehen, über die Reflexion und Refraktion. Beider 
Werke sind indefs nicht auf uns gekommen, und sind auch 
wohl nicht von Bedeutung gewesen. 

Wichtig als optischer Schriftsteller ist dagegen Alhazen, 
eigentlich Abu Ali Alhazen Ben Alhazen zur Unterschei- 
dung von Alhazen Ben Jussuf, der den Almagest des 
Ptolemaeus übersetzte. Alhazen lebte in Spanien, nach 
Einigen ums J. 1100, nach Anderen ist er aber schon 
1038 gestorben^). Die Optik, die wir von ihm besitzen, ist 
zwar ein etwas unklares und weitläuftig geschriebenes Werk, 
das aber dennoch die gröfste Aufmerksamkeit verdient, da 
es das erste nach Ptolemaens und das einzige der Art in 
der Literatur der Araber ist, auch bis zu Anfang des 
XVII. Jahrhunderts in hohem Ansehen gestanden hat, wo- 



1) Wilde, Gesch. d. Optik I, 70. 



Optik. 73 

TOD der Umstand einen Beweis ablegen kann, dafs es noch 
ld72 zn Basel in lateinischer Sprache erschienen ist. 

Schriftsteller des XIII. Jahrhunderts z. B. Roger Baeo, 
der noch des Ptolemaens optische Bücher kannte, haben 
behaaptet, Alhazen habe nur den Ptolemaevs ausgeschrie- 
ben. Diese Beschuldigung ist indefs nicht gerecht, denn 
der Vergleich mit den wieder aufgefundenen Werken des 
Ptolenuns hat gezeigt, dafs Alhaien in manchen Stücken 
TOD seinem Vorg&nger abweicht und in anderen ihn über- 
tnStj obgleich aus allem hervorgeht, dafs er ihn gekannt 
und benutzt haben muTs. Eine bedeutende Yerschieden- 
beit zwischen ihm und Ptolemaens besteht sogleich darin, 
da& AlhaEen nicht mehr die Lehre von den Gesichtsstrahlen 
Ttkrtrigt, sondern annimmt, das Sehen geschehe durch etwas 
ffl das Auge gelangende; er ist also von der Emissions- 
theorie zur Immissionstheorie übergegangen. 

Albazen giebt auch eine anatomische Beschreibung des 
Aages und sucht zu zeigen , welchen Antheil am Sehen 
jeder Theil des Auges habe. Er unterscheidet schon die 
drei Flüssigkeiten : humor aqueus, crystallinus und vitreus, 
sowie vier Häute: tunica adhaerens, comea, uvea und tunica 
netisimilis. Zwar ist er noch in dem Irrthum befangen, 
dais die Krystalllinse das Hauptorgan des Auges sei, er 
giebt aber doch von der Thatsache, dafs wir mit beiden 
Augen nur ein Bild sehen, eine ganz leidliche Erklärung, 
indem er. sagt, es geschehe, wenn korrespondirende Theile 
des Sehnervens beider Augen vom Lichte getroffen werden. 

Ueberhaupt hatte er vom Sehen weit richtigere Be- 
griffe als die Alten. Euklid z. B. läist von dem Auge zu 
jedem Punkt des gesehenen Gegenstandes nur einen Licht- 
oder Augenstrahl ausgehen, Alhazen dagegen zeigt, dafs 
Ton jedem Punkt des Gegenstandes unzählig viele Licht- 
strahlen in das Auge gelangen, und so eine Lichtpyramide 
gebildet werde, deren Scheitel jener Punkt, die Basis das 
Auge ist. Alhazen hatte also von der Verbreitung des 
Lichts weit richtigere Ansichten als die Alten. Auch 
wölke er, dafs unser ürtheil einen grofsen Einflufs auf 
das Sehen ausübe. 



74 Optik. 

Was die Reflexion betriffi, so unterscheidet er sich 
dadurch schon von PtolemaeilSy da(s er sieben reguläre 
Spiegel annimmt statt drei, die Ptotomaeofl hatte, nämlich 
einen ebenen, zwei sphärische, zwei cylindrische und zwei 
konische. Alhuen wuTste wie Ptolemaeofl, dais bei .ebenen 
Spiegeln das Bild vom Gegenstand ebenso weit hinter dem 
Spiegel liege als der Gegenstand vor demselben. Er ver- 
allgemeinerte diesen Satz, indem er zu zeigen suchte, wo 
bei sphärischen, cylindrischen und konischen Spiegeln das 
Bild liegen müsse. Bei krummen Spiegeln giebt es aber 
im Allgemeinen keinen Punkt, der ein Bild von einem 
strahlenden Punkt wäre. 

Alhazen stellte femer eine Au%abe auf, die später 
nach ihm benannt worden ist und eine gewisse Berühmt- 
heit erlangt hat, die er selbst aber nur unbefiriedigend ge- 
löst hat, nämlich: Wenn gegeben sind Lage des strahlen- 
den Punktes und Lage des Auges, zu finden an einem 
sphärischen, cylindrischen oder konischen Spiegel den Punkt, 
wo der Strahl reflektirt werden muis, um ins Auge zu 
gelangen. Bei ebenen Spiegeln ist die Aufgabe leicht, bei 
krummen aber schwierig, auch f&r den Physiker nur von 
geringem Interesse, da er wohl nie in den Fall kommt, 
die Lage des Einfallspunktes an einem krummen Spiegel 
kennen zu müssen. Ueberhaupt beschäftigt sich Alhuen mit 
einer grofsen Zahl von Problemen, die nur ein mathemati- 
sches Interesse haben, und da überdies seine Beweise weit- 
schweifig sind, so hat sein Werk im Verhältnifs zu seinem 
Inhalt ein übermäfsiges Volumen erhalten. 

Was die Refraktion betri£%, so hat Alhazen, wie es 
scheint, ähnliche Versuche wie Ptolemaens gemacht; wenig- 
stens zeigt er, wie man die Brechung des Lichts aus Lnft 
in Wasser oder Glas finden könne, theilt aber die Resul- 
tate seiner Versuche nicht mit. Das Refraktionsgesetz 
blieb auch ihm unbekannt, allein er machte schon die Be- 
merkung, es sei der von Ptolemaens aufgestellte Satz, dais 
zwischen den Winkeln des einfallenden und des gebro- 
chenen Strahles mit dem Perpendikel ein konstantes Ver- 



Optik. 75 

hdäufs statt finde, nicht fbr den ganzen Quadranten- richtig. 
Er war also wenigstens auf halbem Wege das wahre 
Gesetz au&ufinden, aber dieser Schritt blieb Jahrhunderte 
lang ganz unbeachtet. 

Alkazen war auch nahe daran die Lupen oder Yer- 
gröbenmgsgläser zu erfinden, denn er spricht viel und 
kge Yon der Vergröfserung, die ein Kugelsegment, d. h. 
eine plankonvexe Linse gewähre. Allein er scheint die 
Wirkung eines solchen Glases doch nicht aus Erfahrung 
gekannt zu haben, denn er sagt, es sei nothwendig die 
koDTexe Seite dem Auge zuzuwenden, und den zu ver- 
giöäemden Gegenstand dicht auf die plane Seite zu legen. 

16. In Betreff der astronomischen Strahlen- 
brechnng waren seine Kenntnisse nicht wesentlich von 
denen des Ptolefliaens verschieden, mit Ausnahme des üm- 
sUndes vielleicht, dafs er die Ursache derselben nicht wie 
dieser in die Dünste der Atmosphäre setzt, sondern in 
die rerschiedenen Grade der Durchsichtigkeit der Luft, 
vas Neuere so ausgelegt haben, als hätte er damit die ver- 
sduedenen Grade der Dichtigkeit der Luft gemeint. 

Bei der Dämmerung bemerkt er, dafs dieselbe auf- 
höre oder anfange, wenn die Sonne 19^ unter dem Hori- 
zont stehe; er setzt indeis hinzu, wie dies die Gelehrten 
^en, er kannte mithin die Alten. Eigenthümlich ist ihm 
dagegen die ganz sinnreiche Methode aus der Gränze der 
Dämmerung die Höhe der Atmosphäre zu finden. Sie 
gründet sich darauf, dafs bei Beginn oder Ende der 
Dämmerung die äuiserste Luftschicht am Horizont, welche 
noch Licht zu reflektiren vermag, ihr Licht von der 19^ 
unter dem Horizont befindlichen Sonne empfängt. Wenn 
man nun den Standort des Beobachters mit einem Punkt 
in dem Dämmerungslicht durch eine Linie verbindet, und 
Dach den Endpunkten derselben von der Mitte der Erde 
Linien gezogen denkt, so erhält man ein Dreieck, worin 
der Erdradius sowie alle Winkel bekannt sind, da diese 
mit Hälfe des Reflexionsgesetzes sich leicht ergeben. Die 
Differenz des Erdradius und der nach dem lichten Punkt 



76 Optik. 

gezogenen Linie ist die Höhe der Atmosphftre, welche 
Alhaien 52000 Schritt hoch fand. 

In späteren Zeiten haben Physiker und Astronomen 
sich viel mit diesem Problem beschfiftigt, unter Anderem 
auch zum Behuf der Frage, ob die Atmosphäre begränzt 
sei. Es kann aber natürlich auf diese Weise nie die Höhe 
der Atmosphäre gefunden werden, höchstens die Höhe, in 
welcher sie noch Lichtstrahlen zu reflektiren yermag, und 
selbst hier ist noch manches vorausgesetzt, wie z. B. die 
Gradlinigkeit der Strahlen, was in Wirklichkeit nicht statt- 
findet. 

Ein anderes interessantes und späterhin oft behandeltes 
Problem, mit dem Alhazen sich beschäftigt hat, ist die 
Frage, warum Sonne und Mond nahe am Horizont ver- 
gröfsert, Sterne daselbst weiter auseinander gerückt er- 
scheinen. Alhazen zeigt, dafs diese Erscheinung nicht von 
der astronomischen Strahlenbrechung herrühren könne, diese 
vielmehr die Wirkung habe, Sonne und Mond in vertikaler 
Richtung zusammenzudrücken. Er zählt diese Erschei- 
nungen zu den Gesichtsbetrügen, und bemerkt ganz richtig, 
unser Urtheil über die Gröfse der Gegenstände gründe 
sich auf Vergleichung des Sehwinkels mit der vorausge- 
setzten Entfernung des Gegenstandes. Unweit des Hori- 
zontes dünke uns ein Himmelskörper sehr fem zu liegen, 
weil wir da seine Entfernung mit der Entfernung irdischer 
Gegenstände vergleichen können. Dieser Einfluls unseres 
Urtheils auf das Sehen bewirke auch, setzt Alhazen hinzu, 
dals das Himmelsgewölbe uns nicht als eine vollkommene 
Halbkugel erscheine, sondern wie abgeplattet. Bei be- 
decktem Himmel ist indels die Abplattung nicht schein- 
bar. — lieber das Problem der Vergröfsemng von Sonne 
und Mond am Horizont hat man in späterer Zeit lebhafte 
Diskussionen gefQhrt, ohne dafs man im Stande gewesen 
wäre, eine genügendere Erklärung als die von Alhazen 
aufgestellte zu finden. 

So viel von Alhazen. Mit seinem Werk ist die ge- 
sammte optische Literatur der Araber erschöpft, wenigstens 



Akustik. Astronomie. 77 

soweit sie aof uns gekommen ist. Nach ihm tritt in der 
Geschichte der Optik wiederum eine Lücke von 170 Jahren 
em, wie andererseits vor ihm eine von etwa 550 Jahren 
existirte, denn der letzte optische Schriftsteller von einiger 
Bedentong unter den Griechen war jener Anthemiiis, der 
die Fabel von den Brennspiegeln des Arehimedes in Gang 
brachte. 

Aknstik. 

37. Auiser der Optik haben die Araber von den ver- 
schiedenen Zweigen der reinen Physik nur noch die Aku- 
stik kultivirt. Sie haben uns einige Werke über die Theorie 
der Musik hinterlassen, was einigermaisen au£FaIlend sein 
fflok, da einerseits Mnhamed seinen Anhängern die Musik 
Terboten hatte, und andererseits die praktische Musik, die 
bie trotz dieses Verbotes trieben, immer bei der einfachen 
Melodie, bei dem einstimmigen Gesang stehen blieb, sich 
nie zu mehrstimmigen Kompositionen, zur Harmonie, die 
Dodi jetzt den Orientalen ein Gräuel ist, erhoben hat. 
Dem entsprechend sind denn auch die theoretischen Werke, 
dk ans Alkendi und Andere hinterlassen haben, von gar 
keiner Bedeutung^). 

Astronomie. 

38« Mit besserem Glück haben die Araber die Astro- 
nomie und Geographie gepflegt, und es ist besonders die 
erstere Wissenschaft, in welcher sich die Spuren ihrer 
Wirksamkeit durch eine nicht unbedeutende Anzahl ara- 
bischer Wörter bis auf den heutigen Tag erhalten hat. 
Dahin gehören: Zenith, Nadir, Azimut, Alhidade, ferner 
die Stemnamen : Aldebaran, Algol, Rigel, Fomalhaut (Fum- 
al-Haut), Ras Alhagen, Ras Algeti u. s. w. 

Ihr bedeutendster Astronom war Albatenins (Alba- 
tegnus), eigentlich Mohamed Ben Geber Ben Senan Abu 
Abdallah Albatani, aus der Stadt Batan in Mesopotamien, 
florirte 50 Jahre nach Al-Mamun ums Jahr 880; nach 



^) Montacla, Histoire des mathemat. I, 394. 



78 660grBpiii& 

Alldem ist er 880 geb. und 928 gestorben. Er ist der 
Ptolemaeus der Araber, welchen er übrigens auch wohl 
studirt hatte. Zu seinen Verdiensten gehört u. A. eine 
genauere Bestimmung der Excentridt&t der Sonnenbahn, 
die Entdeckung der Bewegung des Apogaeums, die Kon- 
struktion einer neuen astronomischen Tafel, eipe neue Be- 
stimmung der Länge des Sonnenjahrs zu 365 Tagen 5 St 
46 M. 22 Sek., freilich etwas zu klein. 

AuTser Alhatenins gab es durch die ganze arabische 
Periode hin, sowohl im Orient als in Spanien, noch eine 
grolse Anzahl Astronomen, deren Verdienste indefs zu 
gering sind, als dals ich sie hier alle vorführen könnte. 
Als einen Beweis übrigens, daXs selbst im XIII. Jahr- 
hundert die Astronomie eine Lieblingsbeschäftigung der 
Araber ausmachte, will ich hier nur erwähnen, dais als 
Alfons X. von Kastilien, ein Freund der Astronomie, den 
EntschluTs gefaist, diese Wissenschaft in seinem Staat zu 
haben, er dazu gelehrte Araber aus Sevilla, Toledo und 
Cordova berief, wobei es sich freilich zeigte, dafs er keine 
glückliche Wahl getroffen hatte, denn die Gelehrten waren 
mehr Astrologen als Astronomen. Ein Araber Alhoazen 
sprach sich darüber aus und gab Veranlassung, dafs Alfons 
1256, vier Jahre nach den ersten durch ihn geförderten 
Tafeln, eine neue Edition herausgeben liefs^). 

Geographie. 

39. In der Geographie haben sich besonders Edrisi 
und Abulfeda einen groisen Namen erworben, und können 
einigermaisen mit Herodot und Straho verglichen werden. 

Der Scherif AI Edrisi, eigentlich Abu Abdallah Moha- 
med Ben Mohamed al Edrisi, war 1099 geboren zu Ceuta, 
nach Andern zu Tetuan, und stammte aus einer Familie, 
die in Nubien regierte, daher er auch den Namen des 
Geographen von Nubien flihrt. Er hatte zu Cordova stu- 
dirt, und schrieb das Werk, welches ihn vorzüglich be- 



*) Montucla, Eist, des mathem. I, 369. 



Geographie. 79 

rilbiDt gemacht hat, Geographische Erholungen am Hofe 
Boger's I^ Königs von Sicilien, als Erläuterung zu der 
sflbemen, 400 Mark schweren Erdkugel, welche dieser 
Forst hatte machen lassen ^). Edrisi starb 1175 oder 1186. 

Abnlfeda oder Ismael Abulfeda, Fürst von Hamah in 
Syrien, geb. zu Damascus 1273 und gest. 1331, ist Ver- 
&S8er eines geographischen Werks Wahre Lage der Länder.^) 

Die Werke beider Männer sind Air die Länder- und 
Völkerkunde ihrer Zeit ungemein wichtig, enthalten indefs 
f&r die physikalische Geographie nur wenig von Belang, 
sQsgenommen, dafs uns der letztere Nachricht giebt von 
dem merkwürdigen Unternehmen, welches der Kalif AI 
lunra im J. 827 ausf&hren liels, nämlich von der Grad- 
ioessung, deren ich schon § 27 erwähnte. Die Gelehrten, 
denen der Kalif diese Messung übertragen hatte, wählten 
dazu die Wüste Singar oder Sindjar am Arabischen Meer- 
basen. Sie theilten sich in zwei Partheien. Von einem 
gewissen Punkte aus, dessen Polhöhe bestimmt wurde, ging 
die eine mit der Meiskette in der Hand grade nach Norden, 
bis die Polhöhe genau um einen Grad zugenommen hatte; 
die andere mafs ebenso nach Süden, bis die Polhöhe sich 
om einen Grad vermindert hatte. Die eine Parthei fand 
auf diese Weise für den Grad 56 arabische Meilen, die 
andere 56 1, und die letztere Bestimmung wurde fbr die 
richtigere angesehen. 

Um das Resultat dieser Messung zu beurtheilen, muis 
man natürlich wissen, .wie lang eine arabische Meile sei. 
Hier geht es uns aber wie mit dem Stadium der Griechen. 
Ziemlich übereinstimmend wird zwar die arabische Meile 
zu 4000 arabischen Ellen angenommen, aber wie grofs die 
Elle gewesen, ist zweifelhaft. Ueberdies gab es zweierlei 
EDen, königliche und schwarze, letztere von der Armlänge 
eines besonders gro&en Negersklaven so genannt. Nach 
Ibdfeda's Zeugi^ hielt die schwarze Elle 27 Zoll und 
nach Alfragani (Älfergani) die königliche 24 Zoll. Was 



i) Montacla, Hist. etc. I, 408. 
') Montacla, ibid. I, 407. 



gO Zweite oder enropfiische Periode. 

aber das Sonderbarste ist, der Zoll hatte die Länge von 
€ nebeneinander gelegten Gerstenk&nem, so da(s also bei 
diesem Unternehmen der Umfang der Erde mit Gersten- 
körnern gemessen worden wäre. Snell, der Entdecker des 
Refraktionsgesetzes fand, daTs 89 Gerstenkörner = 1 Fui's 
rheinländ. = 0,16103 Tois. seien. Hiemach wäre 1^ = 56J 
arab. Meilen = 58710 Tois., d. h. 1700 Tois. zu grois. 

Bei unserer völligen Unkenntniis von den angewandten 
Mafsen können wir das Ergebnifs dieser Messung nicht 
näher ermitteln, das darüber Mitgetheilte berechtigt aber 
zu der Meinung, dais sie auf sonderliche Genauigkeit keinen 
Anspruch machen darf, und gegen die von den Griechen 
gewonnenen Resultate keinen Fortschritt bezeichnet. 



Zweite oder enropäische Periode. 

40« Wann eigentlich nach der Barbarei, die auf den 
Umsturz des Römerreichs über Europa hereinbrach, der 
Sinn für Wissenschaften wieder zu erwachen angefangen 
habe, läTst sich nicht mit Bestimmtheit angeben. Die 
ersten Anfange waren auch hier, wie bei so vielen anderen 
Dingen, geringfügig und unbestimmt. Hie und da begann 
es schon ziemlich früh hinter engen E^lostermauem etwas 
zu dämmern, während draufsen noch Alles in dichtester 
Finsternifs lag. Auch in der Umgebung einzelner hoch- 
begabter Fürsten sehen wir es manchmal etwas lichter 
werden, aber es sind matte Strahlen, welche die Masse 
des Volks nicht durchdringen können, und nach kurzer 
Zeit verlöschen. 

So finden wir schon bei Theodorich dem Grofsen, 
König der Ostgothen, welcher von 475 bis 526 regierte, 
eine gewisse Achtung vor den Wissenschaften, die sich 
ausspricht in seinen Briefen an den römischen Senator 
BoSthins, einen in der Mathematik und Mechanik bewan- 
derten Mann, den er u. A. um eine Sonnenuhr und eine 
Wasseruhr anspricht, um sie dem König von Burgund zu 
schenken. Wir wissen femer, dafs Karl d. Groise im J. 782 



EnropfiiBche Periode. gl 

den gdehrten Engländer Alknin, geb. 736 zu York, an 
seinen Hof berief und eine Art von Hofakademie um sieb 
Tersammeke, und dafs er durch Alkuin Schulen bei den 
Klöstem errichten liefs, auB denen naich und nach die Uni- 
veiatftteo hervorgingen. 

Im X. Jahrhundert sehen wir den Drang nach Wis- 
sen schon lebendiger und allgemeiner werden, denn die 
chrisüiche Jugend beginnt nach Spanien zu den Mauren 
zn reisen, um dort die Werke der Alten zu studiren, wozu 
in der Heimath also wohl nicht hinreichende Gelegenheit 
gewesen sein mufs. Selbst ein nachmaliger Papst Oerbert, 
als Papst Sylvester H., der von 999 bis 1003 die Tiara 
trog, verschmähte es nicht bei den Arabern in SeviUa und 
Cordova sich Kenntnisse von der klassischen Literatur zu 
holen. Er war ein Franzose von Geburt aus Aurillac in 
derAuvergne, und soll in der Kathedrale zu Rheims eine 
Dampforgel errichtet haben; er wäre also Erfinder der 
Dampfpfeife. Ueberhaupt beschäftigten ihn die physika- 
lischen und chemischen Wissenschaften speciell, und er- 
^d er auiser der erwähnten Dampforgel auch verschie- 
dene hydraulische Maschinen, einen Rechentisch u. dgl. 
mefcr *). 

Solche rühmlichen Beispiele lassen sich aus dem XI. 
und XII. Jahrhundert noch einige beibringen; aber erst 
im Xm. Jahrhundert werden die* Regungen des wissen- 
schafUichen Geistes mächtiger und erfolgreicher, so dafs 
man eigentlich erst von dieser Periode an das Aufblühen 
der Wissenschaften datiren kann. Die Stiftung der Uni- 
versitäten zu Paris, Oxford, Cambridge (1200), Neapel 
(1224), Salemo, Bologna, Padua (1229), Pavia, Salamanca, 
Prag (1348), Wien (1365), Heidelberg (1386) und andern 
Orten, sind als die ersten sichtbaren Aeufserungen dieses 
Geistes zu betrachten. Paris, Salerno und Bologna blüh- 
ten unter allen am frühesten, die Zeit ihrer Gründung 
läfst sich aber mit Bestimmtheit nicht angeben. 

^) Libri, Histoire des sciencee mathimat. IV, 337. 

Poggendorff, Gesch. d. Phy«ik. g 



g2 Albrecht t. Bollstaedt. Eoger Baco. 

Auch sehen wir in diesem Jahrhundert xwei ausge- 
zeichnete Fürsten die Wissenschaft unter ihren besonderen 
Schutz nehmen. Es sind dies Kaiser Friedrich IL, der 
durch seine Kämpfe mit der Hierarchie so wdtberühmte 
Hohenstaufe, der von 1209 bis 1250 regierte, und Alfons X. 
König von Kastilien. Ersterer als Mensch und Herrscher 
in gleichem MaTse grois, war nicht nur den bildenden 
Künsten und schönen Wissenschaften eifrig zugethan, son- 
dern forderte auch die Gelehrsamkeit und das Natursta- 
dium einerseits durch die Stiftung der Universität zu Neapel 
1224, und andrerseits durch die Ton ihm veranstaltete 
Uebersetzung der Werke des Ptolemaeus ins Lateinische. — 
Alfons X. hat sein Andenken in der Geschichte der Wis- 
senschaft durch besondere Vorliebe ftlr die ALStronomie 
ehrenvoll erhalten^ namentlich durch die nach ihm benann- 
ten astronomischen Tafeln, welche er 1256 von den nach 
Toledo berufenen Astronomen entwerfen liefs. 

Albrecht v. Bollstaedt. Roger Baco. 

41. In diesem XIII. Jahrhundert lassen sich auch zuerst 
Männer namhaft machen, die speciell die physikalischen 
Wissenschaften trieben und nach Umständen forderten. 
Besonders zeichnen sich als solche aus Albrecht von Boll- 
staedt und Roger Baco. Beide umfafsten mit ihren Kennt- 
nissen das ganze Gebigt der damaligen Naturforschung, 
sie waren wohl bekannt mit den Alten, und trieben aulser 
ihren theologischen und philosophischen Studien, Mathe- 
matik, Mechanik, Optik, Chemie, Medicin und Naturge- 
schichte. Bei dem ersteren waltete mehr die chemische 
Richtung vor, beim letzteren die mathematisch-physikalische. 

Albrecht v. Bollstaedt, von seinen Zeitgenossen Albertos 
Magnus auch Albertus Teutonicns genannt, stammte aus 
dem Hause der Grafen von Bollstaedt und wurde 1193 zu 
Lauingen in Bayern geboren. Als jüngster Sohn seiner 
Eltern widmete er sich dem geistlichen Stande, studirte zu 
Padua, trat 1223 in den Dominikaner-Orden, lehrte dann 
öffentlich zu Hildesheim, Regensburg, Köln und Paris, 



Albrecht y. BoUstaedt. Roger Baco 83 

bereute 1254 Deutschland als Provincial seines Ordens 
und ward 1260 Bischof von Begensburg. Er dankte indels 
sciion 1265 wieder ab, nnd zog sich in das Dominikaner- 
Kiofiter zn Köln zurück, wo er 1280 starb. 

Albreckt y. Bollstaedt war als Schriftsteller sehr frucht- 
bar; seine Opera omnia^ worin aber manches untergescho- 
hm sein soll, erschienen gedruckt 1651 zu Leyden, und 
^en nicht weniger als 21 Folianten. Sie geben ein ge- 
treues Bild von dem Umfang und Zustand der damaligen 
Naturwissenschaft, und sind insofern in geschichtlicher 
Hinsicht wichtig; an Entdeckungen und Erfindungen, die 
loan Albr. y. Bollstaedt mit Gewüsheit zuschreiben könnte, 
esüaken sie dagegen nichts. Wohl hat Albr. y. Bollstaedt 
tiorch sein Ansehn und seine Kenntnisse viel zur Verbrei- 
tung der Wissenschaft beigetragen, durch eigene Arbeiten 
sie aber nicht erweitert. 

Roger Baeo, nicht zu verwechseln mit dem 300 Jahre 
spater lebenden Lord Baco, ward 1214 zu Ilchester in 
Sommerset in England geboren, ebenfaUs von angesehenen 
Eltern stammend; er starb 1292, nach Andern 1294 als 
Franoskaner-Monch zu Oxford. 

Baco machte seine Studien auf der Universität zu 
Paris, von welcher er 1240 nach Oxford zurückkehrte. Er 
hatte viele herbe Schicksale zu erdulden, theils seiner aus- 
gebrüteten Kenntnisse wegen, die ihm den Neid seiner 
Ordensbrüder zuzogen, theils weil er gegen deren Unwissen- 
heit nnd Sittenlosigkeit laut und freimüthig zu reden wagte. 
Daf&r klagten diese ihn beim Papst der Zauberei, Ketzerei 
und Teufelsbündnerei an, und brachten es dahin, dafs er 
seiner Lehrstelle in Oxford entsetzt und ins Gefängnifs ge- 
worfen ward. Die Erhebung seines Gönners, des Bischofs 
ron Sabina und päpstlichen Legaten in England, auf den 
päpstlichen Stuhl unter dem Namen Clemens IV. befreite 
ibn ans dieser Gefangenschaft, aber nur auf kurze Zeit, 
oni eme desto längere anzutreten. Clemens IV. starb näm- 
lich schon nach einer nur dreijährigen Regierung im 
J- 1268, und unter seinem Nachfolger Nikolaus III. brachte 



g4 Albrecht t. BoUstaedt. Roger Baco. 

es der damalige General des Franziskaner-Ordens Hieron. 
Y. Esculo (Asculi) dahin, dals Baco^s Schriften Terboten 
wurden und er selbst in Frankreich, wohin er sich nach 
seiner ersten Gefangenschaft begeben hatte, zum zweiten 
Male eingekerkert ward. Diese zweite Gefangenschaft 
dauerte zehn Jahr; sie endete erst nach dem Tode Niko- 
laus III., als jener Hieron. v. Esculo unter dem Namen 
Nikolaus IV. den päpstlichen Stuhl bestieg, und einige an- 
gesehene Engländer sich ftir Boger Baeo verwandten. So 
kehrte er denn 1288 aus Frankreich nach Oxford zurück, 
beschäftigte sich aber von nun an blois mit theologischen 
Dingen bis zu seinem Tode. 

Boger Baeo war ein Mann von groiser Gelehrsamkeit 
von den Zeitgenossen Doctor mirabilis genannt; was aber 
noch mehr ist, er besaiis eine Erfindungsgabe und einen 
Beichthum von eigenen Ideen, die, wenn er in aufgeklär- 
teren Zeiten und unter günstigeren Verhältnissen gelebt 
hätte, ihn gewils zu mancher wichtigen Entdeckung und 
Erfindung geführt haben würden. So aber blieben seine 
Ideen blois Projekte, mit denen seine Werke reichlich an- 
gefüllt sind. Unter Anderem spricht er von einem sich 
selbst bewegenden Wagen, von einer Maschine zum Flie- 
gen, von Vorrichtungen zum Fortschaffen von Lasten, aus 
denen überall jenes Talent zur praktischen Mechanik her- 
vorleuchtet, wodurch sich noch jetzt die Engländer im All- 
gemeinen so sehr zu ihrem Vortheil auszeichnen. 

Durch seine lebhafte Einbildungskraft und durch seine 
Zuversicht zur möglichen Realisirung seiner Ideen wurde 
B« Baco zugleich verleitet, von seinen Ideen häufig so zu 
reden, wie wenn sie schon ausgeftlhrt wären. Da nun 
sein Vortrag mitunter etwas dunkel ist. Wahres und Fal- 
sches durcheinander wirft, so ist er denn besonders bei 
hjperpatriotischen Landsleuten in den Ruf mandier Ent- 
deckung und Erfindung gekommen, auf welche er bei 
Licht betrachtet keinen Anspruch hat. Diese Bemerkung 
findet zunächst ihre Anwendung, wenn wir B* Baco^s Ver- 
dienste um die Optik näher betrachten. 



Albrecht y. Bollstaedt. Roger Baco. 85 

Einige englische Schriftsteller, z. B. Wood, Molineiuc, 
Jebb, Brewster und Andere, welche ihrer Nation gern so 
wichtige Erfindungen wie die der Lupen und Femröhre 
mdiciren möchten, behaupten, R. Baco habe die ältesten 
Ansprüche darauf. Andere unpartheiische Männer, und 
danmter selbst Engländer wie R. Smith und Priestley, er- 
beben solche Ansprüche nicht für ihn, und sind sogar der 
Meinung, er habe wenig mehr geleistet als Ptolemaeus 
and Alkaien, seine Lehrer in der Optik. Wirklich geht 
in Betreff der Lupen aus seinen Schriften auch nur her* 
Tor, dais er mit gläsernen Kugelsegmenten ezperimentirte, 
deren Vergrölserungskraft ja schon Alhasen kannte. Was 
er bei dieser Gelegenheit sagt, scheint in der That blofs 
Idee gewesen zu sein, von eigentlichen Linsen, bikonvexen 
oder konkavkonvexen , ist bei ihm nicht die Bede. Er 
bildet nur Kreisbögen ab und spricht von der Vergröfse- 
ning des Gegenstandes, je nachdem das Auge sich auf der 
konkaven oder konvexen Seite des Bildes befinde, läl'st es 
aber ungewils, was er sich bei der Figur dachte. Glei- 
eh^ gilt von seinen Ansprüchen auf die Erfindung der 
Femröhre; man kann nicht unterscheiden, ob er wirklich 
m solches ausgeftlhrt habe oder nur aus der Wirkung 
eines Kugelsegments auf die Möglichkeit der Konstruktion 
dieses Instrumentes schlieist. Dasselbe kann man von sei- 
ner angeblichen Erfindung der Camera obscura sagen. 

Dagegen gebührt B. Baco das Verdienst, zuerst die 
Lage des Brennpunkts bei einem sphärischen Hohlspiegel 
richtig angegeben zu haben, eine Lage, über welche selbst 
spätere Physiker sich nicht einigen konnten. Ebenso gab 
er ebe Anleitung zur Verfertigung parabolischer Brenn- 
spiegel, wiewohl es nicht scheint, dafs er dieselbe wirk- 
lich ausgeftlhrt habe. Seine optischen Bemühungen hat er 
zusammengestellt in einem Werke unter dem Titel Optis 
mq/W, das er 1267 zur Rechtfertigung auf die gegen ihn 
erhobene Klage der Ketzerei und Zauberei niederschrieb, 
und seinem Gönner Papst Clemens IV. übersandte. Der 
Titel bezieht sich auf ein Opu^ minus und Opus tertium, 



86 Schie£ipiilTor. 

welche er beide gleichfalls dem Papste zustellte. Einiges 
findet sich auch in seiner Perspectiva und seiner Specula 
nuUheMatica, 

Als Beweis von R. Baeo's hellen Einsichten will ich 
noch erw&hnen, dafs er schon die Fehlerhaftigkeit des 
Jnlianischen Kalenders erkannte , und daher im J. 1267 
bereits seinem Gönner Clemens IV. jene Verbesserung des 
Kalenders anrieth, welche, da sie Clemens nicht zweck- 
mässig schien, erst gegen Ende des XVI. Jahrhunderts 
durch den Papst Ghregor XITL ins Werk gesetzt wurde. 

Aulser der Physik war die Chemie und Alchemie eine 
Hauptbeschäftigung Baco's, wovon seine zahlreichen Schrif- 
ten chemischen und alchemistischen Inhalts Zeugnifs geben, 
in deren Titeln sich schon zum TheU der Geist des Zeit- 
alters hinreichend abspiegelt; so u. A. MeduUa cdchymiat^ 
De lapide phüosophorumj Verbum abbreviatum de leone vi- 
ridiy Secretum secretoruniy Spectdum secretorum^ Tractatus 
trium verborum u. s. w. Ein sehr bedeutender Theil dieser 
Schriften ist später unter dem Titel Rogeri Baconia Thesau- 
rus ehymicus^ Francfurt 1603 und 1620 vereinigt worden. 

In diesen Schriften erweist sich Baco als Schüler von 
Oeber, dem er auch an reellen chemischen Kenntnissen 
nichts von Belang hinzuftlgt. Das einzige fiemerkenswertfae 
in den chemischen Schriften besteht darin, dafs vom Schieis- 
pulver in denselben die Rede ist. Da dies auch in Albreeht 
y. Bollstaelt's Werken geschieht, und man deshalb wohl 
den einen und den andern als Erfinder des Schiefspulvers 
ausgegeben hat, so ist hier wohl der Ort etwas über die 
Erfindung dieser, man kann wohl sagen, welthistorischen 
Substanz beizubringen. 

Schiefspulver. 

42. Im Voraus mufs ich bemerken, dafs weder Albr. t. 
Bollstaedt noch B. Baco einen Anspruch auf diese Erfin- 
dung haben, letzterer hat nicht einmal das Verdienst die 
Zusammensetzung des Schiefspulvers deutlich beschrieben 
zu haben; er giebt sie nur anagrammatisch und unvoll- 



ScbiefspulYer. 87 

stfindig an, Tidleicht weil er eine deutliche Anweisung als 
gefidiriich f&r seine Sieitgenossen betrachtete. Er selbst 
giebt ftbrigens das Schiefspulver nicht filr seine Erfindung 
ans, sondern spricht nur von ihm als Ton einer zu seiner Zeit 
bdonnten^ wenn auch nicht allgemein bdLannten Substanz. 

Albr. V. Bollstaedt hat das Verdienst die Bereitung 
des Schielspulvers ganz unumwunden zu beschreiben. Er 
sagt^ man müsse 1 Pfund Schwefel, 2 Pfund Weidenkohle 
und 6 Pfund sal petrosum in einem steinernen Mörser mit- 
einander vermischen. Es ist dies indefs nicht die erste 
m» überlieferte Vorschrift zur Bereitung des Sduefspulvers. 
Sowohl in Oxford wird nach Dr. Jebb wie auch in Paris ^) 
TDo einem Griechen Harens Graeens ein Manuskript auf- 
bewahrt, das die Anfertigung des Schiefspulvers deutlich 
beschrribt, aulserdem auch die Destillation des Brannte 
weins und des Terpentinöls. Es f&hrt den Titel IMer 
igmwn ad comburendos hostes, und schreibt vor 1 Pfund 
Schwefel, 2Pftind Kohle und 6 Pfund Salpeter (sal petrosum) 
in einem Mörser zu zerreiben, damit entweder lange schmale 
Bohren zu ftkllen, die durch die Luft flögen, tunica ad 
Tohndum (Congrevische Raketen), oder wenn man den 
Donner nachahmen wolle, kurze dicke Bohren zur HiÜfte 
m fidlen und stark mit Bindfaden zusammen zu schnüren. 

Marens Oraeens lebte wahrscheinlich gegen Ende des 
VUI. Jahrhunderts, denn der arabische Arzt Mesua, der 
ihn citirt, lebte im IX. Jahrhundert und starb 846 oder 
nach Anderen 865. — XJebrigens ist der Ldber ignium noch 
nicht die älteste Schrift über die Schiefspulverbereitung. 
Julias Africanns, der im dritten Jahrhundert lebte, be- 
schreibt es schon unter dem Namen 'irup duTOfxotxov, und soll 
man dazu nehmen gleiche Theile Schwefel, Salpeter und 
Rudonischen Pyrit [Schwefelantimon?].*'') 

Indefs ist die Erfindung des Schieispulvers offenbar 
weit alter als alle unsere historischen Data darüber; Chi- 

^) Höfer, Eist, de la Chim. I, 284. 
») Höfer, ibid. I, 283, 284. 



88 Schierspolver. 

nesen, Japaner und Inder, wie wenig audi sonst ihren 
Angaben über das hohe Alter der von ihnen gemachten 
Erfindungen immer za trauen ist, haben ganz sicher das 
Schieispulver weit früher gekannt als die Europfter. Man 
darf dies um so weniger in Zweifel ziehen, als uns eben- 
falls die Kenntnils des Salpeters aus Osten zugekommen 
ist, und die Araber und Türken sich des Schiefspulvers 
schon sehr frühzeitig gegen die Griechen und Kreuzfahrer 
bedienten, und dasselbe vermuthlich von den Chinesen direkt 
oder durch Vermittelung dazwischen liegender Völkerschaf- 
ten kennen lernten. Man pflegt dafür auch sprachliche 
Gründe anzuführen, nämlich, dais der Salpeter noch jetzt 
bei den Persem Nemek Tschim, chinesisches Salz, heüsc 
und bei den Arabern Thelz Stni^ Schnee aus China. 

Wie dem auch sein mag, so wird doch in den Krie- 
gen der Griechen und Kreuzfahrer mit den Saracenen so 
oft und unter solchen Umstanden des Feuers als einer 
Waffe gedacht, dafs nicht daran zu zweifeln ist, es sei 
damit, wenigstens in vielen Fällen, das Schieüspulver ge- 
meint. Ebenso weils man, dafs die Tunesen schon 1085 
Maschinen auf ihren Schiffen hatten, mit denen sie Feuer 
warfen, und wie ausdrücklich gesagt wird, unter donnern- 
dem Getöse. Eine gleich lautende Nachricht hat man vom 
J. 1 147, wo sich die Araber gegen die Spanier und gegen 
die Normannen in Lissabon mit Feuer und Feuergeschütz 
vertheidigt haben sollen. 

Rabbi Benjamin Ben Jona von Tudela, gewöhnlich 
Benjamin von Tndela genannt, ein Jude, der 1173 von 
Saragossa aus im Glaubenseifer, um die versprengten lieber- 
reste seines Volkes aufzusuchen, den gröfsten Theil von 
Asien durchwanderte und bis China vordrang, ja selbst 
bis zu den Sundischen Inseln, erzählt, dais er in Persien 
Feuerwerke gesehn, die man Sonnen nenne. 

Auch selbst im Abendlande giebt es ältere Dokumente 
über die Eenntnifs und Anwendung des Schiefspulvers 
als die Werke von Bollstaedt und Baco, denn es ist er- 
wiesen, dafs das Schieispulver schon im XII. Jahrhundert 



Schieilspnlyer. 89 

im Rammekbei^ bei Goslar zum Sprengen des Gesteins 
angewandt wurde, woraus sich bei der Langsamkeit, mit 
der euie jede neue EIrfindung in die Praxis übers^gehen 
pflegt, auf eine noch weit äkere Bekanntschaft mit dieser 
Sahstanz schliefseo l&Tst. Dieser Gebrauch des Pulvers in 
Bogwerken gab vielleicht Veranlassung, dafs Heinrich^ 
P&Izgraf am Rhein, &n Sohn Heinrich des Löwen, auf 
sem^n Krenzzug ins Gelobte Land im J. 1200 die Mauern 
von Tyras mit Pulver sprengen liefs. 

Nach Allen diesem lässt sich schon beurtheilen, was 
TOQ der gewöhnlichen Sage zu halten ist, dals Barthold 
Setarmi ein deutscher Mönch, der Erfinder des Schiefs- 
polrers sei. Man weüs nicht einmal, wann und wo der- 
selbe geboren ist, wann und wo er seine Erfindung gemacht 
laben solL Nach Einigen ist Freiburg im Breisgan sein 
Geburtsort, nach Andern Mainz, nach noch Andern Nürn- 
berg; nur darin kommen aUe Historiker überein, dafs sie 
iliD zu einem Franziskaner machen. Ebenso verschieden 
vird der Ort und die Zeit seiner Erfindung angegeben, 
fiamal soll sie zu Goslar, ein. anderes Mal zu Köln ge- 
iaht worden sein, und was die Zeit betrifit, so schwanken 
£e Angaben darüber gewöhnlich von 1318 bis 1380, ja 
einige Historiker verlegen seine Erfindung sogar in die 

Zeiten Albr. v« Bollstaedt's. 

Wenn es nun nach allen diesen Widersprüchen wenig 
Wahrscheinlichkeit hat, dals Bartheld Schwarz selbst nur 
fikr Deutschland der Erfinder des Schiefspulvers sei, so 
wollen doch einige Geschichtsforscher, z.B. Robins, dals 
das Unglück, welches Barth. Schwarz bei seinen Experi- 
menten begegnet sein soll, Veranlassung gegeben habe das 
Schielspnlver zum groben Geschütz anzuwenden. Soviel 
scheint wenigstens einigermalsen erwiesen, dafs die An- 
wendung des Pulvers zum Schiefsen, nicht zum Sprengen, 
erst von der letzten Hälfte des XIV. Jahrhunderts datirt. 
Ueberiiaupt giebt es wenig chemische Substanzen, deren 
Geschichte zu so vielen gelehrten Forschungen Anlafs gege- 
ben und doch im Ganzen so wenig zuverlässige Resultate 



90 Optik. 

geliefert hat, als ebea das Schiefspulyar. Man weifs nicht 
einmal ob jener angebliohe Erfinder, der sich aus Unver- 
stand selbst in die Luft sprengte, wirklich Barth. Sehwan 
geheifsen habe. Einige nennen ihn auch Konstantin An* 
klitsen oder Anglitsen nnd meinen, dies sei sein rechter 
Name, jener nur sein Klostername. 

Das berühmte griechische Feuer, itop G^p^v von den 
Grriechen genannt, mit welchem der Kaiser Konstantin IV. 
Pogonatus im J. 670 die Flotte der Saracenen vor Kon- 
stantinopel verbrannte, und welches ihm von einem Griechen 
Kalliniklis aus Heliopolis in Phonicien, einem Ueberläufer 
von den Saracenen, angegeben wurde, ist wohl kein Schieiis- 
pulver gewesen, sondern vielmehr Bergöl, das angezündet 
auf Wasser brennt, oder brennendes Harz, welches mit 
Pfeilen fortgeschossen wurde. Wenig zweifelhaft ist eß 
indefs, dals sich die Griechen bereits im IX. Jahrhundert 
des Schielspulvers als Vertheidungsmittels bedienten.^) 

Optik. 

43. Aufser den beiden universellen Geistern A. V. Bell« 
staedt und B. Baco finden wir im XIII. Jahrhundert noch 
ein Paar Männer, die einen speciellen Theil der Physik 
nfimlich die Optik kultivirten, es waren dies Vitelio und 
Peckham. 

Von Vitelio besitzen wir ein Werk, das ein gewisser 
Bisner drei Jahrhunderte hernach aus mehreren handschrift- 
lichen Exemplaren möglichst fehlerfrei hergestellt, und 1572 
zu Basel hat drucken lassen, zusammen mit der Optik von 
Alhazen. In diesem Buch wird Vitelio ein filius Polonomm 
et Thuringorum genannt, was man so ausgelegt hat, dafs 
sein Vater aus Polen und seine Mutter aus Thüringen 
gewesen sei, oder auch umgekehrt Sonst weifs man nur, 
dafs er ein Mönch war, auf einer Reise in Italien bei Be- 
trachtung eines klaren Wasserfalles zu optischen Studien 
angeregt worden, und seine Optik in Folge der Aufforde- 



>) Höfer, Bist de la Ghim. I, 283. 



Optik. 91 

rang des DonuDikaners WiHi. de Morbeta schrieb, der ums 
J. 1269 lebte. YiteUo ist wahrscheinlich nicht sein rechter 
Name, «entweder ist es der Klostemame oder auch eine 
Litimsining des wahren Namens Witelo. 

Yitello's Werk ist ein Summaritim alles dessen, was 
die Alten und AUtaien über Optik geleistet haben ; es ist 
dsher von beträchtlicfaem UmÜEUig, enthält jedoch des Eigen- 
tbOmlichen und Neuen im Ganzen wenig. Dazu kann man 
reehnen eine Reihe Versuche über die Brechung des Lichts 
beim Uebergang aus Luft in Wasser oder Glas, und aus 
Wasser in Glas, bei welchen Viiello aber, gleich Ptolemaeus 
und Alhazeil, dabei stehen blieb, die Winkel der Inoidenz 
oad Refraktion anzugeben. Daraus erhellt jedoch, dafs die 
jfeasungen etwas genauer waren als die von Ptolemaeus^ 
deon ihr das Sinusr^hältnüs ergiebt sich: 

Wasser Glas 

bei Ptolemaeus . . . 0.767 0.687 

- Vitello 64 69 

- Newton 48 45. 

Bei diesen Messungen machte Vitollo die sehr natür- 
lidie, aber Tor ihm noch auTser Acht gelassene Bemerkung, 
ds& die beiden Winkel, um die es sich bei der Refraktion 
handelt, dieselben bleiben, es mag das Licht aus einem 
lockeren in ein dichteres oder aus einem dichten in ein 
lockeres Mittel treten. 

Er TervoUständigte auch dadurch die Kenntnifs von 
der Reflexion und Refraktion, dafs er zeigte, es gehe in 
beiden Vorg&ngen ein gewisser Antheil Licht rerloren. 
Dies war ein Fortschritt, weil man bis dahin immer nur 
die Richtung der Strahlen beachtete^ nicht ihre Intensität» 
welche freilich Vitollo auch noch nicht mafs. 

Mit der Dispersion oder Farbenzerstreuung, welche die 
Refraktion immer begleitet, war Vitollo faktisch bekannt, 
und zuerst durch die am Wasserfall zu Viterbo gesehenen 
ßegenbogenfarben auf ihre Betrachtung aufmerksam ge- 
worden. Er ging auch hier etwas weiter als seine Vor- 
ganger, indem er die Regenbogenfarben durch ein mit 



92 Optik. 

Wasser gefÜUtes und in den Sonnenschein gestelltes Glas 
künstlich hervorbrachte. Die Farben, die er dabei auf 
dem Fulsboden seines Zimmers entstehen sah, hielt er aber 
doch nicht fbr die wahren Begenbogenfarben, einerseits 
weil er meinte, dals diese von d^i natürlichen doch etwas 
verschieden seien, und dann weü man sie nicht wie beim 
Regenbogen durch Zurückstrahlang sehe, sondern durch 
Transmission. 

Was den Regenb<^en betrifft, so ist es wirklich wunder- 
bar, wie nahe Yitello der richtigen Theorie kam und sie 
dennoch verfehlte. Er lUst den Regenbogen nicht blols 
durch Reflexion entstehen, wie seine Voi^ftnger, sondern 
nimmt noch die Refraktion hinzu, weil, wie er richtig be- 
merkt, die Sonnenstrahlen auf einen durchsichtigen Körper 
fallen, der einen TheU derselben einlassen müsse, und da* 
her auch nur einen Theil refiektiren könne. Aber dennoch 
scheint er die Refraktion nur als ein Mittel zur Verstärkung 
des in's Auge gelangenden Lichtes anzusehen. Ungeachtet 
hier Yitello auf halbem Wege stehen blieb, so ist doch 
nicht unwahrscheinlich, dais er seine Nachfolger auf die 
richtige Bahn leitete. Er nahm übrigens, wie Aristoteles, 
nur drei Farben an unter den Namen: alurgus, viridis, 
puniceus. — Das Funkeln der Fixsterne, die scintillatio, 
erklärte er aus der Bewegung der Luft, was falsch ist, 
aber lange fbr richtig gehalten wurde. 

Der zweite optische Schriftsteller, dessen wir aus dem 
XIII. Jahrhundert zu erwähnen haben, ist Joannes Peckham, 
Erzbischof zu Canterbury, geb. 1228, gest. 1291. Einige 
schreiben ihn auch Peckam, Pecham, Petsan, latinisirt 
Joannes Pisanns, machen ihn auch wohl zum Bischof von 
Cambray. Das unter dem Titel Perspeetiva communis auf 
uns gekommene Werk ist indeis nichts als ein unklarer 
Auszug aus Alhazen, und verdient nur als Beispiel des 
Interesses, welches man in jener Zeit der Optik schenkte, 
angeführt zu werden. 



GUsspiegel. Brillen. 93 

Glasspie^el. Brillen. 

44. Wichtiger und folgenreicher sind ein Paar tech- 
nische ins Gebiet der Optik gehörende Erfindungen, die 
man dem XIII. Jahrhundert verdankt. Zunächst die der 
eigentlichen Glasspiegel, der belegten. 

Unbelegte Glasspiegel kannten und brauchten schon 
mitunter die Alten, wenigstens in der jspäteren Zeit, wie- 
w(M sie sich fbr gewöhnlich der Metallspiegel bedienten 
(s. § 6), aber keiner ihrer Schriftsteller erwähnt der Be- 
legung von Glasspiegeln; sogar einer des XIII. Jahrhunderts, 
AitonilU Y. Padna, der 1231 starb, sagt ausdrücklich, ein 
Spiegel sei nichts anderes als das reinste Glas. Es ist also 
ilar, dafs man sich bis dahin nur eines unbelegten Glases 
zn Spiegeln bediente. 

Der erste, der von belegten Spiegeln redet, ist Yincenz 
r.Beanvais, der ums J. 1240 schrieb. Er hält die gläsernen 
mit Blei fiberzogenen Spiegel fbr die besten; auch in 
PeeUuun's Perspektive ist der Bleibelegung der Spiegel 
gedacht^). Ebenso redet Raimund Lall viel von den mit 
% belegten Gläsern, und beschreibt umständlich das Yer- 
üiaen ihrer Anfertigung. Ramon Lull, lat. Raimundns 
Lftllns, geb. 1235 zu Palma auf Majorka, gest. vermuthlich 
1315 zn Tunis, war ein seiner Zeit berühmter oder berüch- 
tigter Alchemist, der ein höchst abenteuerliches und un- 
stetes Leben fbhrte, nichts desto weniger aber eine Masse 
von kleineren und gröfseren Schriften in die Welt ge- 
setzt hat. 

Aus dem Angefbhrten erhellt übrigens, dafs die ersten 
Spiegelbelege aus Blei bestanden; die Erfindung Blattzinn 
Qiit Quecksilber getränkt, also Zinnamalgam, zur Belegung 
des Glases anzuwenden, ist viel neuer, und f&Ut erst ins 
Xiy. Jahrhundert. Ihr Urheber ist aber ebenso unbekannt 
wie der der Bleibelegung; aller Wahrscheinlichkeit nach 
gehörten beide nicht zum Gelehrtenstande, und ihre Namen 



') Kästner, Gescb. d. Math. II, 267. 



94 Glasspiegei. Brillen. 

gingen verloren, da sie ihre Erfindungen nicht durch Schrift 
verewigten- 

Die andere Erfindung, die sich unmittelbar an die der 
belegten Glasspiegel schlielkt und nicht minder nützlich als 
sie genannt werden muis, ist die der Brillen. Wann und 
wie diese Erfindung gemacht worden ist, weils man wiederum 
nicht, selbst ihr Urheber ist nicht ganz sicher. Es ist mög- 
lich, dafs die Werke von Alhazen und Roger Baeo dazu Ver- 
anlassung gaben, da in ersteren von der vergröfsemden 
Kraft eines gläsernen Kugelsegments die Rede ist, und in 
letzteren auch der Fall betrachtet wird, dafs die licht- 
brechende Substanz konkav gegen das Auge ist. Von 
diesen Andeutungen bis zur wirklichen Verfertigung der 
Brillen war indels noch ein bedeutender Schritt, und wenn 
der Erfinder denselben auf theoretischem Wege gethan 
hätte, würde er sicher sehr ehrenvoll fbr ihn gewesen sein. 
Allein muthmaMch hat nicht Theorie, sondern Zu&ll oder 
blofses Probiren diese Erfindung ins Leben gerufen. 

Nach der gewöhnlichen Annahme ist ein florentiner 
Edelmann Salvino degli Armati, der 1317 starb, der Ur- 
heber dieser Erfindung. Man stützt sich dabei auf eine 
Grabschrift, die ehemals in der Kirche Maria maggiore in 
Florenz befindlich gewesen ist, und die uns ein gewisser 
Leopoldo del Migliore 1684 in seinem Firenze illu^trcUa auf- 
bewahrt hat. Sie lautet: Qut giace Salvino degU Armati 
di Firenze, inventore degli occhiali, Dio gli perdotd le 
peccata. MCCCXVIL 

Dies Zeugnüs wird nun freilich nicht anderweit be- 
stätigt, allein mehrere Nachrichten kommen wenigstens 
darin überein, dafs die Erfindung der Brillen in die Zeit 
fällt, in welcher hiemach Salv. degli Armati gelebt haben 
muls. So weifs man, dals Aleunder de Spina, ein Domi- 
nikaner aus Pisa, der 1313 starb, bei Jemand ein Paar der 
damals eben erst erfundenen Brillen sah, und da diese 
Person ihm die Kunst ihrer Anfertigung nicht mittheilen 
wollte, darüber nachdachte und so das Brillenschleifen zum 
zweiten Male erfand. Ein anderes Zeugnifs über das un- 



Glasspiegel. Brillen. 95 

gefabre Alter der Erfindung giebt das Wörterbuch der 
Äccademia della Cru8ca beim Worte Occhiali. 

Die Äccademia della Crusca wurde 1582 zu Florenz 
gestiftet und hatte den Zweck, die italienische Sprache yon 
der Spreu oder Kleie, Crusca, zu reinigen, daher ihr Name: 
Akademie der Kleie, Academia iurfuratorum. In ihrem 
Wörterbuch heilst es nun beim Worte Occhiali: Brudei' 
Mano de Rivalto sagt in der im «/. 1306 veranstalteten 
SamnduHff seiner Predigten: Es seien noch nicht 20 Jahre, 
daß man die vortreffliche Erfindung der Brillen gemacht 
habe. Danach wäre die Erfindung in das J. 1285 zu 
Tosetzen, 

Die älteste Nachricht über die Brillen stammt vom 
J. 1299 und findet sich in einem Manuskript, das ein ge- 
wisser Bedi besafs. Sie lautet: Ich finde mich so beschwert 
rom Alter, da/s ich ohne die sogenannten Augengläser, die 
citr Kurzem zum Vo^iheHe der armen Alten erfunden worden 
nnd, weder lesen noch schreiben konnte. 

Nach allen diesen Zeugnissen scheint es ziemlich ge- 
^fs zu sein , dafs die Zeit der Erfindung der Brillen in 
fc letzte Drittel des XIII. Jahrhunderts fällt, und da nir- 
gendwo dem Salvlno degli Annati die Urheberschaft streitig 
gemacht wird, so kann man auch denselben bis auf Weiteres 
ior den Erfinder ansehen. Ueber die BeschajBfenheit der 
ersten Brillen, ob sie nämlich konvex oder konkav waren, 
veiis man nichts, ebenso über die äufsere Einrichtung der- 
selben. Ihre gegenwärtige Gestalt haben sie erst später 
erhalten. Anfangs befestigte man sie an der Mütze, die 
zu dem Ende weit über die Stirn bis an die Augenbraunen 
herabhing, nachher befestigte man sie an der Nase durch 
einen Haken. 

Das Wort Brille, oder wie man ehemals sagte Barill, 
soll nach Einigen von Beryll herkommen, vielleicht weil 
nian die ersten Augengläser von grünem Glase machte, 
und dadurch an den gleichfarbigen Edelstein erinnert wurde. 



96 



Vierzehntes Jahrhundert. 



Vierzehntes Jahrlnmdert. 

45. Das XIY. Jahrhtmdert ist im Ganzen für die 
Geschichte der Physik ein unfruchtbares, ja es ist ohne 
Vergleich ärmer als das dreizehnte. Dennoch treffen wir 
darin sogleich zu Anfang desselben eine" Erscheinung, die 
fbr die Zeit im höchsten Grade bemerkenswerth ist, näm- 
lich das optische Werk des Bruders Theodorieh: De radia- 
libus impressionibus. 

Dieser Bruder Theodorich vom Orden der Prediger- 
mönche war ein Sachse von Geburt, und schrieb sein Werk, 
das er dem Ordensgeneral Aymericns Placentinns widmete, 
ums J. 1311. Das Buch befand sich lange im Kloster der 
Predigermönche zu Basel, und kam zur Zeit der Refor- 
mation in die öffentliche Bibliothek der Stadt. Der durcii 
mehrere hydraulische Schriften rühmlich bekannte Italiener 
6. B« Ventnri bekam Nachricht von diesem Buch in einein 
andern Werk: Ueber die Schrißsteller des Ordens der Pre- 
digei^monche. Er wandte sich deshalb an den Professor 
fluber in Basel, bekam es von diesem zur Durchsicht, und 
machte den Inhalt desselben in einem Werke bekannt, 
welches den Titel fbhrt: Commentari sopra la storia e la 
teoria delC ottica. Bologna 1814. *) 



Fig. 2. 




Aus diesem Werke geht 
hervor, dafs der Verfasser, 
ohne Kenntnils von dem 
Refraktionsgesetz zu haben, 
die Entstehung beider Re- 
genbogen genügender er- 
klärt, als alle Physiker vor 
Deseartes und in einer 
Weise, die wir jetzt noch 
als die allein richtige an- 
erkennen. Danach entsteht 
der innere oder Hauptbogen 
aus Strahlen s a (Fig. 2), 
welche in die obere Hälfte der Tropfen bei a eintreten, hier ge- 




>) Gilberts Ann. LH, 406. 



Vierzehntes Jahrhandeirt. 97 

brochen und dann vom Hintergnind b des Tropfens reflektirt 
werden, worauf sie aus der unteren Hälfte nach abermaliger 
Brechung bei c austreten, und bei d in das Auge des Be- 
obachters gelangen. Der äuisere Bogen dagegen wird von 
Strahlen erzeugt, die in den unteren Tbeil der Tropfen 
bei a Fig. 3 eindringen und nach zweimaliger Reflexion 
iu der Rückwand i, b' und einer zweiten Brechung c aus 
dem oberen Theil des Tropfens nach d herabkommen. 
Weshalb aber nur die an bestimmten Stellen im Tropfen 
erfolgende Reflexion die bekannte Wirkung hervorbringt, 
erklärt Theodorieh durch die allerdings wenig befriedigende 

Fig. 3. 





Annahme, dafs diese Stellen besonders von der Natur dazu 
bestunmt seien. Eine sachgemäTse Auseinandersetzung 
darüber, wie sie später von Descartes gegeben ist (§ 189), 
war freilich bei dem Zustand der Optik zu Theodorich's 
Zeiten noch nicht möglich. Die Beziehungen zwischen 
Einfallswinkel i und Brechungswinkel r, sowie die Ursache 
der entgegengesetzten Farbenfolge von Roth nach Violett 
in Haupt- und Nebenbogen (R und Fin den Figuren) sind 
erst lange nach ihm gefunden. Seine werthvoUe Arbeit 
hat leider dadurch, daüs sie Jahrhunderte hindurch ver- 
borgen und unbdkannt blieb, den EinfluTs auf die Wissen- 
schaft nicht üben können, der unter günstigeren Umstanden 
unzweifelhaft erfolgt wäre; erst spät ermittelte man aufis 

Poggendorff, Gesch. d. Physik. 7 



98 Srfindiixig des Kompasses. 

Neae die Thatsachen, welche in jenem Buch bereits iftngst 
enthalten waren. 



Erfindung des Kompasses« 

46. Wir können das XIV. Jahrfanndert nicht ver- 
lassen, ohne den Anspruch^ den dasselbe auf eine der wich- 
tigsten und einflulsreichsten Erfindungen erhebt, etwas 
näher zu beleuchten. 

Nach der gewöhnlichen Annahme soll im J. 1302 
oder 1303 ein erfahrener Seemann im Neapolitanischen, 
Flavio Gioja mit Namen, aus dem Dorfe Pasitano bei 
Amalfi gebürtig den Eompals erfunden haben. Die An- 
nahme gründet sich hauptsächlich auf die Aeulseruog 
eines Schriftstellers des XIV. Jahrhunderts Anton ¥• Bologna, 
und zur ferneren Rechtfertigung derselben ftlhrt man auch 
noch andere Gründe an. So verweist man wohl auf die 
dem französischen Wappen entnommene Lilie, mit der 
noch jetzt in der Regel der Nordpol der Kompafsnadeln 
bei SchijBfem bezeichnet ist, und bemerkt dabei, Gioja habe 
diese Bezeichnungsart gewählt zu Ehren der damaligen 
neapolitanischen Dynastie, die aus dem Hause der franzö- 
sischen Grafen von Anjou herstammte. Man beruft sich 
ferner darauf, dafs die Neapolitaner, um die wichtige Er- 
findung ihres Landsmannes zu verewigen, demselben auf 
der Börse von Neapel eine eherne Bildsäule haben setzen 
lassen mit der Inschrift, dais er der Erfinder des Kom- 
passes sei. Endlich ftlhrt man auch das Zeugnils mehrerer 
Schriftsteller an, namentlich eines gewissen Arrigo Brech- 
mann, dals die Stadt Amalfi in ihrem Wappenschild eine 
Kompaisnadel ftlhre. 

Nichts destoweniger kann eine genauere historische 
Untersuchung dem flioja auf die Ebrfindnng des Kompasses 
durchaus keinen Anspruch zugestehen, höchstens ihm das 
Verdienst lassen, dies wichtige Instrument in die neapoli- 
tanische Schifffahrt eingefiihrt, oder mit dieser oder jener 
zweckmäTsigen Einrichtung versehen zu haben. 



Erfindung des Kompasses. 99 

Zuvörderst mufs ich bemerken, dals die Angabe von 
dar Magnetnadel in dem Wappenschilde der Stadt Amalfi 
unb^rOndet ist Es befinden sich darin unter andern 
Symbolen nur ein Paar FlQgel, deren Bedeutung nicht zu 
emthen ist; dann weils man durchaus nichts von dem 
LAm des Gioja, den Einige auch Giri oder Gira und 
$emen Vornamen Giovanni statt Flavio nennen; selbst die 
Zeit seiner angeblichen Erfindung wird verschieden ange- 
geben: 1300 statt 1302 oder 1303, auch wohl 1320. 

Dies alles würde freilich noch nicht hinreichend sein 

der Stadt Amalfi die Ehre des Geburtsorts der Kompais* 

a&idang streitig zu machen, allein es giebt Dokumente 

in gro&er Zahl, welche unzweideutig beweisen, dafs jenes 

wieJidge Instrument lange vor den Zeiten Gioja's bekannt 

gewesen ist. Ich meine damit nicht die Ansprüche, die 

Professor Hansteen in Christiania in seinem Werke über 

den Magnetismus der Erde für seine Landsleute die Nor- 

männer erhoben hat, denn diese sind nicht besser be- 

begründet als die der Neapolitaner, wie wir sogleich sehen 

werden. Haustein beruft sich auf das Landnamabok, das 

G«schichtswerk über die Entdeckung Islands, in welchem 

der Verfasser desselben Are Frode folgendermaisen sich 

^uiäspricht: Floke Vilgardarean^ der dritte Entdecker dieser 

Imel, ein berückügter Viking oder Seeräuber^ ging etwa ums 

i. 868 von Rogaland in Norwegen aus um Gardarsholm^ 

i. t. Island, aufzusuchen. Er na/im drei Raben mit, welclte 

tlm als Wegweiser dienen sollten. Um sie zu diesem Gc' 

Irfauch einzuweihen j veranstaltete er in Smorsundj wo seine 

Sckijfe segelfertig lagen ^ ein grofses Opfer ^ denn damals 

iatten du Seefahrer in den nördlichen Ländern noch keinen 

Uidarstein (Leitstein). 

Dieser Are Frode, der Verfasser des Landnamabok 
ist 1068 geboren, und hat also wahrscheinlich seine Ent- 
declningsgeschichte am Schlüsse des XI. Jahrhunderts ge- 
schrieben. Wäre diese St^le aus dem Original-Manuskript 
von Are Frode geschöpft, so würde man unbedenklich den 
^Iten Normannen schon im XI. Jahrhundert die KenntnÜs 



100 Erfindung des Kompasses. 

des Kompasses beulen müssen; allein gegen die Aecht- 
heit und das Alter jener Stelle Tassen sich sehr gewichtige 
Zweifel erheben. Frode schrieb sein Landnamabok aller- 
dings im XI. Jahrhundert, allein es wurde «inige Jahr- 
hunderte darauf Ton fi«ak Erlandson, der 1834 starb, 
revidirt nnd vervollständigt, und grade das Kapitel, worin 
die eben erwähnte Stelle vorkommt, ist, wie ein anderer 
nordischer Schriftsteller Johann Finnaens berichtet, von 
jenem Hank verfafst. Ueberdies fehlt jene Stelle in drei 
Manuskripten, die man vom Landnamabok besitzt, mithin 
ist es also höchst zweifelhaft, dais die alten Normannen 
schon im XI. Jahrhundert Kenntnils von dem Kompafs 
besalsen, und das sichere Datum aus Uaik Erlandsons 
Zeiten wäre jedenfalls nicht älter als der Anspruch der 
Neapolitaner, ginge wie dieser nur bis zum XIV. Jahr- 
hundert zurück. 

Dagegen giebt es andere Dokumente, die mit voller 
Zuverlässigkeit beweisen, dais der Kompafs lange vor 
Oioja und Erlandson in Europa bekannt war. Das erste 
und älteste Dokument dieser Art ist ein satyrisches Gredicht, 
welches Ouyot de Provins ums J. 1190 verfafst hat unter 
dem Titel La Bible. In diesem Gedicht wird unumwunden 
gesagt, dafs, wenn der Himmel bedeckt sei und man weder 
Mond noch Sterne sehen könne, die Schiffer die Magnet- 
nadel zu Rathe zögen. Es ist dabei von der Magnetnadel 
nicht als von einer neuen Erfindung die Bede, sondern 
als von einer bei Seefahrern ganz bekannten Sache. 

Der zweite Schriftsteller, der des Kompasses erwähnt, 
ist Jacques de Vitry. Dieser war zu ArgenteuU geboren 
und Bischof zu Ptolemais. Zur Zeit des vierten Kreuf' 
zugs, also 1204, ging er nach Palästina, blieb einige Jahre 
dort, kehrte dann zurück, machte 1210 als Legat des 
Papstes Innocenz III. den Krieg gegen die Albigenser mit^ 
nnd reiste abermals insgelobte Land, aus welchem er dann 
nach mehrjährigem Aufenthalt zurCk^kkefarte. Er starb 12"^^- 

Jacques de Vitry hat eine Historia ortenkUis geschrieben, 
deren erster Theil eine Beschreibung von Palästina ent- 



Erfindung des Kompaasea. 101 

hält Dieselbe ist, wie dus ganze Werk zwischen 1215 
und 1220 abgefiUst, und es wird darin deutlich von der 
Magnetnadel gesprochen^ und zwar ebenfalls nicht als Yon 
einer neuen Sache. Der Magnet wird darin Adamas ge» 
Dumt, ein in diesem Sinne den Altai ganz unbekanntes 
Wort, und hinzugesetzt, er wQrde in Indien gefunden und 
ziehe vennöge einer unbekannten Eigenschaft das Eisen 
an. Bine Eisennadel richte sich, nachdem sie mit dem 
Adamanti berührt worden, nach dem Nordpol, und sei 
daher den Schi£Pem auf dem Meere von groiser Wichtig- 
kit Von dem Worte Adamas, das hier zuerst als Be- 
zi^TUig des Magneten vorkommt, wird von Einigai das 
fruzösisehe Aimant al^leitet. Wahrscheinlicher ist indefs 
(üe Herieitung des letzteren Wortes von aimer lieben, und 
wtre hiernach Aimant eine Abkürzung von Pierre aimant. 
GewUB ist wenigstens, dafs der Magnet in anderen Sprachen 
genau denselben Namen fthrt, z. B. im Chinesischen thsu 
%, zu deutsch liebender Stein. 

Der dritte Schriftsteller, der vor Gkja^s 2ieiten« von 
der Magnetnadel spricht, ist der französische Dichter 
fitittier d'Espinois, der ums J. 1250 in einem Liede 
$^: Wie ach die Magnetnadel (Aiguille) gegen den 
Magnet richte, so wende . sieh aUes zu der Schönen , die 
er in seinem Liede beengt. Der Magnet wird dabei. zum 
ersten Male Aimant genannt. 

Ungefitlir um dieselbe Zeit, d. h. 1260, schrieb ein 
kerQbmter Grammatiker Brnnetto Latini aus Florenz, der 
Lehrer des groüsen Dichters Dante AUghieri, ein Buch in 
französischer Sprache betitelt Tresory. worin ebenfalls ganz 
deutlich vom Kompals, aiguille d'aymant, die Bede ist. 
Dieser Bnmetto scheint die Magnetnadel von Boger Baco 
kennen gelernt zu haben, wenigstens sagt derselbe dies 
Uünmwonden in einem Briefe, den ein Engländer aufge- 
funden und 1802 bekannt gemacht hat 

Aach Albr. v^ Billstaedt und Yineent v. Beanvais 
sprechen von dem MlEignet und dessen Anwendung in der 
Schiffahrt, wie ich sdion früher erwähnt, wiewohl das 



102 Erfindung des Kompasses. 

Btu;h der Steine von Aristoteles, aas welchem sie beide 
ihre Kenntnifs geschöpft za haben scheinen, nicht von dem 
berühmten Lehrer Alexanders des Grrofsen ist, und keinen 
Beweis von der Bekanntschaft, der Alten mit dem Magnet 
abgiebt Endlich sagt auch der bekannte Jesuit Riceieli 
in seiner Hydrographia et Geograpkia^ dafs unter der Re- 
gierung des heiligen Ludwig (1226 — ^^1270) die franzö- 
sischen Schiffer schon fbr gewöhnlich sich der Magnet- 
nadel bedienten. 

47. Nach allen diesen Zeugnissen können demnach weder 
die Normänner noch die Neapolitaner den geringsten An- 
sprudi auf die Ehre der Erfindung des Kompasses erheben. 
Es fragt sich nun, wem man dieselbe denn zuschreiben 
soll. Zunächst werden wir dabei an die Araber verwiesen, 
da das Werk, aus welchem Albr. V. Bolbtaedt und Vin- 
cent V. Beauvais schöpften, arabiseh geschrieben war. Auch 
fragt es sich vorerst, ob die Araber denn wirklich früher 
als die Europäer mit dem fbr die Schififahrt so unentbehr- 
lichen Instniment bekannt gewesen seien. 

Einige läugnen sogar dieses und stützen sich dabei 
auf den arabischen Astronomen Ibn Yunis, welcher ums 
J. 1007 ein Werk verfa&t hat,* worin er alle damals be- 
kannten Instrumente aufzählt, sonderbarer Weise der 
Magnetnadel aber nicht gedenkt. Darauf läTst sich indefs 
mit Grund erwidern, dafs die Araber sehr wohl vom 
J. 1007 bis 1250, der Zeit, wo A. v. BoUstaedt und Yiae. 
v.Beauvais schrieben, mit der Magnetnadel bekannt geworden 
sein konnten, und wirklich giebt es auch ein gleichzeitiges 
arabisches Werk, worin der Gebrauch der Magnetnadel 
ganz deutlich beschrieben wird. Es ftlhrt den Titel Schatz 
der Kaufleute für die Kenntnife der Steine^ und ist von 
dem Araber Bailak 1242 verfklst 

Es wird darin gesi^, dafs die Schiffer, welche das 
Meer von Syrien befahren, wenn die Nacht dunkel sei, 
so dafs man keine Sterne sehen* könüe, eid Gef&fs mit 
Wasser nähmen, ein Kreuz von Holzstäbchen auf das 
Wasser legten, und auf dieses Kreuz wiederum einen 



Erfindung des Kompaaaes. 103 

Magnetsteia so groia wie die Handflftche, und dais dieser 
Stein mit seinen beiden Spitzen nach Nord und Sfld zeige. 
Aach bei den Enropftern haben die Kompasse der Schiffer 
tofaDg8 diese Einrichtang gehabt, und daher stammt der 
Name Cafamtta, mit dem noch heut zu Tage die Italiener, 
& Nengriechen, Kroaten und Bosniaken die Kompaisnadd 
beseichnen; er stammt von Calamites Laubfrosch. Von 
dem Gebraach eines solchen Kompasses, sagt nun Bailak, 
wire er selbst Zeuge gewesen auf einer Heise, die er im 
J. 1243 Yon Tripoli in Syrien nach Alexandrien machte. 
Er setzt merkwürdiger Weise noch hinzu: die Schiffer, 
welche das Indische Meer befahren, liefsen statt des Holz- 
kreozes mit dem Magnetstein einen hohlen eisernen Fisch 
auf dem Wasser schwimmen, der mit seinem Kopf die 
Pnnkte Nord und Sfld angebe. 

Diese letztere AeuTserung von Bailak deutet schon 
<hiaiif hin, daüs der Kompafs nicht von den Arabern er- 
fimden so, da(s wir vielmehr die Erfindung dieses fbr die 
Schiffahrt so nützlichen Werkzeuges weiter gen Osten zu 
mxken haben. Und wirklich bestätigen dies auch die 
Fonchnngen des berühmten Sinologen Julias Klaproth, 
& derselbe auf Veranlassung AI. v. Humboldt's verCffent- 
licht bat in Lettre ä Mr. AL de Humboldt eur Finvention 
de la hM89ole 1834. 

48, Nach den gelehrten Untersuchungen von Klaproth 
haben wir es als ganz entschieden zu betrachten, dafs der 
Kompais eine Erfindung der Chinesen ist, oder wenigstens, 
dftls der Kompafs seit uralter Zeit und früher als in jedem 
andern uns bekannten Lande in China in Gebrauch ge- 
wesen ist. Die historischeti Zeugnisse, welche KlaproÜT 
daftr beibringt, sind so zahlreich und entedieidend, dafs 
wir nicht zu förchten brauchen es hier mit einer Mystifi« 
kation zu thun zu haben, wie solche sonst wohl bei An* 
Sprüchen der Chinesen auf die Priorität europftischer Er-^ 
findangen vorkommen. — Fand doch Babbage in einem 
Exemplar chinesischer Logarithmentafeln, die der Pater 
finbil 1750 der königl. Gesellschaft zu London geschenkt 



104 Erfiadoiig deB EompafiMS. 

hatte, genau die DrucMeliler, welche in den 1628 zu 
Goada gedruckten Tafeln von Ylacq enthalten sind. — 
Solche Mystifikationen hat man wie gesagt hier nicht zu 
fitrchten, dafiür bürgt die Kritik und Gelehrsamkeit des 
Sinologen, aus dessen Werke ich nun einige der haupt- 
sächlichsten Belege hervorheben wilL 

Das älteste schriftliche Dokuxn^it von der Kenntniis 
der magnetischen Polarit&t und der Magnetisirungskraft 
des Magneten datirt vom J. 121 n. Chr. Es findet sich 
in einem Wörterbuch Sehu^e^wen^ welches ein Chinese 
Namens Htn-tseUn schrieb. Unter dem Artikel Magnet 
wird darin gesagt, es sei der Name eines Steines, mit 
welchem man der Nadel fiichtnng geba 

Eine ähnliche Stelle findet sich in dem greisen Wörter- 
buch Poeirwenryun-fu^ das im XI. Jahrhundert geschrieben 
ward. Darin heiJbt es, dals schon unter der Dynastie der 
Tsin die Schiffer die Richtung nach Süden mittelst des 
Magneten gefunden hätten. Die Dynastie der Tsin 
herrechte von 265 bis 419, also wäre der Kompals schon 
im dritten bis fünften Jahrhundert auf der See in Gebrauch 
gewesen. Uebrigens sehen die Chinesen den Südpol als 
den Hauptpol an, da sie die Magnetnadel nach Süden 
zeigen lassen. 

Die Chinesen wufsten nicht nur, dals die Magnet» 
nadel sich in der Hauptsache von Norden nach Süden 
richte, sondern es war ihnen auch bekannt, da(s sie dicht 
genau diese Richtung annimmt, sondern in der Kegel 
etwas davon abweicht. Sie hatten also schon Kenntnii's 
von dem Phänomen der Deklination oder Abweichung der 
Magnetnadel. Ke-E-tsnng-chy, Verfasser einer ums J. 1111 
und 1117 geschriebenen Naturgeschichte, sagt in derselben: 
Wenn man die Spitze einer Nadel mit dem Hi-nui-chy 
oder schwarzblauen Magnetstein streiche, so zeige sie nach 
Süden, doch nicht genau nach Süden, sondern etwas nach 
Osten. Er giebt sogar den Betrag der magnetischen Dekli- 
nation an, indem er sagt, die Nadel zeige auf den Punkt 
Ping d. h. ^ des ganzen Kreisumfangs nach Osten ; da dies 



£rfiiidii]ig«de8 Kompasses. 105 

Tom Stidpol gik, 80 weicht der Nordpol also 15^ westlidi 
ab. Es sei noch bemerkt, da(8 hier die Bussole in 
24 Tlieile getheilt ist, die ihre besonderen Namen hatten. 

Wenn man genau .wfilste filr welchen Ort des groisen 
ehmesisehen Reichs diese Bestimmung gftlte, so könnte 
nmi danms einigen Nutzen für die Kenntniis der sSkulären 
iesdemngen der DeUinalaon ziehen. Gegenwfirtig ist die 
Dddmatian in Ghtna weit geringer, wie dies selbst die 
Qunesen wisaen, indem sie angeben die Dddination sei 
bei ihnen immer 2 bis S^^ Östlich, nienals kleiner als 2 
md gröiser als 4^, d« h. der Südpol östlich. Dies stimmt 
mit den Messungen der Europäer einigerma&en überein, 
dem Pater Amiot fand im J. 1755 für Peking 2^» bis 2<> 30' 
T^ch fftr den Nordpol, und an demselben Ort im J. 1831 
M Fab V 48'. Demnach hätte sich in 76 Jahren die 
Deklination zu Peking um nicht mehr als | bis |^ geändert. 
Dais daselbst audi firüher die Deklination fast denselben 
Werth gehabt hat, davon zeugen die Baudenkmale der 
C^esen. Die Mauern der Stadt Peking, welche unter 
im zweiten Kaiser ans der von 1868 bis 16,44 regierenden 
Dynastie der Ming, also vielleicht zu Anfange des 
IV. Jahrhunderts erbaut wurden, bilden ein Rechteck, von 
denen zwei gegenüberstehende Seiten sich von Süden nach 
Norden erstredcen^ aber nicht genau im Meridian, sondern 
^30' östlich abweichend. Das Zusammenfallen dieser 
Kichtang mit dem magnetischen Meridian beweist, dals 
die Qiinesen sich schon damals der Bussole bei Anlage 
giöiserer Bauwerke bedienten. 

49« Die Chinesen benutzten indefs die Magnetnadel 
Bicht zuerst in der Schiffl&hrt oder zu geodätischen Zwecken, 
sondern, was gewils recht merkwürdig ist, zu Landreisen. 
Den ältesten Grebranch machten sie nämlich bei den Tschi- 
i^-kin oder magnetischen Karren (Tschi-nan Südenzeiger 
und Tschi-nan^tschin Magnetnadel). Diese Karren waren 
zweirfidrige B^nhrwerke, auf welchen Tor dem Sitz ein^ 
ueine Figur mit ausgestrecktem Arme auf einem Stift be* 
^^ich sich befand. In dem ausgestreckten Arm war 



106 Erfindung des Kompasses. 

ein kleiner Magnetatab, durch welchen dieser Arm immer 
nach SfldeD zeigte. 

Solcher Ejurren becUenten sich die chinesischen Kaiser, 
wenn sie grolse Reisen oder Kriegszllge dnrch unbebatite 
oder wüste Gegenden ihres wdtiAoftigen Reiches unter- 
nahmen. Zuweilen hatten diese Karren oder Wagen zwei 
Stockwexke und neben der magnetischen Figur, welche 
die Richtung des Weges angab, befanden sich noch zwei 
andere, welche die L&nge desselben anzeigten, Termnthlieh 
durch einen Mechanismus, wie er in den Hodometem an- 
gewandt wird. Im oberen Stock, wo eine dieser letzteren 
Figuren stand, gab dieselbe bei jeder zurückgelegten Li 
oder chinesischen Meile, von denen 12,7 eine deutsche 
Meile ausmachen, einen Schlag auf eine Tronunel, und ]f& 
jeder zehnten Li schlug die zweite eine Glocke. Man 
sieht hieraus, dafs die Chinesen als Erfinder der Hodo- 
meter betrachtet werden müssen, und dais ihre Elaiser alle 
Vorsicht getroffen hatten, sich in ihrem, weiten Reiche 
nicht zu verirren. 

Solche "Wragen, welche die Kaiser auch wohl als be- 
sondere Gxinstbezeugungen an die Grofswttrdeniräger ihres 
Reiches yerschenkten, waren nun, wenn man den chine- 
sischen Historikern vollen Glauben sdienken darf, seit den 
urältesten Zeiten in Gebrauch. Man mufs aber dabei nicht 
▼ei^ssen, da& die historisehen Dc^com^ite, durch welche 
wir Nachricht vcm dieser Erfindung erhalten, dies hohe 
Alter selbst nicht haben. Der Verfasser einer chinesischen 
Encyklopädie : Rother Jaspisgarten y toorin die Jugend in 
den Alterthümem unterrichtet wird, nennt als Erfinder des 
magnetischen Karrens und der Bussole den Kaiser Tsche-n 
Knng, der 1100 Jahre r. Chr. lebte. Klaproth jedodi be- 
zweifelt, dafs der Erfinder des magnetischen Eourens und 
der Bussole ein und dieselbe Person sei. 

Die mythologische Geschichte der Chinesen setzt das 
Alter der Erfindung des magnetischen Wagens noch höber 
hinauf. Nach dieser ist es der Kaiser Hnang*ti, der diesen 
Wagen erfand, und zwar während eines Krieges mit dem 



Erfindung des Kompasses. 107 

Bebellen Tschi ye-n, als dieser vor einer Schlacht, um das 
hüeiliehe Heer in Unordnung zu bringen^ einen furcht- 
biren Staub erregen liels. Huang-ti konstruirte nun einen 
magDetischen Wagen, konnte sich damit Orientiren und 
nrd in Folge dessen Besieger des Rebellen.' Dies Er» 
eipiis wird ins J. 2S64 ▼. Chr. gesetzt. 

Unter den zuTorlässigeren Quellen der chinesischen 
Geschichte sind es die historischen Abhandlungen des SzH- 
uAsiaii, der im 11. Jahrhundert v. Chr. lebte, worin zu- 
eist des magnetischen Wagens erwähnt wird. In diesein 
Gcschichtswerk wird gesagt, dals Tsöhe^u Kung, erster 
)Gauter des Kaisers Tschin wang, den Gesandten aus 
Tnnkin und Kochinchina bei ihrer Abreise von dem kaiser- 
fieken Hof in Peking filnf magnetische Wagen mitgab, 
dnmt sie sicher den Weg in ihre Heimath f&nden. Das- 
selbe Faktum wird auch in verschiedenen andern chine- 
sischen Geschichtswerken erzählt 

Klaproth bringt über diesen Gegenstand noch ver- 
sekiedene andere Na<^richten bei, von denen ich hier nur 
zvei erwähnen will. Die eine derselben sagt, dafs unter 
den Bfirgerkriegen, die am Ende der Dynastie Hang ein- 
tnrten, die Kunst der Verfertigung magnetischer Wagen 
▼eitoren gegangen- war, und dafs der erste Kaiser der W^ 
ums J. 235 n. Chr. dem Gelehrten Ma Kinn (Dr. Ma) be- 
fahl, dergleichen Wagen wieder anzufertigen. Dies gelang 
ihm auch und der Geschichtsschreiber Thsni-pao berichtet, 
^8 alle magnetische Wagen seiner Zeit vom Dr. Ma her- 
stammten. Dennoch mufs die Kunst • der Erbauung solcher 
Wi^en nur auf wenige beschränkt gewesen sein. Es wird 
Bimlich erzähk, der Kaiser Tal-wu-ti, der von 424 bis 
451 n. Chr. regierte, habe dem Kuo-schung-ming den Auf- 
trag zur Verfertigung eines magnetischen Wagens gegeben, 
derselbe habe sich aber ein ganzes Jahr abgequält, ohne 
d«& er damit zu Stande kam. Der Auftrag ging nun auf 
einen gewissen Ma-yo über, der ihn auch glücklich ans- 
taute. Unter der Regierung des Kaisers Hian-tsung, 
Aschen 806 und 820, kamen die magnetischen Wagen 



108 £rfiiidiiBg des KompasMS» 

auf, welche auch, wie erw&hnt, Figuren Ki-li-ku genannt^ 
besafsen und zugleich die Ltoge des Weges angaben; dies 
w&re also die Zeit der Erfindung der Hodometer. 

Vou China gingen die magneüachen Wagen in der 
Mitte des YU. Jahrhunderts- nach Japan über, sc^ar das 
Jahr ist darüber aufbewahrt. Es war im J. 658 n. Chr^ 
wo ein Buddha^Priester aus China den ersten Wagen der 
Art nach Japan brachte. Dieser Mann mois wohl die 
Magnete dazu aus China mitgebracht haben, denn japani- 
sche Geschichtsbücher sagen, dafs man im J. 713 n. Chr. 
den ersten Magnetstein in Japan aufgefunden habe. 

&0. Die Benutzung des Aiagneten cur Schiffiahrt ist 
bei den Chinesen jedenfalls weit jünger als die der mag- 
netischen Wagen; wann sie aber zuerst gemacht» darüber 
haben wir keine Angabe* Die titeste Nachricht, dab 
Schiffer sich der Magnetnadel bedient haben, ist die aus 
den Zeiten der Dynastie Tsin, 265 bis 419. Auch weils 
man aus anderen Geschichtswerken, da(s unter der Dy- 
nastie der Thang im VU. und YIII. Jahrhundert die Chi- 
nesen sehr weite Seereisen untemahmen, von Canton durch 
die Straise von Malacca nach Ceylon um das Kap Comoria 
nach der Kügbe Malabar und den Mündungen des Indus, 
ja selbst nadi denen des Euphmts, und Keisen von solcher 
Ausdehnung können nicht illglich ohne Kompafs gemacht 
werden. 

Die erste Beschreibung einer Bussole findet sich jedoch 
erst in der 1111 oder 1117 verfiGklisten Natui^geschichte des 
Ke«u*tsn9g-8€hy; darin wird gesagt, dais man die Magnet- 
nadel entweder mittelst Wachs an einem Faden aufhänge, 
oder mittelst eines Schilfhalmes auf Wasser schwimmen 
lasse, und wie schon gesagt, wird dabei bemerkt, dals sie 
nicht genau nach Süden zeige. 

Ein anderes Dokument über den Gebrauch der Magnet- 
nadel zur See unter den Chinesen datirt vom XHI. Jahr- 
hundert und heüst: Tschin-la^fung-thu-ki oder Beschrei- 
bung des Landes und der Sitten von Tschin -la d. h. 
Cambodja. Sie ist 1297 abgefafst und giebt u. A. die 



Erfindung des Kompasses. 109 

SicfatDiig, welche Schifter zur Befahrang der Küsten die- 
ses Landes zu nehmen haben, genau in der Weise der 
duDedschen Bussole an. 

Die Wasserbussolen scheinen in der ältesten Zeit die 
lAüchsten gewesen zu sein, sie werden noch in einer 
Eneyidopädie beschrieben, die aus dem XVI. Jahrhundert 
krstammt. In Korea waren solche Bussolen sogar noch 
in der zweiten EÜÜfte des XVll. Jahrhunderts in Gebrauch. 
Der Amsterdamer Büi^ermeister Nikolas Witsen sagt dies 
amdrQcklich in seiner Beschreibung der Tartarei nach dem 
Bericht eines Arztes, der 1653 mit einem holländischen 
S^e auf der Küste von Korea scheiterte. 

Indels sind auch die Bussolen von besserer Einrich- 
tODg, worin die Magnetnadel mittelst eines Hütchens auf 
einem Stifte schwebt, schon seit langer Zeit in China üblich. 
Vaseo de Oama, der bekannte Entdecker des Seeweges 
nach Ostindien, traf im J. 1498 an der Ostküste Afrikas 
indische Piloten an, welche Seekarten und Bussolen hatten, 
und auch die Höhe des Aequators sehr wohl mit einem 
Quadranten zu messen verstanden. Statt einer eigentlichen 
Nadel hatte die Bussole dieser Piloten einen Streifen Eisen- 
blech, der nicht auf Wasser schwamm, sondern auf einem 
Hütchen schwebte. Diese Piloten zeigten ihm den Weg 
oach Ostindien. 

Gegenwftrtig hat die Bussole bei den Chinesen fast 
die Gestalt der unsrigen. Ein nadeiförmiges Magnetstäb- 
chen ruht mittelst eines kupfernen Hütchens auf der Spitze 
eines Stifts innerhalb einer Holzbüchse, die statt des Gla- 
ses mit einem Glimmerblättchen yerschlossen ist. Die Ein- 
theilung des Limbus der Bussole ist sehr verschiedenartig; 
ifian hat nautische, geographische, astronomische und astro- 
logische Bussolen, und jede derselben besitzt eine besondere 
Eintheilung und besondere Namen 4, 8, 12, 16, 24 f&r die 
Windstriche und Himmelsgegenden. 

Nach allen diesen Zeugnissen ist es nun wohl un- 
zweifelhaft, daüs die Chinesen, wenn sie auch nicht die 
Erfinder der Bussole sein sollten, doch dieses so wichtige 



110 Erfindung dw Kompasse». I 

LutnuKkieiit lange Zeit vor den Arabern and Europäen 
Irannten md benatiten. Ebenso unterliegt es nach dem 
Angefahrten kaum einem Zweifel, da(s die Araber und 
demnächst die Europäer dasselbe vom Oriente her kennen! 
lernten, und sie folglich nicht einmal auf die Ehre An- 
spruch machen können, es zum zweiten Male erfunden za 
hab^n. Die Araber scheinen nicht einmal eine Verbesse- 
rung an dem Instrumente angebracht zu haben, allein den«! 
noch haben sie sich hier ein Denkmal errichtet, welches 
freilich von den Meisten nicht erkannt ist Dies ist der 
Name Bussole, der jetzt für den Kompals so gebräuchlich 
ist. Man schreibt dies Wort gewöhnlich Boussole und meint 
es sei ein französisches; Andere leiten es von dem Italieni- 
schen bossolo, Büchse, ab. Die richtige Herleitung ist aber 
nach Klaproth von dem Arabischen Muassala, Pfeil, wel- 
ches man gewöhnlich Mo-ussala ausspricht; daher ist es 
auch richtiger im Deutschen Bussole zu schreiben, und 
nicht Boussole. 

5L Was die Europäer betriffl;, so bedienten sie sieb, 
wie schon erwähnt, in der frühesten Zeit auch nur der 
Wasserbussole und erst später gingen sie zu der jetzt ge- 
bräuchlichen Aufstellung einer Nadel auf die Spitze eines 
Stiftes über. Möglich ist, dals Gioja diese Vorrichtung 
ersann, vielleicht auch die alsdann durchaus nothwendige 
Aufhängung des ganzen Kompasses; Bestimmtes wissen 
wir nicht darüber. Dagegen wissen wir, dals die Erfin- 
dung der Windrose oder Schiffsrose, sowie die f&r die 
Schiffiahrt so bequeme Bezeichnung der Weltgegenden 
durch 32 Striche am Ende des XVI. Jahrhunderts gemacht 
ist; man schreibt sie den Holländern zu. 

Eigenthümlich den Europäern und nicht entlehnt von 
den Chinesen ist der Gebrauch des Kompasses unter der 
Erde in Bergwerken zur Anlage und Aufnahme von Gru- 
ben. Wer die glückliche Idee zu dieser Anwendung hatte, 
ohne welche an einen regelmäisigen ausgedehnten Bergbau 
nicht föglich gedacht werden kann, ist wiederum ungewifs. 
Vermuthen dürfen wir aber, dals es ein Deutscher gewe- 
sen sei, denn Deutschland ist ja gewissermafsen das Vatei^ 



Zusatz. 111 



land d68 Bttgjbaoi» waä er kfc cia Dentscber, der xaen^ 
im fiwbpafctiMApafg beschrieben hat, nämlich Areola. 

Agtk^f od» wie er eigentlich hiefs fleorg Bauer, 
wurde 1490 zu Glanchau geboren, war 1518 bis 1522 Rek- 
tor m Zwickau, studirte darauf in Leipzig und Italien Medicin, 
ond widmete sich seit 1531 dem Bergbau. Er starb 1555 
ik Bfirgermeister zu Chemnitz. Agrieola war ein sehr 
kenntnilareicher und durch seine Schriften über den Berg- 
baa hoch verdienter Mann. In seinem berühmten Werk 
De Tt metaUiea, 1530 giebt er die erste Nachricht vom berg- 
Qlooisdien Kompais und dessen Gebrauch. Dieser Kom- 
p>^ von dem er eine Abbildung giebt, ist in 2 . 12 Stun- 
^ eingetheilt, wie noch heut, und die Nadel schwebt 
iush mittelst eines Hütchens auf einem Stift. Die Kunst 
wi diesem Kompais Gruben anzulegen wird in dem Werk, 
obwohl es lateinisch geschrieben ist, mit dem deutschen 
Worte Marktscheidem belegt. 

Die erste vollständige Anleitung zur Marktscheide- 
bist schrieb Erasmus Reinhold (gest. 1 553), welche posthum 
^nchien unter dem Titel: Vom Marktsckeiden^ kurzer und 
grujUcher Unterricht durch JEraem, Reinh. Doctoremy £V*- 
M 1574. Auch den eigentlich unter der Erde gebrauch- 
Üchen Hftngekompab mit der doppelt ringförmigen Auf- 
i^Ängong des Seekompasses erfand ein Deutscher, der Berg- 
nieister Balthasar RSMer zu Altenburg im J. 1678. 

Ich glaube diese Nachrichten, obwohl sie über die 
von uns näher betrachtete Periode hinausgehen, schon hier 
enrahnen zu müssen, als nun mit ihnen so ziemlich Alles 
^^hopft ist, was sich über die Erfindung des Kompasses 
^d dessen gewöhnlicher Anwendung sagen l&Tst. Was 
<lie wissenschaftliche Benutzung dieses Instrumentes und 
die damit gemachten Entdeckungen betrifit, so behalte ich 
sie einer späteren Periode vor. 

Znsatz. 

Die Chinesen haben demnach nicht nur den Kompais 
^eichwie das Schiefspulver erfunden, oder wenigstens viel 
^er gekannt und gebraucht als die Europäer, sondern 



112 Fünfzehntes Jahrhundert. 

sie haben auch gleichfalls Ansprüche auf die Priorität der 
dritten jener Erfindungen, welche man füglich als die Haupt- 
und Kardinal-Erfindungen zu bezeichnen hat, sie- sind auch 
Erfinder der Buchdruckerkunst. Dic«e Kunst wurde er- 
funden im Königreich Schu, jetzige Provinz Szu-tschuen, 
welche von 891. bis 952 selbststfindige Regenten hatte, im 
letzteren Jahr aber vom Kaiser Tschuang-tsung unterjocht 
ward. Die Könige von Schu hatten u. A. die vier Bücher 
des Conftieiiu und mehrere Werke zum Unterricht der 
Jugend drucken lassen. Gewöhnlich druckten sie, wie es 
noch der Fall ist, und wie es auch vor Guteilbei^ in 
Europa geschah, mit gravirten Hölztafeln; allein sie hatten 
auch einzelne Lettern und zwar von Kupfer. Durch solche 
kupferne Lettern ging die Kunst im J. 1205 von China 
nach Japan über. Die Europäer hätten mehr als hundert 
Jahre früher mit dieser Kunst bekannt werden können, 
wenn sie die persischen Historiker gelesen hätten, denn 
RaseUd-eddin beschreibt ums Jahr 1310 in seiner Geschichte 
der Könige von Khatai ganz umständlich, wie die Chinesen 
es machten, daCs bei ihnen ein Exemplar eines Buches 
genau so aussehe wie das andere. 

Papier, welches die Europäer erst im XH. Jahrhun- 
dert kennen lernten, und zwar auch erst durch die Ara- 
ber, war den Chinesen ebenfalls schon Jahrhunderte be- 
kannt und wurde bereits im J. 601 nach Japan eingeführt 
Sie erfanden auch das Papiergdd und die Spielkarten, 
letztere 1120. — Die Europäer benutzten anfangs das alte 
Papyruspapier, später Baumwollenpapier, das die Araber 
schon 704 kannten und im XI. Jahrhundert nach Spanien 
einführten, von wo aus die Europäer es kennen lernten. 
Leinenpapier kommt erst zu Anfang des XIV. Jahrhun- 
derts vor, und ist unstreitig eine europäische Erfindung. 
(Klaproth, Lettre p. 128; Libri, Histoire etc. I, 135; 
Busch, Handb. d. Erfind. X.) 

Fünfzehntes Jahrhimdert. 

62. Für die Physik im engeren Sinne ist dieses in 
Beziehung auf die Kulturgeschichte so höchst merkwQr- 



Fünfzehntes Jahrhundert. 113 

dige Jahrhundert ein im Ganzen unfruchtbares. Man stu- 
dirte und kommentirte Aristoteles, ohne dessen Lehren in 
irgend etwas zu berichtigen und zu erweitem. Dennoch 
treffen wir einzelne Männer an, die reich begabt mit hohen 
Fähigkeiten in anderen Zeiten gewifs Grofses in der Wis- 
senschaft geleistet hätten. So müssen wir hier namentlich 
einen Mann nennen, den man im AUgemeinen nicht ge- 
irohnt ist in den Annalen der Wissenschaft glänzen zu 
sehen, obwohl er sich auf anderem Felde unsterblichen 
Rohm erworben hat. 

Es ist dies der grolse Maler Leonardo (Lionardo) da 
Thei, geb. za Vinci bei Florenz 1452, und gest. 1519 im 
Schlosse Clous bei Amboise, nicht im Arme des Königs 
Fnnz L, sondern im Elreise seiner Schüler. Leonardo war 
mdbt nur grofs als Maler, als Bildhauer, Baumeister und 
Musiker, sondern er hatte auch so viele Kenntnisse, eigene 
Ansichten und Ideen in den Wissenschaften, dals man 
schon über die Mannichfaltigkeit derselben wahrhaft er- 
staonen mnis. Er trieb Algebra, Mechanik, Astronomie, 
Physik, Botanik und viele andere Zweige der Naturwissen- 
schaft, und alles fär die Zeit mit Auszeichnung. 

Leider sind uns die Werke dieses hoch hervorragen- 
den Mannes nur theilweise und lückenhaft bekannt; von 
ihm selbst verftiTst haben wir nur einen Trattato della pit- 
tfira. Seine übrigen Schriften, die er in Form von ein- 
zehien Blättern hinterlassen hat, haben leider das Schicksal 
gehabt, dafs sie in unrechte Hände gekommen sind, zer- 
streut wurden und theilweise verloren gingen. Dennoch 
ist die Masse derselben sehr grofs, sie bilden 14 bis 15 
Bände und werden gröfstentheils in Paris aufbewahrt. — 
Aus dem reichen Inhalt sei hier nur rein Physikalisches 
herrorgehoben. Leonardo entdeckte die Kapillarität und 
die Diffraktion, er kannte die Camera obscura, freilich 
ohne Linse, und gründete darauf eine Theorie des Sehens; 
er beobachtete den Widerstand, die Verdichtung und das 
Gewicht der Luft, die Staubfiguren auf schwingenden Flä- 
chen, die stehenden Wasserwellen, die Reibung und ihren 

Pogg«ndorfr, Gescb. d. Physik. 8 



114 Fünfzehntes Jahrhnndert 

Effekt, erfand ein Dynamometer und viele zusammenge- 
setzte Maschinen u. s. w., auch brauchte er schon nach 
Libri die Vorzeichen — und H-. 

Nächstdem sehen wir in diesem Jahrhundert die Astro- 
nomie sich aus ihrem Schlummer erheben, und wenn auch 
grade noch nichts von Bedeutung gefördert wird, so liegt 
doch in den vereinzelten Bestrebungen zur selbststfindigen 
Thätigkeit der Keim zu den grofsen Entdeckungen, welche 
das folgende Jahrhundert dieser Wissenschaft bringen 
sollte. 

Noch einmal sehen wir in diesem Jahrhundert im ent- 
legenen Orient, gleichsam als einen Nachhall des rühm- 
lichen Geistes arabischer Kalifen, den Trieb des Wissens 
in einem Fürsten auferstehen. Es war Ulug-Beg, Fürst der 
Mongolen, ein Enkel des berühmten Tamerlan, der nicht 
nur 1430 eine grofse Anzahl von Gelehrten in seine Haupt- 
stadt Samarkand berief, daselbst eine Sternwarte bauen 
liefs, sondern auch selbst theilnahm an den Beobachtungen, 
und astronomische Tafeln veranstaltete, die noch jetzt einen 
gewissen Werth besitzen. Sein Beispiel fand indefs keine 
Nachahmer, mit der Ermordung dieses au%eklärten Für- 
sten im J. 1449 verschwindet fbr immer aus diesen Ge- 
genden jeder helle Strahl der Wissenschaft. 

Mit besserem, obwohl immer noch vereinzeltem Er- 
folge sehen wir die Astronomie in Europa treiben. Als 
einen der ersten auf dieser rühmlichen Bahn müssen wir 
nennen den Kardinal Nikolaus de Cnsa, geb. 1401, gest. 
1464. Eigentlich hiefs er Niklas Krebs (Chrypfis), war der 
Sohn des Fischers Johann Krebs zu Cufs an der Mosel, 
und wird daher auch Cusanus genannt. Er ging als Jüng- 
ling nach Italien, ward Geistlicher, zeichnete sich durch 
Talent und Kenntnisse aus, so daüs er vom Papst Eugen 
nach Griechenland gesandt wurde, um eine Vereinbarung 
dör abendländischen mit der morgenländischen Kirche zu 
bewerkstelligen. Später wurde er Gesandter des Papstes 
auf dem Koncil zu Basel, hierauf Bischof von Brixen und 
endlich Kardinal. 



FüBÜtehntos Jahrhundert. 115 

Wir besitzen von ihm mehrere Werke astronomischen 
and mecbanisehen Inhalts, welche zwar nicht frei sind von 
Irrthümem, aber auch viele Beweise eines richtigen Ur- 
theib enthalten. So ist Ciua einer von denen, welche die 
Nothwendigkeit einer Verbessemng des Kalenders einsahen, 
worin ihm Roger Baeo bereits vorangegangen war, doch 
bffi bekanntlich diese Verbesserung erst unter Papst Gre- 
gor Xm. im J. 1582 zu Stande. 

Ferner gereicht es Cnsa zu groiiser Ehre, dafs er unter 
den Neueren einer der ersten war, welcher die Wahrheit 
des Satzes erkannte, dafs die Erde rotire und nicht der 
Himmel. Terra nan potest eaae fixa eed movetur ut aUae 
'^, sagt er in seinem Werke De docta ignorantia, BasiL 
/'Jfö. Die Erde kreist aber nach ihm nicht um die Sonne, 
modern Erde und Sonne kreisen um die ewig wechselnden 
Pole des Universums ^). Spätere Historiker, welche diesen 
Aasspruch aus dem Zusammenbang rissen, sind wohl so 
weit gegangen, dem Kopemikns dieserhalb einen Theil sei- 
nes Ruhmes zu nehmen, und denselben auf Cnsa zu über- 
tragen. Aber dies ist doch sehr mit Unrecht geschehen, 
im jener eine Satz begründet noch lange nicht das 
iopemikanische System, nach welchem sich die Erde mit 
den Planeten um die Sonne dreht, und überdies scheint 
Kopendkus nichts von Cnsa gewiiTst zu haben ^). Aber 
m Vorläufer von Kopernikus mufs Cnsa allerdings genannt 
Verden, wie Hufs von Luther. 

In nähere Beziehung zur Physik tritt Cnsa durch sein 
Bach De staticis eaperimentis dialogus^ gedruckt Strafsburg 
1550, werin sich mancherlei interessante Kuriositäten be- 
finden, z. B. die Beschreibung verschiedener Wasseruhren, 
^er Vorschlag gewogene Quantitäten von Samen in ge- 
zogene Quantitäten von Erde zu säen, und die daraus 
entstandenen Pflanzen zu wiegen, um zu sehen, ob diese 
^ea aus der Luft entnehmen. Was aber das meiste Inter- 
esse für den Physiker hat, ist, dafs sich darin auch die 



') Hamboldt, Kosmos III, 409. 
^) Hnmboldt, Kosmos IT, 503. 



8' 



116 Fünfzehntes Jahrhundert. 

Idee zu der gewöhniicfaen Art desjenigen Instrumentes an- 
gegeben findet, welches man Bathometer oder Tiefen- 
messer nennt. 

Dieses Bathometer bestand aus einer hohlen Kagel 
beschwert mit einem Gewicht von solcher Gröfse, dafs das 
Ganze mit einer gewissen Geschwindigkeit untersinkt in 
Wasser. Das Gewicht ist mit der Kagel durch einen 
Mechanismus verbunden, der sich von dieser ablöst, so 
wie er von unten her einen Stofs empftngt. Taucht man 
nun das Instrument in einen See oder FluTs, so sinkt es 
mit einiger Geschwindigkeit zu Boden; dort angelangt^ 
löst sich durch den Stofs das Gewicht ab, die Kugel steigt 
allein wieder in die Höhe, und aus der Zeit zwischen 
ihrem Untersinken und Wiedererscheinen wird die Tiefe 
berechnet. 

Ein ähnliches Instrument hat ein gewisser Pflhier in 
seiner Geometrie^ DiUingen 1563 beschrieben. Es wird da- 
bei gesagt, Kaiser Maximilian habe auf diese Weise die 
Tiefe des Traun- und des Gtnundener Sees messen lassen, 
und man habe sich dabei einer Wasseruhr bedient. Ob 
PflUer diese Idee von Cnsa habe, sagt er nicht; später ist 
diese Idee unzähligemal wieder aufgefrischt worden. 

53. Gleichzeitig mit Cnsa lebten ein Paar Männer, 
die nicht sowohl durch ihre eigenen Leistungen, als viel- 
mehr durch den Geist, welchen ihr Beispiel und ihre Lehre 
erweckten, mit Recht als die Wiederhersteller der Astro- 
nomie in Deutschland und überhaupt in ganz Europa an- 
gesehen werden. Es sind dies Pnrbach und Regiomontan, 
beide schon dadurch bemerkenswerth in der Geschichte 
der Wissenschaften, dafs sie die Lehrer des grofsen Ko- 
pemikns waren. 

Cteor;; Pnrbach auch Penesbach, so genannt von seinem 
Geburtsort Peuerbach, einem Städtchen in Oberösterreich, 
war Professor der Astronomie an der 1365 gestifteten Uni- 
versität Wien. Er wurde geb. 1423 und starb 1461. Seine 
eigenen Arbeiten, die hauptsächlich in einer Theorie der 
Planeten bestehen, haben freilich längst die Zeiten überlebt. 



Fünfzehntes Jahrhundert. 117 

aber alfl Lehrer, der von nah und fern die wifsbegierige 
Jugend an sich zog, und mit der ptolemaeiBchen Astro- 
Donüe bekannt machte, übte er einen sehr heilsamen £in- 
flois aoa. R^emontan und Kopernikns waren beide seine 
Schüler, und das allein schon hat seinem Namen ein blei- 
bendes Andenken gestiftet« 

Regimontanns hat seinen Namen von dem Stadtchen 
Königsberg in Franken, wo er 1436 geboren ward. Bigent- 
Hdi hiefe er Johann MoUer, daher er auch wohl nach Sitte 
der Zeit Molitor genannt wurde. Er war ein frühzeit^es 
Genie, schon im 12« Jahre bezog er die Universit&t Leipzig 
umI im 15. verliefs er sie, um sich unter Parbaeh ganz 
& die Astronomie auszubilden. Zehn Jahre darauf, als 
Pirbaeh starb, ward er zu dessen Nachfolger im Lehramt 
ernannt. 

Er machte nun mit dem Kardinal Bessarioni einem 
Beschützer der Wissenschaften, mehrjährige Reisen in 
Italien, hielt 1463 Vorlesungen zu Padua und lebte 1464 
b Venedig mit der Ausarbeitung trigonometrischer Schrif- 
ten beschäftigt. Nach seiner Rückkehr ging er auf den 
Hof des Königs Matthias Corvinus von Ungarn nach Ofen, 
^erliels aber der Kriegsunruhen wegen 1471 diese Stadt, 
und liels sich in Nürnberg nieder. Hier hatte er das 
Glück in dem reichen Patricier Bernhard Walter einen 
Schüler und Gönner zu gewinnen, der ihm nicht nur die 
Herausgabe seiner Werke möglich machte, sondern ihm 
auch die Mittel zur Fortsetzimg seiner Studien verschafite, 
wozu seine eigenen Vermögepsumstände nicht ausreichten. 

Von seinem grofsen Rufe unter den Z^eitgenossen mag 
der Umstand zeugen, dafs Papst Sixtus IV. ihn der beab- 
sichtigten Kalenderreform wegen 1474 nach Rom berief, 
wo er nach kurzer Zeit 4476 oder wie Einige angeben 
H75 seinen Tod fand, nach Einigen an der Pest, nach 
Anderen durch Meuchelmord, den die Söhne des Georg 
von Trapezunt an ihm begingen aus Rache dafür, daXs er 
ik von ihrem Vater gemachte Uebersetzung von Theenis 
Kommentar zum Ptolemaens als sehr fehlerhaft bezeichnet 



118 Fün&ehnteB Jahrhuidert. 

hatte. Dieser fieorg von Trapeinnt war ein Grieche, 1396 in 
Kreta geboren, der i486 zn Rom als Praefectus gymnasii 
und Secretarius apostolicus gestorben ist. Er nannte sich 
Trapezuntious, weil er sein Geschlecht ans Trapesunt her- 
leitete. Dnrch seine Uebersetznngen griechisdier Werke, 
wenn sie auch mitimter fehlerhaft sein mochten, war er 
nicht ohne Verdienst fbr «eine Zeit. 

Begiomratan hat auch Verdienste um die Algebra, 
femer durch seine Sinustafeln, und die Berechnung der 
astronomischen Ephemeriden flir 1475 bis 1506; durch 
ihn ward Nürnberg auf längere Zeit ein vorzüglicher Sitz 
der Astronomie. Au&er Bemh. Walter (1430 bis 1504} 
ist noch bemerkenswerth Joh. Werner (1468 bis 1498), 
der sich besonders durch seine geometrische Analysis be- 
kannt gemacht hat. 

Diese und andere rühmlichen Bestrebungen im Gebiet 
der Astronomie sind, wie schon gesagt, die einzigen Mo- 
numente der Naturforschung aus dem XV. Jahrhundert, so 
dafs, wenn man allein danach urtheilen wollte, leicht der 
Glaube erweckt werden könnte, es hätte die allgemeine 
Kultur Bückschritte in diesem Jahrhundert gemacht. Dem 
ist aber nicht so. Die allgemeine Civilisation, diese Basis, 
auf welcher Kunst und Wissenschaft allein in gedeihlicher 
Weise emporsprieisen können, machte in Vergleich zu den 
früheren Zeiten bedeutende Fortschritte. Ja dieses Jahr- 
hundert ist anderweit durch Erfindungen und Entdeckun- 
gen bezeichnet, die wahrhaft epochemachend genannt wer- 
den müssen. Dahin gehören die Erfindung der Buch- 
druckerkunst durch Outenberg und seine Genossen ums 
J. 1440; die Entdeckung Amerikas durch Coluflibus im 
J. 1492, und die Auffindung des Seeweges nach Ostindien 
durch Vaseo de flama 1498. <? 

So wie diese welthistorischen Ereignisse ihren mäch- 
tigen EinfluA auf die Umgestaltung der Cirilisation haupt- 
sächlich erst in der Folgezeit in immer steigendem und 
selbst gegenwärtig noch lange nicht abgegränztem Umfang 
geltend machten, so war eine andere Begebenheit die Er- 



Secbszehntes Jahrfaondert 119 

obenmg von Eonstantinopel 1453 durch die Türken von 
näherer und wohlthätiger Einwirkung auf die zeitige Kultur 
der Wissenschaften im Abendlande. Sie filhrte Italien 
eine bedeutende Anzahl gelehrter Griechen zu, die aus 
ihrem Vaterlande flüchtend hier eine Freistätte suchten, 
und durch ihre Kenntnisse wesentlich dazu beitrugen, den 
Smn itkr die Literatur des klassischen Altertfaums zu erhöhen 
ond zu erweitem. Sie haben mitgewirkt das neuere Italien 
zur Wiege der Künste und Wissenschaften zu machen. 

Sechszehntes Jahrhiiiidert 

54, Das wachsende Interesse für die exakten Wissen- 
fichaften spricht sieh in diesem Jahrhundert zunächst durch 
gesteigerten Eüfer ftlr das Studium des klassischen Alter- 
thams aus, einen Eifer, der freilich bei Vielen zu einer 
blinden Verehrung der Alten fthhrte, und über das An- 
eignen des Ueberlieferten das selbstständige Forschen nur 
sehr spärlich und in beschränktem MaTse aufkommen lieis. 
So sehen wir denn eine bedeutende Anzahl Gelehrter jener 
Zeit, besonders aus der ersten Hälfte ded Jahrhunderts, 
ihre Kräfte darauf verwenden, die Werke der Alten zu 
fibersetzen und zu kommentiren. Dahin gehören: 

Venatoiins, yeröffenilichte 1544 eine lateinische Aus- 
gabe des Archimedes und seines Kommentators Entocins. 

Jaaa Ptaa oder de la P^ne, ein provengalischer Edel- 
mann, Professor zu Paris, übersetzte 1557 die Optik und 
Katoptrik des Euklid ins Lateinische. 

Federigo Commandino, Mathematiker des Herzogs von 
Urbino und Arzt in der Stadt Urbino, geb. daselbst 1509, 
gest 1575; dem Todesjahr von Maurolykus, dessen Schüler 
er war. Sein Hauptverdienst besteht in korrekten und 
kritischen üebersetzungen der Werke alter Mathematiker 
aus der griechischen Urschrift ins Lateinische, so nament- 
lich des Archimedes, Ptolemaens, Apollonins, Pappns, Hero, 
Euklid, Aristareb. Seine eigenen Leistungen beschränkten 
sich auf freüich nicht erhebliche Untersuchungen Ober den 



120 Sechszehntes Jahrhundert. 

Schwerpunkt bei der Halbkugel und dem hyperbolischen 
Konoid. 

Guido Ubaldo del Honte, fälschlich Ubaldi genannt^ 
latinisirt Montis, war ein Schüler des Commandino, geb. 1 545 
zu Pesaro aus einer sehr angesehenen Familie und starb 
1607. Er studirte zu Urbino und Padua, focht alsdann 
gegen die Türken und kehrte 1588 nach Italien zurück, 
wo er General-Inspektor der Festungen von Toskana wurde. 
Hier kam er mit Galilei zusammen, den er in seinen ersten 
Arbeiten sehr ermuthigte. Del Monte übersetzte das Werk 
von Arehimedes über das Gleichgewicht, aber mehr als 
diese Arbeit trug zu seinem Ruf bei eine Mechanik, die 
] 577 erschien. Er vervollkommnete darin die Theorie der 
Maschinen, indem er sie alle auf den Hebel zurückfilhrte, 
und diese Methode auf einige der sogenannten mechani- 
schen Potenzen z. B. auf die Rolle mit Glück anwandte. 
Galilei spricht immer mit vieler Auszeichnung von ihm, 
nennt ihn einen sehr grofsen Mathematiker seiner Zeit, und 
Lagrange schreibt ihm die erste Entdeckung des Princips 
der virtuellen Geschwindigkeit beim Hebel und beim 
Flaschenzuge zu. 

Besonders fand Aristoteles zahlreiche Uebersetzer und 
Kommentatoren, und sein Ansehen stieg bald zu einer 
solchen Höhe, dals mehr als Einer es hat bitter bereuen 
müssen, sich gegen die Autorität des Peripatetikers auf- 
gelehnt zu haben. Ein solcher Märtyrer des eigenen Nach- 
denkens ist Peter Ramus, Professor am College de France 
zu Paris, geb. 1502, gest. 1572, ein zu seiner Zeit sehr 
berühmter Mann. Er büfste seine Freimüthigkeit, wie 
einst Roger Baco, mit dem Verlust seiner Lehrstelle und 
hatte überdies die unwürdigste Behandlung zu erdulden, 
bis er zuletzt in der schrecklichen Bartholomäusnacht als 
ein Opfer seines Feindes und Kollegen Charpentier fiel. 

Der Geist der Verfolgung traf besonders diejenigen, 
die neben der aristotelischen Philosophie auch die Lehren 
der herrschenden Kirche anzutasten wagten. Das traurigste 
Beispiel dieser Art hat uns die Geschichte in dem Schick- 



Sechszehntes Jahrhundert. 121 

sale fiiordftno Bnmo's aufbewahrt. Derselbe war in der 
Mitte des XVI. Jahrhunderts zu Nola in Campanien ge- 
boren und wurde anfangs Dominikanermönch. Sein heller 
aber auch unruhiger und zu Spöttereien geneigter Geist 
Terwickelte ihn bald in mancherlei Streitigkeiten, und 
Döthigte ihn Italien zu verlassen. Er ging zunächst nach 
Genf, wo er zum CalviDismus übertrat, und dann, als er 
auch hier sich zu tief in theologische Streitigkeiten ein- 
üels, nach Paris, wo er sich zum heftigen Gegner der 
aristotelischen Philosophie und der Dogmen des Katholi- 
cismas anfwarf, was zur Folge hatte, daXs er auch diese 
Stadt nach kurzer Zeit verlassen mulste. Er wandte sich 
Don nach London, und gab daselbst 1584 unter dem Titel 
SpQccio deüa beatia tnonfante eine heftige Schrift gegen 
die katholische Religion, oder im Grunde gegen alle Reli- 
gionen heraas. Im J. 1586 begab er sich nach Deutsch- 
land, wo er theils an der Universität zu Wittenberg docirte, 
tbeik zu Prag und zu Helmstädt unter dem Schutz des 
Herzogs Julias von Wolfenbüttel den Wissenschaften lebte. 
Im J. 1592 hatte er die Unvorsichtigkeit nach Italien 
zurückzukehren, wo er auch einige Jahre unbeachtet und 
ooangetastet lebte. Allein 1598 wurde er zu Venedig von der 
Inquisition verhaftet, und nachdem er zwei Jahre im Kerker 
geschmachtet hatte, am 17. Februar 1600 als Apostat lebendig 
n Born verbrannt Ehe er den Scheiterhaufen bestieg, sagte 
«r zu seinen Richtern : Dieser Urtheilsspruch macht 
euch vielleicht mehr Furcht als mir^). 

Bmo^s zahlreiche Schriften sind meist philosophischen 
und metaphysischen Inhalts, aber es sichert ihm auch einen 
ehrenvollen Platz in der Geschichte der Naturwissenschaften, 
d^is er ein sehr eifriger und einsichtsvoller Anhänger des 
kopemikanischen Systems war. Erweiterungen in der ex- 
perimentellen Physik verdanken wir Cf« Bnino nicht, wie 
denn überhaupt die Zahl der Männer, die in der ersten 
Hälfte des XVI. Jahrhunderts den Weg der Erfahrung 



') Libri, Hist des scieiices math. ete. IV, 143. 



122 Mathematik and Mechanik. 

in den Naturwissenschaften einschlagen, in Italien und noch 
mehr in den übrigen Ländern Europas, äuüserst gering ist 
Dagegen sehen wir in diesem JahAundert die Mathematik, 
deren Fortschritte fast immer Hand in Hand mit denen 
der Physik gehen, sich gleichsam emancipiren, indem sie 
zuerst in nahmhafter Weise die Gränzen überschritt, bis 
zu welchen die Alten sie gebracht hatten. 

Mathematik und Mechanik. 

55. Zu denen, welche durch ihre Leistungen in der 
Mathematik auch zu den Fortschritten in der Naturlehre 
beitrugen, gehört unzweifelhaft Geronimo Cardano, geb. 1501 
zu Pavia und gest. 1576 zu Rom. Er war ein Mann von 
Originalität und grofser Gelehrsamkeit; seine Schriften, die 
sehr zahlreich sind, umfassen Philosophie, Metaphysik, Ma- 
thematik, Physik und Medicin, auch trat er nacheinander 
in Pavia, Bologna, Mailand und Rom als öffentlicher Lehrer 
in der Mathematik und Arzneikunde auf. AUe seine grofse 
Gelehrsamkeit und Geistesgewandtheit schützte ihn aber 
nicht vor den Lächerlichkeiten eines kindischen Aber- 
glaubens, und wenn er nicht sein Leben selber beschrieben 
hätte, würde man es kaum glauben, dafs soviel Einsicht 
auf der einen Seite mit so vielen Schwachheiten und Wider- 
sprüchen auf der andern gepaart sein könnten. Während 
er in der Philosophie die gröfste Kühnheit ofienbarte, 
zitterte er vor jedem Prognostikon, wie denn Einige be- 
haupten, er habe sich freiwillig dem Hungertode über- 
liefert, um nur nicht das ihm prophezeite Sterbejahr zu 
überleben. Er glaubte auch, dafs er am 1. April 8 Uhr 
Morgens Alles vom Himmel erbitten und erhalten könnte, 
was er wünschte. Dabei war er von einem seltsamen, man 
kann wohl sagen zweideutigen Charakter, den er eelbst in 
seiner Biographie so rücksichtslos zur Schau stellt, dais 
seine Freunde ihn nur mit einer temporären Verrücktheit 
zu entschuldigen wissen. 

Cardan's Schriften ftdlen nicht weniger als zehn Fo- 
lianten. Li physikalischer Rücksicht ist darunter eins der 



Mathematik und Mechanik. 123 

bemerkenfiwerthesten das Opus novumy Basü. 1670^ obwohl 
68 doch im Ganzen des Neuen wenig enthält. So spricht 
er darin von der Nothwendigkeit bei der Bewegung von 
Projektilen auf den Widerstand des Mediums Rücksicht zu 
nehmen, wenn man deren Geschwindigkeit bestimmen wolle. 
Femer suchte er die Pulsschläge als physikalische Zeit- 
messer anzuwenden. Er mafs auf diese Weise die Ge- 
schwindigkeit des Windes und fand, dafs der stärkste Sturm 
nur 50 Schritt während einer Pulsation zurücklege. Um- 
gekehrt suchte er auch die Mathematik auf die Medicin 
anzuwenden, und stellte sich u. A. die sonderbare Aufgabe, 
(^ die Medikamente nach arithmetischen oder geometrischen 
Terhältnissen ihrer Dosis wirkten. Auch bestimmte er die 
Dichtigkeit einiger Körper, theils durch Refraktion, theils 
(hrch ihren Widerstand gegen Projektile und fand, dafs 
die Luft 50 mal leichter als Wasser sei, ein Resultat, 
welches er indessen selbst für ungenau hielt. 

Andere Beobachtungen und Bemerkungen finden sich 
in seinem Werke De aubtilitate^ Parimü 1552, Hier spricht 
»Ton der Nothwendigkeit der Luft zum Verbrennen der 
Körper, da£s sich beim Verbrennen der Körper zweierlei 
irten Rauch erzeugen, von denen die eine aus der Kohle 
^eige (Kohlensäure?). Er beschreibt auch mehrere 
Maschinen, so eine zum Beuteln des Mehls, einen Nacht- 
telegraphen, diejenige Art von Vorlegeschlössen!, die man 
OUT öSnen kann, wenn man die darauf verzeichneten Buch- 
staben gehörig kombinirt; ferner eine Methode Blinde 
schreiben zu lehren u. s. w. 

Grö&er sind seine Verdienste in der Mathematik. In 
meiner Ars magna^ vollständig Artk magnae sive de regulü 
Algebrae liber units, Mediol, 1545, finden sich zum ersten 
Male die imaginärtsn Wurzeln der Gleichungen und die 
Kegeln sie miteinander zu multipliciren aufgestellt. Diese 
Rechnung mit imaginären Oröfsen ist eine wichtige Ent- 
deckung. Am bekanntesten ist aberCardan durch die nachihin 
Wannte Regel zur Auflösung der Gleichungen des dritten 
Grades, die sogen. Cardanische Regel, die er in den Himmel 



124 Mathematik und Mechanik. 

erhebt, und als eine Kunst preist, die allen menschlichen 
Scharfsinn, alle Intelligenz der Sterblichen übertreffe. Allein 
hier ist er sehr unverdienter Weise zu Ruhm gekommen, 
da er auf diese Entdeckung nicht den mindesten Anspruch 
machen kann. 

Die erste Auflösung dieser Gleichung gab Scipio Ferro, 
von 1496 bis 1525 Professor der Mathematik in Bologna, 
der sie aber nicht bekannt machte, sondern im Vertrauen 
seinem Freunde Ant. Fiore mittheilte, von welchem sie nach 
Ferro^s Tode verschiedenen. Mathematikern u. A. dem 
Tartaglia 1535 der damaligen Sitte gemäfs in Problemen 
vorgelegt wurde. Tarta^lia löste nicht nur diese Probleme, 
sondern es glückte ihm auch die allgemeine Lösung der 
Gleichung o;' + a^ = & aufzufinden. Als Cardan hierron 
hörte, säumte er nicht Tartaglia um die Mittheilung seiner 
Entdeckung zu bitten, welche dieser freilich versteckt in 
einem Verse 1539 dem Cardan angab. Cardan errieth die 
Lösung, und wiewohl er feierlich versprochen hatte, dieselbe 
geheim zu halten, machte er sie dennoch und zwar unter 
seinem Namen und als seine Entdeckung bekannt. £r 
hat allerdings später in seiner Ars magna anerkannt, daüs 
er die Lösung dem Tartaglia verdanke, aber dieser fand 
sich dennoch und mit Recht tief verletzt, da das Publikum 
fortfuhr trotz dieser Erklärung die gefundene Regel die 
Cardanische zu nennen. Uebrigens wurde diese Lösung 
bald noch durch Ferrari, ei;ien Schüler Cardan's, er- 
weitert. 

Ludovico Ferrari aus Bologna, geb. 1522, stammte aus 
einer achtbaren aber sehr zurückgekommenen Familie; er 
trat als 15 jähriger Jüngling in die Dienste von CardlBi 
zeigte aber bald soviel Eifer und Talent für die mathema- 
tischen Wissenschaften, daä dieser ihn vom Diener txm 
Sekretär erhob und ihn unterrichten liefs. Li kurzer Zeit 
wurde er Professor der Mathematik in Mailand, wo er in 
die Dienste des Prinzen Gonzaga trat, um filr ihn eine 
Karte des Mailändischen zu entwerfen. Acht Jahre damit 
beschäftigt, sagte er sich plötzlich von dieser Arbeit los 



Mathematik und Mechanik. 125 

und zog nach Bologna, wo er durch Cardan die Professur 
der Mathematik erhielt Nicht lange darauf starb er 1565 
im 438ten Lebensjahr, muthmafslich vergiftet von seiner 
Schwester, der Erbin seines kleinen Vermögens. Er war 
ein Mann von rielem Talent. 

56. Der mehrerwähnte Niccola Tartaglia, auch Tartalea 
lenannt, wurde im Anfang des XVI. Jahrhunderts zu Brescia 
geboren; sein Vater, den er schon im 6ten Jahr verior, 
war PostiUon. Seine Mutter, die in dürftigen Umständen 
lebte, floh mit ihm und seinen beiden Brüdern in eine 
Kirche, als die Franzosen 1512 unter Gaston de Foix jenes 
bekannte schreckliche Blutbad in Brescia anrichteten. Allein 
ancfa hier waren sie nicht geschützt, die Franzosen drangen 
in die Kirche, und einer derselben versetzte dem armen 
Knaben einen so furchtbaren Säbelhieb, dafs der Schädel 
an mehreren Stellen i^rletzt, die Eannbacken gespalten und 
der Gaumen durchschnitten wurde. Lange konnte er weder 
es^n noch sprechen, und viele Jahre vermochte er nur zu 
stottern. Dadurch bekam er den Spottnamen Tartaglia 
voD tartagliare stottern, den er selbst, da er seinen rechten 
Familiennamen nicht kannte, annahm und beibehielt. 

An Jugendunterricht war bei Tartaglia seiner Dürf- 
tigkeit halber nicht zu denken; erst im 14. Jahre lernte 
er schreiben, und da er aufser Stande war einen Lehrer 
za bezahlen, so soll er, wie man sagt, vom K an das 
Alphabet sich selbst gelehrt haben. So war er auch in 
allem Uebrigen und namentlich in der Mathematik Auto- 
didakt, brachte es aber bei greisem Talent für diese Wissen- 
schaft dahin, dafs er im 30. Jahre das von Ferro hinter- 
lassene Geheimnifs entschleiern konnte. 

Er lehrte successive in Mailand, Venedig, seiner Vater- 
stadt Brescia und dann wieder in Venedig, wo er 1559 
starb, zwar hoch geachtet von den Männern seines Faches, 
aber wenig belohnt von der Welt und unglücklich im 
Familienleben. In wie hohem Ruf er bei seinen Zeit- 
genossen stand, davon zeugen seine Quesiti et inventioni 
dicerife, Venezia 1*546^ ein Werk in 9 Büchern, welches 



126 Mathematik und Mechanik« 

nichts enthält als eine Sammlung von Aufgaben, die von 
ihm gelöst wurden, und die ihm von l^ännem der yer- 
schiedensten Art vorgelegt waren, von Mönchen, Archi- 
tekten, Doktoren, Professoren, Auibassadeuren und Prinzen. 

Tartaglia hat viele Werke verfafst, u. A. ein vollstän- 
diges Lehrbuch der Mathematik, wovon der dritte Tbeil 
nach seinem Tode erschien; aber der Theil, worin er die 
Lösung der Gleichungen des dritten Grades giebt, ist nicht 
auf uns gekommen. Auch die Mechanik, speciell die 
Ballistik^ war ein Gegenstand seines Nachdenkens und in 
seiner Nuova acienza^ Venezia 1637 von ihm abgehandelt 
Es ist darin u. A. der Satz aufgestellt, da& die Bahn einer 
abgeschossenen Kugel in allen ihren Theilen krummlinig 
sei. Das war damals nicht die herrschende Lehre, viel- 
mehr glaubte man allgemein zu jener Zeit, dafs die Bahn 
einer abgeschossenen Kugel, Oberhaupt eines geworfenen 
Körpers, drei verschiedene Stadien habe, dafs sie im ersten 
grade, im zweiten krumm und im dritten wiederum grade 
sei. Man nannte die erste Bewegung die gewaltsame, die 
zweite die gemischte und die dritte die natürliche. Es sind 
diese Ideen von Aristoteles entlehnt, wie man systematische 
solcher Gattung viele bei demselben antriffi. Man glaubte 
auch, dafs der krumme Theil der Bahn ein Ejreisbogen sei, 
den die beiden gradlinigen Stücke tangiren. 

Ein gewisser Santbeck schrieb sdbst noch 1561 ein 
Buch Problematum astronom, et geometr, sectiones Septem^ 
worin er behauptete, eine abgeschossene Kugel fliege in 
grader Linie fort so lange, bis, wie er meint, die Kraft 
sich erschöpft habe und dann falle sie plötzlich senkrecht 
herab. Auf diese widersinnige Theorie gründete der Mann 
eine Ballistik! Daraus kann man das Verdienst beurtheilen, 
welches Tartaglia sich erwarb, als er zuerst die Bahn eines 
Projektils in allen ihren Theilen f&r krummlinig erklärte. 
Er ging noch weiter, er folgerte, dafs die Schufsweite am 
gröfsesten sei, wenn man die Kugel unter 45^ Neigung 
in die Höhe schiefse, denn er schlofs, dafs fllr die Neigung 
0® und 90° die Amplitude = sei, und diese daher bei 
45° ihr Maximum habe. 



Mathematik nnd Mechanik. 127 

Bdde Resultate sind richtig, aber die Schlösse, durch 
welche sie gefunden wiurden, sind es nicht. Wären die 
Schlüsse richtig gewesen, so hätte Tartaglia im Besitze der 
Gesetze des Falles der Körper sein müssen, die erst von 
fiililei aufgefunden wurden. 

Den Schluisstein dieser Keihe von Mathematikern bildet 
Rjfkael Bombelli, der wie Ferro und Ferrari in Bologna 
gebore war, doch wann ist nicht bekannt. Er schrieb 
im J. 1572 eine Algebra, in der methodisch alle damaligen 
Kenntnisse in dieser Wissenschaft auseinander gesetzt sind. 
Es enthält strenge und vollständige Beweise, entwickelt den 
gtnzen vorliegenden Stoff zum ersten Male in einer syste* 
optischen Form, und hat nicht wenig zu den Fortschritten 
der Wissenschaft beigetragen. 

57. Ueberhaupt ist Italien im XVI. Jahrhundert reich 
an Mäonem, welche die mathematischen und mechanischen 
Wissenschaften kultivirten und welche, wenn sie auch bis 
auf Qalilei, dessen Vorgänger sie gleichsam ausmachen, 
m ein Geringes zur Erweiterung der Kenntniaae beitrugen, 
ioch zur Verbreitung derselben mitwirkten, wie sie uns 
udererseits sdion durch ihre Anzahl einen sprechenden 
Beveis von der fortgeschrittenen Einbürgerung der exakten 
Wissenschaften an die Hand geben. Zu solchen Männern 
gehören : 

Seitnimo Fraeastoro, geb. 1483 zu Verona, gest. da- 
^Ibst 1553, war em durch medicinische Schriften bekannter 
Arzt, aber auch um die Mechanik sehr verdient. Er 
schrieb 1538 ein zu Venedig erschienenes Werk Homo- 
centricorum seu de ^teUia liber unu9 über das Weltgebäude, 
Torin er die Lehre von den Epicykeln bestritt, und eine 
Andeutung von dem wichtigen Satz der Zusammensetzung 
der Kräfte gab (s. § 100). Man könnte Fraeastoro viel- 
leicht auch einigen Antheil an der Erfindung der Fem- 
röhre zuadireiben, denn in seiner Homocentrica heifst es, 
dalfl man die Gegenstände viel gröfser und näher sähe, 
wenn man zwei Linsen aufeinander lege ^). 



*) Libri, Bist des bc. math. m, 101. 



128 Mathematik und Mechanik. 

Marino Ghetaldi ein Bagusaner von Geburt, der 1609 
als venetianischer Gesandter in Konstantinopel starb. Er 
verfalste ein Werk Arckimedea promotus^ Ramae 1603^ in 
welchem er Bestimmungen Aber das specifiscbe Gewicht 
verschiedener Körper gab, die mit zu den ersten und für 
die Zeit ganz hinlänglichen gehören. Es waren 12 Körper, 
deren specif. Gewicht er bestimmte, nämlich von Gold, 
Silber, Quecksilber, Blei, Kupfer, Eisen, Zinn, also die 
sieben Metalle der Alten, dann Wasser, Wein, Honig, 
Essig, Oel. 

Valerio, ein Römer, schrieb 1604: De centro ffravitatä 
solidorum^ Romae^ worin er den Schwerpunkt einer beträcht- 
lichen Zahl von Körpern, darunter alle Konoide und 
Sphäroide sowie Segmente beider, bestimmte, für welche 
man bis dahin diesen Punkt noch nicht hatte bestimmen 
können. Galilei spricht immer mit gro&er Achtung vod 
Valerie. 

Benedetti, lat Benedictis, geb. 1530 zu Venedig, gest. 
1590 zu Turin als Mathematiker des Herzogs von Savoyeo, 
ist unter den Vorgängern fialilef s auf dem Gebiet der 
Mechanik wohl der bedeutendste. Er ist es darum, weil 
er sich in einem 1585 zu Turin erschienenen Werke Di- 
versarum speculationum math. et phyricarum Über als ein 
selbstständiger Denker erweist, der nicht unbedingt alles tod 
Aristoteles annimmt, blols weil es von diesem kommt 

Unter Anderem hatte er von der Centrifugalkrail schon 
eine recht klare Idee. Er leitet sie ab von einer Neigung 
der Körper sich in grader Linie fortzubewegen, und daraus 
schliefst er, dafs ein herumgeschleuderter Körper, wenn er 
losgelassen werde, in Richtung der Tangente des beschrie- 
benen Kreises fortfliegen müsse. Ebenso zeigte er, daä 
bei krummen oder winkelförmigen Hebeln im Gleichgewicht 
die Kräfte umgekehrt proportional seien den Perpendikeln ge- 
fällt vom Drehpunkt des Hebels auf die Richtung der Kräfte. 
Dadurch gerieth er auf die Betrachtung des Falles, wo die 
Kräfte in nicht paralleler Richtung auf einen graden Hebel 
wirken, ein Fall, der im XIV. und XV. Jahrhundert 



Optik. 129 

zü lebhaften Streitigkeiten unter den Mathematikern ge- 
fuhrt hatte. 

Benedetti war ein Schüler Tartaglia^s und yeröffent- 
lichte schon in seinem 23. Lebenejahre ein Buch, welches 
die Lösung aller Aufgaben des Euklid und Anderer mit 
einer einzigen Oeffiiung des Zirkels enthielt. 

Optik. 

58. Endlich habe ich zweier Männer zu gedenken, 
die aufer den mechanischen Doktrinen auch die optischen 
koltivirten, und sie durch einige Leistungen nicht unerheb- 
Ikli bereicherten, nämlich Haurolykns und Porta. 

Franeiseua Manroljrkns wurde geboren 1494 zu Messina 
cnd starb daselbst 1575. Sein Vater war ein Grieche, der 
KoQstantinopel aus Furcht vor den Türken verlassen und 
seinen Wohnsitz in Messina genommen hatte. Im 27. Jahre 
trat der Sobn in den geistlichen Stand, und brachte es 
darin bald so weit, dais er Abt von Santa Maria del Partu 
bei Castro nuovo wurde. Seine Kenntnisse und seine Per- 
jönKchkeit erwarben ihm grofses Ansehn, wovon unter 
Anderem der Umstand zeugt, dals er gleich Newton zum 
flirektor der Mtinze erwählt wurde, und mit den ausge- 
zeichnetsten Männern seiner Zeit in Briefwechsel stand. 
Don Juan d^Austria, Philipp des Zweiten von Spanien 
natürlicher Bruder, erbat sich von ihm Instruktionen zum 
Seekriege gegen die Türken, und man sagt Matiroljrkns 
liabe diesem seinen grofsen Sieg tiber die türkische Flotte 
^*i Lepanto 1571 vorhergesagt. Trotz seines geistlichen 
Amts lehrte er den gröfsten Theil seines Lebens Mathe- 
10^ in Messina, beschäftigt nebenher mit der Abfassung 
zaldreicher Schriften. 

unter diesen nehmen die mathematischen, was das 
Volumen betriffi, den ersten Rang ein. Schon 1540 
^beitete er eine immense mathematische Encyklopädie aus, 
die alles einschlofs, was ihm von Arbeiten griechischer, 
römischer, arabischer und mittelalterlicher Mathematiker 
»ekannt war. Die grofse Fruchtbarkeit an mathematischen 

Pöggendorff, Gesch. d. Physik. 9 



128 Mathematik und MecHanik. 

Marino Ghetaldi ein Bagusaner vor Ja maihematica zi^ 

als venetiamscher Gesandter in Konviit aucb der Umstand^ 

verfalste ein Werk Arehimedes prraad es in Person gegei^ 

welchem er Bestimmungen thfjea ihm bei seinen Lands 

verschiedener Körper gab, ^'J^ten Archimedes. 

die Zeit ganz hinlänglicher ^gß nicht seine mathematischeo 

deren specif. Gewicht ^/^ben Schriften, welche seinen 

Silber, Quecksilber, ^^/^gebracht haben, sondern mehr 

sieben Metalle der^>y^r5 zu Venedig unter dem Titel: 

Essig, Oel. rv,' ^ ^^ lumine et umbra erschien. Sie ist 

Valerio, e- /^f^ckoj die auf Bruder Theodoricli in der 

solidorum, B j^^j^nptik eintritt, bemerkenswerth, wiewohl 

liehen Zr' ^,'C ^jes Neuen auch nicht viel enthält. 

Sphäroi ^"^{ff^^itckiioher Gedanke von ihm, wodurch er 

man * y JH* ^:*''^ Vortheil von seinen Vorgängern Alhazen 

kör , /tf -'^flterscheidet, mufs es betrachtet werden, dals 

^ ^^'^flWioöen der Krystalllinse des Auges aus den 

gr '^ erx ^^^ Glaslinsen zu erklären suchte. Er setzt 

I0'^^ndung des Sehens nicht mehr auf die Krystall- 

di^ ^Q seine Vorgänger, sondern läist die Strahlen in 

^^rjj^se ond hinter derselben sich brechen. Auch gab 

xon ^^^ Kurz- und Weitsichtigkeit wenigstens eine 

^^^YO^m^ivve Erklärung. Weitsichtig sei der, dessen 

^Lgtalllinse zu wenig gekrümmt sei und die Strahlen von 

naben Gegenständen nicht stark genug breche, woraus er 

dann die Wirkung der Brillen erklärt. Dals sich auf dem 

Grunde des Auges ein förmliches Bild von dem geseheneo 

Gegenstand erzeuge, war Maurolykns noch unbekannt. 

Von der Refraktion hatte Manrolykns gleichfalls sehr 
unvollständige Begriffe. Er hielt den Brechungswinkel 
noch für proportional dem Einfallswinkel und meinte, der- 
selbe sei I des letzteren beim Uebergang des Lichts aus 
Luft in Glas. Aus diesem Grunde muiste denn auch sein 
Bemühen scheitern den Brennpunkt einer Linse oder Kugel 
zu bestimmen, er gab indefs, was bemerkenswerth ist, die 
erste Andeutung von Brennlinien, nämlich von den durch 
Bcfraktion gebildeten, den diakaustischen Linien. 



\ 



Optik. 131 



>oin Regenbogen besais er nur mangelhafte 

Si Beweis, daTs er mit Tlieodorieh's Werk 

Er mafs die Halbmesser des innem und 

^ns, welche beim inneren 40 bis 42^, 

^s 53^ betragen, konnte aber diese 

'^'*' j^einer Theorie in Uebereinstimmung 

a die Bogen durch eine äuisere Reflexion 

Aüere in den Tropfen entstehen, und Duroh- 

. 45^ und 56° haben sollten. Für den inneren 

z. B. nahm er an, dafs die auf die Wolke fallenden 

vioiilen von allen Seiten unter 45° zum Auge gelangen, 

ikik in Folge der Reflexion von der AuTsenwand der 

tropfen, theils nach siebenmaliger Reflexion von der Innen- 

vud, wobei sich denn auch die Strahlen mit Farben 

:en, deren er sieben unterschied. 

Gl&cklicher war Haurolykns in der Erklärung einer 

eren Erscheinung, die man auch im Freien zu beob- 

iten Gelegenheit hat, nämlich in der, dais wenn die 

e durch eine kleine Oeffiiung scheint, und diese selbst 

ganz unregeknäisige Gestalt hat, wie z. B. die Zwischen- 

im Laubwerk, dennoch ein heller Fleck von kreis- 

Gestalt sichtbar wird. Jeder Punkt dieser Oeffnung, 

er, ist die Spitze eines Strahlenkegels, dessen Basis 

Sonnenscheibe ist. Beim Fortgang durch die Oefhung 

en die Strahlen wiederum Kegel, die von einer senk- 

it zur Axe derselben gerichteten Ebene in Kreisen ge- 

itten werden, welche nunmehr die Grundflächen dieser 

egel sind, die demnach mit den von der Sonne kommenden 

ippelkegel ausmachen. In der auffangenden Ebene müssen 

de diese Kreise der Gestalt eines einzigen Kreises desto 

liher kommen, je kleiner die Oefihung gegen die Kreise, 

i- b. je weiter die auffangende Ebene von ihr entfernt 

Kt^). — Er stellte diese Beobachtung auch zur Zeit einer 

SoQQenfinstemils an, und bemerkte, dafs jedwede OeiBhung 

«in Bild von Sichelgestalt giebt, wenn die Sonne selbst 

£e^ Gestalt besitzt 



') Wilde, Gesch. d. Optik I, 129. ^ 

t/ 



132 Optik. 

59. Noch einflufsreicher auf seine Zeitgenossen war der 
zweite der vorhin genannten Männer. Giambattisia della 
Porta, ein Neapolitaner aus einer angesehenen Familie, 
geb. 1538, gest. 1615 zu Neapel. Porta war ein Manu 
von anregendem lebhaften Geist, ausgeröstet mit einem 
reichen Schatz des Wissens, den er zum Theil auf Reisen 
nach den vorzüglichsten Städten Europas eingesammelt 
hatte. Er besafs ein nicht ungewöhnliches Talent zum 
Experimentiren, versuchte sich in verschiedenen Zweigen 
der Physik mit GlQck, und bereicherte einige derselben 
mit Erfindungen und Entdeckungen. Dennoch würde man 
zu weit gehen, wenn man ihn, wie wohl geschehen ist, 
neben O&lilei als einen Begründer der neueren Physik 
auffähren wollte. Seinen Arbeiten mangelt, trotz aller 
ihrer Verdienstlichkeit jener Ernst und jener philosophische 
Geist, der aus allen Leistungen des grolsen Florentiners 
hervorleuchtet. 

Porta warf sich anfangs auf die schöne Literatur, er 
schrieb an 24 Dramen, theils Trauer* theils Lustspiele, 
von denen die letzten zu den besten ihrer Zeit gehören. 
Daneben las er die Schriften alter Naturforscher, wodurch 
auch in ihm bald ein lebhafter Sinn f&r Naturforschung 
erwachte, oder richtiger ein Hang zum Wunderbaren und 
GeheimniTs vollen, den er dadurch zu be&iedigen suchte, 
dais er alles sammelte, was er an solchen Dingen in den 
ihm zugänglichen Werken fand. 

Als ein Verdienst muls es Porta angerechnet werden, 
dafs er den ersten bedeutenderen Versuch machte die Be- 
strebungen Einzelner auf ein gemeinsames Ziel zu lenken, 
was in damaliger Zeit nöthiger war als jetzt. Er gründete 
nämlich in seinem Hause im J. 1560 die erste eigentliche 
physikalische Gesellschaft unter dem Namen Acadeniia 
aecretorum naturae. In diese Gesellschaft wurde Keiner 
aufgenommen, der nicht eine Entdeckung gemacht oder 
eine neue Thatsache mitgetheilt hatte. Leider machte der 
römische Stuhl aus religiösen Bedenken diesem vielver- 
heilbendeu Verein bald ein Ende (s. § 156). 



Optik. 133 

Portals Hauptwerk fahrt den Titel Maffia naturalis^ 
and wurde von ihm 1553 yerfafist, als er 15 Jahr alt war, 
woraus sich ergiebt, dafs er 1538 und nicht 1543, wie 
Einige angeben, geboren ist. Die erste Ausgabe dieses 
Werkes ist nicht auf uns gekommen; die älteste noch vor- 
handene datirt von 1558 und erschien zu Neapel. Auch 
diese ist noch selten, gewöhnlicher ist der Abdruck, den 
Plantitt 1564 in Antwerpen machen lieTs. Diese erste Aus- 
gabe mit ihren späteren Abdrücken enthält nur 4 BAcher 
mit folgendem Inhalt: 

1) Untersuchungen Qber Ursachen und deren Wirkungs- 
weisen; — eine Art Metaphysik Von geringem Werth. 

2) Operationen ; — darin finden sich Vorschriflen zur 
Henrorbringang allerlei wunderbarer und seltsamer Dinge, 
Q. A. Beschreibung einer Lampe, welche die Eigenschaft 
haben soU, dals die von ihr beleuchteten Personen mit 
einem Pferdekopf erscheinen. Femer in einem andern 
Kapitel eine Anweisung, wie mittelst eines Magneten die 
Keuschheit einer Frau zu erkennen sei! Dagegen weiter 
Un eine Stelle , die da zeigt, dafs Porta einige Idee von 
ien stündlichen Veränderungen der magnetischen Dekli- 
nation besafs. 

3) Das dritte Buch befalst sich mit Alchemie, und 
«enthält verschiedene Vorschriften zur Affinirung der Metalle. 

4) Das vierte Buch endlich behandelt die Optik. 
Darin findet sich die Beschreibung desjenigen Instruments, 
welches Porta's Namen eine gewisse Berühmtheit in der 
Physik gegeben hat, nämlich die Camera obscura, wovon 
sogleich mehr. 

Diese erste Ausgabe wurde von den Zeitgenossen, 
ftr welche das Uebematürliche, Wunderbare und Geheim- 
nirsToUe nicht minder Beiz hatte wie für ihren Verfasser, 
fast verschlungen. Sie wurde aus dem lateinischen Text 
in nicht weniger als 5 lebende Sprachen übersetzt, ins 
Italienische, Französische, Spanische, Deutsche und sogar 
ins Arabische. Der reifsende Beifall seines Werks veran- 
laiste Porta im J. 1589 eine neue und sehr vermehrte 



134 Optik. 

Auflage desselben herauszugeben. In der Vorrede zu 
dieser Ausgabe sagt er, er habe während der Zwischenzeit 
nicht aufgehört alle alten Schriftsteller zu lesen, habe Reisen 
gemacht in Italien, nach Frankreich und Spanien, habe 
alle Bibliotheken durchforscht, habe Gelehrte und KQnstler 
besucht um Geheimnisse von ihnen zu erfahren, hinzu- 
setzend er sei Tag und Nacht beschäftigt gewesen durch 
Versuche zu prüfen, ob das Gelesene und Gehörte auch 
alles wahr sei. 

In dieser Ausgabe finden sich der Albernheiten und 
Lächerlichkeiten weniger als in der früheren, daher sie denn 
auch weniger als die letztere gelesen wurde, aber dennoch 
findet sich darin noch vieles, was der Verfasser schwerlich 
durch eigene Erfahrung geprüft und bestätigt gefunden 
haben kann. Sie enthält tausenderlei Thatsachen, ohne 
allen wissenschaftlichen Zusammenhang und Zweck bunt 
durcheinander gewürfelt, ein wahres Vademecum. 

Diese Ausgabe enthält 20 Bücher, von denen Porta 
einige späterhin in erweiterter Gestalt als besondere Werke 
herausgab, z. B. das Buch von den Ziffern, die Pneumatik, 
Destillation u. a. m. In dem Kapitel vom Magnetismus 
heifst es, dais der Magnet in Distanz durch alle Körper 
hindurchwirke mit Ausnahme des Eisens, und dafs die 
Kompafsnadel vom Meridian abweiche, in Italien etwa 9^ 
östlich. Im Kapitel von der Destillation behandelt er die 
Frage in wieviel Luft (Dampf) sich eine gegebene Menge 
Wasser verwandeln könne, auch spricht er darin von der 
Ausdehnung der Luft durch Wärme, und beschreibt eine 
Art Thermometer. Im Kapitel von der Refraktion erörtert 
er die zufälligen, d. i. subjectiven Farben, die optischen 
Täuschungen und die prismatische Farbenzerstreuung. 
Darin findet sich auch ein Versuch mit zwei aufeinander 
gelegten Linsen^ dessentwegen man wohl ftlr Porta einen 
Anspruch auf die Ehre der Erfindung der Femröhre er- 
hoben hat, ja Porta selbst. Indefs ist der Versuch nichts 
weiter als der von Fracastoro und begründet keinen An- 
spruch; hätte Porta ein Femrohr dargestellt, so würde 
er schon nicht geschwiegen haben. 



Optik. 135 

In dieser vermehrten Ausgabe der Magia naturalis 
von 1589 machte nun Porta auch eine Erfindung bekannt, 
die ebenso unterhaltend als lehrreich ist, nämlich die Er- 
findung der Camera obscura. In der Regel wird Porta 
ohne weiteres filr den Erfinder dieses nfitzlichen In- 
gtramentes ausgegeben; indefs kann man ihm diese Ehre 
oieht unbedenklich zugestehen, ja es ist Oberhaupt schwer 
za entscheiden, sowohl hier als bei anderen Gegenständen, 
wie grols der Antheil von Porta eingentlich sei. Die 
Magia naturalis ist kein Originalwerk, sondern eine Sanun- 
luDg von Erfahrungen aus den mannichfaltigsten Quellen, 
die der VerÜEMser entweder zu&llig oder absichtlich, um 
sich bei den Lesern in ein höheres Licht zu stellen, fast 
immer verschweigt. 

In Betreff der Camera obscura spricht schon das gegen 
Porta, dafs er sich selbst nicht filr den Erfinder ausgiebt, 
und in der That kann er dies auch nicht, denn die Ca- 
mera findet sich schon in den unedirten Manuskripten des 
Leonardo da Vinei beschrieben. Das hat Yentnri 1 797 in 
seinem Esaai 8ur les ouvrages de L. da Vinci nachgewiesen, 
ist aber dennoch allgemein übersehen worden. 

Ventori eitirt eine Stelle aus einem Kommentar zum 
ItteilT, den ein gewisser Cesariano zu Como 1521 er- 
scheinen liels, worin die Erfindung einem Benediktiner- 
möQch Dom Pannnee zugeschrieben wird. Da L. da Yinci 
1519 starb und sich nicht selbst die Erfindung beilegt, so 
wäre es möglich, dafs sie dem Dom Pannnee angehört. 
L* da Vinci ging übrigens weiter als Dom Pannnee, indem 
er eine Anwendung von der Camef a obscura auf die Theorie 
des Sehens machte. 

Auch andere Personen sprechen von der Camera, so 
IgBatio Daati ein Dominikanermönch (s. unten), welcher 
1573 die Perspectivä des Euklid übersetzte^ und in den 
Koten derselben von der Camera obscura spricht ohne 
Portals zu erwähnen. *— Es ist indefs wohl zu bemerken, 
^ alle diese dunklen Kammern sehr unvollkommene 
Instrumente waren. 



136 Optik. 

Portals Kammer hatte anfiEmgs ein blofses Loch in 
dem Fensterladen ) mit welchem ein Zimmer Terfinsterl 
war, und eine weiise Fläche fing die einfallenden Strahlei^ 
auf; sp&ter setzte er eine konvexe Linse in die Oeffiiung; 
und damit war das Instrument fertig, die Bilder warei^ 
scharf begränzt. Er begnügte sich nicht damit blofs opak^ 
Gegenstände als Gebäude, Landschaften, Personen ud<j 
dgl. in seinem Zimmer sich abbilden zu lassen, sonder^ 
er wandte auch transparente Zeichnungen auf ähnlich^ 
Weise an. Den Figuren in diesen Zeichnungen ertheilt^ 
er auch mancherlei Bewegungen, und dieses Kunststuc^ 
yerschaffie ihm nicht nur die Bewunderung aller derefj 
die es sahen, sondern brachte ihn auch in den damal^ 
etwas gefährlichen Ruf eines Zauberers. 

Die Camera obiscura mit transparenten Gegenständen 
giebt Porta einen nicht unbegründeten Anspruch auf di^ 
Erfindung eines zweiten sehr bekannten Instruments, det 
Latema magica, denn das ist eine solche Latema obscura^ 
Gewöhnlich wird die Erfindung der Latema magica dein 
Pater Kircher zugeschrieben, allein im Grunde hat der^ 
selbe an dieser Erfindung keinen weiteren Antheil, als dals 
er ihr eine Einrichtung gab, die der heutigen nahe oder 
gleich kommt. Da Kireher nämlich erst in der zweiten 
Ausgabe seiner Ars magna lucü et umbrae vom J. 1671) 
aber noch nicht in der ersten 1646 zu Bom erschienenen, 
davon spricht, und Deschales, ohne Kireher auch nur zu 
erwähnen, berichtet, dais ihm bereits 1665 von einem 
Dänen eine Laterna magica mit zwei konvexen Gläsern 
gezeigt sei, so gilt Kircher wohl mit Unrecht für den 
Erfinder derselben ^). 

60. Der oben bei der Camera obscura genannte Domini- 
kanermönch IgB. Danti, der später zum Bischof von Alatri 
erhoben ward, war ein um die Astronomie und Matheinatik 
wohl verdienter Mann, und von Gregor XIU. zu der 
Kommission zugezogen, welche die Kalenderrefonn ins 



') Wilde, Gesch. d. Optik I, 294. VerKl § 192. 



Kopernikus. 137 

Werk setzte, auch stammt von ihm der früher so vielfach 
bewanderte Meridian in der Kirche Maria Novella zu 
Florenz her. Er starb 1586. 

Hinsichtlich der mehrfach erwähnten Ealenderreform 
sei hier nur bemerkt, dafs unter Julius Caesar im J. 707 
der Erbauung Roms von dem griechischen Astronomen 
Swigenes und dem Kömer Marcus FaUus der julianische 
Kalender ausgearbeitet wurde, der bis zum J. 1582 in allen 
christlichen Kirchen fiblich war. Danach hatte das Jahr 
365| Tage und die Einrichtung, dais auf drei Jahre mit 
365 Tagen ein viertes mit 366 Tagen folgte. Der Schalt- 
tag lag zwischen dem 23. und 24. Februar. Das Jahr 
war aber nach diesem Kalender um 11 Minuten zu lang, 
und dadurch das Frühlingsäquinoktium im XVI. Jahrhun« 
dert vom 21. März auf den 10. März gekommen. Die von 
Gregor XIII. eingesetzte Kommission bestimmte deshalb, 
da& im J. 1582 der Tag nach dem 4ten Oktober nicht der 
5te, sondern der 15te genannt werden solle, und späterhin 
alle 400 Jahre drei Schalttage auszulassen seien, indem 
man nur den durch 4 theilbaren Jahrhunderten den Schalt- 
tag liels. Hiernach sind 1600, 2000, 2400 u. s. w. Schalt* 
jakre; 1700, 1800, 1900 u. s. f. gemeine Jahre. 

In dem Vorangehenden habe ich in der Aufzählung 
aller dieser Männer die chronologische Folge absichtlich 
bei Seite gestellt, um die verwandten Bestrebungen auf 
dem Felde der Mechanik und Optik vor Galilef s Auftreten 
kurz zusammen zu fassen. Verlassen wir jetzt für einige 
Zeit Italien, um uns dem Manne zuzuwenden, der durch 
seine Leistungen das erste Fundament zur neueren Natur« 
forschung legte, ich meine den Gründer der heutigen 
Astronomie. 

Eopernikns. 

61. Nikolaus Kopenukns geb. d. 19. Febr. (a. St.) 1473 
za Thom, gest zwischen 7. und 21. Mai (a. St.) 1543 zu 
Frauenburg als Kanonikus am Dome daselbst 

Nicht selten wird Kopernikus für einen Polen ausge- 
geben und diese Ansicht ist gewissermafsen legalisirt wor- 



1 38 Eopernikus. 

den, seit ihm zu Warschau ein Standbild errichtet ist mit 
der Inschrift Nicoiao Copemico grata patria. Allein dieses 
Denkmal liefs 1809 Napoleon bei Thorwaldsen bestellen, und 
zwar ursprünglich ftür Thom, es kam aber erst und nicht 
ohne Kämpfe mit den russischen Behörden 1829 in War- 
schau zur Aufstellung. Femer errichtete der Graf Siera- 
kowsky dem Kopernikns in der St. Annen-Kirche zu Kra- 
kau ein Denkmal mit der Inschrift 8ta aol^ ne moveare. 

Für die polnische Abkunft des Kopernikns ftlhrt man 
gewöhnlich eine Stelle aus Zemecke's Thomischer Chronik 
an, worin es heifst Paire Nicoiao Copemicoy dve cracovtetm, 
Indefs ist die Quelle dieser Notiz nicht nachgewiesen, und 
es findet sich nirgend eine Bestätigung weiter als in einer 
Geschlechtstafel bei Centtier: Geehrte und gelehrte Thomer, 
welche von einem ungenannten Elbinger herrühren soll, 
und worin als Eltern des berühmten Astronomen genannt 
werden Nicolaue Copemicu8y Cracovieneiej civie ThoruneneiSy 
conjux Waeeelrodiay Lucae a Waeselrod (^igentl. Waüselrode) 
episcopi Varmietme eoror. 

Nichtsdestoweniger haben wir Deutsche sehr triftige 
Gründe den Kopemikas ftlr unseren Landsmann zu halten. 

In dem Gerichtsbuch der Altstadt Thorn findet sich 
die Angabe, dafs bereits im J. 1400 ein Koppernick einen 
gerichtlichen Erbvertrag mit einem gewissen Angustin ge- 
schlossen habe, und unter demselben Namen Koppemick 
wird der Vater des Astronomen in dem Kürbuch der Stadt 
1465 als altstSdtischet*' Gerichtsschöppe au%eftlhrt. Danach 
ist die gewöhnliche Angabe, es sei Kopemikus der Vater 
erst 1463 aus Krakau nach Thorn gezogen, höchst un- 
wahrscheinlich, denn schwerlich würde man einem National- 
polen, der erst zwei Jahre zuvor eingewandert war, ein 
Amt verliehen haben, zu welchem eine so gründliche Kennt- 
nifs der deutschen Sprache erforderlich sein muiste. 

Ueberdies ist der Name Koppemick, der hier zwei- 
mal vorkommt, kein polnischer und der Name der Mutter 
des Astronomen Barbara Waisselrode entschieden deutsch. 



Kopernikus. 139 

In Sehleeien giebt es mehrese Ortschaften, welche Namen 
filhren wie Koppimick, Köppemig und ähnliche, und bei 
denen früher Bergbau, namentlich auf Kupfer betrieben 
wurde. Im Altvatergebiiige heifst ein Berg Köpprichstein 
ftnch K^pemikstein. Die Vor&hren des Kopenikns, 
sagt die Schlesische Zeitung vom 7. Februar 1878, stam- 
nen aus dem Eulengebirge und sind Kupferbergleute oder 
Kupferschmiede gewesen, welche aus Köppemick zuerst 
nach Frankenstein gekommen, und sich von da aus nach 
Krakau, Thorn und Danzig verbreitet haben. Im J. 1422 
machen zwei Oeschwister in Thorn, Margaretha und Hans 
Koppemick der Kupferschmied, eine Erbschaft in Fran- 
kenstein, die ihnen ein Peter Koppirnick von Franken» 
stein übersendet. 

In Krakau übrigens wie in Posen bestanden deutsche 
Gemeinden, denen seit 1250 deutsches Stadtrecht bewilligt 
war, und deren Baths- und Gerichtsbücher meist lateinisch, 
mitanter auch deutsch, aber bis ums Jahr 1570 nicht pol- 
nisch geführt wurden. Es kann daher wohl sein, daCs der 
Vater des Astronomen Bürger in Ejrakau war, aber er 
w&rde darum noch immer der deutschen Nation angehören, 
und dies selbst noch in dem FaUe, dafs er in Krakau ge- 
boren wftre. Dazu kommt, dals die Stadt Thorn und das 
Bisthum Ermland von jeher dem deutschen Orden ange- 
hörten und dals, wenn erstere sich auch wenige Jahre vor 
der Geburt des Astronomen von dem Orden lossagte, sie 
doch nicht ein integrirender Theil der Republik Polen 
wurde, sondern sich nur traktatenmäfsig unter den Schutz 
des Königs von Polen begab. Man kann also nicht ein- 
mal sagen, dafs Kopemikns in Polen geboren seL 

Dafs man auch in den Kreisen, welchen Kopemikns 
persönlich nahe stand, ihn nicht als einen Polen betrachtete, 
ersieht man aus einem Schreiben des Bischofs Martin Cro- 
Her vom 21. November 1580 an sein Domkapitel, worin 
es heifst: Cum N. Copemicm vivens ornamento fuerit atque 
eHcm nunc poat /ata sity non solum huic Ecclesiae, verum 



140 KoperniktuB. 

eüam toU Prussiae patriae, auae, imquum esse puiOy eum 
post obitum carere honore septdchri sive monumenti,^^ 

Endlich verdient noch bemerkt zu werden, daSs Ko- 
peniikllS aoGser lateinisch nur deutsch schrieb, nicht polnisch. 

62« Koperaikns studirte zunächst Medicin auf der Uni- 
versität Erakau, und erwarb sich dort auch die medicinische 
Doktorwürde. Mathematische Vorlesungen von einem Bnid- 
lewski (Albertus de Brudzewo) erweckten aber bald in ihm 
die Vorliebe fbr Astronomie und gaben Veranlassung, dafs 
er sich nach beendigten Studien nach Wien begab, um 
den Unterricht der beiden berühmtesten Astronomen da- 
maliger Zeit Pnrbach und Kegiomontan zu geniefsen. Er 
blieb indefs nicht gar lange dort, sondern eilte im 23. Lebens- 
jahre nach Italien, wo sich auch die beiden eben genannten 
Männer gebildet hatten. 

Mehrere Jahre hielt er sich in Bologna bei Domenieo 
Maria Novara auf, der daselbst seit 12 Jahren Astronomie 
lehrte, und fbr einen ausgezeichneten Astronomen galt 
Dennoch trug sich dieser Mann mit der sonderbaren Idee, 
dafs sich die Polhöhe der Orte in Italien und Spanien seit 
Ptolemaens Zeiten vergrölsert habe, die von Cadix z. B. 
um einen ganzen Grad, obwohl die Polhöhen, auf die er 
sich stützte, fbr die meisten Orte nur durch die Dauer 
des längsten und kürzesten Tages bestimmt worden waren. 

Kopernikns verweUte sehr lange in Italien; womit er 
sich indefs im Speciellen während dieser Zeit beschäftigte, 
weifs man nicht, es ist nur bekannt, dafs er am 9. März 
1497 zu Bologna eine Bedeckung des Aldebaran durch 
den Mond, sowie im Jahre 1500 zu Rom eine Mondfinster- 
niis beobachtete, und daselbst um diese Zeit mit Beifall 
Mathematik lehrte. Elbenso ist unbekannt, wann er aus 
Italien zurückkehrte; nur so viel weifs man, dafs er nicht 
lange nach der Heimkehr in sein Vaterland durch seinen 
Onkel Lucas, den Bischof von Ermland, ein Eanonikat am 
Dom zu Frauenburg erhielt, eine Stellung, welche fbr die 



1) Humboldt, Kosmos II, 497. 



Kopemikus. 141 

Wissenschaft die wichtige Folge hatte, dafs er sich nun 
ungestört seinen Ideen über das Weltsystem hingeben 
konnte, welche er vermuthlich in Italien zuerst aufgefafst 
hatte. 

Von nun an fiihrte Kopemikns ein sehr zurückge- 
logenes Leben; man weifs nur noch, daTs er 1521 von 
dem Franenbuiger Domkapitel zum Abgeordneten f&r den 
Landtag zu Graudenz erwählt wurde, und dort einen Auf- 
trag zur Verbesserung des Münzwesens Übernahm. Ein 
anderes Zeichen seiner Wirksamkeit ist eine Wasserleitung 
ZQ Frauenbui^, die zum Theil noch erhalten ist, und durch 
welche er die Wohnungen der Domherren mit dem Wasser 
der Baude versorgte. 

Seine Hauptbeschäftigung blieb indels die Astronomie. 
In stiller Zurückgezogenheit über den Bau des Weltsystems 
nadidfenkend stiegen ihm allmählich Zweifel auf, dafs der- 
selbe von so verwickelter Einrichtung sein sollte, als es 
die ptolemaeische Lehre angab. Er fafste, man weifs nicht 
wann zuerst, den Gedanken, dafs wohl eine einfachere Er- 
Uärang möglich sei. Sich selber milstrauend wagte er 
nidels noch nicht von der durch ein mehr als tausendjähri- 
ges Alter geheiligten Lehre abzuweichen. Er schlug daher 
die Alten nach und fand, dafs bereits Einige derselben 
anderer Meinung als Ptolemaeus gewesen waren. Dies 
bestärkte ihn in seinem ersten Gedanken; er ging dem- 
selben weiter nach, jeden Schritt mit der Erfahrung ver- 
gleichend, und da er keinen Widerspruch fand, immer 
dreister seinem Genius folgend. So reiften allmählich seine 
Ideen zu einem systematischen Ganzen, das bereits 1530 
im Wesentlichen abgeschlossen war. 

Einzelnes daraus hatte er nach und nach seinen ge- 
lehrten Freunden in Deutschland brieflich mitgetheilt, und 
diese drangen in ihn die grofsen Entdeckungen der Welt 
bekannt zu machen. Immer aber konnte er sich nicht 
entschlieisen öffentlich gegen Ptolemaeus aufisutreten, bis 
^dlich im Jahre 1536 die Bitten seines Freundes, des 
Kardinals v. Schomberg, Bischofs von Padua, den Sieg 



140 KopernikoB. 

etiamtoti Prussiae patriae, 8uae, iniquf /Jahre 

poet obitum carere honore sepukhri sive rj f ^liefern. 

Eadlich verdient noch bemerkt -// / ^^ ^^ 

pernikns au&er lateinisch nur deutsch/ ^ ^ ^ EWhCM 

«2- Kopernikiis studirte zunftr /// ;isarbeituDg 

versität Krakau, und erwarb sieb' // f ^ \ ^^"^ 

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maliger Zeit Purkaf- ^""^^^ besorgten. Der 

bheb indels nicht r ^^"^^^ ^"^ ^"^ ^otv^t, (fae 

jähre nach Itali. f^^ «^^st yerfafste blieb band- 

Männer gebU^' ""^ ^""^^"^ ^^^^^ ^^ ^^^' ^"^ , 

Mehrer ,; <^^^ ^^^ Baranowski veranstalteten Pracht 
Maria Nov ^i^erkes lateinisch gedruckt, woraus sie auch 
lehrte ^. "peutsche übersetzt ist. 

Denn ' J^JJr**"* mulste wohl ein Vorgefühl haben, dafs 

j^^ ^!^ ^®°* römischen Stuhl nicht angenehm sein 

py ^ und vielleicht war das mit einer der Gründe, 

^^^ er so lange zögerte sie zu veröffentlichen. Daher 

i^^e er sein Werk dein Papst Paul IIL, und trug in 

^ pedikation ebenso fein als gewandt seine Ideen nur 

1 eine Hypothese vor, um die Erscheinungen des Welt- 

^^oes fafslicher zu machen. Aber das Werk selbst giebt 

flbejr*'^ ^^® vollgültigsten Beweise, daTs diese Ideen seine 

tiefite unerschütterlichste Ueberzeugung waren. 

63. Das Werk des EoperniknSi die Frucht des reif- 
lichsten Nachdenkens imd keineswegs ein blofs flüchtiger 
Entwurf, gründet sich auf folgende drei Haupts&tze: 

1) Die Erde dreht sich von West nach Ost nm eine 
feste Axe, und daraus entspringt die tägliche Bewegung 
der Himmelskörper von Ost nach West, die daher nur 
eine scheinbare ist. 

2) Die Erde läuft^ während sie sich von West nach 
Ost um ihre Axe dreht, in derselben Richtung zugleich 




KopemikuB. 143 

' ^^^^ei behält die Axe fortwährend eine 

^^ bestimmten schiefe^ Winkel gegen 

n machend. Daraus eridären sich 



^\> 



60 laufen auch alle Planeten um die 

it, dafs diese zuweilen vorwärts 

"^n, zuweilen rückwärts sich be- 

*ei Sätze, und nur die Ver- 

oernikanische Weltsystem. 

^en, wenn man Kopernikus^ 

.lg würdigen und gegen die An- 

^ will, die früher sehr ungerechter Weise 

^^tmkOB erhoben worden sind. Bei unpar- 

^ner Abwägung seiner Verdienste stellt sich nämlich 

lus: 
Den ersten Satz behaupteten schon einige der Alten, 

[luunentlich Heraklides aus Pontus, Ekphantus der Pytha* 
)räer und Nicetas oder Hicetas von Syracus. Letztere 
iten sogar, die Bewegung der Erde um ihre Axe allein 
fmche hin, die Bewegungen aller übrigen Planeten zu er- 
ren. Dies wufste sogar Eopemikns, denn er selbst sagt 
;h Lesen des Cicero und Plntarch es erfahren zu haben. 
[Allein dies beweist noch nicht, dafs Kopemikus seine erste 
'Idee aus den Alten geschöpft habe, und überdies war der 
Satz von der Rotation der Erde selbst bei den Alten ganz 
mibeachtet geblieben, selbst die ersten Astronomen hatten 
sich gegen ihn erklärt. 

Was den zweiten Satz betrifft, so findet sich aller- 
dings eine Andeutung davon in der Lehre des Aristarch 
Ton Samos (280 v. Chr.), welcher, wie wir durch Arcbi- 
medes wissen, behauptete, dals die Sonne still stehe, und 
die Erde in einem schiefen Kreise um dieselbe laufe. Er 
lehrte aber auch, die Sphäre der Sterne drehe sich um 
die Sonne, nur sei diese Sphäre so grofs, dal's der Ejreis 
der Erde sich zu ihr wie das Centrum eines Kreises zu 
seiner Peripherie verhalte. 



144 Kopemikas. 

In diesen Aussprüchen liegt allerdings etwas wahres, 
das man aber schwerlich herausfinden wird, wenn man es 
nicht schon kennt, überdies fanden dieselben nicht die 
geringste Beachtung. Aristarch selbst wurde sogar tod 
Kleanth der Irreligiosität, der Versündigung gegen den 
Vestadienst angeklagt, und mulste aus Athen entfliehen, 
und die berühmtesten Astronomen des Alterthums Hipparcb 
und Ptolemaeus erwähnen seiner gar nicht Nur Aristo- 
teles fbhrt als eine Meinung der Pythagoräer an, dafs sie 
glaubten, die Erde laufe um das Feuer, aber er verwirft 
diese Meinung als eine ungereimte Hypothese. Uebrigens 
scheint Kopemikos nichts von der Aeufserung des Aristarch 
gewufst zu haben. 

Den dritten Satz endlich, welcher unstreitig der all- 
gemeinste ist, hat vor Kopemiklis Niemand gelehrt, er ist 
sein unbestrittenes Eigenthum. 

64. Ueber die Ursache des Laufs der Planeten, ihr 
Vorwärtsgehen, Stillstehen und Rückläufen hatten die Alten 
lange Zeit sich gar keine Vorstellung gebildet. Erst als 
Plato den Astronomen die Frage vorlegte, wie diese Er- 
scheinung zu erklären sei, stellte der Pythagoräer EudoxiiS, 
der ums J. 370 v. Chr. lebte, die wunderliche Hypothese 
von der Bewegung der Planeten • in Epicykeln auf, die 
später Ptolemaens zu einem förmlichen System ausarbeitete. 
Nach diesem System stand die Erde unbeweglich im Vt^eltaü, 
und um sie drehten sich der Reihe nach: Mond, Merkur, 
Venus, Sonne, Mars, Jupiter, Saturn, und dann kam die 
sogenannte achte Sphäre, die Fixsternsphäre. 

Dies System, das sich über tausend Jahr in unange- 
fochtenem Ansehen erhielt, war schon in Betreff der An- 
ordnung der Planeten fehlerhafter als ein älteres, welches 
nach Makrobins die alten Aegypter aufstellten, und nach 
welchem sich wenigstens Merkur und Venus um die Sonne 
drehten. Es wurde auch von Vitrav und Martianns Car 
pella vorgetragen, ohne der Aegypter zu erwähnen. Allein 
dieses System kam ganz in Vergessenheit und wurde durch 
das Ansehen des ptolemaeischen völlig verdrängt. Dasselbe 



Kopernikus. 145 

stützt sich hauptsächlich auf zwei Hypothesen. Scheinbar 
Dämlich bewegen sich Sonne und Mond in Ejreisen um 
die Erde, und da diese Bewegung eine ungleichförmige 
ist^ bald schneller bald langsamer, so nahm man nach 
Ptolemaeus an, die Erde stehe nicht im Mittelpunkt dieser 
Kreise, weshalb die an sich gleichförmige Bewegung von 
dem ezcentrischen Standpunkt aus nicht als solche er- 
scheinen könne. Da ferner die übrigen fönf Himmels- 
körper schleifenähnliche Bahnen am Himmel beschreiben, 
so erklärte PtolemaeilS diese dadurch, dals er die Planeten 
gleichförmig auf Kreisen, Epicykeln, laufen liels, deren 
Mittelpunkte selbst wieder Kreise um die Erde beschrieben. 

Ptolemaens selbst scheint geföhlt zu haben, dals sein 
System etwas komplicirt sei, denn er sagte, es sei lange 
nicht so schwer die Planeten zu bewegen, als ihre Be- 
wegung zu begreifen. Dennoch erklärte sein System die 
Erscheinungen nur unvollkommen, und in dem Mafse als 
die Beobachtungen vervielfUtigt wurden, traten die Mängel 
desselben immer deutlicher hervor. Man sah sich daher 
genöthigt, Abänderungen in den von Ptolemaens aufge- 
stellten Hypothesen zu machen, und zu den von ihm er- 
somienen Epicykeln noch neue hinzuzufügen. Dadurch 
wurden die Schwierigkeiten aber keineswegs beseitigt, im 
Gegentheil nur immer noch grölser gemacht, und es trat 
eine heillose Verwirrung ein, die bereits im XIH. Jahr- 
handert eine solche Höhe erreicht hatte, dafs Alfons X., 
König von Kastilien, als ihm die Astronomen das Welt- 
system erklärten, sich den Scherz erlaubte zu sagen, wenn 
Gott ihn bei der Schöpfung um Rath gefragt hätte, so 
würde er die Sache einfacher eingerichtet haben. 

Alle diese Schwierigkeiten verschwanden nun durch 
die kopemikanische Lehre mit einem Schlage. Der schein- 
bare Lauf der Planeten, der früher soviel Kopfbrechens 
gemacht hatte, erklärte sich ganz einfach, und statt der 
früheren Komplikation trat die schönste Harmonie hervor. 

65. Keiner vor Kopernikus hat den Ausspruch ge- 
than, dafs die Erde in gleichem Range stehe mit den fQnf 

Poggendorff, Gesch. d. Physik. 10 



146 Kopernikos. 

damals bekannten Planeten, sich wie diese um die Sonne 
drehe, und dafs andererseits der Mond, der in allen frü- 
heren Systemen zu den Planeten gez&hlt wird, ein Welt- 
bürger anderer Ordnung, ein Satellit der Erde sei. Wie 
leicht und ungezwungen erklären sich die Schleifen der 
Planetenbahnen, von deren Entstehung die Epicykel nur 
eine nothdürftige Vorstellung gaben, durch die einfache 
Thatsache, dafs wir von der Erde, einem ebenfalls krei- 
senden Standort aus, die Bewegung der anderen Planeten 
beobachten, die uns deshalb bald rückwärts, bald vorwärts 
zu gehen oder still zu stehen scheinen, weil die Richtung 
unserer eigenen Bewegung zeitweise der ihrigen gleich 
und dann wieder entgegengesetzt ist. 

Die unsterblichen Verdienste, welche sich Eopernikts 
durch Aufstellung und sorgfältige DurchfQhrung dieser 
seiner Lehre erworben hat, dürfen uns jedoch nicht über- 
sehen lassen, dafs dieselbe mit mancherlei Irrthümem und 
Mängeln behaftet war. So glaubte er, dafs um den Paral- 
lelismus ^der Erdaxe aufrecht zu erhalten noch eine be- 
sondere Bewegung nöthig sei, und er legte daher der Erde 
eigentlich drei Bewegungen bei. Femer hielt er die Pla- 
netenbahnen noch für Elreise und zwar excentrische. End- 
lich wies er keine Ursache von den Bewegungen nach, 
welche er den Planeten beilegte. Sein Weltsystem war 
gleichsam ein naturhistorisches, das die Dinge beschrieb, 
wie sie seiner Ansicht nach waren, ohne auf den Grund 
der Erscheinungen zurückzugehen. 

KopemikiLS scheint nur eine ganz dunkle Ahnung von 
der allgemeinen Gravitation gehabt zu haben, und von den 
Gesetzen der Planetenbewegung war ihm natürlich nichts 
bekannt. Auch in andern Dingen hatte er noch beschränkte 
Ansichten, wie er denn noch glaubte, dafs die Fixsterne 
dunkle Körper wären, die nur von der Sonne erleuchtet 
würden, eine Meinung, die bald darauf schon GiordaDO 
Bruno verwarf. Dieses alles sind indefs nur unbedeutende 
Flecke, die den strahlenden Ruhm, welchen Kopernikus 
sich um die Schläfe wand, nicht verdunkeln können! 



Kopernikiu. 147 

:a8 ist und bleibt ein hell leuchtendes Gestirn 
am Finnament der Wissenschaft; allein es ging zu einer 
Zeit auf, wo der Horizont noch mannichfach von Nebeln 
umdOstert war. Die kopemikanische Lehre machte an- 
fimgs selbst bei den Astronomen wenig Glück, das ptole- 
maeische Weltsystem war zu alt und stand zu sehr in 
Ansehen, als dafs es hätte auf einmal verdrängt werden 
können. Ihre ersten Anhänger fand die neue Lehre in 
Deutschland, doch auch hier nur in geringer Zahl; dahin 
gdioren: 

Rli&ticas (geb. 1514, gest. 1576), der schon früher ge- 
nannte Freund von Kopernikus. 

Erasmus Reinhold (geb. 1511, gest. 1553), Professor 
zn Wittenberg, der sich indels nicht ganz vom ptolemaei- 
schen System trennen konnte, und daher seine Tabulae 
pruteniccte doppelt berechnete, nach dem System von Ptole- 
Baens und von Kopernikus. Die Tafeln waren dem Her- 
zog Albrecht v. Preufsen und Markgrafen v. Brandenburg 
gewidmet, daher ihr Name. 

Christoph Rothmann, von 1577 an Astronom des Land- 
grafen Wilhelm v. Hessen-Kassel. 

Miehael Histlin (Möstlin) geb. 1550 zu Göppingen in 
Wörtemberg, gest. 1631, Professor der Mathematik und 
Astronomie zu Tübingen. Von diesem würdigen Mann, 
dem Lehrer des grofsen Keppler, sagt man, dafs er durch 
eine in Italien gehaltene Rede Galilei zum Anhänger des 
kopemikanischen Systems gemacht habe, obwohl er in seiner 
Epüome astronamiae, Tubing. 1582, noch das ptolemaeische 
Weltsystem vorträgt. 

Von Mitotlin ist auch das aschfarbene Licht des Mondes 
TOT und nach seiner Konjunktion mit der Sonne, das Lu- 
men seeundarium^ Lumüre cendr^e zuerst richtig durch das 
von der Erde auf den Mond zurückgeworfene Sonnenlicht 
eiklärt Noch Tyeho läfst es durch Reflex des Sonnen- 
lichts an der Venus entstehen. 

Im Ganzen machte die Anerkennung der kopemika- 
nischen Lehre in den ersten 40 bis 50 Jahren nur geringe 

10* 



148 Tycho Brahe. 

Fortschritte, und selbst diese wurden noch empfindlich ge- 
hemmt, als ein Mann von grofsem Ansehen sich zam 
Gegner derselben aufwarf, nämlich 

Tycho Brahe. 

66. Tycho Brahe (eigentlich Tyge^ mit Unrecht häufig 
de Brahe), aus einer altadligen Familie Schwedens abstam- 
mend, war geb. 1546 in Schonen, unweit Helsingborg auf 
Knudstrup, und starb zu Prag 1601. Er war zum Studium 
der Rechte bestimmt, und besuchte in dieser Absicht die 
Universitäten Kopenhagen und Leipzig. Allein als er noch 
ein vierzehnjähriger Knabe war, machte eine Sonnenfin- 
stemifs am 21. August 1560, oder vielmehr das Eintreten 
derselben zu dem im Voraus berechneten Zeitpunkt einen 
solchen Eindruck auf ihn, dais er seitdem eine entschie- 
dene Vorliebe zur Astronomie fafste, und ihr Zeit und Geld 
widmete, soweit es der väterliche Hofmeister gestattete. 
Bereits im 17. Jahre 1563 fand er zu Leipzig durch eigene 
Beobachtungen, dals die damaligen Tafeln für Jupiter und 
Saturn sehr fehlerhaft waren, eine Konjunktion derselben 
sehr unrichtig angaben. 

Die geringe Aussicht, welche sein Vaterland ftr die 
Kultur der Astronomie darbot, bestimmte ihn, nach voll- 
endeten Studien im Auslande zu verweilen, besonders in 
Deutschland. 

Nur selten und dann auf kurze Zeit die Heimath be- 
suchend, lebte er folgeweise in Wittenberg, Kassel, Augs- 
huTg, Regensburg und selbst in Venedig. In Rostock ver- 
lor er in einem Duell mit einem dänischen Edelmann einen 
Theil seiner Nase, den er später durch ein künstlich gear- 
beitetes Stück aus Silber ersetzte. Bei seinem Aufenthalt 
in Kassel lernte er den Astronomen Rothmann und dessen 
Schutzherrn, den Landgrafen Wilhelm IV., sowie in Begens- 
burg den Kaiser Rudolph U. kennen. Endlich nach 10 Jahren, 
während welcher sich Tycho durch verschiedene astrono- 
mische Arbeiten schon rühmlich bekannt gemacht hatte, 
rief ihn der König Friedrich H. von Dänemark, besonders 



Tycho Brahe. 149 

auf die Verwendung des Landgrafen Wilhelm lY., zurück 
in die Heimath unter Bewilligungen, die namentlich für 
die Zeit höchst glänzend genannt werden müssen. Er gab 
ihm aus dem Sundzoll ein Jahrgehalt von 2000 Thalem, 
Tcrlieh ihm ein Reichslehen in Norwegen, ein Kanonikat 
am Dom von Roeskilde^ die Pfründe St. Laurentii, die 
1000 Thaler abwarf, und schenkte ihm überdies die jetzt 
za Schweden gehörige kleine Insel Hven im Sunde als 
Eigenthum zur Erbauung einer Sternwarte. 

Diese Sternwarte, zu welcher am 8. August 1576 der 
Gnmd gelegt wurde und die den Namen Uranienborg be- 
kam, wurde unter Tyeho^s Leitung bald das berühmteste 
Institut seiner Art, sowohl durch seine Einrichtung als 
auch durch seine Ausstattung mit Instrumenten, die Tyeho 
zum Theil selber verbessert hatte, besonders aber durch 
die Beobachtungen und Werke, welche unter Tyeho's 
Händen von demselben ausgingen. Von nah und fern 
strömten Gelehrte und Ungelehrte, hohe und höchste Herr- 
schaften dahin, um das Wunder seiner Zeit zu sehen ; was 
freilich Tyeho nicht gerade zum Vortheil gereichte, da es 
ihn zu einem Aufwand veranlaüste, der am Ende doch 
seine hohen Einnahmen überstieg. 

Einundzwanzig Jahre verlebte Tycho in dieser behag- 
lichen und der Wissenschaft so fördersamen Unabhängig- 
keit, als sein Gönner Friedrich U. im J. 1597 starb, und 
nnter dessen Nachfolger Christian lY. seine Neider es dahin 
brachten, dals ihm bis auf den Besitz des Eilandes Hven, 
ins nur 200 Thaler eintrug, alle übrigen Einkünfte ent- 
zogen wurden. Er wandte sich nun an Kaiser Rudolph II. 
in Prag, dessen Bekanntschaft er, wie erwähnt, in Regens- 
barg gemacht hatte, und fand an diesem einen nicht minder 
groismüthigen Beschützer als in Friedrich U. Der Kaiser 
bewilligte ihm ein Jahrgehalt von 3000 Goldgulden und 
überdies ein Lehen, sobald eins erledigt würde. 

Diese Gunst des Kaisers muls billig befremden, wenn 
man weib, dais er gleichzeitig Keppler, der doch Tycho 
an Geist unendlich überlegen war, darben liefs, so dais 



150 Tycho Brahe. 

dieser genöthigt war, sich als Hülfsrechner bei Tyeko zu 
verdingen. Aber das B&thsel klärt sich auf, wenn man 
weüfl, da(s Kaiser Rudolph in Tyeko nicht grade den 
Astronomen ehrte, sondern ihn als Astrolog und Alchemist 
in seine Dienste nahm. Astrologie und Alchemie waren 
neben der Sternkunde immer Lieblingsbeschäftigungen des 
ausgezeichneten Astronomen gewesen, und besonders hatte 
er in jüngeren Jahren die letztere eifrig getrieben, um 
Reichthümer zu erlangen, wenngleich in der edlen Absicht 
dieselben zum Besten der Wissenschaft zu verwenden. 

Kaiser Rudolph liebte nun ebenfalls die Alchemie mit 
Leidenschaft und errichtete ihr in Prag eine Freistätte, die 
zwar hin und wieder einen tüchtigen Mann herbeizog, aber 
auch zum Sammelplatz von Abenteurern und Glücksrittern 
aller Länder wurde. Tyeho ist einer der Wenigen, bei 
denen die kaiserliche Liebhaberei wirklich Gutes stiftete, 
denn er hörte auch in seiner neuen Stellung nicht au^ f&r 
die Astronomie thätig zu sein. Leider dauerte aber seine 
Thätigkeit in Prag nicht lange, denn schon im J. 1601, 
zwei Jahre nach seiner Ankunft daselbst, ereilte ihn der 
Tod, wie man angiebt in Folge davon, daTs er sich an der 
kaiserlichen Tafel den Urin zu lange verhalten hatte. 

67. Tycho war ein vortrefflicher Beobachter, der sich 
um die praktische Astronomie bleibende Verdienste erworben 
hat^ ja man kann ihn in manchem Bezüge als den haupt- 
sächlichsten Förderer derselben bei den Neueren betrachten. 
Abgesehen von den Verbesserungen, die er an den Instru- 
menten seiner 2ieit anbrachte, war er es z. B., der zuerst 
die untere und obere Lage des Polarsterns im Meridian 
zur Bestimmung der Polhöhe eines Orts benutzte, während 
man vordem, und noch Kopernikns that es, sich der gröfsten 
und kleinsten Höhe der Sonne im Meridian zur Bestimmung 
der Höhe des Aequators bediente. Tycho entdeckte die 
Ungleichheit in der Bewegung des Mondes, die man Va- 
riation nennt, femer die Veränderlichkeit der Mondbahn 
gegen die Ekliptik, sowie die Ungleichförmigkeit der Mond- 



Tycho Brahe. 151 

knoten in ihrer Bewegung gegen den Lauf des Mondes, 
auch Terbesserte er wesentlich die Sternkarten. 

Aber in seinen theoretischen Ansichten war er nicht 
glücklich. Statt das kopemikanische System anzunehmen, 
glaubte er ein neues au&tellen zu müssen, das er ftir besser 
hielt, in der That aber ein Bückschritt zum ptolemaeischen 
System war. Er nahm nämlich an, die Erde stehe unbe- 
weglich im Weltall und um sie drehen sich Mond, Sonne 
imd die Fixstemsph&re. Um die Sonne lieis er die f&nf 
Planeten kreisen, und das war die einzige Abweichung von 

Ptolemaeus. 

Tjeho machte dies System, zu dessen Annahme er 
theils durch theologische theils durch astronomische Gründe 
kew<^n ward, bekannt in dem Werk: De mundi aetherei 
recentioribus phaenomenü^ welches 1588 zu Uranienborg 
angefangen, in Prag vollendet und 1610 zu Frankfurt a. M. 
gedruckt wurde. Er konnte sich nicht entschlielsen, die 
Bewegung der Erde einzuräumen, weil sie den Aussprüchen 
der Bibel zuwider ist ^). Dann meinte er auch, wenn die 
Erde um ihre Axe rotire, so müsse ein Stein, der an der 
Westseite von der Spitze eines Thurmes herabfaUe, hinter 
dem Thurm zurückbleiben. Man könne sich nicht vor^ 
stellen, alle 24 Stunden auf dem Kopfe zu stehen, auch müsse 
durch die Schwungkraft alles zerstreut werden, und gegen 
den Umlauf der Erde um die Sonne wendete er den Mangel 
der Parallaxe der Fixsterne ein. 

Die Bewegung der Erde war dem Tycho der Haupi- 
anstofe in der kopemikanischen Lehre, bis auf diesen Punkt 
ist sein System im Grunde ganz in üebereinstimmung mit 
Ktpenukns. Es sieht demnach aus, als wenn Tycho nur 
aus einer Art von Eigensinn das kopemikanische System 



Solche Aasspracbe stehen: Joaoa, Kap. 10, v. 12, 13. Im Kriege 
gegen die Amoriter sagt Josaa auf des Herrn GeheLTs „Sonne stehe still 
ZQ Gibeon und Mond im Thale Ajalon! Da stand die Sonne und der 
Mond stille, bis dafs sich das Volk an seinen Feinden rächete*. — 
Pred. Saiomo, Kap. 1, ▼. 5 : „Die Sonne geht auf und geht unter und läuft 
an ihren Ort, dafs sie daselbst wieder aufgehe*'. 



162 Tycho Brahe. 

yerworfen habe, indefs behauptet er, er sei im J. 1582 
durch genaue Beobachtung der Parallaxe des Mars darauf 
geleitet worden, die nach dem ptolemaeischen System un- 
möglich ist. In einer sp&teren Schrift: Aatron&micte instctU" 
ratae progymnaamatay Pragae 1603, räumte er zwar ein, 
dafs die Bewegung der Planeten sich einfacher nach dem 
kopernikanischen System erkl&ren lasse, allein dennoch 
konnte er sich wegen des Widerspruchs mit der Bibel 
nicht zur Annahme desselben entschlielsen. Dies ist we- 
nigstens der Grund, den er gegen den Astronomen Roth- 
mann anfbhrt, denn die übrigen Gründe gegen die B4>tatiou 
der Erde hatte dieser bereits widerlegt. 

Ungeachtet seiner Mangelhaftigkeit fand doch das 
tychottische System im Allgemeinen viel Beifall, besonders 
bei denen, die nicht selbst zu denken gewohnt waren, und 
sich durch die Autorität des Urhebers bestimmen lieisen. 
Nur Männer wie Keppler , Histlin , Galilei u. A. blieben 
unerschütterlich bei dem kopernikanischen System. Diese 
Festigkeit ist besonders an Keppler zu rühmen, da derselbe 
sich in einer von Tyeho abhängigen Stellung befand, und 
dieser bis zu seinem Tode nicht aufhörte. Versuche zu 
machen, Keppler zu seiner Lehre zu bekehren. 

Ein Gutes hatte indefs diese Lehre, nämlich dadurch, 
dais sie gleichsam dem ptolemaeischen System den Todes- 
stofs versetzte. Von nun an war nur noch von Kopernikiis' 
und Tycho's System die Rede, aber leider zählte das letztere 
die meisten Anhänger, darunter Riecioli, Rheita, Morin, 
Deschales u. A. Die meisten derselben nahmen es auch 
unverändert an, nur Longomentan, ein Schüler des Tycho, 
glaubte sich eine kleine, aber freilich sehr wesentliche Ab- 
änderung erlauben zu dürfen. Ihm kam es denn doch gar 
zu unwahrscheinlich vor, dafs sich der Fixstemhimmel 
taglich um die Erde drehen sollte, wie Tycho lehrte; er 
liefs es daher zu, dafs die Erde sich drehe, erlaubte aber 
nicht, dafs sie von der Stelle gehe. 

Longomontanus, eigentlich Christian Severin, von seinem 
Geburtsort Langberg in Jütland Longomontan genannt, war 



Keppler. 153 

1561 geb. und starb 1647 als Professor der Mathematik 
in Kopenhagen. Er lebte einige Jahre mit Tyeho zusammen 
in Prag, hat aber daselbst durch seine Opposition gegen 
Keppler grade keinen sonderlichen Buf hinterlassen. 

So wenig Tyehe übrigens Ursache hatte auf sein System 
eifersüchtig za sein, so gab es doch einen Landsmann von 
ihm, der ihm dasselbe streitig zu machen suchte. Nikolaus 
Rymers aus Henstede im Dithmarschen, gewöhnlich Reimams 
ürsis genannt, ein Feldmesser, der sich sp&ter kaiserlicher 
Mathematiker nannte, zuletzt in Prag lebte und 1600 da- 
selbst starb, behauptete, er habe das System 1585 entdeckt, 
es dem Landgrafen Wilhelm IV. mitgetheilt, und durch 
dessen Astronomen Rothmann habe es Tyeho erfahren. 

Keppler. 

68. Während durch solche und ähnliche Bemühungen 
die beiden Lehren in den Augen des gröiseren Publikums 
ein fast gleiches Ansehn behaupteten, fbgte es sich, dals 
nur wenige Jahre nach Tyeho's Tod die kopernikanische 
Lehre die allerentschiedenste Bestätigung erhielt, und zwar 
durch den Mann, der, solange Wissenschafken geachtet 
bleiben, die Zierde und der Stolz der deutschen Nation 
wird genannt werden müssen, durch Keppler. 

Johann Keppler, geb. 1571 am 27. Dec. im Dorfe 
Magstatt unfern der ehemaligen Reichsstadt Weil und gest. 
15. Not. 1630 (n. St.) zu Regensburg. Die Lebensver- 
hältnisse dieses grolsen Mannes bieten ein unerfreuliches 
Gemälde dar, in welchem sich der zerrissene politische 
Zastand Deutschlands zu jener Zeit in trauriger Weise ab- 
spiegelt. Seine Erlebnisse bilden eine Kette von Bedräng- 
nissen und Widerwärtigkeiten, die nur von wenig lichten 
Punkten unterbrochen wird. ^ 

Er stammte aus einem altadligen aber sehr zurück- 
g^ommenen Geschlechte von Kappel, und war der Sohn des 
Bürgermeisters Sebald Keppler zu Weil und der Katharine 
Guldenmann. Er war ein Siebenmonatskind, von schwäch- 
lichem Körper und von Jugend auf vielen Krankheiten 



154 Keppler. 

unterworfen. Ueberdies sah es zu Hause traurig aus. Der 
Vater war zurückgekommen, muiste Hab und Gut ver- 
kaufen und suchte sein Heil in Kriegsdiensten. Er ging 
nach Belgien, um unter Herzog Alba gegen die HoU&nder 
zu kämpfen, nahm die Mutter mit und lieis den kleinen 
Keppler bei den Grolseltern. Zwar kehrten die Eltern nach 
einigen Jahren zurück, aber neue Unglücksfälle und der 
Unfriede, der zwischen beiden ausbrach, veranlaisten den 
Vater abermals in die Fremde zu gehen, und diesmal um 
nicht wiederzukehren. Er starb im Feldzuge der Oester- 
reicher gegen die Türken. 

Unter solchen Umst&ndcn muTste der erste Unterricht 
des jungen Keppler sehr dürftig sein, zumal die Mutter 
eine ganz ungebildete Frau war, die weder lesen noch 
schreiben konnte, und auch keinen lobenswerthen Charakter 
besafs. So genofs denn auch wirklich Keppler in der 
Jugend einen weniger als mittelm&fsigen Unterricht, der 
außerdem noch häufig durch Feldgeschäfte unterbrochen 
wurde. Seines schwächlichen Körpers wegen bestimmte 
man ihn zum geistlichen Stande, und brachte ihn 1586 in 
die Klosterschule zu Maulbronn. Von da kam er 1589 in 
das theologische Stift zu Tübingen, wo er auf öffi^tlicbe 
Kosten unterrichtet wurde. Hier hatte er das Glück in 
Michael Hästlill einen Lehrer zu finden, der nicht nur das 
schlummernde Genie fiOr Mathematik und Astronomie in 
ihm erweckte, sondern auch zeitlebens sein treuester Freund 
und Gönner blieb. 

Durch Hftsüin's Empfehlung bekam Keppler yo» den 
steiermärkischen Ständen einen Buf ab Professor der Ma- 
thematik und Moral nach Graz. Hier ging es ihm anfangs 
auch ganz wohl, er schrieb daselbst seinen Prodromua düser^ 
tationum cosmographicarum continens mysterium cosmogra" 
phicunif Tub. 1596, die Schrift, welche ihn zuerst der ge- 
lehrten Welt als geistreichen Denker beurkundete, und ihn 
in Verbindung setzte sowohl mit Tycho als mit Galflei. 
Im J. 1597 verheirathete er sich auch daselbst mit einer 
jungen und vermögenden Wittwe, Barbara Müller von 



Keppler. 155 

Möhleck, allein dies h&usliche Glück sollte niokt von langer 
Dauer sein. 

Im J. 1598 trat n&mlich der Erzherzog Ferdinand die 
R^ening der bis dahin yormundschaftlich verwalteten 
Steiennark an, und dieser von Jesuiten erzogene Fürst, 
der zu Loretto bei der heiligen Jungfrau geschworen hatte, 
den Protestantismus in seinem Lande mit der Wurzel aus- 
znreüsen, war nicht sobald daselbst angekommen, als er 
auch schon die gransamsten Verfolgungen über die Pro- 
testanten ergehen Uefs. Auch Keppler bekam den Befehl 
bei Todesstrafe innerhalb 24 Stunden das Land zu ver- 
lassen, und er hielt es demgemäfs für gerathen nach der 
ungarischen Gränze zu flüchten. Zwar erhielt er bald her- 
nach aof seine Vorstellungen Erlaubniis zur Rückkehr in 
das Land, allein seine Lage war hier unter den stets fort- 
gesetzten Verfolgungen der Protestanten und dem, wie es 
sdieint, heimlich an ihn gesteUten Ansinnen zum Katho- 
Bcismus überzugehen so drückend, da(s er sich entschlielsen 
moÜBte, das Land fiLr immer zu verlassen. 

In dieser Bedr&ngnüs wandte er sich an Tyeho, der 
ilm auch aufforderte, nach Pra^ zu kommen, um mit ihm 
gemeinsame Studien zu treiben. Das herrische Betragen 
von Tyebe und die zerrütteten Finanzen des Eousers machten 
ihm in der ersten Zeit auch den Aufenthalt in Prag eben 
nicht angenehm. Er wurde zwar durch Tycho's Verwen- 
dung kaiserlicher Mathematikus dem Namen nach, war 
aber in Wahrheit nur Hülfsrechner von Tycho und zwar 
olme Gehalt. 

Glücklich fOr ihn starb aber Tyeho schon am 24. Okt. 
(13 a. St.) 1601, und nun trat er als kaiserlicher Astronom 
in dessen Stelle. Allein auch in dieser Stellung hatte er 
mit beständigen Sorgen zu kämpfen. Bescheiden genug 
Yom Kaiser Budolph 11. nur die Hälfte des von Tycho be- 
zogenen Gehalts, statt 3000 nur 1500 Gulden zu fordern, 
batte er dennoch den steten Kummer, dats ihm diese mälsige 
Summe nur theilweise und mit steten Unregelmäfsigkeiten 
ausgezahlt wurde, so dafs er oft in die bitterste Noth kam, 



156 Keppler. 

und seine Zuflucht dazu nehmen mufste Kalender mit Pro- 
gnostika zu schreiben, wiewohl er die Astrologie grQndlich 
▼erachtete. 

Trotz dieser äulsem Noth war er unablässig thätig filr 
seine Wissenschaft, sowohl in Betreff der Berechnung astro- 
nomischer Tafeln, als auch der Anstellung von Beobach- 
tungen und der Beschäftigung mit theoretischen Forschungen. 
So beobachtete er im J. 1607 den greisen Kometen, der 
eine etwa 75jährige Umlaufszeit hat und später 1682, 1758 
und 1835 wahrgenommen worden ist. Er hat darüber 1608 
eine eigene Schrift herausgegeben, die freilich vieles ent- 
hält, was man heut zu Tage nicht schreiben würde, so hielt 
er u. A. die Bahn für grade. Im Uebrigen hat Keppler 
einige seiner sogleich zu besprechenden Haupt-Entdeckungen 
während seines Aufenthalts in Prag gemacht. 

Hinsichtlich der astronomischen Tafeln mufs ich be- 
merken, dafs der nächste Zweck seiner Anstellung der 
war, die damals allgemein gebräuchlichen und als fehler- 
haft bezeichneten Tafeln des Prof. Reinhold, die Tahtdat 
prutenicae (s. § 65), durch neue und richtigere zu ersetzen. 
Nach Rudolph U. Tod 1&12 bestätigte ihn Kaiser Matthias 
in seiner Stellung als Hofastronom, und in dieser Eigen- 
schaft begleitete er seinen neuen Herrn auf den Reichstag 
zu Regensburg 1613, um dort mit zur Regulirung des 
Kalenderwesens beizutragen. Die Protestanten hatten sich 
nämlich geweigert, den 1582 von Papst Gregor XUI. ver- 
besserten Kalender anzunehmen, weil sie glaubten, dies 
brächte ihrer Religion Gefahr. Keppler, obwohl selbst 
Protestant, suchte ihnen diese Furcht zu benehmen, aber 
leider vergebens, und es blieb bei der heillosen Verwirrung. 

Kaiser Matthias war übrigens nicht besser bei Kasse 
als sein Vorgänger Rudolph, und so lieis er sichs denn 
gern gefallen, dafs sein Hofastronom die von den öster- 
reichischen Ständen ihm angebotene Professur am Gym- 
nasium zu Linz annahm. Hier in Linz lebte nun Keppler 
13 Jahre, keineswegs sorgenfrei, wie einige spätere- Schrift- 
steller angegeben haben, sondern mannichfaltig gedrückt 



Kcppler. 157 

TOD hfinslichem und Familien -Unglück, wozu u. A. ein 
Hezenprocels gehört, der seiner Mutter gemacht war, und 
welcher ihn zwang nach Würtemberg zu gehen, um sie 
vor Gericht zu vertheidigen. Auch stete Sollicitationen 
um sein Gehalt ab kaiserl. Hofastronom, welche Stelle er 
beibehalten hatte, spielten eben keine angenehme Beschäf- 
tigung in diesem Zeitraum. 

Dennoch war sein Streben stets auf die Wissenschaft 
gerichtet Er machte hier in Linz seine dritte grofse Ent- 
deckung und vollendete endlich die astronomischen Tafeln, 
ui denen er mit vielen Unterbrechungen fast ein Viertel- 
Jahrhnndert gearbeitet hatte. Ferdinand U., der dem Kai- 
ser Matthias 1619 auf dem Thron gefolgt war, schon als 
Herzog von Steiermark Keppler's Landesherr, bewilligte 
die Druckkosten, d. h. er wies 6000 Gulden auf die Kas- 
sen der Reichsstädte Nürnberg, Ulm und Memmingen an. 
Keppler präsentirte in Person die kaiserliche Anweisung, 
erhielt aber von dem reichen Nürnberg nichts und von 
den beiden andern Städten nur einen Theil. 

Keppler gab dennoch die Tafeln zu Ulm in Druck, 
und benutzte diese Gelegenheit, um mit seiner Familie aus 
Linz fortzuziehn, da er sich wegen der unter Ferdinand's 
Herrschaft täglich mehr überhand nehmenden Verfolgun- 
gen der Protestanten nicht mehr f&r sicher hielt in Oester- 
reich. Indeis schuldete ihm der Kaiser noch immer 12000 
Gülden, und Keppler durch die Noth getrieben liefs nicht 
ab seine Forderung unausgesetzt geltend zu machen. Um 
den lästigen Gläubiger loszuwerden setzte der Kaiser Kepp- 
Wi Besoldung, sowie den Rückstand von 12000 Gulden, 
anf die Einkünfte des dem Wallenstein verliehenen Her- 
zogthams Mecklenburg, und gab Keppler selbst in den 
Kauf mit obenein. 

Wallenstein als ein Freund der Astronomie und noch 
mehr der Astrologie lieis sich dies gefallen, und berief 
Ke]ypler zu sich nach Sagan in Schlesien, wo er damals 
i^idirte. Anfangs stellte sich das persönliche Yerhältnils 
zwischen beiden ganz günstig. Als indefs Keppler mit 



158 Keppler. 

seiner Forderung hervor trat, und auf Bewilligung dersel- 
ben drang, hatte Wallenstein taube Ohren, und suchte ihn 
mit einer wenig einträglichen Professur in Bostock abzu- 
speisen. Das wollte sich nun Keppler nicht gefallen lassen, 
und er machte sich daher im J. 1630 auf den Weg nach 
Begensburg, um dort auf dem Reichstage seine gerechten 
Ansprüche geltend zu machen. Auf der Reise dahin über- 
fiel den schwachen vielfach gekränkten Mann eine Krank- 
heit, der er endlich am 15. Nov. (n. St.) 1630 zu Regens- 
burg unterlag. 

Auf dem St. Peter's Gottesacker vor einem Thor an 
der AuTenseite der Festungswerke fand Keppler seine Ruhe- 
stätte, aber keine bleibendere und sanftere, als er im Leben 
gefunden hatte; denn schon zwei Jahre nachher, als Her- 
zog Bernhard von Sachsen -Weimar mit den Schweden 
Regensburg erstürmte, wurde das Grab durch die gespreng- 
ten Wälle so verschüttet, dals jede Spur von demselben 
verloren ging. 

Erst die neuere Zeit erinnerte sich der Reliquien, die 
ein so unverdientes Schicksal gefunden hatten. Carl v. 
Dalberg, der gelehrte und humane Fürstprimas des Rhein- 
bundes und zugleich Erzbischof von Regensburg, liefe 
Keppler im J. 1808 auf dem in anmuthige Gartenanlagen 
verwandelten Walle der Stadt ein schönes würdiges Denk- 
mal setzen. — Schliefslich sei noch das Epigramm von 
Kästner, welches Keppler^s Verdienst und Schicksal so 
treffend bezeichnete, auch an dieser Stelle in Erinnerung 
gebracht: 

So hoch war noch kein Sterblicher geBtiegen» 

Als Keppler stieg — and starb den Hungertod! 
Er wuÜBte nor die Geister za vergnügen, 
Dmm Heiden ihn die Körper ohne Brod! 

69. Keppler's Leistungen in der Wissenschaft sind 
nicht nur grofs, sondern auch vielseitig; sie haben zwar 
alle eine mathematische Richtung, sind aber doch ihrem 
Inhalte nach wesentlich verschieden, und man kann sie 
fOglich in die astronomischen und optischen theilen. Es 



Keppler. 159 

sei hier zuerst die Rede von seinen astronomischen 
Verdiensten. 

Keppler ward^ wie überhaupt f&r die Astronomie, so 
speciell filr die kopemikanische Lehre durch seinen Lehrer 
MSstlin gewonnen, der, wiewohl in seiner BSpitome astro- 
nomae^ Tub. 1582 noch ein Anhänger des ptolemaeischen 
Systems, doch in seiner Observatio et demonstratio cometae 
aethereiy Tubing, 1578 auch die kopemikanische Weltord- 
Dung lehrt (§ 65), und wie schon erwähnt durch eine in 
Italien gehaltene Rede den grofsen fialflei zum Anhänger 
dieser Lehre gemacht haben soll. 

Den ersten öffentlichen Beweis, dafs er ein Kopemi- 
kaner sei^ legte Keppler in seiner Schrift ab: Prodromus 
dmertatumum cosmographicarum continens mysterium coamo- 
oraphicum^ Tubing, 1596^ aufser einem Kalender 1594 seine 
erste Schrift. Dieselbe liefert ein Zeugnifs von seiner Nei- 
gung gleich den Pythagoräem zwischen den Erscheinungen 
der Eörperwelt und den numerischen oder geometrischen 
Verhältnissen gewisse geheimnifsvoUe Beziehungen zu 
suchen, um nämlich die Abstände zwischen den damals 
bekannten Planeten 

Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn 
zu erklären, denkt er sich sechs Kugeln, deren Durch- 
messer respektive die Abstände dieser Planeten von dar 
Sonne vorstellen, in einander eingeschlossen und zwar von 
solcher Grofse, dals in die fünf Zwischenräume die ftinf 
regulären Körper 

OktaSder, Ikosaßder, Dodekaeder, Tetraeder, Kubus 
beschrieben werden können, und diese bezüglich mit ihren 
Ecken und Flächen je zwei benachbarte Kugelfiächen 
ftufsen und innen berühren. Die Durchmesser, die dann 
^e Kugeln erhalten, sollen die relativen Abstände der 
Planeten von der Sonne vorstellen. 

Die Hypothese, offenbar durch die Zahl der damals 
bekannten Planeten hervorgerufen, triffl; übrigens nur bei- 
läufig beim Jupiter und Saturn ein, und bedarf wohl keiner 
ausführlichen Widerlegung, indeis verdient sie doch als 



160 Keppler. 

erster YerBuck zur Lösung eines Problems, das selbst bis 
jetzt noch nicht erledigt ist, Anerkennung, und jedenfalls 
spricht sich in ihr schon die Richtung aus, die Keppler 
späterhin zu so groisen Entdeckungen f&hrte. 

In neuerer Zeit sind mehrfache Versuche gemacht 
worden, in den Abstanden der Planeten von der Sonne 
ein Gesetz zu entdecken; am bekanntesten darunter ist 
das, welches Titins (Tietz), ehemals Prof. der Physik zu 
Wittenberg, aufstellte, nämlich: 

Merkur 4 =4 Jupiter 4 + 16.3= 52 

Venus 4-4-1.3= 7 Saturn 4 + 32 . 3 = 100 

Erde 4 + 2.3 = 10 dazu 

Mars 4 + 4.3 = 16 Uranus 4 + 64 . 3 = 196. 
Titins veröffentlichte dies Gesetz 1766 in einer Ueber- 
setzung von Bonnef s Betrachtungen der Natur, und zwar 
anonym eingeschoben in den Text, dessen Original nichts 
davon enthält; erst in späteren Ausgaben steht es als 
Note bezeichnet mit T. Er machte dabei auf die Lücke 
zwischen Mars und Jupiter aufmerksam, glaubte aber, sie 
sei durch noch unentdeckte Monde von beiden Planeten 
ausgefüllt. 

Schon firüher gab der zu seiner Zeit berühmte Philo- 
soph und Mathematiker Christian Freiherr v. Wolf (geb. 
1679 zu Breslau, gest. 1754 zu Halle) in seinen Ver- 
nünfUge Gedanken von den Absichten der natürlichen Dinge^ 
Halle 1724 folgende Reihe: 

Merkur 4, Venus 7, Erde 10, Mars 15, Jupiter 52, 

Saturn 95, 
doch ohne von der Lücke zwischen Mars und Jupiter zu 
reden, die indeis vor Titins schon Lambert in seinen kos- 
molog. Briefen, Augsburg 1761 bemerkt, und der Hinweg- 
führung eines Planeten zugeschrieben hatte. Von der 
Titius^schen Progression haben beide nichts^ obwohl ver- 
muthlich Wolf sie veranlalst hat Bode machte 1772 in 
der Anleitung zur Kenntnifa des gestirnten Himmels, 2. Aufl., 
zuerst auf sie aufmerksam, und durch ihn wurde sie eigent- 
lich allgemein bekannt. 



Eeppler. 161 

Späterhin 1790 stellte Prof. Wurm eine rerbeseerte 
Progrefision auf: 



Merkur 


387 — 


387 


Abweichung. 


Venus 


387 h- 1.293 = 


680 


1 

— 18 


Erde 


387 -H 2 . 293 — 


973 


10 

— BS 


Mars 


- -t- 4. - — 


1559 


+ Ä 


Planet j; 


- -1- 8. - - 


2731 


1 

96 


Jupiter 


- -hl6. - — 


, 5075 


1 
TS 


Saturn 


- -1-32. - — 


9763 


■+- Ä 


Uranus 


. ^64. - — 


19139 


+ 499- 



Da hierin zwischen Mars und Jupiter nicht nur ein 
noch unbekannter Planet angenommen ward, wie schon 
1785 Zach gethan, sondern auch der für ihn berechnete 
Abstand ziemlich mit dem der 1801 von Piazzi entdeckten 
Ceres fibereinstimmte, so gelangte diese Progression zu 
bedeutendem Ansehen. Allein dies wurde 1802 von fifaufs 
sehr untergraben durch die Bemerkung, daTs nach jener 
Progression zwischen Venus und Merkur unzählig viele 
Planeten liegen mülsten entsprechend den Gliedern 

4-+-J.3, 4-f-J.3, 4-+-J.3... 
Spaterhin hat Benzenberg noch ein anderes Gesetz auf- 
zustellen gesucht, aber im Ganzen hat man dieses Problem 
allen lassen, und einige Astronomen betrachten es als ein 
gar nicht zu ihrer Wissenschaft gehöriges. ^) 

70. Der erwähnte Prodromus war der Vorläufer jener 
grolsen Entdeckungen, welche Keppler's Namen unsterblich 
gemacht haben, und welche noch heute fundamental für 
die Bewegungen der Planeten genannt werden müssen. 
Es sind die Entdeckungen folgender drei Gresetze: 

1) Alle Planeten bewegen sich in Ellipsen, in deren 
einem Brennpunkt die Sonne steht. 

2) Die Zeiten, welche ein Planet gebraucht einzelne 
Bogen seiner Bahn zu durchlaufen, verhalten sich wie die 
zu dem Bogen gehörigen elliptischen Sektoren. 



') Gilb. Ann. XI, 482; XV, 169. 

?oggendorff, Gescb. d. Physik. 11 



162 Keppler. 

In gleichen Zeiten beschreibt also der von der Sonne 
nach dem Planeten gezogene Radius, der Radius Tector, 
gleiche Flächenräume. Die Excentricität der Bahn be- 
stimmte Keppler aus dem Verhältnils der grö&ten und 
kleinsten Bewegung, und die entsprechenden Abstände 
verhalten sich umgekehrt wie die Quadratwurzeln dieser 
Bewegungen. Sind a und ß die vom Planeten beschriebenen 
Winkel, a und b die zugehörigen Abstände, so sind die 
Flächenräume | a' a und \ b^ ß, und da diese in gleichen 

Zeiten einander gleich sind, so folgt a:b = V^ : Va. 

3) Die Quadrate der Umlaufszeiten zweier Planeten 
verhalten sich wie die Kuben der groisen Axen ihrer 
Bahnen. 

Man hat also, wenn t und t, die Umlau&zeiten, 
a und a, die grofsen Axen bezeichnen, t^:t^^ =s a?ia^^ 

Die Entdeckung dieser wichtigen Gesetze war nicht 
das Werk einer glücklichen Stunde, sondern die Frucht 
jahrelangen Nachdenkens und höchst mühsamer Berech- 
nung der Beobachtungen, welche Tyeho am Mars ange- 
stellt hatte, an demselben Planeten, der wegen der groisen 
Veränderlichkeit seines Abstandes von der Erde bei seinem 
Umlauf um die Sonne, schon von Kopemikus und von 
Tyeho ab Beweis der Richtigkeit ihrer Systeme gebraucht 
worden war. 

Keppler würde seine Entdeckungen, wenigstens die 
erste, welche die anderen nach sich zog, vielleicht nicht 
gemacht haben, wenn er nicht zufällig an die Beschäftigung 
mit dem Planeten Mars geratheii wäre, denn unter allen 
Planeten, den damals noch sehr unvollkommen beobachteten 
Merkur abgerechnet, hat Mars die gröiseste Excentricität, 
und daher war es am leichtesten die elliptische Bewegung 
bei ihm aufzufinden. 

Das erste und zweite Gesetz machte Keppler bekannt 
in seiner Astronomia nova aixtoXopjtoc 8» physica coelestü tra- 
dita commentariü de motibtis steUae Mortis, Pragae 1609. 
Auf das zweite Gesetz kam er wohl dadurch, dafe man 



Keppler. 163 

im aken Systeme, wo man die Planeten in excentrischen 
Kreisen laufen liefe, die Bewegung derselben gleichförmig, 
also die Kreissektoren den Zeiten proportional annahm. 
Das dritte Gesetz divinirte er bereits am 8. März 1618, 
allan ein Rechnongsfehler machte, dals er seine Gedanken 
nicht bestätigt finden konnte. Doch schon am 15. Mai 
desselben Jahres hatte er bei einer Revision der Rechnung 
tue Freude, das vermuthete Gesetz wirklich nachzuweisen; 
er machte es bekannt in der Schrift Harmonices mundi 
Ubn r, Uncü 1619. 

Diese drei Gesetze, welche man seitdem mit Recht 
die Eeppler^schen Gesetze nennt, machen noch heut die 
Basis der Theorie von der Flanetenbewegung aus. Keppler 
fand sie au^ ehe die wichtigen Entdeckungen seines grofsen 
Zei^enossen Galilei in Deutschland bekannt waren. Hätte 
^r sie gekannt, so würde sein Genius ihn vielleicht noch 
einen Schritt weiter geführt haben zu dem höheren Gesetz, 
von welchem jene drei Gesetze nur Folgen sind, zu dem 
GraTitationsgesetz. Allein dies ward ihm nicht vergönnt, 
&3 blieb Newton vorbehalten. 

71. Keppler fühlte indeis sehr wohl, dafs die drei 
roo ihm entdeckten Gesetze noch etwas unbefriedigendes 
haben, daXs sie die Frage unbeantwortet lassen, weshalb 
denn die Planeten sich nach diesen Gesetzen bewegen. 
£r bemühte sich vielfach darüber. Aufschluis zu erlangen, 
und kam dabei in der That der Sache so nahe, dafs man 
sich einigermafsen wundem kann, wie er auf halbem Wege 
stehen blieb. In seinem Werk über die Bewegungen des 
Planeten Mars 1609 äulserte er so richtige Ansichten über 
die Schwere, wie keiner seiner Vorgänger. Er definirt 
nicht nur, wie Kopernlkns gethan, die Schwere als das 
Bestreben der Körper sich zu vereinigen, sondern erklärt 
auch die Ebbe und Fluth ganz richtig durch eine An- 
ziehung des Mondes zum Wasser der Erde. 

Unter Anderem sagt er, dals wenn zwei Steine aufser- 
lölb der Wirkung irgend eines Weltkörpers im Himmels- 
ranm befindlich wären, sie sich gegeneinander bewegen 

11* 



164 Keppler. 

und an einem mittleren Ort zusammen treffen würden, an 
einem Ort, dessen Abstand von den ursprünglichen Orten 
der beiden Steine sich verhalten würde wie die Massen 
dieser Steine. 

An einer anderen Stelle sagt er auch, dafs die An- 
ziehung der Weltkdrper wie das Licht mit der Entfernung 
abnehme. DaTs also die Weltkörper mit einer Gravitations- 
kraft versehen seien, und aus dieser Gravitation eine gerad- 
linige Bewegung derselben erfolgen könne und müsse, war 
Keppler einleuchtend, aber dats auch die Rotation der 
Planeten um die Sonne eine Wirkung der Schwere sei, 
diese grolse Wahrheit sah er noch nicht ein! 

Es kann dies auch nicht wunderbar erscheinen, wenn 
man erwägt, dals zur Zeit als Keppler sich mit den Be- 
wegungen der Planeten beschäftigte, noch nicht die aller- 
ersten Grundsätze der Mechanik aufgeftmden waren. Un- 
vermögend den Lauf der Planeten um die Sonne durch 
Wirkung einer Anziehungskraft zu erklären, glaubte daher 
Keppler, dieser Umlauf werde durch eine magnetische Kraft 
der Sonne bedingt, und zwar zimächst durch die Axen- 
drehung der Sonne. Es ist ein merkwürdiger Zug seines 
Genies, dafs er diese Axendrehung eher supponirte, als 
sie durch die Entdeckung der Sonnenflecke wirklich nach- 
gewiesen war. Ja, was noch sonderbarer ist, er selbst 
der die Sonnenrotation blois supponirte, beobachtete dieselbe 
ohne es zu wissen. Er entdeckte nämlich vor der Erfin- 
dung der Fernröhre am 28. Mai 1607 (n. St.) einen Sonnen- 
fleck und auch die Bewegung desselben, aber er hielt ihn 
für den Planeten Merkur. 

Dennoch liegt in seiner Hypothese etwas Wahres. Die 
gleiche Richtung der Umlau&bewegung und der Rotations- 
bewegung der Erde mit der Axendrehung der Sonne hat 
selbst Laplace veranlafst zuzugeben, dafs jene Bewegungen 
einst von dieser Drehung veranlafst wurden. Nur zur 
Unterhaltung jener Bewegungen ist diese nicht erforderlich. 

Die Idee von der Axendrehung der Sonne als Ursache 
des Umlaufs der Planeten behielt Keppler auch später bei, 



Keppler. 165 

und Teranlaiste ihn zu dem in theoretischer Hinsicht ganz 
richtigen Vorschlag, den später Cassini wiederholte, die 
Aequatorebene der Sonne als feste Ebene zu betrachten, 
und auf sie die Ebenen aller übrigen Planetenbahnen zu 
beziehen. Der Vorschlag ist indefs nicht praktisch, da 
sich die Aequatorebene der Sonne nicht so genau be- 
stimmen lälst, wie die Ebene der Erdbahn. Keppler glaubte 
übrigens die Rotationsaxe der Sonne stehe senkrecht auf 
der Ekliptik, so dafs nach ihm also die Aequatorebene der 
Sonne, Ecliptica regia von ihm genannt, mit der Erdbahn 
oder Ekliptik zusammen falle. Dies ist aber nicht der Fall, 
denn der Sonnen&quator neigt 7^ 30' gegen die Ekliptik. 

Die Schwierigkeit, den Umlauf der Planeten um die 
Sonne durch Wirkung der Schwerkraft, oder eigentlich 
mit Hülfe derselben zu erklären, denn man braucht immer 
noch eine Tangentialkraft, veranlafste Keppler in seinen 
späteren Schriften Epüome attronomiae capernicanae, Lincü 
1618 und Hai^monicea mundi Ubri V, ib. 1619^ seine frü- 
heren Ideen mehr in den Hintergrund zu stellen, und nur 
von der magnetischen Kraft der Sonne zu reden. Neuere 
Schriftsteller haben Keppler dieses Rückschrittes wegen 
getadelt, aber diese haben sich wohl nicht recht klar ge- 
macht, wie schwer die Lösung des Problems der Planeten- 
bewegung ist, wenn dazu erst die ganze Mechanik er- 
schaffen werden mufs. 

So unrichtig wir Keppler's Ansichten jetzt auch halten 
müssen, so ist doch bemerkenswerth , dals sich darin der 
erste Keim eines Fundamentalsatzes der Mechanik vor- 
findet, nämlich des Satzes von der Trägheit der Materie, 
aber freilich nur zur Hälfte. Er stellte es nämlich als 
Princip hin, dafa ein ruhender Karper nicht von selbst in 
Bewegung gerathen könne; die andere wichtigere Hälfte, 
dafs ein sich bewegender K&rper auch nicht von selbst zur 
Ruhe gelangen oder die Richtung seiner Bewegung ändern 
honnsy diese kannte er noch nicht. 

Durch die drei grolsen Gesetze, welche Keppler in 
der Bewegung der Planeten entdeckte, hat derselbe nicht 



166 Keppler. 

nur seinem eigenen Ruhm das unvergänglichste Denkmal 
gesetzt, sondern auch die schlagendsten Gründe fbr die 
Richtigkeit des kopemikanischen Systems beigebracht Bä 
ist indefs ein merkwürdiger Zug in der Geschichte diese^ 
Theils der Physik, dais grade zu der Zeit, da das koper- 
nikanische System durch Keppler sein wahres Fundament 
erhielt und von den Irrthümem befreit ward, mit denen 
es selbst sein Urheber noch hatte behaften lassen, dafs 
grade zu dieser Zeit, ums J. 1613, der Streit Aber di€^ 
Richtigkeit dieses Systems in Italien entbrannte, ein Streit, 
der ebenso merkwürdig ist durch seine lange Dauer und; 
die Personen, die darin verwickelt wurden, als durch die 
unwürdige Einmischung der Kirche. Doch davon mehr 
in der Folge! 

Zu den ferneren Verdiensten Keppler^s um die Astro- 
nomie gehört die Berechnung jener Tafeln, welche zu 
Ehren ihres Beförderers, des Kaisers Rudolph IL, die 
rudolphinischen genannt wurden. Sie erschienen 1627 und 
machen Epoche in der Astronomie, da sie die ersten nach 
dem kopemikanischen System berechneten waren. Keppler 
arbeitete über ein Viertel -Jahrhundert an ihnen, und be- 
zog* sein Gehalt, oder vielmehr die Anweisung auf dasselbe, 
hauptsächlich zum Behufe der Berechnung dieser Tafeln. 

Ueberhaupt enthalten die Werke Keppler^s, von denen 
die gedruckten sich bis auf 30 belaufen, einen grofsen 
Reichthum von Betrachtungen und Bemerkungen über das 
Weltgebäude, die selbst da, wo sie irrthümlich sind, das 
Tiefe und Originelle ihres Urhebers nicht verläugnen. Es 
würde indefs zu weit Aihren, die Einzelheiten derselben 
speciell auseinander zu legen. 

72. Wenn Keppler 's Name genannt wird, so denkt 
man dabei in der Regel nur an die glänzenden Entdeckun- 
gen, durch welche derselbe am Himmel verewigt worden 
ist, viel weniger ist hingegen bekannt, dais er sich auch 
hienieden ein Denkmal errichtet hat, um welches ihn man- 
eher beneiden könnte. Keppler ist nämlich nicht blofs der 
Urheber jener seinen Namen fahrenden Gesetze, sondern 



Keppler. 167 

auch Begründer der Dioptrik, eines Zweiges der Physik, 
der, wenn er auch keinen Antheil an der Erfindung der 
Fernrohre gehabt hat, doch zur Verbesserung dieser In- 
strumente wesentlich beigetragen, ja ihre heutige Voll- 
kommenheit allein möglich gemacht hat. Die Verdienste, 
welche sich Keppler in dieser Beziehung erworben, sind 
am so mehr hervorzuheben, als sie weder von der Mit- 
Qoch Nachwelt immer gehörig gewürdigt worden sind, 
namentlich in Vergleich zu den verwandten Leistungen 
seines grofsen Zeitgenossen Galilei. 

Gdilei wurde durch seine Beschäftigung mit der Optik 
allerdings zu wichtigen und glanzenden Entdeckungen ge- 
führt, aber er hatte sie ziemlich wohlfeilen Kaufs, und die 
Optik selbst ging leer dabei aus; Keppler^s Arbeiten dagegen 
waren die Frucht eines mühsamen Studiums. Sie führten 
freilich nicht zu schimmernden Resultaten, aber sie erwei- 
terten und berichtigten wesentlich die damaligen Kenntnisse 
vom Licht, gaben den ersten Impuls zum Fortschreiten 
einer Wissenschaft, deren theoretischer Theil seit Jahr- 
hunderten stagnirt hatte. Jene brachten ihrem Urheber 
Böhm und reichen Gewinn, diese dagegen trugen nichts 
dazu bei das Loos eines Mannes zu erleichtern, den selbst 
die gröfsten Eroberungen am Himmel vor Mangel auf 
Erden nicht schützen konnten. 

Schon seit 1602 beschäftigte sich Keppler mit der 
Optik, und zwei Jahre darauf 1604 gab er sein erstes 
Werk über diesen G^enstand heraus. Es führt den Titel • 
Ad Viteüonem paralipamena, guibvs astronomiae pars optica 
traditury Franco/urti 1604. Die Femröhre waren damals 
noch nicht erfunden, auch hatte Keppler nur einen an- 
Qähemd richtigen Begriff vom Brechungsgesetz oder von 
dem Gesetz, nach welchem Lichtstrahlen aus ihrer Rich- 
tung abgelenkt werden, wenn sie aus einem Mittel in ein 
anderes übergehen, und dabei unter schiefem Winkel auf 
die Trennungsfläche beider stofsen. Er glaubte nämlich es sei 

i = ni, 4- mseci/y 
worin t den Einfallswinkel, i den Brechungswinkel be- 



168 Keppler. 

zeichnet. Die seit Ptolemaens Zeit herrschende Meinung, 
dafs das Yerhältnifs zwischen Ein&lls- und Brechungs- 
winkel konstant sei, erkannte er als unrichtig, und nur 
bei kleineren Einfallswinkeln einigermaften zutreffend. Es 
schien ihm am zweckmäfsigsten den gebrochenen Winke) 
aus zwei TheUen bestehend anzunehmen, Ton denen der 
eine, nämlich n% proportional dem Einfallswinkel, der an- 
dere von der Sekante des Brechungswinkels abhängig sei, 
die ihm am passendsten den Gang der Erscheinungen aas- 
drückte. 

73. Obwohl er selbst in dieser Formel noch nicht 
das wahre Brechungsgesetz ausgesprochen fand, sondern 
nur eine Annäherung an dasselbe darin sah, so stellte er 
trotzdem die Grundzüge einer richtigen Theorie des Sehens 
auf. Er zeigte nämlich: 

dafs von jedem leuchtenden oder erleuchteten Körper, 
wenn er nur nicht das Licht regelmäfsig reflektirt, nach 
allen Richtungen Lichtstrahlen aussendet, dals denmach 
von jedem Punkt eines gesehenen Körpers nicht* blols ein 
einzelner Strahl ins Auge gelange, wie Manrolykns und 
Porta glaubten, sondern ein ganzer Strahlenkegel, dessen 
Basis die Pupille sei; 

dafs dieser Strahlenkegel durch die Brechung in der 
Krystalllinse des Auges in einem Punkt vereinigt werde^ 
und zwar in einem Punkt auf der Netzhaut; 

dafs dies von dem Strahlenkegel eines jeden Punktes 
gelte, und dafs sonach auf der Netzhaut ein förmliches Bild 
von dem gesehenen Gegenstand zu Stande komme, und dies 
ein umgekehrtes sei. Als Grund, weshalb wir trotz dieses 
umgekehrten Bildes die Gegenstände aufrecht sehen, dachte 
er sich den Eindruck des Lichts als einen Stofs auf die 
Netzhaut und nahm an, die Seele versetze die Ursache 
des Stofses in die Richtung, aus welcher derselbe kommt. 
Indem er also die Netzhaut zum Sitz des Sehens machte, 
und nicht die Krystalllinse wie Porta, vervollkommnete er 
den Beweis von der AehnHchkeit des Auges mit der Camera 
obscura, einen Beweis, den Porta angefangen aber fehler- 



■^ 



Keppler. 169 

hafi durcfagefbhrt, und nicht vollendet hatte. Porta hielt 
die PopiUe für das Loch der Camera obsc. und die EJry- 
staillinse fbr die Tafel, mit welcher das Bild aufgefangen 
wird, er scheint also nichts von Maurolykus gewuist zu 
haben, der die Empfindung des Sehens wenigstens hinter 
die Linse verlegte. 

Keppler erklärte auch die Kurzsichtigkeit und Fem- 
si(^tigkeit der Augen und die Art, wie konkave Gläser 
die erstere, und konvexe die letztere verbessern, indem er 
zeigte, dais bei den Fernsichtigen die Bilder hinter der 
Netzhaut, bei Kurzsichtigen vor derselben zu Stande kom- 
men, durch die betreffenden Linsen aber auf die Netzhaut 
gebracht werden. Die Lösung dieser Aufgabe kostete ihm 
seiner eigenen Angabe nach drei Jahre Zeit, ein Beweis, 
wie schwierig die Auffindung von Dingen ist, deren Er- 
lernung keine sonderliche Mühe macht. 

Darauf gründete er eine Erklärung der Fähigkeit des 
inges innerhalb gewisser Gränzen in mehr als einer Ent^ 
femnng deutlich zu sehen, oder der Fähigkeit desselben 
sich nach der Entfernung zu ajustiren. Er glaubte, dafs 
das Auge durch den processus ciliaris fbr zu nahe Gegen- 
stände verlängert werde und umgekehrt. 

Femer ist in diesem Werke zuerst ein Hauptsatz der 
Photometrie ausgesprochen, nämlich dafs das Licht abnehme, 
wie er sich ausdrückt, im umgekehrten Verhältnifs der 
aoffiuigenden Flächen. 

Neben so vielem Trefflichen wird man es gern über- 
^hen, dals das Werk auch manche Schwächen und Irr- 
thOmer enthält. Dahin gehört die Ansicht, dafs die Farben 
äos den verschiedenen Graden der Durchsichtigkeit und 
Dichte der Medien entstehen, und dafs die Brechung ihre 
llrsache in dem Widerstand der dichteren Mittel habe, 
was schon von Harriot^) widerlegt wurde, welcher fand, 
äafs Oliven-, Terpentin- und Steinöl das Licht stärker 

^) Epist ad Keplemm scriptae, ed. Hanschii, 233; 1606. — \^lde, 
6«ch. d. Optik I, 190. 



170 Keppler. 

brechen als Essig, Wein, Weingeist und Salzwasser, obwohl 
diese eine grdisere Dichtigkeit haben als jene. 

Ebenso unbefriedigend ist die Erklftrung Keppler's 
über die Irradiation. Tjcbo hatte bemerkt, dafs die schwarze 
Scheibe, welche der Mond bei Sonnenfinsternissen vor der 
Sonne bildet, merklich kleiner ist als der Vollmond. Auch 
hatte Keppler 1603 bei einer Mondfinstemifs beobachtet, 
dals die erleuchtete Sichel scheinbar einem gröiseren äuiGse- 
ren Durchmesser angehöre als die dunkle Scheibe. Dies 
gab Keppler Veranlassung fiber die Sache nachzudenken. 
Seiner Meinung nach rührt die Irradiation davon her, dals 
von so entfernten Gegenständen die Strahlen eines Punktes 
sich nicht wieder auf der Netzhaut vereinigen können, 
sondern kleine Scheiben bilden, daher sei die Irradiation 
auch verschieden nach den Augen. 

Richtiger, wenigstens bis zu einem gewissen Grade 
und jedenfalls richtiger als Tycho, urtheilte Keppler über 
die astronomische Strahlenbrechung. Tycho glaubte, sie sei 
verschieden nach der Entfernung der Himmelskörper, höre 
z. B. auf tdr Sterne in 20 ^ Höhe, för den Mond in 43'. 
ftür die Sonne in 45^. Keppler zeigte jedoch, dafs die Ver- 
schiedenheit der Entfernungen nichts mit der astronomi- 
schen Strahlenbrechung zu thun habe, dals sie ftlr alle 
gleich sei, und ftlr alle gleichmäfsig mit der Höhe abnehme. 
Er setzte den Grund derselben in die Brechung des Lichts 
in der dichteren Atmosphäre, irrte indeis darin, da& er 
diese Dichtigkeit in allen Höhen gleich stark annahm. 

74. Die Erfindung der Femröhre gab Keppler Ver- 
anlassung seine zeitweilig unterbrochenen Arbeiten im Ge- 
biet der Optik wieder aufzunehmen, und sie in seiner 
Dioptnce^ August, Vind. 1611 bekannt zu machen, einem 
Werke von nur wenigen Bogen, 79 Quartseiten, das aber 
dennoch bis Newton eins der wichtigsten ist. Keppler be- 
müht sich darin eine Theorie der Femröhre zu geben, 
woran bis dahin noch Niemand gedacht hatte, selbst Galilei 
nicht. Zu dem Ende suchte er zunächst das Brechungs- 
gesetz für den Uebergang des Lichts aus Luft in Glas su 
ermitteln. 



Keppler. 171 

Er bediente sich dazu eines Werkzeugs Ton seiner 
firfindiiDg, welches er anakiastisches Instrument nannte. 
Dasselbe besteht ans zwei rechtwinklig mit einander Ter- 
bondenen Brettchen, Ton denen das eine lAnger ist als das 
ffidere, und wagerecht hingelegt wird. In den Winkel 
beider schiebt man einen Glas Würfel, welcher mit dem 
senkrechten kürzeren Brettchen gleiche Höhe hat, aber 
nicht so breit ist wie dieses. Stellt man diese Vorrich- 
toflg nun so gegen die Sonne, dafis das senkrechte Brett* 
eben Ton ihr beschienen wird, und der Schatten vollständig 
auf das wagerechte fiült , so werden die den oberen Rand 
treffenden Strahlen theils durch die Luft theils durch das 
ülas nach dem unteren Brett gehen. Die ersten setzen 
ibren Weg einfach fort, die andern werden in dem Glas- 
Tärfd gebrochen; die Schattengränzen in Luft und Glas 
äüien nicht zusammen, trennen sich vielmehr oft bedeu- 
tend, und gestatten leicht Einfalls- und Brechungswinkel 
miteinander zu vergleichen. 

Es glückte indefs Keppler nicht das wichtige Gesetz 
sQ&iifinden, was bei einem Manne von seinem Scharfsinn 
vidüich auffallend ist, zumal bei dem Gebrauch eines 
Apparats, wo man glauben sollte, es hätte sich von selbst 
durbieten müssen. Er kam nur zu dem Resultat, da(s 
venn der Einfallswinkel nicht gröfser ist als 30^ (vergl. § 72) 

t = m, und fikr den Uebergang des Lichts aus Luft 

in Glas n = | sei. 
Dies ist nun zwar nicht das richtige Gesetz, aber es 
reicht fttr die ersten Umrisse einer Theorie der Femröhre 
Tollkommen aus, da in keinem Femrohr der Einfallswin- 
kel t=30® wird. Da nun auch der Werth von n ziem- 
lieh richtig ist, so konnte es geschehen, daTs Keppler mit 
dem mangelhaften €r«setz dennoch die Gmndzüge dieser 
Theorie richtig au&teUte. 

Mit dem von ihm geftindenen Gesetz i = m, machte 
er nun den ersten Versuch den Brennpunkt von Glas- 
linsen zu bestimmen, d. h. den Punkt, in welchem alle 
parallel mit der Axe der Linse auffidlenden Strahlen nach 
ihrem Durchgang durch die Linse sich vereinigen. Kepp- 



172 Keppler 

1er ging dabei ganz systematisch und streng zu Werke, 
indem er die Brechung des Lichts an jeder Fl&che der 
Linse einzehi untersuchte, und zwar nicht wie seine Vor- 
gänger in der unrichtigen Voraussetzung, dafs blols ein 
StnJiI von jedem Punkt des Gegenstandes ausgeht, son- 
dern in der richtigen, dafs jeder Punkt einen ganzen Kegel 
aussendet. 

Es gelang indeis Keppler nicht die Au%abe in ihrer 
ganzen Allgemeinheit zu lösen, er bestinunte den Brenn- 
punkt nur fbr zwei Linsen, fbr die plankonvexe und ftlr 
die gleichseitig bikouTeze. Bezeichnet r den Halbmesser 
der Linsenoberflftche und / die Brennweite, so fand er für 
die plankonvexe Linse /= 2r, und jRkr die gleichseitig 
bikonvexe f^=^T^ auch entdeckte er die Eigenschaft der 
letzteren, dafs wenn ein Gegenstand sich in der Entfer- 
nung 2r vor der Linse befindet, das Bild desselben in der 
gleichen Entfernung auf der anderen Seite entsteht. 

Eine vollständige Lösung des Problems der Brenn- 
weiten, d. h. der Vereinigungspunkte parallel auffallender 
Strahlen ftlr alle Linsen gab später Cavalieri. Isaac Barrow 
fand dann die Vereinigungspunkte auch fi)r nicht parallele 
Strahlen, und HaUey stellte endlich eine bequeme Formel 
Air die Vereinigungsweiten bei allen sphärischen Linsen 
und Spiegeln auf. Gegenwärtig beantwortet man alle Fra- 
gen über die Erscheinungen bei Linsen sehr leicht mit 
Hülfe der einen Formel 

worin a die Objektweite, a die Bildweite, n den Brechungs* 
exponenten und r, r* die Halbmesser der Linsenflficben 
bedeuten. 

Uebrigens darf nicht imerw&hnt bleiben, dafs Keppkr 
schon in seinen Paralip» die Abweichung wegen der 
Kugelgestalt bei Linsen bemerkte, was bei der Kugel be 
reits von Maurolykos geschehen war. Die Abweichung be- 
steht bekanntlich darin, dafs die durch den Band der Linse 
gegangenen Strahlen nicht genau mit den aus der Mitte 



Keppler. 173 

kommenden zusammen treffen, wodurch das Bild an Schärfe 
rerlieri Keppler schlug daher Linsen von h3^rboli8cher 
Gestalt Yor, welche diesen Fehler verhüten; der Gedanke 
ist also nicht Ton Descartes zuerst ausgesprochen. 

Bis zu Keppler^s Dioptrik 1611 kannte man kein an- 
deres Femrohr als das holländische oder galüeische, be- 
stehend aus einem konvexen Objektiv und einem konkaven 
Okular. Mit einem solchen Fernrohr wurden in den ersten 
Jahren alle Entdeckungen am Himmel gemacht. Keppler 
brach auch hier die Bahn, indem er zeigte, da& sich auch 
durch Verbindung zweier konvexen Gläser, nämlich eines 
konvexen Objektivs und eines ebensolchen Okulars, ein 
brauchbares Fernrohr darstellen lasse, das sogar wesent- 
liche Vorzfige vor dem holländischen besitzt, wie dies wei- 
terhin in der Geschichte der Femröhre erörtert ist Es 
stellt zwar die Bilder umgekehrt dar; das ist aber für 
Gegenstände am Himmel kein sonderlicher Nachtheil, und 
da es sich zu deren Beobachtung ganz besonders eignet, 
so wird es auch astronomisches Fernrohr genannt. Noch 
verdient bemerkt zu werden, dafs Keppler bereits 1810 die 
Kotfa wendigkeit erkannte, die Röhren nach den Augen 
verschiebbar zu machen (§ 84). 

Keppler gab aulserdem noch drei Femröhre an, die 
zwar von minderer Bedeutung sind, aber doch zeigen, wie 
^el er über die Kombination der Linsen nachdachte. £2s 
waren dies ein Femrohr 1) mit einem konvexen Objektiv 
Qud zwei konkaven Okularen ; 2) mit einem konvexen Ob- 
jektiv und zwei konvexen Okularen ; 3) mit zwei konvexen 
Objektiven und einem konvexen Okular. 

Von No. 1 zeigte er, dafs es zwar etwas länger sei 
als das holländische, dafbr aber den Vortheil darbiete, dafs 
^ die Gegenstände fast in doppelter Gröfse darstelle als 
jenes. — No. 2 erdachte er, um die Umkehrung der Büder 
bei dem astronomischen Fernrohr wieder aufzuheben, was 
indeis kein erheblicher Vorzug ist. — No. 3 schlug er 
^or, weil dadurch das Rohr nahe um die Hälfte kürzer 
werde. 



174 Geschichte der Femröhre. 

Dies sind aufser einigen Arbeiten über die astrono- 
mische Strahlenbrechung die hauptsächlichsten Leistungen 
Keppler's in der Optik. Wenn man sie vergleicht mit 
dem, was seine Vorg&nger ihm überlieferten, so mufs man 
gestehen, da(s sie wesentlich dazu beigetragen haben, die 
Kenntnisse vom Sehen, der Wirkung der Linsen und Fem- 
röhre zu berichtigen und zu erweitem, und dafs sie ihrem 
Urheber das vollste Anrecht auf den Namen des Begrün- 
ders der Dioptrik verleihen. 

Geschichte der Fernröhre. 

75. Bevor wir zu der weiteren Entwicklung der Optik 
übergehen, haben wir noch die Geschichte einer Erfindung 
zu betrachten, die nicht nur auf die Leistungen Keppler's 
von bedeutendem Einflufs war, sondern auch überhaupt 
wegen der gro&en Dienste, welche sie theils den Wissen- 
schaften, theils dem Leben geleistet hat und noch fort- 
dauernd leistet, unstreitig als eine der wichtigsten im 
ganzen Bereich der Optik angesehen werden muls, die 
Geschichte der Erfindung der Femröhre und Mikroskope. 

Indem ich hier die Wichtigkeit dieser Erfindung her- 
vorhebe, mufs ich jedoch sogleich einer möglichen Mifs- 
deutung vorbeugen. Den aulserordentlichen Nutzen der 
Fernröhre und Mikroskope heutigen Tages noch besonders 
auseinander setzen zu woUen, würde wohl ein ziemlich 
überflüssiges Unternehmen sein. Ohne Femröhre wäre ja 
die Astronomie in der Kindheit geblieben, und ebenso würde | 
die Physik viel weniger auf den Namen einer exakten 
Wissenschaft Anspruch machen können, wenn ihr die feinen 1 
Mefswerkzeuge abgingen, welche ohne Hülfe der Fernrohre | 
und Mikroskope nicht darstellbar sind. 

Aus diesem Gesichtspunkt betrachtet kann man die 
Erfindung der beiden genannten Instrumente nicht hoch 
genug anschlagen; allein wenn man abwägt, in wie fern 
diese Erfindung unsere Einsicht in die Natur des Lichts 
gefordert habe, so mufs man bekennen, dafs sie überschätzt 
worden ist. Nur mittelbar hat sie die Optik erweitert, nur 



Geschichte der Femrohre. 175 

durch den Gebrauch, den man von Fernrohren und Mi- 
kroskopen gemacht hat; aus diesen Instrumenten selbst 
hat die Optik nichts eigentlich Neues gelernt, wenigstens 
keine neue Eigenschaft des Lichts, welche nicht ohne sie 
angefunden ist, oder aufzufinden gewesen wäre. 

Die Wirkungen der Femröhre sind einfache Korollare 
ms dem Gesetz der Brechung des Lichts, und wiewohl 
m dazu anregten, die speciellen Folgerungen aus diesem 
Gesetz näher zu entwickeln, so hat man dabei doch über 
die Lichtbrechung nichts gelernt, was man nicht schon 
ffl einem Prisma oder einer einfachen Linse von Glas hätte 
ermitteln können. 

Diese Bemerkung glaubte ich voranschicken zu müssen, 
weil die Geschichte der Physik unläugbar auch die Auf- 
gabe hat, den Werth der Erfindungen und Entdeckungen 
gegeneinander abzuwägen und weil man, freilich früher 
mehr als jetzt, die Erfindung der Fernröhre und Mikro- 
skope wegen ihrer Nützlichkeit höher gestellt hat als andere, 
die doch in der That für die Kenntnifs des Lichts von 
^at gröfserer Wichtigkeit sind, z. B. die Entdeckung der 
Ifikiion, der doppelten Strahlenbrechung, der Polarisation 
fltti der Interferenz, Entdeckungen, deren erste Keime alle 
Boch in das XVII. Jahrhundert fallen. 

Diese ihrer Unscheinbarkeit und Räthselhafdgkeit 
▼egen lange Zeit unbeachteten Erscheinungen, deren Ent- 
deckung am grofsen Publikum ebenso spurlos vorüber- 
gingen, wie an der Mehrzahl der Physiker des XVII. und 
XVIII. Jahrhunderts, diese sind es, welche unsere Einsicht 
a die Natur des Lichts wahrhaft erweitert, die Optik 
ägentlich erst zur Wissenschaft gemacht haben, und sie 
m&ssen daher, wie hoch man auch die Erfindung der Fem- 
röhre und Mikroskope anschlagen mag, immer noch über 
dieselbe gesetzt werden. 

Dies ist wenigstens das Urtheil, welches wir heut zu 
^age aber die Erfindung dieser optischen Werkzeuge fällen 
müssen, wenn wir ihr Verhältnifs zu anderen Entdeckungen 

Erfindungen in der Physik unpartheiisch feststellen 



176 Geschichte der FenoLTÖhre. 

wollen. Anders mafste sie freilich den Zeitgenossen er- 
scheinen, und aus guten Gründen. Einmal war bis dahin 
wirklich noch keine Erfindung in der Optik gemacht, die 
sich an Wichtigkeit mit der der Fernrohre hätte messen 
können, und dann war es ihnen auch nicht zu verargen, 
dafs sie ein Instrument, welches schon in seiner unvoll- 
kommenen Gestalt bei seiner ersten Anwendung ganz neue 
Welten am Himmel au&chlofs^ als das höchste priesen, was 
die Erfindungskraft des Menschen hervorgebracht habe. 

Wenn eine Erfindung zur Zeit, wo sie gemacht wird, 
unbeachtet bleibt oder f&r zu gering gehalten wird, so ge- 
schieht es nicht gar selten, dals der Name des Urhebers 
verloren geht, Zeit und Ort seines geistigen Erzeugnisses 
unbekannt bleiben. Ebenso häufig aber findet ein solcher 
Verlust statt, wenn die Wichtigkeit der Erfindung Jeder- 
mann sogleich in die Augen springt, wenn nationale oder 
persönliche Eifersucht sich einmischen, oder wenn gar ein 
bedeutender pekuniärer Gewinn davon zu hoffen ist 

Statt eines Erfinders haben wir dann sogleich mehrere, 
die ihre wahren oder vermeintlichen Ansprüche auf die Ehre 
der ersten Idee oder ersten Ausführung oft mit scheinbar 
gleichen Beweisgründen geltend zu machen suchen, und es 
ist dann eine schwierige Aufgabe f&r den Geschichtsforscher, 
zu entscheiden, wem von Allen der Kranz gebühre. So ist 
es auch mit der Erfindung der Femröhre ergangen. Nicht 
weniger als drei Nationen streiten sich um die Ehre, den 
Erfinder des Femrohrs zu den ihrigen zählen zu können, 
nämlich Engländer, Italiener und Holländer, und unter den 
letzteren sind es wiederum drei Personen, die gleiche An- 
sprüche zu haben vermeinen. 

Es fehlt nur noch, dals auch die Chinesen hier als 
Mitbewerber auftreten. In der greisen japanischen Ency- 
klopädie wa-kan-san-sat^tsou^ye sieht man abgebildet den 
Jupiter, begleitet von zwei kleinen Körpern, und darunter 
stehend die Worte : Es giebt daneben (neben dem Jupiter) 
zwei kleine Sterne ^ die tote abhängig von ihm sind. Dies 
findet sich in der japanischen Ausgabe, die jünger als 1713 



Geschichte der Fernrohre. 177 

ist; in der filteren von 1609, die in China erschienen ist, 
findet sich nichts dem Aehnliches. Die Ausgabe Tön 1713 
verräth keinen europäisdiien Einflnfs, denn man sieht darin 
das Esmnchen Reis im Monde zerstampfend, die 9 Wege, 
die der Mond befolgt und die 9 Himmel, in deren Mitte 
die Erde liegt 

76. Die Engländer berufen sich zunächst auf die An- 
deutungen, die man in dem Opus majus 1267 von B. Baeo 
über das Femrohr findet. Diese Andeutungen sind aller- 
dings beachtenswerth; allein wenn man sie unpartheiisdi 
prüft, so ist das Höchste, was sich für B. Baco in An- 
bruch nehmen läfst, die Ehre, die Möglichkeit der Kon- 
^tmktion der Femröhre eingesehen zu haben. An keiner 
Stelle sagt er, dals er wirklich Femröhre vor sich gehabt 
oder gar selber verfertigt habe; er spricht immer nur von 
können. An einer anderen Stelle wird ihm in den Mund 
gel^ er habe gesagt, Julius Caesar hätte von den Küsten 
Galliens aus die britannischen Häfen und Städte durch 
aufgerichtete Spiegel betrachtet, und in seinem Buche De 
ferspectivis, wovon sich das Manuskript in Oxford befindet, 
soll er sogar sagen, Caesar habe die britischen Küsten 
imh ein aufgerichtetes Rohr betrachtet. 

Was die erste Stelle betrifil, so waltet dabei, wie schon 
Rob. Smifh bemerkt hat, ein MiTsverständniTs ob, indem 
inan speculae, Warten mit specula^ Spiegel verwechselte; und 
^uf den Grund der zweiten Stelle wird wohl Niemand den 
Julius Caesar im Ernst für den Erfinder der Fernröhre 
ausgeben wollen. Aus verschiedenen Nachrichten scheint 
bervorzugehen, dais man schon frühzeitig bei der Beob- 
achtung der Gestirne offene Röhren zur Abhaltung der 
Seitenstrahlen angewandt habe, die möglicherweise zu irri- 
gen Deutimgen führten. 

So berichtet Ditmar, Bischof von Merseburg, gest. im 
Anfange des XI. Jahrhunderts in seinem Chronicon Martis- 
borgense, es habe Herbert, der nachmalige Papst Sylvester U. 
durch ein Rohr Sterne beobachtet. Femer soll, wie Cysatns 
in seinem Werk über den Kometen vpn 1618 sagt, im 

Poggendorff, Gesch. d. Physik. 12 



178 Gescbichte der Feraröhre. 

Erlöster Scheyem, in der Didcese Freising ^ eine mit dem 
Jahre 1096 beginnende Chronik von einem Mönch Konnd 
sein, in welcher ein Astronom abgebildet ist, der durch 
ein Rohr den Himmel betrachtet Der berühmte Benedik- 
tiner MabiUoB hat auf seiner Reise in Deutschland 1683 
diese Chronik und das Bild gesehn und erzählt, es stelle 
letzteres den Ptolemaeus dar, welcher durch ein femrohr- 
fthnliches Instrument nach dem Himmel sieht. Diese Röh- 
ren sind höchst wahrscheinlich leer gewesen, denn hätten sie 
Gläser gehabt, so würde dies sicher wohl angegeben sein. ^) 

Aus dem AUen geht herror, dais die erwähnten beiden 
Stellen bei R« Baeo nicht den mindesten Beweis dafür ab- 
geben, dais er schon Femröhre gekannt habe. 

Uebrigens ist man in der Deutung von Aeulserungen, 
durch welche die Erfindung der Femröhre als eine sehr 
alte hingestellt werden soll, mitunter erstaunlich weit ge- 
gangen. Wenn Diodorns Siealns erzählt, es sei eine Insel 
den Celten gegenüber nach dem Nordpol hin (Britannien), 
wo man den Mond so nahe sehe, dafs man Berge wie auf 
der Erde darauf erkennen könne, so soU darin eine Kennt- 
nifs vom Femrohr angedeutet sein. Ein sehr gelehrter 
Mann aus dem XVU. Jahrhundert Alias Montanus bat 
die Erfindung der Femröhre gar bis in die Zeiten unseres 
Heilandes hinausgesetzt, indem er aus der Stelle Mat- 
thäus 4, V. 8 : Da führte ihn der Teufel mit eich auf einen 
hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre 
Herrlichkeüy den Schlufs zieht, dafs dies nur mittelst eines 
Teleskops geschehen sein könne, welches der Teufel er- 
funden habe. 

Bestimmter lauten die Ansprüche, welche die Engländer 
für ihren Landsmann Leonard Diggs erheben, welcher ums 
J. 1573 gestorben ist und bei Bristol lebte. Dieser bat 
1571 eine Pantometrie herausgegeben, von welcher sein 
Sohn Thomas Diggs 1591 eine zweite Ausgabe besorgte. 
In der Vorrede zu dieser zweiten Auflage sagt nun der 



") Wilde, Geech. d. Optik I, 141. 



Geschichte der Fernrohre. 179 

Sohn, der Vater sei durch praktische Beschäftigung mit dem 
Gegenstand und durch mathematische Demonstrationen da- 
hin gelangt, Gläser so zu Terbinden, dafs man damit ferne 
Gegenstände sehen könne. Im 21. Kapitel des Buchs setzt 
L, Diggs selbst die Wirkung einer Kombination von kon* 
bven und konvexen Gläsern näher auseinander. 

Ein neuerer ausgezeichneter Physiker Brewster, der 
die Optik mit so vielen wichtigen Thatsachen bereichert 
hat, freilich aber als Geschichtsschreiber da, wo das Interesse 
seiner Landsleute mit ins Spiel kommt, selten ganz imbe- 
Emgen und gerecht urtheilt, steht nicht an, auf obige An- 
gibe hin dem L. Diggs einen Antheil an der Erfindung 
der Femröhre beizulegen und Überhaupt anzunehmen, dafs 
die Wirkung einer Linsenkombination als ein Experiment 
Unge bekannt gewesen sei, ehe man sie zu einem Instru- 
ment umgeschaffen hat.^) 

Es ist indefs zu bemerken, dafs Bob. Hooke, ein sehr 
bedentender Physiker und Zeitgenosse Newton's, der zuerst 
auf das Werk von Diggs aufmerksam machte, doch der 
Ansicht ist, derselbe habe aus Porta geschöpft. Allein diese 
Ansicht wird unhaltbar, wenn man bedenkt, dafs die 2. Aus- 
übe von Portals Magie, in welcher von Linsenkombination 
die Rede ist, erst 1589 erschien; auch darf nicht übersehen 
werden, dais bei Diggs an den betreffenden Stellen von 
der Einstellung der Gläser (glasses) unter gehörige Winkel 
die Rede ist, so dafs es scheint, er habe gar nicht von 
Glaslinsen, sondern von Glasspiegeln gesprochen, und als 
handle es sich um Reflektoren. 

77. Wenn man halb verbürgten Nachrichten trauen darf, 
90 wären überhaupt die Spiegelteleskope, die Reflektoren, 
deren Erfindung man gewöhnlich f&r eine spätere als die 
der Femröhre oder Refraktoren hält, doch weit früher als 
diese bekannt gewesen, was in so fem nicht ganz unglaub- 
Gch sein würde, als bekanntermafsen Hohlspiegel, d. i. Brenn- 



^) Brewster, Optics S. 466, 468; London 1831. 

12' 



180 Geschichte der Fernröhre, 

Spiegel von Metall, viel eher in einer gewissen Vollkommen- 
heit dargestellt wurden als Glaslinsen. 

Zu diesen Nachrichten gehört eine sehr verbreitete 
muselmännische Sage, daTs auf dem Leuchtthuzm too 
Alexandrien ein groüser Spiegel vorhanden war, mittelst 
dessen man die Schiffe aus den Häfen Grriechenlands konnte 
auslaufen sehen. Das klingt fabelhaft und ist jedenfalls 
eine Uebertreibung, aber etwas muCs an der Sache seii^ 
denn sie wird von n^ehreren arabischen Schriftstellern be- 
richtet und der Spiegel sogar beschrieben von Hafez. Ab- 
daUatif, Massndi u. s. w., selbst von Benjamin von Tudela; 
Abnlfeda giebt sogar an, der Spiegel sei von chinesischem 
Metall verfertigt gewesen.^) 

Eine ähnliche Nachricht hat uns der gelehrte Italiener 
Bnrattini in einem Brief an den französischen Astronomen 
Bonllian aufbewahrt. In diesem Brief, der freilich erst vom 
J. 1672 datirt, als schon die Spiegelteleskope offenkundig 
erfunden waren, schreibt er, dais sich zu Ragusa auf einem 
Thurm ein solches Instrument befunden habe und noch be- 
finde, mittelst dessen man Schiffe in der Entfernung von 
25 — 30 Migl. sehen könne, da(s ein eigener Wächter dabei 
angestellt sei, und da(s man die Konstruktion des Instru- 
ments von Archimedes herleite. 

Wir müssen es dahin gestellt sein lassen, wieviel Wahres 
an dieser Nachricht sei, da neuere Nachforschungen nichts 
über das Schicksal des ragusanischen Spiegels haben er- 
mitteln können.^) Dagegen ist unbezweifelt, dafs die Ita- 
liener die ältesten Ansprüche auf die Erfindung der ersten 
Linsenkombination haben. 

78. Der schon erwähnte Fracastoro (§ 57) sagt in 
seinem Werk Homocentricorum seu de eteUia Über unusy 
Venet 1538 y dafs man durch zwei übereinander gelegte 
Glaslinsen die Gegenstände weit grölser und näher sehe 
als durch eine, deutlicher noch drückt sich Giambattists 



Libri, Hist. des soiences math. en Italie I, 215, 229. 
5») Libri, ibid. I, 217. 



Geschichte der Fernrohre. 181 

Ptrta aus in seiner Magia naturalis, wohl nur in der Aus- 
gabe von 1589, und wenn selbst in der von 1558, doch 
immer später als Fracastoro. Er sagt: Durch ein Hohlglas 
seht man entfernte Gegenstände deutlich, durch ein er- 
habenes betrachtet man nahe liegende. Weils man beide 
gehörig zu kombiniren, so wird man sowohl nahe als ferne 
Gegenstände gröfser und deutlicher sehen. Ich habe da- 
durch vielen Freunden, die schlechte Augen haben, grofse 
Dienste geleistet, und sie in den Stand gesetzt sehr deut- 
lich zu sehen. 

Schon aus dieser Aeulserung ersieht man, daTs Portals 
linsenkombination nur eine Art Brille, allenfalls eine Art 
Operngucker Ton etwa zweimaliger Yei^öfserung war, 
und gewiis kombinirte er auch nur gewöhnliche Brillen- 
gläser. Hätte er Linsen von gröfserer Brennweite kom- 
binirt, hätte er ein wirkliches Femrohr dargestellt, so 
würde er es sicher nicht verschwiegen haben. Die Wir- 
kungen eines einigermafsen kräftigen Fernrohrs sind für 
den, welcher sie zum ersten Male kennen lernt, so über- 
raschend, daTs sie wohl jeden die Zunge lösen werden, und 
firta gehörte nicht zu denen, die ihr Licht unter den 
Scheffel stellten. Es ist unmöglich zu glauben, daTs er 
nicht wenigstens den Mond betrachtet haben sollte, und 
dann würde er sicher nicht geschwiegen haben. 

Wenn indefs Porta selbst auch keinen direkten An- 
thefl an der Erfindung des Femrohrs hat, so wäre es doch 
möglich, dals er sie indirekt hervorrief. Porta's Werke 
worden zu ihrer Zeit viel gelesen, gingen durch ganz 
Europa, und wohl könnte es sein, dafs einer über die er- 
wähnte Stelle nachgedacht, den leicht anzustellenden Ver- 
such wiederholt und vervollkommnet hätte. 

So kannte Keppler den Versuch von Porta und be- 
richtet uns, der Kaiser Rudolph habe ihn gefragt, was er 
davon denke. Keppler hielt den Versuch ttkr unmöglich, 
war indeXs doch der Meinung die Beschreibung desselben, 
^ wie andererseits die vielen Zeichnungen, die er selbst 
IQ Beinen Paralipomenis von Konkav- imd Konvezgläsern 



182 Oeschichte der Femröhre. 

gegeben habe, hätten zu der Erfindung des Femrohrs bei- 
getragen. Doch ist dies nur eine Vermuthung. Was über- 
haupt die Erfindung veranlafste, darüber sind die Meinun- 
gen getheilt. Einige der neueren Naturforscher glauben^ 
dafs wenn auch Baco und Porta nicht die Fernrohre er- 
fanden, doch die optischen Kenntnisse zu Anfang des 
XVII. Jahrhunderts denjenigen Grad von Reife besafsen^ 
wo diese Erfindung, wie die des Mikroskops, unvermeidlich 
war. Von der Voraussetzung ausgehend, dafs keine Person 
sich mit entschiedener Gewifsheit als Erfinder bezeichnen 
lasse, glauben sie, es wären gleichzeitig mehrere Personen 
unabhängig von einander auf die erste rohe Kombination 
von Linsen verfallen, und diese erste rohe Zusammen- 
stellung hätte sich in verschiedenen Händen so stufenwebe 
und langsam vervollkommnet, dafs man zuletzt, als ein 
wirkliches Femrohr zu Stande gebracht worden, nicht 
mehr recht zu entscheiden vermochte, wer den Hauptantheil 
an dem Werk gehabt, und wem folglich die Ehre der Er- 
findung eigentlich zuzuschreiben sei. 

Gewüs ist dies im Allgemeinen die Geschichte mancher 
Erfindung, besonders derer, die auf praktischem Boden 
entsprungen sind, ob sie aber auch darum die des Fern- 
rohrs sei, ist doch noch zweifelhaft. Was zunächst die 
Ansprüche der verschiedenen Nationen betrifft, so kann 
sogar nicht im Mindesten zweifelhaft sein, welche die 
kräftigsten sind. Eine umsichtige partheilose Prüfung 
dieser Ansprüche mufs bald anerkennen, dafs unter allen 
Nationen die Holländer die grölste Wahrscheinlichkeit für 
sich haben. 

79. Wo in der ersten Zeit ein Femrohr bewundert 
wird, da läTst sich auch dessen Ursprung aus Holland 
nachweisen, oder wenigstens wahrscheinlich machen, und 
vor dem Zeitpunkt, den man mit überwiegenden Gründen 
als den der Erfindung des Femrohrs in Holland feststellen 
kann, vor diesem Zeitpunkt sage ich, läfst sich in keinem 
anderen Lande die Existenz eines Fernrohrs mit Gewifs- 
heit darthun, d. h. die Existenz eines dioptrischen Werk- 



Geacbichte der Fernrohre. 188 

zeogs, das mehr als eine Brille oder höchstens ein Opern- 
gacker gewesen wäre. 

Holland kann demnach mit mehr denn Wahrschein- 
lichkeit als die Wiege der Erfindung des Femrohrs ange- 
sehen werden. Es fragt sich nur noch, wer in diesem 
Lande als der Erfinder betrachtet werden mofs, denn nicht 
weniger als drei Personen werden uns als solche bezeichnet. 
Der Urkunden znr Geschichte dieser Erfindung sind gerade 
ebenso yiele, und sonderbar genug spricht sich jede zu 
Gunsten einer anderen dieser drei Personen aus. Diese 
Urkanden sind: 

1) Die Dioptrik von Deseartes erschienen im J. 1637. 

2) Ein Buch betitelt De vero Teleacopü inventare^ her- 
ausgegeben 1655 von Pierre Borel (lat. Borellus, fälschlich 
Borelli), einem franzosischen Arzt^ auf Veranlassung und 
mit Unterstützung von Willem Boreel, damaligem holländi- 
schen Gesandten in Paris und einem geborenen Middel- 
burger. 

3) Auszüge aus den hollandischen Staatsarchiven ge- 
macht von Van Swinden, ehemaligem Professor der Physik 
zu Amsterdam (gest. 1823), und veröffentlicht 1831 von 
Professor HoU zu Utrecht. Diese Quelle ist als die zur 
TerUssigere zu betrachten. 

Was nun zuvörderst die Angabe von Deseartes betrifft, 
80 lautet sie kurz dahin, dass vor ungefähr 30 Jahren, von 
1637 rückwärts also etwa 1607, ein Mann ganz unbewan- 
dert in den freien Künsten, Jakob Metins mit Namen, zu 
Alkmaar in Nordholland nach mancherlei Versuchen mit 
hohlen imd erhabenen Linsengläsern das erste Teleskop 
za Stande gebracht habe. 

Ueber diesen Jakob Metins giebt uns nun Professor 
NoQ folgende Auskunft. Zunächst war sein eigentlicher 
Name nidit Metins sondern Adriaanszoon, und dann war er 
auch keineswegs ohne Bildung, sondern in Wissenschaften 
und namentlich in der Mathematik wohl bewandert. Sein 
Vater hiels Adriaan Anthoniszoon, war Inspektor der hol- 
l&Qdisehen Festungen, und zeichnete sich sowohl im Kriege 



182 Geschichte der Fernrohre. 

gegeben habe, hfttten zu der Erfindung d^ r ^' i 

getragen. Doch ist dies nur eine Vermiß f -^ / u 

haupt die Erfindung veranlaTste, darCl/ $ ^ y A 

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und langsam ; ^^^j^ «^ ^^ g^^^e 

wirkuches F ,. , . -r^ • u^A^n^ 

- , , wenn dieser oder jener Baum m oeaeu 

, ^. ^riJü^ würde angezündet werden. Man ßoU 

{{ d ^^^^ Summen för das Geheimnils der Kon- 

^ ^f^y.ä^Bes Glases geboten haben, aber er weigerte 
„^ /^t a«f <*«°i Todtenbette irgend etwas davon zu 

, >^^- Von ihm findet sich nun in den Archiven der 
®^ '^^staaten eine Eingabe datirt vom 17. Oktober 1608, 
^ er sagt: 
'^Jir habe seit zwei Jahren alle seine Zeit dem Gm- 

jpßohen gewidmet und sei nun so weit, dafs er ein Werk- 

^^g verfertigt, welches sehr entfwmte Gegenstände gröfser 
fl0d deutlicher zeige, und, setzt er hinzu, weldies ebenso- 
viel leiste als das, welches ein Bürger und BriUenmacher 
zn Middelburg kürzlich den Staaten angebet^ habe. Pn»^ 
Moritz von Nassau und andere Personen hfttten sich durch 
den Augenschein davon überzeugt u. s. w* — Daher bittet 
er denn um ein Privilegium zum Schutze seiner Erfindung- 
Aus dieser Emgabe gehen zwei historische Dat& mit 
Gewifsheit hervor: 1) dafs im Oktober 1608 die Fernrohre 
schon zu Middelburg eriunden waren, und 2) dafii J«*^* 
Adriaanszoon , wiewohl er seiner Angabe nach schon seit 



r 



41 



X 



^3fc-e«chichte der Fernrohre. 185 

'^=feE&&chen, wie er es nennt, sich beschäftigt 
^, '\. die Priorität der Erfindung fittr sich in 

^^ay ^ "^dem nur behauptet, er könne ebenso 

^^ ^delburger Brillenmacher. 

Ttheilten die General-Staaten fol- 

^ dem Jak«b Adriaanszoon nicht 

^^ ^^ y^ N bis er seine Erfindung zu 

5^ ^^^ ^^ «jit "^cJit- — Diesen Bescheid 

*^^ ^lüL . ^^ ^^^ ^^° ^^^ *^ beschftf- 

*^^ ^^/^ *^^^ Gegenstand. Die 

^^^^^ ^üfigens hatte ihren guten 

»^ -cen Archiven zu Haag aufge- 

wigt nämlich, dafs jener Middelburger 
.tissen Jakob Adriaanszoon gedenkt, sich 
iüm ebenfalls um ein Patent beworben hatte. 
^, Eine Verfbgung, datirt vom 3. Oktober 1608 sagt 
icb^ dafs auf die Eingabe von Franz Lippershey (auch 
»ersheim, Lipperseim, Laprey), gebürtig aus Wesel und 
lenmacher zu Middelburg, dem Erfinder eines Instru- 
zum Sehen in die Feme, welcher um ein SOjähriges 
it f&r seine Erfindung oder um ein Jahrgehalt einge- 
len sei, beschlossen worden ihm mitzutheilen: Er 
seine Erfindung so Tervollkommnen , dafs man mit 
[den Augen durch das Instrument sehen könne . . . 
sei bei ihm auch anzufragen, eine wie grofse Be- 
er zu fordern gedenke. 
Die Bedingung ein Instrument für beide Augen her- 
Eustelleii ist gewifs sonderbar; sie mufs auch der Regierung 
ibald als unbillig erschienen sein, denn schon ein Beschlufs 
^nm 4. Oktober 1608 lautet dahin: Es möchte aus jeder 
Provinz eine Person ernannt werden, um auf dem Thurm 
des Palastes Sr. ExceUenz des Prinzen Moritz das von 
BiM lifffCPAej erfund>ene Instrument zu prüfen, und falls 
es sich bewtiirte, möchten diese Personen mit dem Hans 
Uffenhey in Unterhandlung treten, damit er drei solche 
Xmtromente aus Bergkryst^dl, woftr er 1000 Gulden ver- 
]32ige, ftlr einen billigeren Preis anfertige. 



186 Geschichte der Fernrohre. 

Die angeordnete Prüfung wurde rasch ausgefbhrt, schon 
eine Verf&gung vom 6. Oktober 1608 besagt: Die Kom- 
missare zur Prüfung des Instruments von Hans Lippenhey 
hätten den Nutzen desselben ftlr die Staaten eingesehen, 
und man beauftrage daher den Lippershey ein solches In- 
strument aus Bergkrystall zu verfertigen, ihm sogleich 
300 Gulden auszuzahlen und noch 600 Gulden, wenn er 
das Instrument vollendet habe, ihm auch eine Zeit festzu- 
setzen, innerhalb welcher er dasselbe vollendet haben müsse; 
dann endlich woUe man berathen, ob ihm ein Patent oder 
ein Jahrgehalt zu geben sei« 

Während nun diese Verhandlungen mit Lippershey 
gepflogen wurden, kam Jakob AdriaftllSXOOll mit seiner 
Eingabe, und es war also natürlich, daTs er abgewiesen 
wurde. Mit Lippershey dauerten übrigens die Verhand- 
lungen fort; ein Dekret vom 15. December 1608 sagt: 
Lippershey habe das verlangte Instrument für beide Augen 
zur Befriedigung der Kommissare wirklich dargestellt, allein 
man könne ihm defsungeachtet kein Patent ertheilen, weil 
manche andere Personen ebenfalls Kenntnüh von der neuen 
Erfindung besäTsen (wahrscheinlich bezieht sich diese 
Aeufserung auf Jakob Adriaanszoon) , man bewillige ihm 
aber unter den früheren Bedingungen 900 Gulden fiir zwei 
andere Binokular - Instrumente von seiner Erfindung. — 
Lippershey ging darauf ein; er lieferte die beiden Instm- 
mente am 13. Februar 1609, und erhielt dafiir die festge- 
setzte Summe. 

Diese Verhandlungen sind in geschichtlicher Hinsicht 
sehr interessant. Wir lernen aus ihnen zuvörderst, dals 
die ersten Fernröhre nicht aus Glas verfertigt wurden, 
wahrscheinlich wegen der fehlerhaften Beschaffenheit des 
damals in Holland zu beziehenden Glases, sondern aus 
einem ungleich härteren Material, aus Bergkry^all, welcher 
erst in ganz neuer Zeit von dem Optikus Cauchoix in 
Paris zu Fernröhren wieder angewandt worden ist Es 
verdient hierbei wohl bemerkt zu werden, dafe auch die 
Brillen vermuthlich in der ersten Zeit nicht oder nicht 



Geschichte der Fernrohre. 187 

immer was Glas verfertigt wurden, denn das Wort Brille 
stammt von Beryll, und der Beryll wurde häufig mit Beig- 
bjstall verwechselt (vergl. § 44). 

Femer ersehen wir aus jenen Aktenstücken, dafs 
lipperskey unfreiwillig zum Erfinder des Binokular- Fem- 
rohrs geworden ist, eines überflüssigen und daher bis auf 
die ähnlich eingerichteten Operngucker wieder auüser Ge- 
brauch gekommenen Instruments, dessen erste Erfindung 
loan vor Bekanntmachung dieser holländischen Dokumente 
anderen Personen zuschrieb, nämlich Oalflei, Schyrläus de 
Meita und dem Pater Cherabin le Oentil, der sie sogar 
auf Mikroskope ausdehnte in seiner Schrift: De visione per- 
fecta^ Paris 1678. 

81. Die dritte Person, welche als Erfinder des Fem- 
rohrs genannt wird, und zwar noch häufiger als Metios 
and Lipperskey, ist Zaeharias Jansen (Janszoon), ebenfalls 
Brillenmacher zu Middelburg. Für diesen Jansen spricht 
sich Borel in seinem Buche aus, und diese Aussage ver- 
dient insofern Beachtung, als sie auf den Mittheilungen 
des Gesandten Boreel beruhen, der selbst ein Middelburger 
als Knabe den Zaeharias zu seinen Spielgenossen zählte, 
ond im J. 1655 aUe damals noch lebenden Zeugen der 
Leistungen dieses Brillenmachers amtlich von dem Magistrat 
zu Middelburg vernehmen liefs. Die Protokolle dieser 
Zeugen-Verhöre wurden im Middelburger Rathhause nieder- 
gelegt, sind aber leider wie die Wohnhäuser von Lippershey 
und Jansen, die darin näher bezeichnet werden, im Lauf 
der Zeiten untergegangen. 

Was Borel von diesen Zeugnissen mittheilt, spricht 
nicht entscheidend allein zu Gunsten für Jansen, vielmehr 
smd einige der Aussagen auch für Lippershey. Die Zeug- 
nisse beruhen überdies zumeist auf den Aussagen bejahrter 
Leute aus dem niedem Bürgerstande, die aus Erinnerang 
sprachen, und dabei nicht selten in den Jahreszahlen irrten. 
Selbst das, was Boreel aus eigener Erinnerung an Borel 
berichtete, ist von keinem größeren Gre wicht, in sofern 
es begründete Ansprüche von Jansen auf die Erfindung 



188 Geschichte der Femrohro. 

der Fernrohre betrifft Er sagt nämlich, er habe oft gehört 
Jansen, der Vater von Zaekarias, habe in Gemeinschaft 
mit diesem das erste Mikroskop erfunden, habe eins davon 
dem Prinzen Morits von Oranien, und sp&teriiin ein anderes 
dem Erzherzog Albrecht von Oesterreich übersandt. Boreel 
setzt hinzu: Eben das letztere Instrument habe er im 
J. 1619, als er Gesandter in England war, bei Comeliis 
Drebbel gesehen (§ 114). Es sei kein Mikroskop von der 
zu seiner Zeit üblichen Einrichtung gewesen, sondern habe 
ein 18 Zoll langes und 2 Zoll weites Rohr von vergoldetem 
Kupferblech gehabt, getragen von drei Delphinen, die auf 
einer Platte von Ebenholz ruhten. Die auf diese Platte 
gelegten kleinen Gegenstände erschienen, wenn man vod 
oben in das Instrument sah, wunderbar vergröisert. hange 
hernach, fbgt endlich Bored hinzu, im J. 1610 sei es dem 
Sans mit seinem Sohn Zacharins durch fortgesetztes Nach- 
denken geglückt, ein langes zur Betrachtung der Himmels- 
körper geeignetes Femrohr zu Staude zu bringen. Sie 
hfttten es dem Prinzen Moritz überreicht, welcher es geheim 
hielt, und es bei vielen seiner Expeditionen mit Nutzen 
gebrauchte. 

Aehnlich lautet die Aussage von Hans dem Sohn tod 
Zaekarias, also Enkel des genannten Hans. Er sagt im 
J. 1655, er hfttte oft gehört, da(s sein Vater, vom Gb-oCs* 
vater spricht er nicht, im J. 1590 das Femrohr erfunden 
habe, dasselbe sei aber nicht länger als 15 bis 16 Zoll 
gewesen. Diese kurzen Instmmente seien bis zum J. 1618 
im Gebrauch gewesen, um welche Zeit Zacharias und der 
Zeuge Hans die längeren Teleskope (Mikroskope?) erfanden. 

Also auch nach diesen Zeugnissen bleibt dem Lqipershey 
die Priorität, wenn auch nicht der Erfindung, doch der ersten 
Ausfbhrung des Femrohrs, da derselbe, wie vrir sahen, schon 
1608 ein solches den 6eneral*8taaten überreichte. 

Nach allen diesen Erörterungen kann man demnach 
mit gutem Grund annehmen: 

1) DaTs lifppershey, geb. in Wesel, Brillenmacher zn 
Middelburg, gest. 1619, die Ehre der ersten Ausftbraog 



Geschichte der Fernrohre. 189 

eines Fernrohrs gebührt, indem er schon im Oktober 1608 
an fertiges Instrument dieser Art den General -Staaten 
öbersandte, dais er zugleich das erste Binokolar-Teleskop 
dargestellt, und dabei Bergkrystall als Material der Linsen 
angewandt hat. 

2) Dafs, wenn auch Jakob Adriaanszoon d. i. Metins die 
Idee zum Femrohr wirklich ebenso früh alsLippershey gehabt 
haben sollte, er doch in der Ausfiihrung dieser Idee hinter 
demselben zurückblieb. Auch Hliyghens versichert ^), dafs 
ein middelburger Künsüer vor dem Jakob Metius Fem- 
röhre verfertigt habe. 

3) Was endlich Hans und seinen Sohn Zaeharias Jansen 
oder Janszoon betrifft, so haben diese, selbst nach Boreel's 
Zeugnifs keinen Anspruch auf die Erfindung der Fem- 
Fohre, da sie selbst nach diesem Gewährsmann erst 1610 
ein solches Instrument darstellten. Allenfalls könnte man 
diesen Hans oder seinen Sohn als den Erfinder des zu- 
gammengesetzten Mikroskops fbr opake Gegenstände ansehn. 

82. Die Gewifsheit, dafs schon 1608 Fernröhre von 
Lippenbey verfertigt worden sind, zeigt zur Genüge den 
Ungrund mancher Erzählungen über die Veranlassung zu 
dieser Erfindung. Ich will davon einige anftlhren. Ein 
Mailänder Hieronymns Sirtnrns, der im Jahre 1618 unter 
dem Titel De origine etfabfica teleacopiorum ein Werk über 
die Erfindungsgeschichte des Femrohrs schrieb, und um 
die Materialien filr dasselbe zu sammeln, eigends mehrere 
Länder bereiste, erzählt folgendes: 

Es sei 1609 ein Unbekannter, dem Ansehn nach ein 
Holländer, zu Lipporsliey gekommen und habe sich von 
diesem einige konvexe und konkave Gläser schleifen lassen. 
Als er sie in Empfang genommen, habe er ein konvexes 
and ein konkaves vor einander gehalten, bald näher, bald 
* femer, habe hindurch gesehen, und dann dem Lippershey 
bezahlt und sich entfernt. Lippershey als ein aufgeweckter 
Mann habe sich das gemerkt, nachdem der Mann fort war, 



') Opera reliqaa, Amsiel. 1728; Vol. II. dioptr. p. 125. 



190 Geschichte der FenurÖhre. 

den Versuch wiederholt, dabei die Wirkung der Linsen- 
Kombination kennen gelernt, und bald darauf ein Femrohr 
zu Stande gebracht Da dieses im J. 1609 vorgegangen 
sein soll, so ist schon um deswillen die Geschichte nicht 
glaublich. 

Nach Andern sollen es die Eander von Lippershey 
gewesen sein, die eigentlich die Erfindung veranla&ten, indem 
sie in der Werkstatt ihres Vaters mit Glaslinsen spielten, 
dabei eine konkave und eine konvexe in einer papiemen 
Bohre befestigten, durch diese Bohre nach der Wetterfahne 
eines Kirchthurms sahen, und sie zu ihrer nicht geringen 
Verwunderung vergrdfsert erblickten. Diese ganz artig 
klingende Geschichte ist sogar von AragO bei Gelegenheit 
des Berichts über das Daguerreotyp wieder au^efirischt. 
Wenn sie indels auch nicht wahr sein sollte, so hätten 
liippershey's Kinder doch nur gewöhnliche Linsengläser 
kombinirt, und also nichts mehr gethan, als den schon lange 
vor ihnen von Porta und Fracastoro angestellten Versuch 
wiederholt. 

Endlich erzählt Borel, der wie erwähnt dem Lippershef 
die Erfindung abspricht, sie wäre folgendermaßen zu die- 
sem gelangt. Ein Mann aus Nordholland, sagt er, der tod 
Jansen^s Leistungen gehört hatte und diesen sprechen wollte, 
sei durch ein Versehen zu Lippershey hingewiesen worden, 
und hätte sich mit diesem über das Geheimnifs der Fern- 
rohre unterhalten. Die Aeufserungen dieses Fremden seien 
nun hinreichend gewesen, um Lippershey als einen aufge- 
weckten Mann zum zweiten Erfinder zu machen. Borel 
verlegt diese Begebenheit ins J. 1610; sie kann also 
schon darum den Ansprüchen von Lippershey keinen Ab- 
bruch thun. 

83. Von Holland aus verbreitete sich die Kunde von 
dem neuen wunderbaren Instrument mit grofser Schnellig- 
keit durch das ganze civilisirte Europa. So gelangte sie 
noch im Jahre 1608 nach Frankreich. Jeanin und Bussy, 
damals aufserordentliche Gesandte des Königs Heinrich IV. 
bei den General-Staaten, erliefsen schon am 28. December 



Geschichte der Fernrohre. 191 

1608 ein Schreiben an ihren Monarchen, worin sie den 
Ueberbrmger desselben, einen Soldaten aus Sedan Namens 
Crepi^ der lange im Heere des Prinzen Moritz gedient 
hatte, ab einen Mann empfahlen, der mit mehreren fbr den 
Krieg nützlichen Erfindungen vertraut sei, namentlich auch 
mit der Verfertigung der eben erfundenen Fernrohre (lu- 
nettes). Die Gesandten ftkgten hinzu, sie wfirden diese 
Gelegenheit benutzt haben um Ihro Majestät ein £xemplar 
TOD den Middeiburger Femröhren zu übersenden, wenn 
nicht der Künstler sich geweigert hätte eins zu Terkaufen, 
TOTschützend er dürfe nur für die General-Staaten arbeiten. 

Merkwürdig ist die Antwort, die Heinrich IV. am 
8. Jannar 1609 auf dieses Schreiben ertheilte: Ich werde 
die Femröhre, von denen Sie in Ihrem letzten Briefe reden, 
mit Vergnügen annehmen, wiewohl mir jetzt ein Instrument, 
am die Dinge in meiner Nähe zu sehen, viel nöthiger wäre 
als eins zum Sehen in die Feme. — Dies waren ahnungs- 
volle Worte; bekanntlich wurde der König bald darauf am 
14. Mai 1610 von Ravaillac ermordet. 

Man hat dessen ungeachtet angeführt, dafs die Kennt- 
nis der Femröhre in Frankreich sich sehr langsam ver- 
breitet habe. Es soll nämlich der verdiente Astronom 
and Beschützer der Astronomie Peiresc (geb. 1580 zu 
Beaugensie, gest. 1637 zu Aix), der zugleich Rath im 
Parlament zu Aix war, noch im Jahre 1622 die Wirkung 
der Femröhre bezweifelt haben; er bezweifelte aber nur, 
dals man durch ein Femrohr eine Schrift auf eine Lieue 
Entfernung lesen könne. £r selbst beobachtete schon im 
November 1610 die Jupitertrabanten, und hatte auch wie 
Galilei die Idee, die Bewegung derselben zur Bestimmung 
der Meereslänge zu benutzen.^) 

Auch in Deutschland wurden die Femröhre sehr früh- 
zeitig bekannt. Schon 1608 wurde dem markgräflich 
Brandenburg- Anspachschen Geh. Rath Philipp Fuchs von 
auf der Michaelis -Messe zu Frankftirt a. M. von 



^) Kftstner, Gesch. d. Math. IV, 135, 136. 



192 Greschichte der Fernrohre. 

einem HoU&nder ein Fernrohr zu Kauf angeboten, allein 
da das Objektiv einen Büb hatte, und der Verkäufer eben 
hohen Preis forderte, so wurde nichts aus dem Handel. 
Bimbach erzählte indels nach seiner Büekk^ in Anspach 
dem dortigen Astronomen Manns (Mayr) von dem neuen 
Instrumente, und dies veranlalste den letzteren einen Versudt 
mit einem konvexen und einem konkaven Glase zu madien, 
welcher auch vollkommen gelang. £r wollte nun nach 
Gypsmodellen, die er selbst machte, Linsen von gröfserer 
Brennweite in Nürnberg anfertigen lassen, allein der Künstler 
brachte diese GlSser nicht zu Stande. — Simon Manu, 
eigentlich Mayr, war geb. 1570 zu Gunzenhausen, und 
starb. 1624 zu Anspach als Hofastronom des Markgrafen 
Georg Friedrich. 

Im Sommer 1609 bekam endlich Bimbach ein gutes 
Femrohr (aus Holland?), und mit diesem stellte Marim 
sogleich Beobachtungen am Himmel an, durch die er 
späterhin mit Galilei in Streitigkeiten gerieth. Er will die 
Jupitermonde schon am 29. Deoember 1609 entdeckt haben, 
ist aber mit seinen Ansprüchen erst aufgetreten, nachdem 
Galilei längst diese Entdeckung als sein Eigenthum veröffent- 
licht hatte. Manns spricht von seiner Beobachtung in dem 
von ihm herausgegebenen Fränkischen Kalender oder Practica 
von 1612, und in seinem 1614 zu Nürnberg erschienenen 
MunduB jovialü anno 1609 detectus ope perspicäli belgid^y 
Er nannte die Jupitermonde Sidera brandenburgica zu 
Ehren der brandenburgischen Markgrafen Friedrich, Chri- 
stian und Joachim Ernst, die ihn drei Jahre lang in Italien 
hatten studiren lassen, und zuletzt als Mathematiker be- 
soldeten. 

Aulser diesen astronomischen Eiutdeckungen suchte sich 
Marios auch die Erfindung des Proportionalzirkels, den 
ebenfalls Galilei angegeben hatte, zuzueignen, so dafs man 
es dem grofsen Florentiner nicht verargen kann, wenn er 
gegen Mayr, der früher in Padua sein Schüler gewesen 



^) T. Hamboldt, Kosmos U, 509. 



Gescfaicfate der Fernrolu:«. 193 

war 9 etwas erbittert ward, obwohl er vielleicht zu weit 
gegangen ist, diesen öffentlich als Plagtorias zu bezeichnen. 
Keiner giebt zwar in seinen Ephemeriden von 1616 zu, 
dafe Manu die Jnpitermonde wohl gesehen, jedoch nicht 
gewnCst habe, was er vor sich hatte, schreibt aber sonst 
die Entdeckung dem Qalilei zu. 

Nach England gelangten die Femröhre ebenfalls sehr 
frühzeitig, was bei der vielfachen Verbindung dieses Lan- 
des mit Holland nicht Wunder nehmen darf. Es hat sich 
zwar später als ungegründet erwiesen, was Hr. v. Zach^) 
angiebt, dais der englische Astronom flarriot schon am 
16. Januar 1610 die Jnpitertrabanten, also vor Galilei und 
Marias beobachtet habe, da flarriot seine Beobachtungen 
erst am 17. Oktober 1610 begann, allein es scheint doch 
gewüs zu sein, dals ein anderer Engländer Christoph Hey- 
doa im Sommer 1610 die Plejaden mit einem Femrohr 
beobachtete. Er erwähnt dessen in einem Briefe an Cam- 
itn, und nennt dabei das Fernrohr Trunk. 

Endlich blieb auch in Italien das Femrohr nicht lange 
unbekannt. Sirtnrus erzählt, es sei schon im Mai 1609 
«n Franzose in Mailand gewesen, der dem Grafen Fuentes 
ein Femrohr angeboten, und sich för einen Miterfinder 
dieses Instruments ausgegeben habe. Dieser Franzose habe, 
als er in Mailand kein taugliches Glas gefunden, sich nach 
Venedig begeben, wo damals die Glasfabrikation sehr in 
Blüthe stand. Sehr wahrscheinlich ist dieser Franzose 
eben jener Soldat aus Sedan gewesen, den die französischen 
Gesandten ihrem König als vertraut mit der Erfindung 
empfohlen, ja von dem sie sagen, er würde ihm vor seinen 
Augen ein Fernrohr machen. 

Dies war jedoch nicht der einzige Weg, auf welchem 
die neue Erfindung nach Italien gelangte. Aus einem 
Brief von Lorenzo Pignoria an Paolo Cfualdo , datirt vom 
31. August 1609, einem Briefe, der in einer neueren Bio- 
graphie von Cfalilei mitgetheilt wird, erhellt, dafs dem 



') Monatliche Eorrespond. VIII, 3077. 

Poggendorff, Geseh. d. Phjrsik. 13 



194 Geschichte der Fernrohre. 

Kardinal Borghese um diese Zeit ein Femrohr ans Flan- 
dern zugesandt ward. Endlich weiÜB man auch, da(s ein 
Italiener Lanccins, der in Holland gewesen, sogleich nach 
seiner Rückkehr LinsenglAser in Venedig bestelke, und 
diese fielen so gut aus, dafs er schon zu Anfang 1610 
zwei solche Linsen nach Anspach an den erwähnten Bim- 
bach sandte. 

Diese frühzeitige Verpflanzung der Femröhre Ton 
Holland nach Italien macht es nicht unmöglich, dafs Galilei 
nicht blols Kunde von diesem Instrument erhielt, sondern 
auch^ wie einige Schriftsteller behaupten, Gelegenheit hatte, 
dasselbe durch den Augenschein kennen zu lernen. Galilei 
selbst läugnet dies aber^ und man ist es wohl den Manen 
dieses grofsen Mannes schuldig, seinen Worten Glauben 
beizumessen. Mehr davon unter GalfleL 

84. Das holländische Fernrohr, aus einem konvexen 
Objektiv und einem konkaven Okular bestehend, leidet an 
dem bedeutenden Uebelstand, dafs es, weil die Strahlen 
divergirend aus dem Okular treten, immer nur ein kleines 
Gesichtsfeld hat, dafs man damit immer nur einen sehr 
kleinen Theil des Himmels gleichzeitig übersehen kann, 
und dafs man, um das vorhandene Gesichtsfeld zu be- 
nutzen, das Auge dicht hinter das Okular bringen muls. 
Dadurch werden aber die Beobachtungen sehr mühsam, 
so mühsam, dafs man jetzt kaum begreift, wo Galilei und 
Andere, die in der ersten Zeit den Himmel damit durch- 
forschten, die Geduld dazu hernahmen. 

Das kepplerscbe Femrohr ist von diesen Mangeb 
frei; es hat ein relativ grolses Gesichtsfeld, und das Auge 
braucht nicht dicht hinter dem Okular gehalten zu werden. 
Ueberdies hat es noch einen wesentlichen Vorzug. Da 
n&mlich das von dem Objektiv erzeugte Bild eines Gegen- 
standes in dem Rohr wirklich zu Stande kommt, so läfst 
sich an dem Ort des Bildes ein Fadenkreuz anbringen, 
dessen Kreuzung in der Axe des Fernrohrs liegt, wodurch 
es möglich wird, diesem stets dieselbe Richtung auf einen 
bestimmten Punkt zu geben. Wegen dieser kostbaren 



Geschichte der Fernrohre. 195 

Eigenschaft wird das kepplersche Fernrohr nicht blofs ein 
Werkzeug zum Beschauen der Gegenstände, sondern auch 
zum Messen derselben, sobald man mit demselben ein ge- 
theiltes Winkelinstrument verbindet. 

Da bei dem holländischen Femrohr kein reelles Bild 
entsteht, vielmehr die durch das Objektiv gegangenen 
Strahlen bereits vor ihrer Vereinigung von dem Okular 
aufgefangen und so zerstreut werden, als ob sie von einem 
zwar nahen, aber nicht existirenden Bilde herkämen, so 
ist die Anbringung eines Fadenkreuzes zwecklos. Es 
steht daher dieses Femrohr hinsichtlich seiner Anwend- 
barkeit weit dem kepplerschen nach, welches jetzt aus- 
schlieislich zu astronomischen Beobachtungen gebraucht, 
and deshalb ftir gewöhnlich auch mit dem Namen des 
astronomischen Fernrohrs belegt wird. 

Es ist indefs zu bemerken, daTs Eeppler selbst noch 
nicht die wichtige Eigenschaft an seinem Fernrohr auf- 
fand, wodurch dasselbe ftr Messungen so grofse Dienste 
leistet, auch speciell zu physikalischen Zwecken; ja was 
noch mehr ist, er begnügte sich damit, die Idee zu diesem 
Instrmnente anzugeben, die Ausftihmng überliefs er Anderen. 
Erst einige Jahre später zwischen 1613 und 1617, genau 
ist das Jahr nicht anzugeben, stellte der Jesuit Scheiner, 
ein Landsmann Eeppler^s, nach dessen Idee ein astro- 
nomisches Femrohr her, und benutzte dasselbe zu zahl- 
reichen, fftr die Zeit höchst verdienstlichen Beobachtungen 
am Himmel. 

Die Einfikgnng eines Fadenkreuzes und die Verbin- 
dung eines solchen Femrohrs mit einem Winkelinstrument 
ist viel neueren Datums, und wird daher erst später zur 
Sprache kommen. 

85. Um hier schliefslich alle Personen namhaft &u 
machen, die in der Geschichte der Erfindung der Femröhre 
and deren erste Verbesserung eine Rolle spielen, mufs ich 
noch zweier erwähnen, Fontana und Schyrl. 

Francesco Fontana, ein Jesuit und neapolitanischer 
Astronom (geb. 1580 zu Neapel, gest. ebenda 1656), be- 

13* 



196 Gesdüchtd dar Femröhre. 

hauptet, das astronomische Femrohr schon 1608 und das 
zusammengesetzte Mikroskop 1618 erfunden zu haben. 
Allein da sein Freund ZupnSi auf den er sich beruft, nur 
bezeugt, dafs er 1614 ein solches Femrohr bei ihm ge- 
sehen, damals dasselbe aber l&ngst erftinden war, wie ebenso 
das Mikroskop 1618, überdies Fontaiia selbst mit seinen 
Ansprüchen erst 1 646 hervortrat in der Schrift Novtxe coe- 
lestium ter^*estnumque verum observatUmea^ so haben sie mit 
Recht gar keine Beachtung erlangt. 

Mehr Verdienst hat unbedenklich der Kapuciner AntoB 
Maria Sehyrlaeus de Rheita vom Kloster Rheit in Böhmen, 
eigentlich Schyrl heifsend, geb. 1597 in Böhmen, gest 1660 
in Ravenna. Er ist Erfinder des sogenannten Erdfemrohrs, 
einer Kombination von vier konvexen LiAsen, die wiederum 
aufrechte Bilder von den Gegenständen giebt. Man kann 
es ansehen entweder als ein doppeltes astrononusches Fem- 
rohr, oder als eins mit einem Objektiv und drei konvexen 
Okularen. Es hat Vorzüge vor dem kepplerschen Rohre 
mit 3 Linsen, und wird noch jetzt viel gebraucht, während 
dieses vergessen ist. 

Schjrrl beschrieb seine Erfindung in dem Werk, welches 
er unter dem sonderbaren Titel Ocuiua Enochü et Eliae 
seu Raditie eidereomysticua 1645 zu Antwerpen herausgab, 
worin er auch die Vorzüge des tycbonischcn Systems gegen 
das kopernikanische vertheidigte. Seine Beschreibung war 
aber dem Geiste der damaligen Zeit gemäls nicht deutlich, 
sondern versteckt, indem er u. A. die Buchstaben der Worte: 
convexa quatuor in einander schachtelte cqounqvteuwgar. 
Er glaubte dadurch das Geheimniis tief verschleiert zu 
haben, aber der Arzt Jakob Amling, dem der Jesuit Caspar 
Schott es zeigte, errieth es auf den ersten Blidc^). — In 
diesem Werk gebraucht Schyrl auch zuerst die Ausdrücke 
Okular und Objektiv. 

In demselben Werk beschreibt Schyrl auch das Bino- 
kularteleskop als seine Erfindung, das aber damals^ wie 



») Wilde, Gesch. d. Optik I, 172. 



Scheiner. 197 

wir wifigen, längst durch Lipperslief und GaUlei erfunden 
war. — AnfiUlig ist, dafs er um den Jupiter 9, um den 
Satom 6 und den Mars mehrere Monde gesehen haben 
wollte, und darflber schrieb: iVbe^m stellae eb^ca Jovem vüae, 
circa Satumum sex^ circa Maartem nonnuUae a P. Ant Rheka 
deie^aey Lovani 1643. 

Ein Mitglied der Accademia dei Lyncei, ein geborener 
Grieche Demiseianus, gab den Fernrohren und Vergr5fse- 
nmgsgläaem ihre jetzt gebräuchlichen Namen Teleskop und 
Mikroskop, welche bis dahin Conspicilia, Perspicilia, Oc- 
chiali, Occhialini genannt wurden. 

Von den Mikroskopen glaubt Huyglieiis, dafs sie erst 
nach den Teleskopen erfunden seien, weil Hieron. Sirtons 
in seinem De origine et fahrica teleecopiorum 1618 noch 
nicht vom Mikroskop spricht. 

Scheiner. 

86. Nächst Keppler hat sich um die damalige Optik und 
nam^itlich um die Femröhre am meisten Verdienste er- 
worben der bereits erwähnte SchMser, dessen Leistungen 
gleichsam einen Uebergang zwischen denen seiner beiden 
groft«! Zeitgenossen Keppler und Oalflei machen, so dals 
ich es f&r geeignet halte, sie an dieser Stelle auseinander 
za setzen. 

Ctaristopli Schenier wurde geboren 1575 zu Walda 
bei Mündelheim in Sdiwaben, und war also einLands- 
maun von Kepler* Er trat 1595 in den Orden der Jesuiten, 
lehrte dann Hebräisch und Mathematik suocessiy zu Ingol- 
stadt, Freiburg und Rom und starb 1650 als Rektor des 
Jesuiten-Kollegiums zu Neifse in Schlesien. 

Am bekanntesten ist Sclieiner durch seine Ansprüche 
auf die Entdeckung der Sonnenflecke. Er ;gab darüber 
Nachricht in drei Briefen an den gelehrten Bürgermeister 
za Augsburg Marens Welser, und zwar pseudonym unter 
dem Namen Apeäea latena post tabulam, um nicht bei seinen 
unwissenden Ordensbrüdern anzustofsen. Selbst sein Ordens- 
general Theodor Busaeus wollte die Flecke nicht gelten 



198 Soheiner. 

lassen, weil man nach damaliger aristoteliacher Lehre die 
Sonne für das reinste Feuer hielt. 

Die Briefe, die sp&terhin im Druok erschienen sind, 
datiren vom 12. November, 19. December nad 26. Decem- 
ber 1611. In dem ersten sagt er, daCs er ungefähr t<»' 
7 bis 8 Monaten, also im April oder Mai 1611, schwarze 
Flecke auf der Sonnenscheibe beobachtet habe. Welser 
sduckte diese Briefe an OalUei, um sich dessoi Meinung 
ikher die angebliche Entdeckung auszubitten, worauf dieser 
antwortete (4. Mai, 14. August, 1. December 1812), er habe 
die erwähnten Flecke ebenfalls, und zwar schon im Ok- 
tober 1610, gesehen und sie damals mehreren Personen 
gezeigt. 

Es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, dais CfalUei 
der Zeit nach die Priorität in dieser Entdeckung hat, aber 
man mufs auch andererseits zugeben, dais Scheiner nichts 
Ton den Arbeiten des italienischen Forschers gewulst, und 
darum ebenfalls ein Anrecht auf diese Entdeckung habe. 
Weit mehr trifft ihn der Vorwurf, dais er seiae Entdeckung 
nicht recht verstanden hat, denn er hielt die Flecke ftr 
dunkle Körper, kleine Planeten, die um die Sonne liefen, 
schloüs aber doch aus ihrer Bewegung auf die Axendrehung 
der Sonne, weil er sich einbildete, die vermeintlichen Pla- 
neten befänden sich auf oder dicht an der Oberfläche der 
Sonne. Dafs es Planeten seien, glaubten auch MalApertinS) 
welcher darüber schrieb Sidera austiwoa pmhdiacciy Duaei 
1627 y und Johann Tai*de, Verfasser der Sidera b&tionia, 
fako maculae »oUs nuncupata, Partstü 1620.^^ 

Späterhin, als ihm freilich die Beobachtungen von 
Galilei schon bekannt waren, kam er von seinem Irrthum 
zurück, und da erwarb er sich denn auch um die Sonnen- 
flecke ein Verdienst, welches ihm unbedenklicher zuge- 
sprochen werden kann, als das der ersten Entdeckung 
derselben. Dieses Verdienst bestand darin, dass er die 
Flecke zuerst anhaltend beobachtete, und somit ihre Be- 

>) Fischer, Gesoh. d. Phys. I, 121. 



Soheiner. 199 

wq^ungen und Eigenthümlichkeiten näher keimen lernte. 
In einer Reihe von Jahren stellte er mehr als 2000 Beob- 
acktongen Ober sie an. Die Gksammtheit ^eeer Erfah- 
rungen stdlte er snaammen in einem Werke, welches den 
sonderbaren Titel Itlhrt: Rosa ürrina sive sol €<» admirando 
jaadarum et macularum euarum phaenameno vuriua ete*> <— 
Rosa ist ein symbolisofaer Name der Sonne, der er das 
AdjectiT Ursina beilegen zu müssen glaubte, weil er nnter- 
stfttzt Tom Herzog Paul Jordan 11. von Orsini Bracciano 
demselben sein Werk widmete. Es erschien 1630 zu 
Braceiano, soll aber schon 1626 angefangen sein, wie luif 
dem Titel steht. 

Bei seinen ersten Beobachtungen hatte Scheiner kein 
anderes Mittel den blendenden Glanz der Sonne zu über- 
wiltigen, als dafs er sie durch leichtes Gewölk betrachtete. 
Späterhin verfiel er darauf, die Linsen seines Femrohrs 
ans farbigem Giase zu konstruiren, und als auch dieses sich 
nicht praktisch erwies, setzte er dem Femrohr aus farb- 
losen Linsen geschliffene farbige Planglüser, anfangs blaue, 
vor. Ihm gebührt also die Ehre der ersten Anwendung 
der Blendgläaer, welche schon 70 Jahre früher Apian im 
AHrtmamdeum caeeareum^ Ingoht löiO vorgeschlagen hatte, 
and deren Nichtgebrauch viel zu fialilers Elrblindung bei- 
trug i). 

In dem Werke Bosa Ursina beschreibt Seheiner auch 
das nach Keppler's Angabe ans zwei konvexen Linsen kon- 
stmirte astronomische Femrohr, dessen erste Ausführung 
ihm ebenso gebührt als dessen erste Anwendung, denn er 
bediente sich desselben zu den meisten seiner Beobach- 
tungen. Seheiner sagt in seinem Werke, er habe vor 
13 Jahren dem Erzherzog Maximilian von Oesterreich, und 
bald hernach dem Kaiser selbst die Sonnenflecke mittelst 
emes solchen Fernrohrs gezeigt, danach würde die Aus- 
fthrang des ersten astronomischen Femrohrs in das J. 1613 
oder 1617 zu setzen sein, je nachdem naan von 1626 oder 



y. Humboldt, Kosmos HL, 383. 



200 Schemer. 

1630, den in der Roea Ursina angegebenen Jahreesahlen 
ansgeht. 

Sckeuier wandte das astronomiache Femrohr auch in 
einer Weiae.an, die grade für Sonnenfleoke aehr geeignet 
ist Er zog nämlich ein solches Femrokr etwas writer 
aus, als zum deutlichen Sehen erforderlich war, richtete es 
in einem dunklen Zimmer mit dem Objektiv gegen die 
-Sonne, und fing das hinter dem Okular entstehende Bild 
mit einer weifsen Tafel oder mit einem Blatt geölten Papiers 
auf. Das so entstehende Bild ist zwar nicht so scharf als 
das direkt durch ein Femrohr gesehene, gewährt aber den 
Vortheil, gleichzeitig von mehreren Personen beobachtet 
werden zu können. Eben auf solche W^e zeiigte SeheiDer 
die Sonnenfiecke dem Erzherzog Max. Er belegte diese 
Vorrichtung mit dem Namen Helioskop, und die Befiig- 
nifs dazu ist ihm wohl nicht .abzusprechein, da er sie zu- 
erst darstellte; aber es darf nicht vergessen werden, dafs 
schon Kq^pler theoretisch die Konstruktion in seiner Di- 
optrik prop. 88 angab. ^). 

87. Auf die Entded^ung der Sonnenflecke macht noch 
ein anderer Deutscher Anspruch, nämlich Jokann Fabrieiiis, 
Sohn des Pastors David Fabridns zu Osteel, Amt Aurich 
in Ostfriesland (geb. 1564, gest 1615)^ eines Terdienten 
Astronomen, der u. A. 1596 den veränderlichen Stern im 
Wallfisoh entdeckte, den Kometen von 1607 und den neuen 
Stern im Fois des Ophiuchiia beobachtete, und. 1610 die 
erste Karte von Ostfriesland herausgab. Sein Sohn Johaan 
(geb. 1587) sah die Fledce, als er die Sonne durch ein 
holländisches Femrohr betrachtete, anfangs ohne alle Blen- 
dung, nachdem er seine Augen allmählich an den Glanz 
gewöhnt' hatte, später nachdem er die Sonnenstrahlen durch 
ein kleines Loch in ein dunkles Zimmer geleitet hatte. Er 
beschrieb seine Beobachtungen in einem Werk betitelt: 
De nuzctUis in sole obMrvatis et apparente earum .cum eoU 
eanvereione nafratio, das zu Wittenberg 1611 erschien und 



'} Wilde, Gesch. d. Optik I, 170. 



Seheiner. 201 

nrtf im Juni, tn emer Zeit, wo Oalilefs Beobachtungen 
nicht fl&glich in Devtecfaland bekannt sein konnten. Den 
Tag der ersten Wabmebmung der Flecken fbbrt er zwar 
Dicht an, man kann sie aber naoh Angaben in eeiüer Schrift 
g^en das £nde des J. 1610 setzen^). 

Ist auch jetzt nicht zu ermitteln, ob Fabricilis, da er 
die Zeit seiner Entdeckung nicht angiebt, die Flecke früher 
sah als fialilei, der sie im Oktober 1610 zuerst beobachtete, 
80 hat man dodi auch keinen Grund, ihm sowohl wie 
Seheiner die Originalität derselben streitig zu machen. 
Anders verhält es sich mit Harriot, einem englischen 
Astronomen und Freunde Keppler's, der 1560 zu Oxford 
geboren und 1621 gestorben ist. Hr. y. Zaeh, der 1788 
Hirriafs Manuskripte durchzusehen Gelegenheit hatte, be- 
hauptet, derselbe habe am 8. Dee. 1610 die Flecke zuerst 
gesehen, and viele Beobaditungen seitdem darüber ange- 
steDt; aUein er wufste nicht, dals er Sonnenfleoke vor sich 
habe, pnbficirte auch seine Beobachtungen nicht, und er- 
kannte d^i wahren Sachverhalt erst im December des fid- 
genden Jahres. 

88. Was Sehefaier wiederum anbelangt, so smd es 
nicht allein die S<mnenflecke, welche seinen Namen erhalten 
haben, auch andere dem engeren Kreis der JPhysik ange- 
hörige Beobachtungen bezeugen, dafs er kein gewöhnlicher 
Kopf gewesen ist. So ist ^r Verfasser eines fftr seine Zeit 
ausgezeichneten optischen Werkes: Oculus^ hoc est funda- 
mentum optictmi^ Oeniponti 1619. Es handelt, wie schon 
der Titel andeutet. Vom Sehen, und entbftlt mebr^res, was 
Seheiier alle Ehre madit Es sind darih seine Versuche 
angegeben, um das Brechnngsverh&ltnifs der verschiedenen 
Flüssigkeiten des Auges näher zu bestimmen. Er fand die 
Brechung der wfissertgen Feuchtigeit des Auges gleich der 
des Wassers, die der KiystaUlinse nahe der des Olases, 
und die der gläsernen Feuchtigkeit zwischen beiden. 



*) T. Humboldt, Kosmos 11, 360; Fischer, Gesch. d. Physik I, 
116; Kistner, Oeech. d. Math. lY, 140. 



202 Scheiner. 

Nftchstdem suchte er den Gang der Lichtctrahlen durch 
das ganze Auge zu vetlblgen, und kam dabei wieKsppIsr 
zu dem Sofalufs, dais die Netzhaut der Sitz des Sehens 
sei. Et bewies dieses und die Aehnfiohkeit des Auges mit 
der Camera obscura durch einen eehr lehrreioüen und ent- 
scheidenden Versuch. Er schnitt nfimlich an einem Ochsen- 
auge die hinteren Häute bis auf die Markhaut ab, und 
hielt es nun gegen das Licht Da malte sich denn auf 
der diurchscheinenden Netzhaut ein deutliches Bild Ton den 
Gegenständen ab, die vor dem Auge befindlich waren. 
Später 1625 wiederholte er diesen Versuch mit einem 
Menschenauge. 

Von der Fähigkeit des Auges in Terschiedenen Ent- 
fernungen deutlich zu sehen, gab er eine andere Erklärung 
als Keppler. Er nahm an, die Ajustirung erfiilge dadurch, 
dafs die Gestalt der KrystalUinae sich ändere, nämlidi 
konvexer werde ftlr nahe, und konkaver (flacher) fbr feine 
Gegenstände. Er machte dabei auch die richtige Beob- 
achtung, dals die Pupille sich bei Betrachtung naher Gegen- 
stände verengere. 

Er zeigte auch, dafs es keiner künstlichen Vorrichtung 
bedürfe, um sich von der Durchkreuzung der Jjichtstrahlen 
in einer kleinen Oeffnung zu überzeugen. Man betrachte 
zu dem Ende eine Lichtflamme durch ein kleines Loch in 
einer ELarte, und f&hre einen Messerrücken herab &ai 
zwischen Karte und Auge, u^d dann zwischen Karte und 
Flamme; es verschwindet dann im ersten Fall der untere 
Tbeil der Flamme, im zweiten der obere Theil derselben zuerst. 

Bei dieser Grelegenheit machte Seheiner auch die Be- 
obachtung, dafs wenn man in dem Umfimg der Grdfse der 
Pupille mehrere kleine Löher in ein Kartenblatt sticht, und 
nach einer Flamme sieht, man ebenso viel Bilder wahr- 
nimmt als Löcher sind. ScheiiLAr vermochte aber nicht, 
dieses Phänomen zu erklären, das gelang erst Jakob de U 
Motte ^), Arzt in Danzig, und später Hussclienbroek'). Die 



Abbandl. d. natarforsch. Geselkch. in Danzig 1754. 
*) Introductio ad philosophiam nat. 1762. 



Scheiner. 203 

Encheiniing tritt nur ein, wenn die Strahlen sich vor oder 
hinter der Netzhaut kreuzen ; sie verschwindet f&r ein kurz- 
fiiehtiges Auge, wenn man eine konkave Linse vorhält, f&r 
ein weitsichtiges durch eine konvexe ^). 

Aolserdem hat Scheiner sich noch bekannt gemacht 
durch die recht genaue und mit Messungen begleitete Be- 
schreibung eines ausgezeichneten Falles von dem Phänomen 
der Nebensonnen, welches er am 20. März 1629 zu Rom 
beobachtete, daher man es auch wohl das römische Phä- 
nomen genannt hat. £iS bestand aus zwei koncentrischen 
&rbigen Kreisen um die Sonne, und einem sehr grolsen 
horizontalen farblosen Kreis durch die Sonne, nebst 4 Neben- 
soimen auf diesem und 2 andern über der Sonne auf den 
£u^igen Bingen ^) (s. §. 266). 

SebeiMer ist auch Erfinder des nützlichen Instruments 
zum Kopiren von Zeichnungen im verkleinerten oder auch 
vergröiserten Mafsstab^ welches man Storchschnabel, Panto- 
gr^h, Parallelogramme k reduction, genannt hat. Er machte 
diese Erfindung 1603, beschrieb sie aber erst 1630 in seiner 
Pantographia. 

Alles dies legt ein hinreichendes Zeugnifs von dem 
Eifer und den Ftiiigkeiten Seheiner's ab, und wir wollen 
daher annehmen, dafs er weniger durch Ueberzeugung ak 
durch sein Verhältnüs zur Kirche veratilaist ward gegen 
das kopemikanische System aufzutreten, wie er dies that 
in seiner Sebrift: Prodromus pro sole mobtli et terra etabäi 
contra Oaläeum de GeOileis. postb. 1651.^) 

Wilde, GescL der Opük I, 214. 
') Fischer, Gesdi. d. Phys. II, 137. 
') Montucla, Eist, des math. II, 300. 



Dritter Zeitrauro, 



Erste oller italienisehe Periode. 

Galilei. ' 

89. Qüäeo Galilei ward geboren zu Pisa am 18. Fe- 
bruar 1564 (fi. St)y und. starb den 8. Januar 1642 auf der 
Villa Qiojello bei Arcetri in Toskana. 

Man hat es euweilen als einen sonderbaren Umstand 
hervorgehoben, ssuerst sein Biograph Paul Friei in dem 
Elogio di Galilei, Milano 1777, dals Galilei grade in dem 
Jahre starb, in welühen Newten geboren wurde. AUeio 
dies ist nicht richtig« Newten's Geburtstag wird zwar aui 
den 25. December 1642 gesetzt, dies ist aber nach altem 
Styl gerechnet. Nach dem heutigen gregonanasohen Kalen- 
der, der 1582 in Itidiien eingeführt wurde, und auf den 
sich die Angabe von Galilefs Tod bezieht, während derselbe 
in England erst 1752 angeordnet ward, würde Newton am 
5. Januar 1643 geboren sein, also 100 Jahre nach Kaper 
nikns Tod. 

Galilei war der Sohn eines fiorentiner Edelmanns Vin* 
cenzo Galilei, eines mathematisch gebildeten Mannes, voi 
dem wir auch ein Werk über die alte und neue Musil 
besitzen unter dem Titel: Dialoghi della musica anHea { 
nuova, Firenze 1682. Die Familie ftlhrte früher den Na< 
men Bonajnto und der Erste, welcher sich Galilei nannte 
war ein Arzt, welcher 1438 Medicin an der Universitäl 
zu Florenz las. 



Galflei. 205 

Der Vater hatte viele ELinder aber wenig Vermögen, 
und daher bestimmte er unseren Oalileo trotz seiner groften 
Anlagen zur Mechanik för ein bürg^liohes Gewerbe, fibr 
den Tuchhandel. £r lieÜs ihn indeüs die hiteinisehe Schule 
besuchen, wo dieser bald so ungewöhnliche Fortschritte 
machte, dab der Vater seinen anfänglichen Plan aufgab 
and beschlois, den Sohn Medicin studiren zu lassen in der 
Hofiniug, derselbe werde als Arzt seine Geschwister er- 
oähren können. 

So bezog denn unser Galilei im J. 1582 in seiner 
Vaterstadt Pisa die Uniyersität. Sehr bald wurde er hier 
durch seinen Genius auf die Bahn geleitet, auf welcher er 
fiir die Physik so Grrolses leisten sollte. Es war n&mlich 
schon im J. 1583, als ihm zuftUige vom Luftzuge veran- 
lafste Schwingungen der im Dom zu Pisa herabhängen- 
den Euronenleuchter die erste Anregung gaben, über die 
Gesetze der Bewegung nachzudenken. 

Er las den Aristoteles in der Ursprache, und schlug 
darin nach, um die Meinungen dieses Koryphäen der alten 
Naturforschung zu erfahren, fand aber zu seinem Erstau- 
nen, dals sie gar nicht mit seinen eigenen Ansichten stimm- 
ten, da(s sie yielmehr vieles enthielten, was er fdr grund- 
onrichtig halten mufste. Dennoch wagte er noch nicht 
öffentlich gegen die aristotelische Lehre aufzutreten, da sie 
damals in Pisa sowohl als in ganz Italien wie ein Evan- 
gelium betrachtet wurde. Desto mehr disputirte er aber 
darüber mit seinen Studiengenossen, von denen er wegen 
seiner Neigung zu Streitreden den Beinamen des Zänkers 
bekam. 

Nicht lange darauf erhielt er von Rieeiden ersten 
Unterricht in der Mathematik, in welcher er es bald so 
weit brachte, dafs er auf Vorschlag des Marchese Ouido 
Ubaldo del Monte zum Lehrer der Mathematik in Pisa 
ernannt wurde, und zwar im J. 1589, freilich nur mit 
60 Tfaaler Gehalt. Von nun an trat er 5£Pentlich als Gegner 
der aristotelischen Physik auf, und widerlegte namentlich 
die irrigen Lehrsätze derselben über den freien Fall der 



206 Gaülei. 

Körper auf eine so schlagende Weise durch Versuche und 
Argumente, dals er allgemeinen Beifall damit errang. 

Allein diese glücklichen Angriffe auf eine bis dahin 
filr UBumstöislich gehaltene Lehre sogen ihm auch Tiele 
Feinde und Verdrielslichkeiten zu in dem Grade, dals er 
sich zuletzt genöihigt sah sein Lehramt in Pisa au&uge- 
ben. Glücklicherweise wurde dadurch seine wissenschaft- 
liche Thätigkeit nicht unterdrückt, denn durch die Empfeh- 
lungen seines Gönners del Monte und des Venetianers 
Sagredo, den er in Florenz hatte kennen gelernt, bekam 
er nicht lange darauf, nämlich im J. 1592 das Lehramt 
der Mathematik an der venetianischen UniTersit&t Padna. 
Hier in seinem 27. Jahre vollendete er zum greisen Thefl 
die Entdeckungen, zu denen er in Pisa den Grund gelegt 
hatte, und überdies fanden seine Vorlesungen einen 8o 
zahlreichen und glänzenden Zuspruch, als sie sich nur in 
Pisa erfreut hatten. Unter Anderen zählte er den nach- 
maligen König Gustav Adolph von Schweden zu seinen 
Zuhörern. 

90« Im Frühjahr 1609 machte filalilei eine Reise nach 
Venedig, und hörte dort von den kurz zuvor (1608) in 
Holland erfundenen Femröhren, oder wie Andere wohl 
ohne hinlänglichen Grund behaupten, er sah daselbst ein 
dorthin gebrachtes holländisches Femrohr. Dies war fdr 
ihn ein Sporn über die Vervollkommnung und Anweo* 
düng dieses damals mit Recht so sehr angestaunten Id- 
strumentes ernstlich nachzudenken. Sogleich nach seiner 
Rückkehr nach Padua ging er an's Werk, und so rasch 
war der Erfolg seiner Bemühungen, dafs er schon im August 
desselben Jahres dem Senat von Venedig ein Femrohr 
übersenden konnte, das mehr leistete als jenes, welches 
dieser aus Holland bekommen hatte. Der Senat belohnte 
dies Geschenk überaus freigebig; unter dem 25. August 1609 
setzte er dem ttalilei eine lebenslängliche Pension aus und 
das Dreifiiche seines Gehalts, welches er als Lehrer in 
Padua bezog. 

Galilei hatte die Principien der Konstruktion der Fern- 
röhre in nichts verbessert; er hatte das seinige ganz nach 



Gam«L 207 

dem Master der hollftndischen angefertigt, d. h. aus einem 
konvexen Objektiv und einem konkaven Okular zusammen- 
gesetzt Allein in der Ausführung war es vollkommener 
als die bis dahin konstruirten Femröhre. Es gewährte 
eine 30 malige Vergrölserung und gab die Bilder mit einem 
solchen Ghrad von Deutlichkeit, da(s es zu astronomischen 
Beobachtungen brauchbar war, was wenigstens von dem 
zuerst nach Italien gekommenen holländischen Femrohr 
nicht gesagt werden konnte. Noch im J. 1637 bezeugt 
Konstantin Huyghens, der Vater des berühmten Christian 
Huyghens, in einem Briefe an Diodati, dals man selbst bei 
dem ersten Erfinder der Fernrohre keins finde, mit dem 
man im Stande wäre diet Jupitertrabanten zu beobachten. 

OalUei säumte nicht sein Femrohr gegen den Himmel 
zu richten, und sehr bald machte er damit Entdeckungen, 
die den Beweis ablegten, da& der Senat von Venedig seine 
Freigebigkeit an keinen Unwürdigen verschwendet hatte. 
Schon im Januar 1610 gelang es ihm bis dahin ungesehene 
Weltkörper zu entdecken; es waren die Jupitertrabanten, 
drei davon sah er zuerst am 7. Januar 1610, den vierten 
am 13. desselben Monats. Er nannte diese Trabanten 
Sidera medicea zu Ehren des Hauses Medici, welches in 
seinem Vaterlande Toskana regierte. 

Diese und ähnliche Beobachtungen über die Berge im 
Mond, zu deren Höhenmessung er ein einfaches Verfahren 
angab; über die MilchstraTse, an welcher er die schon 
längst gehegte Vermuthung, dais ihr Schimmer der ver- 
ebte Glanz zahlreicher kleiner Sterne sei, thatsächlich nach- 
wies; über Nebelsteme u. s. w. machte er bald darauf in 
einem Werke bekannt, welchem er den Titel gab Nunciua 
ddereus Venedig 1610, und welches er an mehrere Mon- 
archen Europas sandte, wohl nicht ohne Absicht und ohne 
Ho&ung auf reiche Belohnung, die ihn auch wohl bewog 
den Namen Medici in die Gestirne zu versetzen. 

Bei letzteren hatte fialilei sich in der That nicht ver- 
rechnet! Sei es nun in aufrichtiger Anerkennung der glän- 
zenden Entdeckungen, oder aus Dankgefühl f&r die damals 
noch unerhörte Apotheose, genug, als Cosimo U., der schon 



208 Gn}M. 

ab Prinz den Unterricht von ChlUlei genoss^i hatte, im 
J. 1610 zur Regierung kam, war es dne sein^ ersten 
Handlungen sich seines Lehrers zu erinnern, und ihn unter 
sehr vortheilhaften Bedingungen in sein Vaterland zurück* 
isurufen. £r machte Galilei zum Mathematiker seines Hofes, 
und zum ersten Professor der Mathematik in Pisa mit dem 
sehr ansehnlichen Gehalt von 1000 Scndi, ja, was noch 
mehr ist, ohne ihn verbindlich zu machen in Pisa zu 
wohnen und sein Lehramt auszuüben, welches ihm 60 Vor- 
lesungen im Jahr, jede von einer halben Stunde, auftrug. 
Im August 1610 trat Oalilel diese so Überaus vortheilhafte 
Stellung an. 

fialflei wohnte nun meistentbeils auf den Villen des 
GroÜBherzogs , dem er sich auch als geistreicher Gesell- 
schafter fast unentbehrlich machte, besonders aber verweilte 
er viel auf der Villa Alla Jelve seines Freundes Salviati, 
und dort machte er auch im Herbst 1610 wiederum sehr 
merkwürdige Entdeckungen am Himmel. 

Im September 1610 entdeckte er die Lichtphasen der 
Venus und des Mars, sah femer am Saturn eine Andeu- 
tung von dessen King, und machte endlich im Oktober 1610 
die Entdeckung der Sonnenflecke, die ep&ter zu so vielai 
Streitigkeiten Anlals geben sollten (s. § 86, 87); auch die 
Sonnenfackeln wurden von ihm zuerst beobachtet ^). 

Während diese Entdeckungen einerseits einen leicht 
begreiflichen Enthusiasmus erregten, wurden sie von Anderu 
bezweifelt, von den Peripatetikem geläugnet und als teuf- 
lische Illusionen bezeichnet. Jakob Christmann, Prof. der 
Logik in Heidelberg, that noch 1612 in seinem liodui 
gordicuB den Ausspruch, daTs der Ruf von den vier neuen 
Sternen um den Jupiter schon g&nzlich schwftnde, weil 
sie ein Augenbetrug wären, und der Pater ClavilUi (Schlüs- 
sel, Jesuit, starb 1612 zu Rom) sagte, um die Jupiter- 
trabanten zu sehen, müsse man erst ein Instrument haben, 
das sie erschaffe. 



^) Libri, Hist des math. lY, 227. 



Galilä. 209 

Im M&ra 1611 ging Cfalflei nach Born, und machte 
den Fürsten Cesi mit seinen E2ntdecknngen bekannt. Fürst 
Cesi war ein die Wisaenscbaft liebender Mann, der aus 
eigenen Mitteln eine Akademie gegründet hatte, die den 
sonderbaren Namen Accademia dei Lyncei ibhrte, d. h. 
Akademie der Luchse, in Anspielung auf das angeblich 
geharfe Gesicht des Luchses, welches die Akademiker sich 
vermuthlich in wissenschaftlichen Dingen zum Zielpunkt 
ihrer Wünsche gestellt hatten. Oalflei wacrd Mitglied die- 
ser Akademie, und sehr bald hatte er Gelegenheit seine 
Luchseigenschaft zu bethätigen, indem er im J. 1612, wenn 
nicht das Mikroskop erfand, doch ein solches Instrument 
zuerst in Italien vorfertigte. Ein solches yon ihm herge- 
stelltes Instrument sandte er im J. 1612 an Sigismund 
König von Polen. 

9L unter den drei Briefen, welche Galilei an Welser 
bchrieb (s. § 86), ist besonders merkwürdig der dritte. 
Galilei lälst sich darin über verschiedene astronomische 
Gegenstände aus, und nimmt das kopemikanische System 
in Schutz. Siebenzig Jahre waren damals verflossen, seit 
Kspenukns sein weltberühmtes Werk der Oeffentlichkeit 
übergeben hatte, und noch war es der Kirche nicht ein- 
gefallen, darin etwas Verfängliches zu erblicken. Einzelne 
Männer, wie z. B. Tfeho Brahe , hatten zwar einige Ge- 
wifisensakmpel bei der Bewegung der Erde empfunden, 
allein diese Bedenken blieben doch innerhalb des Kreises 
der Astronomen, und hatten weiter keine Folge. Erst 
nachdem Cfalilei das kopemikanische System in Schutz ge- 
nommen hatte, begann der unwürdige Kampf gegen dasselbe. 

Ein Dominikaner Coecini eröffiiete den Angriff, indem 
er 1613 auf das Heftigste gegen die kopemikanische Lehre 
predigte, und dieselbe als ketzerisch bezeichnete. Ja seine 
Ordensgenossen gingen in ihrer Unwissenheit so weit, dafs 
sie behaupteten, (Galilei sei der Verfasser dieses gefährlichen 
dem Kopwnikus zugeschriebenen Werks, ttalilei suchte 
die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen in Briefen an 
verschiedene einflufsreiche Personen zu widerlegen, und 

Foggendorff, Gesch. d. Physik. 14 



210 (^flltlei. 

wirklieb gelang es ihm aucb, unter den Vorurtbeilsfireien 
einige Yertheidiger scu finden. So z. B. erKefs der Karme- 
litermönch Foflearini 1615 einen Brief an seinen Ordens- 
general Fantoni, worin er nachwies, daTs sich die Liehren 
des Kopemikns ganz ftglich mit den Dogmen der Kirche 
vereinbaren liefsen. Auch der Augustiner Didaens a Stmiiea 
Ton Salamanca, der schon 1584 in einem Kommentar zum 
Buche Hiob einen ähnlichen Versuch gemacht hatte, trat 
als Yertheidiger Cfalilers auf. 

Allein diese Vertheidigungsversuche machten den romi- 
schen Hof erst recht eifersüchtig auf die kopemikanische 
Lehre, und da die Dominikaner fortfuhren, Galilei auf das 
Aeufserste anzugreifen^ so hielt es dieser fbr gerathen, im 
J. 1615 nach Rom zu gehen, und sich dort persönlich beim 
Papst Paul V. zu rechtfertigen. 

Galilei suchte in Rom eine yemünftige Denkfireiheit 
auszuwirken, und stellte dem Papst u. A. vor, dafs die 
Kirche ihr Ansehen aufs Spiel setze, wenn sie so ausge- 
machte Wahrheiten wie das kopemikanische System be- 
streite, oder gar unterdrücken wolle. 

Der Papst hörte dies alles ganz gelassen an, und be- 
zeugte auch Galilei seine persönliche Hochachtung, allein 
was die Entscheidung der Angelegenheit betraf, so gab 
er sie der sogenannten Kongregation des Index in die 
Hand. Diese Korporation fällte aber ein sehr ungünstiges 
Urtheil. Unter dem 20. Februar 1616 erlieis sie ein Dekret, 
worin alle Bücher verboten wurden, welche da behaupteten, 
die Bewegung der Erde sei nicht der heiligen Schrift zu- 
wider, und dem Kardinal Ga^tano wurde der Aufbug ge* 
geben, die Werke des Kopemikns und des Didacns a Sta- 
nica von allen Stellen zu reinigen, wo die Bewegung der 
Erde mit den Aussprüchen der Bibel verglidien wird. 

Gradezu gegen Galilei vnirde diesmal noch nichts ver- 
füget; erst als derselbe anfing, seine Sache eifriger zu ver- 
theidigen, und der Kardinal Orsini sich auch derselben 
hitzig annahm, da übergab der Papst die Entscheidung 
der heiligen Inquisition, welche denn auch nicht s&umte, 



Galilei. 21 1 

(ialflers Meinung von der Bewegung der Erde für falsch 
und ketzerisch zu erklären. Dies geschah am 5. März 
1616; merkwürdig genug zu einer Zeit, wo Eeppler in 
Deutschland durch Auffindung seiner Gesetze die Wahr- 
heit des kopemikanischen Systems aurs Unumstöfslichste 
bewiesen hatte. 

Galilei hielt sich nun nicht mehr för sicher in Rom, 
er kehrte am 23. Mai nach Florenz zurück, und liels fbrs 
Erste alle Beschäftigung mit dem Himmel bei Seite. Von 
1616 bis 1630 wurde er auch nicht weiter vom römischen 
Hofe beunruhigt. Er lebte während dels, besonders seit- 
dem der Grofsherzog Cosimo II., sein Beschützer, 1621 
gestorben war, in ländlicher Abgeschiedenheit auf seiner 
Villa bei Arcetri ungestört seinen Freunden und seiner 
Wissenschaft, nur häufig sehr an Kränklichkeit leidend. 

In diesem Zeitraum, nämlich im J. 1617, erfand er 
seine Testiera, ein Fernrohr für beide Augen, welches er 
auch Celatone nannte, weil er es an eine Haube, Celata, 
befestigte. Eb ist dies zwar keine Erfindung von Belang, 
und es gebührt ihm auch nicht einmal die Priorität der- 
selben, allein als Zeichen seiner Thätigkeit verdient sie 
doch genannt zu werden. 

92. Mit dem Jahr 1630 beginnt der zweite Akt des 
Dramas, welches fär Oalilei einen so unglücklichen Aus- 
gang nehmen sollte. Galilei beabsichtigte ein Werk über 
das Weltsystem herauszugeben, zu welchem er schon 1610 
in Padua den Grund gelegt hatte. Um sich sicher zu 
stellen, ging er selbst nach Rom, um es dort der Censur 
zu unterwerfen. Durch die frommen Betheuerungen in 
der Einleitung dieses Werks und durch die täuschenden 
Vorstellungen seines Freundes, des päpstlichen Sekretärs 
Ciampoli, gelang es wirklich, das Imprimatur von der 
Censurbehörde zu erhalten. 

fialilei hätte es nun in Rom können drucken lassen, 
allein da noch einiges am Manuskript fehlte, so nahm er 
es mit nach Florenz zurück, um es dort zu vollenden. Im 
J. 1631 brach aber die Pest in Florenz aus, und da nun 

14* 



212 Galilei. 

das Manuskript nicht nach Rom geschickt werden durfte, 
so liefs er es 1632 in Florenz drucken, zwar nicht ohne 
Censur der florentlner Inquisition, die aber weit nach- 
sichtiger war als die römische. 

Dies Werk war eine Vergleichung des ptolemaeischen 
Systems mit dem kopemikanischen, eingekleidet in Fonn 
eines Gesprächs zwischen drei Personen Sftgredo, Salviati 
und Simpllcio, und wie zu erwarten war, zog dabei Sin- 
plicio, der Vertheidiger des Ftolemaens, den Kurzem. Hatte 
bis dahin das Feuer unter der Asche geschlummert, so 
wurde es nun zu hellen Flammen angefacht; von allen 
Seiten wurde Oalilei angegriffen und der Ketzerei beschul- 
digt. Am wüthendsten benahm sich ein gewisser ChiarSp 
monti aus Cesena, Professor zu Pisa, dem sich Galilei 
durch satirische Recensionen seiner früheren Werke ver- 
feindet hatte. CMaramonti setzte eine förmliche Klage- 
schrift auf, die er, damit sie sicher ihre Wirkung thue, 
dem Neffen des Papstes, dem Kardinal Barberini, widmete. 

Leider ward der Zweck nur zu vollkommen erreicht. 
Die Geistlichkeit verfiel auf den Gedanken, mit den ehr- 
furchtsvollen Versicherungen in der Vorrede habe Galilei 
ihrer Unwissenheit spotten wollen, und einige behaupteten 
sogar, mit dem Simplicie sei Niemand anders gemeint als 
der leichtgläubige Papst, der in den Druck des Werks 
eingewilligt habe. 

Papst Urban VIIL, der als Kardinal Maffeo Barberini 
ein persönlicher Freund von Galilei gewesen war, als solcher 
sogar die Entdeckung der mediceischen Sterne und der 
Sonnenflecke in Gedichten besungen hatte, ja noch im 
J. 1624, ein Jahr nach seiner Erhebung auf den päpst- 
lichen Stuhl, Galilei freundschaftlich in Rom aufgenommen 
hatte, ward nun der erbittertste Gegner desselben. Durch 
eine aus lauter Feinden Galilei^s zusammengesetzte Kon- 
gregation von Kardinälen, Theologen und Mathematikern, 
darunter auch Chiaramonti, liei's er Galilei's Werk streng 
untersuchen, und diese erklärte: Der Verfasser habe das 
vor 16 Jahren erlassene Verbot, das kopemikanische System 



Galilei. 213 

SU lehren, übertreten, das Buch eei das gefährlichste gegen 
Bibel und Religion, und der Autor müsse vor die Inqui- 
sition gez<^n werden. 

Demgemftis erhielt GaUlei im November 1632 die 
Weisung vor diesem Tribunal zu erscheinen. Vergebens 
verwandte sich der Gro/sherzog Ferdinand 11. f&r ihn, und 
schätzte sein Alter und seine Kr&nklichkeit vor. Es blieb 
dabei; Cfalflei muiste am 20. Jan. 1633 die Reise nach Rom 
antreten. £r erlitt vor seiner Verurtheilung keine so harte 
Behandlung, wie man wohl angegeben findet, im Gegen- 
theil behandelte man ihn auch jetzt noch mit Auszeichnung. 
Man liels ihn zwei Monate bei dem grofsherzogl. Gesandten 
wohnen, darauf räumte man ihm meublirte Zimmer im 
Inquisitionspalast ein, und erlaubte ihm sogar in halb ver- 
schlossener Kutsche in den Gärten der Villa Medici herum- 
zufahren. 

Aber in der Hauptsache blieb man unerbittlich. Am 
22. Juni forderte man ihn aufs Neue vor Gericht, um den 
Stab über ihn zu brechen. Man behielt ihn den ganzen 
Tag und die folgende Nacht in der Inquisition, und am 
andern Morgen führte man ihn in das Dominikanerkloster 
AUa Minerva vor eine Versammlung von Mitgliedern der 
Inquisition, die von ihm verlangte, dais er, ein Siebenziger 
in blofsem Hemde stehend, die Lehre von der Bewegung 
der Erde abschwören und verfluchen sollte. 

Bekanntlich war Galilei schwach genug, diesem ent- 
würdigenden Ansinnen nachzugeben. Was ihn eigentlich 
dazu bewog, ist nicht recht bekannt, läist sich auch wohl 
nicht mehr ermitteln, da ihm bei Strafe der Exkommuni- 
kation ein ewiges Stillschweigen über seine letzten Begeg- 
nisse im Inquisitionspalast geboten war. Es ist indeis nicht 
erwiesen, dals man ihn die Tortur ausstehen lieis; vielleicht 
drohte man nur damit. Nach der Abschwörung wurde 
über Salilei das Urtheil gesprochen. Es verdammte ihn 
zur förmlichen Einkerkerung und legte ihm die Verpflich- 
tung auf, drei Jahre lang wöchentlich einmal die sieben 



214 Galilei. 

Bulspsalmen zu beten. — Sein Werk wurde überdies streng 
▼erboten. ^) 

Mit der Einkerkerung wurde es nun freilich nicht so 
ernstlich gemeint, im Gegentheil wurde diese bald in einen 
blo&en Hausarrest in der Villa Medici verwandelt, und 
selbst dieser ging einige Zeit hernach in eine Verweisung 
in den erzbischöflichen Palast zu Siena über. Etwas später 
erlaubte ihm der Papst sogar wieder auf seiner Villa zu 
leben, nur verbot er ihm musikalische und gelehrte Gesell- 
schaften zu halten, oder gro&e Mahlzeiten und andere Lust- 
barkeiten zu geben. Dabei blieb Galilei jedoch unt^ fort- 
währender polizeilicher Au&icht der Inquisition, und erlitt 
unausgesetzt die schmählichsten Angriffe von den Mönchen, 
welche jede Schrift von ihm unterdrückten. Im December 
1633 bezog Galilei der erhaltenen Vei^nstigung gemäts 
die Villa Bellosguardo bei Florenz, wo er von Seiten des 
Grofsherzogs und seiner Freunde sich der aufrichtigsten 
Theilnahme an seinem harten Schicksale zu erfreuen hatte. 

Dies ist das Ende jener merkwürdigen Episode, die 
zwar immer noch glimpflich genug für Galilei ablief, nichts 
desto weniger aber doch einen unvertilgbaren Schandfleck 
in der Geschichte des romischen Stuhles bildet, und an- 
dererseits ein erhebendes Beispiel der grolsen Wahrheit 
aufstellt, dals alle Waffen der Finstertuls das göttliche 
Licht der Vernunft nicht auszulöschen im Stande sind. 



') Gregen Anfang d. J. 1820 legte der Prof. der Astronomie an der 
Akademie della Sapienza za Rom Giueppe Settele die Handschrift 
seiner astronom. Yorlesangen der Behörde vor, and bat am Drackeriaub- 
nifs. Man \vie8 ihn ab, weil er die Bewegung der Erde um die Soone 
vertheidigte. Settele liefs sich indefs nicht irre machen, and wandte 
sich an die Inquisition mit der Bitte, eine dem jetzigen Zustand der 
Wbsenschaft angemessene Erklärung von sich zu geben. Diese entschied 
nun zwar, der Druck des Werkes solle gestattet werden, zugleich aber 
erhielt SetteU den Befehl in einer Anmerkung der Wahrheit gemäfs 
hinzuzufügen, dafs die Verfolgung, welche Galilei erlitten, nicht sowohl 
seinem Systeme als der von ihm geführten ungebührlichen Sprache zu- 
zuschreiben sei. Settele, Elementi di ottica e di asttonomia, Roma //, 
p. 130 \ s. Ck)nversat.-Lex. Aufl. 7, Artikel Astronomie. 



GalUeL 215 

Im November 1634 zog OaUlei nach dem Monte Bi- 
Tüldi im Eorchspiel Aroetri, in dessen Beoirk er bis an 
sein Lebensende wohnen blieb, fortwährend mit seinen Lieb- 
liogswissenschaften beschäftigt, wovon u. A. eine Theorie 
der Mechanik, die er 1634 herausgab, ein redendes Zeug- 
nils ablegt. Im J. 1637, als er schon auf einem Auge 
erblindet war, machte er seine letzte Entdeckung am 
Himmel; es war die Libration des Mondes, welche be* 
kanntlich darin besteht, dais uns der Mond nicht stets 
genau dieselbe Hälfte seiner Oberfläche zuwendet, sondern 
der sichtbare Theü sowohl in Richtung von Ost nach West 
wie auch von Nord nach Süd ein wenig schwankt, und 
ans dadurch mehr als grade die halbe Mondoberfläche be- 
kannt wird» 

Vom J. 1637 an bildete sich bei Galilei der Staar auf 
beiden Augen aus, und sowie dies Uebel zunahm, mehrten 
sich bei ihm auch andere Leiden: Melancholie, Schlaf- 
losigkeit und Gliederschmerzen; das Gehör hatte er theil« 
weise schon 1626 verloren, im J. 1640 war er endlich 
völlig taub und blind. Glücklicherweise überlebte er diesen 
mitleidenswerthen Zustand nicht lange, er verschied in den 
Annen seiner beiden Schüler Torricelli und Viviani am 
8. Jan. 1642 auf der Villa Giojello bei Arcetri an der 
Wassersucht im 78. Jahre seines so thätigen Lebens. Sein 
Leichnam wurde in der Kirche Santa Croce beigesetzt, dem 
Pantheon, wo fiist alle grolsen Männer Toskanas neben- 
einander ruhen. 

93. Galilei war nicht verheirathet, er hatte aber aus 
oiorganatischer Ehe mit einer Venetianerin Marina (Hanba 
zwei Töchter und einen Sohn Vincenao, welcher darum 
in der Geschichte der Physik bemerkenswerth ist, weil er 
den Vater in den letzten Jahren bei seinen Arbeiten unter* 
stützte, und der Erbe von dessen Handschriften wurde, die 
spater nicht das beste Schicksal hatten. S<dion YittceniO, 
der bald hier bald dort Stadtrichter in kleinen Provinzial- 
städten war, konnte nicht sonderlich auf die Erhaltung 
dieses literarischen Nachlasses Bedacht nehmen, doch zer- 



216 GalüeL 

störte er denselbeii «aoh nioht muthwUlig. Allein ein Sohn 
desselben Cosimo glaubte es seinem 6ewi96en schuldig za 
sein, die Manuskripte seines Grois^^ra m Temichten. 
Einen Theil derselben verbrannte er audi wirklich, und 
wahrscheinlich wtlrde der Rest dasselbe Schicksal gehabt 
haben, wenn sich nicht Yi^iani, ein späterer Schüler CMilef s, 
der noch übrigen Schriften angenommen hätte. 

Viviani, Baumeister unter FercUnand 11., beabsichtigte 
die Manuskripte herauszugeben, allein der bald hernach 
erfolgende Tod Ferdinand^s 11., und der Regierungsanlritt 
Cosimo's III., mit welchem über Toskana wiederum eine 
fbr die Wissenschaften sehr feindselige Epoche hereinbrach, 
machte es nicht rathsam mit der Herausgabe vorzugehen. 
Viviani vergrub daher die Manuskripte in dem Keller seines 
Hauses, imd er starb darüber weg, ohne sein Vorhaben 
ausgeftlhrt zu haben. 

Erst 1739, also 87 Jahre nach dalilefs Tod, als das 
Haus bereits an den zweiten Besitzer übergegangen war, 
wurden die vergrabenen Schriften wieder entdeckt. Schon 
war ein Theil derselben an Trödler verkauft, als es dem 
Bitter Nelli noch gelang, sie an sich zu bringen. Ein 
anderer Theil gerietb in die Hände des Arztes Feliei, dessen 
Sohn sie dem 6iOV. Targioni Toazetti, Oberan&eher der 
ma^iabecchischen Bibliothek einhändigte, welcher letztere 
sie nun zu seinem Werk; Notizie degU offffrandirMnÜ delU 
seienze ßaiohe accaduü in Toseana etc.y Firenze 1780 benutzte. 

Gegenwärtig wird noch eine ansehnliche Sammlung 
von Manuskripten CfalUefs in der grofsherzogl. Bibliothek 
aufbewahrt. Seine sämmtlichen Werke sind in immer voll- 
ständigeren Ausgaben erschienen: 1655 und 56 zu Bologna 
in 2 VoL 4^ dann 1718 zu Florenz in 3 Vol. 4®; zu Padua 
1744 in 4 Vol. 4»; zu Mailand 1811 in 13 Vol. W" nnd 
1842 bis 56 zu Florenz in 16 Vol. 8^, letztere Ausgabe 
giebt auch das Datum der Arbeiten, so weit es bekannt ist 

94. Die Thatsachen und Ansichten, mit denen Galilei 
die Wissenschaft bereichert hat, sind so versdiiedenartig 
und zahlreich, dafs ich mich bei Auseinandersetzung der- 



GaUki. 217 



selbeii notliwendig auf «ine Auswahl der wichtigeren be- 
sdiränken mois. Man kann sie der besseren Uebersicht 
wegen in zwei Hauptklassen theilen, in die optisch* asUxH 
nomischen und in die meohanisoh^i. 

Die ersteren cBe optisch -astronomischen Ent-* 
deckungen haben Galilei unter seinen Zeitgenossen einen 
wdt groferen Ruf Terscbaffl; als die letzteren, und selbst 
m spät^-en Zeiten hat man sie wohl als den wichtigeren 
TheU seiner Verdienste bezeichnet. IndeTs ist dem wohl 
nicht so. So viel Ehre und änfteren Grewinn sie auch 
Galilei gebracht haboi, und so wichtig sie auch in der 
That ftkr die Wissenschaft gewesen sind, so ist doch nicht 
zu läugnen, dals das persönliche Verdienst dabei nur ge^ 
ring war, dafs diese Entdeckungen, nachdem einmal die 
Femrohre erfunden waren, noth wendig sehr bahi gemacht 
werden muihten, und da(s es um sie zu machen nicht des 
Scharfiiinns eines Oalilei bedurfte, wie denn in der That 
mehrere dieser Entdeckungen ebenso früh oder kurze Zeit 
heniach von Personen gemacht sind, die hinsichtlich ihrer 
Geistesfahigkeiten kaum einen Vergleich mit Oalilei ertragen 
köniien. Man Tergleicfae das über die Jupitermonde § 88 
und die Sonnenflecke § 86 und 87 Gesagte. 

Ganz anders verhält es sich mit d^i Entdeckungen 
Saiilefs im Gebiet der Mechanik. Diese setzen einen 
Schar&inn, eine Kraft nnd Freiheit des Urtheils voraus, 
wie sie nnr Wenigen gegeben ist. Wir, die wir nicht in 
der aristotelischen Phjrsik grofsgezogen sind, können uns 
schwer recht lebendig vorstellen, wie viel Selbstständigkeit 
des Denkens und welche Erfindungskraft dazu gehörte, 
am ein solches durch Jahrhunderte geheiligtes Lehrgebäude 
als falsch zu erkennen, und ein richtiges an dessen Stelle 
ZD set2en. Den einzigen Mafsetab dafür giebt uns die 
Zahl und das Talent der Männer, die bis zu GalDei's 
Zeitai in den Irrthümem befangen blieben, ja zum Theil 
noch nach Galilei darin verharrten. 

Die Nachwelt hat, wie in so manchen Dingen, auch 
hier das richtige Urtheil gefällt, denn indem sie allgemein 



218 GbB^ 

in fialilei den Hauptbegrflnder der neueren Physik verehrt, 
geschieht dies nicht wegen seiner optischen und astrono- 
mischen Leistungen, sondern wegen seiner Verdienste um 
die Mechanik, um die Lehre vom Gleichgewicht und von 
der Bewegung, weil diese Lehire ak die Basis der wissen- 
schaftlichen Physik angesehen werden muis. 

95. Galilei's Verdienste um die Mechanik. Ich 
habe bereits früher erw&hnt, dafii man zu Galilefs Zeiten 
in Betreff der Mechanik und ihrer Grundsätze ganz allein 
auf die Questiones mechanicae des Aristoteles beschrSnkt 
war, und daTs man gegen dies Älteste Werk, welches wir 
in der Bewegungslehre besitzen, eine wahrhaft abgöttische 
Verehrung hegte in dem Ma(se, dafis man lieber seine Ver- 
nunft gefimgen gab, als von den darin vorgetragenen Lehr- 
sätzen abzuweichen wagte. 

So hatte man damals noch keine Vorstellung davon, 
dafs jede Bewegung, die durch eine einzige Kraft hervor^ 
gebracht worden, gradlinig ist, dais diese Bewegung in 
einerlei Richtung und mit eineriei Geeohwindigkeit beliarre, 
bis eine neue Kraft dieselbe ändert Wenn man bei der 
gradlinigen Bewegung Körper zur Ruhe kommen sah, so 
schrieb man dies nicht fremden Kräften oder widerstehen- 
den Mitteln zu, sondern man nahm an, die bewegende Kraft 
erlösche, etwa so wie die Wärme aus einem Körper ent- 
weicht, welcher von einem kalten Medium umgeben ist 
Die kreisrunde Bewegung hielt man mit Aristoteles f&r die 
vollkommenste, und sah sie allein als unveränderlich an. 

Im Allgemeinen theilte man die Bewegungen in natür- 
liche und gewaltsame. Zu den natürlichen rechnete man 
die Bewegung der Planeten, welchen Aristoteles kreis- 
förmige Bahnen zuschrieb, und die gradlinige Bewegung 
fedlender Körper. Von dieser gradlinigen statuirte man 
wieder zwei Gattungen; eine, welche aus einem gewissen 
Appetitus zum Centrum des Universums erfolgen soUte, 
und eine andere, die man aus einer Abneigung gegen dieses 
Centrum hervorgehen liels. Dies ftihrte denn dahin, zwei 
entgegengesetzte Klassen von Körpern anzunehmen, schwere 



Galüei. 219 

und leichte. Zu den gewaltsamen Bewegungen rechnete 
num t. B. die Bewegung eines geworfen«! Steins. Man 
nahm Ton diesen gewaltsamen Bewegungen an, sie seien 
den Qoalitftten der Körper so zuwider, da(s sie nur so lange 
Bestand hätten, ak die Kräfte wirkten. Daher denn auch 
die Eintheilung der Bahn eines geworfenen Körpers in die 
gewaltsame, gemischte und natürliche. 

Wie sehr diese Ansichten verschieden sind von unsem 
jetzigen ofienbar richtigen, mag daraus erhellen, dafs wir 
Dach diesen annehmen, ein geworfener Körper, vorausgesetzt, 
dab Schwere und Widerstand der Luft nicht auf ihn ein- 
wirken, erleide keine Kraft von dem Augenblick an, wo er 
den Wnrfiipparat verläftt, und er setze seine Bewegung 
blola fort in Folge der Trägheit oder des Unvermögens 
seinen Zustand zu ändern. Wir nehmen dies Überhaupt 
Ton jeder gradlinigen und gleichförmigen Bewegung an. 

Wenn ein Körper sich in grader Linie und mit stets 
gleicher Geschwindigkeit bewegt, so nehmen wir an, es 
habe wohl einmal eine Kraft auf ihn gewirkt, welche die 
Ursache seiner Bewegung ist, aber während er in dieser 
Bew^ung beharrt, wirkt keine Kraft auf ihn, vielmehr 
beharrt er in dieser Bewegung blofs wegen des Unver-« 
fflögens seinen Zustand zu ändern d. h. vermöge der Trag* 
heit Diese Annahme, welche ein Grundsatz der heutigen 
Mechanik ist, ist andererseits eine nothwendige Folge un« 
seres Begri& von Kraft. 

Wir nennen Ejraft dasjenige, was den Zustand der 
Körper ändert. In einer gradlinigen und gleichförmigen 
Bewegung giebt es aber nichts, was sich ändert, ebenso 
wenig wie bei der Buhe, also bedarf es zur Unterhaltung 
dieser Bewegung keiner Kraft, so wenig wie zur Unter« 
baltnng der Ruhe. Dies ist unsere heutige Definition. 

Ganz anders waren aber in jenen Zeiten die Begriffe. 
Nach diesen war zu einer gradlinigen gleichförmigen Be- 
wegung durchaus eine stete Wirkung der bewegenden Kraft 
erforderlich; ohne diese stete Wirkung der Kraft würde 
der Körper nach damaligen Begriffen sogleich zur Buhe 



220 Galüei. 

gelangen. Erna aolohe stete Einwirkimg der Kraft nahm 
man überdies aach bei den natürlichen Bewegungen an, 
nur lehrte man zugleich^ bei diesen Bewegungen yerzehrten 
die Kräfte sich nicht so wie bei den gewaltsamen. Da man 
nun schon die gleichförmige gradlinige Bewegung durch 
eine stete Einwirkung der Kraft erklärt hatte, so bedurfte 
man zu der beschleunigten Bewegung z. B. bei der eines 
fallenden Körpers noch besonderer Kräfte. 

Wenn man einen Aristoteliker fragte, warum ein fal- 
lender Körper seine Geschwindigkeit immer ver^öisert, 
je länger er falle, so war die Antwort, weil er von der 
Luft, die ihm folgt, fortwährend in jedem Augenblick einen 
neuen Antrieb zur Bewegung bekomme. Die Luft war 
abo den Alten ein Mittel zur Beschleunigung der Bewe- 
gung, während wir gegenwärtig wissen, dafs sie durch 
ihren Widerstand die Bewegung der Körper hemmt. Im 
luiüeeren Kaum würden nach den Lehrsätzen der Aristo- 
teliker die Körper mit gl^chf&rmiger Geschwindigkeit 
&llen, d. h. in gleichen Zeiten gleiche Räume durchlaufen, 
während uns durch Theorie und Erfahrung bekaant ist, 
dsis sie dort erst recht mit der beschleunigten Geschwin- 
digkeit fiftllen, welche ihnen durch die Schwerkraft einge- 
prägt wird. 

Ebenso unklar oder unwissend war man in Betreff 
der Begriffe von Masse, Schwere und Gewicht» Eine 
Folge hiervon war, dais man glaubte, ein Körper, der z. B. 
achtmal mehr wiege als ein anderer, falle auch achtmal 
schneller als dieser. 

Nicht minder verworren waren die Vorstellungen über 
die Erscheinungen bei Flüssigkeiten. Dals feste Korper 
beim Schwimmen auf Flüssigkeiten au Gewicht verlieren, 
und zwar soviel, als das Gewicht des verdrängten Wassers 
beträgt, wufste man seit Archimedes« Dafe aber dieser 
Gewichtsverlust bei schwimmenden Körpern aus dem Druck 
entspringe, den die aus der Stelle gedrängte Flüssigkeit 
von unten nach oben ausübt, sah man nicht ein, weil Ari- 



GalUei. 221 

stoteks lehrte: FlOasigkeiten gravitiren nicht an ihrem na- 
tärlichen Ort. 

Vom Luftdruck hatte man noch gar keine Idee, was 
um so merkwürdiger ist, als Mehrere und selbst Aristoteles 
der Luft ein Gewicht zuschrieben, und dieser sogar auf 
den Einfiül gerieth, sie zu wägen. Wenn man daher 
Wasser in Pumpen oder durch Saugen in Röhren empor- 
steigen sah, so schrieb man dies mit Aristoteles dem Horror 
vacai, dem Abscheu der Natur vor dem leeren Räume zu. 

96. Von diesen und andern Irrthümem, welche neben 
etlichen richtigen Ansichten, deren ich in der Folge noch 
gedenken werde, in den mechanischen Fragen von Arnto- 
teles vorgetragen werden, konnte sich selbst ein Mann 
nidkt loereileen, der sonst viel helle Einsichten besafs, und 
in anderen Dingen als ein entschiedener Gegner der blois 
philosophirenden Naturforschung der aristotelischen Schule 
auftrat, nämlich Lord Baeo. Dies erhellt unter Anderem 
ans den Fragen, die er den Physikern in seinem Werke 
Nomtm Organon, Land. 1620 vorlegt. Er meint, man solle 
untersuchen, welche Körper durch die Schwere bewegt 
würden, welche durch die Leichtigkeit und welche weder 
durch Schwere noch durch Leichtigkeit? Welches die 
Granzen der Leichtigkeit seien? Ob die Luft zu den 
schweren oder leichten Körpern gehöre? 

Noch mehr geht Baco's völlige Unkenntniis aller mecha- 
nischen Grundsfttse hervor aus den vielen Arten von Be- 
wegungen, die er für nöthig hält, zu unterscheiden. Er 
nimmt nicht weniger als 19 verschiedene Arten davon an, 
nnd darunter figarirt auch eine Bewegung aus Abscheu 
vor Bewegung! Und doch gehörte Lord Baeo zu den auf- 
geklärtesten Männern seiner Zeit, der sich namentlich da- 
durch, dals er seinen Zeitgenossen die Richtigkeit und 
Unentbehrlichkeit des Experiments in der gesammten Natur- 
foTschung einleuchtend zu machen suchte, gewifs schon 
ein bleibendes Denkmal gestiftet hat, ja dem einige, be- 
sonders englische, Historiker als einen der vorzüglichsten 
Wiederhersteller der Naturlehre betrachten. 



222 GalUei. 

Dieser Francis Baeo war der jfingste Sohn tod Sir 
Nikolaus Baco, geb. zu Yorkhouse in London am- 22. Ja- 
nuar 1561 und auf der Universität Cambridge f&r die ju- 
ristische Laufbahn gebildet. Seine glänzende Persönlich- 
keit, die ihm schon im 28. Jahr die Stellung eines aolser- 
ordentlichen Raths bei der Königin Elisabeth Terschafile, 
führte ihn schnell von einer Staffel des Ruhmes zur an- 
dern, bis am Ende im J. 1619 zu der höchsten Würde, 
die neben dem Königsthron in England zu erklimmen ist, 
zur Würde des Lordgroiskanzlers von England, welche 
ihm zugleich den Titel Baron von Verulam erwarb, zu 
dem ein Jahr darauf noch der Viscount von St Alban 
hinzukam. 

Diese hohe Würde bekleidete er aber nicht lange. 
Schon 1621 ward er vom Parlament angeklagt, Aemter 
und Privilegien unter dem Staatssiegel f&r Geld verliehen 
zu haben. Er konnte diese mehr aus Schwäche denn aus 
Habsucht begangenen Verbrechen nicht läugnen, er wurde 
daher seiner Würden entsetzt, filr unfähig zur Bekleidung 
irgend eines öffentlichen Amtes erklärt, überdies zur Zah- 
lung von 40000 Lstrl. und zu lebenslänglicher Einkerke- 
rung in den Tower verurtheilt. Die Einkerkerung wurde 
freilich nicht lange hernach durch die Gnade seines Gönners, 
des Königs Jakob I., aufgehoben, ja dieser setzte ihm sogar 
eine Pension von 1800 Lstrl. aus, allein seine Würden er- 
langte er doch nicht wieder, und der Gram über seinen 
Sturz liefe ihn denselben nicht lange überleben. Er starb 
am 9. April 1626 zu Highgate. 

Baco's Hauptwerk ftkhrt den Titel Nofmm Organen 
scientiarum und erschien 1620, ein Jahr vor dem Fall des 
Verfassers. Es hat Baco unter seinen Zieitgenossen einen 
und mit Recht verdienten grofsen Ruf, sowie auf seinem 
Grabe die Inschrift Lumen scientiarum erworben, kann ihm 
aber doch keinen Anspruch gewähren auf den Titel eines 
Begründers der neueren Physik. Baco selbst hat den Weg 
des Experiments nicht betreten, wenigstens nicht mit Erfolg. 
Er empfahl ihn nur seinen Zeitgenossen und wirkte dadurch 



Galilei. 223 

allerdings woUthätig, besonders auf seine Landsleute, allein 
er empfahl diesen W^ zu einer Zeit, als Galilei längst 
die Schnmk^i der aristotelischen Physik durchbrochen hatte. 
Cebrigens kannte Baco ein Jahr Tor dem Erscheinen des 
NoTnm Organen die bis dahin publicirten und nicht publi- 
cirten Werke Oalflefs.^) 

97* Um nach dieser Diskussion auf Clalilel zurück- 
zakommen, so war der erste Angriff desselben auf die 
aristoteliscbe Mechanik gegen den Satz gerichtet, dafs sich 
die Geschwindigkeit fallender Körper wie deren Gewicht 
verhalte, dafs also ein Körper, der nmal mehr wiegt als 
ein anderer, auch nmal schneller falle als dieser. Auf 
die Unrichtigkeit dieses Satzes, sagt man, wurde Galilei 
znerst durch zufällige Beobachtungen an den schwingenden 
Kronleuchtern im Dom zu Pisa geleitet. Er beobachtete 
nämlich, dafs grofse und kleine Kronleuchter, sobald sie 
nur an Ketten von gleicher Länge hingen, ihre Schwin- 
gungen in gleicher Zeit vollbrachten. Aus dieser Erschei- 
anng zog Galilei den Schlufs, dafs Körper von grofsem 
und kleinem Gewicht gleich schnell fallen, oder das Ge- 
wicht der Körper keinen Einflufs auf die Fallgeschwindig- 
keit habe. 

Dieser judiciöse Schlufs des damals 19 jährigen Jüng- 
lings ist kein geringer Zug seines Genies, denn Tausende 
giebt es noch heute, die Pendel schwingen sehen, ohne 
dabei zur Einsicht zu gelangen, dafs das Schwingen ein 
Fallen ist, und das mufste sich Galilei vorweg klar gemacht 
baben, ehe er aus der gleichen Daner der Schwingungen 
gro&er und kleiner Massen den Schlufs auf die Fehler- 
haftigkeit des erwähnten aristotelischen Princips machen 
konnte. 

Galilei hätte hierbei stehen bleiben können, denn dieser 
Satz war durch die gleiche Dauer jener Schwingungen 
vollkommen ^riderlegt. Allein er begnOgte sich nicht dabei, 
sondern bemühte sich, die Unrichtigkeit desselben auf 



') Libri, Bist des math.IV, 160. 466. 



224 Oalüei. 

direktere Weiße darzuthim, tlieils durch Vemonfischlflsse, 
theils durch Versuche. Seine Schlüsse sind einfach und 
sinnreich. Er sagt: man denke sich die Masse, die fallen 
soll, in eine beliebige Anzahl gleicher Theile gedieilt Jeder 
Theil wird offenbar gleichzeitig mit den fibrigen den Boden 
erreichen, und alle werden ihre Lage gegen einander be- 
halten. Wenn sie aber wfthrend des Falles ihre Lage zu 
einander bebalten, was sollte sich ändern, wenn alle Theile 
zu einem Ganzen vereinigt wären. Offenbar nichts! und 
folglich muis eine groise Masse ebenso schnell fallen wie eine 
kleine. 

Eis ist dies einer der einfachsten und überzeugendstai 
Beweise, den man von dem in Rede stehenden Satz geben 
kann ; gelehrter und allgemeiner ist allerdings der Beweis, 
welcher sich aus dem Begriff der Masse und deren Ver- 
hältnifs zu den Kräften ergiebt. 

. Die Versuche Galilef s zur Bestätigung des Satzes vom 
gleichen Falle gro&er und kleiner Körper waren zweierlei 
Art. Einmal liefe er von dem schiefen Thurm in Pisa 
Kugeln von verschiedenem Gewicht herabfallen, und dabei 
fand er, dafs sie alle gleichzeitig den Boden erreichten, 
sobald sie nur nicht zu sehr im specifischen Gewicht ver- 
schieden waren, und kein zu geringes specifisches Gewicht 
besafsen, damit der Widerstand der Luft nicht bedeutend 
einwirken konnte. Späterhin stellte Galilei in Padua auch 
Versuche mit Pendeln von verschiedenen Gewichten aa, 
sowie mit Massen von verschiedenem Gewicht, die er aul' 
einer schiefen Ebene herabrollen lieft. Es waren dies nur 
Verfeinerungen der ursprünglich an den Kronleuchtern in 
Pisa gemachten Beobachtungen. 

Ebenso fehlerhaft, wie in Betreff des Einflusses des 
Gewichts auf den freien Fall der Körper, waren die Vor- 
stellungen über die Beschleunigung bei diesem FalL Dak 
ein Körper mit beschleunigter Geschwindigkeit falle, konnte 
natürlich nicht unbekannt sein, aber nach welchem Gesetz 
die Geschwindigkeit während des Falles zunehme, darüber 
hatte man zu Galilei^s Zeiten ebenso verkehrte Ideen wie 
über die Ursache dieser Beschleunigung. 



GaUlei. 225 

Im Allgemeinen war man zu Galilef s Zeit der Mei- 

DQDg, dafs wenn v und v' die Geschwindigkeiten, s und s' 

die zurückgelegten Wege zweier fallenden Körper bedeuten, 

sich verhalten 

V :v' = 8: 8. 

Diese Meinung scheint auf den ersten Blick ganz na- 
türlich zu sein, und auch Galilei war ihr anfänglich zuge- 
than. Allein bald erkannte er, dafs sie falsch sei, ja dafs 
sie sogar einen Unsinn einschliefse. Man kann dies heu- 
tigen Tags sehr leicht nachweisen, denn Oalilei^s Beweis 
war nicht so einfach. Es ist nämlich allgemein, wenn noch 
t die Zicit bezeichnet: ds = vdt 

Ist nun V = C8^ so ist ds = C8dt^ 

daraus — = cdt^ mithin log nat. s = et] 

aber fftr « = o wird ^ = oo , 
also ist, um den Raum o zu durchlaufen, die Zeit unend- 
lich grofs, und es kommt in der Voraussetzung v ^=i C8 
gar keine Bewegung zu Stande, es bleibt auch die Ge- 
schwindigkeit = 0, 

Andere Physiker des XVI. Jahrhunderts hatten noch 
irrigere Meinungen, und stellten noch komplicirtere Ge- 
setze auf. £s sollten sich nämlich die Fallräume für gleiche 
Zeiten verhalten wie die Segmente des goldenen Schnitts, 
also siit = 8* :(8 -i- 8). 

98« Nach längerem Nachdenken darüber, welches Ge- 
2^etz wohl den freien Fall der Körper reguliren möchte, 
kam Galilei auf die Hypothese, dafs nicht 

V :v' = 8: 8\ sondern 

viv ^= tii sei. 

Die Schlüsse, durch welche Galilei auf diesen Satz 
gerieth, zeigen uns wieder den Mann yon Talent, denn 
ehe er zu diesem Satz gelangen konnte, mufste er sich 
klar gemacht haben, wie überhaupt ein Körper in seinem 
Falle beschleunigt werden könne. 

Wie ich bereits erwähnt habe, glaubten die Aristo- 
teliker, dafs für die Unterhaltung einer gleichförmigen Be- 

Poggendorff, Gesch. d. PhTsik. ]5 



226 GaÜlei. 

wegiing schon eine stete Einwirkung der Kraft nöthig sei, 
und um die ungleichförmige, die beschleunigte Bewegung 
zu erklären, waren sie daher gezwungen, eine Hülfskraft 
hinzutreten zu lassen. Eine solche Holfskrafl glaubten sie 
in der Luft gefunden zu haben. Sie nahmen an, hinter 
dem fallenden Körper entstehe ein Vakuum, und indem 
die Luft rasch in dasselbe eindringe, ertheile sie dem fal- 
lenden Körper in jedem Augenblick einen neuen Impuls 
zur Bewegung. 

Galilei sah richtig ein, dafs die Luft mit dem Fall der 
Körper unmittelbar nichts zu schaffen habe, sondern dais 
sie nur ein äufseres, störendes Mittel fbr denselben sei. 
Er hatte zuerst den richtigen Gedanken, dafs eine be- 
schleunigte Bewegung ganz allein durch eine stete Ein- 
wirkung der bewegenden Kraft erfolgen müsse, also der 
beschleunigte Fall der Körper ganz allein durch eine stete 
Einwirkung der Schwerkraft. Und mit dieser Einsicht 
von der beschleunigten Bewegung war denn auch die Er- 
klärung von der gleichförmigen Bewegung gegeben. Galilei 
war der erste, welcher einsah, dais zur Unterhaltung, zur 
Fortsetzung einer gleichförmigen Bewegung keine Krait 
erforderlich sei. 

Nach dieser Ansicht von der Ursache der beschleu- 
nigten Bewegung gelangte Galilei nnn leicht zu dem Satz, 
dafs sich die Geschwindigkeiten wie die Zeiten verhalten: 

Er dachte sich nämlich, der fallende Körper erhalte 
in jedem Zeitpunkt seines Falles einen neuen Antrieb von 
der Schwerkraft, einen neuen Anwuchs von Geschwindig- 
keit, und zwar einen ebenso grofsen wie der, welchen er 
bereits im ersten Momente seines Falles erhalten hatte, 
und dafs sich dann dieser Anwuchs zu der Geschwindig- 
keit addire, welche der Körper bereits besitze. Gewifs ist 
dies die einfachste natürlichste Hypothese, die man machen 
kann, und sie wird auch vollkommen von der Erfahrung 
bestätigt. Aber der Satz bedarf auch der Bestätigung von 
Seiten der Erfahrung, ohne sie wäre er in der That nichts 



Galilei. 227 

als eine Hypothese, er gehört keineswegs zu denen, deren 
Richtigkeit sich a priori einsehen lälst. Er ist ein reiner 
Erfahrungssatz wie die meisten oder eigentlich alle physi- 
kalischen Gesetze. 

Der Satz, dafs ein fallender Körper während seines 
Falles in jedem Zeitpunkt einen ebenso groisen Zuwachs 
an Geschwindigkeit bekommt ^ als er im ersten Moment 
seiner Bewegung erhielt, setzt voraus, dafs der Geschwin- 
digkeitsgrad, den der &Uende Körper bereits besitzt, die 
Einwirkung der Schwerkraft auf den Körper nicht abändert. 
üb nun aber diese Voraussetzung richtig sei oder nicht, 
läist sich a priori nicht entscheiden. Wir sehen sogar in 
vielen Fällen das Gegentheil eintreten, z. B. überall da, 
wo em Körper seine Bewegung durch einen anderen be- 
reits bewegten Körper empfangt. 

Eine Kugel A die hinter einer anderen B herfliegt, 
ertheilt dieser einen um so gröiseren Stofs und folglich 
eine um so schnellere Bewegung, je kleiner die Geschwin- 
digkeit ist, welche diese bereits besafs. Ebenso wirkt der 
Wind auf die Flügel einer Windmühle oder die Segel 
eines Schiflä desto weniger ein, je gröfser die Schnelligkeit 
ist, welche die Flügel oder Segel schon besitzen. Ganz 
ebenso verhält es «sich mit der Wirkung des Wassers auf 
die Schaufeln eines Mühlrades. 

Dals es sich nun bei den Bewegungen, welche Körper 
dorch in distans wirkende Ejr&fte, namentlich durch die 
Schwerkraft, ganz anders verhält, dafs bei diesen die Ein- 
wirkung auf die Körper nicht von der Geschwindigkeit, 
welche diese bereits besitzen, abgeändert wird, davon läist 
sich die Noih wendigkeit nicht a priori einsehen; wir müs- 
sen daher zur Erfahrung greifen, um uns von der Wahr- 
heit des in Rede stehenden Satzes zu überzeugen. Das- 
selbe fühlte auch Galilei t und daher hielt er seinen Satz 
auch nicht eher fbr richtig, als bis er ihn durch Versuche 
bewährt gefunden hatte. 

Der Satz: die Geschwindigkeiten sind proportional 
den Fallzeiten (v:v' = t: t% läfst sich aber direkt nicht 

15* 



228 GaUlei. 

durch die Erfahrung nachweisen, weil es unmöglich ist 
die Geschwindigkeit eines fallenden Körpers in jedem Zeit- 
punkt zu messen, allein indirekt kann es geschehen, indem 
aus diesem Satz ein anderer abgeleitet werden kann, der 
einer unmittelbaren Bestätigung durch die Erfahrung 
fähig ist, nämlich der Satz, dafs die Fallräume wie die 
Quadrate der Zeiten sich verhalten: 

(ialilei leitete diesen zweiten Satz auf eine sehr ein- 
fache und anschauliche Weise aus dem ersten ab. Es 
stelle a c (Fig. 4) eine beliebige Fallzeit und a b irgend 
Y\a 4 einen Theil in derselben vor, femer seien 

durch die in b und c errichteten Senkrechten 
bV und cc die Geschwindigkeiten in diesen 
Punkten bezeichnet; dann wird, da sich die 
Geschwindigkeiten wie die entsprechenden 
Fallzeiten, d. h. bb' icc* = abiac verhalten 
sollen, der Endpunkt i' in der Linie ac* liegen 
müssen, und dasselbe gilt von jeder aufac 
errichteten Senkrechten, welche die Geschwindigkeit in 
ihrem Fulspunkt darstellt. Da nun in jedem Punkt von 
ab und ac eine solche Senkrechte anzunehmen ist, so 
wird die Summe aller Senkrechten die Dreiecke abV und 
acd geben, und wir erhalten A abV =z \bV . ab =^\tt 
und Aacc* = Jcc'.ac = Iv't', wenn unter v,v' wieder 
Geschwindigkeiten und unter t, t' Fallzeiten verstanden 
werden. Allein die Dreiecke repräsentiren als die Summe 
aller nach einander eingetretenen Geschwindigkeiten die 
vom fallenden Körper durchlaufenen Wege 8 und «', so 
dals man schliefslich erhalt: 

abb'iacc =::8:8 = ^vt:\vt'^ fi:t'^ 
wenn man statt v : v das gleiche Verhältnils t : t' setzt 

99. Der Satz 8:8 = t^ : t'^ könnte durch den freien 
Fall eines Körpers erwiesen werden; man brauchte dazu 
nur einen Körper von bedeutendem specifischen Gewicht 
aus einer beträchtlichen Höhe herabfallen zu lassen, und 
die Fallräume nebst den dazu gehörigen Fallzeiten genau 




Galilei. 



229 



zu messen. Allein die Geschwindigkeit fallender Körper 
ist auf unserer Erde sehr grols, so groXs, dals wenn ein 
richtiges Resultat erlangt werden soll, eine grofse Genauig- 
keit bei der Messung angewandt werden muls; eine Ge- 
nauigkeit, wie sie nur sehr schwer zu erreichen ist, und 
namentlich mit den Mitteln, die Galilei und seiner Zeit zu 
Gebote standen, ganz unerreichbar sein mufste. 

Allein Galilei wufste sich zu helfen und auf eine Art, 
die ebenso ehrenvoll für ihn als lehrreich für Andere ist. 
Er suchte nämlich nach einem Mittel die Fallgeschwindig- 
keit der Körper zu verlangsamen, und ein solches fand er 
nach einigem Nachdenken in der Anwendung der schiefen 
Ebene. Ehe er aber davon Gebrauch machen konnte, 
molste er untersuchen wie eine solche Ebene den freien 
Fall der Körper abändere. 

Dies that er mittelst des Pendels. Er hing eine Blei- 
kugel an einem Faden AP (Fig. 5) auf und lenkte sie bis 
B ab; losgelassen schwang sie nun durch den Bogen BP 

und stieg auf der andern 
Seite zu einer Höhe CE 
auf, die der, von welcher 
sie herabgefallen war, 
d. h. BD gleichkam. Nun 
verkürzte er den Faden 
bis a und lenkte die Ku- 
gel ab bis 6, so dafs bd 
= BD; liefs er sie jetzt 
los, so beschrieb sie den 
Bogen bP und stieg auf der anderen Seite bis c. Aber die 
Höhe ee vr€LT=bd=BD=^CE, Hieraus schlofs Galilei, die 
Kugel müsse in beiden Fällen in P eine gleiche Geschwin* 
digkeit erlangt haben, weil sie sonst nicht hätte bis zu der glei- 
chen Höhe ce= C£ ansteigen können. Er schlofs dann femer, 
es sei sehr wahrscheinlich, dafs dasselbe auch stattfände, wenn 
die Bogen BP^ bP in grade Linien übergingen, d. h. dafs die 
Körper beim Herabfallen auf verschiedenen schiefen Ebenen 
in einerlei Horizontalebene auch einerlei Geschwindigkeit 




230 Galilei. 

hätten, nämlich dieselbe, die sie in dieser Horizontalebene 
auch durch den senkrechten Fall erlangt haben würden. 

Dieser Schlufs galt offenbar nicht blofs f&r eine 
Horizontalebene DJE, sondern auch für jede andere, welche 
durch die schiefen Ebenen gelegt wird. Wenn aber ftr 
jede dieser Horizontalebenen die Geschwindigkeit beim 
Fallen auf den schiefen Ebenen ebenso grofs ist, als beim 
senkrechten Fall, so mufs nach dem Satz: 8 = \vt die 
Fallzeit in dem Mafse zunehmen, als die schiefe Ebene 
sich mehr gegen den Horizont neigt, weil sie in demselben 
Mafse an Länge zunimmt. Kurz, Galilei kam durch diese 
Schlufsfolgerung zu dem Resultat, dafs der Fall eines Kör- 
pers auf einer schiefen Ebene ganz nach dem Gesetz des 
freien Falls geschehe, also dal's auch hier 

nur mit dem Unterschied, dalis die Zeiten gröi'ser sind als 
für gleiche Fallhöhen beim senkrechten Fall. 

Nachdem Galilei dies Resultat gefunden, ging er ans 
Experiment. Er liefs eine 12 Ellen lange Latte auf der 
einen Seite mit einer Rinne versehen und stellte sie in 
geneigter Lage hin, so dafs die Höhe an dem erhobenen 
Ende ^i von der Länge der ganzen Ebene betnig. Eine 
in der Rinne herabrollende Kugel mufste also einen 12mal 
längeren Weg durchlaufen als sie beim freien Fall durch- 
laufen haben würde, um dieselbe Geschwindigkeit zu er- 
langen, oder anders gesagt, die Bewegung war 12mal 
verlangsamt. 

Die herabrollende Kugel war von Messing und polirt. 
und die Rinne, um sie recht glatt zu haben, mit Pergament 
ausgelegt. Zur Messung des Weges auf der schiefen Ebene 
war die Rinne mit einer Skala versehn, und in Ermange- 
lung einer Uhr wurde die Zeit durch die Gewichtsmenge 
von Wasser gemessen, die aus einem weiten Geftfs durch 
eine enge Oeffhung abflofs. Mittelst dieses ganz zweck- 
mäfsigen, obwohl nicht grade die letzte Genauigkeit ver- 
bürgenden Apparats, fand nun (Galilei durch wiederholte 



GaUlei. 231 

Messungen wirklich das aus seinen Schlüssen gefolgerte 
Gesetz 

bestätigt, fio dais also, wenn die Zeiten 
f = 1, 2, 3, 4 ... sind, die entsprechenden Fallräume 
« = 1, 4, 9, 16 . . . sich ergeben. 

Durch die Feststellung dieses Gesetzes war auch zu- 
gleich das andere femer liegende t> : t?' = e : t* bestätigt, und 
mithin waren denn auch die beiden bis dahin nur hypo- 
thetischen Sätze zu Erfahrungsdaten erhoben, also 

1) dafs ein fallender Körper während seines Falles in 
jedem gleich grofsen Zeitmoment einen gleich grofsen Zu- 
wachs an Geschwindigkeit bekommt; 

- 2) dafs die Schwerkraft auf ruhende Körper wie auf 
bewegte, wie grois auch deren Geschwindigkeit sein möge, 
mit gleicher Stärke einwirkt. 

Alle diese Wahrheiten fand Galilei schon 1602, aber 
durch den Druck veröffentlichte er sie erst 1638 in seineu 
Discarsi e demostraziom matematiche inUyi^o a due nuove 
»citnze attenenti alla meeanica etc, Leida 1638. Galüei hat 
sie zwar nicht in ganzer Schärfe bewiesen, aber doch so 
weit, dafs sie in hohem Grade als richtig erscheinen müssen, 
auch sind sie durch die schärferen und allgemeinen Me- 
thoden der späteren Mathematiker und Physiker nur be- 
stätigt worden. • 

Es ist librigens bei den angefTihrten Schlufsfolgerungen 
und Versuchen abgesehn vom Widerstand der Luft, und 
auch stillschweigend die Voraussetzung gemacht, dafs die 
Schwerkraft längs der ganzen Fallhöhe mit gleicher Stärke 
wirke. Der Widerstand der Luft konnte indefs von GfllUei 
vernachlässigt werden, weil er Körper von bedeutendem 
specif. Gewicht, nämlich Messing, anwandte, und sie nur 
eine verhältnifsmäfsig geringe Geschwindigkeit annehmen 
liefs, und was andererseits die Voraussetzung von der Kon- 
stanz der Schwere betriflt, so war auch die erlaubt, da die 
Körper von keiner grofsen Höhe herabfielen. An die Ab- 
nahme der Schwere mit der Höhe oder der Entfernung 



232 GaiileL 

Tom Erdmittelpunkt zu denken hatte Galilei keine Ver- 
anlassung. 

Der firüher angeführte Beweis, dafs der Fall auf einer 
schiefen Ebene sich aus den Pendelschwingungen ableiten 
lasse, und nach gleichem Gesetze erfolge wie der freie 
senkrechte Fall, ist Einwürfen ausgesetzt und wird schon 
deshalb gegenwärtig nicht gebraucht. Indefs auch Galilei 
blieb nicht bei demselben stehen, sondern suchte 1639 
einen anderen auf, den uns der Arzt Monconys in seinen 
Voyages etc., Paria 1695 aufbewahrt hat. Dieser Beweis 
ist ganz identisch mit dem heut gebräuchlichen, der auf 
einer Zerlegung der Kräfte beruht. 

Ist auf der schiefen Ebene ABC (Fig. 6) das volle Ge- 
wicht des Körpers iic, so ist der Theil, welcher den Körper 
längs AC hinabtreibt ^ ai, aber 

ac: ab ^ AC : AB = 1 :ÜXL'(. 
Da dieselbe Masse, welche beim freien senkrechten 
Fall durch die Kraft ac, das ToUe Gewicht des Körpers, 
Fi«. 6. angetrieben wird, hier aber nur durch 

ab ^= ac sin '^ angegriffen wird, so mui's 
offenbar die Bewegung längs ^C im Ver- 
hältnifs 1 : sin Y langsamer erfolgen als 
längs der Vertikalen. 

Umgekehrt, wenn durch Erfahrung 
oder Theorie nachgewiesen ist, dafs die Bewegung auf AC 
im Verhältnüs ACiAB oder 1 : sin ^ langsamer ist als 
längs AB^ so folgt, dals die Stärke der Kraft, welche auf 
dieselbe Masse wirkt, proportional ist der Geschwindigkeit. 
100. Aus den Gesetzen des Falles auf der schiefen 
Ebene leitete Galilei noch einige bemerkenswerthe Folge- 
rungen her. 

So zunächst, da(s in gleichen Zeiten die durchfallenen 
Wege auf der schiefen Ebene und in der Senkrechten sich 
verhalten wie AB -. AC (Fig. 6). Wenn man daher BD 
senkrecht auf AC zieht, so werden auch die Wege AB 
und ^D in gleicher Zeit zurückgelegt, denn ABiAC 
=^ AD : AB. — Indem er nim diesen Satz verallgemeinerte, 




GalüeL 233 

so folgerte er, dafs alle Sehnen eines Kreises in gleichen 
Zeiten durchfallen werden, nnd zwar in derselben Zeit, 
io welcher der Fall durch den senkrechten Durchmesser 
geschieht In der That, wenn man sich über AB einen 
Halbkreis geschlagen denkt, so wird derselbe durch den 
Punkt D gehen, und jede von A an den Kreisbogen ge- 
zogene Sehne wird dieselbe Eigenschaft besitzen wie AD^ 
d. h. eine Kugel wird längs der Sehne und längs AB in 
derselben Zeit sich bewegen. 

Auch aus den Gesetzen des freien Falles zog Galilei 
ein Paar interessante Schlüsse, nämlich: 

dafe die Wege, welche in gleich grofsen aufeinander 
folgenden Zeitabschnitten durchfallen werden, sich verhalten 
wie die ungraden Zahlen. Sind die 

Zeiten von Anfang 1, 2, 3, 4, 5 ... so sind 

die zugehörigen Wege. ... 1, 4, 9, 16, 25... mitbin die 
WegedersichfolgendenZeiten 1, 3, 5, 7, 9. 

Oalflei bewies dies geometrisch. Wenn in dem recht- 
winkligen Dreieck äff (Fig. 7) ab = bc = cd^de = e/ 
Fig. 7. gleiche Zeiten Torstellen und die Senk- 

rechten auf af wieder (s. § 98, Fig. 4) 
die jedem Zeitpunkt entsprechenden Ge- 
schwindigkeiten ^ so werden die Figuren 
abb\ bb'cc\ cc'dd' u. s.^w. die Fallräume 
in den sich folgenden Zeitabschnitten ver- 
sinnlichen, zugleich ist auch ersichtlich, 
^ dafs dieselben der Reihe nach in dem 
Verhältnifs 1:3:5:7 u. s. w. stehen. 

Ein anderer wichtiger SchluTs ist der, dafs wenn ein 
fallender Körper nach der Zeit t die Geschwindigkeit v 
erlangt hat, und nun die Schwerkraft plötzlich zu wirken 
aafhörte, der Körper mit der gleichförmigen Geschwin- 
digkeit V fortgehen und mit derselben in der Zeit t einen 
doppelt so grolsen Weg zurücklegen würde, als der Fall- 
raiim in der Zeit t betrug, oder kurz : die Geschwindigkeit 
ist in jedem Punkt doppelt so grofs als der bis dahin durch- 
tallene Raum, wobei die Dauer des Falles als Zeiteinheit 
zu nehmen ist. 




234 Galilei. 

Die Richtigkeit dieses Schlusses ergiebt sich leicht 
aus der Betrachtung der Figur 7. Ist ab die Zeiteinheit; 
bb' die Geschwindigkeit im Moment 6, so ist der vermöge 
dieser Geschwindigkeit im zweiten ebenso groXsen Zeittheil 
bc durchlaufene Raum das Parallelogramm b'c^ welches 
doppelt so grofs ist, wie der im ersten Zeitabschnitte be- 
schriebene Raum, nämlich das Dreieck abb*. Ist der Körper 
zwei Zeittheile hindurch gefallen, so hat er die Geschwin- 
digkeit cc' erlangt, und mit dieser abermals zwei Zeittheile 
gleichförmig fortgehend, würde er das Parallelogramm ce 
beschreiben, welches doppelt so grofs ist, als das durch 
den freien Fall entstandene Dreieck acc. In ähnlicher 
Weise läfst sich überall der in Rede stehende Nachweis 
fuhren. 

101. Wichtiger noch als die eben genannten Sfitze 
ist die Auflösung eines Problems, zu welchem GalQei eben- 
falls in Folge der Fallgesetze geleitet wurde. Es war dies 
das Problem von der Bahn geworfener Körper, über wel- 
ches man zu seiner Zeit so verkehrte Vorstellungen hatte, 
und an dessen Lösung selbst der Scharfsinn eines Tartaglia 
gescheitert war (§ 56). Die Auflösung, welche Galilei gab, 
war freilich auch keine allgemeine, und auch insofern von 
keinem direkten Nutzen ftkr die praktische Ballistik, als er 
bei der Wurfbewegung nur den ideellen Fall einer Be- 
wegung im luftleeren Raum betrachtete, aber diesen Fall 
fafste er doch in seinen Hauptzügen richtig auf. 

Alle die Sätze, welche die Theorie der Wurfbewegung 
im luflleeren Raum einschliefst, und welche eine so allge- 
meine Anwendung in der ganzen Mechanik finden, alle 
diese verdanken wir Galilei: 

1) dafs jeder Körper, er ruhe oder bewege sich, in 
diesem Zustand beständig verbleiben müsse, so lange er 
nicht durch eine Ursache, Kraft, aus demselben versetzt 
werde. Dies ist das berühmte Gesetz der Trägheit, von 
dem Keppler nur die erste Hälfte erkannte, dafs nämlicb 
ein ruhender Körper nicht von selbst in Bewegung ge- 
rathen könne (§71); 



Galilei. 235 

2) dals jede Veränderung in der Geschwindigkeit und 
Richtung der Bewegung durch eine bewegende Kraft ge- 
schehe und ihr proportional sei; 

3) dafs, wenn gleichzeitig zwei gleich grofse Kräfte in 
diametral entgegengesetzten Richtungen auf einen Körper 
wirken, derselbe in Ruhe bleibe; 

4) da&, wenn diese entgegengesetzten Kräfte ungleich 
grofs sind, eine Bewegung erfolgt in Richtung der grölseren 
Kraft und zwar proportional ihrem Ueberschufs; und endlich 

5) dafs, wenn gleichzeitig zwei Kräfte auf einen Kör- 
per wirken, die einen Winkel miteinander machen, der 
Körper die Diagonale eines Parallelogramms durchläuft, 
dessen Seitenlinien die Richtung und Gröfse der beiden 
Kräfte vorstellen, und dafs er diese Diagonale in derselben 
Zeit durchläuft, in welcher er die eine oder andere Seiten- 
linie durchlaufen haben würde. Dies ist der so überaus 
wichtige Satz vom Parallelogramm der Kräfte, oder wie 
man heutigen Tages auch sagt, von der Zusammensetzung 
und Zerlegung der Kräfte. 

Was den letzten Satz betrifft, so ist freilich nicht zu 
läognen, dass sich einige dunkle Andeutungen oder spe- 
cielle Anwendungen von demselben schon vor Oalilei nach- 
weisen lassen, sogar schon bei Aristoteles in seinen Quaest. 
mechan. fOr den Fall der Rechtwinkligkeit der Kräfte; 
ferner bei Fraeastoro in dessen Werk De atelUa^ welches 
1540 erschien (§ 57), endlich bei Simon Stevin, einem in- 
geniösen holländischen Mathematiker und Zeitgenossen 
UalQefs. Stevin, den ich künftig noch näher betrachten 
werde (s. § 107), hat 1586 zu Leyden ein Werk unter 
dem Titel: De Beghinselen dei^ Weegkonst herausgegeben, 
worin allerdings der Satz ausgesprochen wird, dafs drei 
Kräfte einander das Gleichgewicht halten, wenn sie in 
Gröfse und Richtung sich wie die Seiten eines Dreiecks 
verhalten. Denkt man sich nämlich das Dreieck zu einem 
Parallelogramm ergänzt, so erkennt man sogleich Galilers 
Parallelogramm der Kräfte, in welchem die Diagonale die 
pine Dreiecksseite ist, welche die Resultirende der beiden 



236 Galilei. 

andern vorstellt, und wenn sie in derselben Grröise ent- 
gegengesetzt genommen wird, Gleichgewicht hervorbringt. 

Allein es ist wohl dabei zu bemerken, dafs Stevii 
diesen Satz, den er übrigens nicht bewiesen hat, immer 
nur in statischer Beziehung ins Auge falst. Er sagt nie- 
mals, dals die eine dieser drei in Gleichgewicht stehenden 
Kräfte, wenn sie allein wirkte, eine Bewegung hervor- 
brächte, die von gleicher Gröfse und entgegengesetzter Rich- 
tung wäre wie die, welche die beiden anderen Kräfte her- 
vorbringen würden. 

102. Keiner von den Vorgängern Galflefs auf diesem 
Felde hat demnach die Bedeutung des Satzes vom Parallelo- 
gramm der Kräfte vollständig aufgefafst, und denselben 
zur Erklärung zusammengesetzter Bewegungen angewandt. 
Dieses Verdienst gebührt allein Galilei, und daher muüs er 
mit Recht als der wahre Entdecker dieses ftir die gesammte 
Mechanik so fruchtbaren Satzes angesehen werden. Mittelst 
dieses und der vorhin genannten Sätze gelang es nun 
Galilei die Bahn geworfener Körper zu bestimmen, und 
somit zugleich den schon etwas komplicirten Fall der Zu- 
sammensetzung zweier Bewegungen zu lösen, von deneo 
die eine gleichförmig und die andere beschleunigt ist. 

Drei Principien waren es, welche Galilei bei der Lfosung 
seines Problems zu Grunde legte: 

1) dals der geworfene oder abgeschossene Körper, so- 
bald keine Schwerkraft auf ihn wirkt, in grader Linie in 
Richtung des Wurfs oder Schusses mit gleichförmiger Ge- 
schwindigkeit fortfliegen werde und zwar unaufhörlich, 
wenn der Widerstand der Luft und andere Hindernisse 
ihn nicht zur Ruhe bringen; 

2) dafs die Schwerkraft auf den geworfenen oder ab- 
geschossenen Körper genau ebenso wirke, wie auf einen 
ruhenden oder frei losgelassenen. Er nahm also an, daß 
eine von einem Thurm horizontal abgeschossene Kugel 
genau in eben der Zeit den Boden erreichen werde, wie 
eine frei senkrecht herabfallende, entgegengesetzt der vul- 
gären Meinung, die man noch heute von Unkundigen aus- 



Galilei. 237 

sprechen hört, daCs auf eine solche Kugel die Schwere 
nicht einwirke; 

3} dafs beide Bewegungen, die gleichförmige Wurf- 
bewegong und die beschleunigte Fallbewegung sich gemäfs 
dem Prindp der Zusammensetzung der Klräfte in jedem 
Augenblick miteinander kombiniren, und so eine krumm- 
linige Bewegung erzengen. Es ist klar, dafs auf diese 
Weise eine Kurve entsteht, in welcher die gleichförmige 
Bewegung durch horizontale Ordinaten y dargestellt wird, 
deren Längen den Zeiten proportional sind, die also fCLr 
die Zeitabschnitte 1, 2, 3 . . n das VerbfiltniTs 1, 2, 3 ... n 
haben, während die vertikalen Abscissen w die Fallräume 
rorstellen, welche sich wie die Quadrate der Zeiten oder 
Ordinaten verhalten. Daraus folgt, dafs y^ ^ j>x ist. Dies 
i^ aber die Gleichung der Parabel, deren Scheitel im An- 
fangspunkt der Bewegung liegt, und die Vertikale dieses 
Punktes zur Aze hat. 

Hierbei wurde vorausgesetzt, dafs der Körper in hori- 
zontaler Richtung abgeschossen sei; es ist dies der ein- 
fachste Fall der Wurfbewegung, und diesen behandelte 
Galilei auch am ausführlichsten. Allein er zog auch den 
komplicirteren in Betracht, wenn der Körper schief in die 
Höhe geworfen wird, und zeigte, dafs dadurch im Wesent- 
lichen nichts geändert wird, dafs der Körper auch dann 
noch eine Parabel beschreibt, nur dafs diese eine andere 
Lage bekommt 

Femer zeigte er, dals wenn ein Körper mit einerlei 
Kraft aber unter verschiedenen Winkeln in die Höhe ge- 
schossen wird, die Wurfweiten verschieden sind, bei einer 
Elevation von 45^ ihr Maximum erreichen, und bei gleichen 
Winkeln ober- oder unterhalb 45^ um eine gleiche Gröfse 
kleiner sind. Man vergleiche damit Tartaglia (§ 56). 

Endlich zog Galilei bei dieser Gelegenheit den Fall in 
Betracht, wo ein Körper senkrecht in die Höhe geschossen 
wird, und dies f&hrte ihn auf die Untersuchung der gleich- 
förmig verzögerten Bewegung. Er fand ganz richtig, dafs 
wenn ein Körper z. B. mit der Geschwindigkeit von 150 Fufs 



238 Galüei. 

pro Sekunde senkrecht in die Höhe geschossen wird, und 
die Schwerkraft ihm nach Ablauf jeder Sekunde eine Ge- 
schwindi^eit von 30 Fufs einprägt, alsdann der Körper 
5 Sekunden lang steigen wird, weil nach dem Satz: 
V iv' =^ 1 1 t' die Fallgeschwiiid]|^eit nach 5 Sekunden 
5 . 30 = 150 Fufs oder gleich der Wiir%e8chwindigkeit 
sein wird. 

Es ist leicht daraus die Höhe zu berechnen, welche 
der Körper erreichen wird. Bezeichnen wir die Geschwin- 
digkeity welche ein fallender Körper am Schluls der ersten 
Sekunde erlangt, mit ^, femer mit c die Wur%esch windig- 
keit, so ist die Dauer des Steigens ^ = — , im obigen Bei- 

spiel ^ -— . In der Zeit t würde der Körper, wenn die 

Schwere nicht wirkte, bis zu der Höhe h = et steigen, da 
er aber in dieser Zeit durch den Raum s = Igt^ fällt, um 
diesen Betrag ihn also die Schwere herabzieht, so erhebt 
er sich in Wirklichkeit nur auf h = et — \gt^; das giebt 

für vorstehendes Beispiel A = 150 . 5 — ^ . 25 = 375 Fuls. 

103. Eine zweite Hauptanwendung, die Galilei von 
den Fallgesetzen machte, war die Ermittlung der Pendel- 
bewegung. Wiewohl Oalüei hier nicht ganz so glücklich 
war, wie bei den bereits erwähnten Untersuchungen, so 
mufs er doch unstreitig als der Schöpfer der f&r die Physik 
und Mechanik gleich wichtigen Lehre von der Pendel- 
schwingung angesehen werden. Ihm verdanken wir nament- 
lich folgende Theoreme: 

1) dals das Gewicht eines Pendels keinen Einflofs 
auf die Dauer seiner Schwingungen habe. — Das war 
eben der Satz, durch welchen Galilei, wie oben erwähnt, 
auf die Unrichtigkeit des aristotelischen Satzes von dem 
Einflufs des Gewichts auf den freien Fall der Körper ge- 
führt ward, denn er sah ein, dafs das Schwingen ein' Fallen 
längs eines Kreisbogens sei, dieses wiederum ein Fallen 
längs einer Reihe schiefer Ebenen, und letzteres dem freien 
Fall analog sei; 



GaUiei. 239 

2) cbUk die Dauer der Sohwingimgen eines Pendels 
TOD dessen L&nge abhänge, und zwar dafs, wenn die 
Langen zweier Pendel l und l und die entsprechenden 
Schwingungszeiten t und t' sind, diese sich wie die Qua* 
dratwurzeln aus den Längen verhalten, also 

t:t' = VT: VF oder fi:^* = l: l\ 
Er schlols dies aus dem Fall der Körper auf der schiefen 
Ebene, wo sich die Fallzeiten wie die Quadratwurzeln aus 
den Höhen verhalten (§ 99). Bei Pendeln verhalten sich 
aber die Höhen ähnlicher Bogen wie die Halbmesser der 
Bogen oder Längen der Pendel, und daraus folgt dann, 
dafs sich die Schwingungszeiten wie die Quadratwurzeln 
ans den Pendellängen verhalten. 

Ans dieser Herleitung ersieht man, dais Galilei voraus- 
setzte, die beiden mit einander verglichenen Pendel be- 
schrieben ähnliche Bogen oder seien um gleiche Winkel 
aas der Vertikalen abgelenkt, und in der That ist dies 
äQch die Bedingung, unter welcher allein fbr die Schwin- 
gungen zweier Pendel der Satz gilt: 1 1 i =^Vl i Vt^ falls 
nicht etwa die Schwingungen beider sehr klein sind. Der 
Grund hiervon ist bekanntlich der, daüs die Schwingungen 
eines und desselben Pendels je nach ihrer Schwingungs- 
weite eine verschiedene Dauer haben, die kleineren eine 
kürzere als die gröfseren. 

Schon Galilei scheint dieses gewufst zu haben. Ein- 
mal gebt dies aus der Art hervor, wie er den Satz: 
t:i s=z VT: Vi beweist, und dann versichert sein Sohn 
Vineenxo in den Schriften der Äccademia del Cimento, 
da& sein Vater dies bereits im J. 1583 bei seinen ersten 
Versuchen beobachtet habe. Indefs hat doch Oalilei keinen 
Versuch gemacht zu bestimmen, wie sich bei einem und 
demselben Pendel die Dauer der Schwingungen mit deren 
Greise verändere. 

Den Satz t:t' :==VT:VT gebrauchte übrigens Galilei 
schon in Pisa, um zum Staunen seiner Zuhörer die Höhe 
des Gewölbes im Dom daselbst aus der Dauer der Schwin- 
gungen der daran hängenden Kronleuchter zu berechnen. 



240 GalUei. 

3) Der dritte Satz endlich, den wir Oalilei Aber die 
Pendelbewegang verdanken, ist ein KoroUar von dem 
vorigen und heifst: Wenn n und n' die Anzahl der Schwin- 
gungen sind, die zwei Pendel in derselben Zeit t voll- 
bringen, so ist: 

1 1 
Vi Vf ' 

denn da, wenn t und t' wieder die Dauer einer Schwingung 
bezeichnen, 

n = — und n' = ^ , so ist auch — : — = I^Z : Vr, 

In der letzten 2^it seines Lebens bescbAftigte sich 
Galilei auch damit das Pendel als ein Instrument zum 
Messen der Zeit anzuwenden, und nach seinem Tode f&hrte 
sein Sohn Vincenzo, wahrscheinlich nach des Vaters Idee, 
im J. 1G49 ein Instrument aus, welches man einigermaTsen 
eine Pendeluhr nennen könnte; aber wie man es anzu- 
fangen habe, damit es den Dienst der Zeitmessung gehörig 
verrichte, das aufzufinden gelang ihm doch nicht. 

Er sah wohl ein, dais ein zum Schwingen gebrachtes 
Pendel seine Bewegung bis ins Unendliche fortsetzen 
wQrde, wenn keine Reibung unter der Axe und kein Luf\* 
widerstand vorhanden wäre, aber er war nicht so glflck- 
lieh ein Mittel zu ersinnen, um diese Hindemisse aus dem 
Wege zu r&umen, und so die Schwingungen beliebig lange 
zu unterhalten. In der sogenannten Pendeluhr, die Till- 
cenzo der Sohn beschrieb, war das Pendel selbst der Er- 
reger der Bewegung. Es griff beim Schwingen mittelst 
Haken in ein Rad, an welchem ein Zeiger befindlich war, 
der dadurch im Kreise herumgeführt wurde. E^ne solche 
Uhr konnte natürlich nicht lange in Gang bleiben. 

Die glückliche Idee das Pendel als Regulator eines 
durch Gewichte in Bewegung gesetzten Räderwerks zu 
benutzen und somit eine wahre Pendeluhr darzustellen, 
diese gehört ohne Widerrede ganz allein dem gro&en 
holländischen Physiker Hnyghens an, wie ich späterhin 
näher erörtern werde. 



Galilei. 241 

104. Fassen wir die bisher auseinandergesetzten Lei- 
stungen Clalilers nochmals kurz zusammen, so sehen wir, 
(laä wir ihm folgende Bereicherungen der Wissenschaft 
verdanken : 

Richtige Vorstellungen über die Bedingungen zur 
gleichförmigen und zur beschleunigten Bewegung; 

den Begriff der Trägheit der Materie, volistfindiger 
als ihn Keppler auffaTste; 

die Gesetze des freien Falles der Körper; 

den Satz von der Zusammensetzung oder Zerlegung 
der Kräfte oder vom sogenannten Parallelogramm der 
KrSfte, obwohl noch nicht in allgemeinster Form; 

die Gesetze des Falles auf einer schiefen Ebene; 

die Gesetze der Wurfbewegung, jedoch ohne Rück- 
sicht auf Luftwiderstand ; 

die Grundzüge der Lehre von der Pendelschwingung. 

Zu diesen die Fundamente der heutigen Mechanik 
begründenden Leistungen kann man noch zählen die erste, 
wenngleich noch beschränkte, Aufstellung des später so 
berfihmt gewordenen Satzes von der virtuellen Geschwin- 
digkeit. 

Unter virtueller Geschwindigkeit versteht man die- 
jenige, welche ein Körper, der im Gleichgewicht ist, an- 
nimmt oder anzunehmen geneigt ist im ersten Moment, 
da das Gleichgewicht gestört wird. Det* Satz von der 
virtuellen Geschwindigkeit sagt nun, dafs die Kräfte oder 
Potenzen, welche auf einen Körper wirken, im Gleichge- 
wicht sind, wenn sie sich verhalten umgekehrt wie die 
virtuellen Geschwindigkeiten, zerlegt nach den Richtungen 
dieser Kräfte. 

Am einfachsten ist die Sache beim Hebel. Man denke 
sich einen ungleicharmigen Hebel, an dessen Enden die 
Kräfte L und K wirken ; dieselben werden im Gleichge- 
wicht sein, wenn sie sich verhalten umgekehrt wie die 
Hebelarme, an denen sie wirken. Eine Folge dieses 
Gleichgewichts ist, dais wenn man dem Hebel eine kleine 
Bewegung mittheilt, das Gewicht K einen Weg beschreibt, 

Poggendorff, Ge«ch. d. Physik. JQ 



242 Galilei. 

der eich za dem Ton L beschriebenen Weg yerhält wie 
L zu iBT, und weil dies der Fall ist, darum sind die Kr&fte 
L und K im Gleichgewicht. Dies ist es, was flalilei ein- 
sah und darum auch die Wahrheit erkannte, 'dais das, 
was in jeder Maschine an Kraft gewonnen wird, an Zeit 
wieder verloren geht, so dafs das Produkt aus der Kraft 
in die Zeit eine konstante Gröfse ist. 

In seinem Werke DeUa acienza meeanica etc. war es, 
wo Galilei das Princip der virtuellen Geschwindigkeit als 
eine allgemeine Eigenschaft des Gleichgewichts der Ma- 
schinen bezeichnete. Dies Werk erschien gedruckt erst 
40 Jahre nach seiner Abfassung, und zwar französisch 1634 
durch Mersenne, und gar erst 7 Jahre nach seines Ver- 
fassers Tode 1649 italienisch. 

Es ist bemerkenswerth, dafs sich die erste Andeutung 
zu diesem Satz schon bei Aristoteles findet, und es ist 
dies eine der wenigen richtigen Ansichten, die er in der 
Mechanik ausgesprochen hat. Der Gegenstand findet sich 
nicht in seinen mechanischen Fragen, sondern in seiner 
Physik, wo er sagt, dafs Kräfte (Potenzen oder bewegte 
Massen) gleich viel wirken, wenn sie sich umgekehrt ver- 
halten wie ihre Geschwindigkeiten. Hat man zwei Körper, 
etwa Kugeln mit den Massen ^ = 1 und jB = 8 und den 
Geschwindigkeiten respektive a = 8 und ä = 1, so prägt 
jede einer dritten Kugel dieselbe Gesch:^ndigkeit ein. 
Hängt man diese Korper an einen ungleicharmigen Hebel 
auf, dessen Arme sich wie 1 : 8 verhalten und zwar B 
an den kürzeren, so halten sie einander das Gleichgewicht, 
weil wenn man den Hebelarm ein wenig dreht, die ein- 
fache Masse A einen achtmal so grofsen Weg beschreibt 
als die achtfache Masse B. 

Die Verknüpfung des zweiten Satzes mit dem ersten 
kannte aber Aristoteles noch nicht, dazu bahnt« erst Galilei 
den Weg. ^) 

105. Das bisher Angef&hrte möchte das Wichtigste 
sein, was wir Galilei in der eigentlichen Mechanik ver- 



Montacla, HieL des math. 11, 182. 



Galilei. 24a 

danken. In Bezug auf die Fallerscheinungen habe ich 
noch zu bemerken, dals Oaillei sich dabei nur das Studium 
der Fallgesetze, der Wirkungen der Schwerkraft zur Auf- 
gabe gemacht hatte, auf die Ursache der Schwerkraft aber 
nicht einging aus dem einfachen Grunde, weil wie er sagte 
wir darüber nichts wissen könnten. Auch nahm er nicht 
Rücksicht auf die Veränderungen der Schwerkraft, die er 
als eine konstante £[raft ansah, da er nur die Wirkungen 
derselben an einem Punkt der Erdoberfläche in Betracht zog. 

Die Frage, ob die Schwerkraft an verschiedenen 
Punkten der Erdoberfläche und in verschiedenen Höhen 
über derselben gleich grofs sei oder nicht, diese Frage 
liefe er noch ganz aufser Betracht. So kam es ihm denn 
auch noch nicht in den Sinn die Bewegungen der Planeten 
und der Erde um die Sonne als Wirkungen der Schwer- 
kraft anzusehen. Ja selbst die Erscheinungen der Ebbe 
und Fluth, die bereits Keppler und vor ihm weit specieller, 
wenn auch mit IrrthOmern untermischt, Stevin als her- 
rührend von der Anziehung des Mondes nachgewiesen 
hatten, verkannte GfaHlei gänzlich, indem er sie von der 
Schwungkraft der Erde herleitete. Er glaubte bei der 
schnellen Bewegung der Erde um ihre Axe und um die 
Sonne könne das Wasser dem festen Kern nicht in gleichem 
Malse folgen, es häufe sich daher an der Hinterseite an, 
etwa so wie Wasser in einem offenen Geftlfse, welches 
schnell nach der Linken bewegt wird, sich an der rechten 
Seite anhäuft. Stevin dagegen war der Meinung, weil wir 
alle 24 Stunden zwei Fluthen haben, es sei nicht blofs 
der Mond, sondern auch ein ihm gegenüberliegender Punkt, 
der das Wasser anzieht. 

Uebrigens war Galilei, wie wir aus seinen Lebens- 
schicksalen zur Genüge wissen, ein Anhänger des kopemi- 
kanischen Systems, das aber von den Ursachen und Ge- 
setzen der himmlischen Bewegungen noch keine Rechen- 
schaft zu geben wufste. 

Bei allen seinen Untersuchungen über die Fall- und 
Wurfbewegung der Körper hatte Galilei vom Widerstand 

1^* 



244 GalÜei. 

der Luft abgesehen, obgleich er den Einfiuis der Luft auf 
diese Bewegungen sehr wohl kannte, und sogar ein Mittel 
angab den dadurch erzeugten Widerstand zu messen. Sein 
Vorschlag bestand darin, dafs man nach- einander zwei 
Flintenkugeln senkrecht herab gegen eine eiserne Platte 
schiejGBen solle, die eine aus einer Höhe von einigen Ellen, 
die andere aus einer Höhe von 100 und mehr Ellen. Er 
vermuthete nun, die letztere werde weniger platt geschlagen 
sein als die erstere, ungeachtet bei ihr die Schuisgeschwin- 
digkeit noch durch die Einwirkung der Schwere vermehrt 
worden sei, weil nämlich der Widerstand der Luft die 
Bewegung gehemmt habe. 

(lalilei selbst lieXb es bei dem Vorschlag bewenden, 
aber die Mitglieder der Accademia del Cimento, die gröfsten 
Theils seine Schüler waren, ftihrten den Versuch aus und 
fanden, wie zu erwarten, die Vermuthung ihres Lehrers 
bestätigt. 

Schlielslich möge nicht unerwähnt bleiben, dafs Galilei 
auch über den Stofs der Körper ein Werk geschrieben 
haben soll, das verloren gegangen ist. Man darf dies 
wohl glauben, da es bekannt ist, dafs Galilei Stofs und 
Druck als inkommensurabel ansah. ^) 

106. Auch in der Hydrostatik und Hydro- 
dynamik hat Galilei Spuren seiner Thätigkeit hinter- 
lassen. Abgesehen davon, da(s er eine hydraulische Ma- 
schine erfand, auf die ihm 1594 der Doge von Venedig 
ein 20 jähriges Privilegium ertheilte *), wandte er sich auch 
der theoretischen Seite dieses Theils der Mechanik zu. 
Ihm verdankt man nämlich über die innere Beschaffenheit 
der Flüssigkeiten diejenige Ansicht, die im Wesentlichen 
noch heut zu Tage bei allen mathematischen Unter- 
suchungen zum Grunde gelegt wird. 

Er dachte sich die Flüssigkeiten als bestehend aus 
kugelförmigen Theilchen, die wie die Theilchen starrer 

*) Libri, üist. des ec. math. IV, 285. 
») Libri, ibid. IV, 1»7. 



GaHlei. 245 

Körper der Schwerkraft unterworfen seien, die aber eine 
grobe Beweglichkeit besitzen, und daher dem geringsten 
Drucke nachgeben. Wegen dieser Beweglichkeit, schlois 
er, üben die FlQssigkeiten nach allen Seiten hin einen 
gleichen Druck aus, und damit erklärte er denn ver- 
schiedene Erscheinungen, die vom Druck der Flüssigkeiten 
herrühren, recht befriedigend, ohne etwas von den Arbeiten 
seines Zeitgenossen Stevin zu kennen. 

Zu seinen Leistungen im Gebiet der Hydrostatik ge- 
hört auch noch die Erfindung der Bilancetta, einer sinn- 
reich erdachten hydrostatischen Schnellwage, um mit der- 
selben ähnliche Probleme zu lösen, wie das bekannte 
archimedische mit der Krone des Königs Hiero. Die Bi- 
lancetta bestand aus einem ungleicharmigen Wagebalken, 
an dessen längerem Arm ein Laufgewicht und an dem 
kürzeren der zu untersuchende Körper angebracht war, der 
in der Luft und unter Wasser durch die Vorrichtung sich 
wägen, und dadurch seinen Gewichtsverlust im Wasser 
bestimmen liefs. 

Aus dem Zweck, den Galilei damit erreichen wollte, 
ist ersichtlich, dafs ihm die Zusammenziehung der Metalle 
bei ihrer Verbindung unbekannt war, und dafs sich also 
das specifische Gewicht einer Legining nicht aus dem 
specifischen Gewicht ihrer Bestandtheile finden läfst, wenig- 
stens nicht genau, sondern auf diese Weise ermittelt in 
der Regel zu klein ausf&llt. Olanber war der erste, der 
nach seiner Angabe in den Furni novi phüosophiciy Am" 
9ttlodami 1661 die Zusammenziehung einer Legirung aus 
Kupfer und Zinn beobachtete. 

107. Die Leistungen fifalilei^s in der Hydrostatik 
bieten mir wohl die schicklichste Gelegenheit von den Ver- 
diensten eines seiner Zeitgenossen zu reden, dessen ich 
schon einigemal beiläufig erwähnte, und dessen Name rühm- 
lich neben dem des grofsen Florentiners genannt werden 
kann. Ich meine den Niederländer Sterin. 

Simon Stevin ward geb. 1548 zu BrQgge in Flandern 
und starb als Deichinspektor 1620 zu Leyden. Er hiefs 



246 Sterin. 

eigentlich Steven oder vielmehr Stevens, woraus latinisirt 
Stevinus und abgekürzt Stevin geworden ist. Wir besitzen 
zwei Werke von ihm, 1) De BeghinseUn der WeegkonaU 
Leyden 1586 ^ und 2) eine vollständige Sammlung seiner 
Schriften nach seinem Tode in französischer Sprache er- 
schienen: Lee Oeuvres mathematdque» de. Simon Stevin^ Ley- 
den 1634. Beide bekunden ihn als einen Mann von viel- 
seitigen Kentnissen in den mathematischen Wissenschaften, 
und was mehr ist, als einen Mann von richtigem Blick 
und originellen Gedanken. 

Ich habe bereits erwähnt (§ 101), dals Stevin nahe 
daran war den wichtigen Satz vom Parallelogramm der 
Kräfte zu entdecken, oder vielmehr er hat ihn entdeckt, 
aber freilich nur in Bezug auf dessen Geltung für die 
Statik, indem er aussprach, dafs drei Kräfte einander das 
Gleichgewicht halten, wenn sie sich in Gröfse und Sich- 
tung wie die Seiten eines Dreiecks verhalten. Der Beweis, 
den er von diesem Satz gab, ist freilich nicht zulässig, 
aber doch originell. Er sagte, wenn dieser Satz nicht 
gelte, so würde, wenn man sich um ein Dreieck mit hori- 
zontaler Basis eine Kette geschlungen denkt, diese immer- 
fort im Kreise herumlaufen, was anzunehmen widersinnig 
sei. Eigentlich bewies er damit nur, dafs zwei Lasten, 
die auf den schrägen Seiten eines Dreiecks mit horizon- 
taler Basis liegen, einander das Gleichgewicht halten, wenn 
sie sich wie die Seiten dieses Dreiedks verhalten. Sind 
Fig. 8. OL und p Fig. 8 die Winkel an 

der horizontalen Basis des Drei- 
ecks , A und B die ihnen gegen- 
überstehenden Seiten, p und q 
zwei Lasten, die mit den Kräf- 
ten p sin a und q sin ß auf den 
schleifen Ebenen herabzugleiten streben, so ist im Fall de^ 
Gleichgewichts 

p sin a = g sin ß, und überdies 
B ein a = A sin ß, woraus = "j ■ 




StoTin. 247 

108. Wichtiger und bleibender sind seine Verdienste 
um die Hydrostatik. Wenn man nicht schon Arehimeies 
als den GrQnder dieses Zweiges der Mechanik ansehen 
will, so mnfs man diese Ehre auf Stevin übertragen, wenig- 
stens hat keiner zunächst nach dem berühmten Geometer 
des Alterthums die Hydrostatik mit so fundamentalen Lehr- 
sätzen bereichert als eben Stevin. 

So zuvörderst verdankt man ihm den Satz, dafs der 
Druck des Wassers auf den Boden eines Gef&Tses unab- 
hängig von der Gestalt des Gefälses sei, und nur bedingt 
wird von der Höhe, welche das Wasser in dem GefäTse 
einnimmt. Er bewies diesen Satz sowohl durch Baisonne- 
ment als durch Experiment, und auf letzterem Wege so- 
wohl fbr den Druck von oben nach unten als von unten 
nach oben. Er nahm Gefaise mit senkrechter und m|t nach 
oben verengter Wandung, und füllte sie gleich hoch mit 
Wasser; brachte er dann eine Scheibe, die an einem Wage- 
balken hing, auf den Boden der Gefälse, so erforderte die 
Hebung der Platte stets dasselbe Gegengewicht, gleichviel 
ob das GefaTs überall dieselbe Breite hatte oder sich nach 
obenhin so weit zusammenzog, dafs der Wasserspiegel eine 
kleinere Fläche hatte als die Scheibe. Um auch den Druck 
der Flüssigkeit nach oben zu bestimmen, versenkte er 
Röhren, gegen deren untere Oefihung Bleiplatten geprefst 
wurden, so tief, bis das Wasser durch seinen Druck nach 
oben das Abfallen verhinderte, und konstatirte nun, dafs 
der Auftrieb ebenso grofs sei wie der Druck abwärts in 
derselben Tiefe, nämlich gleich dem Gewicht einer Wasser- 
säule, deren Basis gleich dem Gefäfsboden und deren Höhe 
der Abstand des Bodens vom Wasserspiegel ist. 

Vollständiger noch fQhrte er den Beweis durch kom- 
municirende Röhren mit und ohne Ventil. Dafs Flüssig- 
keiten in kommunicirenden Röhren von ungleicher Weite 
gleich hoch stehen, ist übrigens der einfachste und sicherste 
Beweis. Auf diese Weise, sagte Ste?fai, könne 1 Pfund 
Wasser im engen Rohr gegen einen Verschlufs im weiten 
mehr wirken als hunderttausend Pfund; er hatte also die 



248 Stevin. 

Wirkung der hydraulischen Presse richtig erkannt, nämlicL 
dafs man mit einer kleinen Wassermasse einen sehr hohen 
Druck ausüben kann.^) 

Eine andere hydrostatische Aufgabe, die Stevin löste, 
ist die Bestimmung des Drucks, den Wasser auf die ebene 
vertikale Seiten wand eines parallelepipedischen Oefä&es aus- 
übt. Er fand ihn richtig gleich dem Druck eines Wasser- 
prismas, dessen Grundfläche gleich der Wand und dessen 
Höhe gleich der halben Wasserhöhe in dem GefiUse ist — 
Sein Beweis kommt auf eine Art Differential - Rechnung 
hinaus und gründet sich darauf, dafs in einer rahenden 
Flüssigkeit an jeder Stelle der horizontale Druck dem ver- 
tikalen gleich ist. Stevln denkt sich nun das an der senk- 
rechten Geftfswand befindliche Wasser in unendlich viele 
wagerechte Schichten getheilt, welche alle die Breite der 
Wand = b haben, von denen aber jede so lang ist wie ihre 
Tiefe unter dem Wasserspiegel. Es müssen diese Streifen 
also nach unten stetig länger werden und zusammen auf 
einem Vertikalschnitt wie ein rechtwinkliges Dreieck er- 
scheinen, in welchem Höhe und Grundlinie gleich sind, 
und das, wenn h die Höhe bezeichnet, den Flächenin- 
halt h . -^ hat. Dieser mit b multiplicirt giebt das den 

Druck bestimmende Wasserprisma bh . 3A. ^) 

Ferner bestätigte Stevin die von Arehimedes gefun- 
denen Sätze: 

1) dafs ein Korper in Wasser getaucht soviel an Ge- 
wicht verliert, als das Gewicht des verdrängten Wassers 
beträgt ; 

2) dafs bei schwimmenden Körpern der Raum des 
eingetauchten Theils mit Wasser gefällt gerade so viel 
wiegt wie der ganze Körper; aber er fbgte diesen Sätzen 
auch noch zwei neue und wichtige hinzu: 

1) dafs der Schwerpunkt eines schwimmenden Kör- 
pers und der eingebildete Schwerpunkt der Wassermasse, 

M Fischer, Gesch. d. Phys. I, 82. 
>) Kästner, Gesch. d. Math. IV, 41. 



Sjtevip. 249 

die den Raum* des eingetauchten Tbeiles dieses Körpers 
einnehmen wfirde, in einer Vertikallinie liegen; und 

2) d&Ts zu einem stabilen Schwimmen erforderlich sei, 
dals der Schwerpunkt des Körpers unterhalb des Schwer- 
punkts dieser Wassermasse liege, und dafs das Schwimmen 
desto stabiler sei, je tiefer der erste Schwerpunkt unter 
dem letzteren ist. 

109. Die Gegenstände, welche Stenn in seinen Wer- 
ken behandelt, sind übrigens sehr mannichfaltig. Er be- 
schäftigt sich darin mit Arithmetik, Kosmographie, prak- 
tisdier Geometrie, Statik, Hydrostatik, Optik, Fortifikation, 
Schleusenbau, Schiffiahrtskunde u. s. w., und bei vielen 
Gelegenheiten legt er Proben eines originellen und ingeniö- 
sen Geistes ab. 

So entwickelt er ausführlich, welchen mannichfachen 
Nutzen das Decimalsystem bei allen Rechnungen, bei Ein- 
theilong von Münzen, Mafsen und Gewichten haben würde, 
und empfahl daher dringend die Einführung desselbop. 
Es sind also nicht die Franzosen, welche die Vorzüge des 
Decimalsystems zuerst anerkannt haben. 

Femer hob Steyin lebhaft den Werth des Gebrauchs 
der Muttersprache ftr die Gelehrten hervor, was ihm zu 
einer Zeit, wo die Gelehrten aller Länder gröfstentheils 
noch lateinisch schrieben, gewifs sehr zur Ehre gereicht. 
Wenn die Wissenschaften fortschreiten sollen, sagte er, so 
müssen sich recht viele Männer mit der Einsammlung von 
Erfahrungen beschäftigen, und eben deshalb ist es gut, 
dais die Geehrten in ihrer Muttersprache schreiben, wie 
es die Griechen und Römer ja auch gethan haben.# Stevin 
war dabei der Meinung, die holländische oder nieder- 
deutsche Sprache könne wegen ihres Reichthums an ein- 
sylbigen WM«m die Sachen kürzer und bestimmter aus- 
drücken als die lateinische, eine Meinung, die auffallend 
erscheinen mnis, da man sonst in der Regel das Gegen- 
theil annimmt. Stevin suchte seine Sprache sogar zu er- 
weitem; wo es an Wörtern zur Bezeichnung mathemati- 



250 Galilei. 

scher oder mechanischer Gegenstände fehlte, da pflegte er 
und nicht selten mit Glück neue zu erfinden. 

Noch verdient unter den Erfindungen Stevin^s die des 
Segel Wagens genannt zu werden, eines Wagens, der mit- 
telst Segel durch den Wind bewegt wurde. Der Fran- 
zose Peiresc erzählt, er selbst habe in diesem Wagen, 
worin 28 Personen, eine Fahrt gemacht und ^der Prinz 
Moritz von Nassau sei damit von Putten nach Schevenin- 
gen, d. h. vier holländische Meilen in zwei Stunden 
gefahren *). 

110. Um nach dieser Abschweifung auf Galilei zu- 
rückzukommen, will ich zu einem anderen Felde seiner 
vielseitigen Thätigkeit übergehen, zu seinen Untersuchun- 
gen über die Kohäsion, Resistenz oder den Zasammen- 
halt der starren Körper. Auch hier hat Galilei die Bahn 
zu den späteren Forschungen gebrochen. Unter Anderem 
suchte er das Verhältnifs zwischen der sogen, absoluten 
und respektiven Festigkeit der Körper zu ermitteln, näm- 
lich das Verhältnils zwischen der Kraft, die einen Stab in 
Richtung der Länge zerreifsen würde und der, welche 
zum Zerbrechen desselben erforderlich ist. 

Seine Ansicht von dem Vorgang beim Zerbrechen ist 
nicht ganz richtig, weil sie voraussetzt» daüs alle Längs- 
fasern dabei gleich stark widerstehen, zu gleicher Zeit 
abreifsen und sich vor dem Abreifsen nicht ausdehnen* 
auch die Fasern der unteren Hälfte sich nicht verkürzen. 
Allein für harte Körper, Stein oder Glas kommt die Vor* 
Stellung ziemlich mit der Erfahrung überein, und deshalb i 
konnte Galilei aus seiner halbwahren Theorie manche 
richtige Folgerung ziehen. Dahin gehört: 

dals hohle Cylinder oder Stäbe dem Zerbrechen stä^ 
ker widerstehen als massive von gleicher Grundfläche. 
Aus dieser Ursache, folgert GalOei, habe die Natur ohne 
Zweifel die Knochen der Thiere, die Federn der Vögel 
und Stengel mehrerer Pflanzen hohl gebildet; ferner, 



1} Kistner, Gresch, d. Math. IV, 35» 392, 418. 



Galüei. 251 

(kb die Festigkeit der Körper gegen das Zerbrechen 
nicht den Gewichten oder Massen proportional sei, weil 
die Massen sich wie die Kuben der ähnlichen Seiten ver- 
iialten, der Widerstand gegen das Zerbrechen aber nur 
wie die Quadrate dieser Seiten wachse. 

Danach sah er ein, daüs es eine Grenze geben müsse, 
bei welcher ein Körper schon durch sein eignes Gewicht 
zerbrechen werde, und daraus zog er den richtigen Schluls, 
da/k man die Festigkeit der Maschinen nicht nach der 
Festigkeit ihrer Modelle beurtheilen könne. Auch glaubte 
er hierin den Grund zu erblicken, warum die Natur nur 
Thiere von gewisser Gröise erschaffen habe, und grade die 
grö&esten von ihnen als Wasserthiere. Sehr groJbe Thiere, 
meinte er, würden durch das Gewicht ihrer eigenen Kno- 
chen erdrückt werden, wepn sie nicht im Wasser schwim- 
men, wo ein Theil dieses Gewichts durch das Wasser 
au%ehoben würde ^). 

So' richtig Galilei im Ganzen über diese Klasse von 
Erscheinungen urtheilte, so irrig war doch seine Meinung 
in Betreff der Ursache des Zusammenhalts der starren 
Körper. Sein Irrthum ist merkwürdig, weil er uns auf 
eine belehrende Weise zeigt, da(s selbst Männer von gro- 
iser Einsicht sich nicht immer in allen Dingen von den 
Vonirtheilen losreifsen können, in denen sie aufgewachsen 
sind. Galilei, sonst überall der Gegner des Aristoteles und 
der Scholastiker, spricht doch in Bezug auf die Ursache 
der Kohäsion eine Meinung aus, die im Wesentlichen mit 
der Ansicht von jenen zusammen fliült. Er leitet nämlich 
die Festigk^t ab von einer Resistenza del Vacuo, was 
ziemlich übereinkommt mit Horror vacui der Aristoteliker '). 

IIL Denselben Irrthum hegte Oalilei in Betreff des 
Aofsteigens von Flüssigkeiten in Röhren, an denen geso- 
gen wird , also in Betreff der Erscheinungen bei Pumpen. 
Man erzählt, Cfalilei habe mit Verwunderung von einem 



') Fischer, Gesch. d. Phys. I, 60. 
>) K&stner, Gesch. d. Mftth. lY, 7. 



252 Galilei. 

florentiner Gärtner Temommen, dafs eine neue Pumpe daß 
Wasser nicht Ober 18 ital. Ellen habe heben wollen, and 
sei ihm dies so unglaublich gewesen, dafs er sich erst 
durch eigenen Augenschein davon habe Oberzeugen können. 
Er habe die Pumpe untersucht, aber keinen Fehler an ihr 
zu entdecken vermocht, und doch sei das Wasser dem 
Stempel nicht weiter als 18 ital. Ellen gefolgt, und mehrere 
FuTs unter demselben stehen geblieben, wenn man ihn 
höher gehoben habe. Lange habe Galilei sich diese Er- 
scheinung nicht zu erklären vermocht, bis er endlich dar- 
auf verfallen sei, dies dem Horror vacui zuzuschreiben, der 
bei jener Höhe seine Gränze habe. 

Diese weit verbreitete Anekdote stammt von Pascal, 
der sie in der Vorrede zu seinem Tratte de FSquäibre de« 
liqueurs 1663 erzählt; in der Ausgabe von 1698 findet sie 
sich nicht. Libri in seiner Hütoire des sciences math. IV, 
270 bestreitet die Wahrheit dieser Erzählung. E^ mag 
wohl richtig sein, dafs Galilei nicht erst durch den floren- 
tiner Gärtner mit dem Phänomen der Pumpen brauchte 
bekannt gemacht zu werden, aber andererseits ist es doch 
wahr, dafs Galilei in seinen IHacorei e dimoetrazioni matemat 
Leid. 1638 Meinungen ausspricht, die gar wohl zu jener 
Anekdote passen. Er vergleicht daselbst die Wassersäule 
in der Pumpe mit einem Metaildraht und meint, so wie 
es fbr diesen eine Länge gebe, bei der er durch sein eignes 
Gewicht zerreifse, so sei es auch mit der Wassersäule, die 
oben am Stempel hafte. 

Das Ansteigen des Wassers in Pumpen war ihm 
also eine Kohäsions- oder Adhäsionserscheinung zwischen 
Stempel und Wasser, analog dem ihm wohl bekannten 
Adhäriren zweier nassen Glastafeln aneinander, und so wie 
er die Kohäsion der festen Körper durch eine Resistenz« 
oder Repugnanza del Vacuo, Widerstand oder Wid^^pen- 
stigkeit gegen den leeren Raum erklärte, so wollte er nun 
auch diese Erklärung auf die Pumpen anwenden. Dafs in 
diesen das Wasser nicht höher als etwa 18 ital. Ellen 
steige, war nach ihm nicht Folge des Drucks der äufseren 



GalüeL 253 

LuA, sondern Wirkung der Uesistenza del Vacuo, die durch 
das Gewicht einer solchen Waesers&ule gemessen werde. 

Dieser Irrthum Cfaülefs ist um so merkwürdiger, als 
es ihm keineswegs unbekannt war, dals die Luft schwer 
ist. In seinen Discorsi e dimostrationi matemat. intorno 
a due nuove scienze etc., worin unter der einen neuen 
Wissenschaft eben die Kohäsionslehre gemeint ist, lälst er 
den SalYiati ganz deutlich beschreiben, wie man sich von 
dem Gewicht der Luft überzeugen könne, und auf welche 
Weise es sich bestimmen lasse. 

Um blofs darzuthun, dafs die Luft schwer sei, sagt 
Salriati (worunter immer Galilei selbst zu verstehen ist), 
komprimire man Luft in einer Flasche, bringe dann die 
Flasche auf einer Wage in Gleichgewicht und lasse durch 
Üeffiien des Ventils der Flasche die Luft heraustreten. 
Wiegt man nun wieder, so wird man die Flasche leichter 
finden, also muls die Luft Gewicht haben. Darauf be- 
schreibt Salviati die Methode, nach welcher er das Gewicht 
der Luft bestimmt habe. Er sagt, er habe die Flasche 
gefilllt einmal mit komprimirter Luft und das anderemal 
mit Wasser, und sie in beiden Zuständen gewogen, wo- 
durch er geftinden habe, dafs die Luft 400 mal leichter sei 
als Wasser. 

Auf diese Weise wird freilich nur das specifische Ge- 
wicht von verdichteter Luft geftinden, und wenn das Re- 
sultat einen Werth haben soll, so muis zugleich der Grad 
der Verdichtung gemessen werden. Das hat nun freilich 
('alilei nicht gethan, und schon aus diesem Grund kann 
seine Angabe gegenwärtig auf keine Beachtung Anspruch 
machen. Allein dennoch ist der Versuch bemerkenswerth, 
weil er der erste ist, den man gemacht hat, das specif. 
Gewicht der atmosphärischen Luft und überhaupt einer 
Gasart zu bestimmen. 

Bei dieser Gelegenheit macht Galilei einen Vorschlag 
zu einem andern Versuch, der gewissermai'sen die Umkeh- 
rung des eben genannten ist. Man soUe, sagt er, die 
Flasche wiegen erst mit Luft und dann, nachdem man sie 



254 Galiki. 

durch Erwärmen luftleer (Inftverdtlnnt) gemacht und ver- 
schlossen habe. Dadurch finde man zunächst das Grewickt 
der Luft, welches die Flasche fblle. Wäge man nun noch 
dieselbe Flasche mit Wasser geftlllt und vergleiche das zu- 
vor gefundene Gewicht mit diesem, so habe man das Gre- 
wicht der Luft bezogen auf das Grewicht eines gleichen 
Volumens Wasser, d. h. also, man habe das specif. Gewicht 
der Luft. 

* Das hier ausgesprochene Princip ist ganz richtig und 
wird noch gegenwärtig angewandt, nur bedient man sich 
zum Evakuiren der Flasche nicht mehr der Erwärmung, 
die nur ein unvollkommenes Vakuum liefert, sondern der 
Luftpumpe, die aber fifalilei noch unbekannt war. Er ver- 
stand nur erst Luft zu komprimiren, und zwar mittelst 
einer Spritze. 

Man sollte meinen, die Bekanntschaft mit dem Ge- 
wicht der Luft hätte von selbst zu der Kenntnifs vom 
Druck der Atmosphäre ftlhren müssen, da letzterer eine 
Folge vom ersteren ist. Aber dem war nicht so. Ebenso 
wenig wie Aristoteles, der auch schon das Gewicht der 
Luft supponirte, ja dasselbe sogar bewiesen zu haben glaubte, 
kam 6ralllei auf den Gedanken, dafs das Aufsteigen des 
Wassers in Saugpumpen eine Wirkung des Drucks der 
Atmosphäre sei. 

Das Einzige, was Galilei aus den Erscheinungen bei 
der Pumpe lernte, war die Ueberzeugung, dals sich denn 
doch trotz des Horror vacui der Natur ein luftleerer Raum 
darstellen lasse, und bei seinem praktischen Sinn suchte 
er die Sache sogleich experimentell zu erweisen. Er nahm 
einen hohlen Cylinder, der an einem Ende durch einen 
ebenen Boden verschlossen war, ftkgte einen dicht schliessen- 
den Stempel ein, befestigte nun den Cylinder senkrecht her- 
abhängend und hing soviel Gewichte an den Stempel, dafs 
dieser herabgezogen wurde. Man sieht, es fehlte nicht viel 
und fifalilei hätte die Luftpumpe erfunden, es fehlte nur 
der Hahn oder das Ventil und die VerbindungsrGbre zn 
der Kampane. Aber auch hier ging Galilei neben dem 



Thermometer. 255 

Ziele vorbei; er begnügte sich das zum Herunterziehen des 
Stempels erforderliche Gewicht zu bestimmen, und glaubte 
dadurch die Grrölse der Resistenza del Vacuo gemessen 
zu haben. ^) 

Thermometer. 

112. Glücklicher als bei dem Barometer und der 
Lui^)umpe war Galflei beim Thermometer. Die Geschichte 
der Erfindung dieses wichtigen Instruments liegt einiger- 
maßen im Dunklen, man kann nicht mit voller Bestimmt* 
heit angeben, wer der Erfinder ist oder vielmehr, wer die 
ersten Erfinder seien, denn es wäre leicht möglich, ja so- 
gar nicht unwahrscheinlich, dafs das erste rohe Instrument 
von mehreren Personen, wenn auch nicht gleichzeitig, doch 
wenigstens unabhängig von einander konstruirt worden sei. 
Wissen wir ja doch, daTs die Ausdehnung der Luft durch 
die Wärme schon den Alten namentlich Hero von Alexan- 
drien bekannt war, und zum Heben von Wasser benutzt 
wurde. 

Indels, wenn man alles iilr und wider erwägt, so muls 
man gestehen, dafs Galilei ebenso viele und wohl gröfsere 
Ansprüche auf die Ehre der Erfindung des Thermometers 
hat als diejenigen, welche für gewöhnlich als Erfinder des- 
selben genannt werden. In GaUIefs Werken, so wie sie 
durch den Druck auf uns gekommen sind, ist freilich nicht 
vom Thermometer die Rede. Allein wir wissen, dafs meh- 
rere seiner Schriften verloren gegangen sind, und dann ist 
auch bekannt, dafs er manche Erfahrung entweder gar 
nicht, oder nicht sogleich, oft erst nach Jahren durch den 
Druck bekannt machte. 

Daher können wir es denn auch den Biographen 
Galilei's wohl glauben, namentlich Neil! und Viviani, dafs 
Galilei schon im J. 1597 ein thermometerartiges Instrument 
verfertigte, und zwar zu einer Zeit, wo er, wie es scheint, 
mit dem Studium der Werke Hero's von Alexandrien be- 



') Montacla, Hist des math. I, 203. 



256 Thermometer. 

scbftftigt war ^). Auch geht aus authentischen Beweis- 
stücken hervor, dab er im J. 1603, also lange vor den 
Ansprüchen Anderer, die Wirkung dieses Instruments dem 
Pater Castelli zeigte. Und ebenso weifs man, dals sein 
vertrauter Freund, der Venetianer Sagredo von 1613 ao 
Beobachtungen mit einem galileischen Thermometer machte. 

Dies Thermometer bestand aus einer offenen Glasröhre 
mit Kugel daran, die beide Luft enthielten und durch einen 
Tropfen Wasser abgesperrt waren; die Skala daran war 
eine willkührliche. Es war also ein sehr unvollkommenes 
Instrument, kein eigentliches Thermometer, sondern nur ein 
Thermoskop, und zwar ein sehr trOgliches, Th^moskop 
und Baroskop zugleich. Ebenso unvollkommen waren aber 
auch die Instrumente derer, die gewöhnlich f&r die Erfinder 
des Thermometers ausgegeben werden, als: die Engländer 
Baco und Flndd, die Italiener Sarpi und Sanctorias und 
der Holländer Drebbel. 

113. Lord Baco kann wohl am wenigsten als Erfinder 
des Thermometers genannt werden, denn er spricht von 
diesem Instrument erst 1620 in seinem Novum Organen, 
und auch nur als von einer bekannten Sache, und nennt 
es vitrum calendare. Was er beschreibt ist ganz die alte 
mangelhafte Form. 

Robert Flndd auch a Flactibns genannt, ein englischer 
Arzt und Abenteiu*er, der viele Länder und auch Italien 
bereiste und 1605 in seine Heimath zurückkehrte, würde 
schon seiner eigenen Angabe nach auf die Ehre verzichten 
müssen, denn erstlich beschreibt er das Thermoskop in 
seiner Philosophia moysaica, die erst 1638 erschien, und 
dann sagt er, er habe die Beschreibung und Abbildung 
des Instruments in einer 500 Jahr alten Handschrift ge- 
funden, die er aber nicht näher bezeichnet. — Flndd war 
geb. 1574 zu Milgate, Kent und starb 1637 in London*). 



») Libri, Hist des sc. math. IV, 189. 

») Kästner, Gesch. d. Math. II, 235; Libri, ibid. IV, 192. 



Thermometer. 257 

Sanetoriiis, eigentlich Sutorio, geb. um 1561 zu Capo 
d'Istria, und gest. 1636 zu Venedig aus Professor der theoret. 
Medicin daselbst ^). Ein zu seiner Zeit sehr berühmter 
Arzt, der sich namentlich durch seine Medidna atatica^ 
Venet. 1614 einen groTsen Ruf erworben hat, beschrieb das 
Tbermoskop in seinen Commentana in artem niedicinalem 
GaUniy VeneU 1612. Er suchte das Thermoskop wie das 
Pendel in der Medecin anzuwenden, hat aber, wenn er es 
wirklich erfand, dasselbe doch erst nach Oalilei erfunden. 
Uebrigens erdachte er auch ein Saiten-Hygrometer^). 

Fra PmIo Sarpi, ein Servitenmönch , geb. 1552 zu 
Venedig und gest. 1623 ebendaselbt, scheint sich des In- 
struments erst seit 1617 bedient zu haben, und spricht 
nicht daron in seinen Werken.^). 

Gewöhnlich wird Cornelias Drebbel als Erfinder des 
Thermometers genannt, meist auf Grund der Behauptung 
von Dalenc^ in seinem Traüd des baronietrea, thenno- 
viktres etc.^i Amat 1688. Allein es giebt noch ältere Nach- 
richten darüber. In dem Sammelwerk des Pater LearechOB: 
La r^crSation matheniatique^ FofU-ä-Mousson 1624 wird das 
Instrument von Galilei oder Sanctorins beschrieben unter 
dem Titel: Du thennometre au instrurnent pour mSsurer les 
degrh de chaleur ou froidure^ qui iont en Vair. Hiervon 
ist der Thaumaturgus mathematicua 1636 von Caspar Eus 
eine lat. Uebersetzung, in welcher obige Ueberschrift lautet: 
De thermometro sive de insti^umento drebeliano etc.^ woraus 
später Dalelieä und Andere folgerten, daTs Drebbel der 
Erfinder sei.*) 

Wenn man dem Italiener Libri glauben darf, so steht 
in DrebbeFs Schrift De natura elementorum , Hamb. 1621 j 
welche als Quelle genannt wird, gar nichts vom Thermo- 
meter oder einem ähnlichen Instrument, sondern Drebbel 
sucht blols daselbst zu zeigen, dafs Wasser sich durch Er- 

OTiraboschi, Storia della letteratura iUL YlII, 474. 

') Libri, HiBt des sc. matb. IV, 194. 

') Libri, ibid. IV, 194, 214; Tiraboschi, Storia etc. VII, 742. 

*) Wohlwill, Poggend. Ann. CXXIV, 163. 

Poggendorff, G«sch. d. Phjsik. 17 



258 Thermometer. 

hitzen in Luft rerwandeln könne. Ich habe nicht Grelegen- 
heit gehabt das Werk zu sehen, aber es wäre nicht das 
erste Mal, dafs sich eine solche Angabe traditionell von 
einem Buch ins andere fortpflanzt. Freilich spricht Drebbel 
in jenem Werk, welches ursprünglich holländisch geschriebeü 
ist und nach Bnrekhardt^) bereits 1608 erschien, auch Ton 
der Ausdehnung der Luft durch die Wärme, aber was er 
davon sagt, ist dem, was Porta in seinen Pneumaticis ao- 
giebt, in den Worten so ähnlich, dals man allen Gruud 
hat zu glauben, es sei aus des Letzteren Werk entnommeD. 

Porta hätte mindestens ebenso viele Ansprüche als 
Drebbel, denn in seinem Werke Pneumatieorum Kbri treu 
findet sich sogar ein thermometerartiges Instrument be- 
schrieben und abgebildet. Diese Beschreibung findet sich 
aber nicht in der ersten lateinischen Ausgabe von 1601, 
sondern in der italienischen Uebersetzung vom J. 1606, so 
dals es sehr wahrscheinlich ist, dals der Ver&sser unter- 
defs von Galilei's Instrument Kunde erhielt. Porta hätte 
danach das Verdienst, das Instrument zuerst beschrieben 
zu haben.*) 

Selbst wenn man absehn wollte von Santorio, Sarpi und 
Porta, würde man Drebbel noch keine begründeten An- 
sprüche auf die Erfindung des Thermometers vindicireu 
können, denn es giebt noch ein Dokument, welches älter 
ist als das Drebbel'sche Werk. Es ist die Mateniatica 
maramgliosa verfafst zu Rom 1611 vom Ingenieur Telionx, 
einem Kommentator des Hero. In diesem Werke, welches 
handschriftlich in der Bibliothek des Arsenals aufbewahrt 
wird, findet sich ein Luftthermoskop beschrieben ^ dessen 
Einrichtung schon vollkommener ist als das von Porta ab- 
gebildete, obwohl nicht mit Gewüsheit hervorgeht, wie 
Libri behauptet''), dafs dabei der Luftdruck ausgeschlossen 
war. Es bestand aus einer Glasröhre, die an dem einen 



») Poggend. Ann. CXXXIÜ, 681. 
») Libri, Bist ete. IV, 469. 
») Libri, ibid. IV, 471. 



Thermometer. 259 

Ende in eine Kugel auslief, mit dem andern offenen Ende 
in eine Flüssigkeit tauchte, die in einem kolbenartigen 
Glase enthalten war. Beide Glasge&sse waren verbunden, 
aber wohl nicht luftdicht; das Glasrohr hatte eine will- 
kahrliche Skala, die 8 Grade enthielt, j^der eingetheilt in 
60 Minuten. 

Endlich hat auch Salomon de Caos, ein Mann, der 
wegen seiner Ansprüche auf die Erfindung der Dampf- 
maschine noch späterhin in Betracht kommt, in seinem 
Werke Raisons de9 forces mouvantea etc. Francfort 1615 ein 
sehr unvollkommenes Thermometer beschrieben.^) 

Nach allen diesen Erörterungen muls man gestehen, 
dals Galilei doch das meiste Anrecht hat als Erfinder des 
Thermometers betrachtet zu werden, wenn man nicht etwa 
bis Hero von Alexandrien zurückgehen will, der zweifels- 
ohne zu dieser Erfindung den ersten Impuls gegeben hat. 
Man mufs freilich auch einräumen, dafs fialilei das Instru- 
ment nur in seiner ersten rohen Gestalt darstellte, dals er 
die Unvollkommenheit und zusammengesetzten Angaben 
desselben nicht einmal erkannt zu haben scheint, und daß» 
er endlich durch dasselbe die Wissenschaft mit keiner 
nennenswerthen Beobachtung bereichert hat, was allerdings 
in gleichem Mal'se von den übrigen Kompetenten in dieser 
Angelegenheit gilt. 

114. Anlangend Cornelias Drebbel, so war er 1572 zu 
Alkmar in- Holland geboren und starb 1634 zu London. 
Häufig wird er, vielleicht um die Sache pikant zu machen, 
för einen Bauer ausgegeben. Allein, wenn er auch ur- 
»prQnglich Landmann war, so war er doch gewüs kein 
Baaer im gewöhnlichen Sinne, was schon daraus hervor- 
geht, dais Ferdinand U., Kaiser von Deutschland, ihm den 
Unterricht seiner Söhne übertrug, und ihn zum kaiserlichen 
Rath ernannte. In den Unruhen von 1620 nahmen ihn 
die Truppen des Kurftlrsten Friedrich V. gefangen, und 
beraubten ihn seines ganzen Vermögens. Auf hohe Für- 

') Vcrgl. Wohlwill, Poggend. Ann. GXXIV, 17ü. 

17* 



260 Thermometer. 

bitte ward er indessen bald wieder frei gelassen. Er ging 
nun an den Hof Jakob^s I. von England, Friedrich'^ 
Schwiegervater, der sich im Umgang mit Gelehrten gefiel, 
und lebte fortan bis an sein Ende in London. 

Drebbel war nicht ohne Beobachtungsgeist und Er- 
findungsgabe, wie das mehrere Maschinen und Apparate 
bezeugen, die das Staunen seiner Zeitgenossen erregten. 
So ein Schiff, das angeblich zwei englische Meilen unter 
Wasser fuhr von Westminster bis Greenwich; ferner ein 
Instrument, das sobald die Sonne darauf schien eine lieb- 
liche Musik ertönen lieis und dgl. m. Auf solche KuDSt- 
stücke scheint indels vorzüglich sein Streben gerichtet 
gewesen zu sein, und wiewohl er ftkr seine Zeit nicht ge- 
meine Kenntnisse in verschiedenen Zweigen der angewandten 
Mathematik besafs, so fehlte doch seinen Leistungen der 
rechte wissenschaftliche Geist. 

Aufser dem Thermometer wird Drebbel wohl auch die 
Erfindung des zusammengesetzten Mikroskops zugeschrieben. 
Diese Angabe, welche Drebbel abermals in Beziehung zu 
fialüei setzt, hat indefs kein besseres Fundament als sein 
Anspruch auf die Erfindung des Thermometers. Man weils 
mit Gewifsheit nur, dafs der holländische Gesandte Boreel 
im J. lf)19 eine Art von zusammengesetztem Mikroskop 
bei Drebbel sah (§81), ob dieser dasselbe erfunden habe, 
wird nicht gesagt. Andererseits scheint nicht bezweifelt 
werden zu können, dafs Oalilei schon 1612 ein Mikroskop 
von seiner Hand dem Könige Sigismund von Polen ver- 
ehrte, und durch ein Werk von Boeealini: Ragguagli di 
Parnasso, welches ebenfalls 1612 zu. Venedig erschien, ist 
es ebenso erwiesen, dafs um diese Zeit die Mikroskopt* 
schon in Italien bekannt waren. 

Bis nicht positive Angaben das Gegentheil darthuD, 
hat man alle Ursache Oalilei fiir den Erfinder des xu- 
^ammengesetzten Mikroskops zu halten. Es möchte iudeß 
von dieser Erfindung gelten, was ich bereits von der de6 
Thermometers bemerkt habe. Aller Wahrscheinlichkeil 
nach waren (ralllei's Mikroskope noch sehr unvoUkommeu, 



Geographische Länge. 261 

selbst die, welche er später im J. 1624 f&r den Fürsten 
Ccffl in Rom verfertigte, sonst hätten sie wohl mehr Auf- 
sehn erregt, und Galilei zu irgend einer erheblichen Ent- 
deckung geführt. 



Geographische Länge. 

115. Die Gegenstände, welche Galilei während seines 
mehr als 50jährigen Wirkens beschäftigten, sind so zahl- 
reich, dals es zu weit fahren würde sie alle namhaft zu 
machen, oder bei jedem den Gang seiner Ideen speciell 
auseinander zu setzen. Ich will mich daher begnügen nur 
noch ein Paar seiner Leistungen zu betrachten, die, wenn 
sie fQr die Wissenschaft auch nicht von dem Nutzen ge- 
wesen sind, wie die bereits angeführten, doch wenigstens 
abermalige Proben von dem Erfindungstalent ihres Ur- 
hebers abgeben. 

Eine der sinnreichsten darunter ist wohl die Idee, aus 
den Verfinsterungen der Jupitertrabanten durch ihren Haupt- 
körper die geographische Länge zu finden. Bei mehreren 
seiner Erfindungen hatte Galilei die Nutzanwendung auf 
die Schififahrtskunst im Auge, deren Vervollkommnung 
auch bei den häufigen Reisen, welche die Europäer schon 
damals in die transatlantischen Länder unternahmen, sich 
als ein grolses Bedürfnifs herausstellen muTste. 

So. erfand er 1617 seine Testiera, Celatone oder das 
Binokular-Teleskop zum Nutzen der Schiffer, so wollte er 
das Pendel als Zeitmesser auf dem Meere gebrauchen, und die 
Bewegungen der Jupitermonde, namentlich die Bedeckung 
des innersten dieser Monde durch den Hauptplaneten, zur 
Auffindung der fl)r die See&hrer so höchst wichtigen 
geographischen Länge benutzen, eine Idee, welche auch 
Peireae hatte, von der er aber abstand, als er hörte, dafs 
sich Galilei damit beschäftige (§ 83). Galilefs Bemühungen 
in dieser Hinsicht waren fQr seine Zeit um so verdienst* 
lieber, als damals das Problem der Meereslänge noch ganz 
in seiner Kindheit lag. 



262 Geog^raphiscbe Länge. 

Zu OalUefs Zeiten waren die See&hrer wohl im Stande 
die Polhöhe oder geographische Breite ihres Schiffs mit 
erträglicher Genauigkeit zu bestimmen, allein das zweite 
Element, welches noch hinzukommen muis, um die Lage 
eines Orts auf dem Meere wie auf dem Lande genau fest- 
zusetzen, die geographische Länge, vermochten sie nicht 
anders zu ermitteln als durch die höchst unsichere Schätzung 
der Geschwindigkeit des Schiffs mittelst des Logs, und der 
Richtung seines Laufs mittelst des Kompasses. 

Es war dieses oft sehr trügliche und beschwerliche 
Mittel, welches freilich auch noch jetzt bei kurzen Reisen 
und im Nothfall gebraucht wird, dasjenige, auf welches 
sich die Seefahrer des XVI. und XVII. Jahrhunderts 
alleinig beschränkt sahen, so Bartholomäus Diac bei seiner 
Umschiffung des Kaps im J. 1486, und Columbus bei seinen 
Entdeckungsreisen nach Amerika 1492. 

Die UnvoUkommenheit dieser Methode veranlalste die 
Astronomen des XVI. Jahrhunderts auf bessere Mittel zu 
sinnen. Zunächst verfielen sie darauf, die Mondfinsternisse 
für diesen Zweck zu benutzen. Eine Mondfinsternifs ist 
ein Ereigniis, welches an allen Orten der Erde, wo es 
sichtbar ist, gleichzeitig wahrgenommen wird, was nicht 
von einer Sonnenfinsternifs gilt. Beobachtet man also den 
Anfang oder das Ende einer Mondfinsternifs an verschie- 
denen Punkten der Erde, und merkt sich, was die Uhr 
an jedem Punkt in diesem Moment zeigt, so ergiebt sich 
aus der Verschiedenheit der Uhrzeiten der Unterschied Id 
der geographischen Länge der Beobachtungsorte. 

Allein eine Mondfinsternifs ist eine viel zu seltene 
Begebenheit, als dafs aus deren Beobachtung den See- 
fahrern irgend ein erheblicher Nutzen erwachsen sollte, 
wenn sie auch sonst, was nicht einmal der Fall ist, recht 
genau zu beobachten wäre. Deshalb geriethen die Astro- 
nomen des XVI. Jahrhunderts auf die Idee, statt der Mond- 
finstemisse die Abstände des Mondes von gewissen Fix- 
sternen zu diesem Behufe anzuwenden. Es ist ein Deut- 



Geographische Länge. 263 

scher, dem in dieser Idee die Priorität gebührt, nämlich 
Jakaia Werner, ein nümbexger Pfarrer, geb. 1468, gest 
1528. Er sprach diesen Gedanken 1514 in seinen An- 
merkungen zur Geographie des Ptolemaens zuerst aus. 

Nach ihm haben noch viele andere Astronomen den- 
selben Vorschlag gemacht als: Apianus (Bienewitz), Prof. 
der Mathematik zu Ingolstadt in seiner Cosmographia 1524. 
— Orontins Finaens, Prof. der Math, in Paris, wo er 1555 
starb. — Gemina Frisius, Arzt und Prof. der Medicin zu 
Löwen in seinen Principiis astronomiae 1547. — Pedro 
Xnjiez, Prof. der Math, in Coimbra, welcher von 1492 bis 

1577 lebte. — Daniel Santbeck 1560. — Keppler 1600. -- 
Morin, Prof. der Math, in Paris 1645. 

Allein alle diese Vorschläge blieben erfolglos, weil zur 
Anwendung der Methode eine Keuntnifs des Mondlaufs 
erforderlich ist, wie man sie im XVI. Jahrhundert noch 
nicht besals. Sie erfordert nämlich Tafeln, welche die Ab- 
stände des Mondes von den gewählten Fixsternen auf ge- 
raume Zeit im Voraus und mit Genauigkeit berechnet ent- 
ballen, und solche Tafeln zu liefern verstand man damals 
noch nicht. Erst im J. 1755 gelang es einem andern 
deutschen Astronomen, dem berühmten Tobias Mayer (geb. 
1723 zu Marbach, gest. 1762), Prof. zu Göttingen, das 
Problem zu lösen, wofür nach seinem Tode die Wittwe 
einen Theil des vom englischen Parlament darauf gesetzten 
Preises, nämlich 3000 LstrL, erhielt. 

OaUlefs Idee war, wie man sieht, im Princip nicht 
neu, aber sie hatte vor der Beobachtung einer Mondfinster- 
nifs den Vorzug, dafs die Bedeckung eines Jupitertrabanten 
etwa alle 2 Tage erfolgt, und also ein viel häufigeres £r- 
eignifs ist. Sie erfordert keipe Winkelmessung ^ die man 
damals durch Femröhre auch noch nicht zu machen ver- 
stand, sondern nur eine sorgfUtige Festsetzung der Zeit 
des Phänomens von Seiten des Beobachters. Dazu hatte 
6alflei sein Celatone erfunden, das er 1617 eigens im 
Hafen von Livomo prüfte, ob es bei den Schwankungen 



264 G^graphiscbe Lfinge. 

auf dem SchifPe eine sichere Beobachtung gewähre, und 
fiberylies suchte er mittelst des Pendels die Zeit zu be- 
stimmen. 

Allein €hl11Iers Vorschlag scheiterte an derselben 
Schwierigkeit, welche die Astronomen seiner Zeit* beim 
Monde erfahren hatten; er vermochte nicht, den Lauf der 
Jupitertrabanten im Voraus mit Genauigkeit zu berechnen. 
Man weifs nicht recht, wie weit er gekommen ist Er 
stellte indefs Tieljährige Beobachtungen zu diesem Zweck 
an, und noch nach seinem Tode wurde ein Schftler von 
ihm, VioceilZO Renieri, rem Grofsherzog von Toskana eigens 
besoldet, um die Beobachtungen fortzusetzen. Reneri war, 
wie es heifst, im J. 1647 nahe daran seine Arbeit zu pii- 
bliciren, als plötzlich seine Papiere verschwanden und trotz 
aller Nachforschungen nicht wieder zu finden waren. Man 
mufs fast argwöhnen, Senieri selber habe sie vernichtet, 
weil er die Erfolglosigkeit seiner Anstrengungen einsah. 

Chllilefs Idee erregte übrigens in der gelehrten Welt 
grofses Aufsehen. Freilich schenkte Philipp II. von Spa- 
nien, an welchen sich Galilei wohl nicht ohne Hofihung 
auf reiche Belohnung gewandt hatte, dem Antr^e kein 
Gehör, aber desto aufmerksamer erwies sich die hollän- 
disch -ostindische Kompagnie, der allerdings wegen ihrer 
ausgedehnten SchifBTahrt nach den Kolonien sehr viel an 
einer genügenden Lösung des Problems von der Meeres- 
länge gelegen sein mufste. Sie belohnte fiteUlefs Idee 
nicht nur durch kostbare Geschenke, sondern sandte auch 
zwei holländische Astronomen nach Arcetri zu Galilei, um 
diesen, der damals bereits erblindet war, in seinen Beob- 
achtungen und Rechnungen zu unterstützen. Es waren 
dies WiUi. Blanew, ein Schüler Tycbo's, bekannt durch Ver- 
fertigung von Himmelskugeln (starb 1688) und HorteirivS) 
Van den Hove, Prof. der Mathematik am Gymnasium zn 
Amsterdam (geb. 1605, gest. 1639). Hatte nun gleich diese 
Sendung keinen Erfolg, so trug sie doch nicht wenig dazu 
bei, den Ruhm Oalilers in der grofsen Welt zu erhöhen. 



Winkeltheflung. 265 

Winkeltheilnng. 

116. Ein anderer Gegenstand, auf den Oalilei sein 
Augenmerk richtete, war die Vereinfachung der astrono- 
mischen Instrumente, die damals noch ziemlich komplicirt 
wa^n. Er zeigte, dafs es zu einer Sternwarte im Grunde 
nur zweier Instrumente bedarf, eines im Meridian aufge- 
stellten Femrohrs und eines Zeitmessers, und bekanntlich 
genügen auch beide Instrumente ^zu den Hauptaufgaben 
der Astronomie. 

Sinnreich ist die Methode, die er dabei angiebt, die 
Brochtheile der Grade an Winkelinstrumenten zu finden, 
ohne dafs man nöthig hat, die Theilung direkt weiter als 
bis auf ganze Grade fortzusetzen. Bereits Tycho bediente 
sich zu demselben Zweck der Transversallinien auf der 
Kreistheilung. Allein diese und andere noch unvollständigere 
Methoden sind durch bequemere und genauere verdrängt 
worden, durch die Mikrometerschraube und den Nonius, 
der noch zu Galilefs Lebzeiten erfunden ward. 

Bekanntlich ist der Nonius eine kleine bewegliche 
Skale, die sich neben der festen, welche durch sie getheilt 
werden soll, verschieben lälst und so getheilt ist, dals eine 
gewisse Anzahl ihrer Theile um einen Theil kleiner oder 
grölser ist, als die Anzahl der Theile auf dem gleichen 
Abstand der festen Skale. Die Differenz der Theile des 
Nonius N und der Skale S giebt dann die Bruchwerthe 
der Skalentheile an. Will man die Theile der Skale z. B. 
in 20 Theile theilen, so macht man 

20N^19S oder 20 iV =» 21 S, woraus 

N=^S oder ^=%S, also 

S—N=i^S oder iV— S = ^S. 

Gewöhnlich schreibt ttan die Erfindung des Nonius 
dem im vorigen § erwähnten portugiesischen Mathematiker 
Pedro Nlinez oder Nonius zu, Prof. der Math, zu Coimbra. 
hat sich allerdings als Mathematiker vortheilhaft 



266 WinkeltheUung. 

bekannt gemacht; er hat Untersuchungen angestellt Qber 
die loxodromische Linie und fiber die kürzeste D&mmerung, 
hat auch ein f&r seine Zeit gutes Handbuch der Schiff- 
fahrtskunst geschrieben, allein auf die Erfindung des 
Nonius, von dem er in seinem Werk : De crepusculü Über 
unus^ Liabon, 1542 eine Beschreibung giebt, kann er keine 
Ansprüche machen, und es geschieht also sehr mit Unrelht, 
dafs man das Instrument nach seinem Namen nennt 

Der wahre Erfinder des Instruments ist Pierre Vemier, 
geb. 1580 und gest 1637 zu Omans in der Franche Comte. 
Er beschrieb das Instrument in : La constn^tiction^ Vuaage et 
les propridt^8 du quadrant de math^matique etc. Brux, 1631. 
Die Franzosen haben also Recht das Instrument nach ihoi 
zu nennen, ob sie aber den Urheber zugleich als ihren 
Landsmann betrachten dürfen, ist zweifelhaft. Yeniier 
lebte in den Niederlanden als ünterthan des Königs von 
Spanien aus dem Hause Oesterreich; auf dem Titelblatt 
seines Buchs nennt er sich Kapitfin und Kastellan Seiner 
Majestät des Königs, sowie General -Direktor von deren 
Münzen in Burgund. Die Franche Comte übrigens, in 
der er geboren war, gehörte bis zum J. 1668 zum deutschen 
Reich. 

Vermerks Vorschlag wurde lange übersehen, und so 
konnte es geschehen, dafs nach einer geraumen Zeit selbst 
in den Niederlanden zwei andere Personen denselben als 
etwas neues wieder vorbrachten, nämlich Hedraens, ein 
schwedischer Stipendiarius auf der Universität Leyden und 
später Prof. der Mathematik in Upsala im J. 1643, und 
(latschoven, Prof. der Anatomie und Mathematik zu Löwen 
im J. 1674. Mit Recht sind deren Ansprüche jetzt ver- 
gessen; Vemier allein gebührt die Ehre der Erfindung 
eines Instruments, das nicht minder zum Fortschritt der 
messenden Wissenschaften beigetragen hat, als das Faden- 
kreuz im Brennpunkt der Fernröhre und Mikroskope. 



Zar Akustik. 267 

Zur Akustik. 

117. Noch hätte ich vom Proportionalzirkel zu reden, 
den Galilei knrz nach 1594 erfand und 1606 in einem 
eigenen Schriftchen beschrieb. Allein ich will die lange 
Liste seiner Entdeckungen und Erfindungen schliefsen, 
um nur noch sein Anrecht auf die erste Beobachtung 
eines Phänomens zu erörtern, das wir Deutsche gewohnt 
sind anserm Landsmann CMadni zuzuschreiben; ich meine 
die Klangfignren. 

In neuerer Zeit 1816 hat der bekannte französische 
Physiker Biot behauptet, die Entdeckung dieser für die 
Akustik so interessanten Gestalten gebühre nicht CMadni, 
sondern dem grofsen Florentiner. Untersuchen wir, in 
vie weit dies Urtheil gegründet ist. Galilei hat allerdings 
Terscfaiedene hierher gehörige Beobachtungen angestellt, 
so unter Anderem hat er beobachtet, dafs wenn man mit 
nassem Finger auf dem Rand eines Glases hemmstreicht, 
das in dem Glase enthaltene Wasser ringförmige, koncen- 
irische Erhöhungen und Vertiefungen seiner Oberfläche 
zeigt, sobald sich ein Ton hören läTsi 

Es sind dies die sogenannten stehenden Wellen, her- 
rührend davon], dafs die Schwingungen des Glases, welche 
den Ton erzengen, sich dem Wasser mittheilen, wodurch 
Wellen erzeugt werden, die hin und zorficldaufend ein* 
ander an bestimmten Punkten fortwährend durchkreuzen, 
fialilei beobachtete hierbei, dafs wenn der Ton des Glases 
in die höhere Oktave überspringt, was zuweilen bei dem 
Versuche geschieht, sieh zugleich jede Welle in zwei 
Wellen theilt Diese Wellen haben nur so lange Bestand, 
als man das Tönen des Glases mit dem Finger unterhält; 
sollte es aber nicht möglich sein, fragt ftalilei bei dieser 
Gelegenheit, Wellai zu erzeugen, die dauernd wären, so 
dais man sie mit Genauigkeit messen und zählen könnte? 

Allerdings, setzt er hinzu, denn wenn man, wie er 
einmal zuf&llig gefunden, mit einem Schabeeisen schnell 
auf einer Messingplatte hin wegstreicht, so lasse sich mit- 



268 Zar Akustik. 

unter ein schrillender Ton vernehmen, und wenn dies der 
Fall ist, so bemerke man hernach auf der Platte eine 
grofse Anzahl feiner Striche ^pandlel und in gleichen Ab- 
ständen. Man bemerke auch, dafs diese Striche einander 
um so näher lägen, je höher der Ton sei. Diese Erschei- 
nung ist nun zwar recht interessant, hat aber mit 
den Klangfiguren nichts gemein, deren Entdecker allein 

Chladni ist. 

Auch über die Schwingungen tonender Saiten hat 
Galilei Untersuchungen angestellt, aus denen er den ScUufs 
zog, dafs die Tonhöhe von der Anzahl der Schwingungen 
abhänge, und dafs bei Saiten von gleicher Didce, gleicher 
Substanz und Spannung sich die Schwingungszahlen um- 
gekehrt wie die Längen der Saiten, also die Dauer der 
Schwingungen direkt wie die Saitenlängen verhalten. Dieses 
Ergebnifs verdient deswegen besondere Anerkennung, weil 
mit ihm die physikalische Erforschung der Töne anhebt 

Aus der bisherigen keineswegs vollständigen Schilde- 
rung von OalOei's Leistungen ist zu ersehen ^ wie groä 
und mannichfach die Verdienste sind, welche derselbe 
sich um die physikalischen Wissenschaften erworben hat. 
Wenn ein Einzelner auf die Ehre des Begründers einer 
so vielfach verzweigten Wissenschaft, wie die Physik ist, 
Anspruch machen kann, so ist sie unbedenklich keinem 
andern als QalilM zu ertheilen. Denn er hat den Grmnd 
zu der wissenschaftlichen Mechanik gelegt, die alle übrigen 
Theile der Physik mehr oder weniger als Nerv durchsiebt 

Es sind indefs nicht blols die BesoHate seiner For- 
schungen, welche ihn zu dieser Ehre berechtigen, sondern 
ebenso sehr der Geist , die Methode derselben , die stete 
Verknüpfung des Experiments mit der mathematischen 
Spekulation, eine Verknüpfung, die wir noch heute als 
die einzig solide Basis der Naturforschung anerkennen, 
und die keiner vor ihm mit solchem Erfolg zu Stande 
gebracht hat wie Er. 



liagnetiamiXB. 269 

Hagnetismns. 

118. Um die Zeit des XII. Jahrhunderts lernten die 
Schiffer des mittelländischen Meeres den Kompais kennen, 
wahrscheinlich durch Vermittlung der Araber, -«die ihrer- 
seits dieses nützliche Werkzeug muthmalslich von den 
Chinesen hatten (§ 46 u. f.). Durch die Bekanntschaft mit 
dem Kompais hatte die Kenntnüs vom Magnetismus einen 
wesentlichen Zuwachs bekommen, denn man hatte gelernt, 
was den Alten völlig unbekannt war, dais eine magnetisirte 
StaUnadel oder auch schon ein natürUcher Magnetstein 
bei gehöriger Beweglichkeit eine so gut wie feste fiich- 
tong annehme, wenigstens eine Bichtung, die an einem 
und demselben Ort innerhalb einer mäTsigen Zeit als fest 
zu betrachten ist 

Man könnte vielleicht glauben, die Erfindung des 
Kompasses hätte zugleich auch die Entdeckung des Erd- 
magnetismus sein mflssen. Allein das war keineswegs der 
Fall, mehr als 400 Jahre verflossen, ehe man vom ersten 
Sehritt zum zweiten Qberging. Selbst die empirische 
Kenntnil's des Phänomens machte in den ersten Jahrhun- 
derten nur sehr langsame Fortschritte. Anfangs glaubte 
man die Magnetnadel zeige genau nach Norden (oder Süden), 
wodurch man sich sogar, wie man später lernte, von den 
Chinesen hat beschämen lassen, da diese schon ums J. 1100 
woisten, daCs es nicht allgemein der Fall sei (§ 48). Der 
IiTthum der Europäer war indefs insofern verzeihlich, als 
einerseits ihre Kompasse anfangskeineOradtheilungbesafsen, 
und andererseits die Abweichung der Magnetnadel vom 
Meridian, d. h. die Deklination, wirklich um die Zeit 
des XIII. und XIV. Jahrhunderts im südlichen Europa 
nur gering war. 

Wer unter den Europäern zuerst die Deklination über- 
haupt und die Verschiedenheit der Deklination an ver- 
schiedenen Punkten der Erdoberfläche wahrgenommen habe, 
ist nicht mit voller Gewifsheit zu sagen, aber einleuchtend 
ist, dals diese Verschiedenheit und damit die Deklination 



270 Magnetismus. 

selbst nicht lange verborgen bleiben konnte von der Zeit 
an, da man gröfsere Seereisen machte. 

Nach einer Erzählung, die Thivenot in seinem Recueü 
des voyagesy Paris 1681 mittheilt, soll Peter Adsigeriiis 
schon im J. 1269 eine Abweichung von 5^ wahrgenommen 
haben. Allein die Nachricht ist unlauter» es ist nicht ge- 
sagt, wo diese Beobachtung gemacht sei, und ob diese 
Deklination von der an anderen Orten abweiche. 

Sicherer ist die Annahme, dals unter den Europäern 
Christoph Colnmbns es war, der zuerst die Deklination und 
ihre Ungleichheit an verschiedenen Orten der Erdober- 
fläche beobachtete. Als derselbe auf seiner ersten Ent- 
deckungsreise nach Amerika 200 Seemeilen von Ferro am 
13. September 1492 bei Sonnenuntergang eine astrono- 
mische Beobachtung machte, fand er zu seinem Erstaunen^ 
dafs das Nordende der Magnetnadel etwa einen halben 
Strich (5^^) nach Westen abwich. 

Zu Colambns Zeiten verstand man schon recht gut 
astronomische Beobachtungen zur See zu macheu, es ist 
daher einigermalsen aufiallend, dafs er und andere See- 
fiihrer uns nichts von der magnetischen Abweichung im 
mittelländischen Meere sagen, da diese doch damals kei- 
neswegs null sein konnte. Am Schlüsse des XVI. Jahr- 
hunderts war die Deklination im Mittelmeer östlich, etwa 
9^ in Italien (§ 59) und nahm ab, es mufste also im 
XV. Jahrhundert diese östliche Deklination noch grofser 
sein. Es kann daher befremden, dafs Colnmbus durch eine 
westliche Abweichung von 5^^ in Erstaunen gesetzt ward, 
während er zu Palos, dem Hafen, wo er auslief, sicher 
eine ebenso grolse östliche hätte beobachten können. 

Aber vielleicht war es auch nur dieser Uebergang 
der östlichen Deklination in eine westliche, welche ihm 
Verwunderung und Besorgnifs abnöthigte; auch ist es mög- 
lich, dafs man bei den im mittelländischen Meer üblichen 
Kompassen der Magnetnadel schon eine solche Stellung 
gegen die sogen. Windrose gegeben hatte, dafs sie genau 
nach Norden zeigte. Es ist dies um so glaublicher, als 



MagnetismttB. 27 1 

man noch lange, nachdem die Deklination als Thatsache 
erwiesen war, ziemlich allgemein die Meinung hegte, es 
sei dieselbe etwas znf&lliges, rühre von einer fehlerhaften 
Konstraktion der Magnetnadel her, daher man denn aach 
allerlei Versuche machte Magnetnadeln zu konstrairen, die 
genaa nach Norden zeigten. 

Wie dem auch sein mag, wenn Cohinibas auch nicht 
der erste Europäer war^ der die magnetische Deklination 
Oberhaupt entdeckte, so scheint er doch die Ungleichheit 
derselben an verschiedenen Punkten der Erdoberfläche zu- 
erst wahrgenommen zu haben. Gegenwärtig wird ihm 
dieses Verdienst auch nicht streitig gemacht, doch mufs 
ich erwähnen, dafs sowohl Gilbert, mit dem wir uns bald 
näher bekannt machen werden, als auch Rkcioli zwei andere 
Männer als Entdecker dieses Phänomens nennen, nämlich 
Sebastian Cabot und Goncales Oviedo. 

Sebastian Cabot (Caboto, Gaboto), Sohn des Venetianers 
Joh. Cabot, machte im Dienst und Auftrage des Königs 
Heinrich VIU. von England eine Reise nach dem Norden 
TOD Amerika, auf welcher er 1497 Prima vista (New- 
Foundland) entdeckte, und bald darauf am 24. Juni 1497 
das Festland von Amerika betrat, merkwürdiger Weise 
früher, als dies mit Colmabns der Fall war, der erst am 
5. Aagust 1498 fQnf Lieues von Cabo de Lapa im Golf 
von Paria den Fuis auf den Kontinent von Amerika setzte, 
ond zwar ohne es zu wissen, da er bis an sein Ende in 
dem Glauben blieb, Cuba sei schon ein Theil des Fest- 
Wdes. Diesem Cabot schreibt Crilbort gradeswegs die 
Entdeckung der magnetischen Deklination zu. 

Der andere Kompetent Gonzales Oviedo, auch ein 
Zei^enosse von ColnmbllS, ist durch eine Beschreibung 
von Indien berühmt, in welcher er, wie Gilbert sagt, be- 
richtet, daia die Magnetnadel in dem Meridian der Azoren 
keine Abweichung zeige. 

Beide Zeugnisse können richtig sein, ohne wie man 
sieht Colambns in der Priorität seiner Beobachtung Ein- 
trag zu thun. Uebrigens ist das Zeugnifs fQr Cabot inso- 



272 llagnetismos. 

fern verdächtig, als de l'ble eine Handschrift vom Piloten 
Crignon aus Dieppe gesehn hat, welche von 1534 datirt 
dem Cabot zugeeignet war, und in welcher von der Ab- 
weichung der Magnetnadel die Rede ist, so daüs es zwei- 
felhaft ist, ob Cabot die Deklination entdeckt hat oder sie 
bereits vor ihm bekannt war^). 

119. Man würde sioh sehr irren, wenn man glauben 
wollte, dafs die Deklination, nachdem sie entdeckt war, 
auch überall bekannt und anerkannt worden sei. Das war 
keineswegs der Fall, und zwar nicht blofs wegen der Lang- 
samkeit des damaligen wissenschaftlichen Verkehrs, sondern 
hauptsächlich wegen der Hartnäckigkeit der Physiker und 
Mathematiker jener Zeit, welche die Abweichung der 
Magnetnadel vom astronomischen Meridian nicht mit ihren 
eingebildeten Lehrsätzen vereinbar fanden. 

So schrieb Pedro de Medina, ein spanischer Mathe- 
matiker zu Valladolid noch im J. 1545, also etwa 50 Jahre 
nach Colambus erster Reise eine Schiffiahrtskunst, worin 
er ausdrücklich die Deklination der Magnetnadel läugnet. 
Er schrieb sie der fehlerhaften Maguetisirung der Kom- 
paTsnadeln und der unrichtigen Beobachtung der Schiffer 
zu. Auch Nonins, der bereits früher erwähnte Professor 
zu Coimbra (§ 116) war ähnlicher Meinung, oder glaubte 
sie käme daher, dafs die Kompafsnadeln bei langem Ge- 
brauch an Kraft verlören. 

Indefs häuften sich die Erfahrungen, welche die 
spanischen und portugiesischen Seefahrer auf ihren weiten 
Reisen durch beide Oceane machten, immer mehr, und 
so sahen sich denn die Gelehrten genöthigt ihre vorge- 
fafsten Theorien fiahren zu lassen. Einen Beleg dazu giebt 
das Handbuch der Schiffiahrtskunst, welches Martill Cortes 
im J. 1556 zu Sevilla herausgab. In diesem findet man 
die magnetische Abweichung als eine völlig erwiesene 
Thatsache hingestellt und nicht blofs dies^ sondern auch 
Regeln und Instrumente zum Messen derselben angegeben. 



1) FiBoher, Gesch. d. Phjs. I, 258. 



MagnetLunns. 273u 

Hoch früher wurde die Thatsaehe in Deutschland an- 
erbumt, aber wie es oft geht, von hier aus wenig oder 
gar nicht ins Ausland gefördert. Cfeorg Hartmann, geb. 
U89 zu Eokoltsheim bei Bamhwg und gest. 1564 als 
Vikar an der St. Sebaldus- Kirche zu Nürnberg, war ein 
Mann, der Italien bereist hatte, si(^ viel mit der Ver- 
ferügang von Astrolabien, Sonnenuhren und dergl. In- 
stnimenten beschäftigte, auch 1540 den Kaliberstab zur 
Bestimmung des Kugelgewichts bei Geschützen erfand, 
und die Perspectiva communis des Job« Pisani 1542 über- 
setzt herausgab. Wie Levin Hnlsi^s aus Gent, der 1 590 nach 
Nürnberg kam und daselbst 1597 eine Desciiptio et usus 
tiatorn et Jufhologii solaris veröffentlichte, in diesem Werke 
angiebt, hat Hartmann schon 1536 beobachtet, daTs zu 
Nürnberg die Deklination 10^^ betrage^). In einem Brief 
an den wissenschaftlich gebildeten Herzog Albrecht von 
Preoisen, der vom 4. März 1544 datirt, sagt Hartmann 
ebenfaUs, dafs die Abweichung zu Nürnberg 10^ betn^e, 
dais sie aber in etlichen Ländern nur 6^ sei, wie er dies 
selbst zu Rom beobachtet habe. ^) 

Auch Orontins Finaeus (Oronce Fine), Prof. zu Paris, 
ein zu seiner Zeit berühmter aber doch ziemlich mittel- 
mäßiger Mathematiker, indem er in dem Glauben stand, 
die Quadratur des Zirkels gefunden zu haben, beobachtete 
im J. 1550 die Deklination zu Paris, und fand sie gleich 8^. 

Endlich schenkten auch die Engländer den Phäno- 
menen des Erdmagnetismus ihre Aufmerksamkeit, und 
leisteten bald mehr als alle anderen Völker zu deren ge- 
nauerer Erforschung. Im J. 1580 veröffentlichte der eng- 
lische Künstler Bobert Norman, zugleich ein erfahrener 
Seemann, unter dem Titel The new attractive ein Werkchen, 
worin er nicht nur weitläufig von der magnetischen Ab- 
weichung redete, sondern auch den ersten Schritt zu einer 
richtigen Ansicht von der Ursache derselben that. 



*) Fischer, Gesch. d. Phys. I, 253. 
') Dove, Eepertoriam II, 12t». 

Poggendorff, Gesch. d. Physik. 18 



274 MagnetiBmiis. 

Im AUgememen glaubte man, es sei die AnsiehuDg 
eines Punktes am Himmel» welche der Magnetnadel ihre 
Richtung gebe; das war u. A. die Ansicht von Colnabns. 
Der berflchtigte Paraeebus (gest. 1541 zu Salzbnig) ver- 
1^^ diesen Punkt in das Sternbild des grolsen Bftren, 
dasselbe that Cardano, und der genannte Martin Csrtez 
lieis den Anziehungspunkt am Himmel sich bewegen. 
Norman hatte nun in sofern eine richtigere Ansicht, alfi 
er den anziehenden Punkt in die Erde verlegte, eine An- 
sicht, in der er einigermalsen einen Vorgänger in dem 
berühmten Arzt und Mathematiker Fracastoro zu Verona 
hatte, indem derselbe in den nördlichen hyperboreischen 
Gegenden Gebirge mit gewaltigen Eisenmassen fingirte, 
welche auf die Kompafsnadeln wirken sollten. Aehnliches 
sagte Olans Magnus, ein Schwede, der von 1490 bis 1558 
lebte und in Rom starb. Derselbe fabelte, es wären am 
Nordpol ganze Berge, die einen solchen Magnetismus 
äuiserten, dafs man daselbst nur Schiffe mit hölzernen 
Nägeln brauchen könne, indem eiserne Nägel aus den 
Schiffsplanken herausgezogen würden. 

In der dritten Auflage des normanschen Werks, die 
einige Jahre nach 1580 erschien, gab ein gewisser Wiliian 
BniTOUghs, Kontroleur bei der englischen Marine, ein 
VerzeichniTs der damals bekannten Abweichungen f&r ver- 
schiedene Punkte der Erdoberfläche und machte zugleich, 
was bemerkenswerth ist, den Versuch die Deklination an 
verschiedenen Orten durch eine Formel auszudrücken. 
Natürlich mufste der Versuch scheitern, da man selbet 
jetzt, nach so vielen tausend Beobachtungen an verschie- 
denen Punkten der Erde, noch nicht zur genügenden 
Lösung dieses Problems gelangt ist. 

Einige Jahre darauf äufserte auch Porta in seiner 
Magia naturalis von 1589 einen ähnlichen Gredanken. Er 
wufste, dafs die Deklination zu seiner 2^it in Italien 9^ 
östlich, bei den Azoren 0^ und in Westindien westlich 
sei. Er meinte nun, wenn man einen grofsen Kompafs 
mache, etwa von 10 Fufs Durchmesser, und diesen einmal 



Magnetismiu. 275 

aof einer Reise qaer durch das Atlantische Meer genau 
beobachte, so kdnne man mittelst des Kompasses die geo- 
graphische Länge auf dem Meere finden. Diese Idee ist 
später mehrmals wieder aufgetaucht, bis sie sich denn bei 
genauerer Kenntnis der Deklinationsverhältnisse als ganz 
unpraktisch erwies. 

120. Bis dahin hatte man die magnetische Deklination 
zwar als ungleich an verschiedenen Punkten der Erdober- 
fläche erkannt, hielt sie aber doch för konstant an einem 
Qod demselben Ort. Diese Ansicht sollte indefs bald um- 
gestoüsen werden durch Henry Oellibrand, Prof der Astro- 
nomie am Gresham College zu London, der 1636 im 
39. Jahre seines Lebens starb. Als dieser nämlich seine eigenen 
Beobachtungen zu London mit denen Terglich, die frClher 
daselbst von seinem Vorgänger Ganter und von Norman 
angestellt waren, fand er, dafs die Deklination daselbst 
beträchtlich im Abnehmen begriffen war, denn 

Norman beobachtete im J. 1576 : IP 15' östl. 
Ganter - - 1622 : 6° 12' - 

Gellibrand - - 1634: A^ 5' - 

Gellibrand veröffentlichte seine Entdeckung 1635 zu 
London in einer Schrift: A Diacourae mathematical on the 
rono^um of the magnetic needle, zu nicht geringer Be- 
stürzung der Seefahrer, die dadurch sehr in dem Glauben 
an die Zuverlässigkeit des Kompasses erschüttert wurden. 
Em gewisser Bond, Lehrer der Mathematik zu London, 
suchte sie zwar zu trösten, indem er 1650 in seinem 
^eatnarCs Kalendar eine Formel aufstellte, nach welcher 
er glaubte die Veränderungen der Deklination im Voraus 
berechnen zu können, allein es zeigte sich bald, dafs sie 
selbst fbr London nur annähernd richtig war. 

Der oben genannte Edmund Ganter, geb. 1581, gest. 
1626, war Prof der Astronomie am Gresham College zu 
London. Er erfand die Mefskette und den logarithm. 
Rechenstab, und soll bereits 1622 vor Gellibrand die Ver- 
änderung der magnetischen Deklination entdeckt haben. 

18* 



l 



276 MagnetismuB. 

Uebrigens miiik ich noch bemerken, dafs man auch 
zu Paris Beobachtungen anstellte, aus wdchen sidi die 
in Rede stehenden Veränderungen gleichfalls ergaben, denn 
es beobachteten: 

Sennertns und Oflacins im J. 1580 : 11<>30' östl. 

Nantonnier - 1603: 8^45' - 

Petit - 1630: 4^30' . 

Allein man unterließ es, irgend einen SchluJDs aus diesen 
Beobachtungen zu ziehen, und daher gehört denn auch 
die Entdeckung der säkularen Variation der magnetischen 
Abweichung keinem andern als Gellibrand, eine Entdeckung, 
die dadurch ihre Bestätigung fand, dafs die Magnetnadel 
in ihrer fortwährenden Annäherung an den Meridian den- 
selben im J. 1660 für das nordwestliche Europa erreichte, 
und von nun an mit ihrem Nordende nach Westen ab- 
wich, in welcher Bewegung sie im März 1819 ihr Maid- 
mum erreichte, &ir welches Oberst Beaofoy zu Bushey 
Heath bei Stanmore in England im März 1819 durch eine 
fortgesetzte Reihe von Beobachtungen 24^ 41' 42" West 
fand. 

Seit diesem Jahr nimmt die Deklination in England 
und den benachbarten Ländern wieder ab, und wenn diese 
Abnahme gleichen Schritt mit der Zunahme hält, würde 
die Magnetnadel im J. 1978 wieder genau nach Norden 
zeigen. 

Sonach um&(ste die Kenntnüs dea Erdmagnetismus 
am Ende des ersten Drittels vom XVU. Jahrhundert fol- 
gende drei Thatsachen: 

1) die Deklination überhaupt; 2) ihre Verschiedenheit 
an verschiedenen Orten der Erde, und 3) die Veränderung 
derselben an einem und demselben Ort, d. h. die säku- 
laren Veränderungen oder diejenigen, die so langsam mit 
der Zeit fortschreiten ^ daüs man ihre Periode noch nicht 
hat bestimmen können, oder die überhaupt noch unent- 
schieden lassen, ob sie eine Periode haben. Die eigent- 
lich periodischen, die täglichen und jährlichen Variationen 
sowie die anomalen plötzlichen wurden erst später entdeckt. 



Magnetismus. 277 

121. Alles dieses gilt von dem horizontaleii Theil der 
erdmagnetischen Kraft, da die KompaTsnadel vermöge ihrer 
KoDstmktioii, mag nun die Nadel auf Wasser schwimmen 
oder auf einem Stifte schweben, nicht fQglich oder nicht 
bedeutend von einer andern als horizontalen Kraft aflScirt 
werden kann. Nun wissen wir gegenwärtig, daTs die erd- 
magnetische Kraft nur an verhältnifsmftfsig wenigen Punkten 
der Erdoberfläche horizontal ist, dafs diese Punkte auf 
einer Linie liegen, die in der Nähe des Aequators die 
ganze EIrde in nnregelmäfsiger Gestalt umschlingt, und 
dals von dieser Linie aus nach den Polen hin die erd- 
magnetische Kraft mit dem Horizont einen immer gröfseren 
Winkel bildet 

Dieses Phänomen hätte wohl schon von den Seefahrern 
am Ende des XV. und zu Anfang des XVI. Jahrhunderts 
entdeckt werden können, da sie zum Theil in ziemlich 
hohe Breiten kamen, wie Bartholomäus Diaz 1486, Vasco 
de 6ana 1497 und Magelhaens 1519. Man hat indefs 
keine Nachricht, dafs sie es beobachteten; oder falls sie 
beobachteten, dafs die KompaTsnadel herabneigte, so haben 
sie es nicht weiter beachtet, und sich vielleicht geholfen, 
wie es jetzt wohl die Schiffer zu thun pflegen, dafs sie 
ein Stückchen Wachs oder sonst eine kleine Masse an 
die Magnetnadel kleben, um sie wieder in die horizontale 
Lage zurück zu fQhren. 

Der erste, welcher, soviel man weiis, die Neigung 
der Magnetnadel beobachtet hat und von ihr Nachricht 
giebt, der also als Entdecker der Neigung oder Inkli* 
Dation der erdmagnetischen Kraft betrachtet werden mufs, 
i$t der schon erwähnte Eartmann (§ 119). In dem Brief, 
den er am 4. März 1544 an den Herzog Albrecht von 
PreoTsen schrieb, heilst es nämlich: 

Zu deni Andern finde ich auch dieses an dem Magneten, 
dajs er sich nicht allein wendet von der Mitternacht und 
lenket eich gegen den Aufgang um 9^ ungefähr , wie ich es 
gemeldet habe, sondern er zeigt auch unter sich. Nun be- 
schreibt er sein Verfahren, wobei denn das Züngele des 



278 Magnetismus. 

Kompafs um etwa 9^ fiel^y. Das Verfahren Hartmau's 
war indefs sehr unvollkommen, wohl hinreichend das Da- 
sein der Neigung zu erweisen , aber keineswegs tauglich 
die Gro/se derselben auch nur annähernd zu messen, wie 
denn auch sein Resultat natürlich sehr bedeutend Ton der 
Wahrheit abweicht, 9® statt 70M 

Erst 33 Jahre später wurde die Inklination genOgender 
beobachtet, und zwar von Robert Norman. Als derselbe 
bei Anfertigung von Kompaisnadeln die Beobachtung von 
flartmann machte, wurde er auf die Konstruktion des In- 
klinatoriums geführt, welches er zuerst im J. 1576 ver- 
fertigte ^). Die Magnetnadel dreht sich bei diesem Instru- 
ment um eine horizontale Axe, welche möglichst genau 
durch den Schwerpunkt der Nadel geht, so dais diese, 
wenn sie in der richtigen Vertikalebene aufgestellt ist, frei 
der Hichtung der magnetischen Kraft folgen kann. Mit 
Hülfe dieses Instruments gab Norman im J. 1576 fbr Lon- 
don eine Bestimmung, die vermuthlich nicht sehr von der 
Wahrheit abwich. Er fand die Neigung 71« 50'.«)- 
Die erste Neigungsbeobachtung in Paris wurde 1671, und 
1755 die erste in Berlin und wohl auch zugleich in 
Deutschland gemacht. 

Norman fand auch die beachtenswerthe Thatsache, 
dafs durch die Magnetisirung des Stahls dessen Gewicht 
nicht geändert wird. 

122. Bis zum Ende des XVI. Jahrhunderts be- 
schränkte sich die Kenntnifs von der Inklination auf das 
bloise Dasein derselben, von welcher Qbrigens, beüäufig 
gesagt, die Chinesen, welche doch die Deklination so früh- 
zeitig beobachteten, niemals Kunde erhalten zu haben 
scheinen. Aber bald sollte auch hier der Qesichtskreis 
erweitert werden und zwar durch den Mann, der in der 
Geschichte des Magnetismus eine ähnliche Rolle spielt 

*) Dove, Repertorium ü, 130. 

*) Masschenbroek, Dissertatio de Magnete, in Diss. phys. et 
geometr. I, 189. 
») Ibid. p. 67. 



ras. ^9 

wie fialild in der flbrigen Phygik,' namentlich in deren 
mechanischem Theil, dies ist: 

WilfiaB fiflbert geb. zu Golohester 1Ö40, gest. 1603 
zu London. Nachdem er seine Studien zu Oxford und 
Cambridge vollendet hatte, besuchte er das Ausland und 
lieft sich dann 1573 als Arzt in London nieder, wo er 
bald in solchen Ruf kam, dafs die Königin Elisabeth ihn 
za ihrem Leibarzt wflhhe, und ihm überdies ein Jahrge- 
halt zur Betreibung seiner wissenschafUiehen Untersuchun- 
gen aussetzte, weldies er auch unter Jakob I. behielt, aber 
nicht lange, da er bald nach dessen Regierungsantritt ver- 
sdiied. 

Es ist sehr wahrscheinlich, dais Gttbert in wissen- 
schaftlichem Verkehr stand mit Lord Baco, da dieser um 
dieselbe Zeit bei der Königin Elisabeth sehr angesehen 
war, und daraus würde sich auf eine ungezwungene Weise 
die Aehnlichkeit in Ansichten und Sprache erklären, die 
man in den Schriften beider Männer bemerkt haben will. 
Man muls indefs gestehen, dafs fiilbert, wenn auch nur 
fär einen einzelnen Zweig der Physik, die Grundsätze, 
welche Baco predigte, viel wirksamer ausübte als dieser, 
und &ar seine Zreit ein höchst ausgezeichneter Physiker 
genumt werden mufe. Wir besitzen ron ihm ein Werk: 
De magnete magneticisque eorparibu» et de magno magnete 
tdlure Physiologia nova^ Londmi 1600, welches davon ein 
glänzendes Zeugnifs ablegt. Es ist das erste seiner Art, 
mit Klarheit geschrieben und voll sinnreicher Versuche, 
welche zeigen, dals sein Verfasser den Wertfa experimen- 
teller Untersuchungen in vollem MaTse erkannte. Sonder- 
barer Weise hat es aber in der ersten Zeit in England 
weniger Aufsehn gemacht als im Ausland, denn während 
dort bis 1628 nur zwei Ausgaben in lateinischer Sprache 
herauskamen, erschienen deren in Holland und Deutsch- 
land fünf; ich selbst besitze eine von 1633 in Stettin ge* 
dmckt von Wol%ang Lochmann. 

Ein anderes Werk von Gilbert ist: De mundo noetro 
^lunari Philoeophia novo, Ametelodami 1651 , welches nach 



^S0 .Magnetismus. 

seiiaem Tode ersdiien und ein Versach ist, an Stelle der 
aristotelischen Philosophie eine neue bessere anfiraatellen. 

Gilbert macht zunäohsft dadurch Epoche in der Ge- 
schichte des Magnetismus^ namentlich des tellurisdien, dais 
er z^er6t die Idee aussprach, die Erde sei ein grofser 
Magnet;, welcher Pole habe wie ein gewöhnlicher Stahl- 
magnet. Er entwickelt .auaf&hrlichy dals die Ursache der 
Richtung der Kompaftnadel nicht am Himmel zu suchen 
sei, auch nicht in zuftUigen Eisenmassen der nördlichen 
Gebirge, .sondern dals. sie dem E^dkörper als Gesammtheit 
^Qukomme. 

Diese grofse und richtige Idee giebt Gilbert ein volles 
Recht als Entdecker des tellurischen Magnetismus betrachtet 
zu werden. Um die Analogie der Erde mit einem Mag- 
neten darzuthuD, konstruirte er einen kugelförmigen Stahl- 
magneten, welchem er den noch jetzt gebräuchlichen Namen 
Ter.ella beilegte. Mittelst einer solchen Terella, an welcher 
er. eine an einem Faden hängende Magnetnadel herum- 
führte, suchte er nun anschaulich zu machen, wie die Rich- 
tung der erdmagnetisohen Kraft von Ort zu Ort sich Ter- 
ändern müsse. 

Gewifs gereicht es ihm sehr zur Ehre, daTs er zu einer 
Zeit^ da au&er London noch an keinem Ort der Erdober- 
fläche Inklinationsbeobachtungen angestellt waren, bereits 
divinirte, da(s die Inklination nicht überall dieselbe sei, 
sondern von dem Aequator nach den Polen hin wachse. 
Erst filnf Jahre nach seinem Tode wurde diese Divination 
bestätigt durch Hudson, den berühmten Entdecker der 
Hudsonsbay; denn als dieser im J. 1608 unter 75^ 22' nördi. 
Br. die Inklination maTs, fand er sie 89^ 80', während sie 
zu London von Norman im J. 1576 = 7P50', 
und von Gflbert selbst im J. 1600 «c 72^ gefunden war. 

Baffin fand sie später im J. 1613 unter 6^9 45' nördl. 
Br. nur 63^ 30', allein sein Instrument war fehlerhaft, es 
gab ftir London nur 54^, es zeigte indels doch einen Zu- 
wachs. 



MagnetismaB. 281 

123. Bei der geringte Zahl von Beobachtungen, die 
Gilbert zu Gebote standen, war ee wohl nicht zu verwun- 
dern, dafs er mit der. im Ganzen richtigen Idee auch noch 
manche Inrthttmer verband. Zu diesen gehörte u. A., dafs 
er gknbte, die magnetischen Pole der Erde fielen mit den 
geographisoheii zusammen, und der magnetische Aequator 
mit dem geographischen, während wir wissen, dafs dies 
nicht der Fall ist, und namentlich der magnetische Aequator 
keinen gröisten Kreis darstellt, sondern eine ziemlich un- 
regelmälsige Linie ; auch veriegte er die Pole an die Enden 
der Erdaxe in die Oberfläche der Erde. 

Aus diesem Irrthum entsprang bei Oflbert der andere, 
dafs er meinte, man könne aus der Inklination der Magnet- 
nadel die geographische Breite oder Polhöhe der Orte 
finden. Dieser Irrthum ist um so aufiallender, als Cfllbert 
andererseits sehr wohl einsah, dafs die Deklination der 
Nadel nicht zur Bestimmung der geographischen Länge 
dienen könne. Er widerlegt Porta in dieser Beziehung 
aasf&hrlick und bemerkt ganz richtig, dafs wenn man auch 
experimentell die Veränderungen der Abweichung unter 
einem Parallelkreis ganz genau- ermittelt habe, man daraus 
allgemein noch nicht die gec^raphisdie Länge herleiten 
könne, weil jene Veränderungen unter jedem Parallel ver* 
schieden sei^i, in nördlichen Breiten viel gröfser als unter 
südlicheren. 

Man kann vielleicht fragen. Wie Gilbert die Verschie- 
denheit der Deklination auf einem und demselben Parallel 
oder Oberhaupt die Deklination mit seiner Theorie von der 
Koincidenz der magnetischen und geographischen Pole zu 
Tereinigen wuürte. Die Antwort darauf ist, dals er neben der 
Haaptmagnetaxe, welche er der Erde heilste, noch störende 
Einflösse annahm, hervorgehend aus der unregelmäTsigen 
Gestalt des festen Erdkörpers, den er allein als magnetisch 
ansah, und nicht das Wasser! In der Mitte des Oceans, 
sagte er, mufs die Deklination null sein, weil da gleich- 
sam Amerika und Europa einander das Gleichgewicht 
halten, näher an Europa ist sie östlich, näher an Amerika 



282 

ist 816 westlich, weil da die Wiikiiiig des einen und des 
anderen Kontinents überwiegt. 

Diese Ansiebt stimmte mit den Er&hmi^ren, die zu 
Cfflbert^s Zeit bekannt waren, in der Hauptsadie übereio, 
aber die spätere Snideokung der Veränderlichkeit der 
Deklination an einem und demselben Ort bat sie nstftrlicfa 
über den Haufen werfen müssen. 

124. Gilbert, der, was ihm gleichfalls zur Ehre gereicht, 
ein Anhänger der kop^mikanischen Lehre war, untersuchte 
auch die Frage, ob wohl der Magnetismus der Erde die 
Ursache ihrer Axendrehung sei; er kam indeis zu dem 
liesultat, dafs dies nicht der Fall sein könne, und daüs 
überhaupt die Ursache der Axendrehung der Erde unbe- 
kannt sei. Ich fbhre dies an, weil man Gilbert hat an- 
dichten wollen, er habe geglaubt, die Erde drehe sich yer- 
möge ihres Magnetismus um ihre Axe. Freilich führt er 
an, Petrus Peregrinus behaupte, dn kugelförmiger Mi^et, 
der in seinen Polen au%^ängt sei, drehe sich in 24 Stunden 
einmal um seine Axe, allein er setzt auch hinzu, der Ver- 
such habe ihm nicht gelingen wollen. 

Es fehlte daher auch noch, da(s ein späterer Physiker 
Petit ebenfalls diesen Versuch ak irrig bezeichnete, und 
dadurch dem Jesuiten Pater Orandami zu einer schlechten 
Demonstration gegen die Bewegung der Erde Anlais gab. 
Dieser Mann schlofs nämlich in seiner Nova demonstratio 
immobäüatü terrae petita ea vir tute magneticat La FUche 
1646 also: Die Erde ist ein Magnet, ein Magnet dreht 
sich nicht in 24 Stunden um seine Axe, folgUch thut es 
die Erde auch nicht 1 

Zu Oilbert's Zeiten lag die Mechanik des Mi^eten 
noch ganz in ihrer Kindheit, oder vielmehr sie war noch 
gar nicht geboren. Daher dürfen wir uns denn auch nicht 
wundem, wenn er über Erscheinungen nicht ins Beine 
kommen konnte, die uns heute sehr dnfach dünken. So 
z. B. hatte ihn Norman den Versuch gelehrt, da(s eine 
Stahlnadel, vorsichtig auf die Oberfläche von Wasser gelegt, 
schwimmen bleibt, und dabei, wenn sie zuvor magnetisch 



liagnetismiis. 283 

gemadit war, eine konstante Richtung annimmt. Hierbei 
wirft nun Gilbert die Frage auf, warum die Nadel sich 
\äob richte und nicht auch zugleich nach Norden schiffe? 
Er weils sich diese Frage nicht anders zu beantworten, 
ab da(s er eine Richtkraft und eine Anziehungskraft der 
£rde unterscheidet und annimmt, die Richtkraft sei stärker 
ab die Anziehungskraft;. Dafs jeder Pol der Nadel von 
beiden Erdpolen angegriffen wird, dafs die anziehende wie 
die abstofsende Wirkung eines jeden Erdpols auf die beiden 
Nadel -Enden gleich stark ist wegen der verschwindenden 
Kleinheit der Nadel gegen die Entfernung der Erdpole, 
dafs somit beide Pole der Nadel von gleichen, aber entr 
gegengesetzten Kräft;en getrieben werden, die wohl eine 
Drehung, aber keine Verschiebung bewirken können, das< 
alles waren fi^r Gilbert noch unbekannte Dinge. 

125. Gflbert wufste, wie übrigens schon Porta und 
selbst Hsrtmann, daCs die Pole zweier Magnete, die nach 
gleicher Weltgegend zeigen, einander abstofsen, und die, 
weldie nach entgegengesetzter Weltgegend zeigen, einander 
anziehen. Aus diesem Grunde nannte er denjenigen Pol 
der Magnetnadel, der nach Norden zeigt, den Südpol, und 
umgekehrt. Diese Nomenklatur ist ganz konsequent. Wenn 
man den im Norden der Erde befindlichen Pol einmal 
Nordpol nennen will, so muls der von ihm angezogene 
Pol der Nadel Südpol heifsen; daher ist denn auch diese 
Nomenklatur bis in neuere Zeiten von mehreren franzö* 
flifldien Physikern angenomm^i worden. In Deutschland 
dagegen hat sie nie Eingang gefunden, wir nennen den 
nach Norden zeigenden Pol der Magnetnadel ihren Nordpol. 

Eine andere Eigenthümlichkeit der Gilbert'schen No- 
menklatur ist, dafs er die Deklination oder Abweichung 
mit dem Namen Variation belegte, und dais er Deklination 
nennt, was bei uns Inklination heilst Durch den letzteren 
Umstand sind wohl spätere Schriftsteller verleitet worden, 
dem Norman die Entdeckung der Deklination in unserm 
Sinne zuzuschreiben, während er doch nur auf die der 
Inklination Anspruch machen kann. Die Neigung der 



284 MagnetismiiB. 

Magnetnadel- gegen den Horizont wird jetzt durchgfingig 
von allen Volkern Inklination genannt, dagegen iet es noch 
beut zu Tage bei den Engl&ndem, namentlich den See- 
fahrern, ganz allgemein Sitte, die Abweichung von dem 
Meridian Variation zu nennen. 

126. Becht unterrichtet war C^ilbert hinsichtUch der 
Wirkung des Erdmagnetismus auf weiches Eisen. 

Er wufste, daXs jeder Eisaistab senkrecht gehalten zu 
einem Magnet wird, der seinen Nordpol (fiilbert's Sfldpol) 
am unteren Ende hat Er giebt dies jedoch nicht för 
seine Erfindung aus, sondern sagt vielmehr, da(s man die 
Thatsache zuerst in Mantua beobachtet habe an der Stange 
der Wetterfahne auf dem Thurm eines Augustinerklosters. 
Allein Gilbert hat das Verdienst, die Ursache dieser Er- 
scheinung zuerst eingesehen, und durch einige recht sinn- 
reiche Versuche erläutert zu haben. Er zeigte, dafs ein 
über dem Südpol eines Magneten senkrecdit gehaltener 
Eisenstab unten einen Nordpol und oben einen Südpol 
bekomme; femer, dafs ein Eisenstab, um von der Erde 
magnetisirt zu werden, nicht nothwendig senkrecht stehen 
müsse, dafs er auch schief gebalten werden könne, ja, dafs 
er in Richtung der Neigungsnadel noch starker magnetisdi 
werde als in senkrechter Richtung. Endlich beobachtete 
Gilbert auch, dals Eisenstäbe die magnetische Kraft schon 
dadurch annehmen, dafs sie der Länge nach einige Zeii 
im magnetischen Meridian verbleiben. 

Hiermit waren tiilbert^s Kenntnisse über den Erd- 
magnetismus noch nicht erschöpft. Er wufste, dafs Eiseo- 
stäbe durch Hämmern magnetisch werden, dafs sie aber 
dabei im magnetisdiien Meridian liegen müssen; femer dafk 
der Magnetismus eines Stahlstabes durch Glühen zerstört 
wird, dafs er aber wieder zum Vorschein kommt, wenn 
man den Stab im magnetischen Meridian erkalten lafst. 

Aus diesem Allen erhellt, dafs Gilbert die Wirkung 
der Erde auf weiches Eisen und Magnete sehr gut kannte, 
und dafs es bei ihm nicht eine hingeworfene Idee^ sondern 
eine aus den Versuchen mit Überlegung gezogene In- 



Magnetümna. 285 

duktion war, wenn er den Erdkörper f&r einen grofsen 
Magneten erklärte. 

127. Ebenso hatte Gilbert von den kflnstliohen Mag- 
neten und deren Wirkungen Kenntnisse, welche f&r die 
Zeit recht genügend waren. So wuTste er u. A«, um nur 
einiges anzuf&hren: 

da(s die Wirkung der Magnete sich durch alle Körper 
hin erstrecke; durch einen langen Eisendraht weiter als 
darch die Luft; 

daüs ein Magnetpol beim Streichen über Stahl und 
Eisen immer den entgegengesetzten Pol hervorrufe. Dies 
Wülste jedoch schon Porta und vor ihm Hartmann. Was 
indels Porta vom Magneten in seiner Magia naturalis sagt, 
soll nach Pater Cabeo von dem Jesuiten Leonardo Cfazzoni 
stammen, der 1592 in seiner Vaterstadt Venedig starb, 
und eine unedirte Schrift über den Magneten verfalst hat^); 

dafs ein Magnetstab nach dem Zersägen lauter kleine 
Magnete von gleicher Bichtung darstelle; 

dais sich die Kraft eines natürlichen Magneten durch 
eine sogenannte Armatur oder Bewaffiiung von weichem 
Eisen verstärken lasse; 

dais ein Magnet an Eisen mehr trage als von irgend 
einer anderen Last Er gab dafür auch den richtigen 
Grund an und legte damit dar, dafs es dem Magneten 
nicht einerlei sei, ob er 100 Pfund Steine oder Eisen 
tragen soll. 

Femer hat sich Gilbert auch dadurch verdient ge- 
macht, dafs er bei vielen seiner Versuche die so zweck- 
mälsige Aufhängung der Magnetnadel an einem feinen 
Faden anwandte, und mehrere Methoden angab, die mag- 
netische Deklination mit einer für die Zeit recht schätzens- 
werthen Genauigkeit zu bestimmen. 

Gilbert hat auch durch mancherlei Erörterungen und 
Versuche die Verschiedenheit des Magnetismus und der 
Elektricität darzuthun gesucht. Er hat das Wort elek- 



>) Tiraboschi, Storia della lett ital. VUI, 367. 



286 Magnetismiu. 

irisch in die Wissenschaft eingef&hri, und auch das Ge- 
biet der Elektricitätslehre erheblich erweitert, wie bei dieser 
zur Sprache kommen wird. 

Wie sehr Cfilbert seine Zeit flberragte, geht am besten 
aus den Werken derer hervor, die in den ersten Decennien 
nach ihm über den Magnetismus schrieben. Sie haben im 
Grunde gar nichts zur Erweiterung dieses Zweiges der 
Physik beigetragen, doch sind zwei Männer darunter, die 
neben den wunderlichen Hypothesen, welche sie sich fiber 
die Ursache der Magnete erdachten, auch einige Versuche 
anstellten, und diese will ich denn hier zum Schlüsse dieses 
Abschnitts noch namhaft machen. 

128. Nicolo Cabeo (Cabaeus), Jesuit, geb. 1585 in 
Ferrara und gest 1650 in Genua. Seiner wurde bereits 
im vorigen § gedacht. Wir haben zwei Werke tou ihm: 
Pküosophia magneticaf Ferrariae 1639^ und einen Kommentar 
zur Meteorologie des Aristoteles, Rom 1646. 

In dem ersten Werk, dessentwegen er hier zu er- 
wähnen ist, finden sich allerdings viele Versuche mit der 
Magnetnadel beschrieben, aber darunter ist keiner, der 
etwas erheblich neues lehrte; die guten sind lediglich 
Wiederholungen von denen Oilbert^s, dessen Werk er 
kannte. In welchem Geist das zweite geschrieben ist, er- 
hellt am besten aus der Theorie, die darin von der Ebbe 
und Fluth aufgestellt wird. Cabeo meint, diese entständen 
aus Spirituosen Substanzen, die durch eine besondere Kraft 
des Mondes auf dem Grunde des Meeres erregt wfirden. 
Da war denn doch des Fumerins Theorie noch einfachen 
da er die Erscheinung fikr ein Geheimnifs der Natur er- 
klärte. 

Der andere Pater Athanasius Kireker, unser Lands- 
mann, war freilich auch kein Physiker ersten Ranges, aber 
er steht doch an Gelehrsamkeit und Geistesgewandtheit 
weit aber Cabaens. Er war geboren 1602 zu Geils im 
Fulda'schen, trat 1618 in den Orden der Jesuiten und ward 
Professor der Mathematik, Philosophie und orientalischen 
Sprachen in Würzburg. Durch die Waffen der Schweden 



Magnetismiu. 287 

liier gestört, begab er sich nach ÄTignon, wo er bei den 
reichen Jesuiten mehrere Jahre den Stadien oblag. Eben 
wölke er naeh Deutschland zurQckkehren, als ihn der Papst 
nach Rom berief^ wo er anfangs am CoUegio romano Mathe- 
matik lehrte, spftter ohne Anstellung seinen wissenschaft- 
lichen Arbriten lebte und im J. 1680 starb. 

Kireber war einer der gelehrtesten Männer seiner Zeit 
und seines Ordens, ein wahrer Polyhistor^ denn er schrieb 
aber Philosophie, Mathematik, Physik, Mechanik, Natur-» 
geschichte, Philologie, Geschichte und noch manches andere, 
aber freilich mehr multa als multum, und sind seine Schriften, 
roraehmlich die physikalischen alle entsetzlich weitschweifig. 
Das Werk, welches mir Veranlassung giebt hier von Kircher 
zu reden, hat den Titel : Magnea atve de arte magnetica etc. 
Colon, Affripp. 1634; auf die übrigen werde ich später zurück- 
kommen (§ 192). 

Von dieser Ars magnetica gilt im SpecieUen, was ich 
eben von den Werken Kircher^s Überhaupt sagte; es ist 
sehr weitschichtig und enthält des Guten sehr wenig. Hierzu ' 
möchte gehören: 

ein Verfahren mittelst einer Wage die Stärke oder 
Tragkraft eines Magneten zu bestimmen; 

die Beobachtung, dafs auch glühendes Eisen noch 
vom Magneten angezogen wird; 

die Beobachtung eines seiner Freunde, dafs nach einem 
Ausbruch des Vesuvs eine grolse Veränderung in der Ab- 
weichung der Magnetnadel eingetreten sei. 

Daneben findet sich auch eine grofse Zahl von In- 
strnmenten und Spielereien beschrieben, welche auf An- 
wendung des Magneten beruhen. Darunter tritt auch die 
Idee hervor, seine Gedanken durch den Magneten einer 
meilenweit entfernten Person mitzutheilen, eine Idee, welche 
in die Ars magnetica aus LeiD'eehoil's La r4cr4ation mathS- 
moHque 1624 übergegangen ist^). LeBrechon war Jesuit 



>) Poggend. Ann. LXXXII, 335. 



268 Nachfolger Gaüte&'s. 

und Prof. im Kloster zu Bar-le*Duc, und starb 1670 zu 
Pont « ä - MouBson (§11 3). 

Wie 68 übrigens mit Kircliar's wissenschaftlichen 
Kenntnissen vom Magneten beschaffen war, mag n. Ä. 
daraus erhellen, dais er als Verstfirkungsmittel der Kraft 
eines Magneten empfiehlt, denselben zwischen getrocknete 
Blätter von Isatis sylvatica einzupacken. Darin wird er 
selbst von seinem Vorgänger Porta beschämt, denn dieser 
widerlegt schon die von Plntarch, Plililis und Andern über- 
lieferten Märchen, dais der Magnet durch Bestreichen 
mit Knoblauchssaft oder durch die Gegenwart eines Dia- 
manten seine Kraft verliere, und da(s man sie ihm wieder- 
geben könne, wenn man ihn mit Bocksblut bestreiche, das 
überdies die Eigenschaft habe, den Diraianten mürbe zu 
machen. 

In solchen Dingen muüs man es indessen mit den 
Schriftstellern des XVI. und XVU. Jahrhunderts nicht so 
genau nehmen, wir werden weiterhin sehen, dafs der hoch- 
berühmte und in schönen Erfindungen glückselige Pater 
Kircher, wie ihn einer seiner Zeitgenossen nennt, doch 
auch mitunter ganz gescheute Gedanken hatte. Nur ein 
Physiker im wahren Sinne des Wortes war er nicht, und 
namentlich darf er beim Magnetismus nicht Clilbert zur 
Seite gestellt werden, dessen Arbeiten immer den Cha- 
rakter ernster Wissenschaftlichkeit an sich tragen. 

Nachfolger Galilers. 

129. Galilai's Wirksamkeit in der Wissenschaft ist eine 
wahrhaft epochemachende gewesen. Micht blofs, dais er 
durch Lehre und Beispiel, durch Achtung gebietende Per- 
sönlichkeit und hohe Stellung in der Welt, wie nicht min- 
der durch seine merkwürdigen Lebensschicksale einen bis 
dahin unerhörten Einflufs auf die Zeitgenossen errang, 
übte er diesen auch durch die glänzenden und wichtigen 
Resultate seiner Forschung in nicht geringerem Grade auf 
die Folgezeit aus. 



Nachfolger Gamefs. 28^ 

Wenn irgend etwas das Aulserordentliche dieses Man- 
nes sugenfUlig darzuthun vermiß, so ist es eben die tiefe 
Forche, welche er in dem Eütwickelungsgang der Wis- 
senschaft gezogen hat. In der That ist bei Weitem die 
Mehrzahl der Arbeiten der Physiker in der zweiten Hälfte 
des XVIL Jahrhunderts durch GalQePs Untersuchungen 
angeregt oder aus ihnen hervorgegangen. Sie bilden gleich- 
sam den Mittelpunkt, von dem aus das Gebiet der Physik 
nach seinen verschiedenen Richtungen hin erforscht wurde, 
und wie sie vorzugsweise die mechanischen Probleme un- 
serer Wissenschaft ins Auge gefafst hatten, so war auch 
das Streben der nächst folgenden Decennien hauptsächlich 
anf die Lösung dieser Aufgaben gerichtet. Ja diese Rich- 
tung, die mit der Ausbildung der Mathematik Hand in 
Hand ging und ihr wesentlich zur Stütze gereichte, prädo- 
minirt in der Physik über ein volles Jahrhundert nach 
fisKlef s Tode. 

Es mag freilich darin eine gewisse Nothwendigkeit 
gelegen haben, indem diese Seite der Wissenschaft leich- 
ter ohne einen reichen Schatz von speciellen Thatsachen und 
experimentellen Hülfsmitteln, den Früchten einer vieljähri- 
gen Erfahrung, kultivirt werden kann, aber es ist doch 
nicht zu läugnen, dafs Galilei hierzu den ersten erfolg- 
reichen Anstofs gegeben hat, dafs er zuerst eine Klasse 
von Untersuchungen eröffnete, die erledigt sein mufste, 
ehe die übrigen Zweige der Physik wissenschaftlich be- 
arbeitet werden konnten. 

Unter den Gegenständen, welchen Oaiflei seine Thätig- 
keit zugewandt hatte, waren es vorzugsweise zwei, durch 
welche die Zeitgenossen mächtig angeregt wurden: einer- 
seits das kopemikanische Weltsystem, und andererseits die 
Ges^ze des Falles und überhaupt der Bewegung der 
Körper. 

130. Siebenzig Jahre waren seit Kopernikus Tod ver- 
flossen, und noch hatte die Kunde von dessen neuer Welt- 
ordnnng nicht den engen Kreis der Astronomen über- 
schritten. Selbst Keppler's vrichtige Gesetze, so sehr sie 

Pofgendorff, Gesch. d. Physik. 19 



290 Naehfolger Qt^Vu, 

die kopemikanisohe Lehre besUtigten, wa^n nickt im 
Stande ihr eine ausgedehntere Anerkennimg za verBchaf- 
fen. Da trat Galilei auf, nahm sie öffentlich in Schutz, 
und ward dafbr von der Inquisition mm Widerruf ver- 
dammt. 

Von nun an waren Aller Augen auf das kopemika- 
nische System gerichtet, und statt es vernichtet zu haben, 
hatte der römische Stuhl den Verdruls, dasselbe durch 
seine Verurtheilung erst recht ausgebreitet zu sehn. In 
zahllosen Schriften entspann sich ein Krieg, der über ein 
halbes Jahrhundert dauerte, und selbst dann noch von 
einzelnen Plänklern fortgesetzt wurde, als Newton längst 
das Testament des frauenburger Domherrn mit seiner 
Gcravitationstheorie untersiegelt hatte. Sollte man es glau- 
ben, dafs noch im J. 1731 ein helmstädter Physikus, der 
später als Praefectus horti medici nach Petersburg ging, 
gegen Kopernikus zu schreiben wagte, und doch war dem 
so! Siegesbeck hieis dieser erleuchtete Mann, dessen Name 
sonst wohl nicht verewigt wäre ^). 

An Zahl hatten die Gegner der kopemikanischen Lehre 
bedeutend die Oberband, besonders in der ersten Zeit und 
in Italien, wo natürlich die Uebermacht der römischen 
Kirche jede Opposition verstummen machte, zumal die 
meisten Naturforscher daselbst geistlichen Standes waren. 
Dies erklärt, dafs wir selbst Männer von nicht gewöhn- 
licher Begabung, wie Scheiner und Riccioli, in ihren Beiben 
streiten sehen; beide waren nämlich Jesuiten. Aber desto 
gewichtigere Stimmen erhoben sich «für das neue System 
in Frankreich, England, Holland und Deutschland. 

In Frankreich schwankte freilich anfangs die Sache, 
indem sich ein angesehener Astronom Horin g^en Koper- 
nikus erklärte, und es durch seinen Einflois beinahe dahin 
brachte, dafs die Sorbonne, die erste wissenschaftliche In- 
stanz des Landes, den Bannfluch des Plastes fbr Frank- 
reich bestätigt hätte. Aber zwei höhere Autoritäten Des- 



>) Montucla, Eist des matb. II, 301. 



Na(Mdger Gftfilei's. 291 

earfm und GaMendi QberwQgen den Einflufs Morin^s, und 
wenn auch Gassendi als Geistlicher sich nur zurückhaltend 
aosznsprechen wagte, so trat daflir ein Dritter, der Abt 
B^illiai durch seinen Phäolaus, Ämst. 1639 desto muthi- 
ger f)lr Kapenukns und Oalllei in die Schranken, die auch 
spiterfain an einer Dame Dlle. Dum^e, in deren Eniretiens 
9ur Popinion de Copemic touchant la mobilM de la terrey 
Paris 1680 eine herzhafte Vertheidigerin fanden. 

Ebenso ging es in England, Holland und Deutsch- 
land, und wenn auch hier der päpstliche Stuhl an manchem 
Geistlichen einen gewandten Advokaten fand, so hatte dies 
ntir zur Folge, dafs Männer von Ansehn sich der guten 
Sache desto mehr mit Wärme annahmen. So schrieb 
Dr. Wilkins, Bischof von Chester, seinen Copemie defen- 
ded 1660 in 2 Bänden, Lipstorp, Hofmatbematiker in Wei- 
mar, seinen Copemicus redivivue 1653, und Lansberg jun. 
seinen Anti- Ariatarchi vindex 1632 in Erwiderung auf 
einen AntirArütarchua 1631 des Dr. Vromondus , Prof. an 
der üniTersität zu Löwen. 

Selbst Ungelehrte mischten sich in diesen Kampf, und 
beschämten durch ihre Urtheile manchen Hochstudirten. 
So der holländische Schuster Rembrandsz aus Nieuw-Nierop 
am Zuydersee, der sich in seiner NederduyUche Astranomiay 
Harlingen 1653 als ein entschiedener Anhänger von Koper- 
ukus erwies, und auf den ein gelehrter Anti-Kopernikaner 
sehr mit Unrecht das bekannte : Ne sutor supra crepidam, 
anzuwenden versuchte ^). Gewifs hatte dieser Mann mehr 
natOrUchen Verstand als der Dr. ZimmermaiiB , Prof. d. 
Math, zu Heidelberg, der die streitenden Partheien dadurch 
versöhnen wollte, dafs er in seiner Scriptura aacra coper- 
i^anSy Francof, 1690 zu beweisen suchte, dai's die Bibel 
nicht gegen die Bewegung der Erde spräche. 

Nach und nach legte sich die Hitze des Kampfes und 
in dem Mafse mehr, als durch Hnyghens, Newton und 
anderer Koryphäen Arbeiten die Wahrheit der kopemika- 



*) Montacla, Bist, des math. II, 341. 

19* 



292 Nachfolger GalilefB. 

nischen Lehre immer klarer und folgenreicher hervortrat. 
Zur Ehre dieser Männer, so wie Überhaupt der beiden 
gelehrten Körperschaften in Paris und London, die lange 
Zeit die höchste Autorität in der Wissenschaft ausQbten, 
muis auch gesagt werden, dafs sie nie anders an dem riel- 
jährigen Streite Theil nahmen, als mit deax Waffen des 
Experiments und der Analysis. 

131. Nicht minder lebhaft waren die Diskussionen 
über die Fallgesetze Cralilers, worin die Gelehrten sich 
schon freier bewegen konnten, da die Kirche darin keine 
Gefahr filr den Glauben erblickte. Auch auf diesem Felde 
hatte Qalilei mehrere nicht talentlose Gegner, die indefs 
der Sache durch ihren Widerspruch nicht schadeten, viel- 
mehr grade verstärkten AnlaTs gaben, daCs die Richtigkeit 
der von dem greisen Florentiner entdeckten Gesetze über 
allen Zweifel festgestellt wurde. Einer der ersten unter 
diesen ist: 

Giainbattista Baliani, ein genuesischer Patricier und 
Senator, der 1666 im 84. Lebensjahre starb ^), ein Mann 
von Fähigkeiten und mathematischer Bildung, der aber 
von der Sucht geplagt ward, es dem Galilei gleich thun 
zu wollen. Kaum dafs Oalllei irgend eine Entdeckung 
bekannt machte, so trat auch Baliani auf, um sie als sein 
Eigenthum in Anspruch zu nehmen. 

So geschah es denn auch, dafs er 1638 mit einem 
Werk: De motu naturali ßuidorum et eoUdorum^ Genuae 
hervortrat, worin er sich fast alle Entdeckungen Galilefs 
im Gebiet der Bewegungslehre zuschrieb. Natürlich waren 
diese Ansprüche unbegründet. Baliani will selbst Fall- 
versuche angestellt haben , aber seiner eigenen Aussage 
gemäCs, machte er sie erst 1611 zu Savona, während die 
galileischen schon vor 1600 vollendet wurden. Noch auf- 
fallender ist es, dsLÜ er einige Jahre darauf 1646 Jn einer 
zweiten Auflage seines Werks alles wieder zurücknahm, 
seine und Galilefs Ansichten 6Xr gänzlich falsch erklarte, 

^) TiraboBchi, Storia etc. VIII» 300. 



Nachfolger Gamei'g. 293 

lud in Bezug auf deu freien FaU der Körper ein anderes 
seiner Meinung nach allein richtiges Gesetz aufstellte. 

Nach diesem Gesetz sollen die Körper in gleich grofsen 
auf einander folgenden Zeiten Rfinme zurücklegen, die 
sich verhalten wie die Zahlen 1, 2, 3,4,5... w&hrend diese 
RftumenachOalileiimVerhältnifsl, 3, 5, 7, 9... d. h. der un- 
graden Zahlen stehen. Dais BaUani's Gesetz nicht das 
wahre ist und sein kann, bedarf wohl keiner Versicherung; 
dennoch fand dies Gesetz unter den Scholastikern Beifall, 
vielleicht aus Opposition gegen fifalllai, w&hrend andere 
z. B. Rieeati insofern Baliaili in Schutz nehmen wollten, 
ab sie behaupteten, er habe ein solches Gesetz nicht auf- 
gestellt, i) 

132. Wichtiger fbr die Geschichte dieses Theils der 
Physik sind die Untersuchungen von Biccioli und Grimaldi, 
zweier Jesuiten, die ihre experimentellen Arbeiten meistens 
in Gremeinschaft ausführten. 

GioTanni Battista Biedoli^ der ältere von beiden, geb. 
zu Ferrara 1598, war Lehrer der Philosophie und Theo- 
logie in Parma und der Astronomie in Bologna, wo er 
auch 1671 starb. Er ist Verfasser verschiedener Werke, 
namentlich eines, das ihm grofsen Ruf verschafit hat, näm- 
lich sein Almageatunn nomnn^ Bononiae 1651 j sogenannt in 
Anspielung auf des Ptolemaeus MsfoXT] 2üvta£t?, welche in 
der 827 yerfafsten arabischen Uebersetzung den Titel Al- 
nu^est führte, und 1230 auf Kaiser Friedrichs IL Betrieb 
ins Lateinische übersetzt wurde. 

Es ist das Almagestum novum ein Werk von grofsem 
Um&ng, erstaunlichem Fleifs und ungeheurer Gelehrsam- 
keit, worin sich u. A. die Meinungen aller Astronomen, von 
den ältesten Zeiten bis zur Mitte dep XVU. Jahrhunderts 
auseinander gesetzt finden. Darin ist auch die Beschrei- 
bung der Fall versuche enthalten, die er gemeinschaftlich 
mit Griaialdi in den Jahren 1640 bis 1650 anstellte, und 
von denen ich sogleich mehr sagen werde; auch finden 



1) Tirabo8chi,Storiaetc.Yin, 301; Montacla, Hiateta 11, 195. 



294 Nachfolger Galflei's. 

fiich verschiedene andere Beobaohtiingen in dem Weik, 
freilich nicht von groisem Belang; eine Bestimmung der 
Höbe der Atmosphäre aus der Länge der Dämmerung nach 
der Methode von Alhacen mit BQcksicht auf die Brechung 
der Lichtstrahlen, wonach sich ihm die Höhe der Atmo- 
sphäre zu 30 Miglien ergab; femer eine Luftwägong nicht 
besser als die von Aristoteles, denn er wog eine Ochsen- 
blase ausgedrückt und aufgeblasen, und fand sie in letz- 
lerem Falle um 2 Gran schwerer, woraus er das Resultat 
ableitete, die Luft sei 1000 mal leichter als Wasser. Eigent- 
lich mufste die Blase in beiden Fällen, gleich schwer sein; 
denn wenn sie auch aufgeblasen von der äulseren Luft 
mehr verdrängte als zusammengeprelst, und dadurch um 
das Gewicht der verdrängten Luft leichter hätte sein müssen, 
so ist doch grade so viel Luft hineingeblasen als verdrängt, 
und folglich das Gewicht nicht geändert. Dais Biecioli 
die aufgeblasene schwerer fand, röhrt ohne Zweifel daher, 
da& er beim Einblasen und Zubinden die innere Luft zu- 
sammendrückte. ^) 

Riccioli ist auch bekannt durch eine mit Orimaldi in 
der Gegend von Modena angestellte Gradmessung, die aber 
ein bedeutend von der Wahrheit abweichendes Resultat 
lieferte, nämlich 62250 Toisen fbr den Grad, sie ist 
beschrieben in Geographia et Eydrographia refarmtOa^ 
Bonon. 1661, 

Francesco Maria Grimaldi, geb. 1618 in Bologna und 
gest. 1663 ebendaselbst, ein sehr ausgezeichneter Kopf* 
Er hat die Optik mit zwei höchst wichtigen Tfaatsachen 
bereichert, von denen ich künftig noch näher reden weide, 
nämlich mit der Dispersion oder Farbenzerstreuung, und 
mit der Liflexion oder Beugung des Lichts in der Pbjfdco- 
Mathesk de lummSy oolaribus et iride aUüque adneans Vbri 
duOf Bononiae 1666» 

Grimaldi war auch ein fleifsiger Beobachter des Mon- 
des, von welchem er eine Karte verfertigte, die von Riecioli 
in seinem Almagestum novum republicirt ist, und bei der 



>) Flacher, Gesch. d. Phys. I, 423. 



Nachfolger 6alilei*8. 295 

er die Sitte einfthrte, Mondfleeke mit den Namen berühmter 
Männer za belegen. Vor ihm hatte der berühmte danziger 
Astronom Jok. Heyel die Mondflecke in seiner Selenographia 
Ton 1647 nach Meeren nnd Gebirgen der Erde benannt. 
Cfrimalti's Methode hat besonders in neuerer Zeit den Vor- 
zog bekommen, es scheint aber, als habe Cfrimaldi in diesem 
kleinen Verdienst einen Vorgänger gehabt, denn ein ge- 
wisser LaagTenns, der sich Eosmograph Sr. apostol. Ma- 
jestät nennt, hat 1645 zu Brüssel eine Selenographia eeu 
lumina au8tn(uo^fhiUppicd herausgegeben, worin u. A. die 
Princeis Elisabeth, Tochter des Kurfürsten Friedrich, 
Königs von Böhmen, auf dieise Weise verewigt ward. 
Derselbe Langren hatte auch die Idee, den Anfang und 
das Ende der Beleuchtung yon Mondflecken zur Bestim- 
mong der geograph. Länge auf der Erde zu benutzen. 

Uebrigens entwarf Hevel seine Mondkärte schon 1643, 
und sie ist nicht nur 9lter, sondern auch besser als die 
Ton firinaldi. Die erste freilich sehr unvoUkomm^e Karte 
vom Mond verdankt man Oalilel' 

133. Was nun die Pdlversuche von RiccfoU betriffl;, 
60 wurden dieselben zu verschiedenen Zeiten angestellt. 
Bei den ersten suchte er die Geschwindigkeiten &Hender 
Körper ans deren Wirkungen zu bestimmen, indem er 
Kugeln ans verschiedener Höhe auf eine Wage faflen lieffi, 
und die Gewichte bemerkte, die sie zu heben vermochten. 
Er fand auf diese Weise die FaUräume 1, S, 9, 27 statt 
I, 3, 5, 7, 9 u. s. w. Später, als er die verbotenen Ge- 
spräche Cfalilef 8 auf Grund specieller Erlaubniüs gelesen 
hatte, änderte er sein Verfahren, und liefe unterstützt Von 
Crrinuddi im J. 1640 am Thurm degli Asin^lli in Bologna 
Kageln von Thon und Kreide, acht Unzen schwer, aus ver- 
schiedenen Höhen herabfallen, zuletzt aus einer Höhe von 
280 röm. Fu(s, und mafs dabei die Fallzeiten tnittelst eines 
Pendds. 

Sei #s nun aus Vorliebe fbr Galilei oder aus irgend 
einem anderen Umstände, genug er fand genau, was er zu 
finden wünschte, dafs: 



296 Nadbfolger Galüei's. 

was offenbar unrichtig ist, da die Thonkngeln wegen ihres 
geringen specif. Gewichts einen nicht unbetrfichtlichen Wider- 
stand erfahren, nnd folglich langsamer fiülen mulsten, ab 
nach jenem Gesetz. Dies ist natürlich keine Widerlegung 
der galileischen Gesetse, die yom Widerstand der Luft ab- 
strahiren, einem Widerstand, der nicht blpls vom specif. 
Gewicht abh&ngig ist, sondern auch von der Gestalt, ja 
selbst, wenn die Körper nicht kugelförmig sind, von der 
Lage beim Fallen. 

Später im J. 1645 sah Riccioli seinen Irrthum ein, 
und stellte sogar eine Reihe fiür ihre Zeit ganz schfttzbarer 
Versuche zur Ermittelung des Luftwiderstandes an. Er 
lieCs Kugeln von Blei, Holz^ Thon, Wachs, auch solide und 
hohle Thonkugeln aus einer Höhe von 280 Fuls herunter 
fallen und beobachtete dabei, dafs die specifisch schwereren 
allemal fiiüier anlangten, als die specifisch leichteren. Er 
ftuid auch, dais der Widerstand des Mediums, worin dss 
Fallen geschieht, mit der Dichtigkeit dieses Mediums 
wftchst, dafs z. B. ein in Wasser fallender Körper nach 
einiger Zeit eine gleichförmige Bewegung annimmt. Uebri- 
gens will der als Widersacher Galilefs und hartnäckiger 
Anh&nger der peripatetischen Lehre so bekannte ChlAn- 
monti, Prof. in Pisa, schon vor ihm durch Versuche ge- 
funden haben, dais die Beschleunigung des Falles mit der 
Zeit abnimmt, ohne jedoch dabei an den Luftwiderstand 
au denken.^) 

Pater Ariaga stellte dergleichen Versuche ganz civi- 
liter an, indem er einen Stein, eine Brodrinde und eine 
Feder zugleich vom Tisch fallen liels. Er fand, dafs alle 
drei zugleich unten ankamen und wunderte sich nun, dais 
die Philosophen, statt diesen leichten Versuch zu machen, 
immer einer dem andern nachschrieben: die Geschwindig- 
keiten fallende!^ Körper verhalten sich wie ihre Gewichte.') 

Riccioli stimmte also in Betreff der Fallgesetze ganz 
mit fialilei überein, aber darum war er noch nicht dem 

Benzenberg, Versacke fib. d. GeBsUedes Falldi 1S04^ 8. 87, 102. 
>) Ibid. 78. 



KMbfolger GameTs. 297 

iopenükanisdien System sugethan, im Gegentheil i^ar er 
nicht nuf keia Anhänger, sondam ein eifiig^ Widersacher 
desselbeii. In seinen Almagestum noTiim bringt er nicht 
weniger als 77 Gründe gegen das kopemikanische System 
zum Vorsehen, von denen freilich die meisten auf den 
bekaimten tychonischen Einwurf hinsichtlich der Richtung 
eines Menden Körpers zurQckkommen. 

Nur einer darunter ist lehrreich genug, um hier ange- 
f&brt werden zu können. Von der Richtigkeit der galilei- 
scben Fallgesetze fiberzeugt, glaubte er grade aus diesen 
emen entscheidenden Beweis gegen das kopemikanische 
System herleiten zu können, indem, wenn auf der ruhen- 
den Erde das Gesetz sis' ^=t^ii^ stattfindet, dies nicht 
mehr auf der sich drehenden geschehen könne. Seine Vor- 
stdlung war dabei folgende: Man denke sich von einem 
hohen Punkte a einen Körper herabfallend und nehme an, 
er fiele in dem ersten Zeittheil bis b, im zweiten bis c^ im 
dritten bis d u. s. w., so werden sich auf der ruhenden 
Erde die Bäume 

ab z bei ed u. s. w. Terhalten wie 1:3:5... 
Wenn sich nun die Erde dreht, und in Folge dessen der Punkt 
b w&hrend der Zeit 1 einen Bogen b^ 

d " - . 3 . ^ dh 

beschreibt, so wird die Bahn des fallenden Körpers in den 
einander folgenden Zeiten sein: aß, ß^^ lf& u. s. w., und 
diese können nicht in dem Verhfiltnüs wie abzboied oder 
1:3:5 stehen. Darum, sohlois Bfedoli, könne die Erde 
nicht rotiren, sondern müsse ruhen. 

Dieser Schluis ist offenbar fiEdsch. Sdion Galilei be- 
merkte in seinen Gesprächen, dals man durch dergleichen 
Versuche nicht über die Bewegung der Erde entscheiden 
könne, da d^ Erfolg derselbe sei, die Erde möge ruhen 
oder sich bewegen« Dies ist nun zwar nicht strenge rich- 
tig, aber die Einwirkung der Centrifugalkrafb der Erde 
auf den Fall der Körper ist ganz anderer Art und viel 
unbedeutender, als Biceioli sie sich dachte. 



298 Nachfolger GkUlei*«. 

Seine Sohlüfise wurden auoh schon von den Zeit- 
genossen bekämpft, einerseits dureli €lasseidi) woTon so- 
gleich mehr, aadererseits durch Stqikait de Angelis ans 
Venedig, Profi der Mathematik za Paduay welcher 1697 
starb. Derselbe machte 1667 darauf aufmerksam, da(s der 
Stofs eines fallendeo; Körpers nicht blofs Ton der Greschwin- 
digkeit abhänge, sondern auch von dem Winkel, unter wel- 
chem der Körper aufschlagie. Zu ctieser Behauptung war 
Angelis veranlafst worden durch die Hypothese von Riceioli, 
dafis bei einer rotirenden Erde dieser Sloü» immer derselbe 
sein müase, von welcher Höhe aucli der Körper herabfiüle; 
d^ dieser Stois nicht, gleich ist, so drehe eich auch die 
Erde nicht. Allein AUgelis machte geltend, dafs jener 
Winkel mit der Zeit des Falles- sich stetig ändere, und 
daher selbst in dieser Hypothese der Stofs nicht gleich 
sein könne. 

134. Während dieser Verhandlungen in Italien waren 
die C^alilefsdien Fallgesetze auch in Frankreich Gegenstand 
mannichfacher Diskussionen und Experimente. Ich will 
darunter zunächst diejenigen von Desckides erwähnen, da 
de sich am meisten denen, von Riecieli ansdyiefren. 

Claude Fran^ois Milliet Ddselialea gebwen 1621 zu 
Chamb^ry, gest. 1678 zu Turin, war Jesuit, Professor der 
Hydrographie zu Marseille, dann Professor der Mathematik 
zu Lyon, zuletzt Rektor des Kollegiuma zu Chambery; 
ein Mann von^ guter maäiematisoher Bildung und richtigem 
Urtheil, wahrscheinlich auch nicht aus Ueberzeugung G^ner 
des kopemikanischen Systems, vielmehr ein indirekter Be- 
förderer desselben, indem er zeigte, däfs mindestens die 
von Horin, Bieeioli und Anderen gegen dass^be vorgebrach- 
ten Einwürfe unbegründet waren. 

Wir bemtzen mehrere Wedke von ihm, die sich alle 
duifdi Klarheit des Vortrags auszdlchneu. Unter diesen: nimmt 
sdin. Cureu» seu mundus maihematicusy LugcL i674 eine der 
ersten Stellen ein; es ist «ine Axt mathematischer Physik, 
in der sich bei sorgfiüüger Durchsicht vieUeidit noch man* 
ches Bemerkenswtsrthe würde aulfinden Ussen. Es enthält 



Naehfblger Qalilm's. 299 

onter Anderm eine Widerlegung des zu seiner Zeit so be- 
rfihmten Cuiesiifl'schen Systems, Ton welchem spAterfain 
Doeh die Bede eein wird* Dann findet sieh darin auch 
eine Beobachtung, welche Desehales Anspruch giebt auf 
die Entdeckung der Inflexionsfarben , die aber sehen vcn 
Grinatdi gefunden waren. 

Desehales bemerkte nftmlidi, als er in einer dunklen 
£sminer Sonnenlicht von einer mit feinen Ritzen Tersehenen 
Metallplatte reflektiren lieCs, dafs dieses reflektirte Licht 
Farben zeigte, wenn er es mit einer weiisen Tafel auffing. 
Er scUois daraus, delB nicht alle Farben durch Brechung 
erzeugt würden, vermochte aber doch das Ph&nomen nicht 
zu erkl&ren, und leitete es tou der verschiedenen Stärke 
der Lichtstrahlen ab. 

In demselben Werk beschreibt Desehales auch die Fall- 
rersuche, derentwegen ich ihn vorzugsweise nannte. Er 
mftcfate diese Versuche 1670 im JesuitenkoQegium zu Lyon 
in einem 128 Fuls tiefen Brunnen. Er liefs Steine hinein- 
taUen, und mafs durch ein Pendel die Zeit des Falls mit 
fiücksicht auf die Zeit, welche der Schall gebrauchte, um 
nach oben zurücksukehren. Zum Staunen der Ordensbruder 
konnte er daraus die Tiefe des Brunnens berechnen, da er 
zuvor Air geringere Höhen die Fallgeschwindigkeit gemessen 
hatte. Die Versuche stimmten übrigens nur annähernd 
mit Galilers Gesetzen, aber Desekales schlofs scharfsichtig 
genug darum nicht anf die Unrichtigkeit dieser Gesetze, 
sondern schob die Abweichung auf Rechnung des Wider- 
fitandea der Luft. 

13&. Noch mehr zur Verbreitung der Lehren Oftlilef s 
trug Oassendi bei, dessen ich schon mnige Mal gedachte. 
(iasseadi ist ein Mann, der in der Geschichte der Physik 
eine bedeutende Rolle spielt, weniger grade durch Ent- 
deckung neuer Thatsachen und Aufstellung fruchtbarer 
Theorien, wiewohl er auch in dieser Beziehung nicht ohne 
Verdienst ist, als vielmehr durch den greisen Einflufs, den 
er durch seine philosophischen und physikalischen Schriften 
auf die Zeitgenossen ausübte. Es gab eine Zeit, wo sich 



300 Nachfolger Galfleri. 

das ganze gelehrte Frankreich zwischen ihm und seinem 
Nebenbuhler DeseaFtes theilte, wo man entwed^ Gassendieik | 
oder Cartesianer sein muikte, wenn man etwas gelten wollte. 

Pierre Gassradi ward geboren 1592 zu Champtenn« 
unweit Digne, und starb 1655 zu Paris als ein Opfer des 
Unverstandes seiner Aerzte, die ihm kurz nacheinander 
neun und dann nodi vier Aderlftsse verordnet hatten. 
Eigentlich hie£s er Gassend, denn Gassendi, wie er meisten- 
theils genannt wird, ist nur aus dem latinisirten Gassendus 
entstanden. £r zeigte schon früh ungewöhnliche Geistes- 
gaben, wovon unter Anderem die Thatsache einen Beleg 
abgeben mag, dals er 6000 lateinische Verse auswendig 
Wulste, von denen er täglich 300 herzusagen pflegte, um 
sein Gedftchtnüs zu stärken. 

Er widmete sich dem geistlichen Stande, und brachte es 
darin bis zu einem Kanoniker und einer Präpositnr. Nur 
auf vieles Zureden des bekannten Elardinals Richelieu konnte 
er 1645 dahin vermocht werden, sein geistliches Amt mit 
einem weltlichen zu vertauschen, nämlich mit der Professnr 
der Mathematik an der Universität Paris, wie er selbst 
sagt erst dann, nachdem jener ihm vorgestellt, es gebe 
eine doppelte heilige Schrift, durch welche Gott sich dem 
Menschen offenbare, Bibel und Natur. ^) 

Seine Schriften, die nach seinem Tode als Opera omnioj 
Lugd. 1658 in 6 Folianten erschienen, sind ein lebendiges 
Zeugnifs seiner vielseitigen Gelehrsamkeit. Sie verbreiten 
sich über Philosophie, Literargeschichte, Archäologie, 
Astronomie, Mathematik und Physik; sie enthalten auch 
eine Reihe f&r die Gesohichto sehr schätzbarer Biographien 
von Mathematikern, Astronomen und Physikern, sowie 
einen ausgedehnten Briefwechsel mit den berühmtesten 
Männern seiner Zeit z. B. mit Oalilei, Ken^Isr, fleveL 

Was seine Leistungen in der Physik betrifl^ so neigte 
er mehr zur spekulirenden als ejqperimentirenden Richtung. 
Er war ein Gegner des Aristoteles sowie s^es Zeitgenossen 



1) Kästner, Gesch. d. Math. IV, 484. 



Nachfolger Gdüei's. 301 

lescartes, dagegen ein Anhänger des Demokrit und E]iikiir. 
Von letzterem entlehnte er die Lehre von den Atomen, die er 
jedodi in manchen Stücken modificirte; er nahm Atome 
und Moleküle an, und liels sogar die vier Elemente aus 
Atomen bestehen. Er erklärte die Wirkungen des Lichts 
durch Atome, die vom leuchtenden Körper aus mit groiser 
Schnelligkeit in graden Linien nach allen Richtungen fort- 
Ü^en und dadurch verursachen, da£s die Lichtstärke um- 
gekehrt wie das Quadrat der Entfernung sich verhält In 
sebem Enthusiasmus f&r diese Lehre ging er sogar so 
weit, eigene Atome anzunehmen ftlr die Wärme, fdr die 
Kälte, ja für Geruch, Geschmack und Gehör. 

Die Gehör- Atome hinderten ihn jedoch nicht sich 
ganz richtige Vorstellungen von der Fortpflanzungsweise 
des Schalles, und von der Ursache der Tonhöhe zu bilden. 
Er liefs nämlich die Töne durch Luftwellen in unser Ohr 
gelangen, und die Tonhöhe leitete er ganz richtig von der 
2ahl der Lnpulse in einer gegebenen Zeit ab, oder von 
der Länge der Schallwellen. Ganz anders dachte sich 
iristoteles die Sache. Er sah die Fortpflanzungsgeschwin- 
digkeit der Töne als Ursache ihrer Höhe an, und glaubte, 
daTs sich tiefe Töne langsamer als hohe durch die Luft 
fortpflanzen. Das Irrige dieser Behauptung bewies Gassendi 
durch einen entscheidenden Versuch. Er liefs eine Kanone 
und eine Flinte in einer etwas bedeutenden Entfernung 
abfeuern, und ma(s die Zeit zwischen der Wahrnehmung 
des Blitzes und des Schalles, Da das Licht jede auf der 
Erde mögliche Entfernung in einer unmefsbaren Zeit zu- 
rückl^t, so giebt die Zeit zwischen Blitz und Knall ver- 
glichen mit der Entfernung die Geschwindigkeit des 
Schalles. Er gab auf diese Weise die erste numerische 
Bestimmung dafür, nämlich 1473 Fufs in der Sekunde, 
freilich viel zu hoch, da sie nach Moll und van Beek nur 
332,25 Meter = 1022,8 par. Fufs bei 0« ist Zugleich er- 
hielt dassendi hierdurch auch den Beweis, dafs die Ge« 
scbwindi^eit gleich sei filr den Knall der Kanone und 
den der Flinte, also fär hohe und tiefe Töne. 



302 Nachfolger QtBm'B. 

Aaoh in der Astronomie hat sich fllSSeildi dnen 
Namen ^maoht. Er war einer der OlOcklichen, die am 
7. Nov. 1681 den Merkur vor der Sonne vorübergehen 
sahen, ein Phänomen, welches Eeppler voraus berechnet 
hatte, und wodurch gleichsam der erste handgreifliche Be- 
weis von der Richtigkeit des kopemikanischen Systems 
geliefert wurde. Doch war es Oasseidi nicht allein, der 
diese Beobachtung machte, es sahen auch der Pater Gysates 
in Inspruck, QnietaBUS, des Kaisers Matthias Mathematiker 
im Elsafs und ein Anonymus in Ingolstadt, diesen Yorübe^ 
gang des Merkurs vor der Sonne. — Acht Jahre später 
am 4. Dec. 1689 wurde der erste Vorübergang der Venus 
vor der Sonne beobachtet von einem jungen englischen 
Astronomen Horroz (gest. 1641), und gemeinsam mit seinem 
Freunde Crabtree. Sie waren die einzigen Sterblichen, 
welche dieses Ph&nomen beobachteten, und blieben es bis 

i 

zum J. 1761, wo sich dasselbe wiederholte. 

Job. Baptist Cysatus, geb. 1588 zu Luzem und gest 
ebenda 1657, war ein um die Himmelskunde wohl ver- 
dienter Mann ; aufser der so eben erwähnten vnchtigen 
Beobachtung gab er die erste Nachricht vom Orion-Nebel^ 
entdeckte zwei Monde des Saturn, und lieferte die ersten 
teleskopischen Beobachtungen an einem Kometen in MaAe- 
mata astronomica de loco, motu etc. Cometaey qui 1618 et 
1619 in coeh fulsity Ingolstadt 1619. 

136. Am bekanntesten und gewissermafe^i berQhm- 
testen ist Gassendi durch den Streit mit seinem Kollegen 
Morin geworden. 

Jean Baptiste Morin, geb. 1583 zu Francheville in 
Beaujolois, und gest. 1656 zu Paris als Prof. der Mathe- 
matik und Astronomie an der dortigen Universit&t, zuvor 
Arzt, hatte, obwohl ein Mann von Kenntnifs und Verdienst, 
das Müsgeschick sich nicht von der Richtigkeit des ko* 
pemikanischen Systems überzeugen zu können, und glaubte 
daher als Gegner desselben auftreten zu müssen. Seinem 
Einflufs ist es vielleicht zuzuschreiben, dafs die Sorbonne, 
damals die höchste wissenschaftliche Autoritftt in Frank- 



Nachfolger QtJSka'a. . 303 

reidi, auf ein Haar daran war, dem Bannfliich des Papetes 
ober dies System auch Dir Frankreidi durch den Kardinal 
Riciielien Gflltigkeit zn yerBchafien. HoriA griff 1681 das 
bpemikanifldie System mit änfserster H^igkeit an, nnd 
wie sich versteht mit lauter unhaltbaren Gründen. Dies 
gab Gassendi Veranlassung als Vertheidiger dieses Systems 
austreten und das Werk ssu schreiben : De motu impresso 
a motore trandato^ PafriaUs 1649. 

Unter mehreren Einwürfen der Anti-Kopemikaner 
befindet sich auch der schon von Tyoho aufgeworfene, dafs 
ein Stein, den man von der Westseite eines Thurmes 
herabfallen lasse, sich vom Thurme entfernen müsse, weil 
der Thurm w&hrend des Fallens nach Osten fortrücke. 
Um diesen Einwurf zu widerlegen, stellte flassendi folgen- 
den Versuch an. Im Hafen von Marseille auf einer Ruder- 
Galeere, die 4 Miglien in einer Stunde zurücklegte, lieTs 
er Ton der Hinterseite des Mastes Steine herabfallen und 
merkte sich die Stellen, wo sie auf dem Verdeck nieder- 
ächlugen. Da fand er denn, dafs die Steine trotz der Be- 
wegung des Schiffßs und des Mastbaumes parallel an diesem 
herabgefallen waren. 

Er erklärte dieses Resultat ganz richtig, ebenso wie 
auch das analoge Phänomen, dafs Oegenstände, welche 
ein Reitender oder Fahrender senkrecht in die Höhe wirft, 
diesem wieder in die Hand zurückfallen. Er sagte näm- 
lich ganz richtig, die Bewegung des Schiffes, des Reitenden 
oder Fahrenden kann keinen Einflufs auf den fallenden 
oder senkrecht in die Höhe geworfenen Körper haben, 
weil dieselbe auch dem Körper mitgetheilt wird. 

Gassesdi sah durch diesen Versuch die Bewegung 
der Erde für gerechtfertigt an, und hat gewifs durch seine 
Sehluisfolgen manche Skrupel der Zweifler an dem koper- 
oikanischen System beseitigrt, deshalb glaubte ich ihn gerade 
hier nennen zu müssen. Ich muis indefs bemerken, dafs 
Ganendi ungeachtet s^er Ueberzeugung doch nur ein 
schüchterner Vertheidiger der kopemikanischen Lehre war. 
In seiner dem Kardinal Richelieu gewidmeten Inatitutio 



304 . Nachfolger GalUei's. 



astronomieaf Parisna 1645 ^ erklärte er den Lauf der Pla- 
neten nach allen drei Systemen, dem ptolemaeiedien, tycbo- 
nischen und kopemikanieohen, sagt dann zwar, das letztere 
habe die meisten Vemunftgrfinde f&r sich, überifilst aber 
doch die Entscheidung dem Kollegium der E^ardin&le 
in Born. 

Die Streitigkeiten mit Morin waren ftbrigens durch 
genannte Widerlegung, obwohl Oaasendi ihn nicht einmal 
dabei genannt hatte, keineswegs beendet; Morin antwortete 
noch heftiger als zuvor, Gasseildi erwiderte, und so spann 
sich dieser Kampf bis zu des Letzteren Tode fort. Morii 
ging sogar in seinem Ha(s so weit, daTs er Gassendi im 
J. 1650 den Tod prophezeite. Er war aber als Astrolc^ 
nicht glücklicher als er es als Astronom war, denn Aasseidi 
lebte nach dieser Prophezeihung noch fünf Jahre. 

Endlich hat sich auch Gassendi hinsichtlich der An- 
erkennung der Galilei'schen Fallgesetze einiges Verdienst 
erworben. Er vertheidigte diese Gesetze gegen die An- 
griffe, welche der Pater Casr^e (Casraeus) ein Jesuit 1644 
auf dieselben gemacht hatte, und zeigte, dafe die von 
diesem angestellten Versuche ebenso nichtssagend als seine 
Schlüsse widersinnig seien. €asree liefs n&mlich, wie an- 
fangs Biccioli Gewichte von verschiedenen Höhen auf eine 
V7agschale fallen, um durch Gegengewichte deren Wir- 
kung zu messen, und schlofs daraus, dafs sich die Ge- 
schwindigkeiten wie die Fallhöhen verhalten v : v = s : Sj 
(vergl. § 97), woraus für 8 = sich i = oo ergiebt *). 

137. Indem ich so eben die wichtigsten Momente aus 
Gassendi^s Leistungen mitgetheilt habe, möchte es wohl 
der schicklichste Ort sein auch seines Landsmannes und 
Zeitgenossen Deseartes zu erwähnen, da dessen Thfttigkeit 
roannichfach in die Verhandlungen und Aufgaben der da- 
maligen Physik eingreift, obgleich bei weitem nicht so 



^) Montncla, Hist. des math. II, 197; Kfistner, Geschichte d. 
Math. IV, 28. 



Nachfolger GfMeVs. 305 

nachhaltig und frachtbringend als die von 6alflei, dem man 
ihn ganz nngegrOndeter Weise wohl bat an die Seite stellen 
wollen. 

Reni dn Perron Deseartes, latinisirt fienatus Cartesius, 
war geb. am 31. Mai 1596 zu La Haye in Touraine, und 
starb den 11. Februar 1650 zu Stockholm. Seine Erzieh^ 
iing erhielt er in' der Jesuitenschule zu La Fleche, welche 
er 1612 yerlieis, und sich in Rheims für den Soldatenstand 
auszubilden suchte; er ging aber bald darauf nach Paris, 
wo er anfangs ganz den Vergnügungen, späterhin jedoch 
mit grofsem Ernst den Studien lebte. Der letzteren satt 
nahm er seit 1617 nacheinander Dienste in der holländi- 
schen, baierschen und österreichischen Armee, und machte 
in diesen viele kriegerische Unternehmungen mit. Im 
J. 1622 erfüllte ihn indefs die Aufhebung der Belagerung 
von Neuhäusel in Ungarn, bei welcher sein Oberbefehls- 
haber Graf Bncquoy getödtet wurde, so mit Widerwillen 
gegen die militärische Laufbahn, dafs er seinen Abschied 
nahm, und mehrere Jahre auf Reisen durch fast alle Län- 
der Europas zubrachte. 

In den Jahren 1627 und 1628 beschäftigte er sich in 
Paris mit Schleifen von Linsen und Spiegeln, ergriff dann 
noch einmal das Schwert um an der berühmten Belagerung 
Ton La Bocfaelle Theil zu nehmen, ging aber dann des 
unsteten Lebens müde 1629 nach Holland, wo er sich zu 
Ecrmond einem hübschen Dorfe bei Franeker niederliefs. 
Hier lebte er 20 Jahre als Privatmann, lehnte selbst sehr 
Terlockende Aufforderungen nach Paris zu kommen ab, 
folgte aber einem Rufe der Königin Christine von Schweden, 
die den Umgang mit geistreichen Männern liebte, und ihm 
ein ansehnliches Jahresgehalt aussetzte. Descartes kam im 
Oktober 1649 in Stockholm an, allein schon kränkelnd auf 
der fieise dahin, starb er im Februar des folgenden Jahres. 
Sein Leichnam wurde 1666 nach Paris geschafit, und mit 
grofsem Pomp in der Kirche St. Genevi^ve beigesetzt, sein 
Kopf blieb aber aus unbekannten Gründen in Stockholm, 

Poggendorff, Geaoh. d. Physik. 20 



306 Nachfolger Galüei's. 

und Würde durch BerseliilS vor einigen Decennien an die 
Pariser Akademie nachgesandt.^) 

Descartes war ein Mann von ausgezeichneten Graben, 
grofser Beweglichkeit des Geistes und voll brennenden 
Ehrgeizes in der Wissenschaft zu glänzen, dabei auch von 
sehr reizbarem GemQth und etwas zweifelhaftem Charakter, 
Eigenschaften, die ihn in mannichfache Streitigkeiten mit 
seinen Zeitgenossen verwickelten. Sein Hang zur Unab- 
hängigkeit wurde durch ein bedeutendes Vermögen unter- 
stützt. 



*) ArtkenholtZ in seinen Af^moirea concemant Christine reine de Sukde, 
Amsterdam 17 Sl T. I, p. 228 sagt bei der Ueberfi&hrang der Gebeine des 
Dsscartes Bach Paris: A eette oecasiim on ne sauraii paner tcua mlenct 
un faitf qvei ne eera connu que de peu de personnes, que Mr^ So/, Profeueur 
au College de Skara en Westro- Gothic vient de publier, C*est que Vofßcier 
des Gardes de la ville de Stockholm , qüi eut la commission de faire levrr 
le cercüeil de Descartes de VendroiU öw il ^tait enterr^ et de le transporter 
en Franeey a^ant trouv€^ moj^en d'ouvrir la hierey il en da le crane du difitnl 
Deacartesy qu*il garda le reetM da tf jowa fort wigneutement comme «ne 
des plus heiles reliques de ce grand philosophe. Apriis la mort de Voffiätr 
ses cr^anciers ne trouvhrent gueres d*autre chose que ce crane^ qui a pa$s€ 
depuis en d*autres mains. 

Hiermit steht nan in Tollem Widersprach, "was Baillet in seinem 
Werk La vie dt Monsieur DeeeartBäy Paris 16i9y 7*. //, p. €96 über die 
Befördenuig dieser Reste yqd Stockhokn nach Paris im J. 1666 nach 
handschriftlichen Quellen berichtet. Danach fand der ganze Vorgang 
anter genauer Aufsicht des französischen Gesandten Mr. de Ferloa statt, 
und dann heifst es : Mr, de Perlon avait fait faire un cercüeil de cuivrt 
long de deut pieds et demiy seulement parcequHl se doutait, que le crane et 
les OS du d€fynt straieni detacAA et qi^on pourrait Us nmgtr les wt 
sur les mttref sans indäßmoe. Uom ret^erna leä os cruefiäa sur hs etn d ret dsnt 
ce nouveau cercüeil avec de noupeUes c&^monies et quelques priereM: mw /'jn 
ne put refuser ä Mr. le chevalier de Perlon un des ossements de la main^ 
qui avait servxt d" instrument aux Berits immortels du d€funt^ et quHl avait 
retig ieusement demand€ h Vassemhlity qui composaxt presque toute r^gHse 
oaiA^ßque de Suide, en Umoignage du g^Uy qnSi avail pour oontmver h 
memoire de Mr, Deseartes, 

Hiemach wird es sehr wahrKhcinlich, dafa aus dem Gesuch des 
Herrn v. Ferlon im Lauf der Zeit die Erz&hlung von ArckenhoU and 
Anderen entstanden ist, und dafs der neuerdings nach Paris gebrachte 
Schädel nicht von Deseartes herrührt. D. H. 



Nachfolger Galilei's. 307 

Es ist za bewundem, wie er bei seiBem unsteten Leben 
Molke zu Bescbftftignngen finden konnte, die sonst nur in 
abgeschiedener Stille gedeihen wollen. Descartes hat sich 
in drei Wissenschäften versucht, und in jeder seinen Namen 
hinterlassen, in der Philosophie, Mathematik und Physik. 
Besonders war es die Philosophie, welche ihm in den 
Augen der Zeitgenossen grofsen Ruf verschaffte, und ihn 
anch mit der Königin Christine von Schweden in Be- 
rührang brachte. 

Als Physiker kann Descartes grade nicht zum Muster 
aofgestellt werden. Statt dem von Lord Baco empfohlenen 
und von Galilei so ruhmvoll betretenen Weg der Erfahrung 
zu folgen, trat er wiederum in die Fufstapfen der Alten, 
die da meinten alle Kenntnifs der ftufseren Natur aus sich 
selbst schöpfen zu können. Begabt mit grofser Schftrfe 
des Verstandes und einer reichen Phantasie überliefs er 
sich &st ansschliefslich der spekulativen Richtung; aber 
ein übertriebenes Vertrauen zu der Vollkommenheit seiner 
methaphysischen Ideen , durch welche er Alles erklären zu 
können glaubte, führte ihn meist auf Abwege und Irrthümer, 
grölser als die, welche er zu bekämpfen gedachte. 

So ist denn des Bleibenden, das er in der Physik 
geleistet hat, im Grunde sehr wenig, wenngleich seine 
Systeme und Hypothesen zur Zeit grofsen Beifall fanden, 
und als Anregungsmittel fbr die Zeitgenossen nicht ganz 
ohne Nutzen gewesen sein mögen. 

138. Unter den Systemen, die Deseartes aufstellte, 
bat ihm besonders das vom Universum eine grofse Be- 
rähmtheit versohafil, wiewohl es mehr ein Roman als ein 
physikalisches System ist, und an die Vorstellung von 
Kleanfhes (250 v. Chr.) erinnert, welcher sich den Himmel 
mit einem Aether gefhUt dachte, der die Sonne und die 
Planeten um die Erde ftlhrt. Descartes nahm Wirbel an, 
welche aus einer feinen Materie bestehen und die Planeten 
um die Sonne, desgleichen die Trabanten um die Planeten 
tragen, wie der Wirbelwind den vom Boden aufgehobeneu 
Staub fortreifst. 

20* 



308 Nachfolger Galilei'B. 

Diese carteBianischen Wirbel, von denen man nicht 
begreift, wodurch sie ihrerseits in Bewegung gesetst wer- 
den, haben in den Köpfen der Physiker der letzten Hälfte 
des XVII. Jahrhunderts gewaltig herumgewirbelt, und 
fanden auf den Uniyersit&ten in Frankreich und Ilngland 
vielen Beifall, so dafs es selbst noch Männer wie Newton 
und d'Alembert für nöthig fanden, das Unhaltbare und Un- 
verträgliche derselben mit Keppler^s Gesetzen ausführlich 
darzulegen. 

Descartes entwickelte dieses System in seinen Principiü 
philoaophicü in dem Jahre, da Oalflei das kopemikanische 
System abschwören mulste. Er war nahe daran es an 
Mersenne zum Druck zu übersenden, als ihm die Ver- 
folgungen fialflers zu Ohren kamen, und er es für gerathener 
hielt dasselbe einstweilen bei Seite zu legen, es erschien 
daher erst 1644 zu Amsterdam.^) 

Dasselbe Werk enthält auch eine Theorie über die 
Ursache der Schwere und über die Erscheinungen der 
Ebbe und Fluth, die beide hergeleitet aus den supponirten 
Wirbeln nicht minder unhaltbar sind, als die Theorie von 
der Bewegung der Himmelskörper. Niich Descartes würde 
z. B. grade dann Ebbe eintreten müssen, wenn in Wirk- 
lichkeit Fluth statt findet, d. h. der Mond im oder am 
Meridian steht In demselben Werk entwickelt Descaites 
femer eine Theorie der Bewegung, die neben einzelnen 
richtigen Sätzen meistens nur irrige Begrifie enthält Das- 
selbe gilt von seiner Theorie des Sto&es, wobei jedoch 
Descartes das Verdienst gelassen werden muis, daTs er 
überhaupt den ersten Versuch zu dieser Theorie machte. 
Wie falsch dieselbe, war ist u. A. daraus zu ersehen, dafs 
er annimmt: Stdfst ein kleinerer Körper A auf einen gröfse- 
ren J?, welcher ruht, so geht A mit seiner ganzen Ge- 
schwindigkeit zurück und B bleibt in Ruhe. Descartes 
wufste später selbst aus Erfahrung, dals dies nicht wahr 
sei, aber seine Principien liefsen ihn doch nicht davon ab- 

1) Edinburgh Encyclopaedie condacted bj D. Brewster Vm, 6$2. 



Nachfolger Galüei's. 309 

gehn. Wegen dieser und anderer Unrichtigkeiten wurde 
er schon durch seinen Zeitgenossen Deseliales eines Besseren 
beldirt.^) 

Vergleicht man hiermit die klaren Ideen, die Galilei 
angestellt hat, so mufs es in der That als eine arge An- 
maikang von Seiten Descartes's erscheinen, wenn er in 
einem Briefe an Mersenne sagt: Er sähe nichts in Cralilefs 
Werken, um das er ihn beneidete und fast nichts, was er 
ftr dessen Eigenes anerkennen möchte! Gewifs hätte ihm 
tialifei diesen Ausspruch mit un^eich grölserem Rechte 
zurückgeben können ^). 

Dagegen war Deseartes allerdings im Recht, dals er 
die Resistenza del Yacuo.des italienischen Physikers Ter- 
wiir^ und was merkwürdig sein würde, wenn es historisch 
recht beglaubigt wäre, das Aufsteigen des Wassers in 
Pampen durch den Luftdruck erklärte, bevor der berühmte 
Versuch von Paseal angestellt war, ja er nimmt sogar die 
Idee zu diesem Versuch als sein Eigenthum in Anspruch ^). 
Andererseits aber verfidlt er wiederum in Irrthum, wenn 
er das Zusammenhaften zweier Glasplatten ebenfalls dem 
Luftdruck zuschreibt. 

139. Das bedeutendste Verdienst in der Physik hat 
sich Deseartes wohl durch seine Theorie vom Regenbogen 
erworben. Er hat dieselbe aufgestellt in seiner Dioptrik, 
die 1637 als ein Theil eines grölseren Werkes erschien, 
welches den Titel ftlhrte: Diacours de la mdthode pour bien 
conduire sa raison et chereher la verite en Bciences, Plus 
h diaptrique, les m^teores et la g^omet^y qui aont des essais 
de cette nUthode^ Leyd. 1637 y ein trotz seiner Mängel durch 
Klarheit des Vortrags sehr ausgezeichnetes Werk. 

In diesem Werk zeigt nun Deseartes speciell, wie der 
Haupt- und der Nebenregenbogen entsteht: 1) dais zur 
Bildung des ersteren die Sonnenstrahlen in die obere Hälfte 



') Fischer, Gesch. d. Phys. I, 324, 357, 359. 
•) Kästner, Gesch. der Math. IV, 25. 
*) Fischer, ihid.I, 406. 



SlO Nachfolger Ghifilei'B. 

der Vorderseite desBegeDtropfens eintreten^ beio, Fig. 2, §45, 
gebrochen werden, an der Hinterseite b des Tropfens eine 
Reflexion erleiden, dann zur unteren Hälfte der Vorder- 
seite geben und dort bei c abermals gebrochen austreten; 
2) dais der Nebenbogen gebildet wird durch diejenigen 
Strahlen, die an der unteren H&lfte der Vorderseite ein- 
treten in a, Fig. 3, § 45, dort gefarooh^i werden und naci) 
zweimaliger Reflexion an der Binterseite an b und 6' zur 
oberen Hälfte der Vorderseite gehen, und dort abermals 
in c gebrochen austreten , worauf sie in der Richtung cd 
gesehen werden. 

So weit ist nun freilich die Theorie des R^enbogens 
von einem Paar früherer Physiker aufgestellt, nämlich von 
dem Predigermönch TheoAsricll, in dessen Radialibus im- 
pressionibus 1311, worüber bereits § 45 gesprochen ist, 
und von Marco Antonie de Deminis (geb. 1566 zu Arbe in 
Dalmatien, gest 1624 zu Rom), Erzbischof von Spalatro, 
in seiner Schrift: De radiü vüus et lucü etc. Venet 1611. 

Es ist möglich', dafs Descartes das eine oder andere 
dieser Werke gekannt hat, wie man das von de DemiBis 
in Bezug auf das Buch von Theodorich vermuthet, aber 
wohl zu bemerken ist, dais die von beiden angestellte 
Theorie noch dnen Hauptpunkt unerklärt läfst, nämlich 
nicht Rechenschaft giebt von der Gr5fse des Winkels, den 
die zum Tropfen austretenden Strahlen mit den einfallen- 
den machen, einen Winkel, der ftkr den Hauptbogen etwa 
41^ 30' und ftir den Nebenbogen nahe 52^ beträgt. Dies 
nun aber hat Descartes der Theorie hinzugef&gt und die 
Art, wie er es gethan, verleiht ihm jedenfalls einen bedeu- 
tenden Rang unter den Physikern. 

Leider ist hier aber sein Verdienst mit einem Makel 
behaftet, von dem ihn selbst seine eifrigsten Vertheidiger 
nicht haben rein waschen können. Jener Theil der Theorie 
ist nämlich nicht zu geben ohne Kenntnifs des Gesetzes 
von der Brechung des Lichts, des Gesetzes, dafs beim 
Uebergang des Lichts von einem Mittel in ein anderes die 
Sinus der Winkel, welche die einfallenden und gebroche- 




Nachfolger Gmlflers. SU 

nen Strahlen mit dem Lotb auf der Tremmngsfiftche maokett, 
in einem konstanten Verbältoüb stehen. 

Dieses Gesetz giebt nun Deseartes in seiner Dioptrik, 
und swar als sein £igenthum ohne zu erwähnen, dafs der 
bereits 1626 Terstorbene Prof. Snell in Leyden dasselbe 
aa%efiinden hatte. Willebrord Snell (Snellius) war geh* 1591 
zu Leyden nnd starb daselbst 1626 als Prof. der Mathe- 
matik, ein auch sonst verdienter Mann, namentlich durch 
seine zwisdien Alkmar und Bergen op Zoom ausgeführte 
Gradmessung, bei welcher zuerst von der Triangulation 
Flg. 9. Anwendung gentacht wurde; das Niheie 

darüber enthält sein Eratosthenes batcnmsj 
Lugd. bat 1617. 

Das Brechungsgesetz stellte SmIUbs 
also dar: Ist MN^ Fig. 9 die Oberfläche 
eines brechenden Mediums, S C der ein- 
fallende, CB der gebrochene Strahl, 
i der Einfallswinkel, r der Brechungs- 
winkel und n der Brechungsexponent, so ist: 

n.CA = CB oder n sec (90 — <) = sec (90 — r), 
d. i. n cosec t = cosec r 

1 cosec r 
also ...... n = :. 

00860 I 

Snellms stellte dieses Gesetz auf in einem Werk, 
das leider nicht das Licht der Welt erblickte, wodurch er 
beinahe um die Ehre der Entdeckung gekommen wäre, 
denn Deseartes, der es kennen lernte und es 1637 in sei- 
ner Dioptrik verö£fentlichte, galt lange Zeit als Entdecker 
desselben. Allein Isaac Yess (Vossius, geb. 1618 zu Ley- 
den und gest 1689 als Kanonikus zi\ Windsor) der ge- 
lehrte Kritiker, und Ckr. Hnyghens der berühmte Physiker, 
die beide das Snell^sche Werk im Manuskript gesehen 
haben, sprechen ohne Rückhalt den Verdacht aus, dafs 
I^eseartes das Werk gekannt habe^ was schon dadurch 
sehr wahrscheinlich wird, dals Deseartes Hber 20 Jahre 
m Holland lebte, und unter den Gelehrten dieses Landes 
viele Freunde und Bekannte zählte. Dazu kommt, dafs 



312 Nachfolger Galüei^s. 

Descartes so gut wie niemals seine Quellen nennt (eine 
Sünde, die sich bis auf den heutigen Tag unter seinen 
Landsleuten vererbt zu haben scheint), und unter Anderm 
in seinen philosophischen Principien eine Ansicht vom 
Weltgebäude ausspricht, die fast wörtlich bei fiierdano 
Bruno zu finden ist^). 

Es unterliegt somit kaum einem 2Wvafel, dads Deseartes 
das Gesetz gekannt und keinen Antheil an der £2ntdeckung 
desselben hat. Er ftlhrt auch keinen YeilBuch an, wodurch 
er es gefunden; indeis bleibt ihm doch das Verdienst, dafs 
er dasselbe zuerst in der einfacheren Form aussprach, b 
der es gegenwärtig gebraucht wird. Statt nämlich zu sagen, 
die Kosekanten stehen in einem konstanten Verhältnifs, wie 
SneU gethan, sagte er die Sinus dieser Winkel stehen darin. 

Es ist ja auch cosec x = - — , daher n = -7—^. 

** sin x' sin r 

Diese Form war gerechtfertigt durch eine Erklärung, 
die er von der Entstehung des Brechungsgesetzes gab, eine 
Erklärung, die, wenn sie auch einwurfsfähig ist, doch als 
erster Versuch zum tieferen Eindringen in die Vorgänge 
beim Licht, alle Anerkennung verdient und sicher den 
späteren vollkommneren Theorien vorgearbeitet hat. Sie 
hängt überdies so innig mit seinen Ideen über das Wesen 
des Lichte zusammen, dals seine Gegner, glaube ich, ihm 
Unrecht thun, wenn sie behaupten, Deseartes habe diese 
Erklärung blofs ersonnen, um sein Plagiat zu bemänteh. 

Er dachte sich nämlich das Licht aus getrennten un- 
elastischen Theilchen (s. Fermat § 143) bestehend, die mit 
grofser Schnelligkeit vom leuchtenden Körper fortgeschleu- 
dert werden. Fallen nun diese Theilchen in schiefer Rich- 
tung auf eine Fläche, so zerlegt sich ihre Geschwindigkeit 
in eine mit der Fläche parallele und eine senkrecht darauf, 
aus welchen beiden für das Theilchen eine Bewegung unter 
demselben Winkel von der Fläche weg entsteht, unter 
dem es aufgefallen ist; also im Wesentlichen dieselbe Er- 
klärung, die späterhin Newton fbr die Reflexion aufstellte. 

') Fischer, ibid. I, 27. 



Nachfolger Galilei's. 313 

Zur Erklftrang der Refraktion nimmt Descartes an, das 
darchfiichtige Mittel lasse die Lichttheilchen eindringen, und 
hibe die Eigenschaft blofs den senkrechten Theil ihrer Oe- 
fichwindigkeit zu Andern. Indem er dann nodi die Hypo- 
these hinzuftigt, dafs die wägbaren Mittel den Lichttheil- 
chen nm so wenieer Widerstand entgegensetzen, als sie 
dichter sind, wie ja auch ein Ball weniger an Geschwin- 
digkeit verliert, wenn er gegen einen dichten Körper ge- 
worfen wird, als wenn er von einem weichen abprallt, so 
kommt Deseartes durch eine Ahnliche Zerlegung der Krftfte 
wie vorher zu dem Satz, dafs bei einem und demselben 
Mittel die Sinus der betrachteten Winkel in einem kon- 
stanten VerhflltnÜs stehen. 

Wegen dieser Erkl&mng ist Descartes heftig angegriffen 
worden, allein wenn sie auch Schwftchen hat, wie die er- 
wähnte Hypothese^ so muis man doch gestehen, dafs sie 
der späteren Newtoü's sehr nahe kommt, und keinei der 
Art Torangegangen ist. 

140. um nun wieder auf den Regenbogen zurück- 
zukommen, so hat Descartes das Snell'sche Gesetz zuerst 
auf dieses Phänomen angewandt, und die Eridärung in 
einer Weise durchgeftikhrt, die ftlr ihn sehr ehrenvoll ist. 
Mittelst dieses Gesetzes verfolgte er nämlich den Gang 
der Strahlen, die auf die Vorderseite eines Regentropfens 
ein&Uen, wobei er das Verhältnifs der beiden Sinus, des 
Einfallswinkels i und des Brechungswinkels r (Fig. 2 u. 3, §45) 
oder das BrechungsverhältnÜs zwischen Luft und Wasser 
Ton 250 zu 187 annimmt. Sehr mtlhsam berechnet er 
nun ftlr 10000 Strahlen, die auf die obere Hälfte der Vor- 
derseite einfallen, die Winkel, welche die austretenden 
mit ihnen machen. Da findet er denn, indem er von dem 
Strahl, welcher durch den Mittelpunkt des Tropfens geht, 
nach oben vorrückt, dafs die Winkel ' anfangs rasch wach- 
sen, dann langsamer und zwischen den Strahlen 8500 und 
8600 so wenig, dafs die ganze Aenderung in den Minuten 
bleibt, dann aber nach diesem Maximum die Winkel wie- 
der abnehmeit 



au Nadbfolger Gddlers. 

Diesen Maximalwerth der Winkel fand er 41^ SO*, und 
nun schlofe er, da bei dieeem Winkel die austretenden 
Strahlen ganz oder sehr nahe parallel unter aich bleiben, 
alle übngen aber diyergiren, ao k(Vnnen nur Strahlen, die 
unter solchem Winkel von dem Tropfen austreten, auf das 
in der Ferne befindliche Auge ein,wirk6n. Folglich aehen 
wir den Hauptregenbogen auch immer in solcher Lage, 
dafs die von ihm zu uns gelangenden Strahlen einen Win- 
kel von 41^ 30' mit den einfallenden Sonnenstrahlen machen. 

Auf ähnliche Weise aseigt er, dais von allen auf die 
untere Hälfte der Vorderseite des Tropfens einfallenden 
Strahlen, die nach zweimaliger Refraktion und zweimaliger 
Reflexion an der oberen Hälfte derselben Seite austreteD, 
nur diejenigen einen Eindruck auf das vom Tropfen ent- 
fernte Auge machen können, die parallel ausfahren, und 
dafs dieser Parallelismus unter einem Winkel von 51^ 54' 
zwischen den einfallenden und ausfahrenden Strahlen statt 
findet. Daher denn der Nebenbogen über dem Haupt- 
bogen, und unter dem Winkel von 5P54' gegen die Son- 
nenstrahlen. 

Ueber die Farben des Regenbogens und namentlich, 
weshalb die Farbenfolge von Violett nach Roth ( V und R 
in Fig. 2 u. 3) in Haupt- und Nebenbogen die entgegen* 
gesetzte ist, woGste Descartes noch keine genügende Rechen- 
schaft zu geben, das blieb Newton vorbehalten. Descartes 
zeigte nur, wie auf einer von der Sonne beschienenen 
Tropfenwand zwei helle Kreisbogen von den angegebenen 
Winkeldurchmessem entstehen ktonen ; allein das ist auch 
die Bel-Etage des Gebäudes, zu welchem Bruder Tkeodo- 
rich das Fundament legte, und Newton die Krone auf- 
setzte — oder auch nicht, denn es hat sich erst neuer- 
dings herausgestellt, dalb die Theorie vom R^enbogen, 
die man seit Newton's Zeit für abgesohlossen hielt, doch 
noch in einiger Hinsicht Mängel hatte (s. § 281). 

Uebrigens muls ich hinzufügen, dafs Descartes in sei- 
ner Lichttheorie keineswegs so fest war, wie es aus der 
Erklfirung des Reflexions- und Refraktionsgesetzes scheinen 



Nachfolger Galüers. 815 

ffldcbte. Bei dieser ErklArung ist er entschieden Anfaftnger 
des £mi88ioD8systen)8 ; in andern Fällen n&hert er sich 
dagegen der Meiniing der Undulationsfreande, indem er 
hiofs Ton Bewegungen spricht und sagt, man dOrfe nicht 
glanben, dab heim Sehen etwas Materielles ins Auge ge- 
luge. In noch anderen F&Uen scheint er sogar die pla- 
tonische Synange oder die Lehre von den Augenstrahlen 
wieder aofifrischen zu wollen, indem er dafi Sehen mit 
eiAem Tasten vergleicht und sagt, man sehe nicht allem 
mittebt etwas, das von den leuchtenden Körpern ins Auge 
käme, sondern auch durch etwas, das in den Augen ist, 
und sich von diesen zu dem gesehenen Körp^ erstreckt. 
Er will hierdurch erkl&ren, dais Elatzen im Finstem sehen, 
was aber nicht wahr ist ^). 

Aus diesem Allen erhellt zur Genflge, dafs seine Yor- 
stelloDgen von der Natur des Lichts noch sehr riel Schwan- 
kendes hatten. Das gilt namentlich auch von den Farben, 
die er an einer Stelle dadurch erklären will, dals er den 
fortgeschlenderten Lichttheilchen noch eine mehr oder 
weniger groise Rotationsgeschwindigkeit beilegt. 

141. Dcscartes hat in seiner Dioptrik, die jedenfalls 
ein in der Geschichte der Optik epochemachendes Werk 
ist, auch noch mancherlei andere Probleme behandelt. 
Dabin gehört die Frage vom AjustirungsvermOgen des 
menschlichen Auges, wobei er, ohne Scheiner zu nennen, 
den von diesem im J. 162ö am Ochsenauge angestellten 
Veraudi beschreibt, aber auch modificirt, indem er das 
praparirte Ochsenauge durch Druck verlängert und dabei 
beobachtet, dals sich dann auch von näheren Gegenstän- 
den ein deutliches Bild auf der durchscheinenden Netz- 
haut erzeuge, weshalb er der Keppler^schen Erklärung 
▼om Sehen (§ 78) beipflichtet. 

Femer erörtert er die Anfertigung hjrperbolischer Liur 
sen statt der sphärischen zum Zweck der Vervollkommnung 
der Femrdhre, von denen er damals nur das holländische 



') Gehler, Wdrterb. II, 892. 



316 Nachfolger Galilei'». 

kannte. Er gab auch eine Maschine zum Schleifen solcher 
Linsen an, mit welcher der Kflnstler Ferrier 1628 in Paris 
wirklieh eine konvexe dieser Art zu Stande brachte, ab« 
keine konkave. — Es ist auffallend, daft Deseartes, ob- 
wohl er das Refraktionsgesetz beim Regenbogen so glQck- 
lich anwandte, doch die Theorie der Linsengläser gSaz- 
lieh verfehlte. 

142. Auch aus anderen Zweigen der Physik lassen 
sich noch verschiedene Gegenstände au&ählen, an denen 
Deseartes seinen Scharfsinn und seine Thfttigkeit übte. 
Darunter ist sogar einer, zwar nicht von grofsem Belang 
aber doch auch nicht ohne Interesse, an welchem Deseartei'a 
Name sich verewigt hat, n&mlich das cartesianische Teufel- 
chen oder der cartesianische Taucher, plongeur de Deicartet, 
Allein ich will diese Gegenstände übei^ehen, um noch ein 
Paar Worte Qber Deseartes^s mathematische Verdienste zu 
sagen, denn unstreitig begründen diese einen sehr wesent- 
lichen Theil seines Rufs. 

Desoartes ist der Schöpfer eines ganzen und sehr wich- 
tigen Theiles der Mathematik, der analytischen Geometrie, 
die in der Folgezeit, namentlich filr alle Anwendungen, 
die konstruktive euklidische Geometrie in den Hintergrund 
gedrängt hat Ebenso hat er auch in der Algebra eis 
ehrenhaftes Denkmal hinterlassen. Ihm verdanken vrir die 
Kenntaüs und den. Gebrauch der negativen Wurzeln der 
Gleichungen, sowie auch eine leichte Regel zu erkennen, 
wieviel positive und negative Wurzeln die Gleichung habe, 
falls keine imaginären darunter sind. 

143. Unter den französischen Physiko-Mathematikeni 
jener Zeit, die auf eine erfolgreiche Weise in den Gang 
der WissenschalBten eingriffen, und zugleich zur Anerken- 
nung der mechanischen Entdeckungen fiaUlef s beitrogen, 
kann ich nicht unterlassen noch Fermat zu nennen, nach 
dem Urtheil kompetenter Richter eins der gröisten mechani- 
schen Talente, die Frankreich je hervoi^ebracht hat 

Pierre Fermat, geb. zu Toulouse 1608 und gest da- 
selbst 1665 als Mitglied des dortigen Parlaments. Seine 



Nachfolger Gamei's. 317 

Werke sind nach seinem Tode gesammelt und fbllen zwei 
FoliaDten. Sie enthalten Untersuchungen, welche berech- 
ügsn ihn als einen Vorläufer derjenigen grofsen Männer 
zu betrachten, die später den Infinitesimal-Kalkul erschufen. 

Unter Anderem gab er schon 1636 eine Methode die 
Mazima und Minima veränderlicher Gröfsen in allen Pro- 
blemen zu bestimmen, gegründet auf das Princip, welches 
schon Eeppler in seiner Stereometria dolwrum, Lincii 1615 
entwickelte, dals die Veränderungen einer variablen Grölse 
in der Nähe ihres Maximums oder Minimums null sind. 
Fernat kam darüber in einen lebhaften Streit mit Deseartes, 
der eine andere Methode zu gleichem Zweck gegeben hatte, 
darauf gegründet, dafs an den Punkten des Maximums 
oder Minimums einer Kurve die Tangente derselben paraUel 
wird der Abscissenaxe ^). 

In einen zweiten Streit verwickelte sich Femat mit 
Deieartes dadurch, dals er dessen Brechungsgesetz angri£^ 
noch ehe dessen Dioptrik erschienen war, da er sich ein 
Exemplar zu verschaffen gewufst hatte. Er fand es wohl 
mit Recht bedenklich, dafs das Licht in einem Körper desto 
weniger Widerstand finden solle, je dichter er ist; auch 
bestritt er, da(s die Reflexion durch den Abprall unelasti- 
scher Licfattheilchen, wie sie Deseartes annahm (§ 139), 
ZQ erklären sei. Durch Yermittelung von Freunden wurde 
diese erste Diskussion beigelegt, ohne dais beide, Descartes 
tmd Fenaat, ihre Ansichten geändert hätten. Als indels 
nach 20 Jahren Qerselier (geb. 1614, gest. 1686), ein 
Schüler von Deseartes und Herausgeber von dessen Briefen, 
die Ansichten seines Lehrers abermals vertheidigte, wurde 
Femat veranlagt g^en diesen den früheren Streit zu 
erneuern. 

Im Verfolge dieses Streites wurde Fermat zu dem 
sdir merkwürdigen Satz gef&hrt: 

dals das Licht b^ allen seinen Bewegungen den Weg 

der kürzesten Zeit einschlägt, 



MontacU, II, 133; Kästner, III, 313. 



318 Nachfolger 6al]]«r8. 

ein Satz, der freilich grade umgekehrt wie Deseartes snp- 
ponirt, daTs das Licht sich in dichteren Mitteln langsamer 
bewegt, als' in lockeren, aber ebenfalls zu dem von Saell 
entdeckten Gesetze fährt, wie Fenoat durch seine Methode 
der Maxima und Minima fand. Der vorstehende Satz, 
der spAterhin von Leibnitz in einer anderen Form wieder 
aufgenommen wurde, ist übrigens eine Verallgemeinerung 
desjenigen, den Hero von Alexandrien ftlr die Reflexion 
aufstellte, und welcher lautet: dafs das Licht immer den 
kürzesten Weg einschlägt (§ 7). Mit diesem Satz föllt der 
Fermat'sche zusammen, wenn das Licht in einem und dem- 
selben Medium bleibt. 

In n&here Beziehung zu Galilei tritt Fermat dadurdi, 
dafs er dessen Fallgesetze gegen die unhaltbaren Angriffe 
seiner Gegner vertheidigte, und dafs er auch andererseits 
über die Schwere die Meinung aassprach, die späterhin 
durch Newton zur Wahrheit erhoben wurde, dafs nftmlicb 
die Schwere durch ein gegenseitiges Anziehen der Körper 
erfolge. Er sprach es hierbei aus, dafs die Schwere im 
Innern der Erde mit der Tiefe abnehme, indem die oberen 
Theile rückwärts ziehen und folgert dann, sie müsse sich 
verhalten direkt wie der Abstand vom Mittelpunkt ^). 

144. Wenden wir uns nun wieder nach Italien, um 
zu sehen, welche Fortschritte hier die Kultur der Ton 
Galilei angebauten Felder unserer Wissenschaft machte. 
Das Interdikt der Kirche hatte den astronomischen Foi^ 
schungen einen vor der Hand unübersteiglichen Wall ent- 
gegengestellt, es war also wohl natürUcb, dafs der streb- 
same und durch Galilei so mächtig angeregte Geist jener 
Zeit sich in den Gebieten der Physik zu entechädigen 
suchte, wo er sich in seinen Bewegungen nicht gehemmt sah. 

Im engeren oder weiteren Sinn sind es alle Schüler 
von Galilei, 'die wir hier in dieser Richtung glänzen sehen, 
und nach deren Abgang eine lange Periode der Lethargie 
(Cur Italien eintritt, von der es erst in neuerer Zeit ange- 



') Fischer, Gesch. d. Phys. I, 271. 



Niichfolger GalÜeiV 319 

fimgen hat eich einigermaföen zu erholen. Unter diesen 

Schalem fialiki's treten zoBftdist hervor CastelH und 

ToirieellL 

Bened^tto Cftstolli, aus einem adligen Geschlecht, geb. 

1377 zu Breaoia, gest. zu Rom 1644, war Benediktiner 
von der Kongregation des Monte Cassino und Prof. der 
Mathematik zu Rom. Er war schon ziemlich früh mit Galilei 
bekannt, und ein Gehülfe bei dessen astronomischen Beob-* 
achtungen. 

Im zweiten Brief, welchen Galilei im J. 1612 an den 
aogsbnrger Bürgermeister Welser richtete, nennt er Castelli 
als Erfinder des Verfahrens, die Sonnenflecke dadurch 
sichtbar zq machen, dafs man das Sonnenbild in einigem 
Abstand vom Okular des Femrohrs mit einer weifsen 
Tafel oder einem geölten Papier auffangt, ein Verfahren, 
weiches besonders damals schätzbar war, als man noch 
keine Blendgläser kannte. Es wäre aldo CastelK und nicht 
Sekeiner der erste Erfinder des Instruments, welches 
letzterer Helioskop nannte, doch auch schon 1613 darstellte, 
vielleicht nach der Idee, die bereits Keppler dazu ausge- 
sprochen hatte. 

Im J. 1628 gab Castelli zwei hydraulische Werke zu 
Rom heraus, betitelt: Della irvieura deW acqus correnti und 
Dmostrazioni geometriche della misura deW acque correnti, 
Sie enthalten die ersten gesunden Princlpien über die Be* 
w^ng des Wassers in Flüssen und Kanälen, und ver* 
schafilen dem Verfasser einen solchen Ruf, dafs der Papst 
Urban VIII., derselbe, der Galilei verdammte, ihn als Lehrer 
<ier Mathematik nach Rom berief, und ihm auTserdem die 
Leitung verschiedener hydraulischen Unternehmungen Über- 
trag, die er zur vollen Zufriedenheit Sr. Heiligkeit voll* 
endete. Uebrigens vertheidigte Castelli bereitei seit 1615 
die hydroBtatischen Lehren Oalilef s gegen die ungerechten 

Angriffe von Delle Combe und Yincenzo di Grazia. 

145. Nooh berühmter als Castelli und auch bekannter 
im Auslande ist der andere Schüler 6ali]6fs, Evaugelista 
lorrieelli, geb. 1608 zu Faenza, gest. 1647 zu Florenz im 



320 Nachfolger Galüei's. 

eben vollendeten 39. Lebensjahr. Seinen Unterricht in der 
Mathematik erhielt er zu Born durch Castelli. Als er dort 
Galilers Gespräche Qber zwei neue Wissenschaften, welche 
1638 erschienen, kennen lernte, gaben sie ihm Veran- 
lassung, Oidilers Lehren von der Bewegung der Körper 
in einer Schrift noch auf eine andere Weise vorzutragen. 

Castelli, welcher bald darauf 1641 in Ordensangdegen- 
heiten nach Venedig reisen muiste, nahm seinen W^ 
durch Florenz und überbrachte die Schrift Tomcelli's dem 
GalUei, der damals schon 78 Jahre zählte und völlig er- 
blindet war. Galilei sprach den Wunsch aus Torricelli 
kennen zu lernen, um ihm zugleich die Vollendung der 
beiden letzten Dialoge seines eben genannten Werkes zu 
übertragen. 

Torrieelli nahm das Anerbieten an und kam noch im 
Oktober 1641 nach Arcetri, wo sich Galilei damals auf- 
hielt. Die Freude des Zusammenlebens mit dem ehrwür- 
digen Greise, aus dessen Schriften er seine physikalische! 
Bildung erlangt hatte, sollte indefs nur von kurzer Daaerj 
sein, denn schon drei Monate hernach unterlag derselbe 
seinen körperlichen Leiden. Indefs konnte Torrieelli doch 
noch den fünften Dialog unter Galilefs Leitung vollenden, 
und dieser ist 1674 von Viviani, einem anderen Schüler 
Galilefs, im Druck herausgegeben. 

Torrieelli wollte nun nach Rom zurückkehren, alleinj 
da der Grofsherzog von Toskana, Ferdinand 11., ihm die 
von Galilei innegehabten Stellen eines Hofmathematiker^ 
und der Professur für Mathematik antragen lieis, so zogj 
er es vor, in Florenz zu bleiben. 

Gewüs war Torrieelli der würdigste Nachfolger Galilei&j 
Er trat ganz in die FuTstapfen seines grofsen Lehrers, ua(^ 
würde sicher noch sehr Bedeutendes zur Erweiterung deij 
Wissenschaften geleistet haben, wenn ihn nicht schon filn^ 
Jahre hernach ebenfalls der Tod ereilt hätte. Er starb 
am 25. Oktober 1647 ebenso geachtet und belohnt von 
seinem fürstlichen Beschützer wie GalUeL Charakteristiscl^ 
ftlr TorrieeUi ist es, dafs er nichts auf Nachruhm gab.| 



Nachfolger Galflers. 821 

Eine seiner Yorlesangen, die er zu Born in der Ajocademia 
delk Grusca hielt, und welche spftter im Druck erschien, 
hatte zum Thema den Satz: Der Ruhm nach dem Tode 
ist nichts und keiner Bestrebung werth; nach dem Tode 
sind alle Menschen gleich berühmt. — Er entwickelt diesen 
Satz ausfthrlich ohne zu ahnen, dalis er selbst ein glAn- 
zendes Beispiel von der Unrichtigkeit desselben aufstellen 
würde*). 

146« Torricelli hat in verschiedenen Zweigen der Physik 
Forschungen angestellt, und überall sein hohes Talent doku- 
mentirt. Er machte Untersuchungen über die Gläser zu 
Femröhren und über die Mikroskope. Er fiind auch zuerst, 
dab kleine Glaskugeln, wie man sie vor jeder Lampe 
schmelzen kann, die vortrefflichsten einfachen Mikroskope 
abgeben. 

Am meisten hat er sich jedoch in dem mechanischen 
Tfaeil der Physik verdient gemacht. Von seinen gesunden 
Ansichten über die Bewegungsphänomene zeugen schon 
seine Lezioni accctdemichey herausgegeben 1715 zu Florenz 
roQ Bonayentora, worin er die Lehre der Peripatetiker 
Ton den leichten und schweren Körpern auf eine sehr 
IiQbsche Art persiflirt, und über den Stols der Körper 
grade so urtheilt wie Oalflei, nämlich, dals der Stois sich 
in keiner Weise mit dem Druck vergleichen lasse. 

Entschiedener zeigt sich Torricelli als erfindender Kopf 
in seinem Trattato del tnoto dei gravi, Florenz 1641, die 
weitere Ausfilhrung des von CasteÜi an Oalflel überbrachten 
Werkes. Darin findet sich auch der Satz: Zwei mit ein- 
ander verknüpfte Körper sind in Gleichgewicht, wenn, wie 
man sie auch lege, ihr gemeinschaftlicher Schwerpunkt 
weder gehoben noch gesenkt wird; — wozu die Wage 
sowie die schiefe Ebene, wenn über ihren oberen Rand 
eine die beiden Körper verbindende Schnur gelegt wird, 
bekannte und anschauliche Beispiele liefern. 



^) Kästner, Gesch. d. Math. IV, 458. 465. 

Pogg«ndorff, Oesch. d..Ph]rsik. 21 



322 Nachfolger Galflers. 

Namentlich aber behandelt er zwei Gegenstftnde mit 
Glück darin, die Wnrfbewegung und das Ausflielsen yoq 
Flftssigkeiten, in welchem letzteren er noch keine Vor- 
gänger hatte. In Bezug auf die Wurf bewegung bestätigte 
er fiaUlefs Sätze: 

1) daifi ein geworfener Körper, vom Luftwiderstand 
abgesehen, eine Parabel beschreibt; 

2) dals die Wurfweite bei einer Elevation von ib^ 
am gröfsesten ist, und 

3) da(s sie f&r jede Elevation = 45® =^ j; gleich sei. 
Diese Sätze vermehrte er indefs durch den sehr merkwür- 
digen Satz: dafs alle Parabeln, die man erhält, wenn ein 
Körper mit gleicher Geschwindigkeit unter Elevation von 
bis 90® abgeschossen wird, eingeschlossen oder einge- 
hüllt werden von einer Kurve, die wiederum eine Parabel 
ist. — Endlich suchte Torrieelli auch die Gröfse der para- 
bolischen Bahn eines geworfenen Körpers fbr eine gegebene 
Gröfse der Wurfkraft zu bestimmen. 

Ein ganz neues Feld eröfihete Torricelli durch seine 
Untersuchung über den Ausflufs des Wassers aus 6e- 
iäfsen. Bei diesem späterhin so vielfach bearbeiteten und 
immer noch nicht vollständig gelösten Problem verdanken 
wir ihm namentlich folgende Sätze: 

1) dals das Wasser, welches aus der Seitenwand eines 
GefäTses ausflieXst, den Gesetzen der Wurf bewegung folgt, 
dals der Wasserstrahl eine parabolische Form besitzt; 

2) dafs die Bogenweite des Strahls am gröfsesten ist, 
wenn die Oeffiiung sich in der Mitte der Wasserhöhe be- 
findet; 

3) dafs Oeffuungen in gleichem Abstand über oder 
unter dieser Mitte eine kleinere aber gleiche Bogenweite 
geben; 

4) wenn der Abstand gleich grofser Oeffhungen von 
der Oberfläche des Wassers = A, A' und die daraus in 
gleicher Zeit abfliefsende Wassermenge to, w* ist, dann 

w:tD' = Vh:Vh'. 



Nachfolger Galilers. 323 

5) GeßUse von gleicher Weite und Oefihung aber nn- 
gleicber Höhe A, h* entleeren sich in Zeiten t^ t\ wobei 

eine Folge von No. 4. 

6) FQr den Fall, dals sich die Oeffiiung in dem hori- 
zontalen Boden eines GefäCses befindet, lehrte er folgenden 
Satz: Wenn man die Zeit, die zur gänzlichen Entleerung 
des Gefäfses erforderlich ist, in gleiche Theile theilt und 
die Wassermenge, welche in dem letzten Zeittheile aus- 
Jieist = 1 setzt, so ist die Wassermenge im Torletzten 
Zeittheil 3, in den dann folgenden Zeiten rückwärts ge- 
rechnet 5, 7, 9 . . . Wäre die Zeit der gänzlichen Ent- 
leerung 6 Minuten, so würde, wenn die Ausflulismenge in 
der 6. Minute 1 Pfand betrüge, dieselbe in der 5., 4., 3., 
2., 1. Minute sein respektive: 3, 5, 7, 9, 11 Pfund, also 
in der 1., 2. ... 6. Minute 11, 9, 7 ... 1 Pfund. 

Senkrecht in die Höhe geworfene Körper verhalten 
sich in Bezug auf die Abnahme ihrer Geschwindigkeit 
ebenso, mithin folgerte Torricelli richtig, dafs Flüssigkeiten 
beim Abflufs aus GeftTsen ganz denselben Gesetzen folgen 
wie starre Körper beim senkrechten freien Fall. Er machte 
daraus auch eine Anwendung auf die Springbrunnen, indem 
er sagte, dafs deren Höhe gleich der Wasserhöhe im Ge- 
ftbe sein würde, wenn nicht Störungen stattfänden. 

147. Am bekanntesten und berühmtesten ist Torricelli 
durch die Erfindung des Barometers geworden, unstreitig 
eine sehr wichtige Erfindung, die aber doch sicher ihrem 
Urheber nicht soviel Nachdenken gekostet hat, als die 
Untersuchungen über den Ausflufs des Wassers und die 
Wurfbewegung. 

Torricelli kannte, was Galilei über die Resistenza del 
Vacuo gedacht und experimentirt hatte, er wuTste, dafs 
Wasser nur etwa 32 Fnis in senkrechten Röhren ansteige, 
es war also im Grrunde nicht schwer auf den Gedanken 
zu kommen, dafs eine specifisch schwerere Flüssigkeit auf 
einer geringeren Höhe würde stehen bleiben. Dennoch 

21* 



324 Nachfolger GalUers. 

mufs der Gedanke, Quecksilber statt Wasser za nehmen, 
in Betracht der wichtigen Folgen f&r die Physik ein höchst 
glücklicher genannt werden. Torricelli faiste diesen glück- 
lichen Gedanken, und daher mufs er mit Recht als Er- 
finder des Barometers betrachtet werden; aber er selbst 
verwirklichte ihn nicht sogleich, sondern überliefii die Aos- 
fbhrung seinem Freunde ViTiani, dem er seine Idee mit- 
getheilt hatte. 

1643 war das Jahr, in welchem das erste allerdings 
unvollkommene Barometer das Licht der Welt erblickte. 
Mit Recht nannte man es die torricellische Röhre, nicht 
die vivianische, weil hier die Idee höher angeschlagen 
werden mufs als die Ausführung. Torricelli überzeugte 
sich übrigens auch bald hernach durch eigene Erfahrung 
von der Richtigkeit seiner Idee, und was ihm noch einen 
erhöhten Anspruch auf die Erfindung des Barometers giebt, 
ist, dafs er sogleich den Luftdruck als die Ursache des 
Stehenbleibens der Quecksilbersäule erkannte und be- 
zeichnete. 

Es mufs daher Torricelli als Entdecker des Luftdrucks 
betrachtet werden, obwohl im Grunde das Barometer den 
Luftdrude nicht strenger erweist als eine Wasserpnmpe. 
Torrieelli ist aber nicht allein Entdecker des Luftdrucks, 
sondern auch Entdecker der Veränderungen desselben. Als 
er nämlich die Höhe der Quecksilbersäule in seiner Glas- 
röhre mehrere Tage lang beobachtete, fand er, dafs sie 
nicht immer dieselbe blieb, sondern bald zu- bald abnahm. 
Sehr richtig bemerkte er im J. 1644 gegen seinen Freund 
Ricci in Rom, dafs eine solche Quecksilbersäule ein Werk- 
zeug zum Messen der Veränderungen des Lufi^lrucks ab- 
geben könne, und er setzt hinzu, die Messung dieser Ver- 
änderungen und nicht die Hervorbringung eines leeren 
Raumes sei der Zweck bei Anstellung seiner Versuche ge- 
wesen. Er mufs also die Existenz des Luft^drucks und 
des Vakuums durch die Erscheinungen an Pumpen und 
durch Oalilef s Versuche schon ftlr hinreichend erwiesen 
gehalten haben. 



Nachfolger Galflei's. 325 

An dem Verfolge seiner Ideen ist Torrieelli wohl ge- 
hindert worden, denn wiewohl er erst 1647 starb, weifs 
man doch nicht, dafs er aus Beobachtungen am Barometer 
iigend einen erheblichen Schlafs gezogen hätte. Es waren 
übrigens nur die unregelmfi(sigen Schwankungen des Baro- 
meters, die Tonicelli entdeckte, die weit kleineren perio- 
dischen wurden erst viel später bemerkt 

Tomeelli theilte seine Entdeckung im J. 1644 u. A. 
aach dem Pater Mersenne mit, der zu Nevers lebte und 
durch den ausgebreiteten Briefwechsel, den er mit den 
angesehensten Physikern und Mathematikern seiner Zeit 
führte, zu einem wissenschaftlichen Centrum fllr sie ge- 
worden war. Da ich später keine schickliche Gelegen- 
heit habe von den Verdiensten dieses Mannes zu reden, 
80 will ich sie kurz hier auseinandersetzen. 

148. Marin Mersenne, geb. 1588 zu Soulti^re bei 
Bonrg d'Oize, Le Maine, erzogen in der Jesuitenschule 
zu La Fleche mit Descartes und gest 1648 zu Paris, war 
dem Orden der Minoriten angehörig. Obgleich seine 
Thatigkeit meist eine literarische war, und er mehr durch 
Gelehrsamkeit und Eifer für die Wissenschaft als durch 
Talente glänzte, so hat er doch ftlr die Zeit gar nicht zu 
verachtende experimentelle Untersuchungen angestellt. Da^ 
hin gehören: 

Eine Arbeit über das Pendel in so fem bemerkens- 
werth, als sie den ersten rohen Versuch zur Bestimmung 
der Länge des Sekunpendels enthält. 

Eine Untersuchung über den Ausflufs des Wassers 
ans GefaTsen, in einigen Dingen mit der Arbeit von Torri* 
eelli zusammenfallend, aber doch nicht mit ihr zu ver- 
gleichen. Eigenthümlich möchte nur die Bemerkung sein, 
dals ein Wasserstrahl aus senkrechter Wand nicht genau 
parabolisch ist wegen des Widerstandes der Luft, dafs 
daher auch die Springhöhe des Wassers unter der Höhe 
des Wasserdrucks bleibt. Diese Untersuchung beschrieb 
er in dem Werk : Phaenomena hydraulico - pneumatica^ 
Paris 1644. 



326 Nachfolger Galflers. 

Dasselbe Werk enthält auch rohe Versuche zur Be- 
stimmung der Ausdehnung der Luft, indem er sie in 
einer Aeolipile bis zum Glühen erhitzte, und darauf Wasser 
eintreten liels. Femer beschreibt er ein Hygroskop, indem 
er eine Darmsaite in freier Luft auf einen gewissen Ton 
spannte, und auf feuchtere Luft schlofs, wenn sie einen 
höheren Ton angab, dagegen auf trocknere, wenn sie sich 
tiefer stimmte ^). Endlich findet sich darin auch die wahr- 
scheinlich erste Beschreibung der WindbQchse, deren Er- 
findung sich nicht ganz mit Unrecht bis in die Zeit von 
Ktesibins zurQckfi)hren l&Tst Mersenue giebt an, ein fran- 
zösischer Künstler Marin, Bürger zu Lisieux in der Nor- 
mandie, habe eine solche ftir Henry IV. verfertigt. Nürn- 
berger Chroniken hingegen nennen Hans Lobsinger, wel- 
cher 1570 starb, als Erfinder der Windbflchsen, von denen 
er 1560 die ersten verfertigt haben soll ^). Nach einer 
Angabe Mnsschenbroek's in seiner Introductid befand sich 
in der WafiTensammlung eines Hm. v. Schmettau eine 
Windbüchse mit der Jahreszahl 1474. 

Trotz dieser vielfachen Beschäftigungen mit Problemen 
der mechanischen Physik hatte Mersenne doch in einigen 
Stücken sehr verworrene Begriffe; so wollte er die Kraft 
des Stofses durch den Druck messen, wie firüher Bieeioli 
und Casrie, und das Saugen erklärte er durch Häkchen, 
mit denen die Lufttheilchen die Wassertheilchen nach sich 
ziehen sollen! 

Nicht unbedeutend zu Mersenne's Ruf trug bei ein 
anderes Werk: Harmonieorum libri XII, Parisii» 1636, 
welches das damals noch wenig angebaute Feld der Akustik 
zum Gegenstand hat. Mersenne giebt darin eine Bestim- 
mung der Schallgeschwindigkeit, die zweite, die man kennt 
und nach der Weise von Oassendi, vielleicht etwas genauer. 
Er fand sie zu 1380 Fuls. Auch machte er die Bemer- 
kung, dafs eine Saite neben dem Grundton noch andere 
höhere Töne geben könne. 

') FiBcher, Gesch d. Phys. II, 224. 

*} Gehler, Neaes phjs. Wörterb. X, 2119. 



Nachfolger Galflei's. 897 



Id der Optik war Merseue nahe daran eine wie! 
Eifindimg am machen, nftmlich die der Spi^^teleskope 
(Phsenomena hydrauUco-pnetunatica pag. 96). Er eohlog 
vor zwei parabolische Hohlspiegel gegen einander anzu- 
wenden, einen gröiseren auf den fernen Gegenstand ge- 
richtet, und einen kleineren nahe am Brennpunkt des 
enteren, damit er die konvergirend auf ihn fallenden 
Strahlen parallel zurücksende in das Auge durch ein Loch 
im grofsen Spiegel, das nicht grölser ist als die Pupiüe. 
Er lieis es indeis bei dem Vorschlag bewenden, bei wel- 
chem fibrigens das Glas vor dem Auge vergessen war, 
weil ihm Deseartes verschiedene Einwendungen machte, 
welcher die Herstellung der parabolischen Spiegel ftulserst 
schwierig, die AnnAherung des Auges an den kleinen 
Spi^el zu gering fand, und hinsichtlich der Länge des 
Instruments und seiner Helligkeit keinen Vortheil vor den 
dioptrischen Femröhren sah ^). So ist Mersenne denn um 
die Ehre der ersten Ausf&hrung eines Instruments ge- 
kommen, das jedenfalls vollkommener war, als das, welches 
Zacehi 20 Jahre firüher erdachte und sogar darstellte. 

Nicola Zuechi, ein Jesuit, geb. 1586 zu Parma und 
gest 1670 zu Rom, hat schon im J. 1616 die Idee zum 
Spiegelteleskop gefafst und auch so weit roh ausgefikhrt, 
als er mittelst einer konkaven Linse in passender Ent- 
fernung in den Hohlspiegel sah^). Derselbe Zuechi soll 
aach nach Bailly^s Zeugnils (lUaunU compUt de rastranomie, 
Parü 1825) die Flecken und Fackeln im Jupiter zuerst 
gesehen haben. 

Ana allem, was ich von Mersenne angef&hrt, geht 
hervor^ da(s er kein Physiker ersten Banges war. Sein 
Hauptverdienst möchte wohl in seiner bYieflichen Thätig- 
keit bestehen, wodurch er den Mangel eines physikalischen 
JoamaLs damaliger Zeit ersetzte und viel Gutes stiftete, 
mitunter aber auch Unheil anrichtete. Denn so verwickelte 



>) Wilde, GtBcb. d. Optik I, d09. 
*) Wilde, GckL d. Optik I, 307. 



328 Nachfolger 6ftU1«i'8. 

er Tomeelli in einen heftigen Streit mit dem französiachen 
Mathematiker Robervsl, indem er dem ersteren yon des 
letzteren Beschäftigungen mit der Cykloide 1639 schrieb 
ohne zn sagen, dafs das gestellte Problem, Area nnd Tan- 
gente, bereits von Robemd gelöst sei. TttTfeelli nnd sein 
Freund Cayalieri machten sioh an das Problem, lösten es 
und wurden daftir, obgleich mit Unrecht, von Roberral 
des Plagiats beschuldigt. — Durch den Pater Mersenne 
gelangte also die Kunde von Torrieelli's Entdeckung nach 
Frankreich und dadurch auch an Pascal, unter dessen 
Händen sie nun - bald eine merkwürdige Best&tigung er- 
fSediren sollte. 

149. Blaise Paseal wurde geb. am 19. Juni 1623 zn 
Clermont in der Auvergne und starb am 19. Aug. 1662, 
also nur 39 J. alt zu Paris. Er war der einzige Sohn 
seines Vaters Etienne, eines auch in den mathematischen 
Wissenschaften bewanderten Mannes, der zu Clermont die 
Stelle eines Präsidenten am Cour- des -aides d. i. Steuer- 
kammer bekleidete. 

Schon in der jfrühesten Jugend zeigte Blaise Paseal 
ganz ungewöhnliche Fähigkeiten, einen bewundernswürdigen 
Verstand, der von allen Dingen, die ihm vorkamen, die 
Ursache wissen wollte. Dies TeranlaTste den Vater haupt- 
sächlich seine Stelle im J. 1631 niederzulegen, und mit 
seinem achtjährigen Sohn nach Paris zu ziehen, um dort 
ganz der Erziehung des Sohnes zu leben, der auch aufser 
ihm keinen anderen Lehrer hatte. Auch hier legte der 
junge Blaise bald auffallende Proben seines angeborenen 
Forschertalents ab. Denn als Jemand einst bei Tafel zu- 
fälligerweise an ein Trinkglas stiefs und den Ton, den es 
gab, dadurch unterdrückte, daTs er das Glas oben anfaiste, 
wollte Blaise sogleich wissen, weshalb der Ton verstummte« 
und da er mit der gegebenen Erklärung nicht zufrieden 
war, schrieb er selbst einen Au&atz über den Klang. Er 
war damals noch nicht 11 Jahr. 

Der Vater hatte die Ansicht sein Sohn müsse sieb 
erst in Sprachen ausbilden, ehe er andere Dinge lerne; 



Naohfdger Gdiln's. 329 

er yenteckte daher förmlich die Mathematik yor seinem 
Sohn, nnd bat auch seine Freunde, nicht in deeaen Gegen- 
wart Ton mathematischen Gegenständen zu reden. Allein 
diese Absperrung war schwer durchzufahren. Der Vater 
war in freundschaftliche Verhältnisse getreten mit Her- 
leiie, Roberval, Midorge, Careayi u. a. Männern, welche 
nachmals die pariser Akademie der Wissenschaften bildeten, 
und schon damals wissenschaftliche Zusammenkünfte hielten. 
Abwechselnd yersammelten sie sich auch bei dem Vater, 
ond da hatte Blaise Gelegenheit bald so Tiel yon den Be- 
schäftigungen dieser Männer zu hören, dalis in ihm ein 
unwiderstehlicher Trieb zu ähnlichen Studien erwachte. 

Er beschwor den Vater förmlich ihn in der Mathe* 
fflatik zu unterrichten, und da dieser es ihm abschlug, ihm 
wenigstens zu sagen, was Mathematik sei? Der Vater 
antwortete, es ist die Wissenschaft, welche lehrt richtige 
Figuren zu zeichnen und ihre gegenseitigen Verhältnisse 
zu finden; aber zugleich yerbot er ihm auch darüber zu 
sprechen und darüber nachzudenken. Aber das war Oel 
ins Feuer gegossen! Als der Vater einige Tage darauf 
Qnyennerkt in das Zimmer seines Sohnes trat, &nd er 
diesen vollauf beschäftigt mathematische Figuren zu zeichnen 
und zu kombiniren, denen er selbst grölstentheils keine 
Namen zu geben wufste, ausgenommen Kreis und Linie 
(rond, barre). Ja was den Vater noch mehr t)berraschte 
war zu sehen, da(s sein 12 jähriger Sohn die XXXII. Prop. 
des I. Buchs von Euklid, dafs in jedem Dreieck die Summe 
der Winkel gleich zwei rechten ist, ohne alle Anleitung 
aufgeftinden hatte. 

Von nun an war er der Neigung seines Sohnes nicht 
mehr entgegen! Er gab ihm den Euklid in die Hand, 
den Blaise förmlich verschlang, sowie auch andere Werke, 
durch deren Studium dieser es dahin brachte, dafs er be- 
reits im 16. Jahr einen scharftinnigen Traktat über die 
Kegelschnitte schrieb, von dem Descartes nicht anders 
glauben wollte, als dafs er yom Vater verfaTst wäre. Der 
jange Blaise wohnte nun regelmäfsig den Versammlungen 



330 Nachfolger Galüei's. 

der erwähnten Gesellschaft bei, und beschämte dordi seine 
Urtheile und Arbeiten nicht selten die älteren Mitglieder. 
Im 19. Jahre erfand er eine Rechenmaschine, die greises 
Aufsehen erregte, und später den berühmten Leibnitl veran- 
laTste eine ähnliche vollkommnere Maschine zu konstruiren. 
Jene addirte und subtrahirte nur, diese muhipUcirte und 
dividirte auch ^). 

Neben allen diesen Beschäftigungen trieb Pascal auch 
philosophische und philologische Studien und zwar mit 
solcher Anstrengung, dals seine ohne dies schon schwache 
Gesundheit im 18. Jahr vollständig untergraben war. 

150. Durch die Verbindung mit den wissenschaft- 
lichen Männern der Hauptstadt lernte Pascal die Arbeiten 
Galilers und Tomcelli^s kennen. Der Versuch des letzteren 
machte einen grofsen Eindruck auf ihn; er wurde bekannt 
damit durch Pierre Petit (geb. 1598, gest. 1667), einen 
Schüler von Descartes und achtbaren Physiker und Astro- 
nomen seiner Zeit, der die Sache zunächst von Mersenne 
erfahren hatte. Pascal nahm daraus Anlais den Versuch 
zu Rouen, wo sein Vater wiederum ein Amt im Justiz* 
und Finanz£Eich bddeidete, im groüsen MaTsstab zu wiedel^ 
holen. Er fiülte u. A. Röhren von 46 Fufs Länge, die 
oben zugeschmolzen waren ^ theils mit Wasser, theils mit 
Rothwein, und wenn er diese in der Flüssigkeit umkehrte, 
sah er die Säule bei einer Höhe von etwa 32 Fuls stehen 
bleiben, er mochte die Röhren senkrecht stellen oder mehr 
oder weniger neigen. 

Von Torricelli^s Versuch lernte er anfangs nur den 
thatsächlichen Theil kennen, nicht die Erklärung, welche 
Torricelli von der begränzten Länge der Quecksilbersäule 
gegeben hatte. Es war daher einigerma&en verzeihlich, 
dals Pascal in einem Schriftchen, in welchem er den er- 
wähnten und noch manchen anderen Versuch beschrieb, 
und das den Titel führt: Eaperiencee nouveäea touchant le 



') Basoh, Handb. der Erfindnngen XI, 32. 



Naohfolger GaHkr«. 331 

vuide, Paria 1647 der herrachenden Meinung huldigte, und 
die Ersdieinong dem Horror yacui zuschrieb. 

Indels kam Paseal bald von seinem Irrthum zurück; 
noch in demselben Jahre lernte er Torricelli's Erklärung 
keimen. Er fand die Idee vom Luftdruck sehr schön, 
hidt sie aber nicht ftkr bewiesen und sann daher auf einen 
strengen Beweis. Er ordnete den Versuch so an, dafs 
die äulsere Luft ganz entfernt werden konnte und fand, 
dals das Quecksilber in der Röhre sofort bis zur Ober- 
flache des Quecksilbers in dem GefiÜs, worin die Röhre 
stand, herabsank. Er nannte diesen sinnreichen Versuch 
preuve du vuide dans le vuide. 

Hierdurch sah nun Pascal den Luftdruck fllr bewiesen 
an, und man mufs zugeben, dais dies auch der erste Be- 
weis fibr denselben war, denn dadurch allein, dafs man 
eine oben geschlossene Röhre mit Quecksilber statt Wasser 
füllte, war der Horror vacui noch nicht widerlegt. Indefs 
konnte sich Paseal hierbei noch nicht beruhigen, er schlois 
weiter: Wenn die Quecksilbersftule im Barometer vom 
Luftdruck getragen wird, so muTs ihre Länge auf Bergen 
kürzer sein, weil dort der Luftdruck nothwendig ge- 
ringer ist 

Pascal hatte grade keine Gelegenheit diese Idee auf 
die Probe zu stellen, er schrieb daher am 15. Nov. 1647 
an seinen Schwager Perier zu Clermont^ und bat denselben 
einmal zu versuchen, ob nicht auf der Spitze des Puy-de- 
Dome, an dessen Fuise Clermont liegt, das Barometer 
niedriger stehe als in der Stadt. Perier fand sich dazu 
bereit und fbhrte den Versuch mit vieler Umsicht aus. 
Er rektificirte sich 16 Pftmd Quecksilber, ftUlte damit zwei 
4 Fufs lange Glasröhren, die an dem einen Ende zuge- 
schmolzen waren, kehrte sie in dem übrigen Quecksilber 
um, versah sie mit einer Papierskala und verglich sie mit 
einander. Beide zeigten ihm 26" 3,5'". Nun fibergab er 
das «ne Rohr dem Pater Chastin, um es den ganzen Tag 
über zu beobachten, und mit dem andern begab er sich 
am 19. Sept 1648 auf die Spitze des etwa 3000 Fufs 



332 Nachfolger Galüei's. 

hohen Puy-de-Döme. Za seiner und seiner Begleitung 
groiser Verwunderung zeigte es hier nur 23" 2"\ also 
8" 1,5"* weniger. 

Er wiederholte die Beobachtung an mehreren Punkten 
des Berges, und als er wieder unten ankam, hatte er wie- 
derum 26" 3,5'" denselben Stand, den auch Pater Ckastia 
während der ganzen 2ieit an seinem Instrument wahrge- 
nonmien hatte. 

Der Erfolg dieses Versuches, den Perier nicht Ter- 
s&umte sogleich seinem Schwager zu melden, brach nun 
der Lehre yom Horror vacui, wenigstens in den Augen 
der Einsichtsvollen, ein- fbr allemal den Stab. Vom 
19. Sept. 1648 an konnte kein Vernünftiger mehr an die 
Existenz des Luftdrucks zweifeln, obgleich es später immer 
noch Ungläubige gegeben hat, die sich nicht von der alten 
Lehre trennen konnten, von dem Ifltticher Professor Frau 
Linns (§ 208) an bis herab zum Freiherm v. Driebei^ 
(gest. 1856) auf Protzen bei Fehrbellin, der noch im J. 1843 
tausend Dukaten und 1844 das Doppelte demjenigen zu- 
gesagt hat, der ihn vom Luftdruck überftlhren könne. 
Der Preis ist noch zu gewinnen! 

Pascal beschrieb den Versuch seines Schwagers 8<^on 
im J. 1648 in einer Flugschrift betitelt: RScit de la grande 
eap^rience de Viquüibre des liqueure etc.y Paria 1648, und 
zog daraus u. A. den richtigen Schluls, dafs man mittelst 
des Barometers den Höhenunterschied zweier Punkte fin- 
den könnte, oder richtiger gesagt, dafs man dadurch fin- 
den könnte, welche Orte gleichen oder verschiedenen Ab- 
stand vom Mittelpunkt besä&en, denn zum Höhenmessen 
fehlten Pascal noch die Regeln. Elr wiederholte denn auch 
den Versuch zu Paris auf dem Thurm St. Jacques de U 
Boucherie (25 Toisen), und fand ihn sowohl dort wie in 
hohen Häusern bestätigt 

Er veranlafste auch, dafs in Paris , in Clermont und 
in Stockholm während der Jahre 1649 bis 51 eine Reihe 
von Barometerbeobachtungen gemacht wurde, um die Vei^ 
änderungen des Luftdrucks kennen zu lernen, und dabei 



Nachfolger Galüei's. 833 

ogib sich auch, daTs es nicht direkt die Wftrme der Luft 
«i, welche das Barometer in Bewegung setzt, dals viel- 
mehr die Winde einen entschiedenen Einfluls auf diese 
Bewegungen haben. Channt, der stockhohner Beobachter 
enrihnt audi noch, dals Descartes, der noch kurz vor 
semem £nde yon diesem Unternehmen erfuhr und selbst 
daran theilnahm, eine Vorrichtung angab, um die Barome- 
terreränderungen sichtbar zu machen, die aber wegen Un- 
geschicklichkeit der dortigen Glasbläser nicht ausgefilhrt 
werden konnte. Sie bestand darin, dais der obere Theil 
Aer Quecksilbersäule durch Wasser ersetzt war. 

Pascal entwickelte die Lehre vom Luftdruck vollstän- 
dig in einem kleinen durch die Klarheit des Vortrags aus- 
gezeichneten Werk: TraM de ViquiUbre des liqueura et de 
la peeanteur de la maeee de Vair^ welches schon 1653 ge- 
schrieben ist, aber erst 1663 zu Paris, ein Jahr nach sei- 
nem Tode, erschien. Er entwickelte darin, wie das Sau- 
gen der Eonder an der Mutterbrust, das Schröpfen und 
andere Vorgänge ebenso gut eine Wirkung des Luftdrucks 
seien, wie die Erscheinungen bei Pumpen, Spritzen, He- 
bern und Barometern, die er indefs noch nicht mit die- 
sem Namen belegt, obwohl er schon von Thermometern 
spricht. 

Er berechnet die Grölse des Luftdrucks ftlr eine ge- 
gebene Fläche, die er ganz richtig dem Gewicht einer 
32 FuCs hohen Wassersäule oder 28 Zoll hohen Quecksilber- 
säule von derselben Grundfläche gleich setzt, und macht dann 
daraus einen Schluüs auf die Gröfse des Gesammtdrucks der 
Atmosphäre, welche er :=» 8 283889 440000 000000 Pfund 
findet — Verzeihlich ist es wohl, dafs er auch die Adhäsion 
zweier geschliffenen Platten aneinander dem Luftdruck 
zuschreibt, und die Gröfse dieser Adhäsion iür verschie- 
d«ie Höhen über dem Meere berechnet Er kannte ja 
noch keine Luftpumpe. 

Dasselbe Werk beschäftigt sich auch mit dem Gleich- 
gewicht der tropfbaren Flüssigkeiten, worin zwar nicht 
zuerst, aber doch mit grofser Klarheit, die Sätze entwickelt 



334 Nachfolger GaUleTs. 

werden, welche von Steyin entdeckt waren, was aber Pascal 
wahrscheinlich nicht wuIste, namentlich dafs der Druck 
einer Wassers&ule auf den Boden eines Gef&fees nur von 
deren Höhe abhängt. 

151. Hätte Paseal die physikalische Sichtung länger 
verfolgt, so würde er ohne Zweifel noch Grolses in der 
Wissenschaft geleistet haben, allein mit dem J. 1650 oder 
schoq etwas früher trat eine gänzliche Veränderung mit 
ihm ein. Durch das Lesen erbaulicher Schriften, und 
wahrscheinlich auch durch seine unausgesetzten körper- 
lichen Leiden, bildete sich bei ihm die Ansicht aus, dafs 
die Religion allein eine würdige Beschäftigung des mensch- 
lichen Geistes sei. Er entsagte nun den Wissenschaften 
so gut wie gänzlich, und zog sich auch von aller Welt 
zurück. Ein tragischer Vorfall im Oktober 1654, wo 
auf der Brücke von Neuilly die Pferde mit ihm durch- 
gingen, und er nur wie durch ein Wunder gerettet wurde, 
trug viel dazu bei seine Melancholie zu erhöhen. 

In dieser Stimmung verfafste er mehrere religiöse und 
philosophische Schriften , die aber nur zum TheU auf uns 
gekommen sind. Blols einmal zeigte er noch einen Rück- 
fall zu seiner firüheren Lieblingswissenschaft, der Mathe- 
matik. ' 

Es war die Cykloide, die Kurve, welche ein Punkt 
der Peripherie eines Rades beschreibt, das auf einer gra- 
den Linie fortrollt, die dazu Veranlassung gab. Schon 
Galilei hatte sich wegen ihrer gefälligen Gestalt, die sie 
ihm zu Brückenbogen tauglich erscheinen liefs, mit ihr 
beschäftigt, und seitdem hatten mehrere Mathematiker 
ihren Scharfsinn an ihr versucht; Roberval, Torrieelli, 
Cavalieri, Descartes, auch Paseal machte sie zum Gegen- 
stand seines Nachdenkens und fand mehrere Probleme 
daran, die er 1658 den Geometern unter dem Pseudonymen 
Namen Amos DettonviUe ^) vorlegte, und demjenigen einen 

„ - - ■ . « 

Dieser Name ist die anagramm. Yersetziuig von Louis de Mon- 
talte, unter welchem er seine Lettres provinciales gegen die Jesuiten 
schrieb. 



Nachfolger GfiHlei's. 835 

Preis Ton respektive 40 und 20 Pistolen zusicherte, der 
in Jahresfrist die beste und nSchst genügende Auflösung 
dem Mathematiker CaresYi einsenden würde. 

Es liefen nur zwei Auflösungen ein, vom Jesuiten 
Latovere in Toulouse, und dem englischen Mathematiker 
Wallis. Die erste wurde fi&r ganz ungenügend erklärt, und 
der letzteren w^en einiger Fehler auch nicht der Preis 
zuerkannt. Da gab nun Pascal im J. 1659 seine Auflösung 
selbst heraus unter dem Titel: Lettrea de Mr, DettonmUe 
ä Mr. Carcavi^ während er in der Zwischenzeit, im Okto- 
ber 1658, unter seinem rechten Namen das geschichtliche 
des Gegenstandes in der HwUnre de la Roulette, vielleicht 
etwas zu partheilich f&r seine Landsleute, behandelt hatte. 

Pascal kündigte der Academie des maihSmaticiena de 
Paria ^ wie er die bei seinem Vater sich versammelnde 
Privatgesellschaft nannte^ im J. 1 654 noch eine beträchtliche 
Anzahl von mathematischen Werken an, u. A. eins über 
das Würfelspiel, aber alle diese Werke sind nie erschienen. 
Vermuthlich war daran der erwähnte tragische Vorfall die 
nächste Ursache. Seit jener Zeit lebte er fast wie ein 
Mönch auf seinem Landgut, nur beschäftigt mit Beten und 
Lesen der heiligen Schrift, die er nahezu auswendig lernte. 

So starb er denn d. 19. August 1662 in dem Alter 
von 39 Jahren wie sein Geistesverwandter Torricelli, mit 
dem er auch insofern in Parallele tritt, als er seine be- 
rühmteste Idee von einem andern ausfbhren liefs, er von 
Perier, Torrieelli von Viviaiii. FascaPs Werke erschienen 
im Haag und zu Paris 1779 in 5 Bänden, und später 1819 
zu Paris in 6 Vol. 8^ 

152. Wenden wir uns nun wieder nach Italien. Hier 
haben wir zunächst noch einen ausgezeichneten Mann zu 
betrachten, den ich schon als einen Freund und Geistes- 
genossen von TonricelU nannte, nämlich Bonaventura Ca- 
▼älieri, nicht Cavaleri^), geb. 1598 in Bologna, gest. 1647 

*) Von ihm wohl za unterscheiden ist Antoioe Cav allen , Jesuit 
uid Professor der Mathematik zu Gabors, geb. 1698 zu Bayonne, gest. 
uns J. 1763. 



336 Nachfolger Galüei's. 

als Professor der Mathematik in Bologna. Er trat als 
Jüngling in den Orden der Jesuaten oder Hieronymiten, 
welcher von Johann Colombinus von Siena gestiftet aber 
schon 1668 aufgehoben wurde, und nicht zu verwechseb 
ist mit dem im J. 1540 von Ignatz von Loyola gestifteten 
Jesuiten - Orden. 

CsYslieri zeigte schon frQh eine so ausgezeichnete 
Anlage zur Mathematik, da(s seine Ordens-Oberen es fbr 
gut fanden, ihn auf die damals so berühmte Universität 
von Pisa zu schicken. Hier erfreute er sich des Umgangs 
mit Castelli und Galilei, und machte daneben solche Fort- 
schritte in seinen Studien, data beide ihm die glänzendsten 
Erfolge voraussagten. 

Im J. 1629 wurde er vom Magistrat in Bologna zum 
Professor der Mathematik an der dortigen Universität be- 
rufen, und schon damals hatte er das Werk ausgearbeitet, 
welches ihm unter seinen Zeitgenossen einen so groüsen 
Ruf verscha£^. Es erschien indefs erst 1635 zu Bologna 
und zwar unter dem Titel: Geometria indimaibäibus conti- 
nuorum nova quadam ratione promota. 

Es wird darin gelehrt Flächen und Körper zu messen, 
wobei Linien als untheilbare Elemente der Flächen, und 
Flächen als untheilbare Elemente der Körper angesehen 
werden. In diesem Verfahren, das beiläufig gesagt, sein 
Freund Torricelli auf die Quadratur der Cykloide anwandte, 
liegt allerdings eine Ahnung von den Principien der In- 
finitesimal - Rechnung, als deren Vorläufer man wohl die 
Methode Cavalieri^s betrachtet hat; aber andererseits ist 
diese Methode wiedenun nur eine Abkürzung deijenigen, 
deren die Alten sich unter dem Namen der Ezhanstions- 
Methode bedienten, die zwar weitläuftiger ist, aber dai&r 
auf schärferen Begri£fen beruht. Dies machte ihm auch 
ein Zeitgenosse, der Jesuit Ouldiii aus St. Gallen (geb. 1577, 
gesi 1643 zu Gratz) zum Vorwurf, der auch behauptete 
Cavalieri sei durch das Lesen der Werke Keppler's anf 
seine Methode geleitet. 



Nachfolger Galüei's. 887 

Indeib ist dieser Vorwurf nioht ganz gerecht. Kepple? 
hatte allerdings in seiner Stereometria doliorum etc. 1615 
eine Methode beschrieben, die Csvatteri kannte, und die 
auf den ersten Blick Aehnlichkeit mit der des letzteren hat, 
die aber doch wesentlich von ihr yerschieden ist; und was 
die Alten betrifft, aus denen hier Cavalieri nicht geschöpft 
vn haben scheint, so hat seine Methode, obwohl minder 
streng, doch den Vorzug der leichteren Anwendbariceit 
Ueberdies trifit fluidin ein ähnlicher Vorwurf, wie er dem 
CaTaKeri machte, denn die Methode, wodurch er sich 
eigentlidi nur einen Namen in der Geschichte der Mathe- 
matik gemacht hat, die Guldin'sche Regel zur Bestimmung 
de« Schwerpunkts von Flächen und Körpern, die durch 
Umdrehung Ton Linien und Flächen entstehen, findet sich 
schon im IV. Jahrhundert von Pappvs beschrieben (§ 8), 
wozu noch kommt, dafs flnldin die Werke des Pappns 
häufig citirt, ohne diese Regel irgendwie als dessen Eigen* 
thum zu nennen. Das Theorem selbst, beschrieben in dem 
Werke dnldin^s: De eentro pravüeUis etc. Viennae 1635^ 
lastet: 

1) Das von einer ebenen begränzten Fläche, die sich 
um eine in ihrer Ebene liegende Aze dreht, beschriebene 
Volumen ist gleich dem Produkt aus dieser Fläche mit 
dem von ihrem Schwerpunkt durchlaufenen Kreise, oder 
F= 2/ry,F, wenn V das Volumen, F die Fläche und y^ 
die Ordinate des Schwerpunkts bezeichnet. 

2) Die von einem ebenen Kurvenbogen, der sich um 
eine in seiner Ebene enthaltenen Aze dreht, erzeugte Fläche 
ist gleich diesem Bogen, multiplicirt mit dem von seinem 
Schwerpunkt beschriebenen Kreise, oder F ^=^ny^B^ wo 
F die Fläche, B den Bogen, y^ die Ordinate des Schwer- 
ponkts bedeutet 

Uebrigens soll auch flalilei den Calculus indivisibilium 
erfanden haben ^), wovon indefs nichts auf uns gekommen 



Libri, Hiat. dee ao. math. ea Italie IV, 288. 

Poggendorff, OMeh. d. Physik. 22 



388 Nachfolger Gdilei's. 

ist Cftvalieri bezengt in einem Brief an OalOei vom J. 1626, 
dafs er sein Werk, welches schon 1626 vollendet war, nur 
zurückhalte, um Oalilei Zeit m lassen, das seinige zu pu- 
bliciren. 

In nähere Beziehung zur Physik tritt CavaUeri durch 
zwei Werke: De apeeulo ustorio 1632^ und EaercitaHones 
geometricae, Bonon* 1647. Das letztere sichert ihm einen 
ehrenvollen Platz in der Geschichte der Physik, denn 
hierin giebt er zuerst die vollständige Liösung des Pro- 
blems, die Brennweite jeder konvexen oder konkaven Linse 
zu finden. Keppler war dies nur fbr die plankonvexe und 
gleichseitige bikonvexe Linse gelungen (§ 74); dagegen 
beschränkte sich Cavalieri auf die Brennweiten, d. h. auf 
die mit der Axe parallel einfallenden Strahlen, die Ver- 
einigungsweiten fibarbaupt wurden erst später gefunden. 

1 53. Da mich Cavalieri auf die Optik geführt hat, so 
kann ich nicht unterlassen, hier seinen Mitbürger ttrimaldi 
(§ 132) näher zu betrachten. Ich habe denselben schon 
bei Rieeioli nambail gemacht, aber damals seine optischen 
Leistungen nur beiläufig erwähnt, um die Entwicklung 
der Fortschritte in der Mechanik nicht zu unterbrechen. 
ttrimaldi lebte gleichzeitig mit CavaUeri in Bologna. Beide 
waren Geistliche, ersterer Jesuit, letzterer Jesuat, beide 
kultivirten die Optik, aber während Cavalieri die mathe- 
matische Richtung verfolgte, schlug Grinaldi den experi- 
mentellen Weg ein. 

Cavalieri hat unstreitig seine Verdienste, aUein wenn 
man zwischen beiden abwägen will, so mufs man bekennen, 
dals der Ausschlag sehr bedeutend auf Seiten Qrimaldi's 
neigt, dean er hat die Lehre vom Licht mit Thatsachen 
bereichert, die wirklich epochemachend sind und wirklich 
Epoche gemacht haben würden, wenn ihre Entdeckung in 
eine andere Zeit gefallen wäre; sie theilte aber das Schicksal 
aller der Entdeckungen, die zu früh kommen, sie ging 
spurlos an den Zeitgenossen vorüber und der bescheidene 
Mann, der nicht einmal wagte, sie bei seinen Lebzeiten 



Nachfolger GaHlei's. 839 

ni TeröffeiitUchen, wurde vergessen, bis ihn die neueste 
Zeit ehrenvoll ins GedächtniTs zurückrief. 

Die Entdeckungen, auf die ich hier anspiele, sind die 
wichtigen der Diffraktion oder Inflexion, Lichtbeugung, 
ond der Dispersion oder Farbenzerstreuung, die obwohl 
Andeutungen von ihnen schon früher vorkommen, doch 
unbedenklich Grlmaldi zugeschrieben werden müssen, und 
die zwei Jahr nach seinem Tode in dem Werke: Phymec^ 
Mathena de lumine, coloribus et iride^ Banoniae 1666 ver- 
öffentlicht worden sind. 

Was zunächst die Lichtbeugung betrifil, für welche 
Griiialdi den noch heute üblichen Namen Diffraktion ge- 
braucht, so hat er sie durch folgenden einfachen Versuch 
dargethan. Er liefs Licht durch eine kleine Oeffiiung in 
dem Fensterladen eines dunklen Zimmers auf einen schmalen 
Körper fallen, und fing den durch letzteren gebildeten 
Schatten mit einer weilsen Tafel auf. Wenn das Licht 
sich blo£s gradlinig fortpflanzt , so würde man von dem 
aufgestellten Körper einen Kemschatten, un3 daneben jeder* 
seits einen Halbschatten erhalten. 

örimaldi bemerkte nun, dafs der gesammte Schatten 
bedeutend gröüaer sei, als er bei gradliniger Fortpflanzung 
des Lichts sein müfste, also der physische Schatten be- 
trächtlich breiter ist als der geometrische , den man be- 
rechnen kann; da£s aulserhalb des physischen Sohattens 
belle und dunkle Streifen sichtbar sind; dafs die hellen 
Streifen in der Mitte farblos sind, nach dem Schatten hin 
aber blaue und von ihm abw&rts rothe Ränder* haben, und 
dafs diese Streifen desto breiter werden, je weiter man sie 
^om Kdrper entfernt auffilngt. Bei lebhaftem Sonnenlicht 
und nicht zu grolser oder zu kleiner Breite des Körpers 
erbHckt man auch innerhalb des Schattens solche Streifen, 
die wie alle übrigen dem Rand des Körpers parallel laufen, 
idfio grade sind, wenn es der Körper auch ist. 

Einen andern hierher gehörigen merkwürdigen Ver<- 
*uch beschreibt Arimaldi in Propos. XXII seines Werkes.. 

22 ♦ 



840 Nachfolger Oalilei's. 

Diese Propositio ist flberschrieben : £2iii erleuchteter Körper 
kann dunkler werden, wenn zu dem Lichte, welches er 
empftngt, noch neues Licht hinzutritt. — Das ist derselbe 
Satz, den Ara^ in neuerer Zeit so oft ausgesprochen und 
paradoxer ausgedrückt hat: Licht zu Licht addirt giebt 
Finsternifs! 

Der Versuch ist folgender: Zwei Löcher in dem 
Fensterladen eines dunklen Zimmers nahe an einander 
angebracht, geben zwei Lichtkegel, die einander zum Theil 
übergreifen, und mit einer weissen Karte aufgefangen 
werden. Jeder Lichtkegel Ar sich auj^fangen giebt eine 
weiüse Scheibe, die in der Mitte heller ist als am Rande, 
der Rand erscheint schattirt, zeigt aber bei genauer Be- 
trachtung eine röthliche Farbe. 

Fängt man beide Kegel zugleich auf und in solchem 
Abstände, dafe sie einander zum Theil übergreifen, so be- 
merkt man, dafs die Mitte des von den übergreifenden 
Rändern eingeschlossenen Raumes heller ist, als die beiden 
Reste der KreisBächen, und dals die den hellen Mittelraom 
begränzenden Bogenstücke auffallend dunkel sind. Nähert 
man die Karte den Löchern, so werden die Bogen röthlicb, 
entfernt man sie, so werden diese noch dunkler. 

Versuche ganz gleicher Art, wie die eben erwähnten« 
sind in neuerer Zeit Ton den beiden grossen Physikern 
Thomas Young und Fresnel angestellt, um die fast ver- 
gessene Undulationstheorie des Lichts wieder in ihre 
Rechte einzusetzen, und das daraus hervorgehende Princip 
der gegenseitigen Einwirkung der Lichtstrahlen, das Inter- 
ferenzprincip, welches umgekehrt eine so schöne Bestäti- 
gung der Undulationstheorie abgiebt, damit zu erweisen. 

Auch Grimaldi hatte eine Ahnung von der wellen- 
artigen Fortpflanzung des Lichts, aber er konnte nobh 
nicht mit sich ins Reine kommen, und war keineswegs im 
Stande sich genügende Rechenschaft yon den beobachteten 
Erscheinungen zu geben. Aber auf dem Wege dahin war 
er, das geht aus nachstehender Aeulkerung hervor, die er | 
der Beschreibung des ersten Versuchs folgen läfst: 



Nachfolger Galüei's. 341 

So wie sich, sagt er, wenn man einen Stein in^s 
Wwer wirft, um diesen wie um einen Mittelpunkt kreis- 
förmige Erhöhungen des Wassers bilden, grade so ent- 
stehen um den Schatten des undurchsichtigen Gegenstandes 
jene gli&nzenderen Streifen, die sich nach Verschiedenheit 
der Gestalt des letzteren entweder in die Lftnge ausbreiten 
oder gekrümmt erscheinen, und so wie jene kreisförmigen 
Wellen nichts anderes sind als angehäuftes Wasser, um 
welches sich auf beiden Seiten eine Furche hinzieht, so 
nad auch die glänzenden Streifen nichts anderes, als das 
Licht selbst, das durch eine heftige Zerstreuung un^eich- 
mäbig yertheilt, und durch schattige Intervalle getrennt 
wird. So wie endlich die kreisförmigen Wasserwellen 
breiter werden, wenn sie sich mehr von dem Quell ihrer 
Erregung entfernen, ebenso bemerken wir dasselbe an den 
glinzenden Streifen, je weiter sie von dem Anfang ihrer 
Erregung abstehen ^). 

Aehnlich spricht sich Orimaldi auch über den zweiten 
Versuch aas, und überhaupt zieht sich die Idee, dals das 
Licht ans einer feinen Flüssigkeit bestehe, die in wellen- 
förmiger Bewegung, in einer fluitatio, undulatio, agitatio, 
Tolutatio befindlich sei, durch das ganze Werk hin. 

Ein anderer merkwürdiger Versuch, der ganz in die 
Klasse der eben beschriebenen gebort, ist der in Propo- 
sitioXXIX (p. 231) überschrieben: Lumen non coloratum 
aliquando cohraiur per solam reßeawnem — ungefärbtes 
Licht wird mitunter durch blo/se Reflexion gefärbt. — Es 
ist ganz der schon bei Deschales erwähnte Versuch, in 
welchem aber Orimaldi die Priorität gebührt (§ 134), näm- 
lich der Versuch, bei welchem Sonnenlicht in einer dunklen 
Kammer von einer mit feinen Ritzen überzogenen MetaU- 
platte refiektirt, und die zurückgeworfenen Strahlen auf 
einer weifsen Tafel aufgefangen werden, auf welcher sie 
Farben zeigen. Diese yerdanken ihre Entstehung eben- 



*) Wilde, Gesch. d. Optik I, 326. 



342 Nachfolger Galflei's. 

falls der Diffiraktion oder Inflexion, als deren Entdecker 
in dieser Gestalt Clrimaldi ebenfalls betrachtet werden mofs. 

Grimsidi setzt auch auseinander, dafs ähnlicher Natur 
die Farben seien, die man bei Reflexion des Lichts tod 
einem feinen Silberdraht bemerkt, von den Spinnftden, 
an den Federn des Taubenhakes u. s. w. 

Aus diesen Beispielen wird erhellen, daGs Grimaldi 
das Phänomen der Diffi'aktion unter mannichfacher Gestal- 
tung und bis in seine Einzelheiten sorgfältig, wenn auch 
nicht grade erschöpfend studirte. Er mufs daher mit 
Recht als Entdecker der Diffraktion angesehen werden, 
und dieses Recht ist ihm nicht streitig zu machen dadurch, 
dafs schon vor ihm eine Andeutung von dem Phänomen 
beobachtet wurde. Eine solche Andeutung sah nämlich 
der als Maler und Bildhauer so berühmte Leonardo da 
Vinci, der mit seinem hohen Kunstgenie ein nicht minder 
bewundernswerthes Talent zur Naturforschung verband. 

Wie wir jetzt aus seinen nur zum Theil gedruckten 
Manuskripten wissen, hat derselbe allerdings einen Fall 
von Diffraktion beobachtet. Er liefs nämlich Sonnenlicht 
durch eine schmale Spalte in ein finsteres Zimmer treten, 
und sah nun diese Spalte gleichmälsig erleuchtet and von 
gleicher Breite. Als er darauf zwischen der Spalte und 
dem Auge einen Gegenstand quer davor hielt, bemerkte 
er, dafs sich das Bild der Spalte in der Nähe der beiden 
Ränder des Gegenstandes bedeutend zusammenzog ^). — 
Dies ist die Beobachtung von Leonardo. Wir finden nicht, 
dafs er die Streifen oder Fransen an oder in dem Schatteo 
bemerkt, oder das Phänomen irgend wie weiter verfolgt 
oder zu erklären gesucht hätte; wir können ihm daher 
auch noch nicht um diese vielleicht zufällige und jeden- 
falls von ihm vernachlässigte Beobachtung die Entdeckong 
der Difiraktion zuschreiben, diese kann Niemand anders 
als Grimaldi zuerkannt werden. 



») Libri, Bist. etc. III, 23i. 



Nachfolger Galiki's. 843 

154. Anders verhält es sich mit der Dispersion oder 
Farbenserstreuung; hier ist die Entscheidung etwas zweifei* 
hafl Allerdings hat firimaldi die Ausbreitung der Strahlen 
bei der {»ismatischen Refraktion zuerst beobachtet; denn 
ab er Sonnenstrahlen durch ein Prisma gehen lieb und 
das Bild mit einer weüsen Tafel auffing, fand er dieses 
nicht nur an den Bftndem gefirbt, sondern auch betrftoht* 
lieh in die Lfinge gezogen. Diese Ausbreitung der Strahlen 
ist unstreitig seine Entdeckung, wie andererseits das Auf- 
treten der Farben in dem durch ein Prisma gegangenen 
Licht schon lange vor ihm beobachtet ist. Es fragt sich, 
ob man ihm darum die Entdeckung der Dispersion zu- 
schreiben könne? 

Wenn nur derjenige darauf Anspruch hat, der zuerst 
eine genügende Ansicht von der Ursache jener Strahlen- 
äufibreitung aufstellte, so hat tirimaldi keinen auf die Dis- 
persion. Denn wiewohl er offenbar viel über das Ph&nomen 
nachgedacht hat, dasselbe in seinem Werke weitläuftig 
bespricht, ja sogar einmal sagt, dafs ein Theil des Licht- 
strahls st&rker gebrochen werde als ein anderer, so kommt 
er doch nicht zu einer klaren Vorstellung oder einem ent<- 
schiedenen Besultat. 

Ich bin der Meinung, dafs man die Entdeckung der 
Dispersion als Thatsache gerechterweise Orimaldi nicht 
streitig machen kann, wiewohl man andererseits Mewten 
die Ehre lassen muls, zuerst eine bis jetzt genügende 
Theorie filr das Phänomen gegeben zu haben. Aber vor- 
gearbeitet hat hier Orimaldi dem grofsen Briten, und das 
nicht blols hier bei der Dispersion, sondern überhaupt bei 
der Frage über das Wesen der Farben. Grimaldi bleibt 
auch bei dieser Frage in seiner gewohnten Dunkelheit 
und Unentschiedenheit stecken, aber es geht doch aus 
Tielen Stellen seines Werkes hervor, dafs er die Farben 
oder Farbenstrahlen nicht als etwas verschiedenes- vom 
lacht betrachtet, da(s er sie vielmehr als Bestandtheile des 
farblosen Lichts angesehen wissen will; dals er ferner die 
sogenannten eigenen Farben der Körper nicht als eine 



844 Nacbfolger Galilei'«. 

Eigensobaft ansieht, welche diese auch im Dunkdn be- 
säfsen, sondern als eine solche, die sie erst durch das 
Licht bekommen. 

Das alles sind Ansichten, die man bestimmter ange- 
sprochen bei Newton wieder findet oder finden kann. 
Aber in anderer Rücksicht weicht er doch sehr von 
Newton ab» und nähert sich in seinen Ansichten der Un- 
dulationstheorie. Er hfilt es fi&r wahrscheinlich, dafs die 
Farben aus einer Aenderung der Art und Geschwindig- 
keit der Bewegung entspringen, dafe die Verschiedenheit 
der Farben ebenso durch Erzitterungen eines feinen Flui- 
dums, die mit ungleicher Geschwindigkeit das Auge affi- 
ciren, bewirkt werde, wie die Verschiedenheit der Töne 
durch Luftschwingungen von ungleicher Geschwindigkeit 

Ueberhaupt sieht man deutlich aus dem ganzen Werk, 
wie ich schon bemerkte, dafs Orinaldi die Idee von einer 
wellenartigen Fortpflanzung des Lichtes vorschwebte, und 
dais er nur nicht so glflcklich war dieselbe auszubilden. 
Einen deutlichen Beweis davon liefern seine Versuche, das 
Phänomen der Refraktion zu erklären. In der That, wenn 
man die bei dieser Gelegenheit in der Physico^Mathesis 
gegebenen Holzschnitte ansieht, muis man überrascht werden 
von der Aehnlichkeit der Figuren mit denen, welche unsere 
neuesten Lehrbücher der Physik enthalten. Es sind gradezu 
dieselben ! 

Man glaubt schon, Grimaldi habe nun die Undulatione- 
theorie. Wenn man aber den daneben stehenden Text mit Auf- 
merksamkeit liest, so findet man bald, dafs der Verfasser auf 
halbem Wege stehen geblieben ist. Er spricht vom Licht- 
strahl nicht als von einer blofs geometrischen Linie, sondern 
nimmt einen physischen Lichtstrahl an, ein Strahlenbün- 
del, das immer noch eine gewisse obgleich sehr gering« 
Dicke hat, und worin man noch einzelne Elementarstrah- 
len unterscheiden kann. Wenn nun ein solches StraUen- 
bündel in schiefer Richtung auf eine brechende FUche 
fällt, so können, sagt Ofimaldi, die einzelnen Elementar- 
strahlen nicht alle gleichzeitig auf der Fläche aakngen, 



MaeUblgv GdioTa. 845 

die antaen wefdea schon eine gewisae Strecke in das 
neue Medium eii^edningen sein, wenn die oberen in der 
Treiuiiingsfliche angelangt sind. 

Das ist ganz die Betrachtnng unserer heutigen Undu* 
htioDstheorie. Nun sagt OriBaldi weiter: In dem brechen* 
den Mittel, wenn es dichter als die Luft ist, schreitet das 
StraUenbfindel langsamer yor als in der Luft. Das ist 
wieder ein Hauptdogma der Undnlationstheorie, wodurch 
sie sich von der Emissionslehre unterscheidet. Vermöge 
dieser geringeren Geschwindigkeit rQckt der zuerst in das 
brechende Mittel eingetretene Strahl langsamer vor als 
der obere noch in der Luft befindliche des betrachteten 
Bändels. Auch dies ist gans richtig und konform der 
Undulationstheorie; aber wie nun weiter? wodurch wird 
der Strahl gebrochen oder geknickt? Da weifs sich Gri- 
nsldi nicht anders zu helfen, als durch Hypothesen, die 
ihm selbst ganz unwahrscheinlich vorkommen, und den 
Vorgang unau%ekl&rt lassen. 

Aus diesem Allen, ersieht man, dais Orimaldi auf dem 
Wege war die Undulationstheorie aufzufinden, aber nicht 
zum Ziele gelangte, in ähnlicher Weise, wie von KeppleP 
an bis Newton wohl mehr als einer auf «den Gedanken 
kam, die Bewegung der HimmeldLörper durch eine gegen- 
seitige Anziehung derselben zu eridären, es aber nicht ver-» 
stand diesen firuchtbaren Gedanken bis zur ToUendeten 
Grayitationstheorie auszuar]>eiten. 

CHItke ^) behandelt in seiner Farbenlehre Orioialdi ofien- 
bar nicht ganz gerecht, wenn er Ton ihm sagt: Man sehe, 
da(s der Verfasser der Physico-Mathesis in allen Subtili- 
täten der Dialektik geübt sei, daüs seine Darstellungsweise 
problematisch ja ironisch sei, wdiches einer so ernsten 
folgerechten Arbeit eine ganz wunderliche Wendung gebe. 
Wahr ist es freilich, dals fllUsaUi im ersten Buch 
seines Werks auf 472 Qnartsdten 60 Propositionen bei- 
bringt, um an beweisen, dals das Licht substantiell sei. 



>) SiirnntiMie Werfce m « BdiL, Farbeslelire VI, 999. 



846 Gesofaiehte der Akademien« 

worauf er im zweiten Buch auf 63 Quartseiten diese Mei- 
nung wieder so modifioirt, daCs es schlieGdich unentschie- 
den bleibt, welches seine Ansicht ist Allein ich glaube, 
wir haben dieses Hin* und Hersobwanken nur als einen 
Beweis seiner eigenen UnscfalQssigkeit ansusehen, die ihn 
auch wohl abgehalten haben mag, das Werk bei seinen 
Lebzeiten herauszugeben. Unmöglich hätte Orimaldi sei- 
nen Gegenstand mit solchem Ernst und solcher Ausdauer 
verfolgen können, wenn es ihm nicht redlich um Ergrün- 
düng der Wahrheit zu thun gewesen wäre. 

Geschichte der Akadenüen. 

155. Bereits das Alterthum zeigt uns ein Institut, 
auf welches wir den Namen einer Akademie in dem jetzt 
gebräuchlichen Sinne fibertragen können. Es ist dies das 
Museum zu Alexandrien, welches etwa 250 Jahre v. Chr. 
von dem kunst- und prachtliebenden Ptolemaena Pliila* 
delphus gegründet und von seinen Nachfolgern gepflegt, 
Aegypten auf viele Jahrhunderte, selbst die ganze Bömer- 
herrschaft hindurch bis zum Einbruch der Araber, zu einem 
Sitz von griechischer Gelehrsamkeit gemacht hatte. 

Dies alexandrinische Museum war eine Akademie in 
unserm Sinne, ein Verein von Gelehrten, welche blofs (&r 
die Erweiterung und Vervollkommnung der Wissenschaften 
thätig sein sollten. Indessen scheint es, dafs mindestens 
später eine hohe Schule damit verbunden wurde, und ein» 
zelne Personen hier durch den Umgang mit den Akade- 
mikern ihre Bildung erst erhielten. Besonders ruhmvoll 
für die alexandrinische Schule ist das Andenken, welches sie 
in der Mathematik hinterlassen hat. Drei der ersten Mathe- 
matiker des Alterthums lebten und wirkten hier: Eoklidi 
der Vater der Geometrie, aus Alexandrien gebürtig, um 
300 V. Chr. ; Apoltonias aus Perga in Pamphylien, 200 v. Chr., 
bekannt durch seine schönen Untersuchungen über die 
Kegekohnitte ; DioidiantBS, muthmalslioh im IV. Jahr» 
hundert n. Chr., der Urheber der unbestimmten Analjrsis, 
vielleicht der Algebra. Nicht minder ausgezeichnet ftr 



Geschichte der AkidemieD. 347 

Alexandrien sind: Eratosthenes aus Cyrena, 275 vor un- 
serer Zeitrechnung lebend, durch seinen Versuch» die Gröfae 
der £rd6 durch eine Gradmessung su bestimmen, berQbmt. 
PttleBaeuSy 70 n. Chr. zu Pelusium in Aegypten geboren, 
der ausgezeichnete Geograph und Urheber des nach ihm 
benannten und viele Jahrhunderte hinduroh ttr riohtig 
gegoltenen Sonnensystems, zugleich auch Verfasser einer 
Optik, die schon dadurch merkwürdig ist, dafs in ihr Ver- 
suche, n&mlich Versuche zur Bestimmung der Refraktion 
beschrieben werden, da sonst den Alten das Experiment 
imbekannt war. Auch Hypatia (gest. 415 n. Chr.), die 
Tochter des Mathematikers Theon, Verfasserin eines Kom- 
mentars zum AppoUonius und eines anderen zum Diophant, 
sowie Synesios (gest. 410 n. Chr.), Erfinder eines Astro« 
labiums, lebten und lehrten in Alexandrien. 

Nach dem Muster des alexandrinischen Museums wur- 
den zwar anfangs von den Juden des Orients, dann von 
den Nestorianem und den Arabern mehrere kleine Anstalten 
gegründet, die aber doch nur gelehrte Schulen waren und 
keine akademischen Institute. 

Mit mehr Recht l&Ist sich der Name Akademie auf 
die Gelehrten - Vereine übertragen, welche verschiedene 
Wissenschaft liebende Fürsten des Mittelalters um ihre 
Person versammelten. Eine solche Hof- Akademie gründete 
Kari der Cfrofse auf Betrieb seines Lehrers Alcuin, eines 
Engländers, der 736 zu York geboren ist, und 804 als 
Abt von St. Martin in Tours starb. Karl selbst war Mit- 
glied dieser Akademie, deren Zweck auf die Verbreitung 
literarischer Kenntnisse und die Verfeinerung der deut- 
schen Sprache gerichtet war, 

Ean zweites Beispiel solcher Akademie gab der Mon- 
golen-Chan Ülug-Beg, ein Enkel des berühmten Eroberers 
Tamerlan, welcher im J. 1430 auf Veranlassung seines 
Lehrers Salaheddin eine Anzahl der ausgezeichnetsten 
Astronomen des Orients an seinen Hof berief, und durch 
sie mehrere für die Zeit recht werthvolle Messungen und 
Beobachtungen ausführen liefs. 



348 Öeschidite der AkademieiL 

Eadlicfa gehört auch zxi den Stiftern solcher Institate 
Kaiser Rudolph II. (reg. von 1576 — 1612), der seine Hof- 
burg zu Prag in eine alchenustisch-astrologpsche Akademie 
verwandelte, jedoch auch der Astronomie reellen Vorschub 
leistete, indem er M&nner wie Tychs Brahe und Keppler 
berief und unterstützte, obgleich den Letzten nur kärglich. 

Diese drei Institute waren indefs eigentlich nur zu 
Nutz und Frommen ihrer Stifter gegründet, und gingen 
daher auch sogleich mit desren Tode wieder ein. Auch 
war keins dieser Institute unseren physikalischen Wissen- 
schaften gewidmet, denn ^ias alchemistische Treiben Kaiser 
Rudolphs hatte nicht die Förderung chemisoher Kennt- 
nisse, sondern nur die Füllung seiner ersdiöpften Ejissen 
zum Zweck. 

156. Die erste Idee zu eigentlichen wissenschaftlichen 
Akademien, die Gründung gelehrter Vereine nach heutigem 
Zuschnitt, bestimmt zur Erweiterung und Ausbreitung aller 
auch der Naturwissenschaften, stammt aus Italien, der 
Wiege der neueuropftischen Kultur. Italien ist die Hei- 
math der Akademien, hier sind sie wie PUze aus der Erde 
geschossen. Es gab eine Zeit, wo man deren allein in der 
Stadt Mailand 25 zählte, und die Summe aller, die ins 
Leben traten, freilich mitunter nur auf kurze Zeit, schlägt 
man auf nicht weniger als 550 an. 

So zahlreich sie waren, so seltsam und wunderlich 
waren auch die Namen, die viele derselben gewählt hatten. 
Da gab es eine Accademia eccentrica^ Acc, degt infiamtnati, 
Acc. degli ardenti^ Acc. degV ilhtminaU, A. dei tefubnmj 
A. dei lunatici ( Mondsüchtigen) y -ingipidi, •acerbiy '(tcuti, 
'Ofusiy 'Oscuriy -oziosi etc. Natürlich waren dies nicht alles 
Akademien von der Art, wie wir sie gegenwärtig in den 
meisten Hauptstädten Europas antr^en. Es waren viel- 
mehr Privatgesellschaften, die sich zu artistischen, literari- 
schen, humanistischen und wissenschaftlichen Zwecken ge- 
bildet hatten, ähnlich denen, wie wir auch im lieben 
Deutschland wohl eine Legion aufzuweisen haben. 



Gesdiidite der Akadwnian. 849 

Die waiigsten dieser italienischen Akademien waren 
auf NatQfforechnng gmchtet, nnd eine noch geringere Zahl 
ktte sich die Fördemng des physikalischen Studiums aram 
Ziel gesetzt Unter diesen ist, wenn man einen schwachen 
Tenuch Ton Leonardo da Vinci in Mailand ausnimmt, die 
TOD Porta im J. 1560 zu Neapel gegründete Academia m- 
cretorum naturae die erste (s. § 59). Dies war eigentlich 
eine physikalische Gesellschaft, in welche keiner aufge* 
Qommen wurde, der nicht eine Entdeckung oder sonst eine 
physikalische Neuigkeit mitzutheilen im Stande war. Sie 
hatte aber leider keinen langen Bestand. Der päpstliche 
Stahl besorgend, dafs die Verbreitung der Naturkenntnisse 
die katholischen Glaubenslehren untergraben könnte, machte 
den Sitzungen dieser ersten naturwissenschaftlichen Aka- 
demie schon nach wenigen Jahren ein Ende. Auf Betrieb 
eines Franzosen, dem sich Porta verfeindet hatte ^ wurde 
Porta der Magie und Giftmischerei angeklagt, hauptsäch- 
lich weil er über die Hexensalbe lamiarum unffuentum ge- 
schrieben hatte. Er muiste nach Rom wandern, um sich 
gegen die Anklage zu rechtfertigen und konnte von Glflok 
sagen, dais er frei gesprochen wurde. Aber seine Akademie 
blieb au%elöst, ohne da(s irgend eine erhebliche Leistung 
ans ihrem Scholse hervorgegangen wäre. 

Demnächst wäre zu nennen die Academia Telmana 
oder Cosentina^ deren Zweck aber weniger auf Naturfor- 
schung gerichtet war, als auf Widerlegung der Irrthümer 
des Aristoteles. Sie wurde gestiftet von Bernhard Telesins, 
geb. 1509 zu Cosenza und gest. 1588 zu Neapel. Er hatte 
das Unglück bei der Eroberung Roms durch Carl V. 1527 
in Gefangenschaft zu gerathen, in welcher er 14 Jahre 
gehalten wurde. Nach seiner Befreiung studirte er in 
Padna und lehrte später Philosophie in Neapel. Seine 
Sdiriften^ hauptsächlich metaphysischen und naturpbiloso- 
phischen Inhalts, sind ausgezeichnet durch ihre Opposition 
gegen Aristoteles, und verschalBlen ihm einen groisen Ruf. 
Er nahm statt der 4 Elemente nur 2 an, Wärme und Kälte. 



SSO Accademia del Cimento. 

Die im J. 1603 vom Fürsten Cefli zn Rom gegründete 
Accademia dei Lyncei oder Luchs* Akademie, weil sie sich 
den Luchs oder vielmehr dessen scharfes Auge zum Symbol 
genommen hatte, in welcher auch Cfalilei einige Vortr%e 
hielt, war nicht allein auf Förderung des Naturstadiums, 
sondern auch auf die der Kunst und Literatur gerichtet 

Noch weniger kann die Accademia deüa Crusca zu 
Rom filr eine physikalische Gesellschaft gelten, obwohl 
Torrieelli darin einige Vorlesungen gehalten hat. Denn 
diese Akademie hatte sich die Reinigung der italienischen 
Sprache, die Säuberung derselben von der Kleie (Crusca) 
zum Hauptgegenstand gesetzt. Daher finden wir denn 
auch auf dem Titel der 1715 gedruckten Vorlesungen 
Torricelli^s eigends von den Censoren dieser Akademie 
attestirt, dafs sich keine Sprachfehler darin befinden!^) 

Accademia del Cimento. 

157. Erst 15 Jahre nach fifalflefs Tode gestalteten 
sich die Umstände zu Florenz so günstig, dafs wieder an 
eine physikalische Gesellschaft oder Akademie gedacht 
werden konnte. Was speciell zu derselben Veranlassung 
gab, ist nicht genau bekannt, aber im Allgemeinen lassen 
sich die gründenden Elemente leicht angeben. In Florenz 
lebte noch eine nicht unbeträchtliche Anzahl Ton Männern, 
die Galilei und Torrieelli persönlich gekannt, den Unter- 
richt derselben genossen hatten, und dadurch zur Nach- 
eifemng angespornt worden waren. Dazu kam, dais der 
Grofsherzog Ferdinand 11., unter dem fifalilei die merk- 
würdigen Begegnisse mit dem römischen Stuhl erlebt hatte, 
sowie dessen Bruder der Fürst Leopold von Medici den 
physikalischen Wissenschaften zugethan waren. Beide sollen 
sogar, wenn man den gleichzeitigen Schriftstellern trauen 
darf, verschiedene Instrumente theils erfunden, theils ver- 
bessert haben. Was war also natürlicher, als dafs unter 
ihrer Aegide eine Akademie zu Stande kam, welche aus- 



1) Kftstner, Gesch. d. Math. UI, 461. 



Aooademia del Gimeiito. 351 



scUieUich die physikalischen Wissenschaften smm Ziel* 
pankt ihres Strebens machte. 

Einige Geschichtsschreiber, namentlich Tirabosclll lassen 
gnulezn den Forsten Leopold den ersten Gedanken zu einer 
physikalischen Akademie fassen, und den Grofsherzog Fer- 
dmand ü. schon im J. 1651 den Entwurf zu einer solchen 
machen. Ich kann dies nicht verbürgen, aber soviel ist 
gewifs, dafs die Akademie erst 6 Jahre sp&ter ins Leben 
trat Der 19. Juni 1657 war der Stiftungstag der neuen 
Akademie, die den Namen Accademia del Cimento, Aka- 
demie des Versuchs, erhielt, weil sie sich zur Aufgabe ge- 
stellt hatte, die Natur alleinig auf dem Wege des Expe- 
riments zu ergründen. 

Wenige Akademien haben ihre Aufgabe so schön ver- 
standen als eben diese, von der man mit Recht gesagt hat^ 
es sei mit ihr der Geist Cfalilers wieder aus seiner Asche 
emporgestiegen. Es schien ßXr unsere Wissenschaften eine 
neae glänzende Epoche ihr Italien hereinbrechen zu wollen, 
aber leider sollte es sich nur zu bald bestätigen, dafs Für- 
stengunst allein eine gar wandelbare Stütze ist. Denn die- 
selben Medici, die dieses Asyl der Wissenschaft mit so 
nelem Eifer begründet hatten', liefsen es ebenso schnell 
wieder fallen, verkauften es gleichsam an Rom, weil dieses 
darauf bestand, nur unter Bedingung der Auflösung der 
Akademie dem Fürsten Leopold den begehrten Kardinals* 
hat verleihen zu wollen. 

Leopold willigte ein, er bekam den Purpur und die 
Accademia del Cimento sank ins Grab.. Es war im J. 1667, 
alao nur ein Decennium nach der Stiftung der Akademie, 
dab Born auch diesen unwürdigen Sieg errang. 

158. Die Accademia del Cimento bestand nur aus 
wenigen Mitgliedern; ihre Zahl überstieg nicht die der 
Mosen, aber diese kleine Schar war im Ganzen eine aus- 
erlesene. In dieser Beziehung hat die Geschichte nur ein 
Seitenstück zu dieser Akademie aufzuweisen, nämlich die 
SocieU ctArcueäy die Gesellschaft, die sich im J. 1807 kon- 
stitnirte und ihre Versammlungen im Landhause des älteren 



352 AooAdeniia del Gimeiito. 

BerthoUet za Arcaeil bei Paris hielt Auch diese Gesell- 
schaft bestand wenigstens an&ngs nur aus 9 Mitgliedern 
von der Elite der pariser Akademie, und sie wurde nach 
einem Decennium ebenfalls aufgelöst, ireilich nicht durch 
die R&nke der Hierarchie, sondern auf freien EntschluTs 
der Mitglieder. 

Gewifs haben beide Gesellschaften sehr Bedeutendes 
&üt die Wissenschaft geleistet, und es würde wohl schwer 
sein XU. entscheiden, welcher von ihnen, absolut genommen, 
der Vorrang darin gebühre. Aber relativ in Bezug auf die 
gleichzeitigen Leistungen anderer Physiker, war die Thä- 
tigkeit der Acc. del Cim. eine weit hervorragendere. Auch 
noch in anderer Hinsicht steht sie nicht allein über der 
Society d'Arcueil, sondern über den meisten der bisherigen 
^^kademien und gelehrten Gesellschaften. Denn w&hrend 
bei diesen nur höchst selten von einem wahrhaften Zu- 
sammenwirken auf ein gemeinsames Ziel die Rede ist, hat 
die Acc. del Cim. ein Beispiel von Einigkeit des Strebens 
(lufgestellt, wie es, wenigstens in der Geschichte der Physik, 
nicht wieder anzutreffen ist. 

Ihre Mitglieder standen . gleichsam Alle filr Einen, 
keiner hat sich genannt bei den Untersuchungen, die sie 
vermuthlich alle gemeinsam anstellten. Die Resultate der- 
selben sind nur unter dem Namen der Akademie veröffent- 
licht, und so kann wenigstens das gröisere Publikum gegen- 
wärtig nicht wissen, welchen Antheil die einzelnen Mit* 
glieder an dieser oder jener Forschung genommen haben. 
Pie Frucht ihrer gemeinschaftlichen Th&tigkeit erschien 
^s ein Quartband zuerst in italienischer Sprache unter 
dem Titel: Baggi di naturaU sperieme fatte ndC Accademia 
dd Cimento, Firenze 1667, dann 1692. Die Dedikation an 
den Grofsherzog datirt vom 14. Juli 1667. Eine vermehrte 
und verbesserte Edition gab heraus Targiene Tozetti im 
J. 1780.^) 



'} Tirabosohi, 9toria delU lett itaL Vm, 355. 



Aceademia del Cimanto, '35S 

Später besorgte der holl&ndiscbe Physiker Mosschen- 
kroek davon eine lateinisohe Uebersetzung betitelt: TVnto- 
mUuL espenmentorum natundium captorum in Academia del 
CiainUOf Luffd, 1731, welche in unseren Bibliotheken häu- 
figer angetroffen wird als das Originalwerk. 

Eine noch neuere Ausgabe der Saggi nebst Supplement 
aus dem Diario verdanken wir dem Grofsherzog Leopold II. 
TOD Toskana, welcher 1859 dem Thron entsagte. Der- 
selbe hat durch diese Ausgabe, nicht minder wie durch 
seine Sorge ftür die Erhaltung der Handschriften Galilefs, 
ein redendes Zeugnib seiner Begeisterung für jene glor- 
reiche Zeit der Mediceer an den Tag gelegt. Er bat die 
Saggi sehr splendid auf seine Kosten 1841 drucken, und 
unter die im Sept. 1841 zu Florenz versammelten italie- 
nischen Naturforscher vertheilen lassen. In den Buchhandel 
ist diese Ausgabe nicht gekommen ^ ich habe indefs Ge- 
legenheit gehabt sie zu benutzen. Sie ist berichtigt und 
vermehrt nach den in der grofsherzogl. Bibliothek aufbe- 
wahrten handschriftlichen Originalen. Daselbst wird auch 
das Tagebuch der Akademie aufbewahrt, aus welchem man 
nun genau ersehen konnte, was und vneviel jeder Aka- 
demiker zu den gemeinschaftlichen Arbeiten beitrug. 

Das Werk erregte zur Zeit seines ersten Erscheinens 
angemeines Aufsehen. In Frankreich, England, Deutsch- 
land und selbst bei den Einsichtsvollen Italiens wurde es 
mit Enthusiasmus aufgenommen ; aber es scheuchte auch 
die Feinde der freien Naturforschung auf, um wo sie 
konnten, ihre giftigen Pfeile auf dasselbe herabzuschiefsen, 
mid wohl sagt Antinori, der Verfasser der neuen Ausgabe, 
mit Recht: Unsere Akademie starb wie eine unglückliche 
Mutter an dem ersten Kinde, das sie gebar. 

Die Versammlungen der Akademie wurden in dem 
Palast des Fürsten Leopold gehalten, der regelmäfsig den 
Sitzungen beiwohnte und grofsen Antheil an den Verhand- 
lungen nahm. 

Poggcndorff, Gesch. d. Physik. 23 



354 MitgHeder der Aoc del Gimento. 

Mitglieder der Acc del Cimento. 

159. Was nun die persl^nlichen Verbftitnisse betriffi, 
80 waren die Namen der neun Akademiker in alphabe- 
tischer Ordnung genommen folgende^): 1) Giovanni Alfonso 
Borelli; 2) Candido del Buono; 3) Paolo del Bnono; 4) Lo- 
renzo Magalotti; 5) Alessandro Marsili; 6) Antonio Oliva 
(Uliva); 7) Francesco Bedi; 8) Carlo Renaldiüi; 9) Vin- 
cenzo Yiviani. 

Oiovanni AlfoBSO Borelli '), geb. 1608 scu Castel nuoTo 
im Neapolitanischen, und gest. zu Rom 1679 im Kloster 
St. Pantaleone. Schon im frühen Jünglingsalter ging er 
nach Rom, um dort Philosophie und Mathematik unter 
Castelll zu Studiren, bei welchem auch Torrieelli und 
Caralieri ihre Schule machten. Nach vollendeten Studien 
wurde er Professor der Mathematik in Messina, wo er 
u. A. ein schätzbares Werk über die pestartige Krankheit 
schrieb, die in d. J. 1647 u. 1648 Sicilien verheerte. Ob- 
wohl ei' in Messina sehr geehrt ward, nahm er doch im 
Febr. 1656 die ihm angebotene Professur in Pisa an, und 
bald darauf erwählte man ihn auch zum Mitglied der 
Acc. del Cimento. 

Er war eine Hauptzierde dieser Akademie, und ein 
groliser Theil der Arbeiten, namentlich der über den Luil- 
druck, stammt von ihm her. Bei Gelegenheit der Unter- 
suchung der Akademie über die Geschwindigkeit des 
Lichts erdachte er eine Vorrichtung, in welcher durch 
einen Spiegel, der mit einem Uhrwerk verbunden war, 
einem Lichtstrahl eine konstante Richtung gegeben wurde. 
Borelli ist also Erfinder des tdr viele optische Unter- 
suchungen so wichtigen Heliostats. 



>) TiraboBchi, Storia VIII, 354 a. f.; Kelli, S«^o diStor.Ietu 
fior.; aach Antinori in den Saggi von 1841. 

') mcht zn verwechsein mit Pierre Borel, Leibarzt von Ludwig XQL, 
Verf. des Werkes: De vero Telescopü inventore 1655; auch nicht mit 
WUlea Boreel, holl&nd. Gresandten in Paria, aaf dessen Anrathen B$Ttl 
dieses Bach schrieb (s. § 79). 



Mitglieder der Aoc. del Cimento. 355 

Nach Anfhebung der Akademie im J. 1667 nahm er 
seben Abschied in Pisa und kehrte nach Messina zurück. 
Allein, da er sich 1674 in den dortigen Aufstand mit 
verwickelte, muTste er landesflfichtig werden. Er zog nun 
wieder nach Rom, wo er eine Zeitlang Unterstützung von 
Seiten der damals hier anwesenden Königin Christine Ton 
Schweden bezog, später aber in grofse Dürftigkeit gerieth, 
und zuletzt in Elend starb. 

Das war das Ende eines Mannes von hohem Talent, 
der wohl ein besseres Schicksal verdient hätte, und es 
auch bei f&gsamerem, minder ungestümen und leiden- 
schaftlichen Charakter würde gefunden haben. Eben diese 
Leidenschaftlichkeit verwickelte ihn zuletzt in einen Streit 
mit dem sanften Yivlaili, der, wenn er auch nicht die 
haaptsächlichste Ursache zur Auflösung der Akademie 
gewesen ist, doch gewifs viel zu deren Verfalle beige- 
tragen hat. 

BoreUi^s Thätigkeit war nicht allein auf die Acc. del 
Cim. beschränkt. Er hat aufserd^m an 13 verschiedene 
Werke verfaTst, mathematischen, astronomischen, physi- 
kaliaehen und physiologischen Inhalts, zum Theil von 
grofser Wichtigkeit und alle ftlr die Zeit höchst ausge- 
zeichnet Die bedeutendsten darunter möchten wohl fol- 
gende sein : Theoria mediceorum planetarum ex causis phy- 
^ deductOy Florentiae 1666. Unter allen, die vor Newton 
daran gedacht haben, dafs die Bewegung der Himmels- 
körper durch eine gegenseitige Anziehung derselben er- 
zeugt oder unterhalten werden könnte, hat wohl Borelli 
diese Idee in dem eben genannten Werke am klarsten 
ausgesprochen, ohne jedoch im Stande zu sein diese Idee 
bis znr Gravitationstheorie auszubilden. 

Femer: De vi repef^eueeionia et motionibus naturalibus 
gravitate pendenHbue, Es erschien zu Reggio 1670. 
^rst Leopold hatte gewünscht es den Saggi einverleibt 
zu sehen, allein Bor6lli war nicht davon abzubringen, es 
Ar sich und unter seinem Namen erscheinen zu lassen. 

23* 



356 Mitglieder der Acc. del Cimento. 

Ein noch jetzt berühmtes Werk: De motu animalium 
ist die Frucht vieljähriger Untersuchungen, die er erst am 
Abend seines Lebens zusammenstellte. Er bot es im 
Dec. 1679, als er sich schon in grofser Dürftigkeit in Rom 
befand, der Königin Christine von Schweden an, die sich 
auch dazu verstand die Kosten des Drucks zu übernehmen. 
Kaum war es aber angefangen , als Borelli am 31. Dec. 
verschied; es erschien erst nach seinem Tode im J. 1680 
zu Rom und Bd. II zu Leyden 1 685. 

160. Die Gebrüder Del Bnono, deren es drei gab, 
nämlich Anton Maria, Candido und Paolo, stammten aus 
einer alten und berühmten florentinischen Familie, und 
zeichneten sich sämmtlich aus durch Kenntnisse und Talent 
zur Mechanik und Physik. Dessen ungeachtet wurden 
nur die beiden letzteren zu Mitgliedern der Akademie ge- 
zählt, obwohl Anton Maria auch theilnahm an einigen Ar- 
beiten derselben, und sein Erfindungstalent durch eine 
Vorrichtung bewährte, von der ich später noch reden 
werde (§ 166). 

Wir haben hier also nur Candido und Paolo zu be- 
trachten. Candido, der ältere von beiden, war geb. zu 
Florenz 1618 und starb als Landdechant zu Campoli im 
Val di Pesa 1676. Er war wie Paolo noch ein Schüler 
von Galilei, und hatte sich dem geistlichen Stande ge- 
widmet. Seinen Beruf zum Akademiker bewährte er durch 
Erfindung verschiedener Instrumente: 1) eine Wasseruhr, 
die Viviani lobt; 2) eine Vorrichtung zum Auffangen der 
aus Flüssen aufsteigenden Gase; 3) Vorrichtung zum Messen 
des Drucks der Flüssigkeiten auf Quecksilber und Ver- 
gleich ihres spec. Gewichts; 4) Vorrichtung zum Messen 
der Zusammendrückung der Luft; 5) Vorrichtung zum 
Komprimiren des Wassers, welche Tiraboschi (VIII. 357) 
wohl mit Unrecht dem Paolo zuschreibt. 

Nach Magalotti's Zeugnifs soll Candido auch dieselbe 
Methode zum Messen der Durchmesser des Satums und 
seines Ringes aufgefunden haben, die der berühmte Hoyglions 
einige Jahre darauf beschrieb. 



Mitglieder der Acc. del Cimento. 357 

Gaodillo war also, wie man sieht, im wahren Sinne 
ies Wortes ein Akademiker del Cimento. Nicht so lAfet 
sich dies sagen von Paolo, der eigentlich nur dem Namen 
nach der Akademie angehörte. Als der Fürst Leopold 
um wegen seiner Kenntnisse und Talente zum Mitglied 
ernannte, befand er sich auf Reisen in Deutschland, wo~ 
bin er sich schon 1655 begeben hatte. Seine Ernennung 
geschah wohl in der Hoffiiung, dafs er nach Florenz zu- 
röckkehren wtlrde, und wirklich bezeugte Paolo grofsen 
Enthusiasmus, als er erfuhr, welche neue Epoche für die 
physikalischen Wissenschaften in seinem Vaterlande er^ 
öffiiet war. 

Allein er hatte zu Wien, wo er sich damals aufhielt, 
schon zu feste und vortheilhafbe Verbindungen angeknüpft, 
als dafs er sie auflösen konnte. Er wurde kaiserl. Mathe- 
matiker und Direktor der kaiserl. Münze in Wien. Mit 
seinem später noch zu erwähnenden Schüler Montanari 
v§181) machte er verschiedene Reisen in die Bergwerks- 
distrikte von Ungarn, Böhmen, Steiermark und anderen 
Provinzen der österreichischen Monarchie. Wann er ge- 
^rben^ ist ungewüs. Nach Nelli, dem Biographen Galilei' s, 
wäre er 1662 in Wien gestorben, nach Boullian in War- 
schau. Er war 7 Jahr jünger als Candido und wäre dem- 
nach 1625 geboren. 

Kann nun gleich Paolo in Wahrheit kein Mitglied 
<ler Akademie genannt werden, obwohl er filr solches gilt, 
so war er doch ein thätiger Korrespondent derselben. Er 
stand mit dem Fürsten Leopold in lebhaftem Briefverkehr 
^d berichtete alles, was er an physikalischen Merkwürdig* 
keiten und Neuigkeiten in Deutschland und der öster- 
i^ichischen Monarchie gesehen hatte. Bemerkenswerth 
darunter ist die Nachricht von einer Linse aus Eis, die 
Qum zu Wien verfertigt hatte und von einer anderen aus 
Diamant, die daselbst, wie es scheint auf Bestellung des 
Grofeherzogs Ferdinand II. geschliffiBU wurde. Zu Wien 
^Ute auch Paolo gemeinschaftlich mit. Montanari Versuche 
^ über das künstliche Ausbrüten von Hühnereiern, wo- 



358 Mitglieder der Acc. del Gimento. 

mit sich vier Jahre früher auch der Groiaherzog Ferdi- 
nand n. beschäftigt hatte (§ 168). 

161. Lorenco Magalotti^ der Sohn des Grafen Orazic 
Magalotti und der Francesca Venturi, wurde 1637 in Rom 
geboren und starb 1712 in Florenz, Nachdem er im 
JesuitenkoUegium zu Rom seine Studien vollendet hatte, 
wo Oliva und Fabri seine Kameraden waren, bezog et 
1656 die Universität Pisa, wo er unter der Leitung vod 
Viviani solche Fortschritte in den mathematischen und 
physikalischen Wissenschaften machte, dafs dieser ihn im 
J. 1660 dem Fürsten LfCopold zum Sekretär vorschlug, 
da das Sekretariat durch den Abgang von Alessandro 
Segni, dem Privatsekretär des Fürsten, erledigt war. 

Magalotti eignete sich vorzüglich zu diesem Amt, denn 
er verband mit seiner Gelehrsamkeit ;eine Gewandtheit des 
Benehmens, eine Beredsamkeit und Leichtigkeit der Feder, 
wie sie nur selten angetroffen werden. Nicht allein, dais 
er seine Muttersprache mit Eleganz schrieb, sprach er 
auch französisch, spanisch und englisch, ja er verstand 
sogar arabisch und türkisch. Daher konnte auch keinem 
besser als ihm die Abfassung der Saggi, d. i. der Denk- 
schriften der Akademie anvertraut werden. Man rühmt 
diese Sa^i wegen ihrer eleganten Darstellung. 

Neben seinen persönlichen Eigenschaften verdankt er 
wohl seinem Stande, dais er am Hofe des Grofsherzogs 
wohl gelitten war. Mit dem Fürsten Cosimo III., der 1670 
seinem Vater Ferdinand U. in der Regierung folgte, machte 
er eine Reise nach Frankreich und England, wo er n. A. 
mit dem berühmten Robert Boyle enge Freundschaft 
schlofs, die seinerseits so weit ging, dafs er versuchte, 
wiewohl vergebens, diesen ausgezeichneten Naturforscher 
für die allein selig machende Kirche zu gewinnen. 

Wie grois der Antheil war, den Ghraf Magalotti an 
den experimentellen Arbeiten der Akademie nahm, ist 
nicht bekannt, man kennt von ihm nur: Lettere scienti/ichi 
ed erudite^ ein Werk, das nach seinem Tode 1721 zu 
Florenz erschien. Fünf Jahr vor seinem Tode wurde er 



Ifitglieder der Acc del Cimeoto. 8^ 

am auswirtigen Mitglied der Londoner Greeellaohaft er- 

wlUt 

Alesnndro Marnli, geb. 1601 m Siena, gest. zwischen 
1669 und 1671 zu Pisa. Er stammte aus einer patri- 
ebchen Familie und war wohl der schwächste Akademiker, 
wenigstens sagt der Biograph NeUi, dafs er in der neueren 
Physik nicht sehr bewandert war und seine Versuche ihm 
selten glOckten. 

Antonio OliTa (Uliva) war dagegen wieder ein aus- 
gezeichnetes Mitglied, wenigstens ein sehr fähiger Kopf. 
Was seinen Charakter und seine Moralität betrifil, so 
werden uns diese freilich von seinem Landsmann dem 
Literarhistoriker Tiraloschi nicht grade in einem günstigen 
Licht dargestellt, allein man darf nicht vergessen, dafs 
dieser als Geistlicher und Jesuit wohl einiges Interesse 
daran hatte, ihn schwärzer zu malen als er wirklich war, 
um so leichter über sein Ende hinweggehen zu können. 
Olira nämlich begab sich nach Aufhebung der Akademie 
nach Rom, fiel dort in die Hände der Inquisition und 
machte, um den Qualen der Tortur zu entgehen, durch 
einen Sturz aus dem Fenster des Gefängnisses seinem 
Leben ein Ende, etwa 1668. Er war zu Reggio in Cala- 
brien geboren. 

Francesco Bedi aus einem gräflichen Geschlecht, geb. 
zu Arezzo 1626, gest. zu Pisa 1 694. Er widmete sich zu 
Pisa den philosophischen und medicinischen Studien, nach 
deren Beendigung er bald als Arzt einen solchen Ruf be- 
kam, dafa der Grofsherzog Ferdinand U. und nach dessen 
Tode sein Sohn Cosimo III. ihn zum Leibmedikus wählten. 

Als Mediciner, Naturhistoriker^ Physiolog, ja als gründ- 
licher Kenner der italienischen Sprache und Dichter, hat 
er grolsen Ruf erlangt, daher er auch Mitglied vieler ita> 
lieniscben Akademien u. A. der Acc. della Crusca war; als 
Physiker wissen wir weniger von ihm, obwohl es gewilis 
ist, dafs er an den Arbeiten unserer Akademie sehr thfir 
%en Antheil nahm. 



360 Mitglieder der Aoc. del Cimeoto. 

Carlo Benaldiiii (Rinalclini) geb. zo Anooiia 1615^ 
wurde, nachdem er unter den Päpsten ürban VIII. und 
Innocenz X. als Ingenieur fiinktionirt hatte 9 im J. 1649 
zum Professor primarius an der Universität Pisa berufen. 
Nach seinem Eintritt in die Acc. del Cim. gab er auch 
dem Prinzen Cosimo, dem nachmaligen Groisherzog, Unter- 
richt in der Mathematik. Als 1667 die Akademie aufge- 
löst wurde, nahm er unter dem Vorwand, dais das Klima 
von Pisa ihm nicht zuträglich sei, dort seinen Abschied, 
um einem Ruf nach Padua zu folgen. Hier war er als 
Prof. der Mathematik und Philosophie in ausgezeichneter 
Wirksamkeit bis zum J. 1698, wo er sich nach seiner 
Vaterstadt Ancona zurückzog, und dort am 18. Juli des- 
selben Jahres starb. — Er war ein ausgezeichnetes Mit- 
glied der Akademie, und hat aufser dem Antheil an den 
Saggi seine Thätigkeit durch eine beträchtliche Anzahl 
philosophischer und mathematischer Werke bezeugt. 

162. Yincenzo Ylviani^ der neunte Akademiker, war 
geb. 1622 zu Florenz, aus einem alten patricischen Ge- 
schlecht, und starb 1703 in seiner Vaterstadt. Er zeigte 
schon frühzeitig eine grofse Anlage zur Mathematik. Kaum. 
daTs er die ersten Elemente dieser Wissenschaft inne hatte^ 
als er es auch schon ohne Hülfe eines Lehrers soweit 
brachte, das 4te Buch des Euklid lesen und verstehen zu 
können. 

Voll Begierde noch tiefer in die Geheimnisse der 
Geometrie einzudringen, suchte er Zutritt zu Galflei zn 
bekommen. Dieser, damals schon erblindet, nahm den wiß- 
begierigen Jüngling liebevoll auf und fafste bald eine solche 
Zuneigung zu ihm, dals er ihn wie seinen Sohn behandelte, 
und ihn mit dem ganzen Schatz seines reichen Wissen« 
unterrichtete. Diese Theilnahme fiel bei Viviälli auf einen 
fruchtbaren Boden, denn nicht allein, dafs er sehr bald 
durch eigene Leistungen sich des genossenen Unterrichts 
würdig erwies, füllte sich sein Herz mit einer so innigen 
wahrhaft kindlichen Verehrung (ür seinen greisen Lehren 



Ifitgli^der der Acc. del Cimento. 361 

dal8 er zeitlebens seinen g^fsten Stolz darein setzte, sich 
deD letzten Schfder Salflei's nennen zu dftrfen. 

Nach GaUlefs Tode 1642 fand Ymani in Torrieelli 
dnen zweiten Lehrer und Freund, dem er in seinen ex- 
perimentellen Arbeiten an die Hiuid ging, wie ich dies 
9dx>D bei Gelegenheit der £#rfindang des Barometers be- 
inerkt habe. 

In einem Alter von kaum 23 Jahren begann Viviani 
sich durch eigene Forschungen hervorzuthun. Es sind 
freilich Forschungen mathematischer Natur, die uns femer 
Segen, aber die Umstände, welche sie begleiten, haben 
doch so viel Interesse, dass ich mir nicht versagen kann 
sie hier als ein Beispiel von dem Scharfsinn Viviani^s 
kurz auseinander zu setzen. 

Das berühmte Werk des ApoUoBins von Perga in 
Pamphylien (240 v. Chr.) Aber die Kegelschnitte, bekannt- 
lich ein Meisterwerk der Geometrie der Alten, lernten di^ 
abendländischen Christen erst gegen die Mitte des XV. Jahr- 
hunderts durch arabische Manuskripte kennen. Regiomontanns 
(Job. Müller), unser Landsmann, beabsichtigte eine latei- 
nische Ueberaetsung, ward aber durch seinen frühen Tod 
H76 daran verhindert. Nunmehr besorgte der Venetianer 
leniing eine schlechte üebersetzung, die endlich im 
J- 1566 durch eine bessere von Commandino (§ 54) ersetzt 
wurde. Es waren aber nur 4 Bücher, die man übersetzt 
luitte, weil das arabische Manuskript deren nicht mehr 
«enthielt; man wufste jedoch, dafs ApoUonius acht Bücher 
geschrieben hat. Dies erregte unter den Mathematikern des 
XVI. Jahrhunderts die Begierde, durch eigene Forschungen 
die fehlenden Bücher zu ersetzen. 

Einen ersten Versuch der Art machte Maurolykus in 
Messina, dessen ich früher in der Geschichte der Optik 
ehrenvoll gedacht habe, und nun war es Viviani, der sich 
die Lösung dieser Aufgabe vorgenommen hatte. Während 
^ sich im Stillen damit beschäftigte, brachte der Jesuit 
fiolins eine groise Masse arabischer Manuskripte aus dem 
Orient nach Florenz, und darunter auch, wie er selbst im 



362 lütgliedar der Acc. del Ciinenta. 

J. 1644 an Pater Mersemie berichtete, die sieben ersten 
Bücher des Ap^Ueniiis. Oolins scheint die Absicht gehabt 
zu haben die Manuskripte zu übersetzen, allein es kam 
nicht dazu, und der grolse ttterarisohe Schatz blieb ver- 
graben in der öffentlichen Bibliothek zu Florenz liegen. 

Man fuhr fort die vier letzten Bücher des ApoUauBa 
als verloren zu betrachten, bis im J. 1656 Bsrelli so glück- 
lich war in der Bibliothek zu Florenz das flslins'sche 
Manuskript zu entdecken. Er überzeugte sich bald, da(s 
es mehr enthielt als die bisherigen Uebersetzungen, und 
da er sehr f&r die Geometrie der Alten eingenommen war, 
erbat er sich vom Grofsherzog die Gunst dasselbe zu über- 
setzen oder übersetzen lassen zu dürfen. Diese Bitte 
wurde ihm gewährt, und so nahm er 1658 das Manuskript 
mit nach Rom, um es dort, da er selbst des Arabbchen 
unkundig war, von einem maronitischen Geistlichen Abra- 
ham Ecchellensis (Abramo £2ckellense) ins Lateinische 
übertragen zu lassen. 

Yiviani hörte von dieser Begebenheit, liefe sich aber 
dadurch nicht abschrecken, sondern fuhr fort an seinem 
Werke zu arbeiten, und brachte es durch angestrengten 
Fleils daHin, da(s es 1659 im Druck erschien. Erst zwei 
Jahre darauf, also 1661 wiurde die lateinische Uebersetzung 
des arabischen Manuskripts vollendet und gedruckt. Man 
hatte nun Gelegenheit das Originalwerk mit Yiviani's Di- 
vination zu vergleichen, und siehe da, der Vergleich fiel 
höchst ehrenvoll fbr Yiviani ausl Hatte er gleich einige 
der schwierigsten Aufgaben, die ApollonilUi bebandelt, 
nicht in Betracht gezogen, so stimmte er doch in anderen 
vollkommen mit ihm überein, und in noch anderen hatte 
er den Gegenstand sogar allgemeiner aufgefafst, als der 
griechische G^ometer. 

Man könnte wünschen, dafs Yiviani durch diesen 
glücklichen Erfolg, der ihm so gro&en Ruhm unter seinen 
Zeitgenossen verschaflfte, sich zu einer ähnlichen Arbeit 
fbr das achte Buch des ApoUonins ermuthigt gefunden 
hätte, denn dieses findet sieh in dem von Oolilis über- 



Ifitgtieder der Acc. del Cimento. 363 

bebten Manaskript nicht. Dasselbe enthält, wie oben 
eniUt, nur die neben ersten Bfloher, das achte ist noch 
kotigen Tages f&r uns yerloren. 

Indeis unternahm TiTiaiii eine ähnliche Arbeit in Betreff 
eise« Werkes, das Aristaena, m Zeitgenosse Euklid's, etwa 
300 T. Chr. unter dem Titel: De loeia soUdü geschrieben 
Ittt und Yon Pappos genannt wird, aber nicht auf uns ge- 
kommen ist. Es war dies sogar der erste Versuch Viviäli's 
aaf dem Gebiete der divinatorischen Geometrie, den er 
scboD in seinem 23. Jahre begann, aber durch andere 
Stadien und Geschäfte davon abgehalten, erst im späten 
Greisesalter wieder aufiiahm, und das Werk im J. 1701 
wirklich vollendete. Auch diese Arbeit legte ein glän« 
zendes Zeugnüs von Vivianfs Kenntnifs und eleganter 
Behandlung der Greometrie ab, allein da bisher das Ori« 
ginalwerk von Anstaeus unbekannt geblieben ist, so kann 
QUO nicht beurtheilen, in wie weit er die Ideen des alten 
Geometers errathen hat. 

Seine Vorliebe fEkr die Geometrie der Alten und seine 
groüse Gewandtheit in derselben hat Viviani noch in einem 
inlüen Fall bekundet, der sehr dazu beigetragen hat, 
^ioen Ruf unter den gleichzeitigen Mathematikern des 
Andandes zu erhöhen. 

Unter der Pseudonymen Unterschrift: 
a Pia Imc% pusälo geomeira^ 
'ler Versetzung von 

a postremo Galilei disciptdOf 
g^ er folgende Aufgabe: 

£9 habe im aUen QiHecherdand einen der Geometrie 
9fhtüigten Tempel gegeben, der sei mit einem halbkugelför- 
"i^en Dom überwölbt gewesen^ und in diesem Dome haben 
^ vier Fenster mit solcher Kunst ausgeschnitten b^unden, 
^«/« der Rest der Oberfläche genau quadrirbar gewesen sei. 

Vinani wandte sich mit dieser Aufgabe hauptsächlich 
^ die neueren Analysten, obwohl er, wie er sagte, keines« 
^^ zweifle, dafs sie durch ihre geheime Kunst, womit 
6f den damals eben erfundenen Infinitesimalkalkul meinte, 



364 Mitglieder der Acc. del Cimento. 

die Lösung bald finden wflrden. Darin hatte er sich denn 
auch nicht geirrt, denn sehr bald wurde die Lösung der 
Aufgabe gefunden von Leibnitc , Jakob Bernonlli in 
Deutschland, vom Marquis de l'H^ital in Frankreich, und 
von Wallis sowie David Gregory in England. Diese Lo- 
sungen waren insgesammt vollständig und zum Theil sehr 
allgemein, aber alle wichen an Elegane vor der, welche 
Yiviani im J. 1692 in einer kleinen Schrift zu Florenz 
veröffentlichte. 

Es würde mich zu weit fahren, wenn ich alle Arbei- 
ten und Begegnisse Yiviani's in Extenso mittheilen wollte; 
ich will daher nur erwähnen, dais er im J. 1662 vom 
Grofsherzog Ferdinand II. den Auftrag bekam das Val di 
Chiana an der Gränze des Kirchenstaates zu untersuchen, 
und Vorschläge zur Entwässerung desselben zu machen. 
Yiviani begegnete in diesem Unternehmen dem berühmten 
Astronomen Domenico Cassini, der von Seiten des Papstes 
zu gleichem Zwecke abgesandt war. Yivianfs Bericht ist 
noch vorhanden, er scheint aber entweder nicht zuläng- 
lich oder nicht ausführbar gefunden zu sein, denn bis in 
die neueste Zeit ist die Aufgabe, den Versumpfungen jenes 
Thaies und den üeberschwemmungen des Chiana-Flusses 
ein Ziel zu setzen, wiederholt Gegenstand der Unter- 
suchung gewesen. 

Im J. 1666 wurde Yiviani erster Mathematiker des 
Grofsherzogs und dadurch Nachfolger Galilefs und Tom* 
celli's, in welcher Stellung er bis an sein Ende verblieb, 
ebenso geliebt von denen, die ihm näher standen, als 
geachtet und geehrt vom Ausland. Ein Zeugnifs hiervon 
giebt seine Erwählung zum auswärtigen Mitglied sowohl 
der Royal Society in London, als der Pariser Akademie 
der Wissenschaften, welcher letzteren Ludwig XIV. noch 
eine Pension hinzufügte. 

Yiviani benutzte diese Pension auf eine Weise, die 
seinem Herzen grofse Ehre macht. Er liefs damit in Flo- 
renz ein Haus erbauen, welches bis auf die Inschrift, die 
seinen Dank gegen den königlichen Geber ausdrückte, ein 



Ifitglieder der Acc. del Gimento. '865 

aosflcUieiBUches Monument fbr Gftlflei war. Er lieis darin 
eine Bronce- Büste des von ihm so hoch verehrten Leh- 
rers ao&tellen und die Zimmer mit vortrefflichen Basreliefe 
TCfzieren, welche die hauptsächlichsten Erfindungen und 
Entdeckungen desselben veranschaulichten. 

In Aufforderung des Fürsten Leopold schrieb Viviani 
eine biographische Notiz über Galilei, welche zwar schätz- 
bare Nachrichten über den grofsen Mann enthält, aber 
weh deutlich zeigte, wie wenig er es wagen durfte seine 
wahre Ueberzeugung auszusprechen. Nicht allein, dais 
in dieser Biographie die meisten auf das Urtheil der In- 
quisition bezüglichen Thatsachen verschwiegen sind, war 
er genöthigt zu erklären, dafs, wenn Galilei einige Nei- 
gung gezeigt die Bewegung der Erde zu vertheidigen, 
dies daher gekommen sei, weil, nachdem er durch seine 
bewundernswürdigen Entdeckungen bis zum Himmel empor- 
gestiegen, die ewige Vorsehung zugelassen habe, dafs er 
durch seine Irrthümer sich wieder der menschlichen Natur 
anschliefse. 

Viviani verschied am 22. Sept. 1703 im 81. Jahre 
seines Lebens. Man begrub ihn in der Kirche Santa Croce 
neben seinem geliebten Lehrer. Dort lagen seine Grebeine 
bis zum J. 1735, wo man ein prachtvolles Marmormauso- 
I^nm errichtete, und darin seine Ueberreste vereinigte mit 
denen des greisen Mannes, für den er bis zum letzten 
Athemzug eine so rührende Anhänglichkeit bewabtt hatte. 

163. Dies wären nun die neun ordentlichen Mit- 
glieder der Accademia del Cimento. In einigen Werken 
ist noch von einem zehnten die Rede, nämlich von 
'i^eeseo Agginnti, den Lalande nach Nelli als Entdecker 
der Kapillarität nennt. Dieser soll Leibarzt des Grofs- 
berzogs Ferdinand II., und nicht nur Mitglied, sondern 
^r Stifter der Akademie gewesen, trotzdem aber schon 
1653 gestorben sein. 

Bei diesen Angaben waltet indefs ein dreifacher Irr- 
^^«n ob. Fürs Erste führte dieser Agginnti, dem nicht 
niit Sicherheit die Entdeckung der Kapillarität zugeschrie- 



366 MitgKeder der Acc. del Cimento. 

ben werden kann, nicht den Yomamen Francesco, son* 
dem Nicolö. Dann war er nioht Leibarzt des Grofsherzogs 
Ferdinand II. , sondern Professor der Mathematik an der 
Universität zu Pisa, obwohl er einige Zeit als Literat am 
Hofe lebte, und zweien der Prinzen von Medici Unterricht 
ertheilte. Endlich starb er nicht 1653, sondern 1635 im 
35. Jahre seines Lebens, denn er war im J. 1600 zu 
Borgo di San Sepolcro in Toskana geboren ^). Selbst wenn 
er 1653 gestorben w&re, hätte er nicht Mitglied der Aka^ 
demie sein können, da diese eret 1657 gegrflndet wurde; 
um so weniger kann man ihm also diese Mitgliedschaft 
zuschreiben, da er notorisch schon 1635, sieben Jahre 
vor Galilefs Tod, gestorben ist, wo an die Akademie noch 
gar nicht gedacht wurde. 

Uebrigens soll dieser Agginnti nach dem Zeugnüs 
des Senators Nelli, eines der Biographen Oalilei's, ein 
sehr talentvoller Mann gewesen sein, und in einem nicht 
edirten Manuskript: ün libro di spectUazione e di sperienze 
fisiche verschiedene werthvolle Versuche über das Eis, 
das Pendel und andere Gegenstände beschrieben haben. 
OaUlei hielt grofse Stücke auf ihn. 

Er stellte Beobachtungen an über das Gefrieren des 
Wassers Mr sich und mit Salzen gemischt, konstruirte 
femer einen Apparat um auszumitteln, ob Wasser beim 
Gefrieren sich zusammenziehe oder ausdehne, wobei er 
letzter A fand, wie schon Galilei aus dem Schwimmen des 
Eises auf Wasser geschlossen hatte. Das Pendel suchte 
er zur Bestimmung des Widerstandes der Luft und des 
Wassers zu benutzen. Auf seinen Antheil an der Ent- 
deckung der Kapillarität werde ich später zurückkommen. 

Statt des Aggianti, der sicher kein Mitglied der Aka- 
demie war, wird von Tar^one Tozetti, Antinori und 
Anderen noch Carlo Dati als solcher genannt. Dieser war 
ein florentiner Patricier, der 1675 im 50. Lebensjahre 
starb, ein Mann von ausgezeichnetem Verstände, grofser 



>) Tiraboschi, Storia etc. Vm, 369. 



Ifitglieder der Aoc del Cimento. 367 

Gelehreamkeit und direnhaftem Charakter, was n. A. dar- 
aus hervorgeht, dafs er sehr Tortheilhafte Anerbietungen 
der Königin Christine und Ludwigs XIY. ausschlug, um 
sich seinem Vaterlande zu erhalten. Er bekleidete in 
Florenz die Professur der griechischen Sprache, und war 
also eigentlich Philolog. 

Er nahm indefs auch lebhaften Antheil an den Natur- 
wissenschaften. Durch seine Bemflhungen wurde das äl- 
teste mineralogische Werk der Italiener vom Untergang 
gerettet, das Manuskript der Metaüotheca von Michele 
Mercati, das später 1717 gedruckt wurde. ^) Aus den 
Protokollen der Akademie scheint hervorzugehen, dafs er 
theilnahm an den Sitzungen und Arbeiten, ob er aber 
ein eigentliches Mitglied war ist doch zweifelhaft, auch 
kennt man keine physikalische Arbeit, die von ihm allein 
herrührt. 

164. AnJGser den neun ordentlichen Mitgliedern, Acca- 
demici operatori, hatte die Akademie auch Korresponden- 
ten, theils Italiener, theils Ausländer. Zu den Italienern 
gehören Rieci, Cassini, Montanari, Rossetti, Falconieri; 
zu den Ausländern Stenme, Thivenot, Fabri. 

Michel Angiolo Ricci, der schon früher erwähnte 
Freund Tomeelli's, ward geb. 1619 in Rom und starb 
daselbst 1682 als Kardinal. Er war sehr bewandert in 
der damaligen Physik, und schrieb selbst im J. 1666 ein 
mathematisches Werk: Eaerdtatio geometrica. Wegen sei- 
ner Gelehrsamkeit und gründlichen Kenntnils der italieni- 
schen Sprache erschien fast kein Werk von Bedeutung, 
das man ihm nicht vorher zur Begutachtung vorlegte. 
Dati, Yiviani und Magalotti machten ihn zum Richter 
ihrer Werice, und selbst die Saggi der Akademie wurden 
ihm auf des Fürsten Leopold Wunsch vor dem Druck 
zur Einsicht übergeben. Er gab 1668 das erste italieni- 
sche Journal heraus, welches den Titel: Oiomale dei let" 
terati führte, und bis 1675 dauerte. 



1} Tirabosehi, StoriaVII, 900; Marx, Gesch. d. Mineralogie 85. 



368 Mitglieder der Acc. del Cimento. 

Auf Domenieo Cassiiii und Mmtanari wcurde ich ap&ter 
noch zurückkommen (§> 181) 244). Von Faleonieri ist niohte 
Erhebliches zu berichten. 

Rossetti war römischer Pr&lat und Freund und Schüler 
von Borelli« £r bestritt mit Recht den Satz, dafs die 
Flüsse keinen Druck gegen das Ufer ausüben, welchen 
Fabiane Michelini (geb. 1592, gest. 1666), Prof. der Mathe- 
matik zu Pisa, in dem von ihm verfafsten Werk: Della 
direzione deißumi, Fireme 1664: ^ aufgestellt hatte. Michelini 
und später Torrieelli waren die Lehrer des Fürsten Leo- 
pold in der Mathematik. 

Nicolö Stenone, den die Italiener auch wohl Steno 
nennen und halbwegs zu den ihrigen zählen, daher sein 
Leben auch von dem berühmten Biographen Fabroni in 
seinem Vitae ItcUorurn etc. beschrieben wird, war ein Däne 
von Geburt, und hiefs aller Wahrscheinlichkeit nach Steen, 
d. h. .Stein. Der Name Stenone ist vermuthlich daraus 
entstanden, dais er sich selbst in seinen lateinisch geschrie- 
benen Werken zuweilen Stenonis filius nennt. 

Dieser Stenone oder Steen war schon ein ausgezeich- 
neter Anatom und Physiolog, als er von Paris kommend 
in Florenz im J. 1666 anlangte, versehen mit einem Em- 
pfehlungsschreiben von Thivenot, dem zweiten oben ge- 
nannten Korrespondenten, der mit Boi*elli in Briefwechsel 
stand. 

Seine Talente und Kenntnisse verschafiten ihm bald 
die allgemeinste Achtung der fiorentiner Gelehrten, und 
nicht lange dauerte es, dals er vollständig unter sie ein- 
bürgerte, indem er, von Hause aus ein Lutheraner, seinem 
Glauben entsagte und zur katholischen Kirche überging. 
Vermuthlich war es auch in Folge dieses Glaubenswech- 
sels, da(s der Groisherzog Ferdinand II. ihn in seine Dienste 
nahm und gestattete, dafs er im Spital S. Maria nuova 
-seine anatomischen Untersuchungen fortsetzen konnte. Er 
war, wie alle Konvertiten, ein eifriger Katholik, und schrieb 
viele Bücher über Glaubenssachen. Dafbr wurde er vom 
Papst zum Titularbischof von Titiopolis in Griechenland 



Mil9(lieder der Aoc. del Cim«nto. S6& 

gODicht, spfiter auch zmn apostolisohen Vikar des Noiv 
deos, in welcher Eigenschaft er eine Reise nach Schweden 
machte. 

Während seines langen Aufenthaltes in Italien war 
Steioie sehr thfttig fbr die Wissenschaft^ doch ging auch 
in dieser Thätigkeit eine Umwandlung mit ihm vor, indem 
er sich später yon der Anatomie und Physiologie abwandte, 
und anf die Mineralc^e und Geologie warf, eine Wissen- 
eebaft, die das Schicksal gehabt hat, späterhin und zum 
Theil noch jetzt, ebenso Tom päpstlichen Stuhl verfolgt zu 
werden, wie zu daUlefs Zeit die Astronomie. 

Wir haben von Steno Ober die Greologie ein Weile, 
hÜT die Zeit ein höchst ausgezeichnetes genannt wer- 
^mols, welches sogar erlaubt seinen Verfasser als den 
(fffinder dieser Wissenschaft anzusehn. Es ftkhrt den Titel: 
Si€. Sienania DiBaertationis prodromus de solide intra soli-^ 
^ naturaUUr contento, Florentiae 1669. Das Werk ist 
Ittge vei^essen worden, bis es im J. 1831 durch den be- 
rflbmten firanzösischen Geologen E. de Beaumont ¥neder 
uu Licht gezogen ward. Derselbe hat dayon in den Ann. 
^ Sciences nat XXV, 337 einen ausführlichen Auszug 
gegeben, woraus hervorgeht, daft Steno die Erscheinun- 
S^Q, SOS welchen die neueren Geologen auf frühere sehr 
Bt^tige Umwälzungen auf unserer Erdrinde schlössen, 
^ genau beobachtet und zu deren Erklärung ähnliche 
Attichten aufgestellt hat, wie wir sie heut zu Tage fbr 
^wendig haltmi. 

Er bcomerkt, dafs die Erdrinde, so weit sie untersucht 

■ _ 

% SOS paralld übereinander abgelagerten Schichten be« 
itekt, dafs diese Schichten, zumal wenn sie Ueberreste 
^ organischen Gebilden enthalten, nur aus Flüssigkeiten 
^aetzt sein kdnnen, und dafs sie demgemäfs Ursprung" 
^ alle horizontal gelegen haben müssen. Nun zeigt er, 
^ diese Schichten aber bei Weitem nicht alle mehr 
''orizontal liegen, da(a sie meistens in schiefer ja zuweilen 
^ aufrechter Stdlnng vorkooamen, dafs man sie häufig 

Poggeadorff, G«selL d. Phytlk. 24' 



370 Hii^eder der Aoc del Gimento. 

dnreheinander geaohoben und Terworfen findet. Daraus 
schliefst er, dafs eine spätere Ursache auf die Schichten 
eingewirkt haben müsse, und diese Ursache findet er in dem 
in Italien so offenkundig sich ftufsernden Vulkanismus. 

Gleich den neueren Geologen nimmt Steno Poioden 
der Ruhe an, wo das Land bis zu den höchsten Berg- 
spitzen mft Meer überdeckt war, und sich neue Schichten 
aus den Gewässern absetzten, und Perioden konvulsivischar 
Thätigkeit, wo die gebildeten Schichten mannichfach ver- 
schoben wurden, Einstürze und Gebirgserhebungen erfolg- 
ten. Solcher Perioden glaubte er f&r Etrurien oder Tos- 
kana allein sechs unterscheiden zu müssen. 

£s ist merkwürdig zu sehen, wie Steno bei diesen 
Deduktionen, die sein Verstand als richtig erkennen liefs, 
mit seinem Gewissen in Konflikt gerieth. Er glaubte es 
beschwichtigen zu können, indem er zu beweisen vermeint, 
dafs seine Ansichten keineswegs in Widerspruch stehen 
mit der mosaischen Schöpfungsgeschichte. Indefs hat ihn 
doch die Nothwendigkeit, darauf bedacht zu sein, nichts 
der Bibel widersprechendes vorzutragen, sehr sichtlich in 
der Entwicklung seiner Vorstellungen eingeschüchtert, 
und gewifs wäre er zu noch allgemeineren Resultaten ge- 
langt, wenn er unbekümmert um Nebenrücksichten den 
Weg der Naturforschung weiter verfolgt hätte. 

Allein schon in der Beschränkung, die er sich ent- 
weder aus eigner Ueberzeugung oder durch die Macht der 
Zeitverhältnisse gezwungen auferlegte, ist es gewifs, dalk 
bis auf den berühmten Werner kein Geolog seine Wissen- 
schatl aus einem so fruchtbaren Standpunkt ergriffen, 
keiner so viele später wieder bestätigte Ansichten in die- 
selbe zuerst, eingeführt hat, als eben unser Steno oder 
Stenone. Darum glaubte icli bei ihm hier etwas länger 
verweilen zu müssen und will nur noch hinznftgen, daTs, 
wiewohl das Geologische in Steno's Werk den widitigeren 
Theil ausmacht, dasselbe auch noch mineralogische oder 
krystallographische Betrachtungen enthält, die fbr die Zeit 
recht merkwürdig sind. 



Mitglieder der Aoc. del Cimento. 871 

Er spricht ausfbhrlich von den Doppelpyramiden des 
Bezgkrystalls , den Würfeln des Schwefelkieses, den Ok- 
taedern des Diamants, den sechsseitigen Tafeln des Eisen- 
glanzes u. 8. w., und bemerkt dabei ansdrücklich, dafs wenn 
auch an verschiedenen Krystallindividuen einer Species die 
Fliehen mehr oder weniger grofs, die Ecken vielleicht ver- 
. schoben erscheinen, dennoch die Winkel, welche die Flächen 
I miteinander' bilden, einen konstanten Werth behaupten^). 
Nach diesen richtigen und einflufsreichen Beobach- 
tmigen mufs man sehr bedauern, dafs eine andere Schrift, 
in der er diesen Gegenstand weiter zu behandeln ver- 
spricht, niemals erschienen ist. — So weit von StenO, der 
>b Korrespondent gewifs der Acc. del Cimento Ehre 
oiehte. Weniger ausgezeichnet waren Thivenot und Fabri. 
165. Helehisedec Thivenot^ geb. 1620 zu Paris, gest. 
1692 zu Issy bei Paris, wurde bereits bei der Frage über 
<lie Entdeckung der m^netischen Deklination von mir 
genannt (§ 118). Er hat sich durch keine physikalische 
Arbeit von Belang ausgezeichnet. Sein Wohnort war 
Paris, von wo aus er Reisen durch ganz Europa machte. 
Er gammelte leidenschaftlich Manuskripte, stand mit vielen 
Gelehrten so auch mit Borelli in Briefeerkehr, wurde später 
Oustos der königl. Bibliothek, und 1685 auch Mitglied der 
Akademie der Wi88en8chafl;en zu Paris. 

En^H Faliri, bei den Italienern Onorato Fabbri^ geb. 
1^ zu Le Bugey, Diöcese Belley und gest. 1688 zu 
Boiii, ein Jesuit, der seine Studien zu Lyon machte. Er 
war ein tfaStiger nnermfidlicher Mann, begierig Alles zu 
bissen oder wenigstens fikr aDwissend gehalten zu sein; 
^ar Theolog, Physiker, Astronom und Arch&olog, von 
AOem etwas. In Rom, wohin er aus Lyon kam, verwal- 
^ t«te er das Amt des Groft-POnitenziars beim heil. Officio, 
^ h. der Inqnintion. Er wurde dort mit Ried bekannt, 
der ihn dem Fürsten Leopold empfahl, und dieser, der 
wohl glauben mochte, dafs ihm Fabri in seiner amtlichen 



If srx, G«fclL der WnenAope^ 56. 



872 ICitgliader der Aoo, del Gimento, 



Stellung nützlich sein könnte, ernannte ihn znm Korre- 
spondenten der Akademie. 

Wirklich tbat Fabri anch so, als wolle er die neueren 
Lehren der Ajstronomie und Physik in Schute nehmen, 
denn er erklärte in Besug auf das kopemikanisdie System: 
So lange man noch keinen unwiderleglichen Beweis toh 
der Bewegung der Erde habe, gebühre der Kirche die 
Entscheidung, sowie aber ein solcher Beweis gefunden sei, 
habe es keine Schwierigkeit zu erkUren, dais man die 
gegen die Bewegung der Erde sprechenden Bibelstellen 
im figürlichen Sinne zu nehmen habe. 

Fabri glaubte mit dieser jesuitischen Auslegung es 
beiden Theilen recht gemacht zu haben, aber das bekam 
ihm schlecht. Das heil. Officium verstand keinen Sdierz, 
er mulste, obwohl ein Mitglied desselben, auf 50 Tage in 
den Kerker wandern, und wahrscheinlich würde er nocb 
Iftnger haben schmachten müssen, wenn ihn nicht die Für- 
bitte des Fürsten Leopold daraus befreit hfitte. 

Nach Hontnola's Angabe h&tte Fabri jenen für ihn so 
verhftngnüsvoUen Ausspruch in einer unter dem Namen 
Sustachio de Divini erschienenen, aber so gut wie von üun 
selbst verfaüsten Schrift gethan, einer Schrift, die sich 
zugleich gegen die von dem berühmten Hayghens am 
Saturn gemachten Entdeckungen ausspricht und den Titel 
führt: Brevia annotatio in syatema scUiumiu/m Chr. ßugenüf 
R<mae 1660. 

Hontacla's Angabe ist allerdings richtig, aber ich muis 
bemerken, dals der Eostaehio de DiTini keineswegs etwa 
eine fingirte Person war. Er lebte zu Rom und war eio 
durch Verfertigung von Fernrohren sehr berühmter Künstler. 
Er machte damit auch Beobachtungen am Himmel, and 
diese gaben ihm eben Veranlassung darüber eine Schrift 
aufzusetzen. Da er der Feder nicht sehr mächtig war, 
so gab er die Schrift dem Pater Fabri zur Durchsieht 
und dieser, der es f&r nöthig hielt, dais sie lateiBisch er- 
schien, welche Sprache Dirini nicht verstand, übersetzte, 
berichtigte und erweiterte sie, wodurch denn manches hin- 



Mitglieder der Acc del Gimeiito. S78 

dngekoniineii sein mag, woran Divini selbst gar nicht ge- 
dadit hatte ^)« Die ISnwAnde gegen Buyghess waren aach 
gsDt imgenügend, so dafs dieser sich in einer Breeü cm- 
tirtio 9y9UmatU eui, Hagae 1660 YoUkommen rechtfertigen 
konnte. 

Fahrt hat mehrere physikalische Schriften herausge- 
geben, unter denen die SynopHs optiea, Luffd. 1667 wohl 
eine der bedeutendsten ist. In dieser Schrift, die identisch 
zo sein scheint mit dem im selben Jahre zu Lyon er- 
sdiienenen E99ai optiqu^ 1667 y giebt er eine ganz annehm- 
liche £iUfimng von der Himmelsblftne, welche er ableitet 
^OQ der Reflexion des Lichts an Körpertheilchen, die in 
der Atmosphäre schweben. Die Erkiftrung ist wenigstens 
besser als die zuerst von Leonarde da Vinei vorgetragene 
Qod später von so vielen Physikern bis auf OQtlie wieder- 
holte, gemftfs welcher das Himmelsblau entstehen soll aus 
dem von d^ 'Atmosphäre reflektirten weifsen Sonnenlicht, 
durch seine Vermischung mit dem Schwarz der dahinter 
liegenden Himmelsräume. 

In derselben Synopsis beschreibt Fabri auch einen 
ganz artigen Gesichtsbetrug. Man steche, sagt er, in ein 
Kartenblatt ein kleines Loch, halte es dicht vor das Auge, 
bringe wiederum dicht vor dasselbe eine aufrecht gehaltene 
^^tecknadel, und sehe nach einem entfernten Gegenstand, 
^ wird man ein vergröfsertes umgekehrtes Büd von 
^ Nadel erblicken. Wie Fabri richtig bemerkt, ftllt auf 
die Ketzhant ein aufrechter Schatten von der Nadel, der 
^«gen der umgekehrten Lage "des Bildes im Auge rttok- 
sichtlich der umliegenden Gegenstände als ein umgekehrter 
empfanden wird*). 

Fabri hat auch einige Beobachtungen über die Ela* 
piOarität angestellt, deren ich künftig noch gedenken werde. 
^ hat dieselben in seiner Physiea in deam traetatu» dis* 
^'^to, Lugd. 1669 beschrieben, einem voluminösen Werk, 

^) TiraboBchi, Storia etc. YEI, 263. 
') Fischer, Gesch. d. Phys. IH, 153. 



874 ^tglieder der Acc. del Cimento. 

das viel Schwaches und Inthümliches enthält, wie z. B. 
die Erklärung der Kohäsion durch hakenförmige Körper- 
theilchen, welche wie die Zähne von Rädern in einander 
greifen sollen« Ebbe und Fluth werden nicht durch direkte 
Anziehung des Mondes auf das Meer erklärt, sondern 
durch Einwirkung des ersteren auf den Luftdruck, der 
wiederum auf das Meer wirke« 

Aus Allen diesem wird zur Genüge erhellen, dafis 
Fabri grade kein greiser Physiker war, und er seine Wahl 
zum Korrespondenten der Acc. del Cimento mehr den Um- 
ständen, namentlich seiner Stellung, als seinen Verdiensten 
verdankt 

AuTser Stenone, TMveMt und Vabri wird auch von 
Einigen noch der Franzose Auoat, eines der ersten Mit- 
glieder der pariser Akademie, als Korrespondent der Acc 
del Cim. genannt. Indels waltet dabei ein Irrthum ob. 
Pieser Aiucat, von dem ich künftig noch näheres berichten 
werde, wurde allerdings vom 6ro£sherzog Ferdinand II. 
mit der Anstellung einiger physikalischen Versuche beauf- 
tragt, er kam aber erst 1668, ein Jahr nach Aufhebung 
der Akademie, nach Florenz. 

166. Da ich im Vorstehenden auf Bivini (geb. zu 
& Severino in der Mark Ancona) gekommen bin, so kann 
ich nicht umhin zu erwähnen, dafs er sich um die Ver- 
besserung der zusammengesetzten Mikroskope einige Ve^ 
dienste erworben hat. Bis dahin setzte man sie blofs aus 
zwei Linsen zusammen, einem Objektiv und einem Oku- 
lar; Divilli nahm zuerst, sowohl für das erste wiö ftir datf 
letztere, eine Doppellinse, im Ganzen also yier Linsen. 
Das Okular bestand aus zwei plankonvexen Linsen derge- 
stalt angebracht, dafs ihre Konvexitäten sich berührten. 
Es waren aber diese Mikroskope g^en unsere heutigen 
monströse Instrumente, so dick wie das Bein eines Mannes, 
mit Okulargläsern so grofs wie eine Handfläche ^). Wahr- 
scheinlich waren es Divini'sche Okulare, welche der Pater 



*) Fischer, Gesch. d. Phys. ü, 98. 



Mitglieder der Acc del Gimento. 875 

flbri in seiner Synopsis optica rühmend erwfthnt und be- 
schreibt 

Forst Leopold erhielt von Divini im J. 1660 ein Ob- 
jektiv von 18} Braccien (1 Braccio s= 263,4 par. Linien), 
i l etwa 34 Fuis Fokallänge. Dies gab Veranlassung, 
dafi man in der Acc. del Cim. sogleich die Ansichten Fabri^s 
über die Erscheinungen am Satumringe prQfte. Man mon- 
tirte das Objektiv, wobei die Schwierigkeiten, welche das 
Erfordemüs einer leichten Beweglichkeit des Femrohrs 
herbeifiüirte, erst durch eine von Anton Maria del Bnono 
eitlacbte Vorrichtung, Arcicanna genannt, überwunden 
wurden, welche vorzüglich die Beobachtungen im Zenith 
kenreckte (§ 160). 

Die Akademie kam nun durch ihre Beobachtungen 
2Q dem Schlufs, dafs Uuyghens' Ansichten von den Er- 
schdnnngeD am Saturn vollkommen richtig seien, was 
später auch Fabri einzurfiumen genöthigt war. 

Man verglich das auf die beschriebene Weise herge- 
stellte Fernrohr mit einem von Torricelli angefertigten von 
18 Braccien Brennweite, wobei sich ergab, dafs letzteres 
Doch ein wenig den Vorzug hatte vor dem Divini^schen. 
Bei Erwähnung Torrieelli's mufs ich bemerken, dafs er 
um die Anfertigung der Femröhre in Italien ein wesent- 
iiches Verdienst hat Bis dahin war es Galilei allein, der 
ZQ astronomischen Beobachtungen taugliche Femröhre zu 
n^en verstand, und daher wurde er von Deutschland 
m häufig mit Bitten um dieselben bestürmt. Sie waren 
^Ibst besser als die holländischen, deren Leistungen an- 
^Qglich, wie früher erwähnt (§ 90), noch sehr schwach 
varen. Da legte sich nun Torricelli auf die Anfertigung 
^^ptischer Werkzeuge und brachte es, freilich nicht ohne 
St)(8e Anstrengung dahin, Femrohre darzustellen, die eben- 
^viel und mehr leisteten als die von tialüei, was dazu 
beitrug, dafs er die Medaille Virtutis praemia bekam. Das 
genannte Femrohr von 18 Bracc. Brennweite wird noch 
S^genwärtig im physikalischen Museum zu Florenz auf- 
bewahrt. 



S16 WtgjMßr der Aoc. del Cimento. 

DiTÜU hatte in Rom eimn Nebenbuhler CMli^pe Gm- 
pani, aus Rom gebürtige der ihn wenigstens in Anfißrtigmg 
Ton Femröhren noch fibertra^ und einen solchen Ruf er^ 
langte, dafs nach seinem Tode der Papst Benedict XIV. 
alle seine Werkzeuge ankaufte, und dem Institut von Bo- 
logna schenkte. Auch verfertigte er im Auftrag Lud- 
wigs XIV. die Femröhre, mit denen der berühmte Astronom 
Domenico Cassini die beiden nächsten Satummonde eair 
deckte. Es waren Instrumente von kolossaler Länge, von 
86, 100, 136 par. Fuls (210 Pahni romani) Brennweite; 
Divini hatte es nur bis etwa 45 Fufs (72 Palmt rom.) ge- 
bracht. 

Zwischen beiden Künstlern bestand eine groise Eifer- 
sucht Ried sagt in einem Brief an den Fürsten Leopold 
von 1664, man brauche nur in Gegenwart des einen von 
dem andern zu sprechen, und dieser fühle sich sogleidi 
auft gröblichste beleidigt — tont comme chez nous. — 
Campani lieis Niemand in seine Werkstatt treten, und 
machte aus seinem Verfahrea ein greises Geheimnifs. Er 
stellte auch mit seinen Fernrohren Beobachtungen am 
Himmel an, und veröffentlichte sie in zwei kleinen Sdiriften: 
1) RagguagUo di nuove osseroazumiy Roma 1664; 2) Ombre 
delle stelle medicee nel voUo di giove^ Bologna 1666. 

Die Leistungen beider Künstler waren fikr die Zeit 
gewUs vorzüglich zu nennen, aber man sieht schon aus 
der übergrofsen Länge ihrer Fernröhre und aus dem Um- 
stand, dafs ihnen häufig die Gläser müsglückten, wie weit 
damals die Technik im Gebiet der Optik gegen heute 
zurück war. Auch sollen nach Hooke^s Zeugniis schon 
damak in England Femröhre angefertigt worden sein, die 
bei viel kleinerer Fokallänge dasselbe leisteten wie die 
itaUenischen Instrumente. — Von Matteo Caiapaaii, dem 
Brader des oben besprochenen Oinseppe bekam Fürst Leo- 
pold im J. 1665 ein Fernrohr, das zu den besten seiner 
Zeit gehörte. Es wird noch im Museum su Florenz au^ 
bewahrt; es hält 4} 2k>ll Apertur, und diente namentlich 
zu Beobachtungen über den Jupiter. 



Lebtangen der Ace. del Cimeiito. 877 

Die Dantellung eines scUierenfmen homogenen Glases 
kgte der Anfertigung der FemriVhre inuner noch gro&e 
Schwierigkeiten in den Weg, wie dies der geschickte Me» 
daoiker Tito Idvio Bwattini noch im J. 1672 in einem 
Brief an BonlUan bezeugt Burattini kam daher schon 
nf den Gedanken, hohle Glaslinsen (vetri ooncavo-con- 
fesd) zu verfertigen und sie mit Flüssigkeiten zu f&llen^ 
nit welch^i aber ist nicht angegeben. 

Leistungen der Ace. del Cimento. 

167. So wftren wir denn mit den Persönlichkeiten 
der Acc. del Cimento hinreichend bekannt, und es bliebe 
nir nun noch die Aufgabe einen Abrils von den Leistun* 
güfi dieser thätigen Körperschaft zu geben. 

GemäTs ihrem Wahlspruch: Prwando e Ripratando 
ittt die Akademie die wichtigsten Fragen der damaligen 
Pkysik auf dem Wege ezperimenteUer Forschungen zu er* 
kdigen gesucht in einer Weise, die ebenso ehrenvoll för 
sie als lehrreich fbr die Gegenwart ist. Der Charakter 
ikrer Untersuchungen war rein experimentell, ohne Theorie 
«nd mathematische Verknüpfung; an einer Stelle heifst es: 
& sei nicht Styl der Akademie über die Ursache der 
Erscheinungen zu diskuriren. 

Die meisten oder im Grunde alle Fragen, die wir von 
h behandelt finden, sind gegenwärtig beantwortet und so 
genügend, dass wir es kaum noch der Mühe werth halten 
ae Aofzuwerfen, oder, wenn es geschieht, können wir die 
Antwort darauf in einer viel leichteren und entscheiden^ 
^en Weise geben, als es den Mitgliedern der Acc.^ del 
Cimento möglich war. 

In dieser Rücksicht sind die Denkschriften der Acren- 
^ Akademie die aufirichtigsten X^obredner der grofsen 
j'ortschritte, welche unsere Wissenschaft und namentlich 
die Experimentirkunst innerhalb der beiden letzten Jahr- 
hondote gemacht hat. Aber wir dürfen darum nicht über- 
i&üthig werden! Vergessen wir nicht, da(s wir auf den 
Schaltern jener M&nner stehen, und dafs wir ohne ihre 



378 Leistungen der Aco. del Cimento. 

Erfahrnngen vielleicht noch heute uns nicht einmal so 
geschickt wie sie bei denselben Aufgaben zu benehm^i 
Wülsten. 

Die Saggi der florentiner Akademie zerfallen in 
XIU Kapitel: 

Kap. I. handelt von Meisinstrumenten und deren Gebrauch. 
II. enthält Versuche Ober den Druck der Atmosphäre. 

III. Versuche fiber das künstliche Gefrieren des 
Wassers. 

IV. Versuche über das natürliche Eis. 

V. Versuche über die Ausdehnbarkeit der Metalle 
und anderer Körper durch die Wärme. 
VI. Versuche über die Zusammendrückbarkeit des 

Wassers. 
VII. Versuche zum Beweise des Nichtdaseins einer 

positiven Leichtigkeit. 
VIII. Versuche über den Magnet. 
IX. Versuche mit Bernstein und anderen elektrischen 

Substanzen. 
X. Versuche über die Farbenänderungen in Flüssig- 
keiten. 
XI. Versuche über die Fortpflanzung des Schalles. 
XII. Versuche mit Geschossen. 
XIII. Vermischte Versuche. 
Ich will nun versuchen aus diesem reichhaltigen Schatz 
von Erfahrungsergebnissen das Lehrreichste itv die G^ 
schichte der Wissenschafi; herauszuheben. 

168. Kapitel I. von den Mefswerkzeugen enthält die 
Beschreibung dreier wichtigen Hül&mittel der experimen- 
tellen Physik, des Thermometers, des Hygrometers und 
des Pendels. 

Was das Theri^ometer betrifil, so diskutirte ich 
früher die Ansprüche der verschiedenen Personen, welche 
als Erfinder dieses Instruments genannt werden, und kam 
zu dem Schluis, dafs mit überwiegenden Gründen der Wahr- 
scheinlichkeit nur GalUei allein als solcher angesehen wer- 
den könne, da sich nachweisen lasse, dafe er schon gegen 



Lelftangen der Acc. del Cimenta 379 

J. 1597 ein IngtruiDent dieser Art darstellte (§ 112). 
Dieses Instrument, sowie die Instrumente aller übrigen 
Tenneintlichen Erfinder, waren aber keine eigentlichen Tber« 
iDometer, sondern Luftthermoskope oder vielmehr Thermo- 
fitfoakope, Instrumente, in denen die Verftnderungen des 
ongeschlossenen und yeränderlichen Luftvolumens zugleich 
den Einwirkungen der Temperatur und des Luftdrucks 
ausgesetzt wurden. 

Das Instrument, der Acc. del Cimento muls dagegen 
für ein wahres Thermometer erkannt werden, wiewohl ihm 
noch eine zuverlässige Skala abging. Es ist indefs nichts 
vie gewöhnlich geglaubt wird, eine Erfindung der Mit- 
glieder dieser Akademie, sondern existirte schon eine ge- 
nooe Zeit vor der Stiftung derselben. Die Geschichte 
<ier ersten Vervollkommnung des Instrumentes entbehrt 
el)enso sehr der offenkundigen Dokumente, als die seiner 
Erfindung. Man kann nicht mit Gewüsheit angeben, wer 
<len wichtigen Uebergang vom Thermoskop zum Thermo- 
meter machte. Nur so viel ist gewüs, dafs das von den 
Sa^ beschriebene Instrument der Hauptsache nach schon 
u £nde des J. 1641, also 16 Jahre vor Gründung der 
Akademie und 2 Jahre vor Erfindung des Barometers, in 
Florenz existirte. 

Wie Viviani in seiner Biographie von Galilei berichtet, 
^ der Grofsherzog Ferdinand II. in eigener Person be- 
deutenden AntheU an der Vervollkommnung des Thermo- 
ffieters, und so scheint auch aus dem, was der Pater Ur- 
^0 Dsviso, ein Schüler Cavalieri's angiebt, hervorzugehen? 
^8 der Grofsherzog es war, welcher dem florentiner 
^ermometer die Form gab, welche es besafs. Auch hält 
^ intinori ^) ftir unzweifelhaft, dafs derselbe das reine 
^ gefärbte Wasser, welches man anfangs zum Füllen 
^ Thermometers anwandte, und welches bei seinem Ge- 
ineren leicht ein Springen des Thermometers ziu: Folge 



Aitwori, Notkie istoriche rektiTe all'Accademia dd CimeDto, 
lag. 33. 



380 Leistangen der Aoe. del Gimento. 

hatte, durch Weingeist ersetzte, stierst durch den geftrb* 
ten, weil derselbe leichter erkennbar ist, spftter durch fiirb^ 
losen, weil sich der Farbstoff leicht ausscheidet und Flecke 
auf der Innenseite des Rohres macht, welche die Ablesung 
erschweren. 

Targioni-Tozsetli bezeichnet^), wie es scheint auf die 
Auioritftt unseres Landsmanns Stom, das Jahr 1649 ab 
die Epoche, wo der Grofsherzog diese Vervollkommnungen 
am Thermoskop anbrachte, während Stum*) nur angiebt, 
der Gro&herzog habe in diesem Jahre dergleichen Instru- 
mente, die indefs mehr Thermoskope als Thermometer 
gewesen, an Magiotti und Kireher in Rom gesandt. Aus 
dem Diario der Akademie geht jedoch klar hervor, da(s 
das von derselben angewandte und im J. 1641 konstruirte 
Thermometer mit Weingeist gefiült war, und überdies 
weifs man, dafs Torrieelli im J. 1646 dem berOhmten fran- 
zösischen Reisenden Moneenys das Thermometer und die 
flbrigen Instrumente des Grofsherzogs zeigte. Ebenso ist 
▼erbüi^ dafs der Ghrofsherzog Ferdinand II. sich schon im 
J. 1644 des Thermometers bediente, um seine Versuche 
über das künstliche Ausbrüten der Hühnereier zu wieder- 
holen *), und dafs er dieses Thermometer spftter an mehre- 
ren Orten zu meteorologischen Zwecken beobachten lieüs. 

Die Ton den Akademikern angewandten Instrumente 
waren Weingeistthermometer, die der Gb^fsherzog von 

1) Tai^ionMoszetti, aggrandimenti delle scxenze fisiche etc. I, 150 
') Stm, CoUegian «zperimentsle euriosam U, 166. 
') Der Grolahenog interessirta aoh sehr ftr dtt kflnttUehe Aus- 
brftten. Wissend, dafs dasselbe seit Hersdot^s Zeiten in Aegypten ans- 
geübt wurde, und zur Zeit noch in Kairo, liefs er von dort swei koptische 
Christen nach Florenz kommen und Brutofen bauen« Die Yersuche ge- 
langen aber schlecht; die Eier kamen wohl ans, aber die Kfidilein waren 
mi&geataliet, konnten den Kopf niaht ordentliob tragen, am dritten Tage 
sohwoUen ihre Angen stark and dann starben sie. Von 18 Dolceod 
Eiern, die man mit einem Mal in den Ofen gethan, kamen nur 61 ans, 
und Yon diesen blieben nur 3 am Leben. Nicht besseren Erfolg hatten 
die 14 Jahre spftter von P. del BlOBS und Msituari in Wien ange- 
stellten Versuche (§ 160). 



Leistnogen der. Acc. del Cimeato. 381 

GDem sehr geaohiokten Glasbläser GiKMppe Moriani hatte 
Tderdgen lassen. I^e besalsen meist die noch jetst QhBehe 
Gestalt mit Ansnahme eines schraubenförmig gewundenen 
Halses (col oannello a chiocoiola). In einer Beziehung hatten 
m einen Vorzug, den man erst in neuestor Zeit wieder 
jebörig anerkannt hat. Ihre Skala war nämlich nicht 
aeben dem Thermometer auf Holz, Elfenbein oder Metall 
^gebracht, wie meistens jetzt der Fall ist, sondern sie 
befand sich unmittelbar auf dem Glase des Instruments. 

Diese Einrichtung wäre ▼ortrefflich zu nennen, wenn 
die Skala aus Strichen bestanden hätte, die, wie man es 
gegenwärtig bei genauen Thermometern thut, entweder 
nattelst eines Diamanten oder mittelst Flufssäure in das 
6b eingeschnitten werden. Allein statt der Striche waren 
i&Abtheilui^n durch Glasknöpfchen angegeben, die zwar 
sut groiser Geschicklichkeit angeschmolzen wurden, doch 
sie die Segelmäisigkeit jmd Feinheit der Striche haben 
konnten. Jedes zehnte Knöpfchen war von weilsem Email- 
glas, die übrigen von dunklem Glase. 

Diese Einrichtung gab zwar eine immer noch leidlich 
gQte Ablesung, schlimmer aber stand es mit den Principien 
Jer Skale, welche sehr schwankend waren. Das am mei- 
fku angewandte Thermometer hatte eine in 50 Grade ge-* 
Mte Skale; bei andern war diese in 60, 70 oder 100, 
bei den schraubenförmigen Theimometem gar in 300 oder 
400 Grade getheilt Das grolse oder, wenn man will, 
Ueine Qeheimnifs die Sprache zweier Thermom^er über- 
^utstinunend zu machen, kannten die florentiner Künstler 
^d Akademiker noch nicht. Sie richteten die Skale ihrer 
lostromente so ein, dafs die hunderttheiligen in der stärk- 
^ Winterkälte Toskanas 16— 17^ und in den stärksten 
S^en der Sommer- Sonne 80^ zeigten, und die fönfzig* 
tegen im ersten Fall U bis 12% im letzten 40^ hatten. 

Man sieht schon aus dieser Angabe, dab die Thermo* 
^^, deren Skala eine yerschiedene Anzahl von Graden 
um&fste, nicht mehr recht vergleichbar waren. Eine strenge 
Gleichheit fand selbst unter den verschiedenen Individuen 



882 Leutnngen der Acc. del Cimento. 

einer nnd derselbe Art yon Thermometern nicht statt, 
doch hatte hier die Geschicklichkeit des Künstlers den 
Mangel der Principien einigermaTsen ersetzt. Wie man 
ans einer AeuTsening in den Saggi ersieht, erreichte man 
die Gleichförmigkeit der Instromente dadurch, dals man 
auf das Verhältnifs der Gröfse der Kugel smm Durchmesser 
der Röhre und zur Menge des hineingebrachten Weingeistes 
grofse Sorgfalt verwandte. Doch wird bemerkt, es könne 
die Begel zur Konstruktion eines guten Thermometers nur 
durch viele Praxis erlangt werden, und darin haben wir 
wohl eben den Grund zu suchen, weshalb die Saggi grade 
über den wichtigsten Punkt, Ober die Graduirung der 
Thermometer, so leicht hinweg gehen. 

Wegen des Mangels an gut bestimmten festen Punkten 
in der Skala der florentiner Thermometer würde uns die 
Sprache derselben jetzt vollkommen unverständlich sein, 
wenn Antinori nicht im J. 1829 so glücklich gewesen wäre 
in einem Magazin zu Florenz unter vielen Glasapparaten, 
die aus jener glorreichen Zeit herstammen, eine ganze 
Kiste voll von den Thermometern mit öOtheiliger Skala 
aufzufinden. Dadurch wurde Libri ^) in den Stand gesetzt, 
das florentiner Weingeist -Thermometer mit einem nach 
R^aumur getheilten Quecksilberthermometer zu vergleichen, 
wobei sich ergeben hat, dafs 

50<>Fl, = WR. 
13,5 - = -, alsoO^Fl. = — 15<>R. 

Es wäre zu wünschen, dafs ein solcher Vergleich mit 
mehreren Individuen der florentiner Thermometer und an 
mehreren Punkten ihrer Skale angestellt würde, damit 
man erfahre, wie grofs die Uebereinstimmung zwischen 
denselben war. Dieser Vergleich hat darum besonders 
Interesse, weil, wie gesagt, der Grofsherzog Ferdinand 
grade mit dem 50theiligen Thermometer meteorologische 
Beobachtungen anstellen liefs. 



') Poggendorfrs Annalen XXI, $35. 



Leistnngen der Aoo. del Gimeaito. 388 

](9. Solche Beobachtungen wurden seit 1654 regel- 
oüiVig angestellt zu Florenz im Kloster degli Angeli, zu 
Vallombrosa und Cutigliano in deü Bergen von Pistoja, 
zQ Bologna von Biceioli, in Parma, Mailand, Warschau, 
iBspruck und Ossiponti. Der Pater Lnigi Antinori, ein 
Jesuit und Teologo stipendiato des Grofsherzogs, f&hrte 
über dieses älteste meteorologische Institut die Oberaufsicht. 

Die Register sind mit grofser Sorgfalt geführt. Man 
beobachtete an jeder Station täglich an mehreren bestimmten 
2^tQnden, und zwar die Temperatur durch ein im Norden 
und ein im Süden aufgehängtes Thermometer, femer das 
IWometer oder, wie man sagte, die Grade des Vaouo, die 
^i&desrichtung, die Bedeckung des Himmels u. s. w. 
Ke Barometer hatten eine willkührliohe Skala, erst ein 
^ fiorelli beobachtetes war in 2ioll und Linien getheilt, 
wahrscheinlich firanzösische. Auch das in den Saggi ab- 
gebildete Barometer, bei welchem das untere Ende des 
bohrs in einem ziemlich kugelförmigen auf einem Fufs 
mbenden Gefäls mit Quecksilber sich befindet, ist noch in 
«nide getheUt (§ 174). 

Einige dieser meteomlogischen Tagebücher sind noch 
vorhanden. Ein solches, welches 16 Jahre lang gefQhrt 
^rde und mit einigen Lücken täglich fQnf Beobachtungen 
<^Qthält, ist im J. 1830 von dem genannten Libri benutzt 
worden, um damit die Frage zu entscheiden, ob sich seit 
jenen Zeiten die Temperatur von Toskana verändert habe. 
^ao glaubte dies allgemein bejahend beantworten zu müssen, 
^eil die Apenninen im XVII. Jahrh. noch sehr bewaldet 
varen und sie jetzt ziemlich kahl sind. Allein der Ver- 
gleich jener alten Beobachtungen, wobei das florentiner 
^bennometer auf Bteumur reducirt wurde, mit den im 
«'iS'iO im Observatorium der frommen Schule zu Florenz 
angestellten, hat ergeben, da& seit der Zeit keine nach- 
weisbare Temperaturverschiedenheit eingetreten ist. 

Nach Libri stammen diese Beobachtungen vom Pater 
Flierl her. Allein entweder herrscht hier eine Namens- 



384 LeJstangen der Aco. del Cimento. 

verwechelung, oder es ist ein anderer Benieri (auch Reinieri) 
ak der Schaler Oalflei's, der 1647 oder 1648 starb, und 
durch seine rergeblichen Rechnungen Qber die Jupiter- 
monde bekannt ist (§ 115). Denn da dieser 1647 oder 
1648 starb, konnte er mit dem florentiner Thermometer 
noch nicht 16 jährige Beobachtungen anstellen. 

Unter den noch jetzt im grofsherzogl. Museum zu 
Florenz aufbewahrten Instrumenten aus jener Zeit befindet 
sich auch eine Modifikation des florentiner Thermometers, 
deren in den Denkschriften der Ac(5. del Cimento nicht 
erwähnt wird. Es ist dies eine Art von multiplicirendem 
Thermometer, nämlich ein Thermometer, dessen Stiel auf 
einem gewissen Theil der Skala beträchtlich enger ist, als 
auf dem übrigen Rohr, so dafs innerhalb dieses Theiles 
die Ghrade bedeutend gröfser ausfielen. Es diente offenbar 
zu Beobachtungen, die auf ein gewisses Temperatur-Intenrall 
beschränkt waren. 

170. Endlich findet sich in den Saggi noch ein 
sinnreiches Instrument beschrieben, das aber mehr ein 
Thermoskop als Thermometer zu nennen ist. Eben dieses 
war es, welches der Grofsherzog im J. 1649 an Kircber 
und Magiotti nach Rom sandte (§ 168). Es besteht aus 
einem Glasgefäfs angeflEkllt mit einer Flflssigkeit, worin 
GlaskQgelchen schweben, welche durch ihr Steigen oder 
Sinken Temperaturändemngen anzeigen. 

Auf einem ähnlichen Princip beruhen die in neuerer 
Zeit vorgeschlagenen aber nie redbt in Anwendung ge- 
kommenen aräometrischen Glasperlen, die von 
Alexander Wilson (gest 1786), weiland Professor der 
Astronomie in Glasgow, 1757 erfunden und später von 
liOvi verbessert worden sind. Sie sind nummerirt und so 
eingerichtet, dafs sie in Flfissigkeiten von dem specif. Gew. 
1000— 0,998 --0,996—0,994 u. s. w. schwimmen bleiben. 

Diese aräometrischen Glasperlen sind indefs keine 
neue Erfindung, auch sie kommen unter den im physi- 
kalischen Museum zu Florenz aufbewahrten alten Instru« 
menten vor. Sie sind zwar nicht nummerirt, aber daftür 



Leistungen der Acc. del Cimento. 385 

gua zweckmäfsig in einem Körbchen von Metallnetz ein« 
geschlossen, so dafs man sie alle zusanunen in die Flflssig- 
keit versenken und wieder herausziehen kann. 

In diesem Instrumenten -Schatz finden sich überdies 
noch mehrere Werkzeuge zur Ermittelung des specif. 
Gewichts von Flüssigkeiten: 

1) Volumen- Aräometer, ähnlich den Beaumi^schen, 
Ton Glas nut Schrot oder Quecksilber abgeglichen und 
d&er Skale in Gestalt von Glasköpfchen auf dem Halse, 
daneben verschiedene Zahlen, z. B. 11, was bedeutet, dais 
&r jeden Grad die untersuchte Flüssigkeit 11 Gran mehr 
wi^ als eine Volumen -Unze Wasser. 

2) Aehnliche Aräometer mit Weingeist gefüllt, 
<üe zugleich als Thermometer dienen, also Temperatur und 
.^»ecif. Gewicht zugleich angeben. 

3) Gewichts -Aräometer von Glas und durch 
Schrot oder Quecksilber so ajustirt, dafs ihr Volumen dem 
\olamen einer Unze Wasser gleich kam, daher Palla 
dOncia genannt. An dem dünnen Hals befand sich eine 
Marke, und wurden kleine durchlöcherte Metallscheiben 
von bekanntem Gewicht aufgesteckt, bis das Instrument 
bis zu dieser Marke in die untersuchte Flüssigkeit einsank. 

171. Als Anhang zur Geschichte des florentiner 

Thermometers mufs ich hier erwähnen, dafs, wiewohl dies 

Instrument vor der Stiftung der Acc. del Cimento und 

während des Bestandes derselben, keine Skala mit festen 

^nd unter allen Umständen wieder auffindbaren Punkten 

besai's, doch nach der Auflosung der Akademie ein ehe- 

^^ges Mitglied derselben diesem Mangel abhalf. Es war 

Carlo Renaldini (§161). In seiner Phüosophia naturaltSy 

iie er während seines Aufenthalts zu Padua 1694 heraus- 

^) sprach dieser ausgezeichnete Physiker zuerst aus, dais 

^^r Schmelzpunkt des Eises und der Siedepunkt des 

"assers als feste Temperatur^i zur Graduirung des 

Thermometers benutzt werden können. 

Er machte in dieser Beziehung zwei Vorschläge. Der 
^i^te bestand darin, dais man das Thermometer folgweise 

^»Rgeudorff, Ge«ch. d. Physik. 25 



380 Leistungen der Aoc. dol Cimento. 

in geschabtes Eis und in siedendes Wasser tauchen, und 
den Ranm zwischen beiden St&nden in 12 gleiche Theile 
theUen solle. Zweitens, dafs man das Thermometer succes- 
sive tauche in geschabtes Eis, in eine Mischung von 
11 Th. kaltem Wasser (aqua gelida) und 1 Th. siedendem 
Wasser, in 10 Th. kalt. -+- 2 Th. sied., in 9 k. -+-8 s., in 
8 k. + 4 s. u. s. w. , und die entsprechenden Punkte des 
Thermometers bemerke. 

Letzterer Vorschlag ist allerdings manchem Einwurfe 
ausgesetzt, der erste aber in der Hauptsache richtig; es 
mOfste nur heilsen, das Thermometer nicht in das siedende 
Wasser selbst, sondern in den Dampf zu tauchen und da- 
bei auf den Barometerstand Rücksicht zu nehmen. Man 
muls sich wundem, dafs dieser Vorschlag von den Zeit- 
genossen nicht weiter beachtet worden ist, so dais ooeh 
der grofse Newton sieben Jahre später 1701 eine Gra- 
duirung beschreiben konnte, die offenbar viel unyoll- 
kommener ist. 

Sehr zu verwtmdem ist es auch, dals nicht schon die 
Akademiker bei ihren gemeinschaftlichen Arbeiten auf die 
von Renaldini vorgeschlagene Graduirung verfielen, denn 
sie beobachteten wirklich schon die Konstanz des Schmelz- 
punktes vom Eise. Als sie nftmlich zu gewissen Zwecken 
eine bleierne Schale mit zerstofsenem Eise, in welchem 
eins ihrer SOtheil. Thermometer stand, in eine Schüssel 
mit siedendem Wasser setzten, machten sie die Beobachtung« 
dafs das Thermometer fortwährend, so lange noch Eis ror- 
handen war, auf einem und demselben Punkt, auf etwa 
18|^ Fl. stehen blieb. Aber die Konstanz des Siedepunkts 
entging ihnen, wiewohl sie auch ihre Thermometer in 
siedendes Wasser stellten. Diese Versuche gehörten wobi 
zu den am spätesten gemachten, denn sie werden erst im 
letzten, im XIII. Kap. beschrieben. 

172. Das zweite Mefswerkzeug, welches wir in den 
Saggi der Acc. del. Cim. beschrieben finden, ist das 
Hygrometer. Auch dieses Instrument macht seinem 
E^nder aUe Ehre, und es wäre daher wichtig zu wissen, 



Leistangeo der Acc del Cimento. 387 

ob ¥Fir wirklich wie angegeben wird, als sojchen den 
Groäherzog Ferdinand II« zn betrachten haben, obwohl 
es keinem Zweifel unterliegt, dafs er sich schon vor der 
Stiftung der Akademie mit diesem Hygrometer beschäftigte 
nnd wenigstens später, im J. 1665, Exemplare davon an 
verschiedene Fürsten Europas verschenkte. 

Alle bis dahin angewandten Hygrometer verdienten 
diesen Namen nicht; sie waren nur Hygroskope, gründeten 
ach auf das Vermögen vegetabilischer und animalischer 
Substanzen Feuchtigkeit aus der Luft anzuziehen, und da- 
dorch an Gewicht entweder zuzunehmen, wie in der hygro^ 
skopischen Wage des Kardinals de Cusa, oder ihre Länge 
nyerändem, wie in dem akustischen Hygroskop Mersenne^s. 

Die Eigenschaft der aus Hanftasem gedrehten Taue 
^ch durch Feuchtigkeit zu verkürzen, kannte schon der 
berühmte Baumeister Domenico Fontana, der davon im 
J. 1586 bei Aufrichtung des grofsen Obelisk vor der Peters- 
kirche eine sehr zur rechten Zeit kommende Anwendung 
machte. Denn als man den ungeheuren Steinblock bei- 
nahe aufgerichtet hatte, versagten die Winden ihren Dienst, 
<lie ganze Arbeit schien verloren. Da befahl Fontana, 
^elleicht durch seinen Namen daran erinnert, Wasser auf 
<lie Stricke zu gieisen, und siehe da, sie zogen mit solcher 
Gewalt zusammen, dafs sie den Obelisk in die Höhe rich- 
^^! Auf demselben Princip beruht das 1626 von dem 
^Rte Santorio zu Venedig erfundene Hygroskop, bei 
Sehern eine Darmsaite die Feuchtigkeit aufsaugt, und 
^ Hygrometer von Maignan, der die Granne vom wü- 
hlen Hafer verwendete, wie es der französische Reisende 
loneoays 1646 bei Torricelli sah. 

Alle diese Instrumente konnten wohl über das Mehr 
öJer Weniger der Feuchtigkeit in der Luft eine Anzeige 
"efem, aber niemals auch nur angenähert die Menge der- 
selben angeben. Das in den Denkschriften der Acc. del 
Cim. beschriebene Instrument, welches der Grrofsherzog 
Ferdinand U. seine Mostra umidaria nannte, war dagegen 

25 • 



388 Leutungen der Acc. del Cimento. 

ein wirkliches Hygrometer, oder konnte es wenigstens bei 
richtiger Anwendung sein. Es beruhte nicht auf Absorp- 
tion der Wasserdämpfe, sondern auf Kondensation der* 
selben, und hatte folgende Gestalt: 

Ein kegelförmiger Korb, innen ausgepicht, axitaen mit 
Weifsblech bekleidet, stand auf einem Dreifuls und ver- 
lief nach unten in einen spitzen geschlossenen Glastrichter. 
Dieser Apparat wurde mit zersto&enem Eise geftllt, in 
Folge deis sich der dünne Glastrichter stark abkühlte, so 
da(s sich die in der Luft befindlichen Wasserdämpfe dar* 
auf niederschlugen, zu tropfbarem Wasser verdichteten 
und an der Spitze abliefen. Um dies Wasser aufzufangen 
stellte man ^inen durch Glasknöpfchen graduirten Gla£- 
becher darunter, und der Gebrauch des Instruments ^bt 
dann der, dais man die Zeit mafs, während welcher och 
der Becher ganz oder bis zu einem bestimmten Punkt 
mit Wasser fällte. 

Auf diese Weise ermittelte man u. A., dafs in Florenz 
die vom Meere kommenden Süd- und Westwinde feuchter 
waren als die über die Apenninen hinweg streicfaenden 
Nord- und Ostwinde. Der Gebrauch dieses Instruments 
war allerdings etwas umständlich, schon insofern, als er 
immer die Möglichkeit voraussetzte sich Eis Terscbaffen 
zu können; auch konnte es eigentlich erst dann ein Mefs- 
werkzeug genannt werden, wenn man es auf ein einge- 
schlossenes Luftvolumen hätte wirken lassen. Aber das 
Princip desselben war doch rationell, und es muls in der 
That auffallen, dafs man erst in der neueren Zeit nack 
vielen Umwegen wieder zu demselben, aber freilich io 
verbesserter Gestalt, zurückgekehrt ist. 

Da hier vom Niederschlag der Wasserdünste die Rede 
war, so mag bei der Gelegenheit eine gleichfalls darauf 
bezügliche Mittheilung von Dioskorides erwähnt werden. 
Er sagt, um sich auf dem Meere frisches Wasser zu ver- 
schaffen, solle man abgeschorene Wolle rings um das Schifl 
aufhängen; dieselbe werde von den feuchten Dünsten des 



Leistongeii der Acc. del Cimento. 389 

Jfeeres ganz nafs, so dafs man süfses Wasser daraus 
drflcken könne ^). 

173. Das dritte Instrument, welches eich in den Saggi 
beschrieben findet, das Pendel, war auch schon vor der 
Stiftung der Akademie in die Form gebracht, in welcher 
wir es hier antreffen. Es bestand aus einer Kugel, die an 
zwei Fäden hing, um die konische Schwingung zu verhüten. 

Die Akademiker gebrauchten es namentlich zu ihren 
Versuchen Ober die Fortpflanzung des Schalles, die auch 
schon vor der Stiftung der Akademie im J. 1656 ange- 
bt wurden. Sie bemerkten dabei, dals die kleinen 
Schwingungen in kürzerer Zeit als die groisen geschehen, 
vid beschreiben daher eine Art Pendeluhr, als deren Ur- 
M>er sie Yincenzo Galilei 1649 angeben. Hieraus hat 
Ityghens, der wahre Erfinder, Anlafs genommen sich in 
einem Briefe darüber zu beklagen, dafs Magalotti dem 
fiftUlei und seinem Sohn die Erfindung der Pendeluhr zu- 
schreibe. Indeis geht aus einem Briefe Oalilefs vom 
9. Januar 1637 hervor, dafs er die Idee das Pendel mit 
einem Räderwerk zu versehen bereits gehabt hat Wir 
kommen darauf später noch einmal zurück. 

174. Kapitel 11 handelt von den Versuchen über 
den Druck der Atmosphäre. Die Akademiker beschrei- 
^ darin ihr Barometer, welches die Gestalt von Fig. 10 

^^. 10. hatte, also die eines Gefälsbarometers, wie alle 
M der ersten Zeit. Es war mit einer Skala auf 
der Röhre versehen, aber nicht in Zoll und 
Linien getheilt, sondern in Grade mittelst Glas- 
knöpfchen; auch führte es noch nicht den Namen 
Barometer, und kann ich nicht sagen, wer diesen 
Namen eingeführt hat. 

Von wem und wann die ersten Heberbaro- 
meter gemacht sind, läfst sich nicht genau sagen, 
doch gab es dieselben schon während des Be- 
standes der Akademie; Hockers Radbarometer, 




>} Porta, Magia nat. lib. XX, art. 3, pag. 1021. 



390 Leistungen der Acc. del Cimento. 

welches dazu gehört, datirt von 1665. Es findet sich 
allerdings schon ein Heberbarometer in den Saggi be- 
schrieben, aber eins, bei dem der kurze Schenkel zu einem 
feinen Haarröhrchen ausgezogen ist. Es diente dies aber 
nur zu einem besonderen Versuch, nämlich um zu sehen, 
ob, wie Einige glaubten, der Druck der Luft abnehme, 
wenn er durch ein Haarröhrchen wirke. Die Akademiker 
fanden keinen EinfluTs dieses Röhrchens. 

Mit einem Geföfsbarometer von der angegebenen Form 
wiederholten die Akademiker, wie es in den Saggi heifst, 
die zuerst in Frankreich angestellten Versuche über das 
Sinken des Barometers mit der Erhebung vom Erdboden, 
ohne jedoch Pascal zu nennen. Sie wählten dazu einen 
Thurm in Florenz von 142 Bracc. Höhe, konnten inde6 
die Thatsache schon an einem von 50 Bracc. nachweiBen. 

Dals die Saggi selber sagen, der Versuch sei zuerst 
in Frankreich angestellt, ist für die Geschichte insofern 
wichtig, als daraus erhellt, dafs die Ansprüche, die Antinori 
in den Saggi von 1841 in dieser Beziehung f&r Italien 
erheben wollte, wohl unbegründet sind. Er stützt sich 
darauf dafs Claude Berigard aus Moutins (auch Berigoardi 
Professor der Mathematik und Philosophie in Paris, Lyon, 
Avignon, dann in Pisa, zuletzt in Padua, gest. 1663) io 
seinem Circuh PisanOy Udine 1643 sagt: Das mit Queck- 
silber geftülte Bohr lasse am Fufse eines Berges oder Thur- 
mes ein kleineres Vakuum als auf der Spitze eines solchen. 
Allein, wenn das Buch wirklich 1643 erschienen ist, so 
könnte es sein, dafs es eine Anticipation des Verfassers 
wäre, wie wir ftir eine solche auch offenbar die Stelle in 
TorriceUi's Brief an Bieci zu nehmen haben, wo er sagt. 
dafs die Luft am Erdboden am schwersten sei, und sie 
immer leichter und reiner werde, sowie man sich auf den 
Gipfel eines Berges begebe ^). 

Das Fallen des Barometers mit Erhebung vom Erd- 
boden ist bekanntlich eine natürliche Folge davon, dals 



'} Antinori, Notizie istoriche relat all^ Aoc. del Cim. 1841, p. 29. 




Leistangen der Acc. dal Cünento. 891 

der Drnck der Atmosphäre mit der Höhe abnimmt. Da 
die Luft eine elastische Flüssigkeit ist, so folgt aus dieser 
Abnahme des Drucks nothwendig, dafs die Luft selbst 
obea weniger zusammengedrAckt sein muis als unten. Dies 
sahen denn auch die florentiner Akademiker ein, und be* 
wiesen es durch ein Paar recht hübsche Versuche: 

1) Den Apparat, Fig. 11, der in a und a' Luft und 
im Schenkel Quecksilber enthielt, brachten sie an den Fu£s 
Fi^. 11. ^i^^ Thurmes, wo das Quecksilber im Niveau oo' 
stand. Hierauf schmolzen sie bei b zu, und zogen 
den Apparat an einem Faden zum Thurm hinauf. 
Hier stand das Quecksilber in den Schenkeln nun 
ungleich bei u und u; die untere Luft hatte sich 
also, so bald sie oben kam, ausgedehnt. 

2) Der zweite Versuch wurde ebenso aus- 
geführt, der Apparat hatte aber eine andere Form. 
Das Rohr C, Fig. 12, war bei k o£fen und das 
Gefafs ward bei i zugescbmolzen. Da die Luft 
u! im letzteren dichter war als die oben auf dem 
Thurm, so wurde hier das Quecksilber der 
Druckdifferenz entsprechend in die Bohre C hin- 
aufgeprelst. Ausdrücklich bemerken die Akade- 
miker, da(8 man sich hierbei der gleichen Tem- 
peratur unten und oben versichem müsse. 

Obwohl der Druck der Luft durch diese 
Erfahrungen schon hinlänglich bewiesen war, so 
begnügten sich die Akademiker noch nicht da- 
mit, sondern stellten noch eine ganze Reihe von 
Versuchen an, um zu zeigen, dafs es wirklich 
dieser Druck sei, der das Quecksüber im Baro- 
meter halte. Der direkteste unter diesen möchte 
vohl der sein, wo sie mittelst einer kleinen Handluftpumpe 
aus dem verschlossenen Gefafs des Barometers die Luft 
fortnahmen, und nun das Barometer fallen sahen. 

Sie stellten auch den Versuch an, welchen Pascal 
schon 1647 beschrieben hatte und von dem sie sagen, dafs 
bereits Torricelli ihn beabsichtigt habe. Sie neigten näm- 











l^ 




392 Leistungen der Acc. del Gimento. 

lieh das Barometerrohr und beobachteten, daä dabei die 
senkrechte Höhe des Quecksilberspiegels in der Röhre Aber 
<lem äufseren im Geftfs konstant bleibt. Bei fortgesetztem 
Neigen, sagen sie nun, erreiche das QuecksUber endlich 
die Wölbung der Röhre bis auf ein wenig Luft, die im 
Vakuum seil Auch Wasser enthalte Luft. 

Sehr zahlreich und geschickt erdacht sind die Ver- 
suche der Akademiker mit dem Vakuum. Wir bedienen 
uns gegenwftrtig zu solchen Versuchen mit viel besserem 
Erfolge der Luftpumpe. Allein die florentiner Physiker, 
denen nur eine kleine Handluftpumpe zu Gebote stand, 
waren genöthigt dazu das Barometer anzuwenden, welches 
sie zu dem Ende oben erweitert und verschiedenartig ge- 
staltet hatten, um so ein Vakuum von bequemer Form mid 
einigermaßen hinreichender Gröfse zu erhalten. 

Um zu beweisen, dafs die Luft mit vermindertem 
Druck sich ausdehne, brachten sie eine faltige verschlossene 
Lammblase in das Vakuum, welche darin durch die sich 
nun ausdehnende Luft völlig aufgespannt wurde. Femer 
zeigten sie, dafs die Tropfen des Wassers und anderer 
Flüssigkeiten ihre Gestalt nicht dem Luftdruck verdanken. 
Zu dem Ende brachten sie über dem kugelf&rmigen Va- 
kuum noch eine zweite kleinere Kugel an, welche etwas 
Wasser enthielt, und von der ersten durch einen Hahn ge- 
trennt war. Wurde dieser geö&et, so tropfte das Wasser 
in den unteren luftleeren Behälter, und bewahrte hier die- 
selbe Form wie im lufterftülten Raum. Durch einen an- 
deren Versuch zeigten sie, dafs das Steigen der Flüssig- 
keiten in Haarröhren vom Luftdruck ganz unabhängig ist. 
In den Hals einer Flasche wurde ein bis nahe auf den 
Boden gehendes Kapillarrohr gebracht, die obere Flaschen- 
öfinung dicht verschlossen, die Flasche dann horizontal 
gelegt, und etwas Rothwein durch eine Seitenöffiiung hin- 
eingegossen. Nachdem nun aus der letzteren mittelst einer 
Luftpumpe die Luft aus der Flasche entfernt war, wurde 
diese wieder aufgerichtet, worauf das KapiUarrohr mit dem 



Leutnngen der Acc. del Gimento. 893 

Wein in Berührang kam, welcher hineinstieg und stehen 
blieb, als die Lnft wieder Zutritt zu der Flasche erhidt. 

Die florentiner Akademiker fanden auch, dafs Wasser 
im Vakuum Luft entbindet, und da(s es in. diesem schon 
bei m&fsiger Erwärmung zum Sieden kommt. Es waren 
dies jedoch, wie sie selbst sagen, nur Wiederholungen von 
Versuchen des englischen Physikers Bojle« Sie stellten 
femer auch Terschiedene Versuche über die Fortpflanzung 
des Schalles an, kamen dabei aber zu keinem reinen Re- 
sultat Sie hörten eine Glocke noch im Vakuum tönen, 
meinten aber mit Recht, dals dies entweder von zurück- 
pbliebener Luft herrühre oder Ton der Fortleitung des 
Schalles durch den Faden, woran die Glocke hing. 

Es ist indefs wohl zu beachten, dafs das Vakuum, 
Teiches die Florentiner darstellten, selbst das mit dem 
fiarometer erhaltene, kein vollkommenes war, da die Aka- 
demiker noch nicht darauf verfielen das Quecksilber aus- 
zukochen. Wir dürfen uns daher auch nicht wundem, dals 
sie, als sie ihr barometrisches Vakuum erwUrmten oder ab- 
kühlten, eine Vergrößerung oder Verringerung desselben 
bemerkten, aber auffallend ist es, da& sie dies nicht einem 
liDftrfickstand zuschrieben, da sie bei dem oben erwähnten 
Steigen des Barometers doch selber angeben, dafis immer 
^as Luft über dem Quecksilber bleibe, weil ja dasselbe 
nicht ausgekocht war. Von diesem Luftrückstand oder 
eigentlich der darin enthaltenen Feuchtigkeit ist es auch 
abzuleiten, dafs sie häufig von geriebenem Bernstein im 
Vakuum keine elektrische Wirkung bekommen konnten, 
während sie andererseits den Magneten unter denselben 
Umständen immer wirksam fanden. 

Endlich stellten die Akademiker auch eine grofse An- 
ahl von Versuchen mit Thieren an, die sie in das Vakuum 
brachten: Blutegel, Schnecken, Grillen, Fliegen, Schmetter- 
liiige, Frösche, Eidechsen, Krebse und verschiedene Fische. 
Sie erwähnen dabei, dafs Tomcelli die ersten derartigen 
Versuche angestellt habe, aber nur mit sehr kleinen Thieren, 



394 Letstnngen der Aco. del Omienio. 

und daJb es ihm zweifelhaft geblieben sei, ob sie durch 
das Queeksilber der Barometereäule getödtet, oder aus 
Luftmangel gestorben seien. 

175. Kap. III: Ueber das künstliche Gefrieren 
des Wassers. Diese Versuche bezweckten die Gröfise und 
Gewalt der Ausdehnung des Wassers beim Gefrieren näher 
kennen zu lernen. Die Akademiker versohaffien sich kugel- 
oder bimförmige GefiÜse von Messing, Kupfer, Silber oder 
Gold, die durch eingeschraubte Bolzen dicht Terschlossen 
werden konnten. Diese ftlllten sie mit eiskaltem Wasser, 
und liefsen es dann darin gefrieren. Wie stark die Gefalse 
auch sein mochten, allemal bekamen dieselben Risse und 
platzten. 

Man machte auch einen Versuch die Gröfse der Au^ 
dehnung zu bestimmen. Es wurde ein Rohr, das an einem 
Ende offen war, ganz mit Wasser gefüllt und dies dem 
Gefrieren ausgesetzt. Ein Theil des Eises drang dabei 
zum Rohre heraus; dies sonderte man ab, und wog nunj 
das Rohr mit dem Eise. Indem nun dieses Gewicht ver- 
glichen wurde mit dem Gewicht Wasser, welches dasselbe 
Rohr fiülte, fand man es im Verhfthnils 9 : 8 geringen 
woraus denn gefolgert ward, dafs sich das Wasser beim 
Gefrieren im Verhältnils 8 : 9 ausdehne. Diese Versuche, j 
die ersten ihrer Art, haben noch das Bemerkensweithe, 
dais dabei das Gefrieren des Wassers durch eine Kälte- 
mischung bewerkstelligt ward. 

Den florentiner Physikern gebührt das Verdienst eine 
solche Kältemischung wohl zuerst zu wissenschaftlicbeii 
Zwecken benutzt zu haben, denn sie bedienten sich der- 
selben schon im J. 1657 bei Gelegenheit ihrer Versuche 
über die Einwirkung der Wärme und Kälte auf die Ge- 
räumigkeit von Gefifcen. Sie wandten zur künsüicben 
Erzeugung von Kälte yerschiedene Gremische an: Schnee 
und Kochsalz, Schnee und Weingeist, Schnee, Salz und 
Weingeist, Schnee und Salpeter, Schnee und Salmiak. 
Das letzte Gemisch gab ihnen die gröfste Kälte, 5® ihres 
lOOtheiligen Thermometers. 



Leirtnngen der Acc. del CimoDto. 395 

DaCs Weingeist auf Schnee geschüttet Kälte erzeugt, 
Ähren sie als eine bekannte Thatsache an, sagen aber nicht, 
TOD wem sie her stamme. Möglicherweise könnte die eine 
oder andere dieser Erscheinungen schon von dem Eng^ 
linder Boyle beobachtet worden sein, da er sich um die 
Zeit der florentiner Akademie mit ähnlichen Versuchen 
beschäftigte. Indefs datirt seine Experimental History of 
CM, worin er die hierher gehörigen Beobachtungen zu- 
sammengestellt hat, vom J. 1665. Auch muis ich bemerken, 
daß, was den Salpeter betrifft, schon eine viel ältere Beob- 
achtung vorhanden ist, die man bei Porta in seiner Magia 
oat von 1589 findet 

Daselbst wird Buch XX, Kap. 2 angegeben, wie man 
Wa«er aus Luft machen könne. Man fblle> heilst es, 
öien Glaskolben mit einem Gemenge von zerstofsenem 
£is und unreinem Salpeter, den man Solazzo nenne. Da- 
durch entstehe eine grofse Kälte, es schlage sich Waeser 
an dem Kolben nieder, träufle an ihm herab, und könne 
niH emem darunter gestellten Glase au^efangen werden. 
Man siebt, hier ist dasselbe Princip angewandt, worauf die 
Florentiner ihr Hygrometer gründeten, aber Porta hat an 
diese Benutzung noch nicht gedacht. 

Interessant ist noch eine bei dieser Gelegenheit von 
Porta beiläufig gemachte Bemerkung. Man sehe, sagt er, 
ZQ Venedig in den Zimmern, welche Fenster von Glas 
Ilaben, dais diese, wenn es drauisen kalt sei, inwendig zu 
schwitzen beginnen und Wassertropfen an sich herunter 
laufen lassen. Es muTs also wohl damals in Neapel noch 
keine Glaafenster gegeben haben. 

InKap. IV: Vom natürlichen Eise, ist besonders 
^Versuch sehr merkwürdig. Die Akademiker stellten eine 
^e von 500 Pfund Eis in grölserer Entfernung vor 
finem Hohlspiegel auf, und brachten in den Brennpunkt 
desselben eins ihrer empfindlichen Thermometer; augen- 
blicklich sahen sie dieses bedeutend fallen. Es entstand 
bei ihnen der Zweifel, ob dies nicht von der Nähe des 
^668 am Thermometer herrühren möge, und schoben des- 



396 Leistangen der Aoc. del Cimento. 

halb einen Schirm zwischen Spiegel und Thermometer. 
Sogleich stieg dieses auf die Temperatur der umgebenden 
Luft. Sobald sie aber den Schirm fortzogen, sank es aber- 
mals. Es war also nicht die direkte, sondern die durch 
den Hohlspiegel vermittelte Wirkung des Eises, welche 
das Thermometer zum Sinken gebracht hatte. 

Dies ist die älteste Beobachtung über strahlende Wärme, 
oder wenigstens die älteste wissenschaftlich festgestellte 
Thatsache über die Existenz der strahlenden Wärme, denn 
allerdings findet sich schon eine frühere Angabe in Porta'« 
Magia nat. Buch XX, Kap. IV, S. 955 der Uebersetzung. 
Da heifst es: Wenn man eine brennende Kerze in den 
Brennpunkt eines Hohlspiegels stelle, so werde das Licht so 
stark gegen die Augen geworfen, dafs man davon die 
Wärme und den Glanz nicht ertragen könne. Es sei 
auch wunderbar, dafs wie die Wärme so auch die EalU 
zurückgeworfen werde. Worauf sich die letzte Angabe 
stützt, ist nicht näher angegeben. 

In diesem Kapitel sprechen die Akademiker auch tob 
dem Rauch des Eises, und bemerken dabei, dafs er ver- 
schieden sei von dem Rauch verbrennender Körper, und 
vielmehr Aehnlichkeit habe mit den Morgennebeln. 

176. Kapitel V bespricht die Einwirkung der 
Wärme und Kälte auf die Räumlichkeit von GeMen. 
Auch hier stofsen wir sogleich auf einen sehr hübschen 
Versuch. Nach der Lehre damaliger Physiker sollten & 
Körper, wenn sie erwärmt oder erkältet werden, eine iJ^ 
Reaktion ausüben, vermöge welcher sie bei Erwärmung 
Kälte und bei Erkältung Wärme erzeugten. Man nannte 
dies die Antiperistasis. 

Um diese Lehre zu prüfen erwärmten die Akademiker 
Eis, indem sie eine damit gefüllte Schale in eine andere 
voll siedenden Wassers setzten, erwartend, dafs das £is 
vermöge der Antiperistasis sich noch mehr abkühlen würde. 
Allein sie sahen, wie schon früher erwähnt, das Eis schmel* 
zen, und dabei die Temperatur unveränderlich auf einem 
und demselben Punkt beharren. Um die Antiperistasis 



Leistnngeii der Acc. del Cimento. 397 

noch auf eine andere Probe zu stellen, füllten sie ein ther- 
mometerartiges Glasgefäfs mit kaltem Wasser, und brachten 
es rasch in siedendes. Da .sahen sie nun wirklich im ersten 
Aogenblick das Niveau des eingeschlossenen Wassers fallen, 
aU ob es sich bei erster Einwirkung der Wärme zusammen- 
gezogen oder erkältet habe. Allein die Akademiker mach- 
ten den richtigen Schlufs, dafs das Fallen dieses Wasser- 
thennometers nicht von einer Zusammenziehung des Wassers, 
sondern von einer Ausdehnung der Glashülle herrühre, auf 
welche die Wärme in den ersten Augenblicken ihre volle 
Wirkung äulsem müiste, während sie das Wasser nur noch 
unvollkommen durchdrungen habe. 

Damit an der Richtigkeit dieses Schlusses kein Zwei- 
lei bleibe, änderten die Akademiker den Versuch in einer 
selr belehrenden Weise ab, durch welche der wahre Vor- 
^ gleichsam ad oculos demonstrirt wurde. Sie brach- 
ten nämlich in das Wasserthermometer mehrere von ihren 
Glaskügelchen, die bei gewöhnlicher Temperatur ein glei- 
ches oder etwas geringeres specifisches Gewicht hatten 
als das Wasser, also in diesem oder auf diesem schwimmen 
blieben. Nun wiederholten sie den Versuch, und sahen 
l>ei schneUer Eintauchung des Thermometers in heifses 
Wasser nicht allein das Niveau des eingeschlossenen 
Wassers sinken, sondern auch die Glasperlen. Das Sinken 
dieser Glasperlen gab den augenscheinlichen Beweis, dafs 
das Wasser specifisch leichter also wärmer geworden sei, 
oder sich ausgedehnt hatte, folglich konnte das Sinken 
des Niveaus nur von der Ausdehnung des Glases her- 
rühren, und mithin war auch für diesen Fall die hypo- 
thetische Antiperistasis vollständig widerlegt. 

Nachdem die Akademiker den eben beschriebenen 
^ersuch angestellt, zeigten sie auch, dals man bei einer 
gewissen Gestalt des Gef&Ises die entgegengesetzte Wir- 
bmg erhalten kann, nämlich bei rascher Eintauchung in 
heifses Wasser zuerst eine starke Ausdehnung der Flüssig- 
keit, und bei rascher Eintauchung in kaltes Wasser eine 
Zusammenziehung. 





398 Leistnngen der Aoc. del Gimento. 

Eb erfolge dies, wenn das Gef&Ts die Gestalt A Fig. II 
habe und die Wände diok seien, und zwar aus dem Grunde 
Fig. 13. ^^^ ^^^ rascher Erwärmung oder Erkil 
tung die Aulsenseite des konkaven Theile 
im ersten Falle ausgedehnt, im letzten m 
sammengezogen, und dadurch der Baum' 
gehalt der Flasche in jenem Fall Terringen 
und in diesem vergrölsert werde. Sie wiesei 
dies experimentell nach, indem sie ein< 
Fig. U. dicke gekrOmmte Glasfeder B Fig. 14 durcl 
Annäherung einer glühenden Kohle an der 
Krümmung rasch erwärmten, zuerst aulser- 
halb bei o, und dann innerhalb bei b. Im 
ersten Fall gingen die Schenkel zusanuDen, 
im letzten auseinander. Diesen Versuch 
modificirten sie mehrfach u. A. auch dahin, dais sie einen 
Metalldraht zwischen den Schenkeln der Glasfeder aus-i 
spannten, und den Ton desselben mit dem Ton einer Zither! 
in Einklang brachten. Wurde nun die glühende Kohle 
einmal der konvexen Seite a und ein anderes Mal der 
konkayen b genähert, so ward der Ton im ersten Fall 
tiefer, im zweiten höher in Folge der geänderten Spannung.! 
Alle diese Versuche betrafen die Gestaltsyeränderang 
der Körper bei ungleichförmiger Erwärmung derselben« 
oder {br den Fall, wo die Wärme sich in ihnen nocb 
nicht ins Gleichgewicht gesetzt hatte. Die Akademiker 
untersuchten indefs auch die Wirkung einer gleichförmig« 
Erwärmung der Körper, und zeigten dabei auf verschiedene 
sehr augenföllige Weisen, dafs diese Wirkung immer in 
einer Ausdehnung oder Volumenyergröiserung bestehe. 

Für Glas war ihr Apparat etwas künstlich. Ein« 
zu einem kreisrunden Ring geformte Glasröhre hatte zwei 
Eingufsöfinungen, und innerhalb des Ringes ein genan 
passendes Kreuz yon Holzstäbchen. Wurde nun in den 
Glasring heilses Wasser gegossen, so pafste das Holzkreoz 
nicht mehr, sondern fiel heraus. 



Ldstangen der Aoc. del CSm«iitck 399 

Für Metall Terfahren sie Terscfaieden. Entweder 
iutten sie einen King, der bei gewöhnlicher Temperatur 
genau auf einen Cylinder paiste und der also erwärmt 
darauf schlotterte, oder Kegel, die mit der Spitze in die 
Löcher einer Stahlplatte gesteckt wurden, und um so 
weniger tief hineingingen, je mehr sie erwärmt worden 
waren; oder sie nahmen einen Draht, befestigten daran 
eine Eagel und liefsen diese bis dicht an einen horizon- 
talen Spiegel herab. Bei Erwärmung des Drahtes näherte 
sich die Kugel sichtbar dem Spiegel und umgekehrt. 

Die Methode mit dem Kegel wandten sie auch an, 
m die Ausdehnung des Holzes durch Feuchtigkeit zu 
«tweisen. Ein Ring von Bnchsbaumholz wurde auf einen 
Meädlkegel geschoben, erst trocken und dann nachdem 
«r drei Tage in Wasser gelegen hatte. Eine Marke am 
Kegel zeigte nun, dais er sich jetzt viel weiter aufschieben 
Keis. 

177. Kap. VI hat zum Inhalt die Zusammen- 
drückbarkeit des Wassers. Die Versuche darüber 
waren sämmtlich unfruchtbar, und konnten auch kein reines 
Resultat geben, da man kein Mittel auffand die Ausdeh- 
Qong der GefiÜse zu verhindern, in denen man das Wasser 
^omprimiren wollte. Einer der Versuche bestand darin, 
dals man das Wasser in eine silberne Kugel einschlofs, 
die man durch Hämmern auf ein kleineres Volumen zu 
bringen hoffie; der Erfolg war aber, daCs bei diesem 
Hünmem die Silberkugel Poren bekam, aus welcher das 
Waaser herausspritzte. Erst in neuerer Zeit ist erwiesen, 
^ auch tropfbare Flüssigkeiten durch mechanische Ge* 
valt zusammendrückbar sind, obwohl in einem weit gerin- 
o^n Grade als Gase. 

Versuche zum Beweise des Nichtdaseins einer 
positiven Leichtigkeit erfüllen Kap. VTI. Die Er- 
^heinnngen des Aufsteigens von Rauch in der Luft, von 
Holz in Wasser u. dgl. m. hatt^i unter den alten Physi- 
lEem die wunderliche Lehre erzeugt, dafs es absolut 



400 Lektangen der Acc. del Cimento. 

leichte Körper gebe, und dafs sie sich vermöge dieser 
angeborenen Leichtigkeit in anderen erhöben, die nicht 
mit dieser Eigenschaft begabt seien. Diese Lehre fand 
noch in der Mitte des XVII. Jahrhunderts ihre Anh&nger, 
obgleich schon Galilei und Torrieelli dagegen gekämpft 
und gezeigt hatten, dafs jenes Aufsteigen nur hervorgehe 
aus dem Druck des umgebenden specifisch schwereren 
Mittels. 

Die Akademiker del Cimento suchten nun die positiTe 
Leichtigkeit dadurch zu widerlegen, dafs sie zeigten, wie 
mit Aufhebung dieses Drucks auch das Steigen der so- 
genannten leichten Körper aufhöre. Sie richteten es näm- 
lich so ein, dals ein Körper nur von den Seiten her den 
Druck des specifisch schwereren Mediums erleiden konnte, 
der Druck von unten her aber fortgenommen war, und 
da sahen sie denn, dafs das Steigen nicht erfolgte. 

Sie verschafilen sich eine Holzbüchse mit vollkommen 
ebenem Boden, und einen Holzcylinder mit vollkommeQ 
ebener Grundfläche; der Cylinder hatte einen beträchtlicb 
kleineren Durchmesser als die Büchse. Sie stellten ihn 
nun in die Büchse, und gössen in den Zwischenraum vor- 
sichtig Quecksilber bis nahe zum oberen Band, und siehe 
da, der Cylinder hob sich nicht! Einen fihnhcben Versuch 
machten sie mit einer elfenbeinernen Kugel, die bis zor 
Hälfte in eine genau passende kugelförmige Schale von 
demselben Material gelegt war; auch hier hob darauf ge- 
gossenes Quecksilber die Kugel nicht von ihrer Unterkf 
ab. So wie indeis das Quecksilber nur ein wenig Gelegt* 
heit hatte unter den Cylinder oder die Kugel zu konuneiu 
so wurde der eine wie die andere natürlich sogleich ge- 
hoben. Dadurch war also der Grund des Steigens von 
Körpern in specifisch schwereren Mitteln demonstrirt 

Kap. VIII, Versuche über den Magnet und Kap.l^ 
Versuche über den Bernstein enthalten wenig Eigen- 
thünüiches. Nur im neunten Kapitel findet sich eine be- 
merkenswerthe Thatsache, nämlich die^ dais die elektrische 



Leistungen der Acc. del Cimento. 401 

Kraft des geriebenen Bernsteins zerstört wird, wenn man 
ihn um eine Flamme herumfahrt. 

Auch Kap. X, das Ton den Farbenveränderungen 
einiger Flüssigkeiten bandelt, enthält nichts Bemer- 
kenswertbes, allenfalls könnte es von Interesse sein zu 
wissen, dafs die Akademiker die Röthung der Lackmus- 
tinktur und ähnlicher Flüssigkeiten durch Säuren, z. B. 
Citronensaft, Schwefelsäure, sowie die Herstellung der 
blauen Farbe durch Kalilösung (Oleum tartari^ u. s. w. 
schon gekannt haben. 

Kap. XI enthält die Versuche über die Fortpflan- 
zungsgeschwindigkeit des Schalles, welche, obwohl 
JMselben sich in den Saggi beschrieben finden, schon vor 
iet Stiftung der AJkademie im J. 1656 angestellt wurden, 
voran namentlich Borelli und Yiviani sich betheiligten. 

Die Methode war die schon von Oassendi und Mersenne 
angewandte, dafs man die Zeit zwischen Blitz und Knall 
eines in einer gemessenen Entfernung abgefeuerten Ge- 
schützes beobachtete. Man f&hrte indefs die Methode ge- 
nauer aus, und kam dadurch der Wahrheit näher. Man 
£&nd 1111 par. Fufs in der Sekunde, während die wahre 
Geschwindigkeit nach Moll und V. Beek 1022,8 p. F. bei 
0^ ist (§ 135). Auf die Temperatur wurde nicht Rücksicht 
genommen, auch mochte die mit einem Pendel gemachte 
Zeitbestimmung nicht genau sein. Wie Oassendi fand man, 
dafs der Wind keinen Einflufs auf die Schallgeschwindig- 
keit habe, er mochte mit oder gegen den Schall gehen, 
was natürlich nicht streng richtig sein kann. 

Kap. XII giebt die Versuche mit Projektilen. 
Hier prüften die Akademiker zunächst den von Galflei 
ttfgestellten Satz, dafs eine in gewisser Höhe horizontal 
^geschossene Kugel in derselben Zeit den Boden erreicht, 
in welcher sie ihn senkrecht herab£edlend durch blofse 
Wirkung der Schwerkraft erreicht haben würde. Sie 
inachten die Versuche zu Livomo auf einem 50 EUen hohen 
Thunn der Festungswerke am Meere. Sie schössen Kugeln 

Poggeadorff, OMcb. d. Physik. 26 



402 Leistungen der Aoc del Gimeiito. 

von yerschiedenem Kaliber in horizontaler Richtung nach 
der Meerseite hin ab, und beobachteten genau, wann sie 
ins Wasser fielen. Dann liefsen sie Kugeln vom Tburm 
senkrecht herabfisdlen, und beobachteten auch die dazu er- 
forderliche Zeit. Beide Zeiten erwiesen sich gleich. 

Eine zweite Untersuchung betraf den Widerstand der 
Luft. Galilei hatte, wie schon früher erwfthnt, vonuu- 
gesagt, dafs, wenn man eine Kugel senkrecht herabschie&e, 
einmal aus einer kleinen, das andere Mal aus einer groisen 
Höhe, ihre Geschwindigkeit im letzteren FaUe geringer 
sein würde als im ersten, obgleich bei dem Schusse aus 
greiser Höhe noch die Fallgeschwindigkeit mitwirkt Er 
hatte dies als eine Folge des Widerstandes der Luft be- 
zeichnet, welcher bei dem Schuls aus grofser Höhe ver- 
möge des längeren Weges durch die Luft wirksamer sein 
muifl als bei dem Schuls aus kleiner Höhe. 

Die Akademiker prüften diese Divination ihres greisen 
Lehrers durch den Versuch» indem sie Kugeln von gleichem 
Gewicht und mit gleicher Ladung aus verschiedenen Höhen 
senkrecht auf eine Eisenblech-Tafel herabschössen. Immer 
fanden sie, dafs die Eindrücke, welche die Kugeln auf 
dieser Tafel machten, bei denen aus greiser Höhe schw&cher 
waren als bei denen aus kleiner. 

Kap. Xin berichtet über verschiedene Versuche. 
Unter diesen, die nicht allein ihrem Gegenstand, sondern 
auch ihrem Werthe nach sehr verschiedenartig sind, ver- 
dienen, aufser dem schon angefiihrten über die Konstaor 
der Temperatur des schmelzenden Eises, nur die Ober dss 
Licht einige Erwähnung. Sie bezweckten zunächst die 
Fortpflanaungsgeschwindigkeit des Lichts zu messen. 

Gftlitoi hatte zu diesem Behuf vorgeschlagen, es 
möchten sich zwei Beobachter in einer gewissen Ent- 
fernung von einander aufstellen, bdwle versehen mit Lichtem 
oder Lampen, die durch einen Schieber verdeckt und auf- 
gedeckt werden können. Beide sollten anfänglich die 
Lampen verdecken, hierauf der Eine zu einem festge- 
setzten Moment den Schieber seiner Lampe fortziehen. 



PbosphoreBoenz. 403 

und der Andere an seiner Lampe die Operation wieder- 
holen, sobald er das Licht der ersten erblickt. Dann wäre 
das Intervall zwischen dem Moment, wo der erste Beob- 
achter seine Lampe aufdeckte nnd dem, wo er das Licht 
des Anderen erblickte, die Zeit, welche das Licht gebrauchte, 
am die doppelte Entfernung der Beobachter zu durchlaufen. 

Die Akademiker fährten diesen im Princip ganz rich- 
tigen Vorschlag f&r einen Abstand von einer Miglie 
zwischen den beiden Beobachtern aus, allein ohne Erfolg; 
wie wir jetzt wissen aus dem sehr natürlichen Grunde, 
weil die Geschwindigkeit der Fortpflanzung des Lichts 
^1, yiel zu grofs ist, als daüs wir dieselbe für irgend eine 
^ der Erde mögliche Entfernung messen könnten selbst 
imk die schärfsten Mittel, geschweige denn durch ein 
50 rohes Verfahren, wie das eben genannte. 

Endlich finden sich in diesem Kapitel noch einige 
Beobachtungen über die Wirkung der Brennspiegel und 
über die Phosphorescenz. 

Von den Brennspiegeln bemerken die Akademiker, 
dal's man mittelst derselben zwar das weilseste holländische 
Papier und Leinen verbrennen könne, dafs sich aber doch 
weiise und farblose Körper im Allgemeinen viel schwerer 
entzünden lassen, als gefärbte und dunkle, und dais Wein- 
g^ gar nicht zu entzünden sei. Was endlich die Phos- 
pborescenz betriffi, so beschränkte sich ihre Angabe darauf, 
<lais Zucker oder Steinsalz im Dunkeln beim Zerstofsen 
oder Beiben ein helles Licht entwickeln, dafs aber anderen 
Körpern wie Bernstein, Alaun, Salpeter u. s. w. diese 
Eigenschaft abgeht. 

Phosphorescenz. 

178. Ob' obige grade die ersten Beobachtungen dieser 
Art von Phosphorescenz seien, mufs ich dahin gestellt 
8^in lassen, aber sowiel ist gewifs, dafs andere Klassen 
von Phosphorescenzen schon längst bekannt waren. So 
Wüten Aristoteles und Plinius das Leuchten lebender 
Geschöpfe und faulender Substanzen, wie das Leuchten 

26* 



404 Phosphoreeoenz. 

der See, der Pfaoladen, gewisser Fische und Insekten, 
welche beide Arten von Phosphorescenzen an Thomu 
Bartholin im XVII. Jahrhundert zum Theil schon vor der 
Acc. del Cimento einen genauen Beobachter fanden, wie 
sein Werk : De litce animcUium, Ha/iu 1669 bekundet ^). 

Aber auch die dem Physiker näher liegende Phos- 
phorescenz durch Insolation oder Bestrahlung war um 
diese Zeit schon bekannt. So spricht PliBios, freilich in 
etwas fabelhafter Weise von leuchtenden Edelsteinen, Car- 
bunculus, Chrysolampis, Selenites, und wenn diese Angaben 
auch für uns unverständlich bleiben, weil wir nicht wissen, 
was ftü* Steine mit diesen Namen gemeint sind, so ist 
doch sicher, dals Albrecht y. BollstUdt (Albertus Magoa^j 
schon wuIste, dafs der Diamant leuchtet, wenn man ilrn 
mäfsig erwärmt'). 

Aber es gab um die Zeit der Acc. del Cimento noch 
eine viel jüngere Entdeckung in diesem Gebiet, welche 
in der zweiten Hälfte des XVII. Jahrhunderts viel Auf- 
merksamkeit erregte. Es ist die Entdeckung des b o De- 
nis chen oder bologneser Phosphors oder Leuchtsteios. 
Sie wurde zufällig gemacht von Yincenzo Caseariolo, einem 
Schuster zu Bologna, der zu Galilefs Zeit lebte. Er unter« 
warf zum Behuf der Darstellung eines chemischen Arka- 
nums Stücke von einem am Fulse des Berges PatenM 
brechenden Steine der Ealcination zwischen Kohlen, u 
machte nun die Beobachtung, dafs der also kalcinirte S 
im Dunkeln leuchte, wenn er vorher eine Zeit lang i> 
Licht gelegen habe. 

Die Entdeckung dieses Leuchtsteins wird gewöhnlidl 
in das J. 1630 verlegt, wiewohl Einige z. B. HeiDriek 8i( 
schon in die Jahre 1602 bis 1604 versetzen. Jal. CaMl 
La Galla erwähnt den bononischen Stein schon in seinen 
De phaenomenia in Orbe Lunae, Venet. 1612 y und sa^ 
daselbst, Oalilei habe in einem Gespräch mit ihm Z weife 
über die unkörperliche Qualität des Lichts geäuisert, un( 

») Fischer, Gesch. d. Phys. IT, 115. 

*) PlacicL Heinrich, Die Phosphorescenz der Körper S. 9. 



Phosphorescenz. 405 

sich dabei auf die Eigenschaften des bologneser Steins 
berafen. Die Entdeckung desselben erregte, wie schon 
gesagt, im weiteren Verlauf des XVII. Jahrhunderts viel 
Aaiberksamkeit. Ein gewisser Fortnnio Liceti gab darüber 
eine eigene Schrift heraus: Litheophoapharus a. de lapide 
bonontenai in tenebria lucentey ütini 1640, und Pater Kircher 
handelt in seiner Ära magna lucia et umbrae auch weit- 
läuftig davon. 

Sie weckte aber auch mehrfach das Streben zu ähn- 
lichen Entdeckungen, so dais Heinrieh, ein neuerer Physiker 
gar meint, man könne die zweite Hälfte des XVII. Jahr- 
bukderts billigerweise die phosphorische Epoche der Natur- 
\^ nennen. Dagegen möchte sich wohl einwenden lassen, 
(hä die Physik jener Epoche mit ganz anderem Lichte 
geglänzt habe, als mit dem schwachen Schein jener künst- 
liehen Phosphore, aber wahr ist es, dafs im Laufe des 
XVII. Jahrhunderts mehrere Substanzen entdeckt wurden, 
die, wie der bononische Stein, die Fähigkeit haben nach 
Bestrahlung durch Licht im Dunkeln zu leuchten, ohne 
<ial'$ dieses Leuchten durch einen Verbrennungsprocels be- 
wirkt wird. 

Der bononische Stein ist, wie wir jetzt wissen, Schwefel- 

Harynm, entstanden aus der Reduktion des Scfawerspaths 

durch Kohle. Ihm folgte der BalduinWhe Phosphor, 

^eckt 1675 v(a Ckfistdpli Adolph Baldttiii, Amtmann zu 

Grolsenhaiii in Sachsen. Sein Präparat war mutfamafslich 

I)aa6ch Salpetersäure Ealkerde. Dann kam der II om- 

berg'sche, basisches Chlorcalcium, entdeckt 1693 von 

«■kerig, and endlich der Canton'sche, entdeckt 17f>8 

«om En^ämder CaattB und seiner Zusammens^^tzung nach 

iNiwefelcalciiini« 

I Zwischen die Zeiten d«>T Entdeckung aller die^^r 

jlWphore oder Licfatsao^er fallt die Entdeckung A*r% K^- 

\V^. den man jetzt Torzug«» weise Phosphor nennt, und 

»tkemab Harn* oder Urinpho^phor nannte, durch den zu- 

^k2»kaai]MDCfi kunburger Kanftnann Bnad im J. 16^;^, 

^^ch LobBti 1677. 



406 W&rmekapadtftt 

Wännekapacität 

179. Mit dieser Digression in die frtthere Geschichte 
der Phosphorescenz würde ich f&glich den Abrils der 
Leistungen unserer Akademie schliefsen können, da ich 
den Hauptinhalt ihrer Saggi ziemlich yoUstftndig aus ein- 
ander gesetzt habe, wenn nicht ein mit der neuen Auflage 
dieses Werks yeröffentlichter Auszug aus den Ti^ebüchen 
der Akademie mir noch Gelegenheit zu einem kleinen 
Nachtrag gäbe. Aus diesen Auszügen ersieht man, daü 
das in den Saggi Veröffentlichte nur eine Auswahl der 
▼on den Akademikern angestellten Versuche enthält, and 
dais sie auTser diesen noch eine sehr grofise Anzahl anderer, 
freilich meistens über dieselben Gegenstände untemahmeo. 
die sie wohl noch nicht reif hielten fbr die Bekumt- 
machung. 

Unter diesen sind einige, aus welchen hervorgek 
da(s die Akademiker sowohl von der Wärmeleitung ak 
von der Wärmekapacität oder specifischen Wärme einige 
Kenntnifs hatten. Was namentlich die letztere betriH 
die in den Tagebüchern sogar mit dem Namen Kapacität 
belegt wird, so beobachteten sie darüber folgende Er- 
scheinungen : 

Sie machten sich, was wir hier zum ersten Mal^ 
erfahren, ein Quecksilberthermometer und ein Wasstf- 
thermometer von gleicher Gröfse, wie ihre gewöhnlich« 
Weingeistthermometer, und stellten beide in eine beträcht- 
liche Masse kalter oder warmer Flüssigkeiten. Da sahen 
sie denn das Quecksilberthermometer rascher fallen oder 
steigen als das Wasserthermometer, obwohl der Betrag 
des Fallens oder Steigens bei ihm kleiner war als bei 
letzterem. 

Die zweite Erscheinung ist diese: Sie gössen gleiche 
Massen verschiedener Flüssigkeiten, die bis zu gleicbem 
Chrade erwärmt waren, auf Eis, und da beobachteten sie, 
dafs die Menge des geschmolzenen Eises nach der Natar 
der Flüssigkeit sehr verschieden war. 



KapiUaritat. 407 

Kapillarität 

180. Die Saggi der Acc. del Cimento umfassen nicht 
die ganze Thfttigkeit der Mitglieder dieser Körperschaft, 
vielmehr gaben einige der Mitglieder sowohl wie der Korre* 
spondenteA der Akademie anderweitige physikalische Schrif- 
ten herans, mit denen wir uns auch bekannt machen müs- 
sen, um ihre Verdienste um die Fortbildung der Wissen- 
schaft vollständig zu würdigen. Unter diesen Arbeiten will 
ich nur die über Kapillarität und verwandte Gegenstftnde 
etwas nfiher betrachten, um die bereits früher angedeutete 
Geschichte derselben zu ergänzen. 

Wer eigentlich die Erscheinungen der Kapillar- At- 
traktion zuerst beobachtet und beachtet bat, namentlich 
das Aufsteigen der Flüssigkeiten in sehr engen Röhren, 
den sogen. Haarröhrchen, ist nicht mit voller Gewifsheit 
anzugeben. Paseal kannte die letztere Erscheinung noch 
nicht, wie deutlich aus einer Aeufserung in seinem TVot^ 
de tiquüibre dis liquides hervorgebt, wo er sagt, homogene 
Flüssigkeiten setzten sich in kommunicirenden Röhren 
immer ins Gleichgewicht, wie auch der Durchmesser dieser 
Röhren beschajBPen sei ^). Dieser TraiU erschien 1663 nach 
Paseal^s Tode, und scheint der Herausgeber ebensowenig 
Kenntnüs von anderweitigen Arbeiten über die Kapillarität 
gehabt zu haben, denn er schreibt die Entdeckung des 
Ansteigens der Flüssigkeiten in Haarröhrchen einem Jesui- 
ten Joh« Bho aus Mailand zu, der 1662 zu Rom starb. 
Dals dieser aber nicht der erste Entdecker ist, läTst sich 
verbürgen. Viel früher als er hat Aggiunti die Erschei- 
nung beobachtet, der aber nicht Mitglied der Acc. del Cim. 
war, sondern schon lange vor deren Stiftung im J. 1635 
ais Professor der Mathematik in Pisa starb (§ 163). 

Aber auch Aggiunti hätte hier nicht die Priorität, 
wenn es wahr ist, was wir übrigens nicht zu bezweifehi 
Ursache haben, dafs schon Leonardo da Vinci die hierher 



^) Libri, Bist. etc. II, 249; Buach, Handb. d. Erfindungen VI, 7. 



408 Kapillarität. 

gehörige Beobachtung machte. Libri^) beruft sich dieser- 
halb auf die in Paris aufbewahrten Manuskripte des grofsen 
Malers, die ich leider nicht einsehen konnte, um zu be- 
nrtheilen, wie weit eigentlich die Beobachtung desselben 
reichte. 

Wenn indefs die Kapillarwirkung enger Röhren im 
Allgemeinen schon zu Anfang des XVI. Jahrhunderts ein- 
zelnen Physikern in Italien bekannt war, so ist doch gewilis, 
dafs die Erscheinung erst um die Mitte des XVU. Jahr- 
hunderts genauer untersucht wurde. Hier ist vor Allem 
BorelU zu nennen, der in seinem Werke: De vi repercun- 
aionis et motionibus naturaltbas a gramtate pendetUibui 
u. A. auch die Kapillarwirkungen in Betracht zieht. Das 
Werk ist zwar erst 1670 zu Reggio erschienen, nach des 
Verfassers eigener Angabe sind aber die darin beschriebe- 
nen Versuche schon 1655 angestellt. Dies ist nicht in 
Zweifel zu ziehen, da wir wissen, dafs das Werk bereits 
zu den Lebzeiten der Acc. del Cim. vollendet war, und 
Borelli grade darum mit dem Fürsten Leopold zerfiel, dafs 
er es nicht, wie dieser wünschte, den Saggi einverleiben 
wollte. Auch hat Borelli ja an den Versuchen theilgenom- 
men, wodurch die Akademiker bewiesen, daCs nicht der 
Luftdruck die Ursache der Kapillarität sei. 

In jenem Werke finden sich manche bemerkenswerdie 
Beobachtungen: 

1) dafs das Ansteigen von Flüssigkeiten, namentlicli 
Wasser, in Haarröhrchen schneller und höher geschdie. 
wenn die Röhre feucht ist; 

2) dafs die Flüssigkeit auch in dem Röhrchen hängen 
bleibt, wenn man es ganz aus der Flüssigkeit herauszieht; 
dafs die so getragene Flüssigkeitssäule ebenso lang ist, wie 
wenn das Röhrchen die Flüssigkeit berührt; dafs sich ao 
der herausgezogenen Röhre unten ein Tropfen bildet, wenn 
die Säule in der Röhre länger ist als die, welche, wie in 



^) Bist des scieiices math. en Italie III, 54. 



KapiUaritilt. 409 

dem zavor genannten FaU, duroh freiwilliges Erheben ent- 
steht; daia man den Tropfen fortnehmen könne, ohne die 
Unge der Sänle zn ändern, nnd endlich dafs, wenn die 
Säule kfirzer ist als jene des Ansteigens, und man einen 
Tropfen nnten an die Bohre bringt, dieser hineingezogen 
wird. — Aus dem Allen schlols Borelli, dafs die KapiUar- 
ErBcheinnngen nicht vom Luftdruck bedingt werden. 

3) Als Borelli ferner untersuchte, wie stark sich ein 
und dieselbe Flüssigkeit in Röhren von verschiedener 
Weite erhebe, fand er das Gesetz, dafs sich die Höhen des 
Ansteigens umgekehrt verhalten wie die Durchmesser der 
Röhren, oder dafs A : A' = <f : (2, wenn h und K die Höhen 
vnd d, d die entsprechenden Durchmesser sind. 

4) Oübert's oder eigentlich Norman^s Beobachtung, 
dafis Stahl- oder Eisennadeln vorsichtig auf Wasser gelegt, 
darauf schwimmen bleiben, veranlafste Borelli diesen Er- 
scheinungen weiter nachzugehen. Er verschafile sich zwei 
kleine Messingplatten, die mit Stielen versehen waren. 
Diese legte er vorsichtig auf Wasser, wo sie schwimmen 
blieben. Darauf näherte er sie mittelst der Stiele einander, 
und da sah er denn, dafs sie innerhalb eines gewissen 
Abstandes einander anzogen; auch beobachtete er, dafs 
das Wasser zwischen beiden Platten einen Berg bildete, 
und dafs überhaupt die Platten sich in dasselbe senkten, 
oder das Wasser gegen sie eine konvexe Oberfläche bildete. 

Denselben Versuch wiederholte er mit zwei ähnlichen 
Holzplatten, und beobachtete, dafs das Wasser rings um 
dieselben eine konkave Oberfläche bildete, dafs dem- 
zufolge, wenn er die Platten hinreichend nahe brachte, 
zwischen beiden eine Vertiefung entstand, aber auch in 
diesem Fall eine gegenseitige Anziehung der Platten 
erfolgte. 

Nun nahm er eine Messing- und eine Holzplatte, und 
brachte sie mittelst der Stiele ziemlich nahe aneinander. 
Da sah er dann, dafs die Flüssigkeit zwischen beiden eine 
konvex-konkave Gestalt besafs, und dafs, wenn er die Stiele 
losliels, eine Abstofsung zwischen den Platten erfolgte. 



410 Kapilluitit. 

Diese Versuche waren es namentlich, die Btrelli 1655 
dem Grofsherzog Ferdinand 11. und dem Fürsten Leopold 
zeigte und verschiedentlich modificirte. So u. A. nahm 
er statt der Messingplatten zwei Glasplatten und beobach- 
tete dabei, dafs, nachdem sie miteinander in BerOhnmg 
gekommen waren und er alsdann die eine heraas hob, die 
andere daran hängen blieb und daran herabratschte ohne 
abzufallen, wenn er jene neigte. Borelli gab sich Tiel 
Mühe den Grund dieser Erscheinung aufzufinden, aber dies 
gelang ihm ebenso wenig als er zu erklAren yermocbte^ 
weshalb zwei Quecksilberkügelchen, die zur gegenseitigen 
Berührung gebracht sind, zu einem einzigen Kügelchen zu- 
sammenfliefsen ^). Ueberhaupt war Borelli in der Theorie 
der Eapillar-Phänomene nicht glücklich. Das einzige Rich- 
tige darin ist, was er schon experimentell darthat, dalg 
diese Erscheinungen nicht vom Luftdruck bedingt werdca. 

181. Aufser Borelli beschäftigten sich noch mehrere 
Physiker jener Zeit mit den Kapillarvorgängen, so z. R 

Honor6 Fabri, Isaac Yofis, Robert Boyle und Montanaii 
im Ganzen aber haben diese den von Borelli gemachten 
Beobachtungen wenig Neues hinzugefügt Was Fabri be- 
trifit, den wir schon früher kennen gelernt haben (§ 165)< 
so spricht er von der Kapillarität in seiner Phyiica in 
decetn tractatus distributa, Lugd. 1669. Er ist noch der 
Meinung, dafs sie eine Wirkung des Luftdrucks sei, und 
die einzig beachtenswerthe Beobachtung von ihm wäre. 
wenn er sie wirklich zuerst gemacht hat, dafs das Wasrr 
niemals oben zu einem Haarröhrchen herausfliefst, eins 
Thatsache, die später noch oft übersehen ist. 

Von dem Holländer Isaac Yofs (Vossios), den ich be- 
reits bei den optischen Arbeiten von Deseartes erwähnte 
(§ 139), wäre blofs anzuführen, dais er die Depression des 
Quecksilbers in Haarröhrchen kannte. Sonst enthSlt seine 
Arbeit nichts Neues, denn seine Erklärungen der Kapillar- 
Erscheinungen durch die Viskosität der Flüssigkeiten kann 



1) Fischer, Gesch. d. Phys. I, 319, 320. 



EapiUaritftt. 411 

wohl nicht dafbr angesehen werden. Seine hierher ge- 
börigen Beobachtungen hat er angegeben in dem Werk: 
De Nili cdiorumque ßuminum origin$y Hagae 1666. 

Was Robert Boyle betriflH, so werde ich später noch 
auf ihn zurOckkomnaen, es bliebe mir hier also nur noch 
Montanari zu betrachten übrig, dessen ich schon früher 
ab B^leiter von Paolo del Bnono und als Korrespondent 
der Acc. del Cimento ehreuToU gedachte (§ 160, 164). 

Geminiano Montanari wurde 1633 zu Modena geboren, 
wo er auch seine Bildung erhielt Er mufs wohl nicht 
ohne Vermögen gewesen sein, denn nachdem er mit P. d. 
Baona die Reisen in Oesterreich gemacht hatte, sehen wir 
ib längere Zeit in Florenz als Privatmann den Wissen- 
schaften leben, und erst 1661 nahm er von Alfons lY., 
Herzog Ton Modena, den Titel eines Hof-Philosophen und 
Hof- Mathematikers an. Nach dem noch in demselben 
Jahre erfolgten Tode dieses Protektors lebte Montanari 
einige Jahre beim Grafen Comelio Malyasia, einem bologneser 
Senator und Beförderer der Astronomie, dem die Italiener 
wohl die Erfindung des Mikrometers zuschreiben, da er 
zur Messung kleiner Abstände zwischen den Himmels- 
körpern ein Gitter von Silberdraht in seinem Fernrohr 
ausgespannt hatte, wie aus seinen im J. 1662 gedruckten 
Ephemeriden hervorgeht*). 

Als auch Malvasia starb, nahm Montanari im J. 1664 
^e Professur der Mathematik in Bologna an, die er 14 Jahre 
mit Auszeichnung verwaltete und dann mit einer ähnlichen 
in Padua vertauschte, wo er 1687 starb. 

Montanari hat eine beträchtliche Anzahl physikalischer 
Schriften verfafst, die sich alle durch Form und Inhalt 
sehr auszeichnen. Diejenige, welche mich hier zunächst 
veranlafst seiner zu gedenken, fbhrt den Titel: Penaiere 
pnehe e matemaiichey und ist zu Bologna 1667 erschienen. 
Xoatanari behandelt darin die Kapillar -Erscheinungen in 
ziemlich ähnlicher Art wie Borelli, den er auffallender 

^) Fischer, GescL d. Phys. H, 100. 



412 Glasthränen. 

Weise nicht erwähnt, obwohl er andererseits Fabri, Bdyle 
und Arimaldi citirt; er mufs auch Borellfs Versuche ge- 
kannt haben, wenn dessen Werk, wie angegeben, auch 
erst später 1670 erschien. 

Glasthränen. 

182. Ein anderer Gegenstand der Untersuchungen 
Montanari^s waren die wunderbaren Eigenschaften der da- 
mals noch neuen Glastropfen, über welche er im J. 1670 
eine kleine Schrift: Speculaztoni ßaichs sopra gli effetH da 
oetri temperati herausgab. 

Bekanntlich bilden sich die sogen. Glastropfen oder 
Glasthränen, Lacrymae vitreae, wenn man flüssiges GIa£ 
tropfenweise in kaltes Wasser feilen läfst. Das schnell 
erkaltende Glas gesteht dann zu birnförmigen an einem 
Ende zugespitzten Gestalten, welche die in der That sehr 
auffallende Eigenschaft besitzen, dafs sie auf dem bauchi* 
gen Theil beträchtlich starke Hammerschläge ohne Scha- 
den aushalten, dagegen augenblicklich in Staub zerfallen, 
sobald vom Stiel die Spitze abgebrochen wird. Etwas 
verschieden von den Glasthränen sind die Glaswürmer, 
vermiculi vitrei, welche entstehen, wenn man geschmolze- 
nes Glas fadenartig in kaltes Wasser flielsen läfst, wobei 
es von selbst eine spiralförmige Windung annimmt. Auch 
diese Würmer zerspringen in Staub, wenn man die Spitze 
von ihnen abbricht. 

Wer die Entdeckung der Glasthränen und Glaswüi^ 
mer gemacht hat, ist nicht bekannt. Aller Wahrschein- 
lichkeit nach war sie eine Sache des Zufalls, und die Er- 
scheinung vermuthlich in mancher Glashütte längst bekannt 
ehe sie die Aufmerksamkeit der Physiker auf sich zog. 
Nach dem Zeugnifs des Subrektor Selinlenbnrg an der 
Domschule in Bremen wären die Glasthränen schon ums 
J. 1625 auf mecklenburgischen Glashütten bekannt gewe- 
sen, und wie Samuel Reyhei*, Professor zu Kiel versichert 
hätte auch schon ein Glasermeister zu Hamburg im J. 1637 
solche Glasthränen besessen. Indefs sah Reyher selbst die 



Glasthranen. 413 

ersten Glasthränen im J. 1656 zu Leyden, und in dem* 
selben Jahre wurden zu Paris von mehreren Gelehrten, 
Gassendiy Moneonys u. A. Versuche mit solchen Thränen 
angestellt, die ebenfalls aus Holland stammten ^). 

Eis scheint demnach, dafs wenn auch die ßlasthränen 
schon früher in Deutschland einzelnen Leuten des Gewerbe- 
standes bekannt waren, sie doch Ton Holland aus zuerst 
in die physikalische Welt übergingen. Daher kommt es, 
dafs sie früher mehr als jetzt batavische Glastropfen ge- 
nannt wurden. In Holland lernte sie auch der Prinz 
Ruprecht kennen. Dieser, der dritte Sohn des Kurf&rsten 
Friedrich V. von der Pfalz und der Elisabeth, Tochter 
JakoVs I. von England, brachte sie 1661 zuerst nach Eng- 
kod, und dies gab Veranlassung, dafs man sie dort Prinz 
Baprecht's Tropfen nannte. Der König Carl IL übergab 
die Glasthränen den Mitgliedern des Gresham College zur 
Untersuchung, welche diese auch recht umsichtig ausführten. 
Die Versuche, welche so ziemlich Alles enthalten, was wir 
heute von den Eigenschaften der Glasthränen wissen, wur- 
den 1661 von Robert Moray beschrieben ^). 

Montanari^s Schrift hat dem experimentellen Theile 
dieser Untersuchung nichts von Bedeutung hinzugefügt, 
sondern denselben nur bestätigt; ihm gebührt aber wohl 
das Verdienst, wenn auch nicht gerade wie Hobbes zuerst, 
eingesehen zu haben, dais die auffallenden Eigenschaften 
dieser Glaskörper von einer starken Spannung der äulseren 
Glasschicht herrühren. Die Glasthränen sind übrigens so- 
wohl von gleichzeitigen als späteren Physikern vielfach in 
Untersuchung genommen, von Redi, Hobbes, Hooke, Maignan, 
Bosc d'Antic, Sturm u. s. w., ohne unsere Kenntnüs über 
dieselben wesentlich vermehrt zu haben. 

Sehr verwandt den Glasthränen sind die Spring- 
kolben oder bologneser Fläschchen. Es sind dies kleine 
Kolben aus weifsem oder grünem Glase und zwar von 



1) Basch, Handb. d. Erfind. V, 256. 

') Basch, Handb. y, 258; Fischer, GoBch. I, 288. 



414 Sprachrohr. 

dicken Wänden, die rasch an der Luft abgekühlt worden 
sind, aber so, dafs sie innen rascher erkalten als aufsen. 
Dadurch wird ihre innere Oberfläche in eine starke Span- 
nung versetzt, und in Folge defs zeigen sie die auffaUende 
Eigenschaft, dafs sie von aufsen einen ziemlich starken 
Schlag ohne Nachtheil aushalten, dagegen aber sogleich in 
tausend Stücke zerspringen, sobald man einen spitzen Kö^ 
per z. B. einen kleinen Feuerstein hineinwirft, der im Stande 
ist die innere Oberfläche zu ritzen. 

Diese Springkolben sind wohl neueren Ursprungs und 
unstreitig zuerst auf den Glashütten in der Nähe Bologna's 
angefertigt. Die Physiker lernten sie erst 1740 kennen 
durch Paolo Bapl Balbi, Professor der Physik zu Bologna 
(gest. 1770), der sie in den Schriften des Bologneser In- 
stituts beschrieb.^) 

. Sprachrohr. 

183. Ein anderer Gegenstand, über den mich zu ver- 
breiten ich hier noch Anlafs habe, weil auch mit ihm sich 
Montanari beschäftigte, ist das Sprachrohr. Montanari hat 
darüber eine Schrift verfafst betitelt: Düeorso sopra la Tromk 
parlante^ opus poeth, 1715, Ich kenne von dieser Schrift 
nur eben den Titel, kann also nicht sagen in wie weit der 
Inhalt dem Titel entspricht, allein ich mufs hinzufägen, 
da(s zu Montanari^s Zeiten das Sprachrohr in seiner jetzigen 
Gestalt bereits erftinden war. 

Einige Schriftsteller wollen dieser Erfindung ein zieo- 
lich hohes Alter geben. Einige schreiben sie dem Porb 
zu, jedoch mit Unrecht, denn das Rohr, von dem dieser 
in seiner Magia nat. redet, war kein Sprachrohr, sondern ein 
Hörrohr. Der Pater Kircher ist noch weiter gegangen. 
Während er in seinen firüheren Schrift^en Ars magna lud» 
etc. und Mttswrgia universalis 1650 auch nur von Hörrohren 
spricht, da dieselben zugleich an den Mund des Redenden 
und an das Ohr des Hörenden gesetzt wurden, behauptet 



^ >) Basch, Handb. U, 122. 



Sprachrohr. 415 

er in einer späteren Ausgabe von 1671 des ersteren Werks, 
er habe aus einer Handschrift des Aristoteles: De seeretü 
ad Alexandrum Magn. ersehen , dafs sich schon Alexander 
d. Gr. eines Sprachrohrs bedient habe, um sein Heer aus 
der Feme zu kommandiren. 

£r giebt sogar eine Abbildung von diesem Hörn und 
sagt, es habe auf eine Entfernung von 100 Stadien d. i. 
2| deutsche Meilen verständlich machen können. Diese 
Angabe Kireher's hat später zu manchen gelehrten Dis- 
bssionen AnlaTs gegeben; Einige sind ihr beigepflichtet, 
Andere haben sie geradezu verworfen. Allerdings ist Kir- 
der kein zuverlässiger Schriftsteller, aber ganz aus der 
Luft gegriffen hat er hier doch auch nicht ; das Werk, wo- 
raus er geschöpft haben will, existirt wirklich, es ist aus 
dem Arabischen ins Lateinische übersetzt, und 1516 zu 
Bologna gedruckt worden.^) Ein glaubwürdiger Schrift- 
steller Morhof , der gegen Ende des XVII. Jahrhunderts 
lebte, hat es gesehn, und sogar einen mit Kircher's Angabe 
ziemlich gleichlautenden Auszug daraus mitgetheilt. Nur 
stammt jenes Werk allerdings nicht von Aristoteles dem 
Stagiriten, sondern entweder von einem späteren Griechen 
gleichen Namens, oder ist ein jenem untergeschobenes. 
Auch ist, was wohl zu merken, gar nicht erwiesen, dafs 
jenes Rohr zum Sprechen in die Feme diente, und wenn 
Alexander d. Gr. wirklich dasselbe gebrauchte, was auch 
noch zwdfelhaft ist, so kann es ebensowohl benutzt sein 
unartikulirte Signale zu geben, denn dazu gebrauchte man 
erwiesenerma&en vielfach im Akerthum Instrumente, wie 
wir dergleichen noch gegenwärtig bei den Wilden Amerikas 
Soden. 

Ein Rohr von der Form und den Dimensionen, wie 
das von Kircher abgebildete (es hat am einen Ende eine 
Breite von \ Fufs, am andern von 2 Fuls), kann zum 
f^prechen in die Ferne nicht angewandt werden. Dennoch 
l^at Gottfried Huth, weil. Prof. der Physik an der aufge- 



*) Fischer, Geschichte d. Phys, I, 99. 



416 Sprachrohr. 

hobenen UDiversität zu Fränkfiirt a. d. O. im J. 1796 ein 
solches aus Blech anfertigen lassen, und konnte sich damit 
wirklich auf 1500 Schritt verständlich machen, allein es 
wich doch einigermafsen in der Form von dem Kirekcr- 
schen ab, und für den Gebrauch des angeblichen alexan- 
drinischen erweist es doch nichts. 

Mit Sicherheit läfst sich die Erfindung des Sprach- 
rohrs nicht weiter zurückführen als bis zu dem Englaoder 
Samuel Moreland, der dasselbe im J. 1670, also noch m 
Montanari's Lebzeiten, beschrieb in seiner Deacription aj 
the tuba stentorophonicay Lond. 1671. Er verfertigte e& 
anfangs aus Glas, später von Kupfer, ganz in der konisches 
Form, die man nach mancherlei Abänderungen noch jetzt 
fbr die beste hält, und stellte damit in Gegenwart de5 
Königs Carl II. und des Prinzen Ruprecht viele Ve^ 
suche an. Kircher schreibt die Erfindung in dieser Form 
einem gewissen Soland zu, der sie schon 1654 gemacht 
haben soll, aber diese Nachricht ist nicht anderweitig 
verbürgt ^). 

Von Mussehenbroek wird übrigens dem soeben er- 
wähnten Moreland, auf den wir später noch einmal zurück- 
kommen, auch die Erfindung des schiefen oder schrägen 
Barometers (Diagonalbarometer) zugeschrieben, einer zwar 
sinnreichen, aber gegenwärtig mit Recht aufiser Gebraacb 
gekommenen Abänderung des Barometers, die den Zweci 
hat, die Veränderungen des Quecksilbers sichtbarer zq 
machen, und zu dem Ende ein im oberen Theil sch^ 
aufsteigendes Rohr hat. Moreland's Autorschaft in diesera 
Falle ist indeis zweifelhaft; Derham, der es in den Phl 
Transctct. ftir 1698 beschreibt, sagt nur, dafs er die Ein- 
richtung von einem Freunde habe^). 

Nach Leupold ^) hätte der Italiener Beraadino BasiAS- 
ssini, ein zu seiner Zeit sehr berühmter Arzt, Anspruch 



1) Edinbargh Encjdopaedie I, 113. 
>} Edinb. Encyclop. lU, 293. 
>} Gilb. Ann. H, 334. 



Zweite oder Newton^sche Periode. 417 

auf diese Erfindung, und dieselbe in den Ephemerides baro- 
märicae Mutini beschrieben und abgebildet. Ich mufs dies 
dahin gestellt sein lassen, aber möglicherweise könnte diese 
Angabe wohl richtig sein, denn Ramazsini (geb. 1633 zu 
Carpi, gest. 1714 als Prof. der Medicin zu Modena) war 
ein in der Physik wohl bewanderter Mann ^). Ihm vei^ 
danken wir die ersten Nachrichten über die sogenannten 
artesischen Brunnen, die lange, ehe sie in die Grafschaft 
Artois eingef&hrt wurden, im Modenesischen üblich waren. 



Zweite oder Newton'sche Periode, 

184. In dem Vorangehenden haben wir von dem 
Moment an, wo Galilei den Schauplatz der Wissenschaft 
betrat und eine neue Aera f&r dieselbe begründete, bis zu 
der Epoche des Untergangs der Accademia del Cimento, 
also innerhalb eines Zeitraums von etwa 80 Jahren , den 
Entwicklungsgang der neueren Physik so vollständig ver- 
folgt, als es die Kürze der auf diese Vorlesungen verwend- 
baren Zeit erlaubte. 

Mit dem Untergang der florentiner Akademie hat 
auch die Glanz^poche Italiens in den physikalischen 
Wissenschaften ihr Ende erreicht. Zwar sehen wir in 
der Folgezeit noch immer einzelne sehr ausgezeichnete 
Männer dieses Landes das Gebiet der Physik nach ver- 
schiedenen Richtungen hin erweitern, ja wir finden sogar, 
da& Italien zur Zeit, als es seine thätige Akademie ein- 
gehen liefs, Frankreich mit Gelehrten versah, und somit 
gegen dieses Land eine ähnliche Rolle spielte, wie Frank- 
reich in der Mitte des XVIII. Jahrhunderts gegen Deutsch- 
land übernahm, und dieses späterhin bis auf den heutigen 
Tag in noch gröäerem Maisstab gegen Ruüsland. 

Allein jene Auswanderung aus Italien ist nicht Folge 
einer Uebervölkerung in den geistigen Regionen, wie ea 



') TiraboBchi, Storia della lelt. itaL VIII, 488. 

Poggeadorff, Gesch. d. Physik. 27 



418 Zweite oder Newton^sche Periode. 

wohl bei uns in Bezug auf Rufsland der Fall sein nug, 
sie war vielmehr die Folge des Drucks und der Hemmnisse, 
mit denen dort jede freie geistige Entwicklung zu kämpfen 
hatte. Mag auch noch hie und da ein Talent auftauchen, 
das goldene Zeitalter Italiens ist nun doch filr die Wissen- 
schaften vorüber, wie es Air Kunst und Poesie schon früher 
abgeblüht war. Es traten nun andere Nationen auf den 
Schauplatz, und verdunkelten den Ruhm des Mutterlandes 
der europäischen Civilisation, indem sie in dessen Fnik- 
tapfen traten. 

Von nun an sind es vorzugsweise, und bis in die 
neueste Zeit hinein, fast ausschliefslich Engländer und 
Franzosen, welche sich der physikalischen Wissenschaftes 
bemächtigen, und was man ohne Ungerechtigkeit gegen 
unsere und die übrigen Nationen germanischen Ursprungs 
bekennen kann, welche bei Weitem das Meiste zu deren 
Fortschritten beigetragen haben. Von England und Frank- 
reich hat sich auch Deutschland überflügeln lassen, das 
im XVI. Jahrhundert und in den ersten Decennien des 
XVII. Jahrhunderts auf gleicher Stufe mit ihnen stand 
ja durch Kopernikus und Keppler^s Ruhm getragen, wohl 
den Vorrang behauptete. Von der Mitte des XVII. Jahr- 
hunderts an hindurch durch das ganze XVUI. Jahrhundert 
nimmt es aber nur eine untergeordnete Stellung ein, und 
obgleich es in Aneignung der Kenntnisse des Auslandes 
nie zurückgeblieben ist, obgleich es im Felde der Astro- 
nomie und Chemie seine unverdrossenen Arbeiter auf- 
zuweisen hat, so unterliegt es doch dem Vorwurf, die 
eigentliche Physik sehr vernachlässigt zu haben. 

Deutschland hat während dieses ganzen Zeitraumes 
im Grunde nicht mehr, und nicht einmal so viel, zu den 
Fortschritten der Wissenschaft beigesteuert als das kleine 
Holland und Dänemark, oder das menschenarme Schweden. 
Erst in den neuesten Zeiten haben sich bei uns in dieser 
Beziehung die Verhältnisse günstiger gestaltet, und wenn 
wir aus mehreren erfreulichen Symptomen, aus der wachsen- 
den Zahl derer, welche die Wissenschaft kultiviren, aus 
X 



Leopoldinische Akademie. 419 

dem erhöhten Streben die Natur nicht blofs aus Büchern, 
sondern an der Urquelle selbst zu studiren, wenn wir 
daraus einen Schlufs auf die Zukunft ziehen dürfen, so 
geht die Physik bei uns noch ihrem Kulminationspunkt 
entgegen. 

Leopoldinische Akademie. 

185. Wer mit der allgemeinen Geschichte Deutsch- 
lands in diesem Zeiträume auch nur ein wenig vertraut 
ist, wird diese geringe Leistungsfähigkeit erklärlich finden, 
und von vornherein nicht viel erwarten. Eben war der 
dieÜsigjährige Krieg beendet, und welche tiefe Wunden 
er dem gesammten Yaterlande geschlagen hat, ist nur zu 
wohl bekannt; wo hätten nach so grausender Verheerung 
des Landes, nach Entvölkerung und Verarmung so vieler 
Städte, die Wissenschaften einen empfanglichen Sinn und 
eine kräftige Unterstützung finden sollen! Und doch — 
fast möchte man es ein Wunder nennen — schon vier 
Jahre nach dem westphälischen Frieden zeigten sich 
Spuren davon. 

Im J. 1652, also zu einer Zeit, als noch weder an 
die Accademia del Cimento, noch an die Akademie zu 
Paris oder an die Royal Society in London gedacht wurde, 
trat in der kleinen am Main gelegenen Stadt Schweinfurt 
eine Gesellschaft zusammen mit dem Zweck, sich über 
medicinische, naturhistorische und physikalische Gegen- 
stände zu unterhalten. Der kenntnilsreiche Bürgermeister 
und Stadtphysikus von Schweinfurt Job. Lorenz Banseh 
(geb. 1605, gest. 1665) war der Stifter dieser ersten natur- 
forschenden Gesellschaft Deutschlands. Eine geraume Zeit 
bewahrte diese Gesellschaft den Charakter eines Privat- 
vereins, aber mit dem J. 1670 fing sie an Schriften heraus- 
zugeben, und zwei Jahre später, also 1672, wurde sie von 
dem Kaiser Leopold zur Akademie erhoben, und bekam 
dabei den Namen Academia caeaareo- Leopoldina naturae 
curtoBorum, 

27* 



420 Leopoldmisd» Afc^Am«*» 

Der Idee nach sollte diese Akademie eine allgemeine 
fbr ganz Dentschlaod sein, und da es damals an einem 
gemeinsamen Mittelpunkt gebrach, so wurde festgesetzt 
dais das Präsidium nicht an einen bestimmten Ort gebun- 
den sein sollte, sondern allemal dort, wo der jedesmalige 
Präsident seinen Wohnsitz hatte. 

Akademien und gelehrte Gesellschaften sind offenbar 
nur fbr groise Städte geeignet, die in sich selbst einen 
reichen Schatz von wissenschaftlichen Hülfsmitteln dar- 
bieten, und einen zahlreichen Verein von Gelehrten ein- 
schlielsen. Wenn die Mitglieder einer Gesellschaft über 
eine ganze Provinz oder wohl gar über ein grolses Reich 
zerstreut leben, so fallt das hauptsachlichste Belebungs- 
mittel, der persönliche Umgang und die mündliche Be- 
sprechung, entweder ganz fort oder wird doch sehr er- 
schwert, und an ein gemeinsames Streben, an ein Zusam- 
menwirken als Körperschaft, ist nicht ftüglich mehr zu 
denken. 

Aus diesem Grunde vornehmlich ist denn auch die 
Leopoldinische Akademie der Naturforscher niemals zu 
rechter Kraft und Wirksamkeit gediehen, und vollends 
hat sie an Bedeutung verloren, seitdem in Berlin und 
München besondere Akademien fibr PreuTsen und Bajeiu 
gegründet worden sind. Sie existirt noch gegenwärtig, 
aber ihre Existenz beschränkt sich lediglich darauf, daü 
ab und zu aus den von der Regierung dazu angewiesenen 
Fonds ein Band von Abhandlungen gedruckt wird, die 
theils wegen ihres Inhalts, theils wegen Kostbarkeit der 
Kupfertafeln keinen anderweitigen Eingang in das Publi- 
kum zu finden wissen. Meist sind sie naturhistorischen 
Inhalts, und dasselbe gilt auch von der langen Bilndereilie. 
welche die Akademie seit dem Jahre 1670 unter verschie- 
denen Titeln herausgegeben hat. 

1) Miscellanea curiosa s. Ephemerides 1670 — 1706, 
XXX Vol. 

2) Ephemerides 12—1722, V Vol. 

3) Acta phys. med. 1722 — 1754, X Vol. 



Leistungen in Deutschland. 421 

4) Nova Acta phys, med. 1754—1791, Vül Vol. 

5) Verhandl. d. Leopold. Carol, Acad. d. Naturforsch., 
1818 — 1846, XniVol. 

Froher enthielten die Schriften neben medicinischen 
Abhandlungen auch eine nicht unbeträchtliche Zahl chemi. 
scher, die ftr die Zeit ganz schätzbar waren. 

Aulser dieser korporativen Thätigkeit äuTsert sich in 
der zweiten Hälfte des XVII. Jahrhunderts der Sinn ftlr 
das physikalische Studium^ auch durch die Bestrebungen 
Einzelner, aber die Zahl derselben ist sehr gering und 
man mufs es gestehn, es sind sehr wenig hervorragende 
Männer darunter. Unter diesen nimmt offenbar Otto 
V. Guericke den ersten Platz ein, der, wiewohl er kein 
Physiker von Profession war, doch den entschiedensten 
Beruf dazu in sich trug. 

Leistungen in Deutschland. 

186. Otto y. Onericke ward geb. 1602 zu Magdeburg, 
wo schon sein Vater Johann Schultheifs und weltlicher 
Richter war. Der Sohn studirte anfangs die Rechte, erst 
auf der Universität Leipzig 1617, dann in Helmstädt 1620 
und Jena 1621; hierauf besuchte er Leyden 1623, um 
dort Mathematik und Mechanik zu treiben, machte alsdann 
Beisen nach Frankreich und England, und kehrte dann in 
die Heimath zurück. Hier war er Zeuge der Zerstörung 
Beiner Vaterstadt durch Tilly im J. 1631. Er hätte dabei 
fast sein Leben eingebüfst, und gerieth in die Gefangen- 
schaft der Kaiserlichen, aus welcher er sich durch ein 
Lösegeld von 300 Rthlrn. loskaufte* 

Späterhin trat er unter Wilhelm, Herzog von Sachsen- 
Weimar, in schwedische Dienste, und stieg bis zum Ober- 
Ingenieur der Festung Erfurt. Nach Auflösung dieses 
Verhältnisses trat er 1642 in die Dienste seiner Vaterstadt, 
welche ihn auch nicht lange darauf 1646 zum Bürger- 
meister wählte. Dieses Amt, bei welchem er sich grofse 
Verdienste um die Stadt erwarb, wie er sie denn im J. 1649 
▼on einer starken Kontribution befreite, verwaltete er viele 



422 Leistungen in Deutschland. 

Jahre hindurch. Aber 5 Jahre vor seinem Tode legte er 
es freiwillig nieder, und begab sich zn seinem Sohne nach 
Hamburg, wo er 1686 starb. Sein Leichnam wurde dort 
in der Nikolaikirche beigesetzt, später a'ber nach Magde- 
burg gebracht. 

Gnericke hatte ein entschiedenes Talent als Experimen- 
tator, und er stellt darin sowohl, wie überhaupt in seiner 
auiserordentlichen Thätigkeit, fbr die Physik ein muster- 
haftes in Deutschland leider nur zu seltenes Beispiel auf. 
Von Cfalilefs und Torrieelli's Arbeiten scheint er nichts 
gekannt zu haben, sondern durch eigenes Nachdenken auf 
die Erfindungen und Entdeckungen gekommen zu sein, 
durch welche sein Name in der Wissenschaft erhalten 
worden ist. Es scheinen vielmehr die Diskussionen der 
älteren und neueren Philosophen über die Existenz eine« 
Vakuums es gewesen zu sein, welche ihn auf die Bahn 
seiner experimentellen Untersuchungen leiteten. 

Um zu sehen, ob es ein Vakuum geben könne, i&Iite 
er ein Fafs gänzlich mit Wasser, kehrte es mit dem Spund 
nach unten, setzte dort eine Spritze ein, und versuchte 
nun, ob sich das Wasser würde auspumpen lassen. Er 
dachte sich, das Wasser würde wegen seiner Schwere dem 
Stempel der Spritze folgen, und dadurch über dem Stem- 
pel ein Vakuum entstehen. Allein er sah sich getäuscht! 
Drei Männer, die er an der Spritze arbeiten liefs, vermoch- 
ten mit vieler Anstrengung nur sehr wenig Wasser heraus- 
zupumpen, und dabei hörten sie während der ganzen Arbeit 
in allen Theilen des Fasses ein Singen, wie beim Sieden 
von Wasser in einem Kessel. 

Hierdurch ward ihm klar, dafs die Luft von auTsen 
durch die Poren des Holzes in den etwa entstandenen 
leeren Raum eindringen müfste. Da er nun seine Absiebt 
nicht erreicht sah, so modificirte er den Versuch. Er 
nahm ein kleines mit Wasser gefülltes Fafs, schlofs es in 
ein gröfseres ein, welches er ebenfalls mit Wasser füllte, 
und liefs nun die Arbeit wiederholen. Allein auch dies- 
mal schlug der Versuch fehl! 



Leistungen in DeatscUand. 423 

Nicht abgeschreckt hierdurch ging er zum dritten Mal 
ans Werk, und diesmal mit besserem Erfolg. Er liels eine 
kupferne Kugel verfertigen mit einer Oeffnung, die durch 
einen Hahn verschlossen werden konnte. Diese ßülie er 
nicht mit Wasser, sondern setzte unmittelbar die Spritze 
daran. 

Als Gnericke diesen Versuch anstellte, hatte er noch 
keine Idee von der Elasticität der Luft; er meinte, auch 
sie werde dem Stempel nur vermöge ihres Gewichts folgen, 
and in dieser Meinung liels er die Oeffiiung der Kugel 
mit der Spritze daran nach unten kehren. Indefs konnte 
er nun doch etwas Luft aus der Kugel herauspumpen, 
denn als er die Kugel, nachdem er sie verschlossen hatte, 
Ton der Spritze trennte und darauf öfinete, drang die Luft 
mit Zischen hinein. 

187. Durch diesen Versuch gerieth finerieke auf den 
Gedanken ein eigenes Instrument verfertigen zu lassen, mit 
dem er die Luft auspumpen und ein Vakuum darstellen 
könnte. So brachte er denn im J. 1650, also 7 Jahre vor 
der Accademia del Cimento ein Instrument von folgender 
Form Fig. 15. zu Stande, das als die erste eigentliche 
Luftpumpe betrachtet werden mufs. Es war eine Hahn- 
p-^ j5^ luftpumpe, der unten gebogene Stie- 

fel cd von Metall, der Stempel e von 
Leder; es hatte ein Ventil g zum Aus- 
lassen der Luft aus dem Stiefel, und 
wurde beim Gebrauch ganz unter 
Wasser in den Behälter nop gesetzt, 
um einen sicheren Verschlufs zu er- 
langen. Drei Männer waren nöthig 
um dieses unbequeme Werkzeug zu 
handhaben. Sobald die Luft möglichst aus dem Glas- 
behälter a entfernt war, wurde derselbe durch den Hahn b 
geschlossen, und konnte zur bequemen Handhabung von 
der Pumpe abgenommen werden. 

Späterhin im J. 1663 gab er dem Instrument eine 
Tollkommenere Einrichtung. Er stellte den Stiefel vertikal. 




424 Lenstungen in Deatechland. 

und setzte den Stempel mit einem Hebel in Verbindnng, 
wodurch er leichter regiert werden konnte. Die Stette, 
wo der auszupumpende Ballon an den Stiefel geschraubt 
wurde, umgab Cfnericke mit einem Trichter, um denselben 
mit Wasser zu f&Ilen, und somit einen dichten VerschloTs 
zu erlangen, den er auf andere Weise noch nicht zu er- 
zielen vermochte. 

Unstreitig ist fiuericke der wahre Erfinder der Luft- 
pumpe, und man hat daher dasselbe Recht das unyoUständige 
Vakuum, welches sich mit diesem Instrumente darstelIeD 
läfst, das Guericke'sche Vakuum zu nennen, wie man das 
vollkommenere über dem Quecksilber im Barometer das 
Torrieelli'sche Vakuum heifst. Einige Engländer pflegen 
wohl nach ihrem Landsmann Boyle das Vakuum der Luft- 
pumpe das Boyle'sehe Vakuum zu nennen, aber sehr mit 
Unrecht, denn Boyle hat die Luftpumpe nicht erfunden, 
sondern nur verbessert, und zu vielen recht geschickten 
Versuchen benutzt. Er selbst läfst finerieke alle Gerechtig- 
keit widerfahren, und erkennt ihm mit gebührendem Lobe 
die Ehre der Erfindung zu. Boyle lernte die Luftpumpe 
durch Caspar Sehott in Würzburg kennen, einen Jesuiten, 
der mit fiuericke in Briefverkehr stand, und mit dessen 
Erlaubnifs das neue Instrument im J. 1657 in seiner Me- 
chanica hjfdraulico^pneumatica beschrieb. 

Es kann auch Cfuerieke's Verdienst nicht schmälern, 
dafs man schon von Alters her Pumpen und Spritzen von 
kleineren und gröfseren Dimensionen hatte, und dafs es nm 
die Mitte des XVII. Jahrhunderts, wie der eben genannte 
Caspar Sehott bezeugt, dergleichen Instrumente in Deutsch- 
land gab, die das Wasser hoben oder fortspritzten. Denn 
alle diese Instrumente waren nur zum Pumpen von Wasser 
bestimmt, und überdies besafsen sie nur Ventile, keinen 
Hahn, den Gnericke hier zuerst angewandt hat. Wollte 
man der Wasserpumpen und Spritzen wegen tiftericken 
die Erfindung der Luftpumpe absprechen, so müäte m^n 
auch Torrieelii das Barometer streitig machen, denn jede 
Pumpe ist, wenn man will, ein Wasserbarometer. 



Leistaiigen in Dentschlaiid. 425 

ChueFieke gebührt also unstreitig die Ehre der Erfin* 
doDg des nützlichen Werkzeugs, welches wir heut zu Tage 
so h&afig zur Verdünnung der Luft anwenden, aber er 
kann nur der Erfinder der Evakuationspumpe genannt wer* 
den. Die Kompressionspumpe ist viel älter, sie wurde in 
der Windbüchse schon 200 Jahre vor Goerieke angewandt, 
und nicht ganz mit Unrecht l&Tst sich deren Erfindung 
bis in die Zeit von Ktesibius zurückführen (§ 3, 148). 

Gierieke kannte die Windbüchse und benutzte sie 
sogar zum Komprimiren der Luft, allein bei seinen ersten 
Versuchen scheint er nicht an die Wirkungen dieses In- 
stnunents gedacht zu haben; denn, wie erwähnt, bei diesen 
ersten Versuchen hielt er die Luft ftkr nicht elastisch, und 
eben in diesem Glauben brachte er die Luftpumpe oder 
Spritze unten an den Ballon, damit die Luft durch ihr 
Gewicht nachsinke, wenn man den Stempel herabzieht. 
£rst später überzeugte er sich von der Elasticität der Luft 
darch eigends angestellte und recht zweckmäfsig ausge- 
dachte Versuche: 

1) Er verband zwei Hohlkugdn, von denen die eine 
lafterftkllt, die andere luftleer war, mit einem Hahn da- 
zwischen. So bald dieser geöfinet wurde, trat die Luft 
auch in die leere Kugel ein, und vertheilte sich gleichmäfsig 
in beiden. 

2) Er brachte eine lufthaltige dicht verschlossene 
Ochsenblase in einen Ballon, evakuirte diesen, wobei die 
Blase platzte. 

3) Eine kupferne Kugel verband er mit einer langen 
Röhre, die er an der Auisenseite seines ELauses bis ins 
dritte Stock führte. Als er nun dort am Ende der Röhre 
die Pumpe wirken liefs, sah er die Kugel ebenso luftleer 
werden, wie wenn er sie unmittelbar an die Pumpe ange- 
setzt hätte. Nachdem er sich solcher Gestalt von der 
Elasticität der Luft überzeugt hatte, bezeichnete er sie 
ganz richtig als eine Ursache der Stürme. 

Bei seinen ersten Versuchen kannte auch Oaericke 
das Gewicht der Luft nicht, obwohl er es, wie erwähnt 



426 LeiBtungen in Deuteohlaad. 

supponirte; späterhin erwies er auch dieses auf experimen- 
tellem Wege, und machte es in der Hauptsache auch ganz 
wie wir g^enwärtig. Er wog eine Kugel mit Luft gefiült, 
pumpte sie dann leer soweit er es vermochte, und wog 
sie wieder ; der Gewichtsunterschied war dann das Gewicht 
der Luft Dasselbe Princip war schon von Galilei benutzt 
worden, allein da derselbe kein anderes Mittel zum Ver- 
dünnen der Luft kannte, als die Erwärmung, so bleibt 
sein Resultat natürlich noch mehr Ton der Wahrheit ent- 
fernt als das ßnericke'sche. 

Aus den eben angeftkhrten und den früheren Versuchen 
schlofs Gnericke ganz richtig, dals die Luft in der Atmo- 
sphäre durch ihr eignes Gewicht zusammengedrückt 
werde, und dafs sie demgemäüs in der Höhe lockerer 
s^i als unten am Boden der Erde. Er bewies dies folgen- 
dermafsen: Er nahm eine Hohlkugel so gefilUt mit Luft, 
wie sie es unten auf der Erde ist, und verschlofs sie durch 
einen Hahn. Nun brachte er sie auf einen Thurm and 
öffnete den Hahn, da hörte er denn sogleich einen Theil 
der Luft mit Zischen entweichen. Sehr richtig bemerkt 
er, dais dies nicht in Folge einer Erwärmung der Luft 
geschehe. Er kannte sehr wohl die Ausdehnung der Luft 
durch Wärme und sagt ausdrücklich, man müsse bei An- 
stellung dieser Versuche dafär sorgen, dafs die Luft unten 
und oben gleich warm sei. 

Ganz mit Recht bemerkt auch finerieke^ da& die 
Wägungen der Luft durch Vergleich ihres Gewichts mit 
dem Gewicht eines gleichen Volumens Wasser etwas sehr 
Relatives seien, da das Gewicht der Luft nach der Höhe 
des Standpunktes sehr verschieden ausfallen werde. Allein 
er irrte, dafs er glaubte, es seien darum die Wägungen 
der Luft ganz unnütz. Es war ihm nämlich noch unbe- 
kannt, dafs man bei solchen Luftwägungen den Barometer- 
stand beobachten müsse, und dafs man, wenn dies geschehen 
sei, sehr gut die Wägungen aufeinander reducii*en könne. 

Onericke war nicht damit zufrieden sich selbst vom 
Dasein des Luftdrucks überzeugt zu haben, er war auch 



Leutnngen in Deutschland. 427 

bemüht seinen Zeitgenossen dieselbe Ueberzengung zu ver- 
schaffen, ihnen durch recht handgreifliche Versuche die 
Wirkungen des Luftdrucks anschaulich zu machen, wohl 
nicht ohne die kleine Schwachheit sich dabei an deren 
Verwunderung zu ergötzen. 

So evakuirte er platte paraUelepipedische Glasflaschen, 
welche dann, wenn die Evakuation einen gewissen Grad 
erreicht hatte, dem fiufseren Druck nicht mehr zu wider- 
stehn vermochten, und mit lautem Geräusch eingedrückt 
wurden. 

Femer setzte er zwei Halbkugeln mit breiten Rfiu- 
dem, die mit einer Mischung aus Fett, Wachs und Ter- 
pentin bestrichen worden, aneinander, pumpte die daraus 
gebildete Kugel möglichst leer, befestigte sie oben an ein 
Stativ, und hing unten eine Schale an, in welche Gewichte 
gelegt werden konnten. Mehrere Centner waren nun nicht 
im Stande die Halbkugeln von einander zu reifsen. 

Ein anderer Versuch dieser Art war folgender: In 
einem kupfernen Cylinder von 0,75 Ellen Durchmesser und 
rundlichem Boden bewegte sich luftdicht schliefsend ein 
Stempel, an dessen oberem Ende ein Strick war, der über 
eine Rolle ging, und sich dann in viele Seile zertheilte. 
Fünfzig Personen, die an diesen Stricken zogen, waren so 
eben im Stande den Stempel ein wenig in die Höhe zu 
ziehen, und die wegen des runden Bodens des Cylinders 
darunter gebliebene Luft etwas zu verdünnen. Nun schraubte 
er an diesen Raum einen Ballon an, der zuvor luftleer ge- 
macht and durch einen Hahn verschlossen war. Sobald 
Guerieke diesen Hahn öfihete, die verdünnte Luft also in 
den evakuirten Ballon strömte, ging der Stempel herunter, 
und es wurden sämmtliche 50 Personen trotz allen Wider- 
strebens mit fortgezogen I 

Bekannter und noch berühmter ist ein anderer Ver- 
such geworden, den iSnericke, wie den eben genannten im 
J. 1654 auf dem Reichstag zu Regensburg vor Kaiser 
Ferdinand HI. und den versammelten Reichsftlrsten an- 
stellte, zu welchem er durch Joh. Philipp Freih. v. Schön- 



428 Leistungen in DentsohUnd. 

bom, den sehr aufgeklärten Kuiftrsten von Mainz (gest 
1673) yeranlafst wurde. Es war der Verrach, wo Gimeke 
zwei der erwähnten Halbkugeln von 0,67 Elle Durchmes- 
ser, nachdem sie aneinander gelegt und ausgepumpt wor- 
den waren, durch Pferde auseinander zu reifsen versuchen 
liefs. 16 Pferde, von denen 8 an jeder Seite angespannt 
waren, vermochten nur mit hocbeter Anstrengung die Halh- 
kugeln von einander zu reifsen, und ab es geschah, erfolgt« 
ein Knall wie von einem BüchsenschuXs. Dagegen fielen 
die Halbkugeln augenblicklich von einander, sowie er den 
Hahn öffnete und die Luft einströmen liefe. 

Dieser regensburger Versuch, den Onerieke späterhin 
in noch gröfserem Maisstab, mit Kugeln von 1 Elle Durch- 
messer und 24 Pferden, wiederholte, hat zwar über den 
Luftdruck nichts neues gelehrt, aber es war ein wohlbe- 
rechneter Eaiall-Versuch, um Personen, die nicht ans Nach- 
denken über Naturerscheinungen gewöhnt waren, auf eine 
alltägliche Thatsache aufmerksam zu machen, die sie unter 
einer feineren Form geboten schwerlich beachten würden. 
Dadurch hat dieser Versuch in der That zur Förderung 
der Wissenschaft beigetragen, obwohl es von jener Zeit 
an bis auf den heutigen Tag einzelne Ungläubige g^eben 
hat, welche gegen die Lehre vom Luftdruck die einfal- 
tigsten Einwürfe vorgebracht haben; z. 6. dafs der Luft- 
druck es nicht sein könne, der die Quecksilbersäule im 
Barometer hatte, weil, wenn man dieses unten verschüefse, 
wodurch vermeintlich der Luftdruck aufgehoben werde, das 
Quecksilber doch nicht falle; femer, dafs wir Menschen 
ja dem Luftdruck nicht widerstehen könnten, wenn er 
existirte und wirklich so grofs sei, wie er angegeben wird. 
Schon Guericke widerlegte diesen Einwurf durch die All- 
seitigkeit des Drucks. 

Jener regensburger Versuch hat aber auch nicht wenig 
dazu beigetragen, Guericke eine grofse Berühmtheit unter 
seinen Zeitgenossen zu verschaiSen, und zum Theil ist er 
es noch, der Guericke^s Andenken in der Wissenschaft er* 
halten hat. Noch jetzt heifsen die erwähnten Halbkugeln 



Leistangeii in DeutBohland. 429 

magdeburgische Halbkugeln, und das nicht blofs bei uns, 
sondern auch bei Engländern und Franzosen, in deren 
physikalischen Kabineten und Lehrbüchern dieselben so 
gut eine Stelle finden, wie in den unsrigen. 

188. Auf dem Reichstag zu Regensburg lernte 6ae- 
rieke zuerst Torricelirs Erfindung des Barometers kennen. 
Er selbst hatte indefs schon ftkr sich dieselbe Erfindung 
gemacht, nur hatte er nicht Quecksilber sondern Wasser 
in eine Röhre eingeschlossen. Man kann daher mit einigem 
Recht ftnerieke als den Erfinder des Wasserbarometers 
oder wenigstens als einen der Erfinder dieses Instruments 
betrachten, denn allerdings muTs zugegeben werden, daTs 
TorrieeUi auch schon die Idee zu demselben hatte, daTs 
ein gewisser Caspar Bertus oder Berti zu Rom ein solches 
Instrument vor Onerieke ausführte, und dafs noch früher 
vor 1647 Pascal ein ähnliches, ein Weinbarometer kon- 
fitmirte. 

Um ein Wasserbarometer zu verfertigen kittete Oue- 
rieke mehrere Glasröhren an einander, bis sie eine Länge 
von 19 magdeburger Ellen hatten. Die so gebildete Röhre 
richtete er an der Auisenseite seines Hauses auf, stellte 
sie unten in ein GefiUs mit Wasser, und verband sie oben, 
wo er sie mit einem Hahn versehen hatte, mit seiner Luft- 
pumpe. Nun evakuirte er so lange als das Wasser noch 
stieg, und schlofs dann den Hahn ab. Aus den Erfahrungen 
an diesem Wasserbarometer schlofs er, dafs ein Heber das 
Wasser über keine gröfsere Höhe als etwa 32 Fufs hinweg- 
iUire, und dafs es auch in Pumpen nicht höher steigt 

An diesem Wasserbarometer entdeckte Guerieke eben- 
falls sehr bald, ohne etwas von Torricelli's ähnlichen Beob- 
achtungen zu wissen, die unregelmäfsigen und fast steten 
Veränderungen des Luftdrucks. Daher nannte er sein 
Instrument Semper vivum, auch wohl Wettermännchen, ein 
Name, der in seinen lateinisch gedruckten Schriften durch 
Anemoskopium wieder gegeben ist; das Wort Barometer 
kannte er also nicht. Den Namen Wettermännchen legte 
fivericke seinem Instrumente bei, weil er bald beobachtete. 



430 Leistungen in Deutschland. 

dais das Steigen und Fallen des Wassers darin mit Witte- 
rungs Veränderungen zusammenhing, und daüs man diese 
häufig mit einiger Wahrscheinlichkeit vorhersagen könne; 
namentlich wuiste er, daTs ein plötzliches und tiefes Fallen 
seines Barometers Sturm bedeute, und machte davon im 
J. 16G0 durch Propbezeihung eines Sturmes Anwendung. 

Im Geschmack der damaligen Zeit liefis er auf dem 
Wasser in der Röhre ein aus Holz geschnitztes Männchen 
schwimmen, das mit dem ausgestreckten Arm auf eine 
Skale zeigte, auf welcher das Wetter angegeben war. Den 
übrigen Theil des Instruments versteckte er sorgfältig durch 
eine Holzbekleidung. Natürlich, dafs dann seine Mit- 
bürger, welche die innere Einrichtung des Instruments 
nicht kannten, die prophetischen Angaben des wunder- 
samen Männchens höchlich anstaunten, und daran hatte 
denn Gnericke seine Freude. 

Ein anderes lehrreiches Instrument, dessen Erfindung 
wir Gnericke verdanken und zwar ausschlielslich ihm allein^ 
da kein anderer darauf Anspruch machen kann, ist das 
Manometer, Dichtigkeitsmesser, welches Gnericke 1661 
in einem Brief an Pater Schott zuerst beschrieb. Es hatte 
die Einrichtung, die man noch heute in allen physika- 
lischen Kabineten antrifft, d. h. bestand aus einem Wage- 
balken, an dessen einem Ende eine Kugel sich befindet, 
die durch ein Gegengewicht am anderen Ende balancirt 
wird, und in einem luftverdünnten Baum desto nxehr sinkt 
je verdünnter die Luft ist; es hatte bei Gnericke, wie alle 
seine Instrumente, etwas riesige Dimensionen, die kupferoe 
Hohlkugel einen Durchmesser von 1 Fuis. Er machte 
diese Kugel luftleer, was überflüssig ist (§ 209). 

Auch bei diesem Instrument nahm Gnericke sehr bald 
fortwährende Veränderungen wahr, die Kugel wrurde bald 
leichter, bald schwerer. Sehr richtig schlols Gnericke 
daraus, dafs das Gewicht der Luft, welches die Kugel 
umgiebt, steten Veränderungen unterliege. Allein so recht 
klar war ihm doch der Unterschied zwischen diesem Mano- 
meter und dem Barometer noch nicht, worüber man ihn 



Leistongen in Deutschland. 481 

indeifi nicht sonderlich tadeln kann, da die Angaben beider 
Instrumente oft zusammenfallen, und der Unterschied haupt- 
sächlich bei verschiedenen Grasen merkbar wird, bei denen 
die Dichtennterschiede grofs sind. 

189. Wie die florentiner Physiker stellte Gnerieke 
eine betr&chtliche Anzahl von Versuchen an, die den Zweck 
hatten, die Noth wendigkeit der Mitwirkung der Luft zu 
verschiedenen Erscheinungen zu ermitteln und festzustellen. 
Er bediente sich hier überall der Luftpumpe, wo die 
Florentiner in Ermangelung eines solchen Instruments auf 
eine viel unbequemere Weise das Barometer anwandten. 
Zu diesen Versuchen gehört u. A. der, wodurch er zeigte, 
is& Luft nothwendig sei, um von einem tönenden Körper 
die SchaUschwingungen in unser Ohr zu leiten oder wenig- 
stens, dals es unter den gewöhnlichen Umständen die Luft 
sei, welche diesen Dienst verrichtet. Er brachte ein Uhr- 
werk mit Glocke an einem Faden hängend unter einen 
ßecipienten und beobachtete, dafs der Ton der Glocke in dem 
MaTse schwächer wurde, als die Luft mehr verdünnt ward. 

Caspar Bertus hatte einen ähnlichen Versuch im Va- 
kuum des Wasserbarometers angestellt, indem er eine 
Glocke mit Hammer von au&en durch einen Magnet be- 
wegte, und dabei keine Abnahme des Klanges beobachtete. 
Da nun die Peripatetiker wuisten, oder vielmehr annahmen, 
denn wissen konnten sie es ja nicht, dals schwingende 
Körper im Vakuum keinen Ton von sich geben können, 
60 schlössen sie, dafs das Vakuum über dem Wasserbaro- 
meter kein vollkommenes sei. Sie hatten darin nicht Un- 
recht, wiewohl andererseits auch fiaerieke im Rechte war, 
dafs im vollkommenen Vakuum kein Ton entstehen könne» 
Ouericke wufste übrigens, dafs der Schall sich nicht bloüs 
durch Luft, sondern auch durdi starre und flüssige Körper 
fortpflanze, und ftüirte als Beweis dafbr an, dafs man Fische 
unter Wasser daran gewöhnen könne, sich durch eine 
Klingel herbei rufen zu lassen. 

Eine andere Thatsache, welche Cfnericke erwies, war 
die, dais im luftleeren Raum keine Verbrennung stattfinde» 



432 Leistungen in Deutechkuid. 

Er brachte ein brennendes Licht nnter einen Bedpienteii, 
evakuirte und sah dann das Licht allmäblich erldsdien; 
ganz richtig folgerte Gnericke daraus, daTs die Körper zu 
ihrer Verbrennung Luft gebrauchen. Um diese Fdgenmg 
noch einleuchtender zu machen, stellte er folgend^i ganz 
hübsch erdachten Versuch an. Durch die Mitte eines 
nach unten sich verengenden Gef^ses führte er eine Röhre 
bis durch den Boden, unterhalb dessen sie mit einem Re- 
cipienten in Verbindung gesetzt werden konnte. Das 6e- 
fäfs wurde über die Hälfte mit Wasser gefüllt, und ein 
gläserner Kolben mit seiner Oeffnung so in dasselbe ge- 
taucht, dafs die Röhre von ihm umschlossen wurde. War 
nun eine brennende Kerze in den Recipienten gebracht, 
die Röhre hierauf mit diesem verbunden, so dehnte sich 
die Luft durch die Lichtflamme aus und der Kolben erhob 
sich, aber nach kurzer Zeit senkte er sich wieder, und 
Wasser stieg in ihm auf. 

Aus diesem Versuch schlofs Ouerieke ganz richtig, 
dafs die Luft im Recipienten eine . Verminderung erlitten 
habe, welche er auf den zehnten Theil der darin enthaltenen 
Luft schätzte. Ob sie ganz verzehrt werde oder nicht, 
vermochte er nicht genügend zu beantworten, denn die 
Flamme verlosch zu geschwind.^) 

190. Nächst dem Luftdruck war es die Wirkung der 
Wärme auf die Luft^ welche fiuerieke beschäftigte. Bekannt 
mit dem Drebberschen Thermoskop konstruirte er ein ähn- 
liches Instrument, das zwar keine wesentlichen Vorzüge 
hatte, aber doch in der Form etwas von ihm abwich. Man 
kann es ein Heber -Thermoskop nennen, wie man die In- 
strumente von Porta, Drebbel u. s. w. GefiUis-Thennoskope 
nennen könnte. 

Das Instrument von Gnerieke bestand aus einem kupfer- 
nen gebogenen Rohr, dessen Schenkel parallel und aufwärts 
gerichtet und bis etwa zur Hälft« mit Weingeist gefüllt waren; 
auf dem einen befand sich eine mit Luft gefiUUe kupferne 



1) Fischer, Gesoh. d. Phys. II, 184. 



Leistungen in DentscblancL 433 

Kagel, in dem andern auf dem Weingeist ein Schimmer, 
Ton welchem ein Faden in die Höhe ging, der sich oben 
um eine Rolle legte, und am Ende eine Figur trug. Eine 
kleine verschliefsbare Oefinung in der Kugel diente zur 
fiegulining der Luft darin. Das Ganze war in ein Gehäuse 
eingeschlossen, aus welchem nur die Figur herausragte, 
welche mit der Hand auf eine Skala von 7 Abtheilungen 
zeigte, deren Endpunkte magnuin frigua und Magnus calor 
hiefsen. Ouericke nannte das Instrument Perpetuum mobile. 

Es ist auffallend, dafs Onerieke, der doch den Luft- 
druck so gut kannte, nicht einsah, dafs sein Instrument 
zugleich von den Veränderungen dieses Drucks und der 
Temperatur afficirt werde. Insofern war es also ebenso 
nnvollkommen wie alle ähnlichen Vorrichtungen vor dem 
florentiner Thermometer, aber in einer Beziehung hatte 
es doch Awas voraus, es besafs nämlich einen einigermalsen 
festen Punkt, freilich nur einen, der eben deshalb auch 
nicht viel hilft. Er ajustirte es mittelst der Oeffnung in 
der Kugel so, dafs die Figur auf den mittelsten Theilpunkt 
seiner Skale zeigte, wann eben Nachtfröste eintraten oder 
es firflh morgens reifte! das war freilich eine sehr rohe 
Art der Graduirung, aber immer besser als gar keine ^). 

191. Bedeutender als in der Wärmemessung sind 
Auerieke^s Verdienste um die Elektricitätslehre. Er ver- 
fertigte zuerst ein Instrument, wodurch die elektrischen 
&%heinungen deutlicher studirt werden konnten als bis- 
her; man kann es zwar noch nicht eine Elektrisirmaschine 
nennen, aber es bahnte doch den Weg zu dieser. Sein 
Instrument bestand der Hauptsache nach aus einer Schwefel- 
kugel, die er dadurch bildete, dafs er Schwefel in einer 
Glaskugel schmolz, und dann das Glas herum zerschlug 
nnd absonderte. Diese Schwefelkugel durchbohrte er und 
steckte sie auf eine Axe, mittelst welcher er sie in Ro- 
tation versetzen konnte. Als Reibzeug diente dabei die 



») Fischer, Gesch. U, 160. 

Pofgendorff, OMch. d. Physik. 28 



434 Leistimgen in Deatschland. 

trockne Hand, mit der er während de« Drehens die Kugel 
umfafst hielt. 

Mittelst dieses rohen Werkzeugs, das eben, weil daran 
noch der Konduktor fehlte, nicht Elektrisirmaschine genannt 
werden kann, beobachtete Guericke doch ein Paar wich- 
tige Thatsachen, nämlich die elektrische Abstofsung, welche 
die Alten und selbst Gilbert noch nicht kannten, ferner 
das Licht und das Knistern beim Elektrisiren. Es war 
indefs nur das schwache phosphorische Leuchten der 
Elektricität im Dunkeln, welches Guericke wahrnahm, den 
eigentlichen elektrischen Funken beobachtete er noch nicht. 

Alle diese und noch verschiedene minder belangreiche 
Thatsachen hat Otto v. Guericke zusammengefaTst in einem 
Werke, welches unter dem Titel: Ottonü de Guericke Ex- 
perimenta nova (ut vocantur) magdeburgica im J. 1672 za 
Amsterdam erschien, aber schon 1663 in der Haüdschrifl 
vollendet war. Vergleicht man dasselbe mit den gleich- 
zeitigen physikalischen Erzeugnissen in Deutschland, so 
muis man gestehen, dafs es einen ausgezeichneten Bang 
gegen diese behauptet 

1 92. Nächst Otto v. Guericke war unter den deutschen 
Physikern der zweiten HäUle des XVIL Jahrhunderts un- 
streitig der berühmteste Athanasius Kircker, dessen Lebens- 
verhältnisse bereits früher (§ 128) erwähnt sind. Er ver- 
dankt seine Berühmtheit zum kleinsten Theil etwaigen 
Erfindungen und Entdeckungen im Gebiet der Wissen- 
schaft, als vielmehr seiner grossen Gelehrsamkeit nnd Rüh- 
rigkeit, seinen zahlreichen Schriften, welche sich mit ency- 
klopädischer Kenntniis dessen, was Vorfahren und Zeit- 
genossen geleistet, über alle damals kultivirten Zweige der 
Physik erstreckten, und bei allen ihren Schattenseiten doch 
das Gute hatten, die Verbreitung der Wissenschaft zu ior- 
dem. Es findet sich in diesen Schriften allerdings manche 
bemerkenswerthe Thatsache und manche sinnreiche Idee, 
woran es ihrem Verfasser nicht gebrach, aber daneben 
enthalten sie auch einen solchen Wust von unerwiesenen 
und ungereimten Dingen, dafs man kaum annehmen kanoi 



LeistuDgei] in Deatschland. 435 

der Verfasser bsbe das alles selbst geglaubt, sondern nur 
die Absiebt gebabt, von seinen leicbtgläubigen und unwis* 
senden Zeitgenossen bewundert zu werden, daher denn 
auch die meisten seiner Werke beut zu Tage nur als 
Kuriositäten zu betrachten sind. 

Durch seine Schriften ist Kireber im XVII. Jahrhun- 
dert eine Art Autorität geworden ; ob er aber in Wahrheit 
etwas zu den Fortschritten der Wissenschaft beigesteuert 
oder sich als Physiker dokumentirt habe, ist einigermalsen 
zweifelhaft. Seiner wenig belangreichen Arbeiten über den 
Magnetismus habe ich bereits gedacht (§ 128), es bleibt 
mir jetzt noch übrig, etwas von seinen Leistungen im 
Gebiet der Optik und Akustik zu sagen, worin man ihm 
noch am meisten Verdienste zuzuerkennen pflegt, worin er 
aber auch, genau erwogen, nichts Eigenes von Bedeutung 
geleistet hat. 

So ist Kircher zwar wohl der erste Physiker, der von 
den physiologischen Farben redet, aber die Beobach- 
tong, welche ihm da.zu Veranlassung gab, ist nioht von 
ihm, sondern von einem gewissen Joseph Bonacursins. 
Dieser beobachtete^ dafs, wenn er auf ein in die Oeffnung 
des Fensterladens einer dunklen Kammer gehaltenes buntes 
Papier sah und darauf die Oeffnung schlofs, ihm vor den 
Augen die verschiedensten Farben erschienen. Diese Be- 
obachtung gab nun Kireher zu mancherlei Reflexionen 
Anlais, wobei er n. A. das Auge mit dem bononischen 
Leuchtstein verglich, über den er ebenfalls schrieb. 

Nicht besser steht es um die Erfindung der Laterna 
niagica, die man in der Kegel Kircher ganz zuschreibt. 
Wie früher erwähnt, hat Porta unter mancherlei Verände- 
Hingen, die er mit der Camera obscura vornahm, auch 
die angewandt, dals er transparente Gegenstände vor die 
Linse schob. Nun ist aber eine Camera obscura mit trans- 
parenten Objekten in der That nichts anderes als eine La- 
terna magica, mit dem einzigen Unterschied, dafs Sonnen- 
licht die Stelle des Kerzenlichts in letzterem Instrumente 

28* 



436 Leistungen in Deutschland. 

vertritt. Indefs könnte man immer in der Vertauschang 
des Sonnenlichts gegen Kerzenlicht ein kleines Verdienst 
erblicken^ wenn es nur mit Gewifsheit dem Pater Eircher 
zuzuschreiben wäre. Allein dem ist doch nicht so. 

Eircher spricht von der Latema magica in seiner 
Ars magna lucis et umbrae^ aber nicht in der ersten Auf- 
lage von 1646^), sondern in der späteren von 1671 (§59). 
Nun aber berichtet Deschales in seinem Mundus matke- 
maticus, Lugd. 1674^ dafs ihm ein Däne, den er leider 
nicht nennt, schon 1665 eine Latema magica mit zwei 
konvexen Gläsern gezeigt habe, die auch Deseliales be- 
schreibt und abbildet. Deschales erwähnt Kireher's nicht, 
selbst nicht in der zweiten nach seinem Tode erschienenen 
Auflage des Mundus math. von 1690. Er sagt, der Däne 
sei von Leyden gekommen. Nun ging um diese Zeit 
Thomas Bartholin, der Anatom, von Leyden nach Italien, 
der sich auch ftlr Optik interessirte, wie aus seiner Unter- 
suchung des Leuchtens lebender und faulender thierischer 
Wesen hervorgeht; es ist daher jener Däne sehr wahr- 
scheinlich dieser Thomas Bartholin. 

Ein anderer Gegenstand, bei dem Kircher in der 
Optik eine Rolle spielt, ist die Frage, ob Arehimedes die 
Flotte der Römer vor Syrakus durch Brennspiegel ver- 
brannt habe. Die Sage davon, die, wie ich früher er- 
wähnte (§ 6), erst durch byzantinische Schriftsteller des 
XII. Jahrhunderts, durch Zonaras, Tzetzes und Enstathias 
in Umlauf gebracht ist, und im Grunde aller sicheren 
historischen Begründung entbehrt, hat die optischen Schrift- 
steller des Mittelalters vielfach beschäftigt; und da man 
zu der Einsicht gelangte, dafs die Verbrennung jener Flotte 
durch Hohlspiegel jedenfalls grofse Schwierigkeiten gehabt 
haben müsse, so fafste man eine Aeufserung von Tzetzes 
desto mehr auf, wonach Arehimedes sich kleiner vier- 
eckiger Spiegel mit Chamieren bedient habe. 



') S. jedoch ÖeWer, Wörterbuch IV, 843. 



Leistungen in Deutsohland. 437 

Kireber gehört zu denen, die in dieser Weise, d. h. 
durch mehrere auf einen Punkt gerichtete Planspiegel die 
Verbrennung der Flotte für möglich hielten, und er machte 
sogar einen Versuch um diese Möglichkeit zu erweisen. 
Er verband 5 Planspiegel auf die Art, daTs sie die reflek- 
tirten Sonnenstrahlen auf einen 100 Fufs entfernten Gegen- 
stand werfen mufsten, und steckte dadurch freüich keine 
Flotte in Brand, brachte aber doch eine bedeutende Hitze 
hervor. 

Auf einer mit dem schon erwähnten Caspar Schott 
unternommenen Reise nach Sicilien nahm er die Oertlich- 
keiten von Syrakus in Augenschein, und glaubte scbliefsen 
m müssen, dals Arehlmedes sich wirklich der römischen 
Flotte auf 30 Schritt habe nähern können, und somit im 
Stande gewesen sei durch zweckmäfsig aufgestellte Plan- 
spiegel dieselbe zu vernichten. Ich mufs dies dahin ge- 
stellt sein lassen, kann aber nicht umhin zu bemerken, 
da& Kircher nicht die Priorität in dem genannten Versuch 
gebohrt, da bereits Yitello im XIII. Jahrhundert denselben 
ausführte und zwar zu gleichem Zweck. ^) 

Ebenso zweifelhaft sind Kircher^s Leistungen im Felde 
der Akustik, imd habe ich derselben zum Theil schon bei 
Gelegenheit des Sprachrohrs gedacht (§ 183). Eine Er- 
findung, die man Kircher wohl zuzuschreiben pflegt, ist 
^e der Aeolsharfe oder des Anemochords, des guitarre- 
^luilichen Instruments, welches, dem Winde ausgesetzt, sehr 
liebliche und mannichfache Akkorde hören läfst. Eircher 
beschreibt dasselbe in seiner Phonurgia 1673^ und er hat 
auch wohl das Verdienst, es zuerst beschrieben oder zur 
Kunde der Physiker gebracht zu haben. Aber mit dem 
Anspruch auf die Erfindung des Instruments sieht es doch 
Qoch mifslich aus, denn schon im Eostathius kommt die 
Angabe vor, dafs der Wind, wenn er auf gespannte Saiten 
stofse, harmonische Töne erzeuge. Und Kircher war ein 



^) Wilde, Gesch. d. Optik I, 43. 



^438 Leistangen in DeutBchlaad. 

2U guter Kenner älterer Werke, als dafs man nicht an- 
nehmen dürfe, er habe auch diese Stelle gekannt , welche 
Annahme wohl erlaubt ist, da er in seinen Schriften yiele 
andere Dinge ohne Nennung der Quelle beschreibt, die 
erweislich nicht sein Eigenthum sind. 

So ist es denn mit den eigenen Leistungen Kirchers 
nicht sonderlich bestellt, aber verkennen wollen wir darum 
nicht, dafs er durch seine Schriften, trotz ihrer Weit- 
schweifigkeit und häufigen Unzuverlässigkeit, viel zur Be- 
lehrung seiner Zeitgenossen beitrug. 

193. In ähnlicher Weise wie Kireher wirkten noch 
einige andere kenntnifsreiche Männer, deren Werke nöcb 
jetzt zur Beurtheilung des damaligen Zustandes der Wis- 
senschaft einen geschichtlichen Werth besitzen. Der- 
gleichen sind: 

Daniel Schwenter, geb. 1585 zu Nürnberg, gest. 1636 
als Prof. der Mathematik und orientalischen Sprachen an 
der 1809 aufgehobenen Universität Altdorf in Franken, 
dessen Mathematische und philosophische Erquicketunden im 
J. 1636 nach seinem Tode herausgegeben wurden, und 
etwa den Charakter von Portals Magia naturalis an sich 
tragen. Er erwähnt darin u. A. einen körperlichen Drachen, 
der eine Art Montgolfiere ist. 

Kaspar Schott, der Freund von fiiierieke und Kireker, 
dem Orden der Jesuiten angehörig, geb. 1608 zu Königs- 
hofen bei Würzburg, und gest. 1666 zu Würzburg alfi 
Prof. der Mathematik und Physik daselbst. Er hinterliels 
verschiedene Schriften mathematischen und physikalischen 
Inhalts, darunter auch eine betitelt : Technica curiosa^ Her- 
bipoli 1664^ worin sich die älteste Nachricht vom Gebrauch 
der Taucherglocke befindet. Schott bringt nämlich darin 
aus dem Werke Opusculum de motu celerrinio eines ge- 
wissen Taisnier die Nachriebt, dafs im J. 1538 zwei Griechen 
zu Toledo, in Gegenwart des Kaisers Karl V. und vieler 
tausend Zeugen, mit einem umgekehrten Kessel sich unter 
Wasser liefsen, ein brennendes Licht mitnahmen und mit 
diesem, ohne nafs zu werden, wieder heraufkamen. 



Leistungen in Deutschland. 439 

Lord Baco kannte auch schon diese Vorrichtung und 
beschrieb sie umständlich in seinem Novum Organen, also 
1620. In England, wo man in neuerer Zeit so manche 
nützliche Anwendung von der Taucherglocke gemacht hat, 
z. B. bei Hafenbauten, zur Heraufholung von Gegenständen, 
die ins Meer yersunken sind u. s. w., scheint man sie über- 
haupt zu letzterem Zweck zuerst benutzt zu haben. Es 
war nämlich im J. 1588, wo man bei der Insel Mull an 
der Westküste von Schottland versuchte, die dort mit 
mehreren Schiffen der sogenannten unüberwindlichen Flotte 
der Spanier versunkenen Schätze wieder heraufzubringen. 
Die dabei benutzte Taucherglocke ist von Sinelair be- 
schrieben in der Ars nova et magna ffravitatü et levüatis^ 
hterodami 1669, ohne dafs er sich die Erfindung beilegt. 

Seitdem ist die Taucherglocke mannichfach abgeändert 
worden, sowie ihre Benutzung häufiger ward. In unvoll- 
kommener Gestalt war sie sogar den Alten bekannt; schon 
Aristoteles spricht von ihr, jedoch nicht deutlich. Es waren 
auch nicht eigentliche Taucherglocken, sondern Taucher- 
kappen, umgestürzte Kessel, wodurch man blofs den Kopf 
des Tauchers, nicht den ganzen Körper desselben schützen 
wollte. 

Job. Christoph Sturm, geb. zu Hippoltstein 1635, gest. 
1703 zu Altdorf, wo er Professor der Mathematik und 
Physik war. Von seinen Schriften sei hier genannt: CoUe" 
ffmi experimentale curioauniy Norvmb. 1685 und 1702, worin 
er Nachricht von den aSrostatischeu Bemühungen des 
Francesco Lana giebt Dieser, ein Jesuit, geb. 1631 zu 
Bresda, wo er auch Mathematik und Philosophie lehrte, 
gest. 1687 zu Rom, veröffentlichte eine kleine Schrift: Pro- 
dromo ovvero sapffio di alcune invemioni nuove promeeso alF 
arte maeeU^a, Bresc. 1670^ worin er den Vorschlag machte, sich 
durch luftleere Kugeln von Kupfer in die Luft zu erheben. 
£r wollte vier' solcher Kugeln von 20 Fufs Durchmesser 
und ^ Linie Wanddicke an einem Nachen befestigen ^). 



») Fischer, Gesch. II, 471; Murhard, Gesch. d. Physik I, 39. 



440 Leistungen in Deutschland. 

Ferner findet sich in dem CoUegium exper. das In- 
strument beschrieben, welches man Differentialthermo- 
meter nennt und gewöhnlich als eine Erfindung von Leslie 
betrachtet. Brewster, der hierauf aufmerksam gemacht hat, 
behauptet gradezu, Leslie habe es aus dem CoUegium exp. 
entlehnt ^). Eine andere Beschreibung desselben Instrumente 
findet sich bei van Helmont, was schon H. Davy 1803 in 
seinen Elements of cheniical phüoaophy pag. 75 und 76 gegen 
Leslie geltend gemacht hat, doch läist die Beschreibung 
noch eine Ausflucht zu ; a loophole, through which a person 
of amall dimenaiona might creep, (Journ. of Sc. II, 145.) 

Dieser van Helmont war einer der ausgezeichnetsten 
Chemiker seiner Zeit, geb. 1577 zu Brüssel, aus dem Ge- 
schlecht der Grafen von Merode stammend. Sein Ruf als 
Arzt und Chemiker verschafile ihm glänzende Anerbietun- 
gen von Kaiser Rudolph II. und dem Erzbischof von Kok; 
er lehnte sie aber ab, da ihm sein Laboratorium zu Vil- 
vorde bei Brüssel lieber war, als die Freuden des Hof- 
lebens. Er starb 1644 zu Vilvorde. 

Von seinen chemischen Verdiensten mag hier nur 
erwähnt werden, dais man ihn nicht mit Unrecht als Ent- 
decker des kohlensauren Gases ansehen kann, obwohl auch 
Paraeelsas (geb. 1493 zu Einsiedel, Kanton Schwyz, gest. 
1541 zu Salzburg) dasselbe schon kannte. Van Helmont 
wu|ste, dals es sich sowohl beim Verbrennen von Kohle 
als beim Gähren von Brod und Wein entwickelt. Ihm 
gebührt auch das Verdienst den Namen Gas gebildet und 
in die Wissenschaft eingeführt zu haben. Der Name Gas 
übrigens, den Einige wohl für griechischen Ursprungs ge- 
halten und von Chaos abgeleitet haben, ist wenigstens sei- 
ner näheren Abkunft nach ein deutscher, offenbar von 
Gabst (engl. Ghost, platt Geest), Geist herstammend, oder 
auch, was damit zusammenhängt von Gäscht, Oberhefe, 
Schaum, platt Gest, engl. Yest. 



^) Joarn. of Sciences U, 1644. 



Leistaxigen in Deutschland. 441 

Aulser dem unserm heutigen Differentialthermometer 
ähnlichen Instrumente kannte und benutzte van Helmont 
aach ein Wassertbermometer, wahrscheinlich ohne von den 
Arbeiten der florentiner Physiker etwas zu wissen. Es 
war ohne Graduirung, im Ganzen von roher Form und 
beschrieben in einem Werk, welches erst 4 Jahre nach 
yan flelmont's Tode unter dem Titel: Ortus medicinaey 
AmsteL 1648 erschien und viele Auflagen erlebte. 

Samuel Beiher, Professorder Physik zu Kiel, geb. 1635 
zu Schleusingen, gest. 1714 zu Kiel, wurde schon bei den 
Glasthränen genannt (§ 182). 

Daniel Georg Morhof, geb. zu Wismar 1639, war zu- 
erst Professor der Dichtkunst zu Rostock, machte darauf 
Beisen nach Holland und England, und nahm darauf die 
Professur der Beredsamkeit und Dichtkunst an der 1665 
neu gestifteten Universität Kiel an. Auf der Rückkehr 
Ton einer Badereise- nach Pyrmont starb er 1691 zu Lübeck. 

Morhof ist berühmt als Literator, besonders durch sei- 
nen Polyhistor y Lübeck 1688 y der in Deutschland zuerst 
ein voUständigeres und planmäfsigeres Studium der Literar- 
geschichte angeregt hat. In der Physik hat er sich einen 
Namen gemacht durch die Schrift: Stentor hyahklcutes s. 
Epütola de acypho vitreo per vocü humanae sonum ruptOy 
Kilon. 1672. £s handelt von dem Zerschreien der 
Gläser. Morhof erzählt darin, dals er bei seinem Auf- 
enthalt in Amsterdam zu einem Weinhändler Fetter ge- 
fiihrt worden sei, der die Kunst verstand Gläser zu zer- 
schreien, und es ihm selbst vorgemacht habe. Fetter habe 
zuerst durch Anschlagen an das Glas, einen sogen. Römer, 
den Ton desselben erforscht, dann den Mund dicht davor 
haltend die höhere (?) Oktave angegeben, und so lange 
Uneingeschrien, bis das Glas zersprungen sei; Morhof habe 
dabei das Glas in seiner Hand zittern gefühlt ^). 

Chladni f&rchtet es möge dabei ein Betrug obgewaltet 
haben, es möchte von Diamantstrichen zerrissen worden 



') Fischer, Gesch. d. Phjs. H, 499. 



442 Leistongen in Dentschland. 

sein^), indefs bringt er doch selbst später im Anhang 
S. 89 eine Nachricht bei, weiche die Angabe gUuiblidi 
macht. Er sagt: In dem Talmud, in der Gemara, werden 
die Meinungen verschiedener Gelehrten darüber angefahrt, 
wie es mit dem Schadenersatz zu halten sei, wenn ein 
Hausthier durch sein Geschrei ein GeftTs zersprenge! Es 
mufs doch also wohl einmal ein solcher Fall voi^ekommen 
sein. Es wird hinzugefügt, Rame, der Sohn Jecheskel 
entscheide, dafs Einer, dessen Haushahn den Kopf in ein 
Glasgefafs des Nachbarn stecke und durch Krfthen zer- 
sprenge, zum vollen Schadenersatz zu verurtheilen sei! 
Uebrigens hat auch ein Italiener Bartoli, ein Jesuit, über 
das Zerschreien der Gläser geschrieben: Trattato d^l 8uono 
e dei tremori armonici, Bologna 1680, 

ltt4. Neben allen diesen mehr schreibenden als experi- 
mentirenden Physikern verdient eine rühmliche Erwähnung 
in doppelter Beziehung der Herr v. Tschirnhansen, einmal, 
weil er als reicher Privatmann die Wissenschaften ledig- 
lich ihrer selbst wegen trieb, und dann, weil er sie, was 
bei uns immer selten ist, in praktischer Weise ausübte. 
In dieser Beziehung erweist er sich als einen würdigen 
Geistesverwandten von 0. V. Gnerifke. 

Ehrenfried Walter Graf v. Tsehimhausen, Herr v. Isisr 

lingswalde und Stolzenberg war geb. 1651 zu Kisling$- 
walde in der Oberlausitz. Von Jugend auf hegte er eiiK 
grofse Neigung zur Mathematik, um derentwillen er auch 
die Universität zu Leyden bezog. Im J. 1672 trat er in 
holländische Dienste, schied aber nach 1^ Jahren wieder 
aus, und begab sich nun auf Reisen. Er besuchte Frank- 
reich, Italien, Sicilien, Malta und kehrte über Wien zurück, 
wo er sich längere Zeit aufhielt. Auch später noch machte 
er mehrmals Reisen nach Holland und Frankreich, wäh- 
rend er die übrige Zeit auf seinen Gütern in der Lausitz 
lebte. Er starb als kursächsischer Rath 1708 zu Dresden. 



^) Chladni, Akustik, p. 271. 



Leistungen in Deutschland. 443 

Tfldlindiaaseil hat eine beträchtliche Anzahl mathe- 
matischer Abhandlungen geschrieben, die gröfstentheils in 
den Actis Eruditorum niedergelegt sind. Diese Acta Erudi- 
tongntj die auch eine bemerkenswerthe literarische Erschei- 
mmg des XVU. Jahrhunderts sind, wurden im J. 1682 
durch den Professor Otto Mencke in Leipzig gegründet 
Sie bildeten die erste gelehrte Zeitschrift in Deutschland, 
ond waren lange Zeit eins der gelesensten und weit ver- 
breitetsten Journale. Die ausgezeichnetsten Gelehrten ihrer 
Zeit waren Mitarbeiter an derselben, und gaben darin ent- 
weder Recensionen und Kritiken von erschienenen Werken 
nach Art unserer heutigen Literaturzeitungen, oder ver- 
o&ntlichten darin, was einer baldigen Bekanntmachung 
bedurfte. So enthalten die Acta Erud. eine ganze Reihe 
sehr schätzbarer mathematischer und physikalischer Auf- 
satze neben einer freilich sehr grofsen Menge von Aus- 
zögen xind Recensionen theologischer, juristischer und 
medicinischer Werke, die für den Physiker kein Interesse 
haben. 

In den ersten drei Decennien ihrer Existenz erfreuten 
sich die Acta Erud. eines blühenden Fortgangs, späterhin 
kamen sie in Verfall, da ihr ganzer Zuschnitt nicht mehr 
Ar die Zeit pafste, und Zeitschriften in deutscher Sprache 
tur die einzelnen Fächer des Naturstudiums zu erscheinen 
begannen. Sie vegetirten indefs noch bis 1782, wo der 
Band von 1776 erschien, mit welchem denn die ganze 
Seihe von 117 Quartbänden schlofs. 

Mehr als diese Aufsätze in den Actis Erud. haben 
Tsekimlianseil's Namen auf die Nachwelt gebracht seine 
Bemühungen um Darstellung grofser Brennspiegel und 
Brenngläser. Zum Behuf der letzteren legte er auf seinen 
Gütern drei Glashütten an, so wie eine eigene Mühle zum 
Schleifen der Gläser. Von Brennspiegeln brachte er 
im J. 1687 einen zu Stande, der alle bis dahin angefer- 
tigten weit hinter sich liefs. Er war aus Kupfer getrieben, 
besafs einen Durchmesser von 3 leipziger Ellen, und hatte 



444 Leistungen in Deutschland. 

eine Brennweite von 2 Fufs; er soll noch gegenwärtig im 
sogen, mathematischen Salon aufbewahrt werden. Seine 
Wirkung war erstaunlich. Er entzündete Holz, brachte 
Wasser zum Sieden, schmolz 3 Zoll dickes Zinn, durch- 
löcherte in 5 bis 6 Minuten ein Thalerstück oder eiserne 
und kupferne Bleche, verglaste Ziegel, Erden u. s. w., aber 
er konnte, was bemerkenswerth ist, durch Verdichtung der 
Mondstrahlen nicht die mindeste Wärme hervorbringen. 

Auf die Anfertigung grolser Brenngläser verwendet« 
TseliirnhaQSen viel Mühe und 6eld, es gelangen ihm indel^ 
nur vier. Das grosseste derselben hält 33 Zoll im Durch- 
messer und hat 12 Fufs Brennweite. Es kam im J. 1701 
durch den zu seiner Zeit berühmten Chemiker Homber;;, 
Leibarzt des Herzogs von Orleans, damaligen Regenten 
von Frankreich, an die pariser Akademie der Wissen- 
schaften, die schon 1682 Tschimhausen zu ihrem Korre- 
spondenten erwählt hatte. Ein anderes bekam der Graf 
de la Tour d'Auvergne, ein drittes befindet sich in der 
Rathsbibliothek zu Görlitz, und eins in der Sammlung der 
Akademie der Wissenschaften zu Berlin. 

Die Wirkungen dieser Gläser waren denen der Brenn- 
spiegel ähnlich, besonders wenn, wie es Tschimliaiisei 
that, noch ein Sammelglas vorgesetzt wurde. Tsehinütausei 
machte sich u. A. den Scherz, dafs er Fische und Krebe 
damit in Wasser kochte. Durch Koncentration der Mond- 
strahlen konnte er aber auch mit den Gläsern nicht die 
mindeste Wärme hervorbringen. Mittelst eines der be- 
rühmten Brenngläser Tsehimhaosen's, welches | florentiner 
Ellen im Durchmesser hielt und eine Brennweite von 
2^ solcher Ellen hatte, stellten in d. J. 1694 und 95 Avenm 
und Targioni zu Florenz auf Kosten des Grolsfaerzogs 
Cosimo III. die merkwürdigen Versuche mit Diamanten 
an, durch welche zuerst die Verbrennlichkeit derselben 
dargethan ward. Um die Wirkung des Glases zu er- 
höhen, hatte man vor dem Brennpunkt noch eine Kollek- 
tivlinse aufgestellt. Der gröfste Diamant, den man ver- 
brannte, wog 22 1 Denar (ä 6 bis 8 Gran), und nach 



Leistangen in Dentschland. 445 

28^ Minuten war von demselben ein kaum mehr sichtbares 
StQckchen flbrig.^) 

Die Brennspiegel gaben TscUrnhansen auch zu einer 
mathematischen Untersuchung Anlafs, die seinen Namen 
aufbewahrt hat, n&mlich zur Untersuchung der Brenn- 
linien, oder wie sie bald darauf 1692 von dem grofsen 
Mathematiker Jakob BernouUi genannt wurden, die kata- 
kaustischen Linien zum Unterschied der ähnlichen durch 
Refraktion bei Linsen entstehenden diakaustischen 
Linien. Es sind zwar die Brennlinien schon von Hanro- 
Ifkus beachtet worden, allein die erste genauere Unter- 
suchung über sie hat Tsehirnhausen 1682 angestellt, ob- 
wohl nicht ganz ohne Fehler, die er indefs selbst später 
eingestand. Hnyghens schrieb freilich schon 1678 über 
diesen Gegenstand eine Abhandlung, dieselbe wurde aber 
erst 1690 gedruckt.*) 

195. Da ich hier einmal von den deutschen Physikern 
des XVn. Jahrhunderts rede, so mufs ich noch einen 
Mann namhaft machen, der zu ihnen gezählt worden ist, 
obgleich ich meinerseits bezweifle, dafs man volles Recht 
dazu gehabt hat. Es ist dies Salomon de Caus. Er ist 
Verfasser eines Werks betitelt: ' Les ratsons des forcea 



^) Franz Stephan, Herzog von Lothringen, der im J. 1737 nach 
dem AoBsterben der Dynastie Medici zum Besitz von Toskana gelangte, 
ood später 1745 als Franz I. zum deutschen Kaiser erwählt wurde, liefs 
zn Wien im J. 1751 diese Versuche wiederholen, aber nicht mit einem 
Breuiglase, sondern in einem Ofen. Der Erfolg war derselbe wie bei 
dem florentinischen Versuche, und man lernte also nur daraus, dafs der 
Diamant auch im gemeinen Feuer verbrennlich sei. Der Kaiser erkaufte 
Qdefs diese Erfahrung ein wenig theuer, er opferte an Diamanten und 
Kabinen, die sich hierbei unzerstörbar erwiesen, nicht weniger als f&r 
^fJkiO Golden. Wir würden mit Recht erstaunen müssen über diese grofs- 
utige Freigebigkeit, wenn wir nicht durch eine spätere Schrift belehrt 
worden wären, dals diesem Versuch gar kein wissenschaftlicher Zweck 
zun Grande lag, sondern der Kaiser nur die Absicht hatte, nach einem 
TOD einem Unbekannten erhaltenen und bei dieser Gelegenheit glänzend 
durchgefallenen Geheimnifs, kleinere Diamanten zu einem einzigen grofsen 
i^iSÄmmen zu schmelzen. 

*) Wilde, Gesch. der Optik I, 341. 



446 Leistungen in Deutochlaad. 

mouvantea^ avec diverses machine» tont utües que plaisanteSj 
Frankf. a/M. 1615. Dies Werk, dessen Inhalt ich schleich 
n&her bezeichnen werde, bat Arago Veranlassung gegebeo, 
im Annuaire von 1829 zu behaupten: 

1) dais Sal. de Caiis ein Franzose von Geburt sei; 

2) dafs er die Dampfmaschine erfunden habe; 

3) dafs demnach diese wichtige Erfindung als ein Eigen- 
thum der französischen Nation betrachtet werden müsse. 

Was die erste Behauptung betrifi^ so stützt sich Arago 
darauf, dafs Sal. de Caus, obwohl er im Dienst des Kur- 
fürsten von der Pfalz stand, sein Werk französisch Bchrieb, 
es dem König Ludwig XIII. dedicirte und in der Dedi- 
kation die Worte gebrauchte: de Votre MajestS le trds obä&- 
sant sujety wobei AragO jedoch einräumt, man dürfe das 
Wort sujet, Unterthan, nicht im eigentlichen Sinne nehmen. 

Dagegen ist nun Prof. Baumgartner in Wien aufge- 
treten und hat bemerklich gemacht, dafs das Werk von 
de Caus auch in deutscher Sprache erschienen ist^ und in 
dieser den Titel führt: Von getcaüsamen Bewegungen etc. 
durch ScUamon de CauSy churfürsüich pfälzischem Ingenieur 
und Baumeister j erstUch in französischer jetztund aber tn 
unserer deutschen Sprache an Tag gegeben, Prof. BaiUh 
gartner legt besonderes Gewicht auf die Worte in unserer 
deutschen Sprache^ und schliefst daraus. Sah de Gaos müsse 
ein Deutscher gewesen sein. Ich mufs gestehen, ich kann 
diesen SchluTs nicht gerechtfertigt finden. 

So lange nicht bewiesen ist, — und das ist es nicht 
— dafs Sal. de Caus die deutsche Ausgabe seines Werkes 
in eigener Person herausgab, so lange haben jene' Worte 
wenig Beweiskraft^ denn sie können ebenso gut vom üeber- 
setzer herstammen, der ein Deutscher war. Ueberdies hat 
der Name de Caus gar keinen deutschen Klang. Wollte 
man de Caus blofs deshalb der deutschen Nation vindidren, 
weil er im Dienst eines deutschen Fürsten stand, so mflfste 
man auch Papin, den Erfinder des papinianischen Topfes, 
zu den Deutschen zählen, da er Professor in Marbuig war, 
oder Maupertois und Lagrange, weü sie Mitglieder der 



Astronomie. 447 

Akademie zu Berlin waren, und viele Jahre lang daselbst 
wohnten. 

Uebrigens haben wir gar nicht Ursache uns sonder- 
lich am Sal. de Cans zu reifsen, denn seine Ansprüche auf 
die Erfindung der Dampfmaschine sind sehr schwach, im 
Grande gar keine. Er beschreibt 5 Arten Wasser zu heben 
imd darunter eine durch Feuer, in welcher Arago Anlafs 
zu seiner zweiten Behauptung findet. Nach der Abbildung, 
welche de Cans von dieser Maschine giebt, besteht sie ans 
einer hohlen Kugel mit einem verschliefsbaren Eingufsrohr 
zur Seite, durch welches sie mit Wasser geftült wird. 
Eine zweite oben eingesetzte Röhre geht fast bis anf den 
Boden der Kugel, und aus ihr spritzt das Wasser aus dem 
oberen Ende dieser Röhre empor, so bald die Kugel auf 
Feoer gesetzt wird, und die in ihrem oberen Raum sich 
ansammelnden Dämpfe das Wasser zu dem Steigrohr hin- 
auspressen. Hieraus erhellt genug das Wesen der Ma- 
schine, es ist eine Spritze, wie sie schon Hero von Alexan- 
drien kannte. Eine solche Vorrichtung kann um so we- 
niger einen Anspruch auf die Ehre der Erfindung der 
Dampfmaschine begründen, da andere dieser Maschine weit 
iiaher kommende Konstruktionen lange vor de Cans er- 
dacht worden sind (§ 229). 

Astronomie. 

196. Ich kann Deutschland nicht verlassen, ohne einen 
Blick auf den Stand der übrigen physikalischen Wissen- 
schaften zu werfen. Wie schon erwähnt, wurde die Physik 
nur von einer geringen Zahl von Männern^ und von den 
meisten derselben nur mit geringem Erfolge betrieben. 
Gleichsam als Ersatz daf&r finden wir ein weit regeres 
Streben in den beiden anliegenden Gebieten der Astro- 
nomie nnd Chemie, den beiden Wissenschaften, in welchen 
die Deutschen seit jener Zeit immer einen sehr ehrenvollen 
Platz behauptet, und zeitweise wohl gar ihren Nachbarn 
jenseit des Rheins und des Kanals den Vorrang abge- 
wonnen haben. 



448 Astronomie. 

Von den Astronomen will ich hier nur drei namhaft 
machen: Hevel, DSrfel, Kirch. 

Johann Hevel oder Hevelius, eigendich Hewelcke (d. b. 
Hügelchen), wie die Familie in Danzig noch heifst, geb. zu 
Danzig 1611, stammte aus einer patricischen und sehr 
vermögenden Familie dieser ehrbaren Reichsstadt. Gleich 
Onericke und Tsehimhansen widmete er ohne professionelle 
Verpflichtung sein ganzes Leben der Wissenschaft, und 
entfaltete dabei eine Thätigkeit, die einigermafsen ver- 
gleichbar ist mit der, welche wir in unsem Tagen an dem 
berühmten Astronomen der Schwesterstadt am Pregel, an 
F. W. Bessel in Königsberg, haben bewuqdem müssen. 

Vom J. 1640 etwa an, wo Hevel nach längeren Reisen 
durch das westliche und südliche Europa in seine Heimath 
zurückkehrte, bis zu seinem Tode im J. 1687 war er un- 
ablässig mit Beobachtungen und mit Abfassung astrono- 
mischer Schriften beschäftigt, ungeachtet er daneben 
städtische Aemter bekleidete, erst als Schöffe, später als 
Rathsherr ftmgirte, und aufserdem mit den berühmtesten 
Gelehrten seiner Zeit einen so ausgedehnten Briefwechsel 
fikhrte, dafs derselbe bei seinem Tode 17 Folianten itdlte. 
Diese schätzbare Sammlung, worin sich u. A. auch Briefe 
von Keppler befanden, ist leider dem Vaterlande nicht er- 
halten worden. Der französische Astronom de Tlsle kaufte 
sie bei seiner Durchreise durch Danzig von den Erb« 
fdr ein Spottgeld, wodurch sie zunächst nach Paris kam 
worauf sie in die Hände von Godin fiel, der sie mit nacl 
Cadix nahm, wo sie vielleicht noch existirt.^) 

Hevel war ein durchaus praktischer Mann; er stach 
die Figuren zu seinen Werken selbst in Kupfer, und d^ 
gute Femröhre damals noch zu den Seltenheiten gehörten, 
so schliff er auch mit eigener Hand die Gläser zu deaj 
seinigen, und die von ihm dargestellten Femröhre erlangten 
grofsen Ruf, und wurden weit und breit begehrt. H«T«I 
gebrauchte die Femröhre noch nicht als Mefs-Instrumente, 



^) Montucla, Eist des math. IT, 640. 



Astronomie. 449 

obwohl dies zu seiner Zeit schon eingefbhrt war, sondern 
er bediente sich mit einem gewissen Eigensinn dazu nur 
der Absehen, mit welchen seine Beobachtungen jedoch, 
wie Hallej versichert, bis auf die Minute richtig gewesen 
sein sollen^) (§ 239). 

Eins seiner berühmtesten Werke, das zugleich das 
erste war, ist die Selenographia, Gedani 1647, deren auch 
schoD § 132 gedacht ist; nächstdem sind zu nennen seine 
Cometographia^ Ged. 1668 und die Machina coelestisy Ged. 
1673. 

Im J. 1679 hatte Hevel leider das Unglück durch eine 
grofse Feuersbrunst am 26. Sept. nicht weniger als 7 Häuser 
ZQ verlieren, damit fast alle seine bewegliche Habe, seine 
fiöcher, Instrumente, Beobachtungsjournale von 1647 an 
0. s. w., ein grofser Verlust auch für die Wissenschaft. 

Georg Samuel DSrfel, der zweite Astronom, den ich 
hier nennen will, ein Schüler HeveFs, war geb. 1643 zu 
Plauen im Voigtland, wo er auch Diakonus war, bis er 
Superintendent zu Weida wurde, und als solcher daselbst 
1688 starb. Er hat sich vorzüglich bekannt gemacht durch 
seine Beobachtungen über den grofsen Kometen von 1680 
und 1681, die er im letzteren Jahre zu Plauen deutsch 
TeröffentHchte. 

Durch diese Beobachtungen wurde zuerst erwiesen, 
^ die Kometen sich nach gleichen Gesetzen, nämlich 
Q>cb den kepplerschen , und in ähnlichen Bahnen um die 
Sonne bewegen wie die Planeten, und nicht in graden 
Linien, wie man früher und selbst Keppler noch glaubte. 
DJpfcl zeigte für den erwähnten Kometen, dafs der sicht- 
bare Theil seiner Bahn mit einer Parabel übereinkomme, 
^ deren Brennpunkt die Sonne stehe, die vollständige 
Bahn hielt er aber för eine sehr in die Länge gezogene 
Ellipse. Erst fünf Jahre später wies Newton in den 
^ncipiis philos. nat 1686 die Nothwendigkeit dazu aus 



Hontucla, Bist, des matL U, 639. 

^öRgendorff, Gesch. d. Physik. 29 



l 



450 Chemie. 

seiner Gravitationstheorie nach; er kannte DBrfeFB An- 
sichten und billigte dieselben. Als Vennuthung war dies 
übrigens schon früher von Henry Perey, Grafen von Nor- 
thumberland ^) ausgesprochen worden, so wie von einem 
berliner Astronomen Madeweis ^). 

Gottfried Kirch, geb. zu Guben 1639, gest 1710 zu 
Berlin, ein Schüler HeveFs und später erster Astronom an 
der neu errichteten Sternwarte zu Berlin. Er beobachtete 
den oben erwähnten Kometen zuerst in Koburg am 
4. November 1680 und schrieb darüber: Obaervatione» in- 
signü cometae 8ub ßnem 1680 viai Coburgi Saaoniae kabüae. 

Chemie. 

197. Wenden wir uns nun zur Chemie, so dürfen 
wir nicht vergessen, dafs dieselbe im ganzen Laufe des 
XVn. Jahrhunderts, sowohl in Deutschland wie in den 
übrigen Ländern Europas, noch auf einer sehr niederen 
Stufe der Wissenschaftlichkeit stand, ungeachtet die Uni- 
versität Marburg schon 1609 eine Professur der Qiemie 
errichtete, die erste ihrer Art, und Job« Hartnuuui damit 
bekleidete. 

Trotz dieser und ähnlicher Zeichen einer Wissenschaft* 
liehen Gestaltung der Chemie waren es doch eigentlich 
nur die Anwendungen derselben, um derentvrillen sie ge- 
trieben wurde. Wer sich mit Chemie befabte, hatte ent- 
weder alchemistische Zwecke im Auge, und nur ganz all- 
mählich, und erst gegen das Ende des Jahrhunderts, er- 
wachte ein höheres Interesse an den Erscheinungen. Das 
gründlichere Studium der chemischen Processe, das nach 
und nach dadurch hervorgerufen wurde, drängte denn auch 
die Alchemie immer mehr in den Hintergrund, obwohl 
die lockende Kunst des Goldmachens, der Panacea des 
Lebens und der Bereitung des Steins der Wefsen, inner- 
halb dieses ganzen Jahrhunderts noch so viele theils offene, 



>) MonatL Eorresp. YTH, 47. 
') Busch, Handb. Vn, 357. 



Chemie. 451 

theSs verkappte Anhänger zählte, daft zwischen den Alche- 
misten und Chemikern sich keine strenge Scheidewand 
errichten läfst. 

Die Liste der Personen, die der genannten Zwecke 
wegen Chemie trieben und nebenbei oft wider ihre Ab- 
sicht, zwar nicht den Stein der Weisen fanden, doch einen 
Stein zum Fortbau dieser Wissenschaft herbeiförderten, 
ist innerhalb des XVII. Jahrhunderts in Deutschland sehr 
grofs, so dafs ich mich hier darauf beschränken muis nur 
einige der vorzüglichsten zu nennen. Ein solcher ist 
mnächst 

Andreas Liban oder Libavius, eigentlich noch einer 
üüheren Periode angehörig, war gebürtig aus HaUe, von 
1588 bis 1591 Prof. der Geschichte und Poesie an der 
Universität zu Jena, hierauf Physikus zu Rothenburg an 
der Tauber, und seit 1607 Direktor des Gymnasiums in 
Eoburg, wo er 1616 starb. 

Man hält ihn allgemem für den Entdecker des flüch- 
tigen Zinnchlorids, des Spiritus fumana Ldbamiy das er 
zuerst beschrieb, obwohl so kurz, dals man fast zweifeln 
möchte, er habe es als etwas Neues betrachtet. Er be- 
reitete es durch Sublimation von 1 Th. Zinn und 4 Th. 
Q,iiecksilberchlorid, und nannte es daher Liquor s. spiritus 
aigenti vivi sublimati. — Libau schrieb auch eine Alchymia^ 
Frankfiurt a. M. 1597, die als das älteste in Deutschland 
eiBchienene Handbuch der Chemie betrachtet werden kann. 

Johann Rudolph filauber, der Paracelsus seines Jahr- 
hunderts, der Entdecker des weltberühmten Salzes, welches 
n&ch ihm Glaubersalz, Sal mircUnle Glauberi heilst, war 
geb. 1603 zu Karlstadt in Franken. Er verfertigte medi- 
ciüische und chemische Geheimmittel, von deren Verkauf 
er lebte und zu dem Zweck auch viel reiste, namentlich 
in Holland, wo er 1668 zu Amsterdam starb. 

Das Glaubersalz stellte er dar, indem er Kochsalz 
niit Schwefelsäure destillirte, wobei er in der Vorlage 
Salzsäure und als Rückstand schwefelsaures Natron, sein 

29 • 



452 Chemie. 

Sal mirabile gewann, welches er für einerlei hielt mit dem, 
was Paracelsns Sal enizum nannte. Er beschrieb dies 
erst später von ihm angewandte Verfahren 1658 ^). 

Olauber erlangte durch seine Schriften, deren er eine 
beträchtliche Zahl abfalste, einen groTsen Buf. Gegen die 
herrschende Sitte der Zeit schrieb er sie alle in deutscher 
Sprache, obwohl meist mit halb lateinischen halb deutschen 
Titeln, und das mag wohl mit zu deren Popularisimng 
beigetragen haben; auch wurden sie ins Franzosische und 
Englische übersetzt. Eine derselben: Neue philosophische 
Oe/en oder Beschreibung einer neuen DestUlirkunsty Amster" 
dam 1648^ ist auch ßXr den Physiker von Interesse, indem 
darin der erste Fall einer Verdichtung zweier Metalle bei 
ihrer Zusammenschmelzung vorkommt. Er gofs in einerlei 
Kugelform 2 Kugeln von Kupfer und 2 Kugeln von Zinn, 
schmolz diese 4 Kugeln zusammen, und suchte nun wieder 
aus der Mischung Kugeln zu giefsen in derselben Form. 
Obwohl, wie er angiebt, nichts verloren ging, erhielt er 
zuletzt nur 3 Kugeln! Galilei und Andere kannten die 
Verdichtung beim Mischen der Körper noch nicht 

In einer anderen Schrift: Deutschlands Wohlfahrt^ 
Amsterdam 1666 zeigt sich uns Glauber von patriotischer 
Seite, indem er dringend zur Industrie auffordert und sehr 
dagegen eifert, dais man Blei, Kupfer, Pottasche und 
andere Rohprodukte ausführe, um daft&r Artefakta wie 
Bleiweifs, Grünspan, Glas u. a. m. zu hohen Preisen vom 
Auslande wieder einzulösen. 

Johann Joachim Becher, geb. 1635 zu Speier als Sohn 
eines protestantischen Geistlichen, und gest. 1682 in Lon- 
don. Eine Zeit lang war er Prof. der Medicin in Mainz, 
dann hielt er sich in München auf, den gröfsten Theü 
seines Lebens aber verbrachte er auf Reisen in Italien, 
Holland , England, Schottland und Schweden, weshalb er 
denn auch im Ganzen wenig Arbeiten lieferte, die Ruhe 
und Zeit erfordern. 



») Höfer, Hiflt. de la Chimie U 192. 



Chemie. 453 

Zwei Dinge haben jedoch seinen Namen erhalten, zu- 
nächst seine Phynca subterranea, Francof. 1669, ein Werk, 
das noch gegenwärtig citirt wird, und dann der Umstand, 
dafs der berühmte Stahl , der Grründer tler ersten allge- 
meinen chemischen Theorie, des phlogistischen Systems, 
das trotz seiner inneren Haltlosigkeit einen so mächtigen 
Einflofs auf den Fortgang der Chemie gehabt hat, sein 
Schüler war. Man sagt, dais Stahl einen Theil seiner 
Ideen aus den Lehren von Becher geschöpft habe. 

198. Ungleich höheren Buhm als Becher erlangte 
unter den Zeitgenossen Johann Kmickel von Löwenstjem. 
Er war der Sohn eines Goldarbeiters, und geb. 1638 zu 
Hütten bei Rendsburg. Durch die Apothekerkunst, der er 
sich widmete, kam er auf die Chemie, in der er bald soviel 
Kenntnifs und Geschicklichkeit erwarb, dafs er zu einem 
seltenen Ansehn gelangte. Theils als Apotheker, theils als 
Laborant, theils als Alchemist, wurde er von einem Hof 
an den andern berufen, und mit Ehren und einträglichen 
Gehalten belohnt. So diente er successive den Herzögen 
Franz Karl und Julius Heinrich yon Lauenburg, dem Kur- 
ftrst Job. Georg U. von Sachsen, dem Kurfürst Friedrich 
Wilhelm von Brandenburg und zuletzt dem König Karl XI. 
von Schweden, der ihm 1690 die oberste Leitung des 
Bergwesens in seinem Reich anvertraute, und ihn unter 
Verleihung des Namens von Löwenstjem in den Adelstand 
erhob. Er starb 1703 zu Dreifsighufen, seinem Landgut 
bei Pemau in Livland. 

Wenngleich Kunckel auch, entweder aus Ueberzeu- 
gung oder aus Lebensklugheit, nicht ganz die alchemisti- 
schen Lehren verwarf, so mufs man doch anerkennen, dafs 
er, wenigstens in späterer Zeit, das Unhaltbare mancher 
dieser Träumereien aufdeckte. In seinem Laboratorium 
chxpnicwmy welches 1716 nach seinem Tode zu Hamburg 
und Leipzig herauskam und eines seiner Hauptwerke ist, 
erklärte er, dafs es keine Transmutationen oder Metall- 
verwandlungen gebe, dafs das angebliche allgemeine Auf- 



454 Chemie. 

lösungsmittel Alkahest (ob von Alkali oder Allgeistf sicher 
All Lügen ist!) ein Unding sei. 

Entschiedenes Verdienst hat Kimekel am mehrere 
Zweige der technischen Chemie. Er ist £2rfinder des soge- 
nannten Bnbinglases, des mit Gold mbinroth geßbrbten 
Glases, dessen Bereitung bis in die neueste 2ieit ein Ge- 
heimnifs gewesen ist. Wie er selbst erzfihlt, kam er auf 
diese Erfindung dadurch, dafs ein hamburger Arzt, Andreis 
Cassius, der zugleich Leibarzt des Bischofs von Lübeck 
war, vermuthlich durch Glauber darauf gebracht, mit Zinn- 
lösung einen purpurrothen Goldniedersohlag bereitet hatte. 
Es ist dies der sogen. CMsius^sche Goldpurpur, dessen 
Darstellung von dem Sohne des angeblichen Erfinders, der 
auch Andreas hiefs und Arzt in Lübeck war, im J. 1685 
beschrieben ward, ohne da(s man mit Gewilsheit saga 
kann, ob er oder der Vater grade dieses Präparat erfiin- 
den habe. Gassius versuchte seinen Purpur zur Ffirbung 
des Glases anzuwenden, was aber mifslang. 

Dies gab nun Knnekel Veranlassung sich mit der 
Angabe zu befassen, und er war bald so glücklich, sie 
vollständig zu lösen, was ihm ansehnlichen Gewinn brachte. 
Der Kurftlrst Friedrich Wilhelm machte ihm f&r das erste 
Glas ein Geschenk von 100 Dukaten, und der Kurfürst 
von Köln, für den er auf Bestellung einen groisen Pokal 
von 24 Pfund Gewicht aus diesem rothen Glase anfertigte, 
bezahlte denselben mit 800 Beichsthalem. In den ersteo 
Zeiten verkaufte Kimekel das Loth der rothen Glasmasse 
nicht unter 4 Thaler I ^) 

Das von Knaekel bereitete Goldglas ist in physikali- 
scher und chemischer Hinsicht eine sehr merkwürdige Sub- 
stanz, und wenn er es auch nicht zuerst dargestellt haben 
sollte, so gebührt ihm doch das Verdienst, die Kennt- 
nifs und Anwendung desselben verbreitet zu haben, denn 
schwerlich hat vor ihm irgend Jemand GefiUse daraus ver- 
fertigt Es beschreibt nämlich auch Glanber in seinen phi- 



1} Joh. Fr. Gmelin, Geech. d. Chemie ü, 165. 166. 



Chemie. 455 

losopbischen Oefen ein derartiges Produkt, er fällte abeif 
die Goldl(}8ong mit Liquor silioum ohne Zinn^). Nach 
Einigen soll sogar den Alten das Rubinglas nicht ganz 
unbekannt gewesen sein (?). 

Knnckel befafste sich auch noch anderweitig mit der 
Glasmacherkunst, und schrieb darüber Ars vitraria eaperi- 
mentalis oder vollkommene Glasmaeherkunet^ Frank/, und Ldnz 
1679. Er beschreibt darin das Avanturinglas, bis dahin ein 
Geheimnils der Venetianer, auch enthält das Werk einen 
Kommentar zu Neri. Dieser Antonio Neri, ein florentiner 
Priester, sammelte auf Reisen in Italien und den Nieder- 
landen interessante Nachrichten über Bereitung von Emailen, 
&rbigen Gläsern, künstlichen Edelsteinen und Metallspiegeln, 
worüber er ein Werk schrieb: Varte vetraria distinta in 
Hbri sette, Firenze 1612^ was sehr grofsen Ruf erlangte. 
Florenz, Venedig und Antwerpen waren damals berühmt 
wegen ihrer Glasfabrikation. 

199« Ein anderes Verdienst von Kunekel besteht darin, 
dafe er den Phosphor, das erste neue nicht metallische 
Element seit der Zeit der Alten, gleichsam zum zweiten 
Male entdeckte, und die Chemiker mit dessen Darstellung 
bekannt machte. Wie schon erwähnt (§ 178) war dieser 
meikwürdige Körper im J. 1669 von einem hamburger 
Kaufmann Brand entdeckt worden, als derselbe, um seinen 
teiTÜtteten Vermögensumständen wieder aufzuhelfen, sich 
in alchemistische Experimente eingelassen hatte. 

Bei einer Anwesenheit in Hamburg erfiihr Knnckel 
▼on einem Freund, dafs Brand einen im Dunkeln leuch- 
tenden Körper entdeckt habe. Knnekel begab sich zu ihm 
und suchte die Darstellung dieses Körpers zu erfahren, 
allein &*and machte ein Geheimnifs daraus, weil er, wie 
sich später ergab, die Bereitungsweise dem gleichzeitig in 
Hamburg anwesenden Dr. Kraft aus Dresden för 200 Thaler 
verkauft hatte. Nach mancherlei späteren aber immer 
vergeblichen Verhandlungen mit Brand erfuhr Kimckel 



^} Höfer, Hi0t. de la Chimie 11, 197. 



456 Chemie. 

doch so viel, daSs derselbe viel mit dem Urin experimentirt 
habe, und dies war ihm Fingerzeig genug, die Entdeckung 
zum zweiten Male zu machen. 

Leibnitz, der im ersten Bande der Denkschriften der 
berliner Akademie eine Geschichte der Entdeckung des 
Phosphors schrieb, hat wohl Knnekel die Ehre der zweiten 
Entdeckung streitig machen wollen, aber das Zeugnifs von 
Stahl hebt doch den Zweifel, und verdient um so mehr 
Zutrauen, als aus allen Details erhellt, dafis Brand ein 
Mann ohne alle chemische Kenntnisse war, und nicht ein- 
mal im Stande den Phosphor stets und mit Sicherheit dar- 
zustellen. 

Der erwähnte Dr. Kraft aus Dresden theilte das von 
Brand erkaufte Geheimnifs dem berühmten R^^bert Boyle 
mit, welcher nun zuerst in England Phosphor bereitete, 
später auch von einem gewissen Gottf. Hankwitz in Lon- 
don bereiten und verkaufen liefs. Boyle ist dadurch bei 
seinen Landsleuten in den Ruf der Entdeckung dieses 
Körpers gekommen, aber ebenso mit Unrecht wie in den 
der Erfindung der Luftpumpe ^). Boyle deponirte 1680 
die Vorschrift der Darstellung des Phosphors beim Sekre- 
tariat der königl. Gesellschaft mit der Bestimmung, dals 
sie erst nach seinem Tode veröffentlicht werde, was 1692 
in den Philosoph. Transactions geschah (§ 209). 

Auch Knnekel theilte das Verfahren zur Darstellung 
des Phosphors einigen Personen mit, u. A. dem seiner 
Zeit so berühmten Chemiker Homberg, durch den der neue 
Körper in Frankreich bekannt wurde, allein er beschrieb 
das Verfahren nicht in seinem oben genannten Laboratoriom 
chymicum aus Besorgnifs, es möchte die allgemeinere 
Kenntnifs desselben Anlafs zu Brandstiftungen geben. 

Aus Kanckers Zeitalter würde ich noch eine ganz 
beträchtliche Zahl von Aerzten, Pharmaceuten, Technikern 
und Alchemisten zu nennen haben, wenn es in meinem 
Plane läge eine vollständige Geschichte der Chemie zu 



») Fischer, Gesch. d. Phys. m, 187. 



Royal Sodefy. 457 

liefern. Da dieses aber nicht der Fall ist, so will ich bei 
den bereits aogefbhrten stehen bleiben; es sind die bedeu- 
tendsten Yon ihnen, und ihre Schriften reichen hin sich 
vom Zustand der Chemie des XVII. Jahrhunderts ein 
richtiges Bild zu entwerfen. Sie liefern den Beweis, daTs 
die Chemie in jener Zeit zwar noch ohne rechte Wissen- 
schaftlichkeit, aber doch mit relativ bedeutendem Eifer 
und groiser Verbreitung bei uns betrieben wurde. 

Wir wollen uns nun nach England und Frankreich 
wenden, um die Ausbildung der Physik im engeren Sinne 
des Worts in diesen Ländern weiter zu verfolgen. 

Royal Society. 

200. Mitten in dem bürgerlichen Kriege, der in Eng- 
Jind zwischen König und Parlament ausgebrochen war, 
im J. 1645 trat bereits zu London eine kleine Gesellschaft 
Ton M&nnem zusammen, um ihre Erholung und ihren Trost 
über das damalige Elend des Landes in der Unterhaltung 
über naturwissenschaftliehe Gegenstände zu suchen. Drei 
Jahre darauf, also 1648, ging ein Theil der Gesellschaft 
nach Oxford, und setzte daselbst seine Zusammenkünfte 
im Hanse des Apothekers Cross fort. In diesem Hause 
vohnte damals der berühmte Robert Boyle, und dies gab 
Veranlassung, dafs er sowohl wie der geistreiche Robert 
Hoeke, der mit Boylo in gemeinschaftlichen Arbeiten be- 
schäftigt war, sich der Gesellschaft anschlössen. Im J. 1659 
kehrte der grölste Theil der oxforder Mitglieder wieder 
nach London zurück, und vereinigte sich wiederum mit 
dem daselbst verbliebenen TheU der Gesellschaft. 

Diese Gresellschaft hielt regelmäfsig alle Donnerstag 
Versammlungen, und wnchs ansehnlich durch den Beitritt 
von wissenschaftlichen Notabilitäten aus bürgerlichem und 
adligem Stande. Die meisten Mitglieder waren Toriet, 
d. b. sie hielten es mit d^r königlichen Parthei, und hatten 
daher alle Ursache sich während CromwelFs Protektorat 
möglichst still zu verhalten. Man nannte die Gesellschaft 
daher insgemein das unsichtbare Kollegium. Als indeb 



458 Boyal Society. 

Cromwell 1658 gestorben war, und nadi der bald dannf 
1659 erfolgenden Abdanbmg seines Sohnes Ridiard in 
Karl IL dem Sohne des 1649 enthaupteten Karl L die 
alte Dynastie wiederum auf d^i Thron gelangte, trat die 
Gesellschaft ans ihrer Verborgenheit hervor, und konsti- 
tuirte sich öffentlich am 18. November 1660. Zwei Jahre 
darauf am 15. JuU 1662 erhielt die Gesellschaft die könig- 
liche Bestätigung und damit das Recht, sich königliche 
Gesellschaft von London nennen zu dOrfen. Lord BreiAcker, 
Kanzler und Grofs-Siegelbewahrer unter Ellisabeth, wurde 
der erste Präsident der Gresellschaft, die in der Liste ihrer 
MitgHeder die Namen von Boyle, Hooke, Wren, War! 
Wilkins und anderen berühmten Männern aufzuweisen hat 
Einige Engländer haben wohl dem Lord Ba€0 die 
Idee der Bildung dieser Körperschaft vindiciren woUo. 
weil er in einer Fabel: Die neue AtlanÜt den Plan zu einer 
Gesellschaft oder Akademie der Wissenschaften entwitidi 
hat; allein man hat ihm hierin zu viel Ehre angethaD« 
denn der Gedanke sich mit unterrichteten Männern zur 
Förderung naturwissenschaftlicher Zwecke zu verbinden 
war ausgegangen von Theodor Haak, der 1605 zu Neu- 
hausen bei Worms geboren war, in Oxford und Cambridge 
Theologie studirt hatte, und später Diakonus des Bisdofe 
von Exeter Jos. Hall gewesen ist; er starb 1690 zu London. 
. Die weitere Anregung zur Bildung der londoner Gt 
seUschaft gab wohl Italien, und namentlich war es & 
Accademia del Cimento, die man zum Muster nahm, indes 
man die Untersuchungen gemeinschaftlich betrieb, vati 
dabei ausschlielslich den Weg der Erfahrung einschlog- 
Man verfolgte diese Richtung in der ersten Zeit bis zur 
Einseitigkeit, indem man aller Theorie entsagte, und sich 
blofs auf das Sammeln von Thatftachen legte. Erst f^ 
«inige ausgezeichnete Mitglieder, namentlich Newton i die 
mathematische Spekulation an die Ei^ebnisse der Erfah- 
rung anzuknüpfen lehrten, fing man an diese höhere Rich- 
tung des Naturstudiums zu achten und zu verfolgen, h- 
dels ist eine gewisse Abneigung gegen die Theorie bei 
grofter Treue und Sorgfalt in Beobachtungen bis auf deo 



Royal Society. 459 

beutigen Tag ein vorwaltender Zug in der Naturforschung 
der Engländer geblieben, als deren Typus man eben die 
Leistungen der königl. Gesellschaft betrachten kann. 

Im J. 1665 begann die Gesellschaft die Arbeiten ihrer 
Mitglieder durch den Druck bekannt zu machen unter dem 
Titel: Phäosophieal TransactionSy den sie bis auf den heu- 
tigen Tag behalten haben, und den man im Deutschen 
durch PhysikaUsehe Verhandlungen wieder geben muis, weil 
die Engländer unter Natural Philosophy oder Naturphilo* 
Sophie das verstehen, was wir Physik nennen. Solcher 
Transactions hat die Gesellschaft meist jährlich einen Band 
herausgegeben, so dafs die ganze Sammlung bis zum J. 1844 
nicht weniger als 138 Quartanten umfalst, bis zum J. 1852 
dagegen 146 und bis 1860 auf 154 Bände kommt 

Die Anzahl der in dieser voluminösen Sammlung nie- 
dergelegten Thatsachen ist auTserordentlich, und man hat 
daher schon im vorigen Jahrhundert für nöthig erachtet, 
das Wichtigere von ihnen in Auszügen zusammen zu stellen. 
Auch diese Auszüge bilden bändereiche Werke, unter denen 
der im J. 1809 von Button, Shaw und Pearson angefan- 
gene der vorzüglichste ist, welcher die Zeit von 1665 bis 
1800 umfalst, und 18 Quartbände bildet 

Die Mitglieder der londoner Gesellschaft beziehen, 
obwohl sie königlich heilst, kein Gehalt vom Staat, sondern 
zahlen im Gegentheil einen nicht unbedeutenden Geldbei- 
^« Die Gesellschaft hat sich dadurch eine gewisse Un- 
abhängigkeit bewahrt, hat aber dafür mit dem Nachtheil 
zu kämpfen, dafs des pekuniären Interesses und anderer 
Rücksichten wegen Personen zu Mitgliedern aufgenommen 
werden, die nur sehr geringe, oft gar keine wissenschaft- 
liche Qualifikationen besitzen. Im J. 1830 zählte die Ge- 
sellschaft, die bei ihrem Anfang nur 55 Mitglieder hatte, 
deren 714, von denen nur 109 etwas zu den Schriften 
beigetragen hatten, 37 der letzteren sogar nur einen ein- 
zigen Aufsatz. 

Diese und andere Mängel sind neuerdings von Babbage 
in einer eigenen Schrift: Ueber den Verfall der Wiesen- 



460 Pariser Akadeni)e. 

Schäften in England^ Land. 1830 speciell auseinander ge- 
setzt, aber wohl in einem zu trüben Lichte dargestellt 
Wenn auch f der Mitglieder nur eine stumme Rolle in 
der Gesellschaft spielen, so ist es doch andererseits ein 
erfreulicher Zug, dafs die Vornehmen und Begüterten des 
Landes eine Ehre darein setzen ihre Namen einer gelehrten 
Gesellschaft einverleibt zu sehen, und dafür den Geld- 
beitrag nicht scheuen. Es ist dies in einem Lande wie 
Grofsbritannien sogar eine Nothwendigkeit, da die Regie- 
rung, wenige Fälle abgerechnet, grundsätzlich nichts zur 
Erhaltung der Wissenschaften beisteuert. Ueberdies ist 
es ein geschichtliches Faktum, dals der Glanz aller Gesell- 
schaften von einzelnen tbätigen und reichbegabten Mit- 
gliedern ausgeht, und an solchen hat es der Royal Soci^ 
in London niemals gefehlt. Zu allen Zeiten, freilich* früber 
mehr als jetzt, hat sie Männer zu den ihrigen gezählt 
welche die Wissenschaft durch wahrhaft grofse Entdeckun- 
gen bereicherten. 

Pariser Akademie. 

201. Das zweite Institut, dessen Stiftung das letzte 
Drittel des XVII. Jahrhunderts auszeichnet, nicht allein 
als ein Zeichen des Fortschritts der Wissenschaften an 
sich, sondern auch der Anerkennung ihres hohen Werthes 
von Seiten der Regierungen, ist die Akademie der Wissen- 
schaften zu Paris. Sie kam unter Ludwig XIV. in der 
glänzendsten Epoche seiner Regierung, kurze Zeit nach 
dem pyrenäischen Frieden durch Colbert zu Stande, und 
wurde im J. 1666 gegründet. 

Anfangs bestand sie nur aus sieben Mitgliedern: Ca^ 
cavi, Huyghens, Roberral, Friniele, Aozont, Picard und 
Buot) lauter Mathematiker und Physico-Mathematiker, denen 
aber sehr bald noch andere in der Wissenschaft glänzende 
Männer hinzutraten, zum Theil aus Italien berufen , wie 
Domenieo Cassini, Maraldi u. A. 

Auch in Paris existirte schon lange vor der Akademie 
eine Gesellschaft, die man als Keim derselben betrachten 



Pariser Akademie. ' 461 

him. Es war die Gesellschaft, welche sich vom J. 1635 
aD beim Pater Mersenne versammelte, und später von den 
Herren Montnor und Thivenot geleitet wturde. Duhamel 
meint sogar in seiner Geschichte der pariser Akademie, 
diese Gesellschaft habe zu der Royal Society in London 
Anlafs gegeben, was aber ein Irrthum ist ^). 

Es ist auch zu bemerken, dafs vor der Gründung der 
pariser Akademie der Wissenschaften im J. 1666 schon 
andere Akademien in Paris existirten ; so z. B. die Academie 
fran^aise, deren Zweck auf die Reinigung nnd Vervoll- 
kommnung der französischen Sprache gerichtet ist, ein Nach- 
bQd der Accademia dell^ Crusca in Rom. Sie wurde 1635 
vom Kardinal Rlchelien gegründet oder vielmehr bestätigt, 
ds schon 1634 ein Privatmann Valentin Conrard zu ihr den 
Grand gelegt hatte. Noch älter ist zu Paris die Akademie 
der Malerei und Bildnerei, welche ihren Anfang schon zu 
Ende des XIV. Jahrhunderts nahm, und successive von 
Carl VII. im J. 1430, und von Heinrich III. im J. 1584 
bestätigt und erweitert wurde. Selbst Colbert stiftete vor 
der Akademie der Wissenschaften noch eine andere Aka- 
demie, nämlich im J. 1663 die der Inskriptionen und Me* 
Tillen, welche man die kleine Akademie zu nennen pflegte, 
veil sie anfänglich nur aus vier Mitgliedern bestand. 

ADe diese Akademien wurden aber bald durch die 
Akademie der Wissenschaften verdunkelt, die sich in kur- 
zer Zeit zu dem ersten Institut ihrer Art erhob, nicht allein 
auf dem Kontinent, sondern in ganz Europa, wiewohl die 
londoner Gesellschaft in manchen Dingen immer eine 
glöckliche Nebenbuhlerin von derselben geblieben ist. Im 
J- 1699 wurde die Akademie reorganisirt^ und sie erhielt 
dabei die Einrichtung, die sie im Wesentlichen bis zur 
Zeit der französischen Revolution beibehalten hat. 

Bis dahin waren die Arbeiten sehr unregelmäTsig und 
zerstreut publicirt, theils in DahameFs Histoi'ia regiae seien- 
tiarum aeademiae, Par. 1698, theils in dem Journal des 



M Birch, Historj of the Royal Society, London 1756. 



462 ' Pariser Akademie. 

savantSj einer im J. 1665 von De Sallo gegründeten Zeit- 
schrift nach Art unserer Acta Eruditorum, denen sie auch 
zum Vorbild gedient hat De Sallo war Paiiamentsrath in 
Paris, und das von ihm geschaffene Journal des sav. be- 
stand bis 1790 ohne Unterbrechung, dann ging es ein, 
wurde aber 1816 wiederhergestellt und besteht noch. 

Seit dem J. 1699 gab die Akademie aber eigene Denk- 
schriften heraus, jährlich einen Quartband, und sie lieferte 
sogar die früheren Arbeiten in besonderen Bänden nach. 
Bis zum J. 1793 erschienen daher: 

11 Bände der früheren Abhandlungen von 1666 — 1699, 
90- - - - 1699 — 1790, 

11 - von Abhandlungen fremder Grelehrten, 
9 - Kupfertafeln, 
7 - Maschinen, 
130 Bände. 

Im J. 1793 nahm diese Akademie ein Ende, da der 
National-Konvent das Gesetz, wodurch alle KorporationeQ 
für aufgehoben erklärt wurden, auch auf sie anwandte. 
Diese ältere Akademie hat sich nicht allein ausgezeichnet 
durch treffliche Arbeiten ihrer einzelnen Mitglieder, son- 
dern auch durch grolse Unternehmungen, die sie dorcb 
Kommissionen, aus ihrer Mitte erwählt, hat ausBibren 
lassen. Dadurch und durch das Bichteramt, welches sie 
zugleich in den ihrem Wirkungskreise angewiesenen Wi^ 
senschaften verwaltete, hat sie einen groisen und heilsamea 
Einfluls auf die Ausbildung des Naturstudiums ausgeübt, 
und namentlich Frankreich vor manchen Verirrungen nnd 
Abwegen in der Naturforschung bewahrt, welche andersiro 
z. B. in Deutschland, wo keine solche wissenschaftliche 
Behörde die Bestrebungen des gröfseren Publikums leitete, 
bis in die neueste Zeit viel Unheil angerichtet oder toisr 
destens viel Unsinniges und Nutzloses zu Tage geför- 
dert haben. 

Noch während der Revolution am 20. November 1795 
wurden die aufgehobenen pariser Akademien wieder ber- 
gesteUt, reorganisirt und zu einer einzigen Körperschsft 



Pariser Akademie. 463 

rereinigt unter dem Titel: Institut national des aciences et 
des arU. Es zerfiel in 4 Klassen: 

1) för physikalische u. mathematische Wissenschaften, 

2) - französische Sprache und Literatur, 

3) - Geschichte und fremde Literatur, 

4) - schöne Künste. 

Nach der Restauration im J. 1816 wurde diese Ein- 
richtung etwas verändert, der Name Institut, wenigstens 
als Institut royal de France beibehalten, die Klassen des 
früheren Instituts zu Akademien erhoben, denen später 
noch eine fünfte für Moral und Politik hinzugefügt ward. 

Die dritte dieser Akademien ist die der Wissen* 
Schäften; sie hat die meisten Mitglieder und nimmt, was. 
insehn in Frankreich und im Auslande betrifil, unstreitig 
auch jetzt den ersten Rang unter ihren Schwestern ein. 
StatutenmSisig zählt sie 65 Mitglieder getheilt in 11 Sek- 
tioDen, nämlich: 

1) Geometrie (Math.), 7) Mineralogie, 

2) Mechanik, 8) Botanik, 

3) Astronomie, 9) Landwirthschaft 

i) Geographie u. Nautik, 10) Anatomie und Zoologie, 

5) Physik, 11) Medicin. 

6) Chemie, 

Dies Institut, oder wenigstens die mathematisch- 
oatnnrissenschaftliche Abtheilung desselben, ist die wOr- 
^ge Nachfolgerin der älteren Akademie geworden. Sie 
hat sowohl während der Republik und des Kaiserreichs, 
^ auch während des ersten Decenniums der Restauration 
eine so grofse Anzahl der hervorragendsten Männer unter 
ilffen Mitgliedern aufzuweisen gehabt, dals schwerlich zu 
glauben steht, es werde fhr Frankreich sobald wieder eine 
80 glänzende und fruchtbare Periode in den exakten 
Wissenschaften zurückkehren. Der jetzige Zustand kommt 
dem früheren bei weitem nicht gleich. Eine beträchtliche 
Anzahl jener grofsen Männer ist nicht mehr am Leben, 
^ anderer Theil lebt zwar noch, ist aber ßür die Wissen- 



464 Sternwarten. 

Bchaft so gut wie todt, und der junge Nachschub steht 
an Zahl sowohl wie an Geist jenen Alten bedeutend nach. 
Nach dem Vorbild der drei eben besprochenen Institute, 
der londoner Gesellschaft, der leopoldinischen und der 
pariser Akademie, welche allein sich aus der filteren Zeit 
bis auf die Gegenwart erhalten haben, sind nach und nach 
die vielen Gesellschaften und Akademien entstanden, welche 
wir gegenwärtig vorfinden. Fast jeder Staat hat wenigstens 
eine Akademie oder gelehrte Gesellschaft;, und sie werden 
fast ebenso als ein Requisit der Residenzen angesehn, wie 
Museen, Kunstvereine und Theater. Die Zahl derselben 
ist so grofs, dafs es ein vergebliches Bemühen sein wurde 
sie alle aufzählen zu wollen, auch mufs ma^ gestehen, 
dafs viele darunter sind, deren Leistungen nicht über die 
Provinz oder Landschaft hinausgehen, zu deren Nutzen 
sie gestiftet worden sind. Zu den bedeutenderen Instituten 
der Art gehören die folgenden, bei welchen dem Wohn- 
sitz das Stiftungsjahr hinzugesetzt ist: 
Berlin 1700 Kopenhagei 

Bologna 1712 Göttingen 
Petersburg 1725 Edinburg 
Upsala 1725 Erftirt 
Stockholm 1739 Mannheim 

Wien 

Sternwarten. 

202. Mit der Stiftung der von den RegieruDgeo 
sanktionirten gelehrten Gesellschaften und Akademien ging 
Hand in Hand die Gründung der permanenten und wohl 
fundirten Sternwarten. 

Ganz neu sind diese Institute fi'eilich nicht; GhaldAer, 
Aegypter, Inder und Chinesen hatten lange vor den Euro- 
päern feste Sternwarten. Mohamed Schah liefs gegen 
Ende des XVI. Jahrhunderts in der Absicht den Kalender 
durch astronomische Beobachtungen zu berichtigeii mit 
einem Male fünf Sternwarten in HindQstan errichten, 2u 
Delhi, Benares, Matra, Oujein und Suvay Jeypoor, deren 



1743 


München 1759 


1750 


Turin 1760 


1754 


Brflssel 1769 


1754 


Dublin 1782 


1755 


Societ. TtAl 1782 


1848. 





Sternwarten. 465 

Ueberbleibsel zum Theil noch existiren. Es sind kolossale 
Gebäude, alle nach einem Muster erbaut^ in oder auf 
welchen die Beobachtungen an verschiedenen aus Stein 
au%efbhrten Sonnenuhren von ungeheurer Gröfse ange- 
stellt wurden. 

Auch Sternwarten in neuerem Sinn waren schon 
gegründet worden, jedoch noch ohne Mefswerkzeuge 
mit Femröhren, da diese damals noch nicht erftmden 
waren. Die erste dieser Art war die, welche Landgraf 
Wilhelm IV. (gest. 1592) zu Kassel 1561 errichten liefs. 
Er selbst war Liebhaber der Astronomie, und mit ihm 
beobachteten die Mathematiker Rothmann und Bjrg, dieser 
m Schweizer, der gewöhnlich als Erfinder der gemeinen 
Logarithmen angesehen wird. Fünfzehn Jahre später er- 
iiob sich auf der kleinen Insel Hven im Sunde die Stern* 
warte, auf welcher Tycho Brahe eine so grofse Beihe 
wichtiger Beobachtungen anstellte (§ 66), und die theils 
wegen ihrer Einrichtung und Instrumente, theils durch 
den Ruf ihres Vorstehers veranlafst, als ein wahres Wunder 
der Zeit angestaunt wurde. Ihre Grundsteinlegung erfolgte 
am 8. August 1576. 

Aber diese Sternwarten waren doch nur als Privat- 
Institute zu betrachten, da sie denn auch eingingen, so- 
bald ihre Gründer entweder durch den Tod oder wie Tycho 
Brahe durch Zeitverhältnisse ihrem Wirkungskreis ent- 
rissen wurden, und sie können ebenso wenig wie jene 
orientalischen Observatorien mit unsem heutigen öffent- 
lichen Sternwarten verglichen werden. Diese letzteren 
nehmen ihren Ursprung mit der Gründung jener gelehrten 
Körperschaften am Ufer der Seine und Themse. 

Die älteste darunter ist die pariser Sternwarte, welche 
ein Jahr nach der Gründung der Akademie, d. h. 1667 
angefangen und 1672 vollendet wurde; Domenico Cassini 
war der erste Astronom daran. Ihr folgte die Sternwarte 
ZQ Greenwich, welche sich in der praktischen Astronomie 
einen noch höheren Ruf erworben hat. Die Grundstein- 
legung geschah unter Karl II. auf einem hochgelegenen 

Poggendorff, Gesch. d. Physik. 30 



466 Boyle. 

Theil des Parks von (Ireenwich am 10. Augnst 1675. 

Sieben ausgezeichnete Männer haben daran als sogenannte 

königliche Astronomen bis jetzt fiingirt: 

Flamsted bis 1719 Haskelyne bis 1811 
Halley - 1742 Pond - 1886 

Bradlejr - 1762 Airy noch gegenwärtig. 
BUss - 1764 

Die berliner Sternwarte wurde in den Jahren 1700 

bis 1706 erbaut und eingerichtet, und Oottfir« Kirek aas 

Ghiben war ihr erster Direktor, der aber schon 1710 

starb (§ 196). 

Boyle. 

203, Nach dieser Episode wollen wir nun wieder 
zum XYII. Jahrhundert zurückkehren und den Faden dort 
aufnehmen, wo wir ihn haben liegen lassen. Die Männer^ 
welche wir nun zu betrachten haben, waren mit wenig« 
Ausnahmen Mitglieder der beiden gelehrten Korporationen 
in Paris und London. Ihre Arbeiten greifen aufs Mannich- 
faltigste in einander, und drängen sich in einen Zeitraum 
von wenigen Decennien zusammen. Aus diesen Gründen 
ist es nicht rathsam sie nach der Nationalität zu sondern, 
oder bei der Betrachtung rein den chronologischen Ge- 
sichtspunkt festzuhalten; es würden dadurch verwandte 
Arbeiten sehr auseinander gerissen und man fibersibe 
nichts wie sie oft auf einander eingewirkt haben. Ich 
werde daher die Männer, welche nunmehr den Schauplatr 
betreten, in der Folge vorführen, wie sie sich durch den 
inneren Zusammenhang ihrer Untersuchungen am natü^ 
liebsten an einander reihen, und demnach mit Robert Bofk 
den Anfang machen, dessen Leistungen im engsten An- 
schlufs stehen an die der florentiner Physiker und die 
unseres Landsmanns 0. v. Querieke. Machen wir uns 
zunächst etwas mit seinen persönlichen Verhältnissen be- 
kannt. 

Robert Boyle war der siebente Sohn und das vorletzte 
der 15 Kinder des Grafen Richard Boyle von Cork, eines 



Boyle. 467 

Mannes von ausgezeichneter Persönlichkeit, der gewöhn- 
lich der grofse Graf von Cork genannt wurde, und das 
protestantische englische Interesse mit solcher Energie 
und Geschicklichkeit beförderte, dafs Crom well von ihm 
sagte, wenn er in jeder Provinz einen Mann wie Boyle 
gehabt hätte, die irische Rebellion niemals ausgebrochen 
sein würde. 

Der junge Boyle, geb. 1626 am 25. Januar zu Lis- 
more in der Grafschaft Cork, wurde sorgfältig und streng 
nach den Grundsätzen der anglikanischen Kirche erzogen, 
was auf sein ganzes Leben von bleibendem Einfluls war. 
Um seine Bildung zu vollenden schickte ihn der Vater 
imter Aufsicht eines Hofmeisters ini J. 1638 nach Genf, 
To er einige Jahre blieb, hierauf liefs er ihn eine Reise 
nach Italien und dem südlichen Frankreich machen. Robert 
Boyle, eben ein 16 jähriger Jüngling, war grade in Florenz, 
als Galilei auf seinem Landgut bei Ärcetri starb. 

Im J. 1644 nach dem Tode seines Vaters, der ihn 
in den Besitz eines sehr bedeutenden Vermögens setzte, 
kehrte er nach England zurück, und schlug bald hernach 
seinen Wohnsitz auf einem Landgute bei Stallbridge in 
Dorsetshire auf. In dieser ländlichen Zurückgezogenheit 
beschäftigte er sich vorzugsweise mit philosophischen und 
theologischen Studien, fCkr die er bis zu seinem Lebens- 
ende eine grofse Neigung behielt. Seine Erziehung, sein 
zur Schwermuth und Phantasie hinneigendes Gemüth, der 
Geist der Zeit, in welcher er lebte, alles dies gab ihm 
eine religiöse Richtung, wie sie heut zu Tage aufserhalb 
England nur selten angetroffen wird, dort aber selbst bei 
Naturforschem ziemlich häufig ist. 

Als Beweis dieser Richtung, die er ftlr sein ganzes 
Leben behielt, will ich nur anftihren, dafs er, um die Bibel 
in der Ursprache lesen zu können, orientalische Sprachen 
studirte, dafs er selbst mehrere theologische und religiöse 
Schriften herausgab, dafs er die Bibel ins Irische, Gälisc^, 
Malayische und Türkische übersetzen liefs, und dafür an 
5000 Thaler verwendete^ dafs er zu den Missionen in 

30* 



468 Boyie. 

Amerika über 2000 Thaier beisteuerte^ und dafs er in 
seinem Testament eine Rente von 350 Thalem aussetzte, 
damit dafür acht Predigten im Jahr über die Wahrheiten 
des Christenthums gehalten würden. Die Uebersetzung 
der Bibel ins Malayische hatte darin ihren Anlafe, dals 
Bojle mehrere Jahre einer der Direktoren der ostindischen 
Kompagnie war. Dieser religiöse Eifer machte ihn in 
Glaubenssachen etwas unduldsam, sonst war er bescheideu^ 
und nicht blofs dem Namen sondern auch der That nach 
ein Christ. 

Im J. 1654 zog er nach Oxford, und diese Ueber- 
siedelung gewann ihn för die Naturwissenschaften, denen 
er sich von nun an mit so unermüdlichem Eifer hingab. 
Vermuthlich waren es die Zusammenkünfte und Verhasd- 
lungen des unsichtbaren Kollegiums, welche ihn auf &se 
neue Bahn leiteten, und der Umstand, dafs dieselben a 
dem Hause des Apothekers Crols gehalten wurden, m^ 
auch wohl Veranlassung gegeben haben, dafs er daselb^i 
seine Wohnung nahm, und grade fär Chemie ein specielle> 
Interesse fafste. 

Boyle schlofs sich diesem Kollegium an, und blieb 
auch Mitglied desselben, als es wieder nach London zog. 
und sich daselbst öffentlich als Royal Society konstituirte. 
Er selbst blieb aber noch geraume Zeit in Oxford wohnen. 
und erst im J. 1668 verlegte er seinen Wohnsitz nacli 
London. Hier fährte er denn ein stilles Privatlebei 
23 Jahre lang, unablässig seine Zeit theilend zwischen re!i' 
giösen Bestrebungen und physikalischen Untersuchungen 
1680 wurde er zum Präsidenten der Royal Society er- 
wählt, er lehnte aber die Ehre ab. 

Er starb unverheirathet im 65. Jahre seines Lebens am 
30. Dec. 1691, sieben Tage nach seiner Schwester Lady 
Ranelagh, mit welcher er 47 Jahre zusammengewohnt hatte. 
Seine Ueberreste wurden in der Westminster-Abtey bei- 
gesetzt-^) 



') Edinburgh Encyclopädie, Vol. IV. 



Boyle. 469 

a 

204. Rob. Boyle wird häufig von seinen Landsleuten 
der groise Experimentator genannt, und in der That ver- 
dient er diesen Namen; denn wiewohl das sorgfaltige und 
unermüdliche Beobachten immer ein vorwaltender und 
lobenswerther Zug bei englischen Naturforschem gewesen 
ist, so möchte es doch unter ihnen, wenn man etwa Priest- 
ley ausnimmt, keinen gegeben haben, der eine so grofse 
Masse von Thatsachen ans Licht gefördert hat, als eben 
Boyle. Er hat dadurch der Wissenschaft für seine Zeit 
einen aulserordentlichen Vorschub geleistet; allein da die 
meisten der von ihm aufgefundenen Thatsachen im Fort- 
gang der Wissenschaft an Werth verloren haben, oder 
QQter allgemeinere Gesichtspunkte gestellt worden sind, so 
k sich sein Andenken, gleich dem von Priestley, in der 
Wissenschaft weniger erhalten, als das von andern Männern, 
welche, ohne den Thatbestand der Wissenschaft so massen- 
haft erweitert zu haben, durch ihre Ideen und Unter- 
sQchungen neue Bahn brachen, und das Gebiet der For- 
schung intensiv erweiterten. In diese Klasse von Phy- 
sikern, zu welcher wir Männer wie Galilei, Keppler, 
fluTgliens, Newton zählen müssen, kann Boyle nicht ver- 
netzt werden, aber anzuerkennen ist, dals er an den Fort- 
schritten der Experimental-Physik einen wesentlichen An- 
theil gehabt hat. 

Boyle's Werke sind ungemein zahlreich; sie sind nach 
seinem Tode gesammelt und unter dem Titel ; Opera omnia 
phäosophica et chemica mehrmals herausgegeben. Die voll- 
standigste Ausgabe, 1744 in englischer Sprache erschienen, 
umfaßt 5 Foliobände, und davon ist wieder ein Auszug 
gemacht worden, der 3 Quartanten fQllt. Dessenungeachtet 
Iiat man kein ganz vollständiges und chronologisch geord- 
netes Verzeichnifs seiner Schriften, da einige durch Feuers- 
hrunst verloren gingen, andere gestohlen, noch andere durch 
Säuren zerstört wurden.*) 



') J. F. Gmelin, Gesch. d. Chemie 11, 99; Edinb. Encyclop. IV, 385. 



470 Boyle. 

Einen Hauptgegenstand der physikalischen Arbeiten 
Bojie's bildeten Yersnche mit der Luftpumpe. Diese spielte 
damals bei den Beschäftigungen der Physiker ungefihr 
dieselbe Rolle, wie späterhin die Elektrisirmaschine und 
die Toltasche Säule. Jeder Körper wurde unter die Luft- 
pumpe gebracht, jedes Experiment im Vakuum wiederholt 
um zu sehen, was sich Neues dabei zeigen wttrde. Indels 
mufs man Boyle das Zeugnifs geben, dafs er mit Sinn and 
Geschick experimentirte, und manche wichtige Thatsacbe 
ans Licht förderte. Nur trifft ihn der Vorwurf, dafs er 
▼iele Versuche angestellt hat, die bereits von Andern ge- 
macht waren, ohne diese zu nennen, wodurch er namentUcb 
bei seinen Landsleuten zur Ehre mancher Entdeckung ge 
langt ist, die ihm nicht gehört. 

Ob dies Verschweigen absichtlich oder zuf&llig v»< 
läfst sich mit Bestimmtheit nicht sagen. In einigen FäDeii 
hat er wohl die Arbeiten seiner Zeitgenossen nicht gekannt 
oder ist gleichzeitig mit ihnen auf dieselben Entdeckungen 
gerathen; in andern Fällen waren seine Versuche auch 
nur Wiederholungen und Erweiterungen der von Anden 
angestellten. Boyle stand, als sich sein Ruf mehr ver- 
breitet hatte, in einem ausgedehnten Briefwechsel mit den 
Gelehrten seiner und anderer Nationen, und sogleich, wie 
ihm eine neue Thatsache mitgetheilt wurde, suchte er sieb 
durch eigene Erfahrung von deren Realität zu überzeugen 
Dabei mag er denn das Citiren manchmal wohl ftlr übe^ 
flüssig gehalten haben. 

Die Luftpumpe lernte Boyle 1657 aus der Mechanica 
hydraulico-pneumatica unseres Landsmannes Caspar Sckott 
kennen. Sie gab ihm Anlafs zu einer ausgedehnten Arbeit 
über die Elasticität der Luft, die unter dem Titel : Netc ex- 
periments physico-fnechanical touching tke spring of ike flt> 
vom December 1659 datirt, und eine seiner ältesten ist 

Da die Ouericke^sche Luftpumpe, namentlich in ihrer 
ft'ühesten Gestalt, die Boyle damals allein kannte, manche 
Mängel darbot, so bemühte er sich, sie zu verbessern. 



Bojld. 



471 



Nach einigen Versuchen, wobei ihn Robert Hooke unter- 
stQtzte, gab er ihr die Gestalt Fig. 16, die er in der ge- 



Fig. 16. 




nannten Abhandlung von 1659 ab- 
bildete und beschrieb. Auf einem 
festen Fulsgestell war der Cylinder 
in vertikaler Richtung befestigt, und 
in ihn der Kecipient h eingekittet 
Dieser hatte einen metallenen Deckel 
mit einem drehbaren Stab no, neben 
welchem unten am Deckel ein Ha- 
ken p sich befand. Wird nun am 
Stab bei o ein Faden befestigt, wel- 
cher über den Haken p geht und 
die zu untersuchenden Gegenstände 
trägt, so kann man diese .durch Um- 
drehung des Stabes, auf welchen 
sich der Faden aufwickelt, heben und senken. Der Stem- 
pel q wird von unten in den messingenen Cylinder gesteckt, 
und mittelst einer gezahnten Stange und Getriebe e auf- 
und abbewegt. Am oberen Theil des Cylinders befindet 
sich ein Loch mit eingeschlifienem Stöpsel k, Oeffiiet man 
den Hahn « und bewegt den Stempel abwärts, so tritt die 
Luft aus dem Becipienten in den Cylinder , verschliefst 
man hierauf i und öffiiet £, so wird beim Hochgehen des 
Stempels die Luft im Cylinder aus demselben durch die 
Oefinung k herausgeprefst. ^) 

Man sieht diese verbesserte Luftpumpe, eine Hahn- 
luftpumpe, war auch noch ein ziemlich rohes Instrument. 
Gueriekei der dieselbe bald kennen lernte, gab wohl zu, 
dafs sie sich mit weit geringerer Kraft als die seinige be- 
legen lasse, tadelte aber an ihr nicht ganz mit Unrecht, 
dab sie zu ihrer Handhabung viel Zeit erfordere. Dies 
brachte ihn darauf, seine Pumpe 1663 dahin zu verbessern, 
er den Stempel durch einen Hebel bewegen liefs. 



') Fischer, 6«8cL d. Phys. I, 442. 



472 Boyle. 

Mit der eben beschriebenen Lof^ompe hat nnn Bofle 
einen groisen Theil seiner sch&tzbaren Versuche ange- 
stellt; indeüs bekam er im Lauf der Zeit Veranlassimg, 
sie noch femer zu TervoUkommnen, ich will daher, ehe 
ich die Resultate seiner Arbeiten mittheile, noch etwas 
über diese Vervollkommnungen sagen. Die Veranlassung 
dazu gab die Bekanntschaft mit Papin. 

205. Dieser Denis Papin , ein sehr ausgezeichneter 
Kopf, war geb. 1647 zu Bleis und studirte Medicin zo 
Paris, wo er auch den Doktorhut erwarb. Weil er Cal- 
vinist war, mufste er bei Aufhebung des Edikts von Nantes 
sein Vaterland verlassen. Er floh zunächst nach England 
wo er Boyle \ennen lernte, mit dem er eine Reihe ge- 
meinschaftlicher Untersuchungen anstellte, und auf desseo 
Vorschlag er auch 1681 zum Mitglied der londoner Ge- 
sellschaft erwählt wurde, während die pariser Akademie. 
vermnthlich wegen der Religionsverschiedenheit keine Notiz 
von ihm nahm. Von England ging er nach Venedig. 
aber schon 1684 kehrte er wieder nach London zurück, 
wo er bis 1688 blieb. Hierauf trat er in die Dienste des 
Landgrafen von Hessen^ und ftinktionirte bis zum J. 1707 
als Professor der Physik in Marburg. Er schrieb auch 
mehrere Aufsätze in den Act. Eruditorum und starb etwa 
1614, denn seine Schicksale in seinen letzten Lebensjahren 
sind unbekannt; nach Einigen soU er nach Frankreich 
zurückgekehrt sein. 

Bereits im J. 1674 hatte Papin zu Paris eine Schrift 
herausgegeben betitelt: Nouvelles eap^riences du vide, welche 
eine Verbesserung der Boyle^schen Luftpumpe enthielt, die 
im Wesentlichen darin bestand, dafs der senkrecht herab- 
gehende Stempel mit einem Steigbügel versehen war, durch 
welchen man ihn mit dem Fufee herunter treten konnte, 
was allerdings gegen das Arbeiten mit der Hand eine 
grofse Erleichterung war. 

Die von Papin und Boyle gemeinschaftlich angestellten 
Versuche wurden beschrieben in einem kleinen Werk, 
welches 1687 zu London unter dem Titel: A continuation 



Boyle. 473 

of Ae new digestor of bonea herauskam, und wie schon 
der Titel andeutet, eine Fortsetzung der früheren Schrift 
ist, welche Papin 1681 zu London veröffentlichte, und 
welche betitelt war: A new digestor or engine for aofting 
bones. Diese Schrift ist es, welche ihren Urheber vorzugs- 
weise bekannt gemacht hat, da sie die Beschreibung des 
sogenannten papinianischen Topfes, der ersten Vorrichtung 
mit einem Sicherheitsventil enthält, worauf ich künftig 
noch zurückkommen werde. 

In jener Schrift von 1687 wird nun eine Luftpumpe 
beschrieben, deren Einrichtung bemerkenswerth ist, da sie 
einen wirklichen Fortschritt in der Konstruktion dieses 
Instruments enthält. Es ist nämlich die erste Luftpumpe, 
die mit einem Teller versehen ist, so dafs man damit 
Glocken auspumpen konnte, während man bis dahin auf 
das Evakuiren von Kugeln beschränkt war, in welche man 
nur kleine Gegenstände hineinbringen konnte. Ueberdies 
enthielt diese Luftpumpe statt des Hahnes ein Blasenventil 
und einen Stempel mit Steigbügel.^) 

In der Fortsetzung der Boyle^schen Versuche findet 
sich auch zuerst eine Luftpumpe mit doppeltem Stiefel 
beschrieben, eine Vorrichtung, welche man ftlr eine andere 
wesentliche Verbesserung dieses Instruments ansehen mufs, 
indem dadurch das Evakuiren ohne Unterbrechung fort- 
gesetzt werden kann, also beim Experimentiren bedeutend 
an Zeit gespart wird. In der Regel schreibt man die Er- 
findung der Luftpumpe mit doppeltem Stiefel dem Eng- 
länder Hawksbee zu, aber mit Unrecht, denn wenn er sie 
auch vollkommener ausgeftihrt hat, so hat er sie doch erst 
1709 beschrieben. Boyle nämlich verband die beiden 
Kolbenstangen durch ein Seil, das über eine Rolle lief, 
während Hawksbee einen Trieb und gezahnte Stangen an- 
brachte. ^) 

Als ein ferneres Verdienst mufs es Boyle angerechnet 
werden, dafs er die erste eigentliche Kompressionspumpe 

M Acta Emdit 1687, p. 324. 

^) Fischer, Gesch. d. Phye. ü, 444. 449. 



474 



Boyle. 




konstruirte, eine solche, wie sie zu physikalischen Ver- 
suchen erforderlich ist, denn die bis dahin bekannten In- 
strumente zum Komprimiren der Luft, wie z. B. die Wind- 
büchse, eigneten sich doch nur sehr wenig zum Experi- 
mentiren. Boyle^s Kompressionspumpe hatte folgende Ein- 
richtung: In ein viereckiges Brett i i (Fig. 17) ist ein 
Fig. 17. messingener glatter Teller b eingesetzt, des- 
m sen Mitte durchbohrt ist. Auf diesen TeUer 

wird der cylindrische Recipient A gestellt, 
in welchem die Luft verdichtet werden soll 
Sein unterer Rand ist mit einem Lederring 
versehen, um einen dichten Anschluis sn 
den TeUer zu bewirken; oben ist der Keci- 
pient mit einer ledernen Scheibe bedeckt, 
welche von einem darüber befindlichen Brett 
mittelst der Schraube m dicht gegen den 
Recipienten geprefst wird, wodurch auch 
dieser zugleich einen festen Verschlufs auf dem Teller 
erhält. Der Cylinder »n ist luftdicht in die Oeffiiung des 
Tellers geschraubt. Wird nun der im Cylinder befindliche 
Stempel o bis unter die Oeffiiung p herabgezogen, so tritt 
die äulsere Luft in den Cylinder und wird beim Hinauf- 
schieben des Stempels in den Recipienten gedrückt; in 
diesem wird sie nun verdichtet, da sie durch ein Ventil 
in der Telleröffiiung, das sich nur nach dem Recipienten 
hin öffiiet, am Zurückströmen verhindert wird, wenn der 
Stempel o wieder abwärts geht.^) 

Um dieselbe Zeit fingen auch andere Physiker an auf 
die Verbesserung der Luftpumpe Bedacht zu nehmen. 
Einen der bemerkenswertheren Fortschritte in der Kon- 
struktion dieses Instruments machte Wolferd Sengiefd 
(geb. 1646, gest. 1724), Professor der Physik an der Uni- 
versität Leyden, bei einer Luftpumpe, die er 1685 in seiner 
Pküo&ophia naturalüy Lugd. Bat, beschrieb, aber erst 1697 
ausfikhren liefs. Es war eine Hahnluftpumpe mit einem 



1) Fischer, Gesch. d. Phys. 11, 446. 




Boyle. 475 

dnzigen schiefliegenden Stiefel nnd einer gezahnten Kol- 
benstange, die durch einen Kreuahaspel bewegt wurde* 
Das Neue der Konstruktion liegt in der doppelten Durch- 
Fig. 18. bohrung des Hahnes (Fig. 18), yermöge welcher 
der Stiefel bei einer Stellung des Hahnes mit 
der Glocke und bei einer darauf rechtwinkligen 
mit der äufseren Luft in VerUndung gesetzt 
wird. Vermöge dieser Einrichtung kann die 
Pumpe sowohl zum Evakuiren als zum Kom- 
primiren gebraucht werd^L^) 
206. Was nun Boyle's Versuche mit der Luftpumpe 
betrifik, so sind darunter allerdings viele, die schon vor 
ihm theils von den florentiner Physikern, theils von 
0. T. Cfuericke angestellt wurden, und daher nur als Be- 
stätigungen jener anzusehen sind. Dahin gehören die Er- 
fahrungen : 

1) dals das Barometer unter der Luftpumpe fällt, und 
ein Heber im Vakuum zu fliefsen aufhört; 

2) dafs die Wirkung der Haarröhrchen vom Luftdruck 
unabhängig ist; ^) 

3) dafs der Schall im luftleeren Raum nicht fortge- 
pflanzt wird; 

4) dafs brennende Körper im Vakuum verlöschen; 

5) dafs daselbst auch keine Thiere leben können, 
wenigstens nicht auf die Dauer, denn einige zeigten ihm 
allerdings ein sehr zähes Leben; 

6) dafs die Magnetnadel im Vakuum nichts von ihrer 
Wirkung auf den Magneten verUert; ') 

7) dafs die elektrische Anziehung auch im luftleeren 
Raam statt habe.^) 

Neu dagegen sind: 

Die Erfahrung über die Wärmeerregung durch Reiben, 
wobei er fand, dafs sie sowohl im luftleeren als im luft- 

») Fischer, Gesch. d. Phys. II, 448. 
') Ibid. I, 308. 
») Ibid. II, 250. 
*) Ibid. n, 240. 



476 Boyle. 

vollen Raum zu Stande kam. Das war nicht unwichtig, 
denn man lehrte damals noch allgemein , dals die WSnne, 
welche durch Reiben harter Körper an einander entsteht, 
Ton der dazwischen liegenden Luft herrührt. 

Ebenso überzeugte er sich, dafs die Wärmeerregong 
bei chemischen Processen, die keine Verbrennungen and, 
mit der Luft nichts zu schaffen haben. Er fand z. B^ 
dafs Aetzkalk (gebrannter Kalk) sich beim Benetzen mit 
Wasser so gut im Vakuum erhitzt wie in freier Luft. 

Endlich gab er auch einen Beweis gegen die damalige 
Lehre von der positiven Leichtigkeit; er zeigte n&mlich, 
dafs Rauch von Flüssigkeiten im Vakuum nicht in die 
Höhe steigt, sondern herabsinkt. 

207. Im nächsten Zusammenhang mit diesen Expe 
rimenten stehen die, welche Boyle über das Gewicht und 
die Elasticität der Luft anstellte. Er bestimmte das spe- 
cifische Gewicht der Luft auf die von fialllei vorgeschlagene 
Weise, indem er aus einer Aeolipile die Luft durch £^ 
hitzung austrieb, dann den Apparat durch den daran be- 
findlichen Hahn verschlofs, ihn wog, dann mit Wasser 
ftlUte und abermals wog. Durch diese Methode, die keines- 
wegs besser ist als die von fiuericke und kein genaues 
Resultat liefern kann, sobald man nicht auf die in der 
Aeolipile zurückgebliebene Luft Rücksicht nimmt, fand er 
das specif. Gewicht der Luft gegen Wasser == ^. 

Bei dieser Gelegenheit bestimmte er auch das specif. 
Gewicht des Quecksilbers gegen Wasser, und zwar auf 
zwei verschiedene Weisen. Die eine Methode bestand ein- 
fach darin, dafs er die Gewichtsmengen bestimmte, die von 
Wasser und Quecksilber nötbig waren, um ein und das- 
selbe Gefäfs zu fbllen. Die andere Methode aber ist be- 
merkenswerth und wohl zuerst von ihm angewandt; sie 
beruht auf dem Satz, dafs der Druck zweier Flüssigkeiten 
gleich grols ist, wenn sich ihre Höhen umgekehrt verhalten 
wie ihre specifischen Gewichte. Er nahm nämlich eine 
U- förmig gebogene offene Glasröhre mit Schenkeln von 



Boyle. 477 

ODgleicber Lfinge, gois in den kürzeren Quecksilber und 
in den langen Wasser, dann war das Verhältnifs der Säulen 

Quecksilber : Wasser = 1 : 13|. 
Die Elasticität der Luft macbte Boyle zum Gegenstand 
vieler Versuche, einerseits um das Dasein derselben über* 
haupt zu erweisen, andererseits aber um zu sehen, wie weit 
sich die Verdünnung treiben lasse. Er fand, dads man die 
Luft noch bis auf das 13 000 fache verdünnen könne. Gegen* 
wärtig wissen wir, dafs die Verdünnung keine Gr&nzen hat, 
und diese Ansicht hatte auch schon Quericke. Denn nach- 
dem derselbe zu der Ueberzeugung gelangt war, dafs die 
Atmosphäre oben aus einer lockereren Luft bestehe als 
unten, schlofs er^ dieselbe habe gar keine bestimmten Grän- 
zen, und erstrecke sich wenigstens 1000 bis 2000 Meilen 
von der Erde, was freilich heute aus guten Gründen nicht 
mehr geglaubt wird. 

208. Ein gröfseres Verdienst als durch die bisher 
angeführten Untersuchungen hat sich Boyle durch eine 
andere mit der Elasticität der Luft zusammenhängende 
Frage erworben, ja man kann wohl behaupten, dafs die 
Beantwortung dieser Frage sein grofstes und bleibendstes 
Verdienst um die Physik ausmacht. Boyle hat nämlich 
zuerst die Relation festgesetzt, die zwischen dem Volumen 
einer Luftmasse und dem auf ihr lastenden Druck besteht 
Er hat bewiesen: 

dafs sich die Volumina einer und derselben Luft* 
masse umgekehrt wie die Drucke verhalten. 
Dieses Gesetz, welches man späterhin das Mariotte^- 
Bche genannt hat, und ganz allgemein noch gegenwärtig 
80 nennt, ist nicht zuerst von Mariotte aufgeftmden, son- 
dern von Boyle. Es ist bemerkenswerth, dafs während 
Boyle so manche Entdeckung zugeschrieben wird, auf 
deren Priorität er keine Ansprüche machen kann, ihm 
grade bei seiner wichtigsten Entdeckung nicht die allge- 
meine Anerkennung zu Theil geworden ist. Indefs hat 
dies, wie wir sogleich sehen werden, seinen guten Grund 
gehabt. 



478 Boyle. 

Die Veranlassung zur Auffindung des sogenanntea 
Mariotte'schen Gesetzes gab ein Professor zu Lflttich 
Franciseus Linas. Er war Jesuit, 1595 zu London geboren 
und starb 1675 zu Lüttich, wo er am englischen Kolle- 
gium angestellt Hebrftisch und Mathematik lehrte. Dieser 
Mann hatte das Unglück, dafs er sich nicht vom Dasein 
des Luftdrucks überzeugen konnte, wie in unserm Jah^ 
hundert der Freiherr v. Drieberg (§ 150). Er behauptete 
die Quecksilbersäule im Barometer werde nicht gehalten 
durch den Druck der Atmosphäre, oder, falls man das 
Barometer unten abschliefst, durch die Spannkraft der mit 
eingeschlossenen Luft, sondern durch unsichtbare Fädchen, 
mittelst welcher das Quecksilber an der Wölbung der 
Glasröhre gleichsam aufgehängt sei. Er meinte, man 
könne diese Fädchen (ftmiculi) zwar nicht sichtbar alxr 
doch fühlbar machen, wenn man ein über 28 Zoll lang« 
offenes Glasrohr erstlich unten mit einem Finger' zuhalte, 
dann mit Quecksilber ftüle, nun auf das obere Ende anch 
einen Finger setze und endlich vom unteren Ende, nach- 
dem man es in Quecksilber getaucht, den Finger abziehe; 
dann fühle man, wie der obere Finger in die Röhre hin- 
eingezogen werde! 

Boyle erwarb sich das Verdienst diese lächerliche Be- 
hauptung zu widerlegen, und dabei entdeckte er das so- 
genannte Mariotte'sche Gesetz. Zunächst beabsichtigte er 
nur einen augenscheinlichen Beweis zu geben, dafs ein 
kleines Luftvolumen, wie etwa das im kurzen Schenkel 
eines Heberbarometers, wenn dieser Schenkel abgeschlossen 
ist, wirklich dem Druck einer hohen Quecksilbersäule 
widerstehen und das Gleichgewicht halten könne. 

Zu dem Ende nahm er eine lange U- förmig gebogene 
Röhre mit parallelen Schenkeln, einem langen und einem 
kurzen, welch letzterer oben zugeschmolzen war. Diese 
Röhre stellte er senkrecht auf, und gofs so viel Queck- 
silber hinein, dals es die Biegung ftillte und das Luft- 
volumen im kurzen Schenkel eben absperrte. Diese Luft 
nahm eine Strecke von 12 Zoll ein. Hierauf gofs er in 



Boylo. 479 

den langen Schenkel eo viel Quecksilber, dais die Luft im 
kurzen nur noch 6 Zoll einnahm, und da fand er denn, 
dais es, um dieses zu erreichen, einer Quecksilbersäule 
bedurfte, die vom Niveau im kurzen Schenkel an gemessen 
29 engL Zoll betrug. Wollte er die Luftmasse im kurzen 
Schenkel auf 4 Zoll verdichten, so mu&te er im langen 
Schenkel eine Quecksilbersäule von 2 . 29 = 58 Zoll , bei 
emem Volumen von 3 Zoll einen Druck von 3 • 29 =; 87 Zoll 
haben. 

Boyle brachte seine Resultate in eine Tabelle, Vielehe 
ergab: 

12 Vol. beim Druck von 1 Atmosph. 
6 . - . . 2 - 

4 - . . . 3 . 

3 . - . - 4 . 

und zog daraus den Schlufs: 

dafs sich die Luft nach dem Verhältnifs der zu- 
sammendrückenden Kräfte verdichte. 
Er veröffentlichte diese Resultate im J. 1661 in seiner: 
Defensio de elatere et gravitate aerü adveretie objectionee 
Francüci Lini, ohne anfänglich vireitere Schlüsse daraus 
zu ziehen; allein einer seiner Schüler Richard Townley 
machte die richtige Bemerkung, dafs sich bei diesen 
Versuchen 

das Luftvolumen umgekehrt verhalten habe 
v^ie der Druck, 
und dieser war es, der also zuerst das sog. Mariotte'sche 
Gesetz aussprach. 

EUerdurch veranlaXst nahm Boyle seine Versuche vrie- 
der vor, und modificirte sie einerseits dahin, dafs er das 
Gesetz fiU* noch gröfsere Drucke als die früheren ver- 
folgte, und andererseits, dafs er es auch f&r geringere 
Drucke nachwies. Letzteres geschah dadurch, dafs er ein 
offenes Glasrohr in Quecksilber tauchte, so weit, dafs es 
etwa noch einen Zoll herausragte, dann verschlofs er es 
oben, zog es bis zu verschiedenen Höhen heraus und 
beobachtete die korrespondirenden Gröfsen des Volumens 



480 ßojle. 

und des Druckes. Immer fand er dabei das Gesetz 
« : t?' = p' : p bestätigt. *) 

209. Eine andere wichtige Thatsache, die Boyle zuerst 
beobachtet, obwohl ihre Allgemeinheit noch nicht gehörig 
erkannt hat, ist der Einflufs des Luftdrucks auf das 
Sieden der Flüssigkeiten. Er brachte Wasser, welches 
er, um es von Luft zu befreien, lange hatte kochen lassen, 
als es noch warm war, unter den Recipienten der Luft- 
pumpe. Als er nun die Luft verdünnte, sah er zu seiner 
Verwunderung das Wasser abermals in heftiges Sieden 
gerathen. ^) Diese Thatsache scheint nicht recht bekannt 
geworden zu sein, denn noch 1675 u. 76 beschrieben sie 
Huyghens und Papin in den Philosoph. Transactions ab 
eine neue. Papin hat sie übrigens schon zwei Jahre früher, 
d. h. 1674 in seinen Earperiences^ du vide angegeben, aber 
Boyle bleibt doch die Priorit&t. 

Bemerkens werth in jenen Versuchen von Hnygkeu 
und Papin ist die Angabe, dafs wenn man Wasser in 
einem GlasgefläTs zum starken Sieden bringt, der Boden 
desselben delsungeachtet nur lauwarm werde. Es ist die^ 
eine Thatsache, die in manchen Gegenden dem Volke 
wohl bekannt ist, und sicher nicht aus jener Abhandlung 
von Huyghens und Papin, die aber von den Physikern ver- 
gessen worden ist, so dafs sie erst vor einigen Jahren 
hat wieder durch Versuche konstatirt werden müssea 
und dennoch von Einigen bezweifelt wird. 

Boyle's anderweitige Versuche sind wie gesagt sehr 
zahlreich y man kann fast sagen unzählig; ich werde mich 
daher begnügen müssen nur die bemerkenswerthesten Lei- 
stungen aufzuftkhren. Dahin gehören: 

1) Eine Verbesserung der Windbüchse. 

2) Auffindung der Thatsache, dafs das Eis verdunstet, 
was er fälschlich einer auflösenden Wirkung der Luft za- 
schrieb. 



») Fischer, Gesch. d. Phys. I, 450. 
») Ibid. II, 179. 



Boyle. 481 

3) Mehrere Erfahrungen fiber das specif. Gewicht des 
Eises und die Ausdehnung des Wassers beim Gefrieren, 
welche jedoch schon die Florentiner beobachtet hatten. 
Um ein künstliches Gefrieren zu bewirken, gebrauchte er 
Kältemischungen aus Schnee und Salmiak oder anderen 
Salzen, wobei er die Entdeckung machte, dafis das Eis 
die Salze zum Schmelzen bringt, und nur bei diesem 
Schmelzen die Kälte erzeugt wird ^). 

4) Versuche Ober die Elasticität des Wassers, aber 
mit keinem genügenderen Resultat als Baco, die Florentiner 
und fiuericke erlangt 

5) Die Beobachtung, daJGs Metalle, wie flüssiges Blei, 
Luft absörbiren und dabei an Gewicht zunehmen; er war 
jedoch noch weit entfernt, daraus auf eine Oxydation zu 
schlieüsen, sondern glaubte vielmehr die Gewichtszunahme 
der Metalle als einen Beweis von der Schwere des Feuers 
ansehen zu müssen. 

6) Boyle gerieth auch auf den Einfall, den nach ihm 
noch mancher Physiker gehabt hat, das Licht wägen zu 
wollen; er versuchte nämlich, ob die Sonnenstrahlen einen 
Stols auf eine empfindliche Wage hervorbringen würden, 
das Resultat war inde&, wie vorauszusehen, ein negatives. 

7) Boyle unternahm auch einige Bestimmungen der 
Brechungsverhältnisse verschiedener Körper und fand dabei, 
was freilich vor ihm auch schon Andere gefunden^ dals das 
Vermögen der Lichtbrechung bei verschiedenen Körpern 
nicht deren Dichte proportional gehe. 

8) Ueber die Farben hat Boyle söhon 1663 ein Werk 
geschrieben betitelt: Eaperimenta et eanndei^ationes de colo^ 
ribusy worin hinsichtlich der eigenen Farben manche An- 
sicht ausgesprochen wird, die Newton drei Jahre später in 
seinem berühmten Werk über die Zerlegung des Lichts 
an&tellte. In jenem Werk beachtet Boyle auch die Farben 
der Seifenblasen sowie die Verschiedenheit der Farben, 



^) Fischer, Gesch. d. Phjs. 11, 219. 

Poggendorff, Gesell, d. Physik. 31 



482 Boyle. 

welche Blattgold zeigt, je nachdem es das Licht zurück- 
wirft oder durchlälst. 

9) Femer experimentirte Boyle schon im J. 1667 mit 
dem Leuchten des faulen Holzes, und beobachtete dabei, 
daüs dieses Leuchten im Vakuum und in der Kälte ab- 
nimmt. Auch die Phosphorescenz faulender Fische war 
Gegenstand seiner Untersuchung. 

Von den Erfindungen oder Entdeckungen, die B^yle 
mit Unrecht zugeschrieben werden, muls ich hier noch 
nennen das Manometer. Boyle beschrieb es unter dem 
Namen Statical Baroscop in den Philosoph. Transact für 
1666 im Wesentlichen ganz in der Form, in welcher es 
0. y. Onericke 1661 in einem Briefe an Schott beschrieben 
hatte (§ 188). Doch mufs man zugeben, dafs das Boyle^sche 
Instrument subtiler war. Die Kugel an dem einen Arm 
der Wage war von dünnem Glase, nicht gröfser ^als eine 
Orange und nicht schwerer als 10 Gran, auch nicht eva- 
kuirt, wogegen Onericke eine Kupferkugel von einem Fuä 
in Durchmesser nahm und sie auspumpte, was überflüssig 
war. Sehr richtig bemerkte Boyle, dafs das Steigen und 
Fallen dieses Instruments einen sehr augenfälligen Beweis 
von der Ursache der Veränderungen der Quecksilbersiole 
im Barometer gebe, da hier von keinem Horror vacui oder 
Funiculus die Rede sein könne. 

Auch die Entdeckung des Phosphors durch Boyle ist, 
wenn er sie überhaupt gemacht hat, doch keineswegs zu- 
erst von ihm gemacht. Schon bei Gelegenheit von Knuekd 
habe ich angeführt (§ 199), dafs der Dr. Kraft aus Dres- 
den Boyle Kunde gab von der Entdeckung des Phosphors. 
Kraft war in London, zeigte Boyle den Phosphor, und wie 
er später gegen Stahl versicherte, theilte er auch Boyk 
die Bereitungsart mit. Dagegen hat Boyle protestirt and 
behauptet, Kraft habe ihm keineswegs die Darstellongs- 
weise des Phosphors mitgetheilt, sondern nur gesagt: der- 
selbe würde aus etwas bereitet, was zum menschUchen 
Körper gehört. 



Boyle. 483 

Hiernach wäre Boyle also in demselben Fall gewesen 
wie Konckely er hätte den Phosphor zum zweiten Male 
entdecken müssen. Wo hier die Wahrheit liegt, ist wohl 
schwer mit Sicherheit zu entscheiden; moralische Gründe 
sprechen allerdings für Boyle, denn jener Dr. Kraft war 
keineswegs ein recht glaubwürdiger Mann. Boyle liefs, 
wie § 199 erzählt, durch einen deutschen Laboranten, 
(jottfr. Hankwitz in London, den Phosphor bereiten, be- 
stimmte aber, dafs die Vorschrift dazu erst nach seinem 
Tode bekaimt gemacht werde, was 1692 in den Philos. 
Transact. geschehen ist. In demselben Jahr veröffentlichte 
auch flomberg die von Konckel erhaltene Darstellungsweise 
in Paris. 

210. An diese Nachrichten will ich noch die Bemer- 
kung schliefsen, dafs Boyle überhaupt in der Chemie ebenso 
thätig war wie in der Physik, und leicht möchte er unter 
den Chemikern seiner Zeit einen höheren Rang einnehmen, 
als unter den Physikern. Man zählt gegen 40 kleinere und 
grölsere Abhandlungen chemischen Inhalts von ihm, die 
für die Zeit viel Neues enthielten, aber jetzt freilich nur 
einen geschichtlichen Werth besitzen. Ohne hier zu ver- 
suchen, einen vollständigen Abriis der Arbeiten Boyle's oder 
des Zustandes der Chemie zu seiner Zeit zu geben, will 
ich ein Paar bemerkenswerthe Momente von beiden her- 
ausheben. 

Im Allgemeinen hing man zu Boyle^s Zeiten, also in 
der zweiten Hälfte des XVII. Jahrhunderts noch der Lehre 
der Peripatetiker an, nach welcher Erde, Wasser, Luft und 
Feuer elementare Substanzen waren, aus denen die ganze 
Körperwelt bestand, obwohl schon der Araber tieber im 
VIII. Jahrhundert, der aufgeklärteste und kenntnifsreichste 
Chemiker bis zum XVI. Jahrhundert, eine davon abwei- 
chende Theorie, welche Quecksilber und Schwefel wenig- 
stens als Bestandtheile der Metalle ansah, aufgestellt hatte. 
Es gereicht wohl Boyle zur Ehre, dafs er die Einfachheit 
jener vier griechischen Elemente bestritt und dafür die 

31* 



484 Boyle. 

Muthmafsung aussprach^ dab die Zahl der emfachen oder 
unzerlegbaren Substanzen viel grolser sei als vier.^) 

Er glaubte sogar die Zusammengesetztheit des Wassers 
erwiesen zu haben, indem er verschiedene Pflanzen ledig- 
lich in Wasser wachsen liefs und dabei fand, dals sie nach 
einigen Monaten bedeutend an Gewicht zugenommen hatten'). 
Es ist dies ein Versuch, den vor ihm schon van Helmont 
und noch früher der Kardinal de Cusa angestellt hatten, 
und der auch späterhin, freilich nicht um die KonstitutioD 
des Wassers zu ermitteln, sondern um die Frage über die 
Herkunft des Kohlenstoffs in den Pflanzen zu beantworten, 
oftmals wiederholt worden ist. Bojle schlofs, wie van Hel- 
mont, das Wasser müsse noth wendig erdige Bestandtheile 
enthalten, welche zu den festen Theilen der Pflanzen her- 
gegeben wären. Diesen Schlufs suchte Boyle dadurch zu 
verstärken, dais er Wasser destillirte und nicht einmal, 
sondern mit der eisernen Geduld, wie wir sie nur bei den 
Chemikern der früheren Zeit antreffen, 200 mal. Immer 
fand er dabei einen erdigen Rückstand, den er nun als 
Bestandtheil des Wassers ansah, der aber nur aus dem 
Destillationsgeschirr herrühren konnte. Dieser letzte Ver- 
such, der später auch noch seine Liebhaber fand, ist übri- 
gens fast gleichzeitig mit Boyle auch angestellt von 

Olans Borch, nach Andern Borrich, lat. Borrichius, 
einen Mann, der sich besonders um die frühere Geschichte 
der Chemie, durch seine Dissertatio de artu et progr^su 
chemiae, Ha/n. 1668 verdient gemacht hat Er war geb. 
1626 zu Synder Borch, Stift Ripen in JüÜand, studirte 
Medicin, und versah in Kopenhagen neben einer ausge- 
dehnten ärztlichen Praxis die Professur der Chemie und 
Botanik. Er starb 1690. Jenen Versuch beschrieb er in 
Hermetia Aegyptiorum et Chemicorum sapientia. Ha/n, 1674* 

Wenn in der Chemie allemal derjenige der Entdecker 
einer Substanz genannt werden könnte, der sie zuerst unter 



») Höfer, Eist. II, 157. 

«) Fischer, Gesch. d. Phys. 11, 200. 



Boyle. 485 

Händen gehabt hat, so müfste man Boyle eine beträcht- 
liche 2iahl solcher Entdeckungen zuschreiben^ denn in der 
That hat er bei seinen vielen chemischen Operationen 
manchen bemerkenswerthen Körper dargestellt, aber zu 
einem Erkennen der Natur dieses Körpers, was allein einen 
gegründeten Anspruch auf die Entdeckung desselben ver- 
leihen kann, war seine Zeit noch nicht reif. Merkenswerth 
bleibt aber doch, dafs er Wassersto£^as darstellte und auf- 
fing, und zwar bereitet aus Eisen und verdünnter Schwefel- 
säure; er scheint indefs nicht einmal die Brennbarkeit er- 
kannt zu haben, sondern sah den Versuch nur als Beweis 
an, dals man Luft auf künstlichem Wege erzeugen könne^). 
Zu ähnlichem Zwecke entwickelte er schon 1664 Kohlen- 
säure mittelst Essigsäure aus Austernschalen, wobei aber 
besondere Umstände obgewaltet haben müssen, da er diese 
als heilsam ftlr das Athmen bezeichnet. 

Bis zur Einführung der neuen chemischen Nomen- 
klatur, die neben ihren vielen trefflichen Seiten doch den 
Nachtheil herbeiführte, dafs sie die historischen Momente 
aus dem Gedäcbtnifs vertilgte, war Boyle^s Andenken in 
der Chemie auch durch den Liquor fumans Boylii (flüch- 
tige Schwefelleber) erhalten. Boyle beschrieb denselben 
1676, er war aber schon 1608 von dem französischen Arzt 
Begnin dargestellt^ und führte daher mit mehr Recht den 
Namen Spiritus sulphurat. Beguini. Er besteht im We- 
sentlichen aus Schwefelammonium, und wird durch Destil- 
lation von Schwefel, Salmiak und gelöschtem Kalk erhalten. 

Wie bei allen älteren Chemikern war die trockne 
Destillation eine Lieblingsoperation von Boyle, und indem 
er sie auf Holz anwandte, bekam er einen brennbaren Geist 
und eine Säure, die beide offenbar nichts anderes sind als 
unser Holzgeist und unser Holzessig. Boyle ist ferner auch 
''^ohl der erste, der versuchte, den Weingeist durch Destil- 
lation über wassergierigen Substanzen zu entwässern, indem 
^r ihn über kalcinirtem Weinstein d. h. kohlensaurem Kali 



') Höfer, Bist II, 161. 



486 Boyle. 

oder über Aetzkalk rektificirte. Aus einer toh ihm ge- 
gebenen Tafel von specifischen Gewichten, der vollständig- 
sten zu seiner Zeit, die 32 Körper enthält, ersieht man^ 
dafs er den Weingeist bis zu einem specif. Gewicht = 0.866 
brachte, also zwischen 78 und 79 Procent Alkohol. 

211. Eine chemische Untersuchung Bojle's, die auch 
Interesse fhr den Physiker hat, ist die über die Salzig- 
keit des Meerwassers, ein Gegenstand, der mit man- 
chen anderen aus der physikalischen Geographie die Auf- 
merksamkeit der Naturforscher im XVU. Jahrhundert zu 
beschäftigen anfing. Aristoteles hatte gelehrt, das Meer 
sei nur an seiner Oberfläche salzig und zwar durch Wir- 
kung der Sonnenstrahlen, und diese Lehre wurde im 
XVI. Jahrhundert wiederum vorgetragen durch den zu 
seiner Zeit sehr berühmten Jnlins Caesar Sealiger, einen 
italienischen Arzt aus Padua, der 1558 im 75. Lebensjahre 
zu Agen in Frankreich starb. Derselbe hatte durch sein 
Exotericarum exercitationum Über quintus decimus de sub- 
tilitate, Paria. 1567^ worin er Obiges behauptete, sich einen 
Ruf unter den damaligen Naturforschem erworben. 

Boyle verschaffie sich nun Meerwasser, das aus ver- 
schiedener Tiefe geschöpft war, und fand, dafs es ebenso 
viel Salz und dieselbe Dichtigkeit besafs, wie das von der 
Oberfläche. Freilich hatte unser Pater Kireher schon das- 
selbe gelehrt, oder vielmehr er war noch weiter gegangen, 
indem er in seinem Mundus subterraneus behauptete, die 
Salzigkeit des Meerwassers nähme zu mit der Tiefe wie 
mit der Annäherung an den Aequator. Allein dies war 
nicht das Resultat von Versuchen, sondern das £rgebnii£ 
einer Theorie, welche den Salzgehalt des Meerwassers von 
Salzlagem ableitete, die am Boden des Meeres vorhan- 
den seien. 

Diese Meinung entwickelt auch Varenins in seiner 
Geographia generalis^ Ametelod, 1664 , einem ftlr die Zeit 
sehr ausgezeichneten Werk, das nach dem Tode seines 
Verfassers noch dadurch eine grofse Berühmtheit erlangte, 



Boyle. " 487 

daTs Newton es seinen Vorlesungen in Cambridge zum 
Grrunde legte, und 1672 eine vermehrte Ausgabe in eng- 
lischer Sprache herausgab, die später ins Lateinische und 
Franzosische übersetzt worden ist. — Bernhard Varenins, 
eigentlich Varen, war Arzt in Amsterdam und geb. zu 
Uelzen bei Lüneburg; er starb 1660. 

Zu Boyle's Zeit, wo Reisen in transatlantische Regio- 
nen schon nicht mehr zu den Seltenheiten gehörten, be- 
schäftigte man sich auch vielfach mit dem ftkr die Schiff- 
fahrt so wichtigen Problem der Trinkbarmachung des Meer- 
wassers. Es ist beachtenswerth, dafs man damals ziemlich 
aUgemein des Glaubens war, das Meerwasser habe seinen 
bitteren ekelhaften Geschmack nicht von Salzen, sondern 
von beigemischtem Erdharze oder Bergfett, und es könne 
deshalb nicht durch blofse Destillation trinkbar gemacht 
werden. In diesem Glauben machte man allerlei wunder- 
liche Vorschläge. Der Franzose Hauton rieth im J. 1671 
das Seewasser über kohlensaures Kali zu destilliren, und 
das war noch der vernünftigste Vorschlag. Aber Lister 
empfahl 1683 die Destillation über Seegras, und Applebjr 
und Watson schlugen 1753 sogar die Destillation über 
Höllenstein, gebrannte Knochen und Aetzkali vor, sowie 
Chapman 1761 über Seife und Asche. 

Alle diese Vorschläge und besonders die letzteren sind 
um so auffallender, als schon die Alten ganz gut wü&ten, 
dafs eine blolse Destillation hinreichend sei, das Meer- 
wasser süfs und trinkbar zu machen. Nach Alexander 
Aphrodisiensis hatten Einige gerathen, Meerwasser in 
grofsen Kesseln zum Sieden zu bringen, und den Dampf 
in darüber gelegten Deckeln aufzufangen ^ so erhalte man 
süfses Wasser. Aus diesem Versuch erklärte schon Aristo- 
teles, weshalb die vom Meerwasser aufsteigenden Dünste 
suis und nicht salzig seien. Er wuTste auch, dafs die 
Dämpfe von Wein und anderen Flüssigkeiten im Wesent- 
lichen nichts anderes als Wasser geben. Olympiodoms er- 
zählt, dafs die Schiffer bei Mangel an Trinkwasser See- 



488 " Boyle. 

wasser zu kochen pflegten, und in die Oefinong des Ge- 
ffUses grofse Schwftmme hängten, die dann ausgedrückt 
genieisbares Wasser lieferten ^). Es war daher im Grande 
nichts Neues, als Gantier, ein französischer Arzt zu Nantes, 
im J. 1717 die blofse Destillation zur Trinkbarmachung des 
Meer Wassers anwandte, aber er hat das Verdienst den 
ersten eigens zum Gebrauch der Schiffer konstruirten De- 
stillationsapparat angegeben zu haben. 

Es ist auch auffallend, dafs man erst zu Boyle^s Zei- 
ten die Entsalzung des Meerwassers durch das Gefrieren 
kennen lernte oder zur Sprache brachte. Kireher wuiste 
bereits, dafs das Meereis beim Aufthauen softes Wasser 
liefere, aber wie er immer sogleich mit einer Erklärung 
bei der Hand war, so meinte er auch hier die Sache damit 
abzumachen, dafs er sagte: in kalten Gegenden regnet und 
schneit es viel, das dadurch gebildete Wasser bleibt, weil 
es leichter als Meerwasser ist, obenauf schwimmen, und 
dieses ist es also, was bei starker Kälte gefriert und folg- 
lich sOfses Eis liefert ^). Nach ihm würde also das Mee^ 
wasser selbst nicht gefrieren I 

Man findet angegeben, es sei Samuel Reyher, Professor 
zu Kiel, der erste, welcher über die Süfsigkeit des Meer- 
eises geschrieben habe. Allein das geschah erst 1697 in 
den Actis Eruditorum; mehr als 30 Jahre vor ihm hat 
schon der berühmte dänische Anatom Thomas Bartholii 
die Thatsache hervorgehoben, dafs Meereis süfses Wasser 
liefert in seiner Schrift: De nivü uau medico observaiionei 
variae^ Ha/n. 1661» Auch ist das Faktum im Kreise der 
Gewerbtreibenden offenbar viel länger bekannt gewesen, 
denn Boyle sagt in seinen New eapentnents and oherva- 
tiam touching coldy Lond. 1665y dass die Brauer zu Am- 
sterdam sich in Ermangelung von süssem Wasser des anf- 
gethauten Meereises zum Brauen bedienten. 



ükert, Geogr. d. Griechen a. Römer II, 69. 
'} Fischer, Gesch. d. Phjs. II, 18. 



Mariotte. 489 

Hariotte. 

212. An Boyle^s Leistungen schlielsen sich in man- 
cher Beziehung die von Mariotte an, welche auch ganz 
innerhalb der Lebzeiten des englischen Experimentators 
fallen. Edme Hariotte, geb. in Bourgogne, war ursprüng- 
lich Geistlicher, Prior von St. Martin sur Beaune bei Dijon, 
und wurde im J. 1666 kurz nach der Stiftung der pariser 
Akademie zu deren Mitglied ernannt, was er blieb bis zu 
seinem Tode im J. 1684. 

Mariotte hat sich namentlich um die mechanische 
Physik mehrfach verdient gemacht, sowohl durch theoreti- 
sche wie durch experimentelle Untersuchungen, die er auf 
eine geschickte Weise miteinander zu verknüpfen verstand; 
er war also Physiker im wahren Sinne des Worts. Am 
bekanntesten ist er durch das Gesetz, welches gegenwärtig 
und schon seit langer Zeit ganz allgemein nach ihm be- 
nannt wird. Dies ist freilich ein Unrecht gegen Boyle, da 
dieser dasselbe Gesetz geraume Zeit vor Mariotte aufge- 
funden hat; aber einerseits ist doch nicht bekannt, dafs 
Mariotte etwas davon gewufst habe, und andererseits hat 
er es auch sogleich klar ausgesprochen, während Boyle die 
Ehre halbwegs mit Townley theilen müfste. 

Mariotte erwies das Gesetz ganz auf dieselbe Weise 
wie Boyle, sowohl f&r gröfsere als fbr kleinere Drucke als 
der atmosphärische, und beschrieb das Ganze in seinem 
Essai sur la nature de Vairy Paris 1676 sechszehn Jahre 
später als Boyle. Ueberdies hat Mariotte zuerst versucht 
eine nützliche Anwendung von dem Gesetz zu machen, 
indem er mittelst desselben die Relation zwischen dem 
Druck der Luft und ihrer Höhe von dem Erdboden aus- 
zumitteln, oder anders gesagt, das Barometer zum Höhen- 
messen anwendbar zu machen suchte. Man kann freilich 
Mariotte noch nicht als eigentlichen Begründer der Hypso- 
metrie oder des barometrischen Höhenmessens nennen, aber 
den ersten Schritt dazu hat er doch unstreitig gethan. 

Schon Pascal hatte den Gedanken, dafs das Barometer 
wohl ein Werkzeug zum Höhenmessen werden könne, er 



490 Mariotte. 

sah auch ein, dafs dazu das Gesetz der Zusammendrfic^- 
barkeit der Luft gekannt sein müsse; aber weiter kam er 
nicht. Sein frühzeitiger Tod und noch mehr seine schon 
längere Zeit vorher eingetretene unglückliche Greistesrich- 
tung hinderten ihn daran (§ 151). Späterhin machten die 
Mitglieder der Accademia del Cimento, der Franzose Peequet 
(ein berühmter Anatom, aus Dieppe, gest. 1674) und der 
Schotte Sinclair (Professor zu Glasgow, gest. 1696) ver- 
scbiedene Beobachtungen über das Fallen des Barometers 
bei Ersteigung von Bergen, allein alle diese Personen vei^ 
fielen nicht darauf, das Gesetz, welches zwischen den 
Berghöhen und den Barometerständen besteht, auch nnr 
empirisch aufzusuchen. 

Dies war Mariotte yorbehalten. Nachdem er das nadi 
ihm benannte Gesetz über die Zusammendrückbarkeit der 
Luft aufgefunden hatte, suchte er jenes über die Abnahme 
des Druckes mit der Höhe. Die Methode, welche er dabei 
anwandte, ist zwar nicht richtig, aber sie hat doch den 
ersten Schritt zur Lehre vom barometrischen Höhenmessen 
gethan, und noch jetzt ist jedem Anfänger zu rathen, den 
von Mariotte eingeschlagenen Weg zu verfolgen, um sich 
einen klaren Begriff von den Principien dieser Messungen 
zu verschaffen. 

Zunächst ermittelte Mariotte durch Versuche, wieviel 
das Barometer falle, wenn man sich um ein Gewisses e^ 
hebt. Dazu bot ihm die neu errichtete Sternwarte von 
Paris eine vortreffliche Gelegenheit; sie ist ein hohes Ge- 
bäude und steht über alten Steinbrüchen, die es möglicb 
machten, ihr einen Keller von 80 und einigen Fufsen Tiefe 
zu verschaffen. In diesen Keller stieg Mariotte mit seinem 
Barometer hinab, beobachtete dessen Stand und erhob sich 
darauf 84 Fufs. Das Barometer war nun genau um ^ Li- 
nien gefallen; als er weiter 84 Fufs in die Höhe gestiegen 
war, stand es abermals | Lin. niedriger. Ein Fallen von 
^ Lin. auf 84 Fufs macht 1 Lin. auf 63 Fufs, woAr 
Mariotte rund 60 Fufs nahm, und demgemäfs voraussetzte, 
dais nahe an der Erdoberfläche eine barometrische Diffe- 



Mariotte. 49 X 

renz Ton ^ Lin. einer Höhendifferenz von 5 par. Fufs ent- 
spreche. 

Die • Barometerhöhe an der Erdoberfläche nahm er 
= 336'" nnd theilte dieselbe in ^"' ; die ganze Barometer- 
höhe umfaTste also 4032 ZwöIfteUinien. Nun berechnete er 
die Höhe der einzelnen übereinanderliegenden Luftschich- 
ten, Ton denen jede mit jeder benachbarten eine barome- 
trische Differenz von ^'" hat, und zwar auf die Weise, 
dafs er Ton der untersten 5' hohen Schicht ausgehend die 
Dicke der folgenden über dem Erdboden nacheinander aus 
dem von ihm gefundenen Gesetze herleitete, also 

Schicht: 12 2016 2017 

„., 4032 f,, 4032 ^, 4032 ., 4032 -, 4032 ., 

^^^^'' 4032^' 4031^' 4Ö3Ö^' •"• 2016^' 2Ör5 ^ "• ^- ^• 

Um die Höhe zu finden, die einem gewissen Baro- 
meterstand, z. B. dem von 2015 entspricht, hätte er nun 
alle Glieder dieser Reihe bis zum vorletzten summireu müs- 
sen, d. h. die Höhen der 2016 darunter befindlichen Schich- 
ten; allein diese Rechnung war ihm zu mühsam. Er nahm 
daher an, dals die Reihe eine arithmetische von ebenso 
Tielen Gliedern sei, also fbr den Barometerstand 2015 sei: 

4031 ^ "^~ • • • öäT^ 5 d. i. 6 -I- . . . 10, deren Summe 

(5 -f- 10) 1008 = 15120 Fufs ist, 

was darauf zurückkommt, jede Luftschicht, die einer Baro- 

meterdifferenz von ^"' entspricht, = -^^ = 7J Fufs dick 

zn setzen. 

Dies Verfahren ist nun offenbar unrichtig, es giebt 
grofse Höhen zu klein; es ist aber nur in dieser Abkür- 
zung unrichtig. Der Weg, den Mariotte anfangs einschlug, 
ist im Wesentlichen richtig, nur dafs man statt der Diffe- 
renz von iV" ®^^® v^^^ kleinere z. B. von 0"',01 nehmen 
müfste, auch auf die Abnahme der Temperatur Bedacht zu 
nehmen hätte; aber die Summirung der Glieder der Reihe 
ist allerdings höchst mühsam, und später von Deine unter- 
nommen. 



492 Mariotto. 

213. In dem Werk E9mi sur la nature de Fair be- 
schäftigt sich Mariotte auch mit dem Barometer ab meteoro- 
logischem Werkzeug, namentlich mit dem Einflufs der 
Winde auf den Stand desselben. Dals Nord- und Ost- 
winde das Barometer zum Steigen, Süd- und Westwinde 
zum Sinken bringen, war schon, wie angeführt, Tor Mariftte 
beobachtet. Dieser suchte das Phänomen zu erklären. Er 
nahm an, die Nord- und Ostwinde als die kalten bliesen 
von oben herab und brächten dadurch das Barometer tarn 
Steigen; die Süd- und Westwinde dagegen veranlafsten 
das Sinken des Barometers, weil sie in Richtung der Tan- 
gente der Erdoberfläche wehend die obere Luft erheben, 
und dadurch die Elasticität derselben vermindern ^). 

Mariotte gehört auch zu Denen, welche das Phänomen 
der Drehung des Windes beobachteten^ nämlich dafe der 
Wind in unsem Gegenden meistentheils seine Richtung 
von Nord durch Ost, Süd nach Westen, also im Sinne 
des scheinbaren Tageslaufs der Sonne ändert. Dasselbe 
Phänomen ist auch, vielleicht gleichzeitig, von unsenn 
Landsmann Sturm in der Physica electiva^ Ältorfi 1697^ 
früher schon von Lord Baco in der Eist not, et eaperimen- 
tcdisy Lugd. 1638 angegeben, und noch viel firfiher von 
Aristoteles^) und Plinins'). 

Mariotte befaTste sich überhaupt viel mit der Theorie, 
und suchte u. A. den Passatwind zu erklären, wobei er 
aber nicht glücklich war; er glaubte die Luft könne der 
schnellen Drehung der Erde von West nach Ost nicht 
folgen, sie bliebe zurück und erzeuge so einen scheinbaren 
Ostwind *). 

214. Ein anderer Zweig der Physik, den Mariotte mit 
Glück kultivirte, war die Hydrostatik und Hydrodynamik, 
wozu ihm die prachtvollen Wasserkünste zu Versailles und 



1) Fischer, Gesch. d. Phys. II, 429, 430. 
') Meteorol. IIb. 11 , cap. 6. 
'} Hist nat. IIb. II, cap. 48. 
*) Fischer, ibid. ü, 475. 



Mariotte. 493 

Chantillj Veranlassung und Gelegenheit gaben ^). Er schrieb 
darüber ein Werk: TraitS du mouvement des eaua et dea 
autres fluides y welches nach seinem Tode 1686 veröffent- 
licht wurde. 

In diesem Werke bestätigte er durch eine zahlreiche 
Reihe von Versuchen die von Torricelli aufgefundenen 
Gesetze des Ausflusses der Flüssigkeiten aus Röhren. Er 
beobachtete dabei zuerst die Reibung der Flüssigkeiten in 
Bohren, selbst in den glattesten Glasröhren, und leitete 
von dieser Reibung die Widersprüche ab, die sich zwischen 
der Theorie und der Erfahrung darboten, namentlich auch 
die Erscheinung, dafs die Springhöhe bei Fontainen immer 
unter der Fallhöhe bleibe ^). Doch beobachtete er noch 
nicht die Vena contracta oder die Zusammenziehung des 
Wasserstrahles, wenn derselbe aus einer Oefinung in dün- 
ner Wand herrorschiefst. 

Beiläufig will ich hier erwähnen, dafs etwa um die- 
selbe Zeit die Torrieelli'schen Gesetze auch in Italien einer 
nm&ssenden Prüftmg unterworfen wurden, und zwar durch 
Dt^meiiico fluglielniini, geb. 1655 zu Bologna und gest. 1710 
zu Padua. Er studirte Mathematik, Astronomie und Medicin 
mit solchem Erfolge, dafs man ihn wegen seiner Kennt- 
nisse in den beiden ersten Wissenschaften schon in seinem 
drei&igsten Jahre zum Ober-Intendanten der bolognesisehen 
Flüsse erwählte , und bald darauf eine eigens ftir ihn 
kreirte Professur der Hydrometrie an der Universität zu 
Bologna bekleiden liefs. Sein Ansehn als Wasserbaumei- 
8ter war so grofs, dafs er successive von den Regierungen 
fast aller norditalienischen Staaten konsultirt wurde, wenn 
es sich darum handelte irgend ein schwieriges Unterneh- 
men in der Rektifikation von Flüssen, Anlegung von Kanä- 
len, Austrocknung von Sümpfen u. s. w. zu beginnen. 

Das Werk, welches ihm vorzüglich Ruhm verschafit 
oder erhalten hat, ftlhrt den Titel : Trattato ßeico-matematico 



^) Brewster, Edinb. Encjdop. XI, 411. 
») Fischer, ibid. H, 407, 410. 



494 Mariotte. 

della natura dei ßumi, wovon der erste Tbeil 1697 zu 
Bologna erschien, der zweite nach seinem Tode 1712. 
Das Ganze wurde später in die Sammlang hydraulischer 
Schriften aufgenommen, welche 1766 in Parma erschien. 
Die Nord-Italiener haben wegen ihres vielfach von Kanä- 
len und Flüssen durchschnittenen Landes den Untersuchun- 
gen über den Lauf der Gewässer eine ganz besondere 
Aufmerksamkeit gewidmet, und alle dahin gehörigen hydnu- | 
lischen Werke in zwei grolse Sammlungen vereinigt 

1) RaccoUa di autori, che trattano del moto deW acquA, 
Firenze 1723 y 3 Vol. enthält die Werke von Arehimed«, 
Albici, Galilei, Castelli, Michelini, Borelli, Montanari, Yiviaii, | 
Cassini^ Guglielniini, Orandi, Hanfredi, Pieard, NardneeL 

2) Nuava Raccolta di autori j che trattano del moto | 
delV acque, Parma 1766 y 7 VoL, enthält die seitdem er- 
schienenen Werke u. A. von Goglielmini und Poleni. 

Um wieder auf Mariotte zurückzukommen, ao hat er 
in seinem Traite du mouvement des eaux etc. auch noch 
eine sinnreiche Vorrichtung beschrieben, die später unter 1 
dem Namen Mariotte'scbe Flasche allgemein bekannt ; 
geworden ist, und welche er ersann, um das Dasein des ' 
Luftdrucks zu erweisen. Sie ist später auch unter die 1 
chemischen Geräthechaften aufgenommen worden, um Flüs- 
sigkeiten unter einem konstanten Druck ausfliegen «u j 
lassen, und somit ein auch jetzt noch sehr verbreiteter und j 
seiner Wirkungsweise nach wohl bekannter Apparat. 1 

215. Auch die Mechanik der festen Körper ist Gre- \ 
genstand der Forschungen Mariotte^s gewesen. Sein An- 
denken ist hier durch eine von ihm ersonnene Vorrich- 
tung erhalten, die früher, als man sich für diesen Zweig 
der Physik noch lebhafter interessirte als jetzt, eine ge- 
wisse Berühmtheit erlangte. Es ist die Perkuasions- 
oder Stofsm aschine, die man noch jetzt in allen voll- 
ständigeren physikalischen Kabineten antriffi;, und die aus 
einer Reihe nebeneinander hängender sich berührender 
Elfenbeinkugeln besteht, deren Mittelpunkte in einer gra- 
den horizontalen Linie liegen. Die Vorrichtung ist später 



Mariotte. 495 

Ton 8'6ra?68a]ide and NoUet verbessert worden, und nament- 
lich die von dem Letzteren gegebene Einrichtung in Deutsch- 
land sehr in Gebrauch gekommen. 

Mariotte ersann diese Maschine um die von Wallis, 
Wren und flnyghens theoretisch aufgefundenen Gesetze des 
Stofses experimentell nachzuweisen. Er beschrieb sie in 
seinem Traite de la perctission ou choc des corpe, Paris 1677, 
worin auch die Fallversuche angegeben sind, welche er 
1670 in der pariser Sternwarte bei 166^ Fufs Fallhöhe mit 
Bleikugeln machte, um den Widerstand der Luft zu er- 
mitteln ^). 

Hierher gehört ferner eine Untersuchung Mariotte's 
über die Festigkeit der starren Körper, nämlich über 
die relative Festigkeit oder die Kraft, die zum Zerbrechen 
derselben erforderlich ist. Mariotte vervollkommnete die 
i^on Galilei angefangene Untersuchung, insofern er dabei 
auf die Ausdehnung der Fasern vor dem Zerbrechen Rück- 
sicht nahm. Er setzte die Ausdehnung der Fasern den 
ausdehnenden Kräften proportional und kam so zu einer 
Regel 9 die sich auch bei nicht absolut harten Körpern 
mehr der Wahrheit näherte als die Cralilefsche. 

216. Es ist nicht allein der mechanische Theil der 
Physik, welchen Mariotte mit Entdeckungen bereichert hat, 
er verdient ebenso mit Ehren in der Geschichte der Optik 
und Wärmelehre genannt zu werden. Was die Optik be- 
txiSt, so ist zuvörderst sein Essai sur la nature des cour 
leurs zu nennen, von dem die erste Auflage 1681 zu Paris 
erschienen ist. In diesem Werk befafste er sich u. A. 
mit der Theorie der Höfe und Ringe, die man bei dun- 
stigem Himmel um Sonne und Mond erblickt. 

Die Höfe, die bekanntlich aus Farbenringen von 7 bis 
12^^ Durchmesser um den leuchtenden Körper bestehen, 
sachte Mariotte durch eine zweimalige Brechung der Licht-, 
strahlen in den Dunstkügelcben zu erklären. Diese An- 



^) Benzenberg, Versuche üb. d. Gresetze d. Falles, d. Wider-, 
stand d. Luft a. s. w. Hamb. 1804, p. 106. 



496 Mariotte. 

sieht hat sich später als unrichtig erwiesen, was sclion 
daraus erhellt, dafs nach ihr der innere Saum der Rmge 
roth sein müfste, während er in Wirklichkeit blaa ist 
Dagegen hat Mariotte fCkr die gröfseren Hdfe oder (br die 
Ringe von 28^ Durchmesser im Wesentlichen die Theorie 
aufgestellt, die wir jetzt für richtig halten. Er erklärt sie 
nämlich durch Eisnadeln von regulärer dreiseitiger PrismeD- 
form, die in der Luft schweben, und in denen das Liebt 
zwei Refraktionen und eine Reflexion erleidet, ganz analog 
wie es Descartes für den Regenbogen in den Wasser- 
tropfen annimmt. Er yerfährt auch ganz ähnlich wie 
Deseartes, indem er zeigt, dafs sich der EinfaUswinkel 
um 23^ ändern kann, ohne dafs sich die Richtung des aus- 
fahrenden Strahles um mehr als 2^^ ändert^). 

Mariotte's Theorie stimmt im Ganzen gut mit der Erfah- 
rung namentlich darin, dafs der innere Saum von rotfaer Farbe 
und scharf begränzt ist. Die erste Idee, dafs diese gröfseren 
Höfe oder Ringe durch Eisnadeln veranlafst sein könnten, 
sprach übrigens Deseartes aus, der jedoch EisstemcheD 
(stellulae ex glacie pellucidae compositae) meinte, und 
durch sie ward auch Huyghens veranlalst sich mit dem 
Gegenstand zu befassen ^). 

Li dem Essai sur les couleurs handelt Mariotte zuletzt 
auch noch von den physiologischen oder zufälligen Far- 
ben, deren Beachtung man in der Regel von dem beröbm- 
ten Bnffon datirt, und die auch Ton diesem genauer unter- 
sucht worden sind, aber offenbar später als von Mariotte. 
Dieser hatte übrigens Kenntnifs von Newton's Theorie der 
Farben, und trat theil weise als Gegner derselben auf^ 
worüber in der Folge mehr. 

Ein grölseres Interesse als der Essai sur les caul^n 
erregte bei den Zeitgenossen eine andere Arbeit optischen 
Inhalts, die Mariotte schon im J. 1666 der pariser Aka- 
demie vorlegte unter dem Titel: Observaüons sur Vorgan 



Wilde, Gesch. d. Optik n, 283. 
>) Ibid. n, 279. 



Mariotte. 497 

de la Vision j und auch 1668 der londoner Gesellschaft 
mitgetbeilt wurde*). 

Mariotte hatte bei anatomischen Untersuchungen von 
Menschen- und Thieraugen wahrgenommen, dafs der Seh- 
nerv nicht grade der PupiUe gegenüber in das Auge ein- 
tritt, sondern etwas höher nach der Nase hin. Dies brachte 
ihn auf die Frage, was sich wohl ereignen würde, wenn 
er das Bild eines Gegenstandes grade auf diese Stelle fal- 
len liefse. Er befestigte daher auf einer dunklen Wand 
ein rundes Papierstückchen, und rechter Hand zwei FuTs 
davon etwas niedriger ein zweites solches Papierstück. Er 
verschlols nun das linke Äuge, heftete das rechte auf das 
erste Papierstück und suchte .durch Nähern und Entfernen 
von der Wand es dahin zu bringen, dafs das Bild vom 
zweiten Papierstück auf den optischen Nerv fiel. Zu sei- 
ner Verwunderung sah er dann das zweite Papierstück 
verschwinden ^). 

Dieser Versuch erregte viel Aufmerksamkeit, und wurde 
schon 1668 in der londoner Gesellschaft in Gegenwart des 
Königs wiederholt. Der Versuch, das sogenannte Punctum 
coecum zu erweisen, ist sehr einfach^ und das Interesse 
wurde dadurch noch mehr auf denselben gerichtet, da 
Mariotte eine Theorie über den eigentlichen Sitz des Sehens 
daran knüpfte. Er behauptete nämlich, es sei v^hi die 
Netzhaut, sondern die darunter liegende Aderhaut, in 
welcher die Lichtwahmehmung stattfände, in jener könne 
dies nicht geschehen, da sie durchsichtig sei^ die Licht- 
strahlen also durchlasse. Das gab denn zu einer ganzen 
Reihe von Verhandlungen Anlais, worin die Namen der 
angesehensten Physiker und Anatomen jener und späterer 
Zeiten wie Perquet, Perranlt, de la Hire, Lecat, Michell, 
Porterfield, Haller, Morgagni u. A. auftreten, ohne dafs man 
sagen kann, der Streit sei dadurch zu Gunsten einer der 
Aufgestellten Ansicht mit Bestimmtheit entschieden. 



^) M^. de FAcad. 1666, T. I, p. 68; Phil. Tnmsact. 1668, p. 658. 
») Fischer, Gesch. d. Phys.'III, 141. 

Poggendorff, Gesch. d. Phyiik. 32 



498 Mariotte. 

217. Eine ebenso wichtige Beobachtimg wie die Aber 
das Sehen hat Mariotte über die strahlende Wärme 
gemacht, obwohl man zugeben mufs, da£s er selber die 
ganze Wichtigkeit derselben nicht eingesehen hat Er 
beobachtete nämlich zuerst, dals wShrend die Wärme der 
Sonnenstrahlen ein Glas so gut wie ungeschwächt durch- 
dringt, die Wärme von einem gewöhnlichen Feuer dadurch 
fast ganz zurückgehalten wird. £r koncentrirte Dämlich 
die Wärmestrahlen eines Kaminfeuers durch einen Brenn- 
Spiegel, und sie bewirkten jetzt auf der Hand eine kaum 
erträgliche Hitze; sobald er aber eine Glasplatte vorschob, 
war die Empfindung fast vollkommen verschwunden, ob- 
wohl das Licht dieser Eaminstrahlen keine sichtbare 
Schwächung erlitten hatte. Diesen Versuch, dessen Wichtig- 
keit erst in neuerer Zeit durch Melloni nachgewiesen ist, 
hat Mariotte in seinem Traite de la nature des couleurs 
beschrieben. *) 

In einer anderen Abhandlung zeigte Mariotte, daii 
man aus Eis einen Brennspiegel verfertigen könne, sagt 
aber dabei, dafs schon andere Personen, welche er jedoch 
nicht nennt, dasselbe versucht hätten. Mittelst eines solchen 
Eisspiegels brachte er Schiefspulver zum Verpuffen.^) 

Endlich muTs ich noch erwähnen, dafs Mariotte nicht 
allein bei den Winden, sondern auch bei den Quellen 
seinen Namen in der physikalischen Geographie zu er- 
halten gewufst hat, nämlich bei der Frage, woher die 
Quellen ihr Wasser nehmen? — Nach Beobachtungen, die 
schon damals in Dijon angestellt waren, setzte er die im 
Jahre fallende Regenmenge auf 15 Zoll Höhe; dann schätzte 
er das FluTsgebiet der Seine auf 3000 französische Quadrat- 
meilen (lieues) und die jährlich durch Paris fliefsende 
Wassermenge der Seine auf 105,120 Millionen Kubikiuls. 
Daraus berechnete er, dals die Seine zu Paris noch Dicht 
den 6. Theil des atmosphärischen Niederschlags fortfiüire, 



>) Poggendorff, Ann. XXXV, 112. 
>) Oeuvres de Mariotte 11 , 607^ 



Amontons. 499 

der im Lauf des Jahres auf dieses Gebiet herabfalle, die 
übrigen | also hinreichend seien sämmtliche hier vorhandene 
Quellen zu speisen.^) Er erörterte hierbei auch das schein- 
bar geringe Eindringen des Regenwassers in den Boden, 
was seinen Kollegen Perranlt und de la Hire noch zu 
lebhaften Einwürfen Änlals gab (§ 305). 

Aus allem hier Dargelegten erhellt, dals Mariotte un- 
geachtet einer verhältniTsmälsig kurzen Thätigkeit in 
mannichfacher Richtung mit gutem Erfolge gewirkt hat. 
Seine wichtigeren Arbeiten sind enthalten in Oeuvres de 
Mariotte, 2 Völ 4\ Leyden 1717. 

218. Wenn man den Faden der von den florentiner 
Physikern, von Guericke, Bojrle, Papin und Mariotte er- 
öffiieten Untersuchungen in seinem geschichtlichen Verlaufe 
weiter verfolgt, so wird man zunächst auf ein anderes 
Mitglied der pariser Akademie geführt, welches in dieser 
Beziehung för das XYII. Jahrhundert den SchluTsstein 
bildet, auf Amontons. 

Goillaame Amontons, Sohn eines Advokaten in der 
Normandie, ist 1663 geboren, nach Einigen in Paris, nach 
Andern in der Normandie, aber schon in früher Jugend 
nach Paris geführt, wohin seine Familie übersiedelte und 
wo er 1705 im 42. Lebensjahre starb. Während er noch 
die Schule besuchte, verlor er sein Gehör, aber statt da- 
durch vom Studium abgehalten zu werden, wurde sein 
Eifer nur noch mehr gesteigert, besonders für Mathematik 
and Mechanik. Gleich jenem alten Philosophen, der sich 
blendete, um nicht durch den Anblick äuTserer Gegen- 
stande in seinen Spekulationen gestört zu werden, soll 
Amontons jede ärztliche Hülfe zur Heilung seines Uebels 
abgewiesen haben, aus Furcht, er möchte bei Wieder* 
erlangung seines Gehörs durch das Geräusch der Welt zu 
sehr von seinen Studien abgezogen werden. 

Neben den rein mathematischen Wissenschaften be- 
sehäfligte sich Amontons mit Architektur und Feldmessen, 



Fischer, Gesch. d. Phys. 11, 581. 

32 




500 Amontons. 

wodurch er später eine Anstellung im Staatsdienst erhielt 
Eine seiner ersten Forschungen betraf die Darstelliing 
eines Perpetuum mobile, und obwohl er bald die Schwierig- 
keiten dieses Problems einsah, so konnte er sich doch nicht 
Ton der Unmöglichkeit der Lösung desselben fiberzeugen, 
was damals freilich noch verzeihlich war. 

Im J. 1687 machte er sich zuerst der pariser Aka- 
demie bekannt durch Ueberreichung eines Hygrometers 
(Hygroskops), welches 1688 von Regis im Journal des 
savants beschrieben wurde. Dasselbe besteht aus einer 
etwa 34 Zoll langen Glasröhre, welche oben in ein G^ 
fäfs / und unten in eine Kugel a, Fig. 19, endigt; letztere 
■p- 29 hat bei c eine kleine Oefinung und ist von einer 
anderen Kugel d aus Hom, Tannenholz oder am 
besten aus Hammelfell umgeben. Die Kugel d 
ist ganz, die Glaskugel a halb mit Quecksilber 
gefüllt^ darüber befindet sich bis b in der Röhre 
Spiritus und zwischen b und/Oel, welches io 
dem oberen Gefäfs ein möglichst konstantes Ni- 
veau und gleichmftfsigen Druck herstellen soll 
auch nicht verdunstet. Der Gebrauch des Instru- 
ments gründet sich darauf, dafs bei zunehmen- 
der Feuchtigkeit der Luft die Lederkugel sich 
ausdehnt, die Flüssigkeiten in der Röhre daher 
sinken, was an der Gränzschicht zwischen Oel 
und Spiritus leicht ersichtlich ist^ und durch eine Skal^ 
an dieser Stelle gemessen werden kann; in trockner Luft 
dagegen vermindert sich der Rauminhalt von d^ und die 
flüssige Säule in der Röhre steigt.^) 

Eine fernere Frucht seines Studiums war ein klemes 
Werk, welches er 1695 zu Paris herausgab unter dem 
Titel: Remarques et expMencea physiquea eur la construction 
(Tune nouvelle clepsydre, sur lea barom^trea^ fkermam^^ ^ 
hygromktres, Vermuthlich war es dieses Werk, dem er 
im J. 1699 seine Aufoahme in die pariser Akademie zu 




>) Fischer, ibid. III, 344. 



Amontons. 



501 



danken hatte, der er nun bis za seinem leider schon 6 Jahre 
darauf erfolgten Tod als Mitglied angehörte. 

219. Wie so häufig der erste Gegenstand, aufweichen 
ein Naturforscher aus irgend einem Umstand verfällt, die 
Richtung seiner Untersuchungen f&r die ganze übrige 
Lebenszeit bedingt, so sehen wir auch AmontOBS, der mit 
dem Hygrometer debütirte, sich späterhin vorwaltend mit 
Vervollkommnung der meteorologischen Instrumente be- 
schäftigen. Namentlich ist es das Barometer, an dem er 
mehrfache Proben seines Scharfsinns abgelegt hat, wenn- 
gleich daraus keine praktischen Resultate hervorgegangen 
sind. So ersann er um die Unbequemlichkeiten zu heben, 
die aus der grofsen Länge des Barometers entspringen, 
im J. 1688 das abgekürzte Barometer. Dasselbe Fig. 20 
hat meh